Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 14 August 1923, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier, Goetheanum
Dornach bei Basel, 14. August 1923
Sehr verehrter lieber Lehrer,
heute haben Sie einen vielbesetzten Tag. Hoffentlich viel Publikum und Erfolge für die Eurythmie.
Gestern war sehr schönes Wetter, ich saß lange im Garten, und las, nähte, habe auch [Eurythmie-]Fig.[uren] gemalt — alles aber in minimalen Dosen! Der Vortrag in Bingley brachte, daß ich an amerikanische «quick lunches» denke, nur geistiger Art, es ist wohl soviel geistige Substanz niemals so zusammengepreßt und zusammengedrängt worden in eine so kurze Zeitspanne. Waren wieder so viele Tanten im Publikum oder waren auch Onkels dabei?
Vor fünf Tagen kam ein Wolfram-Deventer an in Leipzig - ich glaube ein Bub - vielleicht aber wissen Sie schon davon. Es freut mich, daß Sie die Eurythmie-Figuren gebrauchen können bei einem Vortrag wie in Oxford — hoffentlich wird Baron Rosenkrantz sie recht künstlerisch arrangieren zu diesem Zwecke, ich denke, er wird es gerne tun.
Frl. Bauer sagt mir, daß aus den jetzigen Gesprächen von der Entlobung von Schl. hervorgeht, daß beide Seiten sich eigentlich die Sache etwas anders vorgestellt haben. Sie meinte, sie könnte einige Dinge in ihm umändern und ihn etwas mehr in die Höhe heben, und hat dann entdeckt, daß so was gar nicht ginge. Er hat auf seiner Seite gemeint, sie sollte sich nur als Hausfrau betätigen, was ihr dann nicht gefallen hat. Ich glaube, beide sind zufrieden, dieses gelernt zu haben, ehe es zu spät war, wenigstens so sagen die Leute. Persönlich weiß ich nichts.
Ehrsam geht es wieder besser, er geht in der nächsten Zeit drei Monate nach Davos.
Es ist furchtbar trocken hier, kein Regen, Gemüse und Obst trocknen aus und fallen frühzeitig ab.
Wird es möglich sein, ein Michaeli-Fest zu feiern? Oder ist es noch zu früh?
Ich hoffe, alles geht gut und sende herzlichste Grüße
Edith Maryon