Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264 — Hildesheim
Rudolf Steiners Stellung in der Geschichte der Okkulten Bewegung
Freie Esoterik - eine Frage der Methodik
Rudolf Steiner ist der bahnbrechende Führer geworden auf dem Gebiete der Esoterik, auf dem durch ihn der Mensch der Freiheit übergeben werden sollte.1
Als erster moderner Wissenschaftler des Übersinnlichen war Rudolf Steiner ganz auf sich gestellt. Stets lehrte er nur, was er aus persönlicher Erfahrung geben und verantworten konnte. Seiner Zeit weit vorausschauend, hatte er erkannt, daß die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert nicht nur ein neues Jahrhundert, sondern ein völlig neues Zeitalter einleitet, in dem die Menschheit sich mit sozialen Umwälzungen ungeahnten Ausmaßes werde konfrontiert sehen. Mit dem immer stärker einsetzenden Individualbewußtsein werde ein ungeheures Ringen um Freiheit beginnen; durch die immer lebensbeherrschender werdende agnostisch-pragmatische Denkweise der mechanisch-materialistischen Wissenschaften werden zwar große technisch-wirtschaftliche Fortschritte erzielt werden, aber zugleich die letzten Reste des altvererbten Wissens vom Zusammenhang mit der Welt des Schöpferisch-Geistigen als dem wahren Urgrund und Ziel allen Daseins verlorengehen. Die unausbleibliche Folge davon müssen weltweite geistige Verödung und das Gefühl von Sinnlosigkeit des Lebens werden.
Aus dieser Einsicht gewann Rudolf Steiner die Überzeugung, daß diesem um des allgemeinen Fortschrittes notwendigen geschichtlichen Prozeß nur durch eines begegnet werden könne: durch eine im modernen Individualbewußtsein wurzelnde, aber wiederum nach dem Schöpferisch-Geistigen orientierte neue Welt- und Lebensanschauung. Und so entwickelte er aus seinem persönlichen Erfahrungswissen von der übersinnlichen Welt- und Lebensbestimmung die moderne Geisteswissenschaft «Anthroposophie» und lebte und lehrte dem Geiste der neuen Zeit gemäß nach dem Grundsatz: Freiheit durch modernen Wissenschaftsgeist auch auf dem Gebiete des Übersinnlichen, der Esoterik.
Mit dieser Grundintention bewirkte er zugleich einen Wendepunkt in der Geschichte der okkulten Bewegung. Denn deren Weisheitsgut stammte aus anderen Bewußtseinsquellen. Es ging zurück auf die sogenannte Urweisheit, die der Menschheit in Urwelttagen geoffenbart worden war und ihr eine sehr weitgehende Beherrschung der materiellen Daseinskräfte ermöglicht hatte. Solange der Mensch noch ohne Eigenverantwortlichkeit in voller Übereinstimmung mit den Intentionen der spirituellen Welten handelte, bildete diese Weisheit ein allgemeines Wissensgut. Als aber auf dem Wege zur Persönlichkeitsbildung der Egoismus auftrat und die selbstverständliche Verbindung mit den übersinnlichen Welten mehr und mehr dahinschwand, mußte das machtverleihende übersinnliche Wissen vor Mißbrauch geschützt werden. Es wurde in die Mysterien zurückgezogen. Von da aus bestimmte es aber noch lange, bis in die Anfänge der christlichen Zeit hinein, das öffentliche Kulturleben. Erst als durch das Christentum und den heraufziehenden Intellektualismus sich das fortschrittliche Kulturbewußtsein immer stärker nur auf die Erkenntnis der materiellen Weltgesetze richtete, verloren die alten Mysterien nach und nach ihre dominierende Stellung und wurden schließlich als öffentliche Institutionen ausgerottet. Seitdem konnte die alte Mysterienweisheit nur noch in geheimen engen Zirkeln gepflegt werden. Dort war sie streng behütet worden, bis im 19. Jahrhundert die Zeichen der Zeit forderten, dem ausschließlich materialistisch-agnostischen Kulturdenken einen spirituellen Gegenpol zu schaffen.
Diese Aufgabe hatte eine Frage erzeugt, die zu einem schwerwiegenden Problem für die okkulte Bewegung des 19. Jahrhunderts geworden war. Es war die Frage, ob unter diesen Umständen das Weisheitsgut noch weiterhin geheimgehalten werden soll, oder ob es nicht richtiger wäre, es zu popularisieren. Diese Frage rührte so tief an den Lebensnerv der bisher geübten Arbeitsweise - da man ja seit altersher verpflichtet war, die höheren Wahrheiten nur an entsprechend Vorbereitete weiterzugeben, um sie vor Mißbrauch zu schützen -, daß man sich nicht sofort zu einer Popularisierung entschließen konnte. Man versuchte es mit der Kompromißlösung, zuerst einmal gewissermaßen zu testen, wie das öffentliche Bewußtsein auf die Kunde von der Existenz geistiger Welten und Wesen überhaupt reagieren würde. So kam es zu den Kundgebungen der spiritistischmediumistischen Bewegung der vierziger bis siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Das Ergebnis war allerdings anders als erwartet, doch war der Damm der strengen Geheimhaltung durchbrochen und so wurde es nun doch unumgänglich, wenigstens die Grundwahrheiten zu popularisieren. Dies geschah über die im Jahre 1875 durch die Russin Helena Petrowna Blavatsky und den Amerikaner Henry Steel Olcott gegründete Theosophische Gesellschaft.
Zwar hatten diese beiden Versuche zu aufsehenerregenden Bewegungen geführt, mußten im tieferen Sinne aber doch als gescheitert gelten, vornehmlich, weil das kulturbestimmende naturwissenschaftliche Denken den medialen Weg als unwissenschaftlich ablehnte. Dies war insofern berechtigt, als der mediale Weg nicht nur ein Zurückkehren zu früheren Bewußtseinsstufen, sondern auch eine Beeinträchtigung des freien Selbstbestimmungsrechtes bedeutete. Andererseits war der Mediumismus die einzige bis dahin bestehende Methode für übersinnliches Forschen.2
Während man so in der okkulten Bewegung noch am Ende des 19. Jahrhunderts diesem Dilemma gegenüberstand, war das Problem durch Rudolf Steiner auf seinem ganz individuellen Geistesweg gelöst worden. Dem Übersinnlichen nicht über die in den Geheimgesellschaften bewahrten traditionellen Lehren, sondern seit seiner Kindheit durch eigenes Erleben ganz selbstverständlich verbunden, und aufgrund seines naturwissenschaftlichen Bildungsganges auch die mechanisch-materialistische Denk weise der Wissenschaften beherrschend, hatte er die entscheidende Erkenntnis gewonnen, daß sich übersinnliches Wissen und Wesen nur dann heilsam mit dem modernen Kulturbewußtsein werde verbinden lassen, wenn die Methode ebensolche Sicherheit und Unabhängigkeit gewähren könne, wie dies in der modernen Naturforschung der Fall ist.
Aufgrund dieser Erkenntnis hatte er es sich zu seiner ersten Aufgabe gemacht, eine ganz auf naturwissenschaftlichen Prinzipien beruhende Methode für übersinnliches Forschen zu entwickeln. Auf dem Wege strenger Selbstschulung vom sinnlichkeitserfüllten zum sinnlichkeitsfreien Denken fand er die notwendige Wissenssicherheit über das Geistige als solches. Zugleich entdeckte er die Freiheit als reales Erlebnis und als Träger des eigentlichen Sittlichen. So wurde ihm das sinnlichkeitsfreie Denken zum Ansatzpunkt für eine wissenschaftlich klare Verbindung zur übersinnlichen Welt und zu einer Wissenschaft der Freiheit als Grundlage eines «ethischen Individualismus».
Das konsequent weitergebildete Erleben vom Wesen des Ich führte im weiteren zur Erkenntnis des makrokosmischen Repräsentanten der Ichheit, des Christus-Geistes, dessen Natur sich in wahrer Freiheit und Liebe offenbart. Somit hatte sich Rudolf Steiner auch einen Weg gebahnt zum zeitgemäßen Verständnis der beiden größten christlichen Ideale, Freiheit und Liebe, wie sie sich dann später immer wieder von ihm dargelegt finden als die Grundimpulse des Mittelpunktsereignisses der Menschheitsentwicklung, des Mysteriums von Golgatha und der damit zusammenhängenden tiefsten Aufgabe der Menschheit: die Erde zu einem Kosmos der Freiheit und Liebe zu gestalten (Düsseldorf, 18. April 1909).
Auf dieses Verhältnis von Menschen-Ich und Welten-Ich weist die spätere Äußerung, daß der ethische Individualismus der «Philosophie der Freiheit» bereits auf den Christus-Impuls gebaut ist, auch wenn dies dort nicht direkt ausgesprochen ist (Dornach, 24. Mai 1920), sowie die andere Äußerung, daß es in der Gegenwart keinen anderen Weg gebe, «ursprüngliche Initiationsweisheit unmittelbar mitzuteilen, als wenn man die Gemeinschaft mit dem Christus hält» (Stuttgart, 7. März 1920).
Aufgrund dieser Gemeinschaft mit der über das sinnlichkeitsfreie Denken erreichten «Emanzipation des höheren Menschheitsbewußtseins von den Fesseln jeglicher Autorität3 hatte sich Rudolf Steiner die Voraussetzung errungen für eine gesunde Befreiung der Esoterik aus der Epoche ihrer Bindung an besondere Kreise. Vermochte man früher nur bei herabgedämpftem Bewußtsein unter der Leitung eines geistigen Führers, dessen Autorität bedingungslos anzuerkennen war, zu der Welt der geistigen Realitäten vorzudringen, so vermag dies heute durch Rudolf Steiners Pioniertat jeder ernsthaft Strebende bei klarem Bewußtsein und in freier Selbstverantwortung.
Die einzige damit verbundene Forderung, die jedoch ein jeder an sich selbst zu stellen hat, ist seelisch-geistige Aktivität. Sie ist nicht nur für den individuellen, sondern ebenso für den allgemeinen Fortschritt unerläßlich, sogar so weitgehend, daß die Zivilisation untergehen muß, wenn nicht jeder Einzelne gewillt wird, durch die neuen Geist-Erkenntnisse der Zivilisation einen neuen Antrieb zu geben. Dies wurde von Rudolf Steiner schon vor mehr als sechs Jahrzehnten ausgesprochen (Dornach, 2. Juli 1920).
Gerade durch diesen im Hinblick auf die soziale Mitverantwortlichkeit zu aktivierenden Willen des Einzelnen unterscheidet sich die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aber auch grundsätzlich von der in der okkulten Bewegung bewahrten alten Weisheit. Denn aus deren Vorstellungen, die hervorgegangen sind aus den Offenbarungen einer Menschheitsepoche, die noch im Gruppenbewußtsein wurzelte, können keine neuen tragenden Sozialimpulse mehr kommen. Andererseits ist ohne Initiationserkenntnis kein soziales Denken zu entwickeln. Darum versteht sich die Anthroposophie aus sozialer Notwendigkeit als Instrument neuer Geistesoffenbarungen, die mit dem Persönlichkeitsbewußtsein rechnen. Diese neuen Offenbarungen, wie sie insbesondere seit dem Ablauf des Kali Yuga im Jahre 1899 eingesetzt haben, der Menschheit verständlich zu machen und durch sie den Sinn des größten Menschheitsereignisses, des Mysteriums von Golgatha, neu zu erschließen, war zu einer kulturgeschichtlichen Aufgabe geworden, der sich Rudolf Steiner stellte und von der er einmal sagte: «Wer die Anthroposophie nicht in diesem Sinne versteht, der versteht sie überhaupt nicht.» (Dornach, 20. Dezember 1918). Darum appellierte er in der Zeit, in der er begonnen hatte, seine Sozialerkenntnisse vorzutragen, an das Unterscheidungsvermögen in den eigenen Reihen, indem er darauf aufmerksam machte:
«Wo redet man denn in einer wirklich modern eingreifenden Weise, so daß es der Wirklichkeit angepaßt ist, über die brennenden Fragen der Gegenwart? Aus den Ritualien und Vorschriften der einen oder anderen Maurerei- oder Konfessionsgemeinschaft werden Sie diese Dinge nicht herausfinden können. Da möchte man, daß ein Unterscheidungsvermögen Platz griffe!» (Dornach, 15. Dezember 1918).
In diesem selben Zusammenhang machte er auch geltend, daß die von ihm vertretene Geistesströmung nie von irgendeiner anderen abhängig gewesen sei und daß er darum auch niemandem gegenüber verpflichtet sei, etwas, wovon er selbst finde, daß es in der Gegenwart gesagt werden solle, zu verschweigen:
«Ein Gebot des Verschweigens gibt es bei demjenigen nicht, der niemandem gegenüber mit Bezug auf sein geistiges Gut verpflichtet ist. Das gibt schon die Grundlage für die Unterscheidung dieser Bewegung von anderen Bewegungen. Denn wer jemals behaupten sollte, daß dasjenige, was innerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft verkündet wird, anders verkündet wird als im Sinne des in meiner «Theosophie» stehenden Wortes, daß ich rein persönlich dafür eintrete, der mag meinetwillen die Verhältnisse nicht kennen und oftmals nicht dagewesen sein, sondern sie von außen ansehen, er verkündet aber die Unwahrheit, aus Böswilligkeit oder nicht aus Böswilligkeit. Wer aber oftmals bei uns war und anderes sagt, etwa irgendeine Vergangenheit oder einen Zusammenhang dieser geistigen Bewegung mit einer anderen konstatiert, wenn er die Verhältnisse hier kennt, der lügt. Das ist es, um was es sich handelt. Entweder wird er aus Unkenntnis der Verhältnisse die Unwahrheit sagen oder es wird bei Kenntnis der Verhältnisse gelogen. So ist auch alle Gegnerschaft gegen diese Bewegung aufzufassen. Deshalb muß ich immer wieder betonen: Ich habe nur dasjenige zu verschweigen, von dem ich weiß, daß es der gegenwärtigen Menschheit wegen ihrer Unreife noch nicht mitgeteilt werden kann. Aber ich habe nichts aus irgendeinem Grunde zu verschweigen, weil jemandem gegenüber ein Gelöbnis oder dergleichen abgelegt worden wäre. Niemals ist in diese Bewegung etwas eingeflossen, was von einer anderen Seite gekommen wäre. Diese Bewegung war geistig nie abhängig von einer anderen; die Zusammenhänge waren nur äußere.» (Dornach, 15. Dezember 1918).
Aufgrund dieser Aussage stellt sich die Frage, warum Rudolf Steiner sich dann überhaupt an andere Bewegungen angeschlossen hat, wenn er sich doch verpflichtet fühlte, sowohl die alte Geheimhaltungspraxis wie auch die alte Forschungsmethode abzulehnen?
Dieser Widerspruch löst sich nur, wenn die beiden Hauptgesetze des esoterischen Lebens berücksichtigt werden, denen Rudolf-Steiner immer so weit als nur irgend möglich nachzukommen suchte. Es sind dies die beiden Gebote nach absoluter Wahrhaftigkeit und nach Aufrechterhaltung der Kontinuität. Diese beiden Gesetze stellte Rudolf Steiner seinen esoterischen Schülern immer wieder vor die Seele.4 Er selbst folgte dem Gebot unbedingter Wahrhaftigkeit, indem er nur lehrte, was er durch eigene Forschung für wahr erkannt hatte, und dem Gebot der Kontinuität, indem er nicht einfach etwas völlig Neues, Vollkommeneres an die Stelle von Unvollkommenerem setzte, sondern überall an schon Bestehendes anknüpfte und es in ein Vollkommeneres umzuwandeln suchte. Ihm bedeutete dies, den tiefsten christlichen Gedanken, den der Auferstehung, im Bereiche der Vorstellungen lebendig zu machen. Wenn man so in sich das lebendige Fortleben der Gegenwart erlebe und dadurch das Christus-Wort erfülle, nicht nur an die Leiber mit dem Blute, sondern an die Seelen mit dem Geisteanzuknüpfen, so könne diesein Wegzur Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha werden (Berlin, 24. April 1917).
Vieles würde nach Rudolf Steiners Überzeugung gewonnen werden, wenn in diesem Sinne die später Lebenden sich an den Verstorbenen orientieren würden, um dadurch die Kontinuität in der Entwicklung bewußt aufrechtzuerhalten. Er selbst habe, als er über Goethe schrieb, von seiner eigenen Meinung völlig abgesehen und versucht, nur die Gedanken auszudrücken, die aus Goethe kommen konnten; er habe eine Erkenntnistheorie der Goetheschen, nicht seiner Weltanschauung geschrieben. Ebenso wie in die Gedankenwelt von Goethe, so sei er auch in die von Nietzsche und Haeckel untergetaucht, da man zu wirklicher Erkenntnis nur gelangen könne, wenn man nicht den eigenen Standpunkt absolut vertreten wolle, sondern in fremde Geistesströmungen untertauche, Und erst, nachdem er sich durch zwei Jahrzehnte hindurch bemüht hatte, aus solcher Einsicht zu wirken, um sich gewissermaßen erst die Berechtigung zu erwerben, auf die Lebenden wirken zu dürfen, trat er für die öffentliche Verbreitung der Geisteswissenschaft ein. Denn nun konnte niemand mehr mit Recht behaupten, «dieser Okkultist spricht von der geistigen Welt, weil er die philosophischen und naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Zeit nicht kennt.5
Dieser für das gewöhnliche Denken und Empfinden so ungewöhnliche Weg Rudolf Steiners konnte von Gegnern überhaupt nicht, und sogar von Freunden seiner geisteswissenschaftlichen Weltanschauung nur schwer verstanden werden. Weil er sich dieser Schwierigkeit bewußt war, bemühte er sich von Zeit zu Zeit immer wieder, wenigstens seinen anthroposophischen Freunden klarzumachen, daß die von ihm vertretene Geistesströmung nie von einer anderen abhängig war und daß gewisse Zusammenhänge nur äußerliche gewesen waren. Er gebe zwar zu, daß die Unterscheidung aufgrund der historischen Vorgänge erschwert sei. Doch wenn es auch äußerlich gesehen vielleicht gescheiter gewesen wäre, die Anthroposophische Gesellschaft ohne irgendeine Beziehung zu anderen Gesellschaften zu begründen, so seien die Beziehungen doch schicksalsmäßig gerechtfertigt gewesen (Dornach, 15. Dezember 1918).
Diese Bemerkung macht deutlich, daß der seinerzeitige Anschluß an andere Gesellschaften begründet war in dem Spannungsverhältnis der Polarität Freiheit und Liebe in ihrer für das esoterische Leben geltenden Form von Wahrhaftigkeit und Kontinuität. Wahrheits- und Erkenntnisstreben bedarf der Freiheit, gleichzeitig aber soll das als wahr Erkannte sich brüderlich mit dem in der Welt schon Bestehenden verbinden. Es ist einleuchtend, daß selbst Rudolf Steiners starke Kraft den Pol eines freien wahrhaftigen Erkenntnislebens mit dem Pol der Kontinuität als Brüderlichkeit nicht immer auszugleichen vermochte. Dies war objektiv schon darum nicht möglich, weil an dem Pol der Kontinuität die Welt beteiligt ist und gerade diese von ihm aufgrund seines Freiheits- und Liebe-Ideales in einem weit über das Normale hinausgehenden Maße respektiert worden ist. Jedoch Brüderlichkeit auf Kosten der Wahrhaftigkeit zu pflegen war ihm nicht möglich. Als dies in der Theosophischen Gesellschaft zum Problem geworden war, kam es zur Trennung.
Nur wenn man Rudolf Steiners subtiles Verhalten gegenüber den beiden Polen des esoterischen Lebens nicht berücksichtigt, kann das zu Mißverständnissen und Mißurteilen in bezug auf seine geistige Unabhängigkeit führen. Aber über alle derartigen Tagesurteile hinweg wird sich immer mehr die historische Bedeutung seiner Kulturtat erhärten, die gerade darin liegt, mit seiner Methode zur Erforschung der übersinnlichen Wirklichkeiten eine Wissenschaft geschaffen zu haben, durch die Freiheit auch auf dem Gebiete der Esoterik möglich wurde.
Hier könnte eingewendet werden, daß Rudolf Steiner mit seiner Esoterischen Schule aber doch auch Geheimhaltung praktiziert habe. Dieser Einwand wäre jedoch nicht berechtigt. Denn für Rudolf Steiner hat es sich nie, auch nicht in der Esoterischen Schule, um Geheimhaltung im üblichen Sinne gehandelt. Ihm ging es stets nur um die Wahrung echt wissenschaftlichen Geistes, der im öffentlichen Bildungsleben ganz selbstverständlich bedingt, daß seriöses Wissen nur stufenweise vermittelt werden kann. Zum Beispiel kann niemandem höhere Geometrie vorgetragen werden, wenn er nicht die Grundlagen kennt. Während dies in bezug auf die Geometrie jedermann klar ist, herrscht in bezug auf die übersinnlichen Erkenntnisse der weitverbreitete Glaube, daß man auf diesem Gebiete ohne irgendwelche Voraussetzungen alles verstehen und beurteilen könne.
Einzig im Sinne dieses sachlich bedingten stufenweisen Lehrens gliederte sich Rudolf Steiners Lehrtätigkeit von der völlig voraussetzungslosen öffentlichen zu derjenigen mit Voraussetzungen. Ihre gemeinsame Wurzel hatten alle Lehrstufen in dem, was er vor dem öffentlichen Beginn seiner Wirksamkeit für eine Wissenschaft des Übersinnlichen als seine «Inaugurationstat» bezeichnete:
«Ich will auf die Kraft bauen, die es mir ermöglicht, «Geistesschüler auf die Bahn der Entwickelung zu bringen. Das wird meine Inaugurationstat allein bedeuten müssen».6
Die Esoterische Schule diente dem insofern in besonderer Weise, weil hier die Schüler nach ihren individuellen Veranlagungen und Bedürfnissen belehrt wurden. Doch bei der Neubegründung der Esoterischen Schule als «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft» im Jahre 1924 wurde nun auch der esoterische Unterricht streng methodisch und allgemein gültig aufgebaut. Allerdings konnte dies nur für die erste Klasse durchgeführt werden. Das Versagen der physischen Kräfte im Herbst 1924 machte es Rudolf Steiner unmöglich, sein großangelegtes letztes Werk zu vollenden.
-
Marie Steiner, Vorwort zu Rudolf Steiner «Die Stufen der höheren Erkenntnis», GA 12. ↩
-
Eingehend dargestellt in «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur», GA 254. Vgl. auch «Spirituelle Seelenlehre und Weltbetrachtung», GA 52. ↩
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Brief an Rosa Mayreder vom 14. Dezember 1893, in «Briefe I, Dornach 1953 (GA 39). ↩
-
Überliefert von einem Angehörigen der esoterischen Arbeitskreise, von Adolf Arenson, in einem Brief vom 24. Dezember 1926 an Albert Steffen. ↩
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Siehe die autobiographische Skizze von 1907 in «Briefwechsel und Dokumente 1901–1925», GA 262; ferner den Vortrag Zürich, 3. Dezember 1916. ↩
-
Brief vom 16. August 1902 an den damaligen Repräsentanten der deutschen Theosophen, Wilhelm Hübbe-Schleiden (in «Briefe II», bisher nur in Ausgabe Dornach 1953). ↩