The History of the German Section of the Theosophical Society 1902-1913
GA 250 — 15 December 1911
47. Ein Esoterisch-Sozialer Zukunftsimpuls Versuch Zur «Stiftung» Einer Gesellschaft Für Theosophische Art Und Kunst
Ansprache von Rudolf Steiner bei der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft
Vorwort von Marie Steiner zu der 1947 von ihr herausgegebenen, privaten Vervielfältigung mit dem Titel «Ein durch Rudolf Steiner gegebener Zukunftsimpuls und was zunächst daraus geworden ist»: Es erscheint als eine dringende Pflicht im Hinblick auf die Schwere der Zeit und den geringen Rest des verfügbaren Lebens, von Dr. Steiners Impulsen und Worten das zu retten, was noch gerettet werden kann. Dazu gehört auch manches von dem, was er nur in intimem Kreise im ernsthaften Gespräch, bei gewissen Wendepunkten der Ereignisse über die weiteren Aufgaben und Arbeitsziele der von ihm inaugurierten Bewegung, gesprochen hat. Nachschriften liegen vor, doch nicht vollzählig und vollständig. Auch wenn sie Lücken aufweisen und vielleicht manche feinere Nuance nicht darin aufgefangen ist, so kann man trotzdem gut nachempfinden, wie mannigfaltig, der zugewiesenen Aufgabe entsprechend, die Ausdrucksweise jeweils ist plastisch konturiert und fest, oder sich auflösend, durch die Sprache hindurch ahnen lassend ein Licht, das sich noch halb verhüllen muss, weil Worte nicht ausreichen. Es legt sich darüber wie ein leiser Flor, durch den aber die Impulse wirken können, welche in die Zukunft weisen. Richtkräfte für ein späteres Wirken legte er immer wieder in unsere Seelen, Zukunftskeime, die nach überstandenem Seelenschlaf sich lebendig würden entfalten können; durch die Hetze des Alltags wurden sie nur zu oft verschüttet oder vom Wirbel der Ereignisse erfasst und weggefegt. Unter den Seelen, die solche Zukunftskeime hatten entgegennehmen dürfen, gab es gewiss manche, aus denen sie einst zu neuem Leben und Ringen würden erstehen können; aber auch solche, die dem steinigen Boden des Evangelium-Bildes gleich - ihnen zunächst keine Nahrung bieten würden. Nicht nur die Natur, auch die Seelen sind der organischen Gesetzmäßigkeit unterworfen. Einiges von dem, was geistig in sie hineinfällt, verhärtet oder verdirbt, anderes erweist sich keimkräftig und wandelt sich um zu neuen Daseinsformen. Der Durchgang durch den Tod und das Untertauchen in das Chaos mit seinen durcheinandergewirbelten, wühlenden Kräften gibt die Gewähr für ein späteres Wiederaufleben des geistigen Einschlags durch Metamorphosen hindurch zu höheren Daseinsstufen. Im Mikrokosmos wie im Makrokosmos, im irdischen wie im planetarischen Dasein herrscht das Gesetz der Wandlung zu neuen Daseinsformen. Diesen Weg mitmachend und ihn je nach Rasse und Volkstum bildlich darlebend und erläuternd, haben die Religionen immer höhere Erkenntnisstufen erklommen, weltumfassend und dem Zeitenlauf gemäß hineinleuchtend in die verborgenen Tiefen. Als ein gewisser Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht worden war und zugleich die Gefahr der philosophischen Abstraktion eingetreten war, die alten Bilder und Zeichen nicht mehr genügten, um das neu pulsierende Leben einzufangen, vollzog sich der christliche Einschlag, der den großen Wendepunkt brachte. Doch als dieser aus dem Dunkel der Katakomben in die äußere Welt trat, begann auch die Gefahr seiner Verfestigung zu Dogmen, und die treibenden lebendigen Kräfte suchten sich neue Wege. Sie fanden sie in den Geheimgesellschaften, die sich der Autorität der Kirchenfürsten und den Konzilien-Beschlüssen nicht beugen wollten; nun wurden sie als Häresie selbst verfolgt. Ihr vor der Außenwelt sich verhüllender Inhalt lebte sich wiederum dar in Zeichen und Symbolen. Sie gaben der Kunst einen neuen Einschlag, der zunächst durch die Werke der gotischen Baukunst in Erscheinung trat; organisches Wachstum der Pflanze - dem Steine eingegliedert. Auch in die Namen floss das neue Leben hinein; diese enthielten das, was die Seele als Richtkräfte aufnehmen soll, um sich gesund entwickeln zu können, bevor sie die Selbstständigkeit erreicht. Aber die Erziehung der Menschheit zur Selbstständigkeit, in welche die neu erweckte Ich-Kraft sich zu ergießen hatte, verlangte erst den Durchgang durch den abstrakten Intellektualismus, der die Seelen eine Zeit lang von ihrem geistigen Urquell trennte, damit sie, durch die Kälte der Isolierung hindurchgehend, das höhere Ich ergreifend, sich im Geiste würden wiederfinden können. Das Wissen von der Natur, losgelöst vom Geiste, gibt der Seele keine Aufrichtekräfte mehr. Damit dies erlebt und erkannt werde, mussten Geister Welten brechen. Inmitten zerschlagener Welten stehen wir nun; ein neues Suchen nach Lösung der Schicksalsrätsel hat begonnen. Diesem Suchen und Fragen kann das Lebenswerk Rudolf Steiners Antwort geben. Er beherrschte den Umfang der heutigen exakten Wissenschaft; er kann uns auch den Geist enthüllen, der hinter ihr verborgen kraftet und in die alten Namen einst hineingeheimnisst war. Durch ihn vermögen wir die impulsierenden Kräfte zu erahnen, die hinter den Namen liegen. Rettungsplanken für den unvermeidlich sich nahenden Schiffbruch waren uns so gereicht worden, die zu ergreifen und zu benutzen wir nicht reif genug waren. Die Seelen waren nicht wach genug, waren noch in den alten Vorstellungen befangen. Die in sozialer Hinsicht gemachten Versuche stießen auf die härtesten Widerstände vonseiten der äußeren Welt. Ein gewaltiger Schmerz kann uns ergreifen, wenn wir sehen, wie wenig wir in der Lage waren, das Gebotene fruchtbar zu machen und geeignete Werkzeuge zu sein für den Feuergeist des in der Not gesandten Helfers. Auf den Trümmern zerschlagener Welten stehend, müssen wir nun versuchen, das erhaltene und nicht genügend feurig ergriffene Wort uns aus überbliebenen Nachschriftresten zum Bewusstsein zu bringen; durch individuelle Arbeit es zum Menschheits-Ich emporhebend. Rudolf Steiner versuchte nicht nur auf den Wegen der Philosophie und Wissenschaft uns zur Freiheit zu führen, sondern auch durch Erziehung innerhalb des esoterischen Lebens, die das alte Abhängigkeitsverhältnis vom Lehrer allmählich umwandeln würde in den Impuls der Freiheit und der Verantwortung vor dem Geiste. Seelen, die sich im Geist verankert fühlen, müssen geprüft werden. Solche selbstersehnte Prüfung ruft immer ein beschleunigtes Karma hervor; es muss auch das ans Licht, was sich noch gern vor sich selbst verhüllen möchte. An solchen Prüfungen scheiterten oft die aus tiefen kosmischen Gründen geholten Versuche geistiger Mächte, die zum Ziel haben, die Menschheitsentwicklung auf eine höhere Stufe zu heben. So war es bei der Französischen Revolution, so auch vor den Weltkriegen unseres Jahrhunderts. Zu einem ganz kleinen Kreis seiner Schüler hatte Rudolf Steiner zuerst von solchen Zukunftsaufgaben gesprochen und die Seelen hinzulenken versucht auf die Bedeutung jener fernen Aufgaben, die aus einem von der Selbstsucht frei gewordenen Menschen-Wollen erwachsen müssen. Er wiederholte diese Worte vor einem größeren Kreis, den er anlässlich der Generalversammlung am 15. Dezember 1911 berief. Es geschah dies nicht innerhalb der Verhandlungen der Generalversammlung selbst; er erklärte, dass dies außerhalb ihres Programmes geschähe. Er begann diese Ansprache in einer besonders feierlichen und eindrucksvollen Weise. Es ist dies vielleicht der Grund, dass der erste Teil der Ansprache nur notiert, aber nicht mit seinen Worten wiedergegeben ist. Er betonte, dass der Inhalt dieses Vortrages ganz unabhängig sei von allem bisher Gegebenen. Es handle sich sozusagen um eine direkte Mitteilung aus der geistigen Welt. Es sei wie ein Ruf, der an die Menschheit herangebracht werde, - dann wird abgewartet, welches Echo ihm entgegenkommi. Solch ein Ruf geschähe in der Regel drei Mal. Verhalle der Ruf auch das dritte Mal ungehört, so sei er für lange Zeiten wieder in die geistige Welt zurückgenommen. Einmal sei dieser Ruf bereits an die Menschheit herangebracht worden, leider fand er kein Echo. Dieses sei das zweite Mal. Es handelt sich um rein geistige Dinge. Mit jedem vergeblichen Male werden die Bedingungen und Verhältnisse schwieriger. Fortsetzend, was als Merkworte in der Nachschrift erhalten ist, sagte er:
Meine lieben Freunde!
Es obliegt mir zunächst, in diesem Augenblicke eine Intention aus dem engeren Kreis derjenigen, die schon davon wissen, hinauszutragen in Ihren weiteren Kreis. Und bevor dies geschieht, lassen Sie mich einige Worte vorausschicken. Ausdrücklich soll aber hervorgehoben werden, dass dasjenige, was jetzt gesagt wird, in keinerlei Zusammenhang steht mit dem, was in dieser Generalversammlung vorausgegangen ist, oder was sonst irgendwie sich bezieht auf die bisherigen Verhandlungen - wodurch ja nicht ausgeschlossen ist, wenn Neigung dazu sich finden sollte, darauf in späteren Verhandlungen Rücksicht zu nehmen.
Wenn wir heute in der Welt Umschau halten, so werden wir uns sagen müssen: Die gegenwärtige Welt ist eigentlich voller Ideale. Und wenn wir uns fragen: «Ist die Vertretung dieser Ideale vonseiten derjenigen, die an sie glauben und sich in den Dienst dieser Ideale stellen, eine aufrichtige und ehrliche?», so werden wir in sehr vielen Fällen zu antworten haben: «Ja, das ist der Fall! Es ist der Fall eben mit jenem Glauben und jener Hingabe, deren die einzelnen Menschen fähig sind.» Wenn wir nun fragen: «Wie viel wird gewöhnlich verlangt, wenn eine solche Vertretung von Idealen durch irgendjemanden - sei es ein Einzelner, sei es eine Gesellschaft - ins Leben gerufen wird?», so werden wir aus der Beobachtung des Lebens heraus uns die Antwort zu geben haben: «In den meisten Fällen wird sozusagen alles verlangt; vor allen Dingen aber wird verlangt, dass das aufgestellte Ideal eine absolute, unbedingte Anerkennung finde.» Und es liegt fast immer der Aufstellung eines solchen Ideales das zugrunde, dass man für ein solches Ideal eben verlangt die absoluteste Zustimmung. Und gewöhnlich bringt man das Nicht-Erfolgen einer solchen Zustimmung zum Ausdruck in irgendeiner abfälligen Kritik über den Nicht-Zustimmenden.
Mit diesen Worten sollte charakterisiert werden, wie das Prinzip einer Zusammengliederung von Menschen sich nun einmal auf ganz naturgemäße Weise im Laufe der Menschheitsentwicklung ergeben hat, und es soll an der Berechtigung eines solchen Prinzipes in diesem Augenblicke in keiner Weise ein Zweifel laut gemacht werden. Aber es soll hier nun eine Möglichkeit vor Sie hingestellt werden, um zu alledem, was innerhalb der Zusammengliederungen von Menschen, Gesellschaften, Vereinen und so weiter angestrebt worden ist in der Welt, etwas hinzuzufügen, was eigentlich nicht in Worten ausgedrückt werden kann, da dasjenige, was man sagen kann, niemals maßgebend sein kann für die Richtigkeit einer solchen Sache. Nach dem, was der Mensch zu denken vermag, kann er in dem Augenblick, wo er das Gedachte äußert, durch die Äußerung selbst gezwungen werden, in einen Widerspruch zu verfallen mit der Wirklichkeit. Es muss gerade in diesem Augenblicke manches gesagt werden, was nicht in Übereinstimmung steht mit vielem, was in der Welt Geltung hat. So muss gesagt werden: Es ist möglich, dass das Bekenntnis zu einer Sache nicht länger mehr wahr sein kann, wenn dieses Bekenntnis ausgesprochen wird. Ein einfaches Beispiel möchte ich angeben, aus dem Sie ersehen können, dass die Gefahr vorliegen kann, einfach durch das Aussprechen einer Sache unwahr zu werden. Und ich möchte, dass das simple, einfache Beispiel, das ich gebe, aufgefasst werde in Übereinstimmung mit den rosenkreuzerischen Prinzipien seit dem 13. Jahrhundert.
Nehmen wir an, es drückt jemand seinen Zustand der unmittelbaren Gegenwart dadurch aus, dass er sagt: «Ich schweige», so ist das etwas, was unbedingt nicht wahr sein kann, dass er keine Wahrheit damit sagt. Dann aber bitte ich Sie, meine lieben Freunde, sich klarzumachen, dass die Möglichkeit vorliegt, durch das wörtliche Bekenntnis einer Sache diese Sache bereits selber zu negieren. Denn aus dem, was hier durch das einfache, simple Beispiel «Ich schweige» zum Ausdruck gebracht ist, können Sie schließen, dass es auf Unzähliges in der Welt anwendbar ist und immer wieder und wieder vorkommen kann.
Was folgt nun aber aus einer solchen Tatsache? Es folgt daraus, dass die Menschen, wenn sie in irgendeiner Weise sich zusammenschließen wollen, um dieses oder jenes zu vertreten, in einer außerordentlich schwierigen Lage sind, dass die Menschen mit dem Teuersten, was sie haben, sich überhaupt nicht zusammenschließen können, ausgenommen wenn die Gründe, warum sie sich zusammenschließen, solche sind, welche nicht der Sinnenwelt, sondern der übersinnlichen Welt angehören. Und wenn wir verstehen, was wir in uns aufnehmen konnten im Laufe der Zeit aus alledem, was aus dem neueren Okkultismus hervorgeholt worden ist, so werden wir einsehen, dass es eine unbedingte Notwendigkeit ist für die nächste Zukunft, gewisse Dinge dieses Okkultismus zu vertreten, sie vor die Welt hinzutragen. Daher muss gegenüber allen Prinzipien von Gesellschaften, gegenüber allen Organisationen, die bisher möglich waren, der Versuch gemacht werden mit etwas völlig Neuem, mit etwas, was ganz und gar aus dem Geiste desjenigen Okkultismus heraus geboren ist, von dem in unserem Kreise so oft gesprochen wird. Dies aber kann nicht anders getan werden als dadurch, dass einmal der Blick gewendet werde einzig und allein auf etwas Positives, einzig und allein auf etwas, das schon als ein Reales in der Welt da ist und was als solches gepflegt werden kann. Realitäten aber sind ja in unserem Sinne nur diejenigen Dinge, die in erster Linie der übersinnlichen Welt angehören. Denn die ganze sinnliche Welt stellt sich uns dar als Abbild der übersinnlichen Welt. Daher wird einmal der Versuch gemacht werden, der ein solcher ist, wie sie gemacht werden müssen aus der übersinnlichen Welt heraus: der Versuch, eine Gemeinschaft von Menschen nicht zu begründen, sondern zu stiften.
Ich habe schon einmal bei einer anderen Gelegenheit den Unterschied zwischen Begründung und Stiftung hervorgehoben; es war vor vielen Jahren einmal. Es ist dazumal nicht verstanden worden und es hat seit jener Zeit kaum jemand über diesen Unterschied nachgedacht. Daher sahen auch diejenigen geistigen Mächte, welche vor Sie hingestellt werden unter dem Symbolum des Rosenkreuzes, bisher hinweg über das Hinaustragen dieses Unterschiedes in die Welt.
Es muss aber neuerdings - und diesmal in einer energischen Weise — der Versuch gemacht werden, ob es gelingt, auch bei einer Gemeinschaft, die nicht begründet, sondern gestiftet wird, einen Erfolg zu erzielen. Wird dieser Erfolg nicht erzielt, nun, so ist er wieder für eine Weile gescheitert. Daher soll Ihnen in diesem Augenblicke verkündet werden, dass unter denjenigen Menschen, die sich in entsprechender Weise dazu finden werden, gestiftet werden soll eine Arbeitsweise, welche durch die Art und Weise der Stiftung zum direkten Ausgangspunkt hat diejenige Individualität, die wir seit den abendländischen Vorzeiten mit dem Namen Christian Rosenkreutz belegen. Dasjenige, was heute schon über diese Stiftung gesagt werden kann, das bleibt präliminarisch. Denn was bisher gestiftet werden konnte, bezieht sich nur auf einen Teil dieser Stiftung, die in einem umfassenden Sinne, wenn die Möglichkeiten gegeben sind, in die Welt treten soll. Das, was bisher gestiftet werden konnte, bezieht sich auf die eine Abteilung, auf den einen Zweig dieser Stiftung, nämlich auf die künstlerische Vertretung des rosenkreuzerischen Okkultismus.
Der erste Punkt, den ich Ihnen mitzuteilen habe, ist der, dass unter dem unmittelbaren Protektorat jener Individualität, die wir bezeichnen mit dem Namen, den sie während zweier Inkarnationen für die Außenwelt hatte, dass unter dem Protektorat dieser Individualität Christian Rosenkreutz als Stiftung ins Leben treten soll eine Arbeitsweise, welche zunächst dadurch sich charakterisieren will, dass sie für einige Zeit, für die nächste Zeit, den provisorischen Namen tragen soll: «Gesellschaft für theosophische Art und Kunst». Dieser Name ist nicht der definitive, sondern es wird ein definitiver Name an die Stelle treten, wenn in entsprechender Weise die ersten Vorbereitungen für das Hinaustragen dieser Stiftung in die Welt haben gemacht werden können. Dasjenige, was umfassen soll die «theosophische Art», das ist aber noch völlig im Keimzustande, denn es wird sich erst darum handeln, dass noch die Vorbereitungen dazu getroffen werden, die zu einem Verständnis führen können dessen, was damit gemeint ist. Das aber, was unter dem Begriff der theosophischen Kunst gefasst werden kann, hat ja in mannigfaltiger Weise schon einen Anfang genommen durch unsere Versuche bei den Aufführungen in München, und vor allen Dingen einen bedeutungsvollen Anfang genommen durch den Versuch unserer Stätte in Stuttgart und einen weiteren bedeutungsvollen Anfang in Bezug auf das Verständnis einer solchen Sache gerade durch die Begründung des Johannes-Bauvereins. Das ist alles etwas, das einen Anfang genommen hat. In Bezug darauf ist etwas da, dem als in einer gewissen Weise Erprobtem die Sanktion erteilt werden darf.
Es handelt sich darum, dass innerhalb des Arbeitskreises eine rein geistige Aufgabe erwachen soll, eine Aufgabe, welche sich erschöpfen wird in einer geistigen Arbeitsweise und in dem, was resultiert aus einer solchen geistigen Arbeitsweise. Und es handelt sich darum, dass niemand unter einem anderen Gesichtspunkte Mitglied werden kann dieses Arbeitskreises, als allein dadurch, dass er irgendwelchen Willen hat, für das Positive der Sache seine Kräfte einzusetzen. Sie werden vielleicht sagen: Ich spreche mannigfache Worte, die vielleicht nicht ganz verständlich sind. Das muss so sein bei einer solchen Sache wie die, um welche es sich dabei handelt, denn die Sache muss erfasst werden in ihrem unmittelbaren Leben.
Nun, dasjenige, was schon geschehen konnte innerhalb dieser Stiftung, besteht eigentlich darin, dass nach rein okkulten Grundsätzen ein zunächst ganz kleiner, winzig kleiner Kreis geschaffen wurde, welcher seine Verpflichtung darin sehen soll, mitzuwirken an dem, worum es sich dabei handelt. Dieser winzig kleine Kreis ist zunächst so beschaffen, dass mit ihm ein Anfang gemacht werden soll für diese Stiftung, um in einem gewissen Sinne dasjenige, was unsere geistige Strömung ist, von mir selber abzulösen und ihr einen eigenen, in sich selbst begründeten Bestand zu geben, einen in sich selbst begründeten Bestand!
Sodass also zunächst dieser kleine Kreis mit der Sanktion vor Sie hintritt, dass er als solcher seine Aufgabe empfangen hat, vermöge seiner eigenen Anerkennung unserer geistigen Strömung, und dass er in einer gewissen Weise das Prinzip der Souveränität des geistigen Strebens, das Prinzip des Föderalismus und der Selbstständigkeit alles geistigen Strebens als die unbedingte Notwendigkeit für die geistige Zukunft sieht, und es in der Art, wie er es für angemessen hält, in die Menschheit hineintragen soll. Daher werde ich selbst innerhalb der Stiftung, um die es sich handelt, nur zu gelten haben als der Interpret zunächst der Grundsätze, die als solche nur in der geistigen Welt allein vorhanden sind, als Interpret desjenigen, was auf diese Weise zu sagen ist über die Intentionen, die der Sache zugrunde liegen.
Dagegen wird zunächst ein Kurator bestellt für die äußere Pflege dieser Stiftung. Und da mit den Ämtern, die zunächst kreiert werden, nichts anderes verbunden ist als Pflichten, keine Ehren, keine Würden, so ist es unmöglich, dass bei dem richtigen Verständnis der Sache irgendwelche Rivalitäten oder andere Missverständnisse sogleich auftreten können. Es wird sich also darum handeln, dass von der Stiftung selber Fräulein von Sivers als Kurator zunächst anerkannt wird. Diese Anerkennung ist keine
andere als diese, welche aus der Stiftung selbst heraus interpretiert wird; es gibt keine Ernennungen, sondern nur Interpretationen: Fräulein von Sivers wird als Kurator der Stiftung interpretiert. Und es wird in der nächsten Zeit ihre Aufgabe sein, dasjenige zu tun, was getan werden kann im Sinne dieser Stiftung, um für dieselbe einen entsprechenden Kreis von Mitgliedern zu werben - nicht im äußerlichen Sinne, sondern nur so, dass sie herankommen lassen wird an sich diejenigen, welche den ernstlichen Willen haben, in dieser Arbeitsweise mitzutun.
Im weiteren Sinne werden kreiert innerhalb dieses einen Zweiges dieser unserer Stiftung eine Anzahl von Nebenzweigen. Und zu führenden Persönlichkeiten dieser Nebenzweige - insofern dieselben bisher bestehen - werden wiederum einzelne innerhalb unserer geistigen Bewegung erprobte Persönlichkeiten mit den entsprechenden zugehörigen Verpflichtungen hingestellt werden. Auch das ist zunächst eine Interpretierung, in der Weise, dass übertragen wird das Amt der Führung eines solchen einzelnen Nebenzweiges einer Persönlichkeit. Interpretiert werden für diese einzelnen Nebenzweige je ein Archidiakon. Wir werden haben einen Nebenzweig für allgemeine Kunst. Zum Archidiakon wurde im kleinen Kreis publiziert für allgemeine Kunst - und zwar geschah das in ausdrücklicher Anerkennung dessen, was diese Persönlichkeit im Laufe der letzten Jahre für diese allgemeine theosophische Kunst getan hat: Fräulein von Eckardtstein. Weiter wurde publiziert zum Archidiakon für Literatur provisorisch der Kurator Fräulein von Sivers. Weiter wurde publiziert, dass Archidiakon für Kunst der Architektur sein soll unser Freund Herr Doktor Felix Peipers; für Kunst der Musik unser Freund Herr Adolf Arenson; für Malerei unser Freund Herr Hermann Linde.
Es ist ja die Arbeit, um die es sich da handeln soll, eine im Wesentlichen innere, und es wird zum ersten Mal dasjenige vor die Welt treten sollen, was in absoluter Freiheit gehaltene Arbeit besonders dieser einzelnen Persönlichkeiten ist. Es wird notwendig sein, dass in einer gewissen Weise ein Zusammenschluss derjenigen, die zu dieser Arbeitsweise gehören, erfolgen kann; dieser Zusammenschluss wird erfolgen müssen in einer ganz anderen Weise als das bisher der Fall war bei irgendwelchen Organisationen. Und wir werden brauchen einen Überwacher dieses Zusammenschlusses. Zum Überwachen dieses Zusammenschlusses wird kreiert die Stelle des Konservators, die als Amt zunächst übertragen wird Fräulein Sophie Stinde. In Verbindung stehen wird mit diesem Zusammenschluss selber die Art, wie der Zusammenschluss zu erfolgen hat. Das alles erfordert noch Arbeit in der nächsten Zeit; sie wird noch geleistet werden müssen. Damit aber die Art des Zusammenschlusses, mit anderen Worten das Prinzip der Organisation, wird erfolgen können, in die Welt treten können, haben wir notwendig einen Siegel-Konservator. Zum Siegel-Konservator wurde publiziert Fräulein Sprengel, während Sekretär sein wird Doktor Carl Unger.
Das ist zunächst der kleine, winzige Kreis, um den es sich handelt. Betrachten Sie ihn nicht als irgendetwas, was unbescheiden in die Welt treten will und sagt: «Da bin ich nun», sondern betrachten Sie ihn als etwas, was nichts anderes sein will als ein Keim, um den herum sich die Sache selbst gliedern kann. Sie wird sich zunächst so gliedern, dass bis zum kommenden Dreikönigstage eine Anzahl von Mitgliedern dieser Gemeinschaft interpretiert sein werden; das heißt, es werden bis dahin eine Anzahl von Mitgliedern die Verständigung bekommen haben, dass sie zunächst gebeten werden, ihren Anschluss besorgen zu wollen. Sodass für die allererste Zeit die allerweitestgehende Freiheit in dieser Beziehung gesichert werden soll dadurch, dass der Wille, Mitglied zu werden, von niemand anderem ausgehen kann als von dem Betreffenden selbst, der Mitglied werden will. Und die Tatsache, dass er Mitglied ist, wird dadurch herbeigeführt, dass er zunächst als solches Mitglied anerkannt wird. Das bezieht sich nur auf das Allernächste, nur für die Zeit bis zum nächsten Dreikönigstag, dem 6. Januar 1912.
So also haben wir in dieser Sache etwas vor uns, was ja durch seine Eigenart eben sich schon verrät als etwas, was aus der geistigen Welt herausfließt. Es wird weiter sich dadurch als aus der geistigen Welt fließend darstellen, dass die Mitgliedschaft lediglich immerzu nur beruhen wird auf der Vertretung und auf der Anerkennung geistiger Interessen und auf der Ausschließung alles, alles Persönlichen.
Es besteht hier eine Abweichung von älteren okkulten Grundsätzen, die bei dieser Verkündigung gemacht wird, und diese Abweichung besteht gerade in der Tatsache dieser Verkündigung. Daher wird kein Gebrauch gemacht werden von jener Behauptung, die etwa vorläge bei einem Menschen, wenn er sagen würde, indem er dies auf die Gegenwart bezieht: «Ich schweige.» Die Sache wird ja verkündet; und im Vollbewusstsein, dass sie verkündet wird, soll dies geschehen. Aber in dem Augenblick, wo jemand zeigt, dass er in irgendeiner Weise kein Verständnis hat für diese heutige Verkündigung, wird ihm ja selbstverständlich durchaus nicht in irgendeiner Weise nahegelegt werden können, einer solchen Arbeitsweise - ich sage nicht einer Gesellschaft oder dergleichen - anzugehören. Denn es kann nichts anderes geben als den absolut freien Willen, einem solchen Kreis, einer solchen Arbeitsweise anzugehören. Sie werden aber sehen, dass, wenn so etwas zustande kommen sollte - wenn also unsere Zeit durch ihre Eigentümlichkeit schon zulässt, dass so etwas zustande kommt -, dass dann wirklich im Sinne der Anerkenntnis des geistigen Grundsatzes gearbeitet werden kann; des Grundsatzes, dass nicht nur aller Natur und aller Geschichte, sondern auch allem in die Welt tretenden menschlichen Tun die geistige, übersinnliche Welt zugrunde liegt. Und Sie werden sehen, dass es für jeden ordentlichen Menschen unmöglich sein wird, einer solchen Gemeinschaft anzugehören, wenn er nicht mit dieser Gemeinschaft als solcher einverstanden ist. Wenn Sie meinen, es sei etwas recht Merkwürdiges, was da gesagt worden ist, dann bitte ich, nehmen Sie es so, dass es mit dem vollen Bewusstsein geschehen
ist, dass dabei alles eingehalten wird, was zu den Gesetzen, zu den ewigen Gesetzen des Daseins gehört. Und zu den ewigen Gesetzen des Daseins gehört auch, dass man die Prinzipien des Werdens in Betracht zieht. Man kann, meine lieben Freunde, schon in diesem Augenblick gegen den Geist dessen, was da geschehen soll, sündigen, wenn man jetzt in
die Außenwelt hinausgeht und sagt: Da ist dies oder jenes gegründet worden. Nicht nur, dass überhaupt nichts gegründet worden ist, sondern es liegt die Tatsache vor, dass, eine Definition zu geben dessen, was getan werden soll, in keiner Stunde möglich sein wird, denn alles soll in fortwährendem Werden sein. Und was eigentlich durch das, was heute gesagt worden ist, geschehen soll, das kann man jetzt nicht beschreiben, davon kann man jetzt keine Definition, keine Schilderung geben und alles, was man darüber sagen würde, würde in dem Momente unwahr sein. Denn es beruht das, was geschehen soll, nicht auf Worten, sondern auf Menschen, und nicht einmal auf Menschen, sondern auf demjenigen, was diese Menschen tun werden. Es wird in einem lebendigen Flusse, einem lebendigen Werden sein. So wird denn auch heute als Grundsatz nichts anderes aufgestellt als der eine Grundsatz, der darin besteht: Anerkennung der geistigen Welt als der Grundwirklichkeit.
Alle weiteren Grundsätze sollen im Werden der Sache erst geschaffen werden. Wie ein Baum im nächsten Augenblicke nicht mehr das ist, was er vorher war, sondern Neues angesetzt hat, so soll diese Sache wie ein lebendiger Baum sein. Niemals soll dasjenige, was diese Sache werden soll, durch dasjenige, was sie ist, in irgendeiner Weise beeinträchtigt werden können. Wenn also irgendjemand das, was damit als ein Anfang bezeichnet worden ist, als diese oder jene Begründung, diese oder jene Sache draußen in der Welt definieren wollte, dann würde er unmittelbar unterliegen der gleichen Unwahrheit, die da liegt in dem Ausdruck «Ich schweige», wenn er ihn bezieht auf den Zustand, in dem er ist und die Worte gebraucht «Ich schweige». Der also, der in irgendeiner Weise diese oder jene Worte gebraucht, um die Sache zu charakterisieren, der sagt unter allen Umständen etwas nicht Richtiges. Sodass also zunächst es lediglich darauf ankommt - denn es wird alles im Werden sein -, dass die Persönlichkeiten sich zusammenfinden, die so etwas wollen. Lediglich darauf kommt es an, dass diejenigen Persönlichkeiten sich zusammenfinden, die so etwas wollen. Dann wird die Sache schon weitergehen! Aus alledem, was gesagt worden ist, können Sie entnehmen, dass die Sache dann schon weitergehen wird. Sie wird sich im tiefsten Prinzip unterscheiden auch von dem, was die Theosophische Gesellschaft ist. Denn kein Einziges der Merkmale, die heute ausgesprochen worden sind, können für die Theosophische Gesellschaft gelten.
Ich musste über diese Sache sprechen aus dem einfachen Grunde, weil ja auch vor die Öffentlichkeit unserer Theosophischen Gesellschaft diejenigen Dinge schon hingetreten sind, welche mit dieser Stiftung in einem organischen Zusammenhange stehen und weil durch diese Stiftung - im Sinne von Intentionen, die wahrlich nicht in der physischen Welt liegen und die wahrlich nichts mit Ahriman zu tun haben - ein ideell-spirituelles Gegengewicht geschaffen werden muss gegen alles dasjenige, was nun schon einmal mit einer Gründung in der äußeren Welt verbunden ist. Lediglich also in dieser Beziehung kann eine Relation, ein Verhältnis gesehen werden mit dem, was schon da ist, dass dieser Zweig unserer Stiftung, der Zweig für theosophische Kunst, etwas leisten soll, was ein Gegengewicht ist für das, was auf dem physischen Plan mit Ahrimanischem verknüpft ist.
Damit wird gehofft, dass ein vorzügliches Exempel geschaffen wird durch das Vorhandensein dieses Zweiges unserer Stiftung - und der andere Zweig wird in entsprechender Weise seine Dienste tun -, weil tatsächlich aus spirituellen Welten hereinfließen muss in unsere Kultur dasjenige, was als Kunst innerhalb der theosophischen Bewegung- wenn wir diesen Ausdruck heute gebrauchen - figurieren soll. Es muss so sein, dass überall das spirituelle Leben als die Grundlage dessen, was wir tun, ganz dasteht. Es wird unmöglich sein zu konfundieren, zu verwechseln mit dieser ideell-spirituellen Bewegung irgendwelche Bewegungen, die von der äußeren Welt herkommen und sich etwa auch als «Theosophische Bewegung» bezeichnen und mittun wollen. Es wird sich darum handeln, dass überall der Boden, auf dem wir stehen, das Spirituelle ist. Dies wurde ja versucht bei den Festspielen in München, beim Logenbau in Stuttgart - in den Grenzen zunächst, in denen es bei den jetzigen Verhältnissen möglich ist -, aber es wurde überall so versucht, dass das spirituelle Moment das Maßgebende war. Das ist die conditio sine qua non, die Bedingung, ohne welche nichts geschehen soll [Lücke in den Mitschriften).
Diejenigen, welche schon ein wenig eingedrungen sind in das, um was es sich handelt, werden mich in dieser Beziehung verstehen. Diese Worte sind gesagt weniger wegen des Inhaltes, als wegen der Richtlinien, die gegeben werden sollten.
Nachwort von Marie Steiner zu der von ihr herausgegebenen Vervielfältigung:
Als nach Ablauf des Jahres und dem nächsten Dreikönigstage keine weiteren Nominationen bekannt gegeben wurden, erging vonseiten eines Zuhörers die Anfrage an Rudolf Steiner, wann dies geschehen würde. Er erwiderte: Dass dieses nicht geschehen sei, wäre auch eine Antwort.
Das Jahr 1912/13 war überlastet von den Auseinandersetzungen mit Annie Besant, ihrer Verkündigung des neuen Messias und ihrem nun auch in Deutschland sich betätigenden «Stern des Ostens».
Durch die Anhänger der von Rudolf Steiner inaugurierten abendländischen geistigen Bewegung wurde von der Präsidentin eine präzise Stellungnahme bei den stattfindenden Auseinandersetzungen, gemäß der in München und Budapest getroffenen Abmachungen, gefordert, statt ihres Ausweichens, ihres Versteckspiels und Hinter-dem-Rücken-Handelns. Träger dieser Forderung wurde der um 1912 mit Mitgliedern aus vielen Ländern gegründete «Bund», dem 1913 die Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft folgte, nachdem der Ausschluss der deutschen Sektion durch die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft vollzogen war.
Inzwischen war durch die Nominierung des intimen Kreises auf manchen Gebieten weitergearbeitet worden: Im Johannesbau-Verein, in der Fertigstellung des Stuttgarter Gesellschafts-Hauses, in den sogenannten Kunst- und Volkszimmern Münchens und Berlins, einer von Fräulein Sophie Stinde ausgegangenen Initiative. Die geistig hervorragendste Publikation war die des Seelenkalenders, entstanden aufgrund einer Zusammenarbeit Dr. Steiners mit Fräulein von Eckardtstein; die wunderbar durchsichtigen Nuancen der Sprache lassen hier wirklich Geist und Seele ineinanderfließen und mit der Natur eins werden. Manches andere suchte eine ruhige Entfaltung in die Zukunft hinein. Doch es kam der Weltkrieg und die damit verbundenen Erschütterungen, die tief hineingriffen in die äußeren Lebensumstände und die gegenseitigen Beziehungen der zu den verschiedensten Nationen gehörenden Mitglieder in Dornach.
Man versuchte, das Wogen des Blutes nach Kräften zu überwinden, aber hin und wieder gab es Erschütterungen und Entgleisungen.
Die für Dornach aufregendste Krise war die des Sommers 1915. Es trat ein Dr. Gösch in den Vordergrund, ein typischer Pathologe und Vertreter der Psychoanalyse. Er redete sich ein, dass ihm der Siegelbewahrer die Augen geöffnet habe über Versprechungen, die Dr. Steiner gäbe und nicht halte. Dies legte er nach psychoanalytischer Methode in einer Broschüre dar. Zugleich schrieb er Dr. Steiner einen Brief, in dem er seine Theorien aufgrund der ihm vom Siegelbewahrer gemachten «Enthüllungen» entwickelte. Der Siegelbewahrer hätte die ihr mit diesem Namen zugewiesene Aufgabe nicht anders verstehen können als in einem sehr persönlichen Sinn. Sie fühlte sich als die Inspiratorin des von Dr. Steiner der Menschheit gegebenen geistigen Lehrgutes. Da sie außerdem in München die Rolle der Theodora in den Mysterien-Dramen Rudolf Steiners gespielt hatte, zog sie daraus als Konsequenz den Beweis eines symbolisch gegebenen Ehe-Versprechens, auf dessen Erfüllung sie «sieben Jahre» gewartet habe. Ihre vielen, um diesen Punkt sich drehenden, anklagenden Briefe gaben dem Dr. Gösch Gelegenheit, eine psychoanalytische Abhandlung im Freud’schen Sinne zur Beleuchtung ihres Falles zusammenzustellen. Ihm selbst war ja längere Zeit wegen seines krankhaft nervösen Zustandes die Freud’sche Behandlung zuteil geworden und hatte sein Wesen tief infiziert. Sein offener Anklagebrief gab nun die Veranlassung zu zahlreichen, innerhalb der Gesellschaft streng und genau durchgeführten Verhandlungen, durch welche die Mitgliedschaft sich Klarheit über diesen Fall verschaffen sollte. Nachschriften darüber sind vorhanden und gaben auch die Grundlage für das als Sondernummer der Zeitschrift «Anthroposophie» in Stuttgart herausgegebene Buch: «Anthroposophie und Psychoanalyse».
Hier sei nur das erwähnt, was sich bezieht auf den Fall Sprengel - alias Proserpina - alias Theodora - alias Siegelbewahrer, und sich bei ihr in so mystisch-persönlicher Weise als Größenwahn darlebte. Freilich hatten sich bei ihr noch vor dem Kriege Symptome der Selbst-Überheblichkeit schon geltend gemacht. An diesem unglücklichen Größenwahn scheiterte die Möglichkeit der weiteren Nominierungen in den aus acht Persönlichkeiten bestehenden Kreis. Der eine Stein war herausgefallen durch egoistische Selbstüberhebung und dem Hineingeraten ins MystischAbwegige.
Der Siegelbewahrer sprengte das Siegel im allergewöhnlichsten menschlichen Sinne. Die Notwendigkeit des Heranziehens der Frau als aktive Mitarbeiterin an den Kulturaufgaben der Zukunft ist unabweislich und wird erreicht werden müssen trotz des Scheiterns dieser Bemühungen in einzelnen Fällen. - So erging es uns mit dem Siegelbewahrer.
Über diesen Fall drückt sich Dr. Steiner bei einer Ansprache während der sogenannten Krise des Jahres 1915 in folgender Weise aus:
«Es ist einmal zur Herbsteszeit verkündigt worden, dass, weil gewisse unmögliche Symptome in unserer Gesellschaft sich zeigten, es notwendig geworden sei, eine gewisse engere Gesellschaft noch zu begründen, wobei ich zunächst versucht habe, einer Anzahl von nahestehenden und in der Gesellschaft längere Zeit lebenden Persönlichkeiten gewisse Titel zuzuschreiben, indem ich von ihnen voraussetzte, dass sie im Sinne dieser Titel selbstständig wirken würden. Ich habe dazumal gesagt: Wenn etwas geschehen soll, so werden die Mitglieder bis zum Dreikönigstage etwas hören. Es hat keines etwas zu hören bekommen, und es geht daraus hervor, dass die Gesellschaft für theosophische Art und Kunst überhaupt nicht besteht. Das ist eigentlich selbstverständlich, da niemandem eine Mitteilung gemacht worden ist. Wie es selbstverständlich ist, dass die Mitteilung ergangen wäre, wenn die Sache realisiert worden wäre. Die Art und Weise, wie die Sache in einem bestimmten Falle aufgefasst worden ist, machte sie unmöglich. Es war ein Versuch.»
Der Kreis der Nominierten, als innere esoterische Angelegenheit, war zersprengt; draußen tobte der Weltkrieg; in Dornach ging die praktische Arbeit trotz der äußeren Umstände nicht weniger intensiv weiter. Durch die Abberufung so vieler Künstler und Helfer an die Fronten fiel in starkem Maße die Last der Arbeit auf die Frauen. Nur wenige Männer hatten Zurückbleiben können, darunter Hermann Linde. Die Frauen aber standen ihren Mann. Vom frühen Morgen an erklang das Hämmern und Meißeln im Bau aus Edelholz, der aus dem Beton-Unterbau herauswuchs, empor zu den sich wölbenden Kuppeln. Den Außen- und Innenwänden entwuchsen die organisch bewegten Formen, durchwärmt und durchwellt von der sie durchfurchenden Menschenhand. Im Innenraum erhoben sich die Säulen mit ihren Sockeln und Kapitälen, ihren Architraven, an deren Abschluss sich die beiden Kuppeln ineinanderfügten, so die Symbolik des seelischen Erlebens von der des kosmischen zugleich trennend und verbindend.
Um Hermann Linde herum gruppierten sich die Maler und deren Helfer. Dr. Steiner hatte die Motive für die Bemalung der Kuppeln entworfen, deren Abbildungen uns erhalten sind in den Reproduktionen von Alinari. Mit Fleiß und Eifer wurden neue Grundierungsmöglichkeiten durchgeprobt, durch welche die Wirkung der Pflanzenfarben sich zu strahlender Leuchtkraft entfalten konnte; eifrig wurden von einer Gruppe von Helfern die Pflanzen gerieben, aus denen die neuen Farben für die Kuppelbemalung entstehen sollten. Die für die wöchentlichen Eurythmie-Vorführungen entworfenen Programme gaben Gelegenheit, persönliche Phantasie zu entwickeln und sich zu schulen an den von Dr. Steiner zu diesem Zweck entworfenen Vorlagen.
In Deutschland hatte das Arbeitsgebiet, welches dem den Kreis sprengenden Siegelbewahrer zugewiesen war, sehr bald einen mehr als vollgültigen Ersatz gefunden in der Person des Fräulein Bertha Meyer. Sie konnte in den Monaten, die wir während der Kriegsjahre in Deutschland zubrachten, des Öfteren aus Bremen nach Berlin kommen, um sich in der von ihr technisch beherrschten Kleinodienkunst durch die Ratschläge Dr. Steiners zu vervollkommnen. Eine glückliche Gelegenheit zu neuen Anregungen gab die reichhaltige Edelsteinsammlung eines aus dem Orient zurückgekehrten Mitglieds. Es wurden daraus Steine gewählt, deren Leuchtkraft und innere Substanz besonders hervorgehoben werden sollten durch eine ihrem Wesen und Material entsprechende Fassung. Es war ein eigentümliches Erleben, die Hand durch deren Fülle gleiten zu lassen und durch das kühle Rieseln der Steine das Eindringen ihrer Kräfte in den eigenen Ätherleib zu erfühlen. Dieser Griff in die Kühle des Steinreichs und die fast aufregend wirkende Glut des im Feuer schmelzenden Metalls, besonders des Goldes, brachten das Elementare der Naturkräfte eindringlich zum Bewusstsein.
Die von Dr. Steiner für die Mysterienspiele gezeichneten Siegel ergaben die Grundlage für das geistige Studium dieser prädestinierten Siegelbewahrerin, die uns so viele vorbildliche Werke ihrer Kunst hinterlassen hat. Der Tod hat sie uns entrissen in dem Moment, da in Dornach eine Stätte für ihr Wirken, eine Kleinodienschule, hätte eingerichtet werden können. An diesen Siegeln erprobten sich auch die Formkräfte der von den ätherischen Impulsen getragenen und bewegten Eurythmie und der in Verbindung mit ihr neue Wege suchenden musikalischen Kunst, die nun über das innere Erleben des Dur und Moll hinaus, über die Quint hinüber, im Ton die Ursprungskräfte erhaschen wollte, denen sie ihr Dasein verdankt, so den Weg abtastend zum verlorenen Worte hin.
Der von Dr. Steiner geschaffene neue architektonische Stil, der die Bewegung des Pflanzenwesens in sich aufgenommen hatte, und sich nicht von der Außenwelt abschloss, sondern sich ihr weit öffnete, musste diesem Prinzip auch in der Behandlung seiner Glasfenster treu bleiben. Farbenfluten mussten in den Raum hineinströmen; ihr nach dem Regenbogen hin differenzierter, aber jeweilig einheitlich gehaltener Grundton brachte das Schweben und Weben der sich durchkreuzenden Lichtfärbungen in den Raum hinein. Die Zartheit der Nuancen wurde noch intensiviert durch die verschiedene Dichtigkeit des Glases, die sich während des Schleifens und Radierens der Motive in das Glasmaterial ergab; ihr geistiger Inhalt bezog sich auf den Einweihungsweg des Menschen bis in die Zukunft hinein. Während die Motive der großen und kleinen Kuppel den makrokosmischen und mikrokosmischen Entwicklungsweg der Menschheit bis zu seiner Icherfüllung hin verfolgten.
Die Kunst des Schwarz-Weiß in einer von Dr. Steiner neu angegebenen Strichführung entwickelte sich neben der des Eindringens in die Welt der schöpferischen Farben. Und alle diese, aus den verschiedensten Elementen sich ergebenden künstlerischen Möglichkeiten, lebten auf in der Kunst des gesprochenen Wortes, der Sprachgestaltung, welche die Ursprungskräfte des verloren gegangenen «Wortes» erahnen und bis zu einem gewissen Grade ergreifen ließ. Durch das Geringe, was dabei in strenger Arbeit erreicht worden ist, konnte etwas von dem erfüllt werden, was Dr. Steiner als Aufgabe der von ihm inaugurierten geistigen Bewegung bezeichnet hatte; die um Goethe und Schiller sich rankende vergessene Geistesströmung neu lebendig in die Kultur wieder einfließen zu lassen.
In der Fülle der von ihm empfangenen Impulse haben wir gelebt. Er selbst ist uns 1925 durch den Tod entrissen worden. Mit dem Tode hat er den unermesslichen Reichtum seiner Gaben bezahlen müssen. Von seiner anfeuernden geistigen Kraft sind wir belebt und getragen worden. Durch Leid und Prüfung, durch Betäubung und moralische Abdunklung hindurch müssen wir nun die Wege zur inneren Freiheit und Selbstständigkeit suchen, für die er ein Verständnis in uns hat erwecken wollen. Möge es uns vergönnt sein, sie zu finden.