Correspondence with Edith Maryon 1912–1924

GA 263 — 13 September 1923, Stuttgart

Letter to Edith Maryon

Rudolf Steiner an Edith Maryon

[Stuttgart
vermutlich 13. September 1923] Meine liebe Edith Maryon!

Die Reise ging gut. Man kam gegen 1 Uhr nachts an. Am Morgen ging ich zunächst zur Schule, dann 10 Uhr zur Versammlung. Die Versammlungen mit den Diskussionen dauern von 10 bis 6 mit Mittagspause. Dazu kommen die Abendvorträge. Es ist also für die paar Tage gesorgt, daß man nicht allzuviel müßig geht.

Die Stuttgarter versprechen sich von dieser Tagung viel. Aber trotzdem sie allen ihren guten Willen aufnehmen, wird kaum das Rechte herauskommen. Denn dieser «gute Wille» ist eben nicht die geistige Kraft des Willens, sondern die Vorstellung (Illusion), daß man den Willen habe. Diese Persönlichkeiten haben die großen Fähigkeiten - das zeigt sich zum Beispiel bei den Waldorflehrern; sie sind sogar in vieler Beziehung genial -; aber vom Willen doch nur die «Vorstellung vom Willen». Und so sagen sie sich: wir haben den «guten Willen», aber wir verstehen nicht, was wir sollen. Die Wahrheit aber ist, daß sie sich sagen sollten: Wir verstehen so gut als nur möglich, was wir sollen; aber wir wollen nicht.

Ja, die Wahrheit ist eben erst hinter der Illusion.

Hoffentlich geht es dort gut; ich freue mich, bald wieder dort zu sein. Für heute die herzlichsten Grüße und Gedanken

Rudolf Steiner

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