Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 25 July 1919, Stuttgart
Letter to Edith Maryon
Rudolf Steiner an Edith Maryon
Stuttgart, 25. Juli 1919
Mein liebes Fräulein Edith Maryon!
Es ist schön, daß ich die beiden Briefe und das Bild unserer künstlerischen Arbeit miterhalten habe. Leider muß ich hören, daß dort sich für das Wohnen solche Schwierigkeiten ergeben. Vielleicht läßt sich doch etwas ordnen, wodurch diese Schwierigkeiten geringer werden. Meine Arbeit hier ist nicht weniger geworden. Zum Beispiel in den letzten Tagen hielt ich Sonntag Vortrag hier, Montag in Heilbronn, Dienstag in Ulm, Mittwoch hier, Donnerstag sprach ich zur Eurythmie hier, heute hat[te] ich viele Konferenzen und so weiter. Dazwischen vieles zu besprechen, zu schreiben.
Wie gerne wäre ich wieder bei unserer künstlerischen Arbeit: Vorläufig besteht die Absicht, daß wir in der ersten Hälfte August nach Dornach gehen. Aber es ist in der jetzigen Zeit alles ungewiß. Ich hoffe aber bestimmt, daß sich dieses verwirklicht. Dann müßte ich aber zweite Hälfte August wieder in Stuttgart sein, wo ich einen Kursus zu halten habe für die Lehrer einer in meinem Sinne zu gründenden Schule. Aber ich wäre doch, wenn alles so geht, wie ich jetzt denken muß, eine kurze Zeit wieder bei der Arbeit im Bildhaueratelier. - Boos hat mittlerweile in der Schweiz gute Arbeit geleistet.
Verstanden wird die Ideenrichtung doch wenig. Gewiß Wenige sind, die Verständnis zeigen. Doch ist viel Mißverständnis, und man kommt für die Zeitverhältnisse viel zu langsam vorwärts. Auch Sie haben ja mit der Übersetzung meines Buches Schwierigkeiten. Es wird aber von einer großen Bedeutung sein, daß diese Übersetzung in die Welt kommt.
In der letzten Zeit habe ich zu den andersartigen Vorträgen auch anthroposophische hinzu gehalten. Man kann sogar sagen, daß für diese mehr Entgegenkommen jetzt ist als für die andern.
Ich denke in den Zeiten, die mir bleiben von meiner Arbeit, viel an die Bildhauerarbeit in unserem Atelier. Befriedigend wird mir sein, wieder dort zu sein. Wir wollen sehen, ob dies in der ersten
Hälfte August sein wird. Für heute herzlichste Grüße von
Rudolf Steiner
Stuttgart, Landhausstraße 70