Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914
GA 265
Zur Gelöbnisformel (Schwur)
(Siehe S. 181)
Eine Erläuterung dazu aus Instruktionsstunden ist nicht überliefert; jedoch hat Rudolf Steiner im Vortrag Dornach, 26. November 1916, dargelegt, worauf diese okkulte Tradition zurückgeht:
Die Menschen wissen heute ja recht wenig von der Vergangenheit. Vor allen Dingen wissen die Menschen nicht, warum gewisse Dinge überliefert sind. Sie wissen allenfalls noch, daß sie überliefert sind, aber warum sie überliefert sind, das wissen die Menschen heute kaum. Überliefert zum Beispiel - und das kann man ja heute in allen möglichen exoterischen Büchern, namentlich auch in freimaurerischen Büchern lesen -, überliefert ist, daß es Mysterien gegeben hat in alten Zeiten, daß die Mysterien sozusagen eine geheime Einrichtung waren, und daß es in den Mysterien, es hängt das schon mit dem Worte zusammen, Geheimnisse gegeben hat, die wirklich auch im äußeren Sinne Geheimnisse waren. Das heißt: Demjenigen, der den Zugang gefunden hatte zu den Mysterien, dem wurden gewisse Dinge überliefert, welche er verpflichtet war, nur denjenigen Menschen mitzuteilen, welche wiederum mit ihm gemeinschaftlich in diesen Mysterien waren, und es war in diesen alten Zeiten eine strenge Regel, diese Mysterienmitteilungen nicht zu verraten. Diese Regel ist so ausgesprochen, daß es zum Sträflichsten gehört, sagte man, wenn jemand ein Mysteriengeheimnis ausspricht vor einem uneingeweihten Ohr; aber ebenso gehört es zum Sträflichsten, wenn ein Unberufener sich ein Mysteriengeheimnis anhört. Und diese Anschauung, die man gepflogen hatte in den Mysterien, wurde, als die Mysterien im alten Sinne da waren, in strengstem Sinne gehandhabt. Warum war denn das? Warum geschah dieses so?
Ich habe es Ihnen ja öfter betont: Die Menschheit hat sich geändert im Laufe der Erdenentwickelung, und ein wichtiger Einschnitt war in der Entwickelung zur Zeit, da der Christus durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Will man ein wesentlichstes Merkmal dieser Evolution neben anderen, die wir schon angeführt haben, anführen, so muß man sagen: Wenn wir zurückgehen würden über die griechisch-lateinische Zeit, namentlich wenn wir über das 4. Jahrhundert vor Christus hinauskommen zum 5., 6., 7. Jahrhundert - wir können also sogar schon bleiben in der griechischlateinischen Zeit, aber wir würden noch mehr finden, wenn wir in die ägyptisch-chaldäische hinübergingen oder gar in die persische -, so finden wir überall, daß dasjenige, was vom Menschen gesprochen wurde, für die übrigen Menschen eine ganz andere Bedeutung hatte als nachher, zum Beispiel schon im 7., 8. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha. Das Wort, das einer zum andern sprach, hatte eine ganz andere Bedeutung in der Zeit, in der noch die alten atavistischen Eigenschaften der Seele vorhanden waren, die sogar zum atavistischen Hellsehen noch führten, als heute, als später. Da hatte das Wort, wenn ich so sagen darf, durch seine eigene innere Kraft eine Art suggestiven Wert, denn es lag in dem Worte viel von ererbter göttlich-geistiger Kraft. Wenn der Mensch sprach, sprach gewissermaßen in seinem Wort immer der Engel aus den höheren Hierarchien heraus mit.
Sie können sich daraus vorstellen, daß die Mitteilungen in jenen alten Zeiten, die durch Worte erfolgten, etwas ganz anders waren als heute. Wir haben ja keine Möglichkeit, mit Worten so zu sprechen, auch wenn wir alle diese Geheimnisse kennen, wie in den alten Zeiten gesprochen worden ist, weil wir sprechen müssen durch dasjenige, was durch die Sprache aus den Worten geworden ist. Wir haben ja in den Worten konventionelle Zeichen. Wir können heute nicht mehr zu einem Menschen gehen und mit derselben Kraft, mit der man noch im 3., 4., 5. Jahrhundert vor Christus sprechen konnte, mit den Worten «Dein Engel hat dich lieb», einen leisen Schauer durch die Seele leiten, der Heilkraft war. Man kann das heute nicht mehr, den Worten ist ihr alter suggestiver Wert, ihre Kraft genommen. Es floß menschliche Gemeinsamkeitskraft von Seele zu Seele in alten Zeiten, indem die Menschen miteinander sprachen. So wie wir, wenn wir in einem Saale beisammen sind, die gemeinsame Luft einatmen, so lebte in dem, was die Menschen miteinander sprachen, eine geistige, eine spirituelle Kraft des Gemeinsamen in alten Zeiten. In der fortschreitenden Evolution der Menschheit ist das verlorengegangen. Das Wort ist immer entgöttlichter geworden. Wenn Sie sich das vor Augen, vor das geistige Auge führen, dann werden Sie sich auch sagen können, daß es ja nun ganz bestimmte Worte und Wortzusammensetzungen, Wortformeln geben konnte, die eine größere Wirkung hatten als andere Worte, die im allgemeinen gesprochen werden. Und solche Wortformeln, die eine über das Gewöhnliche weit hinausgehende Wirkung hatten, wurden in den Mysterien überliefert. Jetzt können Sie begreifen, daß sie nicht verraten werden durften, weil dadurch, daß der Mensch diese Formeln kannte, ihm eine hohe Macht gegeben war über die anderen Menschen, die nicht mißbraucht werden durfte. Es ist eine absolut reale Wahrheit, daß, wenn der alte hebräische Tempelpriester dasjenige ausgesprochen hat, was man im gewöhnlichen Leben nur das «Wort» nannte, was aber eben eine gewisse Lautzusammensetzung hatte, dann, wenn er es aussprach in der richtigen Weise - weil es in jenen alten Zeiten so war, daß in jener Lautzusammensetzung die Kraft lag -, bei den Menschen, zu denen er sprach, tatsächlich das eintrat, daß um sie eine andere Welt war, geistig, aber diese Geistigkeit war wirklich.
Und so können Sie es verstehen, daß es nicht nur verbrecherisch war, zu demjenigen, zu dem es nicht sein durfte, die Mysterienformeln zu sprechen, da man dadurch eine Gewalt auf ihn ausübte, die unberechtigt war, sondern daß es auch verpönt war, hinzuhorchen, denn man setzte sich ja der Gefahr aus, sich ganz in die Gewalt des andern zu begeben. Die Dinge sind nicht so abstrakt, wie es heute gewisse Menschen darstellen wollen, sondern die Dinge sind konkret und real, und die Zeiten haben sich geändert, und auf diese Änderung der Zeiten muß man hinhorchen. Seit dem Mysterium von Golgatha haben die Worte diese Bedeutung nicht mehr, denn Sie sehen ja ein: wirkliche Freiheit hätte unter den Menschen nicht entstehen können, wenn die Worte diese Bedeutung beibehalten hätten; denn die Menschen wären immer nur das Ergebnis gewissermaßen der Sprache gewesen in seelischer Beziehung. Die Worte mußten diese innere Kraft verlieren. Aber eine andere Kraft kam herein in die Erdenentwickelung, welche, wenn sie ein richtiges Verhältnis zur Menschheit fand, den Menschen nach und nach wiederum ersetzen konnte das, was früher aus den Worten kam. Die alten Menschen lernten aus ihren Worten denken, und es gab in alten Zeiten keine anderen Gedanken als die, die aus den Worten kamen. Aber nur dann konnte aus den Worten die Kraft der Gedanken kommen, wenn die Worte so waren, wie ich sie geschildert habe. Diese Kraft war in der Folgezeit nicht mehr vorhanden. Aber da kam dasjenige Wesen, welches den Gedanken, wenn sich diese Gedanken erfüllen mit ihm, wiederum diese Kraft geben konnte, dasjenige Wesen, welches sagen konnte: «Ich bin das Wort», - und das ist der Christus. Nur müssen die Menschen erst den Weg finden, den Christus in ihrer Seele lebendig zu machen.