Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 6 July 1919
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa Rosenau
Arlesheim bei Basel, 6. Juli 1919
Sehr verehrter lieber Lehrer,
ich sende Ihnen hiermit die letzte Photographie des Christus-Kopfes, sie ist auch bis jetzt die beste. Dann möchte ich gerne wissen, ob ich den Titel des Buches «The roots of the social questions in the vital needs of the present and future» nennen darf. «Germs» gefallen nicht, sie klingen eben etwas humoristisch und niemand ist damit zufrieden. Ich warte jetzt auf eine Antwort von Messrs. Routledge (statt National Labour Press, diese haben kein Büro in London, und Miss Franklin hat sich an den anderen. Verlag gewendet.)
Es tut mir wirklich sehr leid, daß die Arbeit so sehr erschwert ist durch so wenig Verständnis. Herr Dr. Boos war heute hier und scheint mit dem Fortschritt in der Schweiz sehr zufrieden. Ein sehr netter Brief ist von einer Dame in England gekommen, sie scheint Verständnis für die Sache zu haben und bietet sich an, die Übersetzung zu machen. Eine Amerikanerin, jetzt Engländerin, ist mir heute vorgestellt worden durch Herrn Dr. Boos und sie verspricht Mittel und sonstige Hilfe. Sie war sehr nett. Sie möchte Bernard Shaw und Wells gewinnen für die Sache, wenn sie könnte, die könnten vieles leisten für die Sache. Im Atelier kommen diese Woche die letzten Blocks hinein, alles wird dann arrangiert sein, nur sehnt sich die Arbeit sehr nach dem ersten Bildhauer, besonders bei der Christus-Figur.
Eine schreckliche Wohnungsnot ist ausgebrochen, viele Häuser sind verkauft worden. Eine reiche Schweizerin hat für das Zimmer von Frl. Clason das Doppelte angeboten, mehr als das Dreifache für die Bedienung usw., so ist Frl. C. jetzt auf der Straße. Mein Leben hier wird wohl auch kurz sein, das Doppelte wird schon für Heizung verlangt usw., und schon bin ich gefragt worden, ob es nicht besser wäre, andere Zimmer zu finden! Aber ich bleibe (noch) ein bißchen länger. Mit Herrn Bay habe ich jetzt viel darüber gesprochen, ob es möglich wäre, kleine Häuser zu bauen und Zimmer um 30-35 frs. abzugeben, und jetzt beschäftigt er sich mit der Frage. Ich meinte, vielleicht könnte meine Mutter mir das Geld für eine Drei-Zimmer-Wohnung leihen, falls man Land mieten könnte in der Nähe der Kantine oder des Büros (wegen Wasserleitung etc.). Herr Bay denkt, einige reiche Berner Mitglieder würden gerne solche Häuser bauen. Ich aber warte erst Ihre Meinung ab, bis Sie kommen. Der Plan ist für 2 Zimmer, 2 Küchen, aber ich möchte 3 Zimmer und 1 Küche, und dachte, es wäre vielleicht etwas für Kisseleff, Clason und mich, falls der Preis im Rahmen der Möglichkeit liegt. Auch Ihre Meinung muß ich erst wissen darüber; wir warten, bis Sie kommen, hoffen nur, daß das Warten nicht mehr lange dauern wird. Die letzte Korrektur des Buches geht sehr langsam voran, der Kopf ist etwas müde geworden, wie es scheint!
In England wird ein kleines Comité gebildet für die Arbeiten an der sozialen Frage. Herr Dr. Boos schlägt vor, ich sollte nach England reisen und Lichtbilder-Vorträge halten über das Goetheanum!!
Es gibt auch viel Arbeit hier, Stuttgart hat schon sehr viel gehabt.
Mit herzlichsten Grüßen
L. Edith C. Maryon