Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 28 June 1919, Stuttgart
Letter to Edith Maryon
Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 28. Juni 1919
Mein liebes Fräulein E. Maryon!
Briefe und Bildsendung habe ich zu meiner großen Befriedigung erhalten. Hier muß die Arbeit noch einige Zeit fortgehen. Aber ich glaube, daß es für diesmal nicht mehr allzulange sein wird. Schr sehne ich mich nach der Arbeit im Bildhaueratelier in Dornach. Und es wird wohl so sein, daß ich nach einiger Zeit wieder dort sein kann, um dann noch einmal hieher zurückzukommen zur Einrichtung einer Schule, die für Stuttgart projektiert ist. Doch ist heute noch über die nächste Zeiteinteilung Sicheres nicht zu sagen. Die Zeitverhältnisse lassen solche Sicherheit nicht zu.
Es ist sehr schwierig, Verständnis zu finden gerade für das, was in diesen Zeitverhältnissen das Allernotwendigste ist. Aus einem geistigen Untergrunde heraus dieses Notwendige zu verstehen, wird den Menschen unserer Zeit schwer. Sie haben sich unter dem Einfluß der materialistischen Denkgewohnbheiten entfernt von dem Verstehen, wie das Geistige auch im Materiellen wirkt. Sie glauben, daß Materielles nur durch Materielles gebessert werden kann. Und so sehen sie nicht ein, daß jeder Versuch, Materielles durch bloß Materielles zu bessern, weiter in die Verwirrung hineinführen muß. Mein Buch ist manchem unverständlich, bloß deshalb, weil es anderes enthält, als was er bisher zu denken gewohnt war. Und wenn sich die Menschen schon anderer Gewohnheiten schwer entledigen: bei den Denkgewohnheiten tun sie es am allerschwersten. Und doch: es wird kein Heil für unsere Zeit geben als allein durch Umdenken, Umlernen.
Viel denke ich an unsere Arbeit im Dornacher Bildhaueratelier und wäre gerne dabei. Allein die pflichtgemäße Arbeit muß getan sein und nur die Gedanken können dort sein.
Mit herzlichstem Gruß
Dr. Rudolf Steiner
z.Z. Stuttgart, Landhausstraße 70 (bei Kinkel)