The History of the Anthroposophical Society 1913–1922

GA 251 — 18 June 1922, Dornach

40. Bericht über den Wiener West-Ost-Kongress

Meine lieben Freunde!

Kongresse, wie es der erste Stuttgarter und dann der zweite Wiener Kongress waren, sind eigentlich für die anthroposophische Bewegung eine von außen geforderte Notwendigkeit geworden. Von Anfang an hat die anthroposophische Bewegung aus dem Esoterischen heraus gewirkt, und es ist ja selbstverständlich bei einer esoterischen Bewegung, dass sie in keiner Weise agitatorisch auftritt, sondern womöglich so ihren Weg sucht, dass sie, trotzdem sie jedem, der hören will, Gelegenheit gibt zu hören, sich nur an diejenigen Menschen wendet, die aus ihrem Herzen und aus ihrem Sinn heraus eine gewisse Hinneigung zu ihr empfinden, und die dann, das muss man schon sagen, auf schicksalsmäßige Weise den Weg zu ihr finden. Nun aber hat von einem bestimmten Punkt an namentlich unsere Literatur eine sehr rasche Verbreitung gefunden und ist dadurch in die Hände von vielen Menschen gekommen, vor allen Dingen auch von solchen Menschen, welche eine gewisse wissenschaftliche Richtung im Sinn der gegenwärtigen Zeitverhältnisse haben. Alle möglichen wissenschaftlichen Richtungen haben dann begonnen, sich in polemischer oder sonstiger Weise mit der Anthroposophie auseinanderzusetzen.

Dadurch namentlich fühlten sich dann wiederum manche angeregt, mit dem wissenschaftlichen Rüstzeug, das ihnen eigen war, diese anthroposophische Weltanschauung zu verteidigen, und so kam es dann, dass — man möchte sagen -, durch die Welt herausgefordert, die anthroposophische Bewegung tätig sein musste für die verschiedensten Zweige des Lebens. Das ist, man darf es ja ganz unbefangen sagen, einfach von außen an uns herangekommen, man war eigentlich zunächst durchaus nicht geneigt, von den alten Arten, Anthroposophie zu verbreiten, abzugehen. Man ist dazu gezwungen worden.

Man war anfangs nach den verschiedensten Seiten hin in einer Verteidigungsstellung. Denn Anthroposophie wurde, und zwar zumeist in der allerunsachlichsten Weise, angegriffen. Es wuchsen ihr aber allmählich eine Anzahl außerordentlich tüchtiger Kräfte zu, die in der Tat imstande sind, die anthroposophischen Grundprinzipien und auch das anthroposophische Forschen auf die einzelnen Gebiete anzuwenden. Nach und nach konnte begonnen werden, eine große Anzahl wichtiger Lebenszweige und Wissenschaftszweige im anthroposophischen Sinne zu bearbeiten. Dadurch, dass dann auch auf diesen verschiedenen Gebieten Veröffentlichungen ergingen, ist umso mehr wiederum die anthroposophische Bewegung gegenüber den verschiedensten Kreisen exponiert worden, und man musste einfach nach einer bestimmten Zeit vor die große Öffentlichkeit hintreten. Man musste auch gerade vom anthroposophischen Gesichtspunkte - aus den ja oftmals hier erörterten Gründen - zu den großen Zeitfragen wenigstens vom Kulturstandpunkte aus eine bestimmte Stellung einnehmen. Das ist es ja im Wesentlichen, was die Impulse gegeben hat zu so etwas, wie es der erste Stuttgarter Kongress war und wie es jetzt der Wiener Kongress gewesen ist.

Nun wurde ja dem Wiener Kongress durch unsere Freunde eine besondere Aufgabe gestellt. Diese Aufgabe lag nahe. Sie lag nahe durch, ich möchte sagen, das Wesen von Wien - das Wesen von Wien innerhalb wiederum des österreichischen Wesens. Und es ist ja in der letzten Zeit unter uns sehr viel geredet worden von den besonderen Kultureigentümlichkeiten des Ostens und von denen des Westens. Daraus versuchte man zu erkennen, aus welchen Grundlagen sich, gegenüber den heute so tätigen Niedergangskräften, Aufgangskräfte ergeben werden. Das führte dazu, dass an diesem besonders geeigneten Orte, in Wien, geradezu diese Betrachtungsweise in den Mittelpunkt der Kongressverhandlungen gerückt worden ist. Der Kongress trug ja den Namen «West-Ost-Kongress». Das ist aus der Überzeugung hervorgegangen, dass wir heute einfach in jenem Zeitpunkte der Zivilisation des Abendlandes stehen, in dem auch, und zwar vorzüglich aus geistigen Untergründen heraus, eine Verständigung über die ganze Kulturwelt der Erde kommen muss.

Ich habe ja auch hier einmal darauf hingewiesen, wie von einem englischen Kolonialminister mit Recht gesagt worden ist, dass sich eigentlich der Betrachtungspunkt für die Weltangelegenheiten gegenwärtig verschiebt von der Nordsee und dem Atlantischen Ozean hinweg nach dem Stillen Ozean. Man kann sagen - und damit ist etwas ungeheuer Bedeutsames gesagt: Früher war eben Europa und die Verbindung Europas mit Amerika dasjenige, worauf es ankam, worauf es doch eigentlich schon seit dem fünfzehnten Jahrhundert ankam, seit Asien mehr oder weniger für Europa abgeschnitten wurde durch den Türkeneinbruch. Damals fand ja eine große Kulturumwälzung statt, und was dann im Wesentlichen das Kulturleben der neueren Zeit wurde, war ein westlich orientiertes Kulturleben. Nunmehr, indem sich der Gesichtspunkt des äußeren Kulturlebens hinüberschiebt nach dem Stillen Ozean, ist der Anfang damit gemacht, dass die ganze Erde ein großes Gebiet werden muss, das einheitlich in Bezug auf alle Kulturfragen zu behandeln ist. Dem aber muss, da zwischen Menschen, die überhaupt irgendetwas miteinander zu tun haben wollen, Verständigung, Vertrauen sogar notwendig ist, dem muss einmal vorangehen eine Verständigung auf geistigem Gebiete.

Blicken wir heute nach Asien hinüber, so sehen wir ja überall, wie die Menschen in den letzten Ausläufern einer uralten großartigen geistigen Kultur leben, einer geistigen Kultur, die aus sich heraus alles Übrige getrieben hat, sowohl das staatlich-juristische Leben, wie auch das ökonomisch-wirtschaftliche Leben. Wir schen, wie diese Menschen in Asien durchaus nicht verstehen können den Menschen des Westens, wie sie hinschauen auf das Maschinenmäßige, woraus ja die äußere Kultur des Westens stammt, wie sie finden, dass auch in den äußeren sozialen Ordnungen etwas Maschinenmäßiges auftritt, wie sie mit einer gewissen Verachtung herabschauen auf die veräußerlichte Auffassung des ganzen Lebens im Westen. Wir wissen auf der anderen Seite, wie der Westen doch diejenigen Kulturkräfte hervorgebracht hat, die nun in der Zukunft sich entwickeln müssen, wie der Westen auch eine Geistigkeit in sich trägt, die aber heute noch nicht völlig herausgekommen ist.

Aber alles hängt davon ab, dass man im Westen lerne, wiederum mit einem größeren Verständnis hinzuschauen auf das, was der Osten, wenn auch heute durchaus in Niedergangsprodukten und sogar in Niedergangsempfindungen, enthält und dass man im Osten lerne, den Westen so anzuschauen, dass man ihn bejaht, nicht bloß verneint, wie das bisher der Fall ist. Nun, es wird ja natürlich sehr vieles noch notwendig sein, um diejenigen geistigen Grundlagen zu schaffen, die zu einer solchen Verständigung notwendig sind. Heute, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse so außerordentlich zu einem Zusammenwirken drängen, dürfen wir gar nicht hoffen, dass die Ordnung dieser wirtschaftlichen Verhältnisse, auch wenn es zuweilen so ausschaut, etwas anderes bewirken könne als ein Surrogat, das so lange auf ein Definitivum warten wird, bis eben bis ins Innerste des Menschenwesens hinein die geistigen Verhältnisse eine Verständigung herbeigeführt haben. Dieser Verständigung sollte in einer gewissen Weise dienen unser Wiener Kongress, und zwar, ich möchte sagen, auf dem zentralen geistigen Gebiete.

Und man konnte sich ja auch in dieser Beziehung gerade bestimmten Hoffnungen hingeben. Man muss bei Österreich das ganze österreichische Wesen in Betracht ziehen, wenn man solche Hoffnungen gerechtfertigt finden will. Sehen Sie, meine lieben Freunde, Österreich hat man seit vielen Jahrzehnten immer wiederum die Auflösung vorhergesagt, und es ist nicht dazu gekommen. Es war erst der Weltkrieg notwendig, dass es zu dieser Auflösung kam. Gegenwärtig liegt ja die Sache so, dass der deutsche Teil Österreichs eigentlich in einer furchtbaren Lage ist. Dieser deutsche Teil Österreichs kann im Grunde genommen durch sich selbst unmöglich bestehen. Denn so viel auch einzuwenden war gegen das alte Österreich, es konnten schon die einzelnen, jetzt Subzessions-Staaten bildenden Gebiete aus gewissen Gründen innerhalb Europas gerade in Mitteleuropa nur zusammen weiterkommen. Und insbesondere zeigt sich das an denjenigen Stücken des alten Österreichs, das von Deutschen bewohnt ist, wie unmöglich auf die Dauer die rein nationalistische Idee durchzubringen sein wird.

Sie ist ja eine rein abstrakte Idee und ist im Wesentlichen ja daraus hervorgegangen, dass in Ermangelung eines wirklichen Geisteslebens die nationale Frage im neunzehnten Jahrhundert immer mehr und mehr als ein Surrogat des Geisteslebens heraufgekommen ist.

Dasjenige, was heute als deutsches Österreich vorhanden ist, hat keine wirtschaftlichen Möglichkeiten, selbstständig zu bestehen, und insbesondere hat es keine Möglichkeit, Wien als Hauptstadt in sich zu haben. Es liegt ja die Sache so, dass Wien in derjenigen Größe, zu der es sich nach und nach entwickelt hat, nur bestehen konnte als die Hauptstadt des alten Österreichs; jetzt ist es für dasjenige, was als deutsches Österreich geblieben ist, als Stadt viel zu groß und daher auch innerlich nicht mit den Bedingungen der Existenz-Möglichkeit überall ausgestattet.

Aber wiederum, man muss sagen: Dieses Österreich, auch «Deutsch-Österreich», hat im Laufe seiner Entwicklung Kultur-Fermente in sich aufgenommen, die trotzdem wiederum die Möglichkeit bieten, dass gerade dieses Österreich, insbesondere in geistiger Beziehung, eine Brücke schaffen könnte zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen denen es ja durch seine Völker - und durch seine geografische Lage eben drinnensteckt.

Man muss sich nur Folgendes klarmachen: In Österreich liegt die "Tatsache vor, dass das deutsche Element überall eine Art Kulturgrundlage bildet. Gehen Sie von dem Osten Österreichs aus. Sie finden gleich mit rumänischem, mit serbischem Volkselemente gemischt, im alten Siebenbürgen ein urdeutsches Volk, das sich noch bis zu meiner Jugend in Deutschheit durchaus erhalten hatte, die Siebenbürgener Sachsen; sie sind dann, als Ungarn selber zentralisiert worden ist, in ihrer Selbstständigkeit wesentlich zurückgegangen. Aber es war dieses Siebenbürgener Sachsen ein Volkselement, welches durchaus Kerndeutsches in sich barg, und eine ganz bestimmte Art der ja mannigfaltig individualisierten Deutschheit gerade - ich möchte sagen - als Kultur-Kolonie in sich trug.

Gehen Sie dann weiter herauf, südwärts der Karpaten. Bis zu diesen Karpaten hat sich ja Ungarn ausgedehnt. Heute ist dort gelegen, nordwärts der Donau, der slowakische Teil der Tschechoslowakei. Der gehörte früher zu Ungarn. Gewiss, dort ist slowakische Bevölkerung, dort hat man, und zwar in ausgiebigem Maße magyarisiert, namentlich durch die Schulen, seit den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Aber dort lebten wie ein Kultur-Ferment überall ausgestreut, die Zipser-Deutschen und die andern Deutschen bis herüber nach Pressburg. Und überall lebt da in der slowakisch-magyarischen Kultur durchaus auf dem Grunde, allerdings in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts im Verschwinden begriffen, das deutsche Element. Aus dem westlichen Teile dieses deutschen Elementes haben wir ja entlehnt, wie Sie wissen, unsere Weihnachtspiele, die von westlicheren deutschen Gegenden einmal vor Jahrhunderten dorthin verpflanzt worden sind.

Gehen Sie wieder hinunter in die Gegenden zwischen der Theiß und der Donau, also in das mittlere, in das südliche Mittel-Ungarn, da finden sie eine schwäbische Bevölkerung, eine schwäbisch-deutsche Bevölkerung. Gehen Sie nach dem Westen von Ungarn, da, wo das Ungarn an das heutige Burgenland grenzte, da finden Sie die sogenannten «WasserKroaten», eine durch und durch deutsche Bevölkerung. Sie finden also in diesem östlichen Teile überall auf dem Grunde der anderssprachlichen Bevölkerung die ehemals eingewanderten Deutschen, die ja vielfach das andere Element dann in der späteren Zeit angenommen haben, die aber durchaus wirksam waren; das Blut verleugnet sich da doch nicht. Und er vor allen Dingen verleugnet sich nicht dasjenige, was in den Gedankenformen lebt. Wer in solchen Gedankenformen bewandert ist, der weiß überall zu unterscheiden, auch noch wenn es im Magyarischen oder im Rumänischen fortlebte, auch wenn es in einer andern Sprache auftritt wie dasjenige, was in früheren Jahrhunderten als deutsches Element da eingewandert ist und allmählich zum äußeren Absterben verurteilt war, wie das dennoch durchaus fortwirkt.

Gehen Sie wiederum herüber nach dem heutigen westlichen Teil, zur Tschechoslowakei, nach dem ehemaligen Böhmen, Mähren und Schlesien, da werden Sie wiederum auf dem Grunde überall eine deutsche Bevölkerung finden. Nicht nur, dass südwärts der Erzberge eine solche geschlossene Bevölkerung ist, sondern Sie finden überall - in Prag zum Beispiel war ungefähr ein Drittel oder Viertel der Bevölkerung deutsch -, überall, wie in den übrigen Gebieten auch Deutsche eingestreut waren. Der Prozess war durchaus der, dass zwar das Deutschtum allmählich ins Verschwinden kam, aber dass sich das Deutschtum als Kraft überall drinnen, auch in den anderssprachlichen Gebieten, eben geltend machte.

Gehen Sie nach dem Süden, so finden Sie zum Beispiel in das südslowenische, also in ein serbisches Gebiet einen Kreis — das Gottscheer Ländchen - eingestreut eine kleine deutsche Kultur-Kolonie. Und Sie finden geschlossenes Deutschtum in der nördlichen Steiermark, in Salzburg, im nördlichen Tirol, wo es südwärts an andere Bevölkerung stößt, wo aber überall Deutsche eingestreut waren bis hinunter an die deutschen Landesgrenzen in Österreich. Sie finden dann die geschlossene deutsche Bevölkerung in Ober- und Nieder-Österreich. Das war also das alte Österreich.

Immer mehr und mehr traten die einzelnen Nationalitäten in den Vordergrund. Immer mehr und mehr machten sich die einzelnen Nationalitäten geltend. Aber es gab eigentlich im Grunde genommen kein Gebiet, in dem nicht dasjenige, was als Deutsches einmal — ich möchte sagen — wie ein Einschlag überall hineingekommen war, als Kraft irgendwie wirksam war.

Aber dennoch, Österreich hat sich eben immer mehr und mehr verwandelt. Und dann ist es dazu gekommen, dass immer mehr und mehr die anderen Volks-Individualitäten sich geltend machten, das Rumänische, das Ukrainische, das Ruthenische, das Polnische, das Ungarische, das Südslawische, Serbische, Slowenische, Kroatische und das Slawonische, das Italienische, das Böhmische, also Tschechische, das ist dasjenige, das allmählich an die Oberfläche kam. Heute sehen wir ja den Prozess, der auch die inneren Teile von Österreich ergreift. Man kann ja kaum mehr sagen, dass Wien im anderen Sinne eine deutsche Stadt ist, als dass man doch wenigstens im Wesentlichen dort noch Deutsch sprechen hört. Aber selbst wenn es einmal dazu kommen sollte, dass sich das slowenische Element vom Süden, das tschechische Element vom Norden immer weiter und weiter ausbreitete, und dass gewissermaßen der deutsche Charakter von Österreich ganz verschwinden würde, so würden eben die deutschen Kräfte durchaus in Österreich überall als wirksame Kräfte drinnen sein. Das Wesentliche aber, das ist, dass sich gerade innerhalb desjenigen, was in Österreich vom Deutschen ausgegangen ist, eine gewisse Selbstständigkeit gegen alles andere Deutsche geltend machte, das auf dem europäischen Kontinente ist. Das Österreichische war doch immer, in so inniger Wechselbeziehung es auch mit dem übrigen deutschen Wesen stand, etwas durch und durch Selbstständiges. Und das kam dadurch, dass in Österreich der Katholizismus sich in einer gewissen Gestalt erhalten hat.

Nun, ich kann natürlich in meinen heutigen Auseinandersetzungen sehr leicht missverstanden werden, aber da ich nicht ausführlich genug sein kann, muss ich mich eben diesen Missverständnissen aussetzen. Es ist schon so, dass man natürlich auch sehr viel einwenden kann — das wurde ja innerhalb Österreichs selber getan - gegen das, was im Beherrschenden des Katholizismus in Österreich vorhanden war. Aber dieser Katholizismus in Österreich gab eben Österreich und namentlich auch Wien immer ein ganz bestimmtes Gepräge. Man hat sehen können, wie über Österreich in den Sechziger-, Siebzigerjahren [des neunzehnten Jahrhunderts] eine liberale Welle des Kulturlebens heraufzog, eine liberale Welle, die nur auf - ich möchte sagen - äußere Vorstellungsformen sah. Aber selbst innerhalb dieser äußeren Vorstellungsformen wirkte wiederum dasjenige fort, was im Katholizismus enthalten war.

Man muss ja nur bedenken, wie lange es eigentlich war, dass in Österreich mit Ausnahme von ganz bestimmten Gebieten des Bildungslebens niemand eigentlich im Grunde ein gebildeter Mensch, ein richtig wissenschaftlich führender Mensch werden konnte, ohne dass er sich irgendwie den führenden Mächten des Katholizismus anschloss. Man studierte an Gymnasien, die im Wesentlichen von Mönchen geleitet waren. Die Mönche waren überall Gymnasial-Professoren, zum großen Teile mustergültige Gymnasial-Professoren. Es war das strenge scholastische Denken in seiner Fortbildung ins neunzehnte Jahrhundert herein dadurch etwas, was überhaupt dem ganzen österreichischen Bildungsleben, auch dem österreichischen wissenschaftlichen Leben aufgedrückt worden ist, und was bis in die neueste Zeit hinein durchaus erhalten geblieben ist.

Man darf solche Erscheinungen nicht vergessen, dass in meiner Jugend zum Beispiel noch die Lehrbücher - bis zu denen der darstellenden Geometrie — von Benediktiner-Mönchen oder anderen Mönchen geschrieben waren. Die einzelnen Gymnasien wurden versorgt von den KlosterGeistlichen, die ja gewiss ihre staatlichen Prüfungen abzulegen hatten, die aber einen ganz bestimmten Geist, eine ganz. bestimmte Denkform in die österreichischen Gymnasien hineintrugen. Die österreichischen Gymnasien, die erst, man könnte sagen, die liberale Ära heruntergebracht — nicht hinaufgebracht - hat, waren von einem ausgezeichneten Manne, der sie aber zu ausgezeichneten Gymnasien gemacht hat, liberalisiert worden: von Leo Thun in den Fünfzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts. Sodass man eigentlich, wenn man vieles von dem, was österreichisches Bildungsleben ist, richtig verstehen will, in die Klöster gehen muss, nicht gerade zu den Erzpriestern, nicht zu den Erzbischöfen und Bischöfen, aber zu den Klöstern. In den Klöstern war noch eine unglaubliche Gelehrsamkeit durch das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch. In den Klöstern war diejenige Gelehrsamkeit, die dann sich in den wichtigsten Forschern an der Universität ausgelebt hat. Die wichtigsten Forscher waren aus den Klöstern hervorgegangen, oder wenn sie nicht aus dem Kloster hervorgegangen waren, so standen sie wiederum in einer Bildungsströmung drinnen, die von den Klöstern im tiefsten Sinne beeinflusst war. Nur war der österreichische Katholizismus, bis er seine Reaktion am Ende des neunzehnten Jahrhunderts erlebte, tatsächlich eine Entwicklungsströmung, die sich nach einem außerordentlich liberalen Elemente hin bewegte. Sie konnten bei den Mönchen in den einzelnen Wissenschaftszweigen überall sehen, wie das scharf geschulte Denken, das sich eben der Mönch aus der alten scholastischen Wissenschaft angeeignet hatte, in die Wissenschaft, namentlich auch in die Pädagogik der Wissenschaft hinein wirkte, und wie nur gewissermaßen unberührt bleiben sollte das katholische, theokratische Wesen. Sodass eigentlich alles, was nicht bis zur Weltanschauung hinaufkam, also der Begriff der Wissenschaften in ihren Spezialitäten etwas außerordentlich Bedeutsames innerhalb Österreichs entwickelte.

Sehen Sie, einer der bedeutendsten Forscher auf dem Gebiete der neueren Naturwissenschaft, der jetzt überall genannt wird, ist Gregor Mendel. Er war ein österreichischer Ordenspriester in Mähren. Während wir unseren Wiener Kongress abhielten, erschienen überall JubiläumsArtikel über Gregor Mendel. Es war vielleicht das interessanteste Nebenereignis neben unserem Kongress, dass die Zeitungen überall voll waren von Würdigungen über Gregor Mendel. Es war so, dass tatsächlich dieser Gregor Mendel herangewachsen ist aus der Mönchsbildung, dass er zu einem Naturforscher geworden ist, der jetzt überall anerkannt wird, dessen Vererbungstheorie als etwas Außerordentliches in der ganzen Welt gilt. Und Gregor Mendel ist geradezu der Typus eines aus dem österreichischen Wesen herauswachsenden, auf einzelnen Gebieten des Wissens tätigen Menschen.

Aber solche Gregor Mendels, solche tätige Menschen - nur haben es nicht alle bis zu solchen epochemachenden Entdeckungen gebracht — waren massenhaft innerhalb des österreichischen Bildungsstrebens im neunzehnten Jahrhundert zu finden, sodass man sagen kann: Da hat der Katholizismus eigentlich gerade in Bezug auf das Wissenschaftsleben seine allerbedeutsamsten Blüten getragen. Dazu kam dann noch etwas anderes, was oftmals leicht übersehen wird.

Derjenige, der aus dem eigentlichen österreichischen Wesen als Deutscher herauswächst, wächst aus einem Dialekt heraus. Außer diesem Dialekt gibt es so eine Art allgemeiner österreichischer Sprache, die eigentlich niemandem aus dem Herzen gesprochen ist, aber die sich dadurch umso mehr eignet, eine allgemein über die Tagesbedürfnisse hinausgehende Sprache zu sein, und die dann eben die Sprache der Wissenschaft geworden ist, und die sich deshalb, weil sie über die Dialekte hinausgehoben ist, auch in einer außerordentlichen Weise in die lateinische Logik hineingefunden hat. In der österreichischen Ausdrucksform liegt etwas auf der einen Seite außerordentlich Schmiegsames, auf der anderen Seite aber auch etwas Lebendiges. Das alles ist eben da.

Wenn man das als einen Grundzug des österreichischen Wesens nimmt, dann wiederum muss man auch das äußere österreichische Wesen berücksichtigen. Sehen Sie, meine lieben Freunde, gewiss, man konnte nach Österreich in den Siebzigerjahren, in den Achtziger-, Neunzigerjahren kommen, man konnte im zwanzigsten Jahrhundert nach Österreich kommen, kann jetzt kommen, man findet natürlich in Österreich überall in einem gewissen Sinne auch dasjenige, was sonst auch in der Welt ist. Die Erfindungen und Entdeckungen, auch die wissenschaftlichen Errungenschaften kommen ja selbstverständlich überall hin. Natürlich ist auch Wien und Österreich nicht von den Kinos verschont geblieben und so weiter. Aber in all dem drinnen lebt eben doch dieses ganz eigentümliche Wesen Österreichs. Und da möchte man sagen: Es war eigentlich schon durch das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch - vielleicht gerade durch das Verquicktsein mit dem Katholizismus — keine besondere Neigung in Österreich vorhanden, inniger zu verwachsen mit dem, was da äußerlich einströmt. Der Österreicher bewahrte sich selbst, wenn er anfing, meinetwillen sich nach französischer oder englischer Mode zu kleiden, doch immer bis in die Adelsschichten hinauf etwas spezifisch Österreichisches.

Nun, meine lieben Freunde, Sie wissen ja, ich will eigentlich nicht zum Psycho-Analytiker werden - Sie wissen, ich habe keine besondere Neigung dazu -, aber gerade gegenüber dem österreichischen Wesen möchte man sagen: Man ist durch die äußerlichen Umstände dazu veranlasst, so etwas wie Psycho-Analyse zu entwickeln, denn wenn man an österreichisches Wesen herankommt, dann ist überall etwas da, was sich in vollem Bewusstsein nicht auslebt.

Die Österreicher nehmen alles Fremde gerne auf; sie sind sogar in vieler Beziehung außerordentlich stolz auf dieses Fremde. Aber sie haben dann in ihrem Innern, in ihrem Bewusstsein keine volle Verbindung damit. Und gerade so, wie wenn man einen einzelnen Menschen psychoanalysiert, man da nach verborgenen «Seelen-Provinzen» sucht, so ist man immer versucht, wenn man an österreichisches Wesen herankommt, nach solchen verborgenen Seelenprovinzen zu suchen, sogar beim einzelnen Österreicher. Wenn man mit psycho-analytischem Blick an ihn herangeht, so findet man überall: Der trägt etwas an sich von früher. Das ist ganz unten in seinem unbewussten Wesen; das dämmert zuweilen herauf. Aber man muss es ihm erst zum Bewusstsein bringen, oder er selbst muss es tun. Und wenn man ganz gründlich zu Werke geht, wenn man nur genügend analysiert, so entdeckt man fast bei jedem, insbesondere auch bei dem gebildeten Österreicher - bei dem Ungebildeten, da ist es schon von außen anzusehen - etwas, was mit dem Kaiser Joseph, dem Kaiser Franz und allem Späteren, was da im neunzehnten Jahrhundert gekommen ist, eigentlich gar nicht mehr viel zu tun hat; da kommt man zurück bis zu der Kaiserin Maria Theresia und noch weiter hinter die Maria Theresia. Da kommt überall etwas vom achtzehnten Jahrhundert zum Vorschein. Jeder Österreicher hat im Grunde seiner Seele etwas aus dem achtzehnten Jahrhundert als eine verborgene Seelenprovinz; so, wie der Psycho-Analytiker diese hinuntergestoßene Seelenregion aufsucht und sie dann loslöst aus der Seele, weil die Menschen sie gar nicht verarbeitet haben, so ist es, als ob dieses ganze Österreich nicht ganz verarbeitet hätte das achtzehnte Jahrhundert, als ob bei irgendeinem Zeitpunkt der Kaiserin Maria Theresia sich das in die Seelen hineingesetzt hätte und man kriegte es dann wiederum herauf. Sodass also da tatsächlich mit außerordentlich vielem Instinktivem, aber, ich möchte sagen, Historisch-Instinktivem zu rechnen ist. Man kommt auf vieles früher Vorhandene, in den Herzen Verborgene, wenn man den Österreicher ganz, wie man in Österreich sagt, inwendig und auswendig kennenlernt. Und in Österreich sucht man ja selbst die Menschen inwendig und auswendig kennenzulernen. Das alles aber prädestiniert den Österreicher, eine Art Brücke zu schlagen zwischen Westen und Osten. Denn vieles von dem, was zum Abreißen dieser Brücke geführt hat, was gerade die heutige Zeit im Westen und im Osten und sonst auch in der Mitte gerade außerhalb Österreichs in sich trägt, das kommt zwar zum Vorschein, wenn man Österreich so oberflächlich anblickt; aber wenn man auf das Tiefere blickt, dann findet man, dass da überall verborgene Seelenprovinzen sind, aus denen man vieles heraufholen kann, um diese Brücke zwischen Westen und Osten zu schlagen.

Sehen Sie, in dieses Leben waren wir nun mit dem West-Ost-Kongress hineingestellt, waren wirklich anders hineingestellt als in Stuttgart mit dem ersten anthroposophischen Kongress! Ganz anders hineingestellt waren wir zum Beispiel, ich möchte sagen, durch die ganze äußerliche Nuance in Stuttgart! Ja, in Stuttgart, nicht wahr, da redeten meinetwillen = sagen wir - Hahn neben Kolisko, Blümel neben Fräulein von Heydebrand, Leinhas neben Baravalle. Das macht gar keinen Unterschied für Stuttgart.

Ja, für Wien machte das natürlich einen ganz beträchtlichen Unterschied, und man konnte an dem Zuhören überall diesen Unterschied bemerken. Man war eben in ein ganz besonderes Element hineingestellt bei diesem West-Ost-Kongress. Und unsere Österreicher haben sich bei diesem West-Ost-Kongress durchaus so gar keine Mühe gegeben, ihr Österreichertum irgendwie zu verleugnen. Ich habe zum Beispiel ganz besonders achtgegeben - wenn wieder ein Österreicher gekommen ist, habe ich mir immer gedacht: Jetzt bin ich doch neugierig, ob der wieder seine Rede mit «Wenn» anfängt. Er hat einen Konditionalsatz an den Anfang gestellt! Das ist etwas, was aber ganz tief begründet ist in dem Wesen. Das kündigt etwas an, was da ganz anders im Österreicher wirkt. Im Österreicher liegt auf der einen Seite etwas, das sehr gründlich nach den Bedingungen auch seines eigenen Auftretens hinschauen will, aber auf der anderen Seite auch, dass er eigentlich immer ein bisschen sich entschuldigen möchte. Und das alles lässt sich durch die Konditionalsätze | besser machen, als wenn man eine Position herausdonnert.

Ja, das sind eben die Dinge, die berücksichtigt werden müssen, wenn man die ganze Bedeutung dieses West-Ost-Kongresses einsehen will. Nicht wahr, alles war darauf abgestimmt, die Brücke zu schlagen zwischen dem Westen und dem Osten. Wissenschaftliche Ergebnisse, wissenschaftliche Methoden, das Künstlerische, alles Mögliche wurde in diesem Sinne betrachtet.

Es ist mir außerordentlich schwierig, dasjenige nun zu prägen, was ich als die Impressionen, als die Eindrücke sagen möchte; aber mir scheint, wenn ich das in einige Bilder fasse, dass diese Bilder doch etwas von dem Eindrucke wiedergeben könnten, den man haben kann.

Sehen sie, in unseren österreichischen Rednern am Wiener Kongress verleugnete sich das Österreichertum ganz und gar nicht. Da konnte man auch an den Reden noch psychoanalysieren. Man konnte das und ich hoffe, dass mir das nicht übel genommen wird, weil es ja, nicht wahr, ganz gut gemeint ist, und weil es ja schließlich nichts schadet, wenn zwischen uns auch durchaus eine allgemeine Verständigung eintritt. Sehen Sie, da haben wir unsern außerordentlich tüchtigen Kolisko. Aber wenn man seine Individualität erfassen will, wenn man namentlich dasjenige erfassen will, als das er sich darstellt, wenn er nun wiederum einmal in Wien spricht, so muss man sagen: Man wird eigentlich ganz unwillkürlich bei sich selbst zu der Frage veranlasst: Was für ein Mönch wäre der geworden, wenn er im vortheresianischen Zeitalter seinen Bildungsweg gesucht hätte? Nun, unser lieber Kolisko wäre zweifellos Dominikaner geworden, ebenso zweifellos wie Baravalle und Blümel Benediktiner geworden wären, Doktor Schubert Piarist geworden wäre und Doktor Stein Zisterzienser geworden wäre.

Also, Sie sehen, bis zu dieser Handgreiflichkeit kann man es - ich möchte sagen — heute durchschauen, was da auf dem Grunde der Seelen durchaus vorhanden war. Ich möchte sagen: Jemand, der ein Ohr hat, der hört heute noch aus Baravalle und Doktor Blümel durchaus dasjenige heraus, was an Feingeistigkeit einstmals nur die Benediktiner innerhalb der österreichischen Bildung hatten; aus Doktor Schubert hört man dasjenige heraus, was die Piaristen hatten, aus Doktor Stein das, was die Zisterzienser bewirkt haben, und ebenso das geschulte Dialektische und auf ganz scharf konturierte Begriffe Gehende, das reinlich Suchende des Wissenschaftlichen, das erinnert, wenn man das nun eben von dieser Perspektive anschaut — was man ja nur kann, wenn man eine kulturhistorische Betrachtung anstellt, wie jetzt an dem Wiener Kongress eine bedeutende Betrachtung Doktor Kolisko leistete -, das erinnert durchaus an dasjenige, was durch das Dominikaner-Element in die österreichische Bildung hineingekommen ist.

Ich erinnere daran, dass ja die österreichischen Universitäts-Professoren früher Dominikaner waren. Das wissen sie gar nicht mehr, aber in ihrer Seelenprovinz ist das vorhanden, sie waren in einem alten Dominikaner-Kloster! Und darüber muss man sich nur klar sein, dass da ein ganz altes Element vorhanden ist. Das hört auch der Österreicher, und die anderen, die zahlreichen Fremden - der Kongress war ja außerordentlich gut besucht aus aller Herren Länder -, die hören dann auch diese spezifische Färbung, die dadurch hineinkommt in die ganze Kongressführung. Es ist durchaus so, dass dadurch, dass so viele Österreicher unter uns sind, in Wien eben etwas Heimisches an unseren Vortragenden, ganz zweifellos gerade von den Wienern, empfunden worden ist.

Nun muss man sich eben nur klar sein: Die anderen Herren, sagen wir, unser lieber Uehli, Hahn, Schwebsch, [Frau] Doktor Heydebrand, [die Herren] Rittelmeyer, Leinhas, Husemann, Unger, Heyer - ja, das sind in Österreich die schr gescheiten fremden Herren, die zu Gast kommen. So werden sie auch empfunden: die schr gescheiten fremden Herren, die zu Gast kommen, die man nur hereinlässt überhaupt an der Grenze, wenn man ihnen anmerkt, dass sie gescheit sind, denn von der anderen Sorte hat man im Lande genug. Sehen Sie, ich sage das nicht von mir aus, sondern ich sage nur dasjenige, was da Stimmung ist: Das sind die gescheiten Gäste — so wie man ja auch immer an die Universitäten Fremde berufen hat, nicht wahr, die eben dann eigentlich die Aufgabe haben, gescheit zu sein! Das ist etwas, was man als etwas Selbstverständliches hinnimmt. Da wird man objektiver. Da wird man gerade in Wien objektiver. Da wirkt dann etwas so Großartiges, wie zum Beispiel diesmal der erste Vortrag unseres lieben Freundes Doktor Hahn war, ungeheuer einschneidend. Und da wirkt dann wiederum eine gewisse Unbefangenheit, die geblieben ist.

Es war zum Beispiel etwas außerordentlich Wohltuendes, was da in die ganze Veranstaltung hineingekommen ist, dadurch, dass Doktor Schwebsch mit norddeutschen Vorstellungsgedankenformen Bruckner behandelt hat; dass dann auch diese Bruckner-Aufführung war, und dass da etwas - ich möchte sagen - nicht nur Österreichisches, sondern allgemein Kulturelles in die Sache hineingespielt hat. Dadurch aber, dass das so war, bekam der Kongress eine außerordentlich sympathische Note - ich sage das jetzt wirklich, ob jemand, über den ich rede, da ist oder nicht da ist: Ich spreche in gleicher Weise. Meinetwillen könnten alle da sein, über die ich rede.

Eine besonders sympathische Note bekam der Kongress durch den feinen Vortrag, den unser lieber Freund Steffen hielt. Da wiederum hat man für diese Nuance in Wien ein besonders feines Gefühl. Da fühlte man auf der einen Seite offenbar das Verwandte — das schweizerische Verwandte. Es ist in einem gewissen Sinne schweizerisches Verwandtes drinnen; aber da macht der Österreicher einen kleinen Vorbehalt. Er fühlt nämlich sich unbehaglich, wenn er in Wien ist, und der Schweizer — der kommt von der Eisenbahn. Von dem Schweizer verlangt er eigentlich, dass er zu Fuß kommt und sich vorher in Innsbruck, Salzburg und Linz so etwas aufgehalten hat, und dass schon dort die Leute von ihm hörten, dass er Briefe an die Leute geschrieben habe. Sonst ist man zu sehr überrascht über denjenigen, der ja doch den Gessler getötet hat, nicht wahr, denn das ist ja doch der Schweizer in Wien. Und so hat zunächst das, was der Schweizer nach Wien bringt, etwas Verblüffendes, und die Leute sind dann böse. Und das waren die Leute ganz gewiss auch bei unserem lieben Freund Steffen, dass er nicht weitere Vorträge gehalten hat. Und ich bin überzeugt davon, man hätte es gewünscht, dass Steffen mindestens drei Vorträge von dieser vorzüglichen Feinheit gehalten hätte, wie er sie in Wien gehalten hat. Nur aus dem einen Grunde hätte ich es vielleicht nicht gewünscht, weil er dann wiederum so gut verstanden worden wäre, dass sie ihn nicht fortgelassen hätten. Er ist ja hier in Dornach nötig.

Also sehen Sie, das waren die verschiedenen Nuancen. Ja, ich sage das nicht bloß aus der Theorie heraus, mir sind schon Stimmen in den letzten Tagen zugekommen, die mir gesagt haben: Den Steffen könnten wir gut brauchen in Wien, können wir den nicht haben? Ich habe aber abgewinkt. Also nicht aus der Theorie heraus — wie ich überhaupt die Dinge, die ich spreche, vielmehr aus der Erfahrung heraus sage, als es zunächst scheinen könnte.

Nun, nicht wahr, ich selber bin ja so lang von Wien fort, von Österreich fort, dass bei mir alle diese Dinge weniger in Betracht kommen; aber man fühlt natürlich, indem man Österreich betritt, das alles, was ich jetzt gesagt habe. Und deshalb fühlt man sich dann auch veranlasst, seine eigenen Dinge in das, was nun da ist, so nuanciert hineinzustellen, dass es eben berücksichtigt das, um was es sich da handelt. Ich zum Beispiel bin ja so lang von Österreich fort, dass man natürlich vergessen hat, dass ich einmal da gewesen bin, dass man nichts mehr darauf gibt, dass ich dagewesen bin. Aber Doktor Kolisko, sehen Sie, ist da ein Malheur passiert, ein Malheur, das bei diesem Kongress recht fatal war. Doktor Kolisko ist eingeladen worden von der Wiener Ärzteschaft, bereits am 26. Mai innerhalb dieser Ärzteschaft einen Vortrag zu halten. Nun hat das ja seine Schattenseiten, es ist ja immer unangenehm, nur vor Fachleuten einen Vortrag zu halten über ein ganz neues Gebiet, über eine ganz neue Behandlungsweise, und da hat es denn, wie man in Österreich sagt, einen riesigen Spektakel gegeben, einen furchtbaren Krakehl, was natürlich ein schlechter Auftakt war zu unserem Kongress. Der Spektakel hat sich nicht fortgesetzt in unseren Kongress hinein, der Kongress ist außerordentlich harmonisch verlaufen nach allen Seiten, aber die Ärzte blieben eigentlich in ihrer Gesamtheit dem Kongress fern. Und da gerade wichtiges Medizinisches abgehandelt werden sollte in den Seminarien, so war das natürlich ein bedeutsamer Ausfall des ganzen Kongresses. Man wollte sich ja mit den Leuten auseinandersetzen. Aber dazu ist es ja gar nicht gekommen. Die Ärzteschaft war nicht da. Und das ist etwas, was uns wahrscheinlich lange nachgehen wird, was es außerordentlich schwierig machen wird, dass man in Österreich gerade die medizinische Seite zur Geltung bringen kann. Und das wäre außerordentlich wichtig gewesen aus dem Grunde, weil gerade die Medizin in Österreich immer eine ganz außerordentlich angesehene Vertretung gehabt hat.

Denken Sie nur, wenn es uns gelungen wäre, auch nur in anfänglicher Weise gerade in Österreich mit dem Medizinischen durchzudringen, so wäre das ein ungeheurer Fortschritt für unsere medizinische Sache gewesen. Das ist etwas, was uns entgangen ist. Es würde ja auch zu nichts geführt haben, dass ich Doktor Kolisko von dieser Sache abgeraten hätte; denn das ging nicht, weil er ja eingeladen war. Da konnte man nun wiederum nicht sagen, dass wir uns dieser Einladung entziehen würden oder wollten. Das durfte auch nicht gesagt werden. Es war also eine gewisse Schwierigkeit vorhanden. Das war die allgemeine Schwierigkeit, dass also die ausgezeichnete Auseinandersetzung Doktor Koliskos eben - ja nun — verhöhnt und verlacht, verpoltert wurde und eben dazu führte, dass die Ärzteschaft den Kongress sabotierte.

Aber bei Doktor Kolisko kam doch etwas Spezifisches dazu. Sonst würde ich gar nicht gesagt haben, dass ich schon so lange fort bin. Aber Doktor Kolisko wollte mit etwas ganz Einschneidendem auftreten. Da sagten sich aber die Leute: Der Kolisko, der Sohn eines noch in den Neunzigerjahren berühmten pathologischen Anatomen der Wiener Universität, der Kolisko, der ja bei uns gelernt hat, der richtiger Angehöriger der Wiener medizinischen Schule ist, der auch als Assistent gewirkt hat in Wien, ja, darf sich denn der das erlauben? Der hat ja noch den Bleistift, den er sich in Wien gekauft hat, der dazumal in Wien zu den Nachschriften benützt wurde, der ist jetzt ein ganz kleines Stumperl geworden, so oft hat er ihn gespitzt —, jetzt schreibt er mit unserem Bleistift die anthroposophische Sache auf, das geht natürlich nicht, das können wir nicht gestatten!

Ja, sehen Sie, das wirkte natürlich auch mit. Solche Dinge muss man durchaus in Betracht ziehen. Und so hatten wir natürlich diesen etwas unangenehmen Auftakt. Aber trotzdem verlief ja unser Kongress wirklich außerordentlich gut. Man darf sagen, dass sich die einzelnen Mitwirkenden in einer allerbesten Weise dort ausgesprochen haben, und man darf sagen, dass das Wiener Publikum wirklich in einer ganz einzigartigen Weise mitgegangen ist.

Nun dürfen wir bei all diesen Dingen nicht vergessen: Der Kongress war außerordentlich gut nach einer gewissen Richtung hin vorbereitet, und unsere Freunde van Leer, Polzer, Breitenstein, Zeissig, Eichenberger und viele andere haben sich die allergrößte Mühe gegeben, wirklich monatelang in intensivster Weise gearbeitet, denn die Kongress-Vorbereitung erfordert außerordentlich vieles, um alles das, was zur Administration dieses Kongresses nötig war, zu tun, sodass also der Kongress in einer wirklich außerordentlich emsigen und hingebungsvollen Weise vorbereitet war. Zugleich war das gegeben, dass wir gewissermaßen zum ersten Mal in voller Öffentlichkeit arbeiteten. Das war natürlich auch bei unseren anderen Unternehmungen der Fall. Aber es war nicht in der Art der Fall wie in Wien, dass wir also vor der vollen Öffentlichkeit arbeiteten und dass man den Kongress als etwas nahm, von dem man es als selbstverständlich betrachtete, dass sich die ganze Wiener Öffentlichkeit damit beschäftige. Es hat sich die ganze Wiener Öffentlichkeit mit diesem Kongress beschäftigt, und daraus ergaben sich natürlich auch allerlei Erscheinungen; denn es ist ja natürlich, dass die Leute nicht gleich im Anfange alles verdauen konnten, was wir ihnen geben mussten, was wir ihnen vortragen, vorführen mussten.

Aber man muss sagen: Sowohl in der Aufnahme der Vorträge wie in der Aufnahme der eurythmischen Darstellungen, die niemals eigentlich so warm aufgenommen worden sind wie in Wien, wie auch in der Aufnahme zum Beispiel des Deklamatorischen, überall hat sich gezeigt, dass mit einem gewissen künstlerischen Empfinden, abseits - möchte ich sagen — von dem Hinhören bloß auf das Dogmatische, in einem künstlerischen Erfassen bloß dasjenige lag, was eigentlich einem entgegengekommen ist.

Und so ist gerade bei diesem Kongress mit seinen künstlerischen Einschlüssen — mit der Bruckner-Aufführung, mit der Aufführung des Thomastik-Quartetts, mit dem sehr schönen Abend, der veranstaltet werden durfte durch Frau Werbeck-Svärdström, die in einer wirklich hingebungsvollen Weise mit ihrer Kunst diesen Kongress unterstützt hat -, in alle dem, was wir haben künstlerisch bieten können, und in dem künstlerischen Entgegennehmen auch des Vortragmäßigen ist eine ganz besondere Stimmung vorhanden gewesen. Und mindestens wird dort das Gefühl zurückgeblieben sein, dass man sich auseinandersetzen müsste mit den Problemen, um die es sich da gehandelt hat, dass tatsächlich die Frage Ost-West in einer solchen Weise, die auf das Geistige zurückgeht, angegriffen werden muss.

Und da war wirklich Wien ein gut gewählter Ort, das heißt der gegebene Ort, denn in keiner anderen Stadt würde man ebenso sehr gerade heute die Notwendigkeit des geistigen Ergreifens der Sache haben fühlen können. Es ist ja nun einmal so, dass dieses heute so furchtbar geplagte Österreich eigentlich gar nicht stark aufmerksam ist auf die anderen Gebiete des Lebens; die gehen so fort - oder eigentlich: gehen nicht fort. Aber gerade weil alles andere schon so weit im Niedergange ist in diesem Rumpf-Österreich, in diesem «Deutsch-Österreich» mit der viel zu großen Stadt Wien, deshalb wenden sich die Leute dort dem Geistigen zu. Und das ist ja gerade der Vorzug des österreichischen Katholizismus, dass er sich niemals so wie irgendein anderer Katholizismus eingeschworen hat auf das Dogma. Der österreichische Katholizismus ist eigentlich viel mehr auf das Schauen, auf das Empfinden hin gebaut. Selbst innerhalb des Klerus ist das Dogmatische etwas, was man achtet, was man pflegt, aber es ist nicht dasjenige, was eigentlich wirkt. Man hat nicht in Österreich die Meinung, dass man so stark auf ein Dogma schwören muss oder so stark Gegner eines Dogmas sein muss wie etwa in der Schweiz oder in Deutschland. Das Dogma ist etwas, was man auch mehr so wie ein Kunstwerk betrachtet.

Und so ist ja diese nun eben durchaus uralte Wiener Kultur mit ihrem starken künstlerischen Einschlag wirklich auch nach dieser Richtung außerordentlich empfänglich gewesen für das, was von unserer Seite aus gerade unter dem Gesichtspunkte Ost-West gebracht werden konnte, sodass wirklich gesagt werden muss: Alles verlief, indem sich das Einzelne immer mehr und mehr steigerte.

Und als dann der Kongress zu Ende war, da hat sich herausgestellt, wenn man dann mit diesem oder jenem in Wien gesprochen hat, dass man überall das, was vom Kongress ausgegangen ist, als eine starke Anregung zu betrachten hat, abgesehen davon, dass man hat bemerken können, wie stark dasjenige, was in den letzten Jahren von Anthroposophie ausgegangen ist, gerade in Wien, namentlich in gewissen Schichten der Bevölkerung, gewirkt hat. Es ist so, dass doch zum Beispiel auch von Dreigliederung, ohne dass sie genannt wird, ohne dass über den Ursprung etwas gesagt wird, dort sehr viel gedacht wird. Es wird in diesem Sinne, in diesem Stile gedacht. Sodass also tatsächlich man sagen muss: Wenn man auf den Verlauf des Kongresses an sich hinschaut — ich weiß natürlich, dass auch viel geschimpft worden ist und viel geschimpft werden wird, das dicke Ende wird auch da in dieser Beziehung ja nachkommen, das ist jetzt nicht die Frage -, so muss man sagen: Ein steigendes Interesse, eine Teilnahme aller Schichten der Bevölkerung.

Am letzten Abend erschien vor mir eine Anzahl von Arbeitern, die am ganzen Kongress teilgenommen hatten, und zeigten sich außerordentlich interessiert. Andere Schichten wiederum, die früher zu den höchsten gehört haben, zeigten sich auch außerordentlich interessiert. Sodass gerade dieser Kongress schon so abgelaufen ist, dass man sagen muss: Er bedeutet etwas innerhalb des äußeren Elementes unserer anthroposophischen Bewegung. Und wir werden natürlich gerade von dem, was da geschehen ist, außerordentlich viel zu lernen haben, denn so sind ganz Außenstehende nun endlich einmal dagewesen, die, wenn sie auch betont haben, dass sie mit vielem oder sogar mit allem nicht einverstanden sind, doch wenigstens die Sache als etwas betrachten, womit man sich beschäftigen muss.

Dieses ist etwas, was, wenn es in der richtigen Weise verstanden wird, ganz besonders in Anlehnung an den Wiener Kongress verfolgt werden kann, dass man in der Welt das Urteil bekommt: Das ist etwas, womit sich heute ein solcher Mensch, der etwas darauf gibt, nicht bloß mit den Niedergangskräften, sondern auch mit den Aufgangskräften zu rechnen, beschäftigen muss.

Es kann durchaus gesagt werden, dass abgesehen von dem äußeren Erfolg, der ja unstreitig da war in der wohlwollenden Aufnahme aller unserer Redner, der Zustimmung, die unsere Redner gefunden haben, der Zustimmung, die unsere künstlerischen Darbietungen gefunden haben, auch ganz zweifellos ein gewisser innerer Erfolg da war. Und aus diesem erwachsen uns wiederum neue Pflichten, Pflichten, die eigentlich wirklich recht tiefgehender Natur sind. Denn wir werden wiederum müssen, wenn der Kongress das sein soll, was er sein kann, ein bisschen weitherziger werden. Gerade unter den Wirkungen dieses Kongresses werden wir wiederum weitherziger werden müssen. Es ist durchaus notwendig, dass wir uns innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft nicht abschließen, sondern dass wir überallhin die Fäden zu all dem ziehen, was heute uns entgegentritt, wenn es auch oftmals ein ganz unklares Streben in sich hat; dass wir es auch nicht vermeiden, mit unseren Gegnern in diejenigen Beziehungen zu kommen, die wenigstens die Möglichkeit eröffnen können — wenn man auch scharfer Gegner sein muss - irgendwie in bestimmten Formen sich auseinanderzusetzen. Es ist das etwas, was uns als eine Pflicht wenigstens auferlegt wird.

Eine andere Pflicht ist diese, dass wir versuchen müssen, noch immer klarer und klarer die Tatsache herauszuarbeiten, dass Anthroposophie wirklich in allen Lebensgebieten fruchtbar arbeiten kann. Sodass man im Ganzen sagen kann: Der Wiener Kongress ist schon eine Art von Wendepunkt in Bezug auf dasjenige, was die anthroposophische Bewegung sein soll.

Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas, was in Bezug auf auch die Einzelheiten des Wiener Kongresses zu sagen war, unberücksichtigt gelassen habe, trotzdem ich scheinbar ganz allgemein gesprochen habe. Aber ich glaube, dass man diesen Wiener Kongress eben nur verstehen kann, wenn man ihn aus dem ganzen Wollen der anthroposophischen Bewegung heraus versteht, und wenn man ihn dann versteht in der Art, wie er in das spezifische österreichische Wesen hineinwirken konnte. Und da hat er in charakteristischer Weise gewirkt. Das werden gefühlt haben diejenigen unserer Freunde, die nun aus allen Ländern da waren, und ich glaube, dass auf der einen Seite die anthroposophische Bewegung allen Grund hat, es mit tiefer Befriedigung zu begrüßen, dass so viele Freunde wirklich aus aller Herren Länder da waren, und dass auf der andern Seite diese Freunde es immerhin nicht bedauern werden, gerade diese Wiener Veranstaltung mitgemacht zu haben.

Ich möchte nicht versäumen, es gerade bei dieser Betrachtung ausdrücklich zu sagen, dass es mir eine tiefe Befriedigung gewährt hat, dass dieser Aufruf, nach Wien zu kommen, bei so vielen unserer Freunde in den verschiedenen Ländern ein Echo gefunden hat, dass so viele gekommen sind. Denn es war wichtig, dass sehr viele unserer Freunde da waren, um mitzunehmen, was da gesprochen, gesungen, gespielt und so weiter worden ist. Aber es war auch wichtig, dass sehr viele unserer Freunde dasjenige empfindend mitnehmen, was da als eine besondere Atmosphäre gewirkt hat. So wollte ich gerade diesen Kongressverlauf darstellen.

German original of Report on the Vienna West-East Congress · ← Previous · Next →