Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264 — Munich
Rundbrief an alle Esoterischen Schüler
Rundbrief an alle Esoterischen Schüler
Vertranlich München, 4. Mai 1907
Die bevorstehende Wahl des Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft
An alle diejenigen Mitglieder der deutschen Sektion, welche eine esoterische Schulung durch mich suchen
Es obliegt mir in diesen Tagen, in denen die Abstimmung der deutschen Sektion über den zukünftigen Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft vor sich gehen soll, einiges zu denen im besonderen zu sprechen, welche der esoterischen Strömung angehören.
Der Esoteriker steht ja zu dem spirituellen Leben noch in einem anderen Verhältnisse als dasjenige ist, welches die Mitgliedschaft zur exoterischen Gesellschaft bedingt. Die Mitglieder der exoterischen Theosophischen Gesellschaft haben es mit nichts anderem zu tun als mit den Statuten. Und statutengemäß liegt die Nominierung von Mrs. Besant durch Col. Olcott zum zukünftigen Präsidenten vor. Das Mitglied wird sich also nur zu fragen haben, ob es Mrs. Besant für den geeigneten Präsidenten hält, oder nicht, und demgemäß seine Stimme abgeben. Damit ist exoterisch alles erschöpft, was in Betracht kommt.
Anders steht die Sache, wenn man sie als Esoteriker ansieht. Da liegt die Tatsache vor, daß von Adyar aus verkündet worden ist, die Nominierung sei durch Col. Olcott auf das Geheiß seiner Meister vollzogen worden, die kurz vor seinem Abgange vom physischen Plan an seinem Krankenbette erschienen seien. Und Mrs. Besant hat mit aller nur möglichen Deutlichkeit betont, daß sie die Wahl annehme, weil ihr Meister ihr gesagt habe, sie solle dieses tun.
Ich spreche nun in diesem Briefe nur zu solchen, die zu mir Vertrauen haben. Denn nur solche haben sich in bezug auf esoterische Ratschläge an mich gewendet. Hätten sie dieses Vertrauen nicht, so würden sie sich nicht an mich gewendet haben. Und ich fordere nochmals ausdrücklich hier auf, daß nur diejenigen diese meine Worte hören mögen, welche dieses Vertrauen haben. Die andern mögen sie einfach unberücksichtigt lassen.
Okkulte Zusammenhänge liegen verwickelt. Und deshalb soll auch niemand glauben, daß es leicht sei, über sie zu sprechen. Es wird die Zeit kommen, in der ich deutlicher als heute über die Erscheinungen in Adyar werde reden dürfen.
Es war bisher mein Grundsatz, innerhalb der theosophischen Bewegung nichts vorzubringen, was ich nicht mit meinem Wissen selbst verantworten kann. Dies muß auch weiter mein Grundsatz bleiben. Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht Andere das lehren sollen, was sie auf Vertrauen hin annehmen. Ich betone ausdrücklich, daß sie Recht haben, solches zu tun. Nur mein Grundsatz muß der obige sein. Aus diesem Grundsatz heraus allein fühle ich mich berechtigt, esoterisch so zu Theosophen und zu den Menschen überhaupt mich zu stellen, wie ich es tue.
Nach diesen Voraussetzungen sage ich nun, was ich zur Nominierung von Mrs. Besant zu sagen habe.
Aus allen Diskussionen, die über die Meister-Erscheinungen in Adyar gepflogen worden sind, tönt immer wieder durch: entweder sind sie wahr, dann wäre es ein Auflehnen gegen die Meister, ihnen nicht zu folgen; oder sie sind falsch, dann kann von einem Berücksichtigen nicht die Rede sein, und dann steht überhaupt alles in Frage, was mit der Führerschaft von Mrs. Besant zusammenhängt. Es besteht aber ein solcher Gegensatz gar nicht. Es sollte innerhalb des wirklichen Okkultismus gar nicht von einer etwaigen Unechtheit der Erscheinungen in Adyar gesprochen werden. Ihre Echtheit anzufechten wird einem wirklichen Okkultisten gar nicht in den Sinn kommen.
Ich selbst muß nun dennoch eine andere Ansicht über diese Erscheinungen haben als Mrs. Besant. Das ändert aber nicht die folgenden Tatsachen.
Mrs. Besant steht innerhalb des spirituellen Lebens. In ihr lebt jenes spirituelle Leben, das von den geistigen Mächten ausgeht. Und wer innerhalb der Theosophischen Gesellschaft dieses spirituelle Leben haben will, für den erscheint im gegenwärtigen Augenblick Mrs. Besant als die geeignete Persönlichkeit zur Präsidentschaft.
Ich habe andere Erlebnisse in bezug auf viele Dinge, die schwer in Betracht fallen, als Mrs. Besant. Ich muß annehmen, daß durch sie manche Schwierigkeiten in der Führung der mitteleuropäischen esoterischen Angelegenheiten kommen können. Und ich werde nie anders mich zu denen verhalten, die zu mir Vertrauen haben, als so, wie ich es mit eigenem Wissen verantworten, wie ich es selbst vor den Individualitäten verantworten kann, die wir als die Meister bezeichnen. Noch einmal betone ich es: Wer zu mir das Vertrauen in dieser Richtung nicht hat, der höre nicht auf mich. Ich will jedem die Botschaft geben, die ich zu geben vermag; aber ich möchte, daß niemand sie anders als aus der völlig freien Entschließung seines Herzens entgegennehme.
Gerade weil ich mich so ganz unabhängig fühle von einem jeglichen Autoritätsglauben Mrs. Besant gegenüber, gerade weil ich in manchem andere Wege vorgezeichnet finden muß durch die erhabenen Individualitäten, die wir die Meister nennen: gerade deshalb darf ich auch sagen, ich bin völlig einer Ansicht mit Mrs. Besant darin, daß die Theosophische Gesellschaft ihre Stärke, Kraft, ja ihren Inhalt von den Meistern hat, und daß sie ersterben muß, wenn sie die Meister und damit das spirituelle Leben verleugnen wollte.
Selbst wenn ich innerhalb der Präsidentschaft von Mrs. Besant in manchem andere Wege gehen müßte als Mrs. Besant, so müßte ich doch sagen: sie erscheint mir als der richtige Präsident. Und selbst, wenn ich gesagt habe: ich habe andere Erlebnisse über die Adyar-Erscheinungen als Mrs. Besant, so muß ich doch sagen: esoterisch hat Mrs. Besant Recht mit ihrer Berufung auf die Meister.
Dieses alles ist allein für mich maßgebend, wenn ich ebenso klar wie offen den esoterisch Strebenden gegenüber zum Ausdrucke bringe, daß für mich Mrs. Besant die geeignete Persönlichkeit ist für die Präsidentschaft, wie andrerseits, daß für alle, welche zu mir Vertrauen haben, niemals durch irgendeine Persönlichkeit eine «psychische T'yrannei» wird ausgeübt werden können.
Die Diskussion aber darüber, ob die Adyar-Erscheinungen echt seien, oder nicht, kann der Okkultist nur als unesoterisch bezeichnen und davon absehen.
Angesichts der Verantwortung, welche ich gegenüber den Weisen der Menschheit mit diesem Briefe übernehme,
grüße ich Euch
Rudolf Steiner