Lessons for the Participants of Cognitive-Cultic Work 1906–1924
GA 265a — 25 September 1912, Basel
Von Der Östlichen Zur Westlichen Spiritualität
Aufzeichnungen aus dem Nachlass von Elisabeth Vreede Erster Grad
Was hier verstanden werden soll, das ist, dass diese okkulte Bewegung mit keiner andern in der Welt verglichen werden kann. Unsere Gegenwart bringt es mit sich, dass es zahlreiche okkulte oder halb okkulte Strömungen gibt, aber man soll doch einsehen, dass diese unsere Bewegung nicht auf eine Linie gestellt werden darf mit anderen Bewegungen, und dass diejenigen, die sich in dieselbe aufnehmen lassen, die Verantwortung fühlen müssen für die Aufgabe, die ihnen damit auferlegt ist. Man sollte verstehen lernen, dass eine orientalische Anschauung niemals in Europa Boden fassen kann und dass ein Fall wie der des japanischen Generals Nogi, der Selbstmord verübte beim Grabe seines Kaisers, den Abendländern zeigen kann, wie fremd ihnen das Seelenleben des Orientalen bleiben muss.
Mit den Mitteln der modernen Kultur hatte seinerzeit General Nogi die Europäer (Russen) besiegt, aber darin liegt nicht das Grundprinzip eines gegenseitigen Seelenverständnisses, dass der Orientale unsere mechanischen Mittel vollkommen übernommen hat. Als ich (im Zyklus «Das Markus-Evangelium», 1. Vortrag) über Ram Mohan Roy sprach, wollte ich damit absichtlich ein Beispiel geben von der Einstellung eines aufgeklärten Orientalen dem Christentum gegenüber. Sein Nachfolger, der den Vortrag über Christus und das Christentum hielt, konnte wiederum sich das spirituelle Heil nicht anders denken als herrührend von Avataren. Er behauptete, dass das Streben des Ram Mohan Roy nach Reform in Indien keinen Erfolg haben würde, wenn man nicht mit einem Avatar aufwarten könne, denn - so sagte er - in Indien hat man mit natürlichen Mitteln keinen Erfolg. Graf Björnstjerna - der damalige schwedische Gesandte in London -, hat eine abweisende Haltung eingenommen gegenüber dieser Lehre des Avatars, die der Orient dem Okzident aufdrängen wollte. So stammt schon aus jener Zeit (siebziger Jahre) das Abweisen des Ostens für den Glauben des Westens. So sind fast unbemerkte Ereignisse wie Prophezeiungen zu betrachten; es wurde gleichsam damals schon die Zukunft vorhergesagt.
(Das Abweisen durch Doktor Steiner von dem Alcyone.)
(In Ram Mohan Roy und in Björnstjerna war der Keim des ganzen Konfliktes, den wir heute in der Theosophischen Gesellschaft erleben zwischen Orient und Okzident. In dieser kleinen Episode lag die ganze Vorgeschichte der Theosophischen Gesellschaft enthalten, denn Ram Mohan Roy war der Gründer der Brahmo-Samaj, der wahren theistischen Sekte - oder besser Vereinigung; diese hatte als Ableger die Arya-Samaj, und es war, um sich dieser Vereinigung anzuschließen, davon alles Heil erwartend, dass H.P. Blavatsky und Olcott 1878 nach Indien zogen. Die Vormänner jener Bewegung empfingen sie bei der Ankunft des Dampfers, verhandelten mit ihnen und ließen sie schließlich im Stich.)
Das Letzte, was wir vom Orient erhalten haben, ist die griechische Kultur, die durch Alexander den Großen zeitweilig bis in ostasiatischen Boden getragen worden ist, die aber die letzte Erscheinung des wahrhaft orientalischen Denkens war. Griechenland hatte immer sein Auge auf Asien gerichtet und war spirituell anzusehen wie ein äußerster Winkel von Asien. Heute besteht die Neigung, das Studium des klassischen Altertums aus der höheren Erziehung zu streichen; und es ist für unsere Gegenwart bis zu einem gewissen Grade berechtigt, dass man sich einer Erziehung widersetzt, die ihre Stärke schöpfen soll aus heute unverstandener griechischer Weisheit. Das Römertum hat im Anfang noch einiges von der griechischen Kultur übernommen, aber sobald es anfing, sich über Europa zu verbreiten, indem es überall Städte gründete - das heißt durch äußere Machtmittel -, kam die Kultur auf individuellen Boden. Der Anfang dieser römischen Kultur ist noch mythisch und für den Abendländer — westlichen Menschen - schwer zu verstehen. So die Zeit der sieben Könige, die jetzt nicht mehr für historische Gestalten gehalten werden. Numa Pompilius mit der Sibylle deutet an das Übergehen der alten orientalischen Weisheit an Europa, wodurch die Grenze gezogen wurde zwischen dieser und der lateinischen Weisheit, die die Kultur Europas ganz durchdringen sollte. Dann kam die Zeit der Republik, nachher die Cäsaren, und diese Kaiser können wir schon in ihrem Wirken verstehen, während ein Alcibiades für uns noch der wahre Märchenprinz ist. In diese Epoche fällt die Zeit der Entwicklung des römischen Rechtes, das später alle Justiz durchdrungen hat. Dann folgte das Papsttum, das von Rom aus die europäische Welt beherrschte und das seinen Höhepunkt erreichte zur Zeit Raffaels und Michelangelos. Das Papsttum ist als letzter Ausfluss orientalischer Verantwortlichkeit - für das Geistesleben der Menschheit - zu betrachten, aber jetzt ist das Römertum zu Ende. - Was man in Italien noch davon antrifft, ist nicht viel mehr als ein Museum. - Jetzt geht die Verantwortung auf Europa über.
Das ist es, was jeder von uns fühlen soll, der in diesem Tempel sich befindet. Bis ins neunzehnte Jahrhundert war der Osten moralisch verantwortlich für den Westen, jetzt ist das vorbei. Die Aufgabe, die wir auf uns genommen haben, bei der Aufnahme in diesen Tempel, ist eine ungeheure. Wir dürfen uns gegenüber den Menschen im gewöhnlichen Leben in der profanen Welt fühlen als Menschen, die ihre menschlichen Sorgen beiseitestellen und diese als klein empfinden können gegenüber den Sorgen, die die Götter für die Menschen haben - wie das Herüberbringen der Verantwortlichkeit aus dem Osten nach dem Westen. - Wir sollen das empfinden wie eine Sorge der Götter für die Menschen und unseren Anteil daran.