Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 4 June 1919, Stuttgart
Letter to Edith Maryon
Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 4. Juni 1919
Liebes Fräulein E. Maryon!
Vielen Dank für den Brief. Längst ist es, daß ich antworten wollte, aber viele Arbeit lastet auf mir. Und Arbeit, bei der wirklich alles lange bedacht sein will. Hätte man nicht zu allem übrigen noch immerfort die entstehenden Mißverständnisse gegen sich, so wäre natürlich alles leichter. Allein alles was man sagt, wird sogleich zu etwas ganz anderem, wenn es wieder erzählt wird. Man sieht, daß einen die Leute bekämpfen von allen Seiten, weil sie falsch berichtet werden. Die Menschen haben das Bestreben, alles in eine Parteischablone hineinzuschieben, und wenn es eben etwas ist, was mit gar keiner Parteischablone zu tun hat, dann machen sie etwas ganz anderes daraus. Das tun nicht nur Gegner, das tun auch Menschen, die wohlwollend sich zu der Sache verhalten, die ich vertrete. Und so ist alle wirkliche Arbeit sehr schwer. Mit großer Befriedigung höre ich, daß die Bildhauerarbeiten in Dornach weitergehen und es wird mir sehr lieb sein, wenn ich wieder fern dem augenblicklichen Tagesgetriebe dort künstlerisch arbeiten kann. Aber der Zeitnotwendigkeit muß eben gedient sein. Man darf sich keiner Pflicht entziehen. Wie ich höre, ist jetzt mein Buch über die soziale Frage auch in der Schweiz erschienen; ich hoffe, daß man daraus sieht, was ich wirklich will und daß manches sich vielleicht beruhigt, was doch nur aus dem Geschwätze von Gegnern und auch Anfängern stammt.
Ich bin aber befriedigt, daß es doch noch Menschen gibt, die mich richtig verstehen und aus diesem Gedanken heraus
grüßt herzlich in unveränderlicher Gesinnung
Dr. Rudolf Steiner
Stuttgart, Landhausstrasse 70, (bei Kinkel)