Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 9 August 1923, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum Donnerstag
Dornach bei Basel [, 9. August 1923]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
von gestern ist wenig zu melden, ich erreichte das Minimum von Arbeit und das Maximum von Faulheit! Das einzige Ereignis war, daß ein ganz unbekannter Herr plötzlich im Treppenhaus erschien und sich als der Schwager von Frau v. Wassmer ausgab und ihr Zimmer im Haus III sehen wollte! Sie ist aber abgereist und man konnte solch eine Bitte natürlich nicht erfüllen. War es nicht eine Frechheit?
Jeden Tag ist es heißer, obwohl es ein bißchen frischen Wind gibt. Heute kam der 4. willkommene Brief, der Harwich-Brief kam Montag, der Ilkley-Brief Dienstag. Ich schreibe jetzt meinen 5. Der 4. war extra wegen «Schnee» [Schnupftabak].
Gestern war solch ein schöner Sonnenuntergang. Der Hintergrund war türkis oder gold, und überall leicht rosa Wolken von ganz blaß hellrosa bis zu einem kräftigen Rot, aber alle sahen so selbstleuchtend und schimmernd aus, ganz wunderbar schön.
Ich bedaure sehr, daß so wenig Männer nach Ilkley gekommen sind, aber ohne ganz besondere Maßnahmen sind Männer in England schwer zu bekommen. Für einen Vortrag in der «British Institution» sind sie zu haben, weil alle anderen hingehen, oder für ein «Football Match» oder sonstigen Sport. Abgesehen von solchen Veranstaltungen haben sie Angst vor allem Neuen, sie denken, man könnte sie als sonderbar empfinden. Sogar einige bekannte Männer haben Mrs. Mackenzie privat zugestanden, daß sie eben feige sind! Außerhalb der Heerscharen der Gewöhnlichen wollen sie nicht auftreten. Ich finde sie ziemlich hoffnungslos, die Frauen sind noch ein wenig besser; aber einmal muß man doch die Männer erreichen auf irgendeine Weise.
Penmaenmawr scheint immer in Nebel gehüllt, ich bin etwas gespannt, wieviel Überraschungen man dort erleben wird! Man muß das Beste hoffen!
Ich sende die allerbesten Gedanken und Grüße
Edith Maryon