Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 30 March 1913
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
[Übersetzung]
58, Grove Park Terrace
Chiswick London 30.3.13 Dear
Dr. Steiner,
ich denke, daß ich Ihnen mitteilen sollte, daß ich von mir aus entschlossen bin, England im Mai für immer zu verlassen und mit Ihrer Erlaubnis mein Schicksal ganz mit der Anthroposophischen Gesellschaft zu verbinden. Wenn ich etwas weiter bin, hoffe ich, daß es mir möglich sein wird, in diesen Zusammenhängen eine Arbeit zu leisten. Dr. Felkin kommt am 13. April zurück und ich werde ihm dann meinen Entschluß mitteilen. Er war sehr gut zu mir und ich fürchte, er wird nicht sehr erfreut sein, da er annimmt, daß ich nur für etwa ein Jahr fortgehe. Dieses möchte ich Ihnen zuerst mitteilen, da er zweifellos darauf zu sprechen kommen wird, wenn er Sie in London trifft. Die ersten paar Monate in München möchte ich ganz dem Studium widmen, es stört mich furchtbar, nicht deutsch zu verstehen, man hat das Gefühl, anderen dadurch so lästig zu fallen. Wenn ich dann nach Berlin gehe - leider verfüge ich nicht über Mittel, von denen ich leben kann -, muß ich mich nach einer Arbeit umsehen, aber deswegen will ich mich nicht unnötig beunruhigen, denn ich habe das Gefühl, den richtigen Entschluß gefaßt zu haben, und daß zur rechten Zeit auch eine Arbeitsmöglichkeit sich ergeben wird.
Sie waren vielleicht etwas erstaunt, daß ich letztlich nichts für Nevill Meakin getan habe, und ich möchte das erklären. Dr. Felkin sagte mir mehrmals, daß er während der ersten sechs Monate nicht erreichbar sei und daß jeder Versuch, an ihn zu gelangen, ihm Schaden zufügen könnte. Ich habe nicht verstanden, wie irgendetwas, was ich täte, für ihn schädlich sein könnte, aber in der Annahme, daß Dr. Felkin viel mehr weiß als ich — daß er konkrete Kenntnisse hat -, habe ich mich zufrieden gegeben und nichts weiter versucht, als ihm einige hilfreiche Gedanken und Gebete zu senden — besonders an Freitagen. Ich glaube nicht, daß Dr. Felkin mich oder die Situation wirklich versteht, obwohl ich weiß, daß er sie zu verstehen meint, und so werde ich nun das tun, was ich selbst für richtig halte. Möglicherweise haben Sie gedacht, daß wir [Meakin und ich] verlobt seien, das war aber nicht der Fall, und wir hätten nie geheiratet, obwohl ich es auf seinen Wunsch hin getan hätte, weil ich dachte, er könnte länger leben, wenn er jemanden hätte, der sich um ihn kümmert.
Ich lese ihm nun jeden Tag vor, und habe ihm gesagt, daß, wenn er jemanden kennt, der zuhören möchte, er ihn mitbringen könne, vorausgesetzt, er könne mich verstehen; ich bin mir nicht ganz klar in bezug auf die Möglichkeiten.
Ich vergaß Sie zu fragen, ob Sie meinen nach Banka-Straat gerichteten Brief erhalten haben, er enthielt allerdings nichts außer meinem Dank für alle Hilfe, die Sie mir zuteil werden ließen. Ich hätte Ihnen neulich gern noch einiges gesagt, aber es war zu lang und zu schwierig, und ich mochte es auch nicht vor anderen sagen. Der Gedanke, nach Deutschland zu kommen, macht mich sehr glücklich.
Auf Wiedersehen in England [auf deutsch]
Ihre ergebene
L. Edith C. Maryon
Ich versuchte, durch Herrn Schureé zu erfahren, was Sie damit meinten, daß «Erkenntnis eine Metamorphose des Todes» ist. Obwohl er recht interessant sprach über die Begegnung zwischen dem höheren und dem niederen Selbst, gab er mir keine rechte Erklärung von dem Sinn Ihres Satzes, und mein eigenes Verständnis davon ist zu vage.