Esoteric Lessons for the First Class II
GA 270 — 31 May 1924, Dornach
Vierzehnte Stunde
Meine lieben Freunde! Wir haben betrachtet die Stellung des Menschen zum Hüter der Schwelle und haben stufenweise uns vor die Seele geführt, wie das Verhältnis des Menschen zum Hüter der Schwelle auf dem Wege der Erkenntnis ist. Wir wollen heute uns die Situation vor dem Hüter der Schwelle ganz lebendig einmal vor die Seele zunächst stellen, um in dieser esoterischen Betrachtung ein Stück weiterzukommen.
Der Mensch verlässt - ich repetiere dasjenige, was in den bisherigen Stunden betrachtet worden ist, situationsgemäß -, der Mensch verlässt die physische Welt, in der er sein gewöhnliches Bewusstsein entfaltet. Er wird gewahr, dass diese sinnlich-physische Welt zwar großartig sein kann, freudevoll, auch leidvoll, schmerzvoll, dass sie majestätisch sein kann; dass er allen Grund hat, mit seinem Bewusstsein ihr anzugehören. Aber er wird auch gewahr, dass er sich selbst niemals erkennen kann, wenn er bloß den betrachtenden Blick und die empfindende Seele auf diese physische Welt hinlenkt. Und er muss sich sagen: So großartig das ist, was Farbe an Farbe sich reiht und Form an Form sich gliedert, dasjenige, was ich selbst meinem Ursprung und meinem Wesen nach bin, das findet sich nicht in den Weiten dieses Umkreises.
Da aber tönt dennoch als die bedeutsamste Aufgabe im Leben des Menschen das Wort der Selbsterkenntnis von allen Seiten an den Menschen heran: O Mensch, erkenne dich selbst!
Und auch das wird dem Menschen klar, dass er im gewöhnlichen Leben ja geschützt ist davor, unvorbereitet in die Welt hineinzukommen, die eigentlich die Welt seines Wesens ist. Und der Hüter der Schwelle zeigt sich als diejenige Wesenheit, die den Menschen, wenn er in die geistige Welt jede Nacht im Schlafe hineingeht, davor behütet, bewusst dasjenige wahrzunehmen, was im Schlafe um ihn herum ist, weil er durch dieses Wahrnehmen dessen, worinnen er im Schlafe ist, so furchtbare Erschütterungen durchmachen würde — wenn er’s unvorbereitet durchmacht -, dass er das Wachleben nicht in menschenkräftiger Weise vollenden könnte.
Der Hüter der Schwelle macht aber zugleich dem Menschen klar, dass er - dieser Hüter selbst - der wahren, der echten Erkenntnis einziges Tor ist.
Dabei bemerkt der Mensch, dass er, bevor er in das Reich der Erkenntnis eintritt, an einen Abgrund kommt, dass dieser Abgrund zunächst sich als ein Gebiet des Bodenlosen darstellt. Die Stütze hört auf, auf der man steht in der physischen Welt. Man kann da nicht hinüberschreiten. Man kann diesen Abgrund nur übersetzen, wenn man sich vom Physischen befreit, wenn einem also - symbolisch gesprochen - «Flügel wachsen», dass man als geistig-seelisches Wesen über den Abgrund hinüberkommt.
Aber der Hüter der Schwelle ruft einem erst zu, wie man den Abgrund achten soll; und namentlich die Tiere, die aufsteigen als Geist-Gestalten aus diesem Abgrunde, wie man die achten soll; wie man sich klar sein soll, dass diese Tiere die äußere Spiegelung sind des ungeläuterten Wollens, Fühlens, Denkens; dass diese Tiere erst überwunden werden müssen. Und in einem anschaulichen Bilde stellt sich dem Menschen vor Augen, wie sein Wollen, Fühlen und Denken in drei Tieren - einem gespenstigen, einem gräulich anzuschauenden und so weiter - sich offenbart.
Dann wird von dem Hüter der Schwelle weiter uns gezeigt, wie Denken, Fühlen und Wollen sich in sich selber erkraften können, nachdem sie mit vollem Bewusstsein sich entschlossen haben, zu überwinden die Tiere. Bis dann der Mensch eintritt in die geistige Welt, ist er genötigt, im Anblicke der geistigen Welt SituationsMeditationen zu entfalten, sich hineinzufinden, wie der Kosmos zu ihm spricht, wie die Hierarchien zu ihm sprechen, wie zunächst alles verkündet dasjenige, was den Menschen drüben erwartet in der geistigen Welt.
Und immer mehr werden wir durch das, was in den Mantren vor unsere Seele getreten ist, gewahr, wie der Mensch ein anderer werden muss, wenn er den Abgrund überschreiten, wenn er sich einleben will in dasjenige, was jenseits des Abgrundes ist. Immer mehr werden wir gewahr: Hier auf der Erde verkehren wir mit den Wesen der drei Naturreiche und mit den Menschen; drüben verkehren wir mit den entkörperten Seelen und mit den Geistern der höheren Hierarchien. Ein anderer Umgang ist da. Eine ganz andere Seelenverfassung fordert dieser ganz andere Umgang.
Da ist es noch einmal die Aufgabe des Hüters der Schwelle, den Menschen kräftig hinzuweisen, wie er sich nun zu verhalten hat, zu verhalten hat namentlich gegenüber der Tatsache, dass man ja, wenn man den Abgrund überschreitet, wenn man überhaupt erfährt etwas von der geistigen Welt in ihrer Wirklichkeit, wie man da dazu kommen muss, eine ganz andere Seelenverfassung zu haben.
Der Mensch wird da gewahr, wie zwei Seelenverfassungen in ihm Wirklichkeit werden können: die Seelenverfassung diesseits des Abgrundes mit dem gewöhnlichen Bewusstsein; die Seelenverfassung jenseits des Abgrundes außerhalb des physischen und des ätherischen Leibes, die Seelenverfassung in der rein geistigen Welt.
Da, wo der Unterschied dieser Seelenverfassungen auftritt, erwarten den Menschen große Gefahren; Gefahren, die sich zunächst allerdings so zeigen, dass wir sie als kleine Abweichungen von der normalen Seelenverfassung zu schildern haben, dass wir immer innerhalb des Seelischen bleiben, wenn wir sie richtig schildern, die aber ihre Extreme in krankhaften Missbildungen des Seelischen doch haben. Es muss natürlich immer betont werden: Wenn der Gang in die höheren Welten so angestellt wird, wie er sorgfältig gekennzeichnet ist in den Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in mancher kleineren Schrift, die auf anthroposophischem Gebiete erschienen ist, im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft», dann kann ein Abirren von der normalen Seelenverfassung nicht stattfinden, auch nicht in leiser Weise stattfinden. Der Mensch wird vollbewusst sowohl zunächst in der Erkenntnis durch den gesunden Menschenverstand hinübergehen in die geistige Welt wie auch durch die Initiation. Aber wissen muss der Mensch, wie er in zweifacher Weise aus der alltäglichen, ihn fest ins Leben hineinstellenden Seelenverfassung herauskommt, wenn er nicht alles dasjenige beachtet, was der richtige Wegweiser ist hinein in die geistige Welt.
Hier, diesseits der Schwelle, stehen wir auf der Erde, auf dem festen Erdenelemente. Der Boden ist unter unseren Füßen. Der Boden ist uns Stütze. Wir haben um uns das wässrige Element, das auch teilnimmt an unserer eigenen Leibesbildung. Dieses wässrige Element kann uns im gewöhnlichen Leben nicht Stütze sein, aber es durchdringt uns, bildet sich um zu unserem Blute. Es ist in unserem Wachstum, in unseren Ernährungskräften enthalten. Wir atmen die Luft. Das luftartige, das gasartige Element ist um uns herum. Die Wärme ist um uns herum, der Wärmeäther, das vierte Element.
Sie sind getrennt voneinander im gewöhnlichen Leben. Wo feste Erde ist, ist nicht Wasser; wo Wasser ist, ist nicht Luft; wo Luft ist, ist nicht Wasser. Nur das Feuer - die Wärme - durchdringt alles; es ist das Einzige, was beginnt, alles zu durchdringen.
In dem Augenblicke, wo wir herausgehen - auch nur auf den ersten Anhub, meine lieben Freunde -, herausgehen aus dem physischen Leib, hört diese Differenzierung, diese Trennung der Elemente auf. Wir vergrößern uns, wir dehnen uns aus, und wir sind gleichzeitig in Erde, Wasser, Feuer, Luft. Wir können sie nicht mehr unterscheiden voneinander; und die Eigenschaften hören auf, die diese vier Elemente haben. Die Erde ist uns nicht mehr Stütze, denn ihre Festigkeit hört auf. Das Wässrige bildet uns nicht mehr, denn seine formenden Kräfte hören auf. So wie wenn wir ins Wasser uns hineinstürzten, nicht schwimmen würden, wo wir vom Wasser getrennt sind, sondern uns sogleich auflösen würden - wie in einem warmen Wasser das Eis sich auflöst -, wie wenn wir mit dem Wasser eins würden, so tragen wir nicht mehr, wenn wir hinüberkommen in die geistige Welt, das Blut als ein getrenntes Element in den Adern, sondern unser Blut wird eins mit dem allwesenden wässrigen Elemente des Universums. Ebenso mit der Luft: Sie hört auf, die bildende Atemkraft in uns zu sein. Die Wärme hört auf, uns zu einem Ich zu entflammen, uns innerhalb der Wärme als Selbst zu fühlen. Alles das hört auf. Diesem Aufhören der Differenzierung in Erde, Wasser, Luft, Feuer müssen wir die richtige Stimmung entgegenbringen.
Wir denken uns also, dass wir bereits den Abgrund überflogen haben. Drüben sind wir angekommen, meine lieben Schwestern und Brüder. Da ruft uns zu der Hüter der Schwelle, wir sollen uns wieder umdrehen und das Antlitz zu ihm wenden.
Nun stellt Euch, meine lieben Schwestern und Brüder, recht lebendig vor: Der Mensch ist drüben angekommen, da, wo ihm offenbar werden die Wahrheiten, die Erkenntnis über die geistige Welt. Er steht drüben. Der Hüter der Schwelle veranlasst ihn, sich umzudrehen, um die Ermahnungen entgegenzunehmen, die er jetzt braucht, wo er schon gewissermaßen berührt worden ist von der Seelenverfassung, die drüben ist, jenseits der Schwelle, innerhalb der geistigen Welt, wo man in den vier Elementen selber drinnen lebt: in Erde, Wasser, Luft, Feuer.
Da tritt die eine Gefahr an den Menschen heran, dass er sich — verzeiht, meine lieben Schwestern und Brüder, den trivialen Ausdruck -, dass er sich illusionsmäßig verliebt in das Losgelöstsein von der festen Erde, von der bildenden Wasserkraft, von der schaffenden Luftkraft, von der Selbstheit erweckenden Wärmekraft, dass er wonnig sich fühlt nur in der geistigen Seligkeit, wie hingegeben an die Wonne des Geistes, und dass er verharren will in dieser Seligkeit des Geistes.
Dieses überkommt ihn, weil die luziferische Verführung an ihn herantritt. Je nach seinem Karma kann der Mensch nun zugänglich sein für diese luziferische Verführung mehr oder weniger. Ist er zugänglich, sodass er sich ganz und gar nur verliebt in das Erleben der Auflösung in Erde, Wasser, Luft und Feuer, dann erfasst ihn das Luziferische, und er will nicht mehr aus dieser Seelenstimmung herauskommen. Er läuft Gefahr, wenn er wiederum zurückkommt in das alltägliche Leben, diese Seelenstimmung fortzusetzen. Da muss ihm der Hüter der Schwelle zurufen:
Du darfst das nicht. Du darfst nicht Luzifer verfallen. Du darfst nicht bloß die Wonnen der Seligkeit in der Auflösung in Erde, Wasser, Feuer, Luft empfinden. Du musst dir fest vornehmen jetzt, wenn du wiederum zurückkehrst in die physische Welt, die Seelenverfassung des gewöhnlichen Bewusstseins der physischen Welt anzunehmen, sonst wirst du in der physischen Welt künftig ein verworrener Mensch.
Das ist die luziferische Gefahr, dass man bei der Rückkehr aus der geistigen Welt, bei der Rückkehr von jenseits der Schwelle ein verworrener Mensch wird, sich nicht mehr auskennt in der Welt, ein Schwärmer wird, einer, der Schwärmerei für Idealismus hält, der das gewöhnliche Bewusstsein verachtet. Das darf man nicht. Und eindringlich ermahnt der Hüter der Schwelle, dass man den Entschluss fasse, mit einer jeglichen Welt, sei es die irdische, sei es die überirdische, entsprechend zu leben.
Aber eine zweite Mahnung setzt der Hüter der Schwelle daran. Diese zweite Mahnung ist diese, dass man achten soll, wenn man da drüben angekommen ist mit dem gespaltenen Denken, Fühlen und Wollen, wie viel noch in diesem Denken, Fühlen und Wollen von irdischen Hängen, von irdischen Neigungen vorhanden ist.
Da kann der Mensch wiederum die Neigung haben, dasjenige, was er erfahren hat dadurch, dass er diesseits die feste Erdenstütze hat, erst recht zu verfestigen und mit der materialistischen Seelenverfassung hinüberzugehen ins Jenseits der Schwelle, mit den erstarrten, verfesteten Bildungskräften des Wassers hinüberzugehen. Dann kann er von einem irdischen Hochmut geplagt werden und kann sich sagen: Ich habe im Erdenleben geatmet, in mich eingesogen jenen Atem, aus dem einstmals der Vatergott die Menschenseelen, die Menschenleben geschaffen hat; ich kann das auch, wenn ich nur befreit werde von der irdischen Beschränktheit.
Aber will der Mensch dasjenige, was er durch seinen Atem hat als schaffende Götterkraft, hinübertragen in die geistige Welt, da verfällt er der ahrimanischen Verführung. Da kann er auch nicht wieder zurückkehren, weil ihn, ehe er zurückkehren will, drüben in der geistigen Welt die Ohnmacht erfasst. Er wird bewusstlos mehr oder weniger. Das Bewusstsein wird ihm herabgelähmt. Dadurch, dass ihm das Bewusstsein herabgelähmt wird, wird er mehr oder weniger ein Werkzeug der ahrimanischen Mächte drüben in der geistigen Welt,
Es ist heute so, dass ja das geistige Leben seit dem Beginn der Michael-Zeit den Menschen - der nur grob ist heute, im Materialismus erstarrt - fast schon hinüberzieht in die geistige Welt. Und was das dann heißt, dass die ahrimanischen Mächte den Menschen ergreifen, wenn sein Bewusstsein herabgelähmt ist bei vollständig wachem Zustande sonst, ja, meine lieben Freunde, das hat sich ja ganz energisch gezeigt, als der große Weltkrieg ausgebrochen ist.
Ich habe gar manchem gesagt, als dieser Weltkrieg ausgebrochen war: Die Geschichte dieses Krieges wird nicht bloß vom physischen Plane aus geschrieben werden können. Dokumente sprechen da allein die Wahrheit nicht aus, weil von den dreißig, vierzig Menschen, die in Europa eigentlich beteiligt waren an der Entstehung dieses Krieges, eine ganze Anzahl im entscheidenden Momente ein getrübtes Bewusstsein hatte, Werkzeuge für die ahrimanischen Mächte diesseits wurden. Sodass vieles in dem, was im Weltkriege gelebt hat, von ahrimanischen Mächten angestiftet worden ist. Nur in okkulter Weise kann über diesen Weltkrieg geschrieben werden. Dasjenige, was man gewissermaßen wandelnd im Diesseits der Schwelle gesehen hat an mancher führenden Persönlichkeit gerade an der Schwelle des Ausbruches dieses Weltkrieges, das kann man wahrnehmen an denjenigen, die die Gewohnheiten der Seele hinübertragen ins Jenseits der Schwelle und drüben dann gelähmt werden, abgedämpft werden im Bewusstsein und ein Werkzeug der ahrimanischen Mächte werden.
Klar, vollständig besonnen muss der Mensch sein über dieses, dass er nicht darf die Seelenverfassung vom Jenseits der Schwelle ins Diesseits herübertragen, dass er nicht darf die Seelenverfassung des Diesseits der Schwelle ins Jenseits hinübertragen, sondern für jedes Gebiet, diesseits und jenseits des Abgrundes, ein menschenstarkes Innenbewusstsein entwickeln muss.
Das tritt nun für alle vier Elemente in den Mahnungen des Hüters der Schwelle auf. Diese Mahnungen sollen wir wiederum meditativ verarbeiten.
Also, Ihr stellt Euch vor, meine lieben Schwestern und Brüder, Ihr stündet drüben jenseits der Schwelle. Der Hüter hätte gewunken. Ihr schaut ihm ins Antlitz. Er ruft zunächst mahnend Euch zu:
Wo ist der Erde Festigkeit, die dich stützte?
Man hat sie nicht mehr. Aber das innere Herz regt sich und will eine Antwort geben. Aber dieses Herz, es kann in dreifacher Weise innerlich angeregt werden zur Antwort aus dem Kosmos heraus.
Es kann angeregt sein dieses Herz von dem Christus und seiner Kraft. Dann antwortet es:
Ich verlasse ihren Grund
— der Erde Festigkeit nämlich -,
so lang der Geist mich trägt.
Das ist die richtige Stimmung: Ich verlasse die Stütze der Erde, so lange der Geist mich im Geistgebiete trägt, so lange ich außerhalb des Leibes bin. Aber das Herz kann auch angeregt sein von Luzifer. Dann antwortet es:
Ich fühle wonnig, dass ich fortan der Stütze nicht bedarf.
Da redet der Mensch in seinem Hochmut, in seinem Stolz so, als wenn er nun die Stütze auch nicht braucht, wenn er wieder zurückkehrt in die physische Welt.
Oder das Herz kann angeregt sein von Ahriman. Da antwortet es:
Ich will durch Geistes Kraft fester noch sie hämmern
— die Stütze, und hinübertragen die gehämmerte Stütze.
Niemand darf davor zurückschrecken, meditativ alle drei Antworten sich vor die Seele immer wieder und wieder zu führen, um in freier Wahl sich dann für die erste Antwort zu entscheiden. Denn er muss fühlen: Das Innere will schon schwanken, hinneigen zu Luzifer, zu Ahriman. Das muss man in der Meditation sich vor Augen stellen. Daher muss die Meditation enthalten für das Erdenelement: [Der erste Teil des Mantrams wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Seite 786:]
I) Hüter - er spricht -: Wo ist der Erde Festigkeit, die dich stützte?
Antworten muss das menschliche Herz. Es antwortet, wenn es angeregt ist von Christus:
Christus: Ich verlasse ihren Grund, so lang der Geist mich trägt.
Ist die Seele angeregt von Luzifer, so antwortet sie:
Lucifer: Ich fühle wonnig, dass ich fortan der Stütze nicht bedarf.
Das «so lang» [die beiden Worte «so lang» werden unterstrichen] lässt das Herz aus, will eine Ewigkeit anstelle der Zeitlichkeit setzen und formt den Satz um.
Ist das Herz angeregt von Ahriman, so antwortet es:
Ahriman: Ich will durch Geistes Kraft fester noch sie
- die Stütze nämlich
hämmern.
Und weiter: Damit die Seele in voller Weise sich hingibt dem, was da bevorsteht, kommt die zweite Mahnung des Hüters der Schwelle, die sich bezieht auf des Wassers Bildekraft. Diese Bildekraft des Wassers formt in uns aus dem flüssigen Elemente heraus die festen Organe. Alles dasjenige, was wir auch an Nahrung aufnehmen, es muss zuerst flüssig werden, dann werden die Organe daraus geformt. Alles, was der Mensch an scharf konturierten Organen hat, wird aus dem flüssigen Elemente herausgetrieben. Diese formende Kraft hört auf, sobald man das Gebiet jenseits der Schwelle betritt. Der Hüter ermahnt, dass dies der Fall ist; er ruft uns zu, wenn wir da stehen jenseits der Schwelle, den Blick wiederum gerichtet haben auf sein strenges Antlitz:
[Der zweite Teil des Mantrams wird an die Tafel geschrieben:]
II) Hüter: Wo ist des Wassers Bildekraft, die dich durchdrang?
Der Mensch antwortet, wenn er in seinem Herzen vom Christus angeregt ist:
Mein Leben verlöscht sie, so lang der Geist mich formt.
Denn nun beginnt der Geist zu formen, wenn man drüben, außerhalb des Leibes ist.
Christus: Mein Leben verlöscht sie,
— «sie» ist die Bildekraft —
so lang der Geist mich formt.
Wiederum in bescheidener Weise ist das «so lang» da. [Die beiden Worte «so lang» werden unterstrichen.]
Ist die Seele aber angeregt von Luzifer, dann lässt sie das «so lang» aus und formt den Satz in stolzer, hochmütiger Weise um:
Lucifer: Mein Leben zerschmilzt sie,
was ausgelöscht ist, kann wieder angefacht werden, was zerschmolzen ist, bleibt zerschmolzen. Mein Leben zerschmilzt sie
dass ich erlöst von ihr werde.
Ist die Seele angeregt von Ahriman, dann antwortet sie:
Ahriman: Mein Leben befestigt sie, dass ich sie ins Geistgebiet versetze.
Achter darauf, meine lieben Schwestern und Brüder, wie in mantrischen Sprüchen alles innerlich sicher und bedeutungsvoll geformt ist. Hier [beim ersten Spruch] ist: «Ich verlasse», «Ich fühle», «Ich will»; das Ich spricht in der Antwort. Im zweiten Spruche spricht das Ich nicht mehr so egozentrisch, sondern es sagt «Mein Leben»: «Mein Leben verlöscht», «Mein Leben zerschmilzt», «Mein Leben befestigt». Es wird durchaus sachgemäß mit dem Hineingehen in alle Realität gesprochen, wenn richtig im Geistigen gesprochen wird. Jene Lässigkeit im Formulieren von Sätzen, die dem Menschen eigen ist im physischen Gebiete, darf nicht hinein fortgesetzt werden ins Geistgebiet. Im Geistgebiet muss exakt und genau gesprochen werden.
Ihr müsst ja auch bedenken, meine lieben Freunde, dass das durchaus einer Realität entspricht, dass diese esoterische Schule eingesetzt ist nicht von Menschenwillen, sondern von der geistigen Welt, wie es gesagt worden ist im Anfang, dass alles dasjenige, was hier vorkommt in der esoterischen Schule des Goetheanums, durchaus nur durch meinen Mund gesprochen wird, aber Diktat der geistigen Welt ist. Das muss so sein in jeder zu Recht bestehenden esoterischen Schule, auch in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft, wie es in den uralt heiligen Mysterien der Fall war. Und diese esoterische Schule ist die wirkliche Michael-Schule, ist die Institution derjenigen geistigen Wesenheiten, die unmittelbar die Inspiration des kosmischen Willens Michaels haben.
Gegenüber dem Luftgebiete spricht wiederum mahnend der Hüter der Schwelle:
Wo ist der Lüfte Reizgewalt, die dich erweckte?
- ins Dasein erweckte.
Wie Jahve den Menschen durch das Einblasen des lebendigen Odems aus einem bloß lebenden Wesen durch den Reiz des Atems zu einem empfindenden geformt hat, so wird der Mensch durch seine Sinne, durch die Reize, die die Außenwelt auf die Sinne ausübt, zu einem empfindenden Wesen gemacht. Aber was sind die Sinne?
Meine lieben Schwestern und Brüder, die Sinne sind ja nichts anderes als differenzierte Atmungsorgane. Auge, Ohr, alles ist verfeinertes Atmungsorgan. Der Atem breitet sich nach allen Sinnen aus. Wie er in der Lunge lebt, lebt er im Auge. Nur dass er sich in der Lunge mit dem Kohlenstoff verbindet, im Auge mit dem ganz verfeinerten Kiesel. Im Organismus wird Kohlensäure gebildet [es wird gezeichnet: rot; «Kohlensäure» wird angeschrieben], in den Sinnen wird Kieselsäure in ganz verfeinertem Zustand gebildet [gelb; «Kieselsäure» wird angeschrieben]. Nach unten lebt der Mensch, indem er den Sauerstoff zur Kohlensäure formt; nach oben lebt der Mensch in das Gebiet seines Sinnes-Nerven-Systems hinein, indem der Sauerstoff sich mit dem Silicium, dem Kiesel, verbindet und feine Kieselsäure bildet [grün]. Sodass der Mensch so lebt, dass er, wenn der Atem sich ins Blut formt, er Kohlensäure bildet, wenn der Atem sich in die Sinne formt, er Kieselsäure bildet [gelbe Pfeile]; nach unten und nach außen durch den Atem Kohlensäure; nach den Sinnen und zurück von den Sinnen in den Atmungsprozess hinein in ganz feiner Dosis Kieselsäure.
Der Hüter der Schwelle ruft uns gegenüber dem, was in der Luft ist, zu:
Wo ist der Lüfte Reizgewalt, die dich erweckte?
Der von dem Christus in seinem Herzen Angeregte antwortet:
Meine Seele atmet Himmelsluft
— nicht mehr Erdenluft, Himmelsluft
so lang der Geist um mich besteht.
Das von Luzifer angeregte Herz antwortet:
Meine Seele achtet ihrer nicht in Geistes Seligkeit.
Das von Ahriman angeregte Herz antwortet:
Meine Seele saugt sie auf, dass ich göttlich schaffen lerne.
Wie Jehova einst geschaffen hat mit der Luft, so saugt der ahrimanisch Gesinnte die Luft auf, um sie mit hinüberzutragen in die geistige Welt.
Der Hüter spricht zum Menschen:
[Der dritte Teil des Mantrams wird nun an die Tafel geschrieben und dabei in der Christus-Zeile «so lang» unterstrichen]
III) Hüter: Wo ist der Lüfte Reizgewalt, die dich erweckte?
Das von Christus angeregte Herz spricht:
Christus: Meine Seele atmet Himmelsluft, so lang der Geist um mich besteht.
Das von Luzifer angeregte Herz spricht:
Lucifer: Meine Seele achtet ihrer nicht in Geistes Seligkeit.
— Der Lüfte Reizgewalt achtet sie nicht. —
Das von Ahriman angeregte Herz spricht:
Ahriman: Meine Seele saugt sie auf, dass ich göttlich schaffen lerne.
Dem Feuer- oder Wärmeelemente gegenüber spricht der Hüter nun zunächst sein letztes Elementarwort, mahnend, dass der Mensch sich auch nicht verliere im Wärmeelemente, aber auch nicht das Wärmeelement, wie es sich im physischen Dasein, im Irdischen auslebt, hineintrage in die geistige Welt.
Vorher will ich nur, meine lieben Schwestern und Brüder, aufmerksam machen darauf, wie der Aufstieg ist:
«Ich» spricht zunächst der Mensch,
«Mein Leben» spricht der Mensch,
«Meine Seele» spricht der Mensch.
Nun spricht der Hüter mahnend gegenüber dem Feuerelemente:
[Der vierte Teil des Mantrams wird an die Tafel geschrieben und dabei in der Christus-Zeile das «so lang» unterstrichen:]
IV) Hüter: Wo ist des Feuers Reinigung,
- oder Läuterung -, on =
die dir das Ich erflammte?
In dem, was uns als Wärme, als Feuer durchdringt, lebt unser Ich. Ich habe schon einmal, meine lieben Schwestern und Brüder, in diesen esoterischen Stunden darauf aufmerksam gemacht, dass sein festes Element bleibt im Unbewussten beim Menschen, auch das flüssige; obwohl der Mensch sich schon in seinem Lebensbehagen im flüssigen Elemente drinnen fühlt, bei der Sättigung oder bei dem Hunger erlebt die Eigentümlichkeit des flüssigen Elementes. Das luftförmige Element erlebt der Mensch schon seelisch: Er bekommt Atemnot, wenn die Zusammensetzung der Luft nicht in der richtigen Weise ist, und mit der Atemnot Angst. Da kommt’s schon ins Seelische herein. Die Wärme ist etwas, in dem sich der Mensch ganz drinnen fühlt. Er macht seinen warmen und seinen kalten Zustand mit seinem ganzen Ich mit. Das Feuer erflammt das Ich.
Das von Christus angeregte Herz antwortet:
Christus: Mein Ich lodert im Gottesfeuer, so lang der Geist mich zündet.
Der Mensch braucht nicht die irdisch-materielle Wärme, wenn der Geist sein Ich erflammt oder zündet; da lodert das Ich im Gottesfeuer, nicht in Erdenwärme, nicht in Erdenfeuer.
Aber das von Luzifer angeregte Herz antwortet:
Mein Ich hat Flammenmacht durch Geistes Sonnenkraft.
In ungeheurem Stolze will an sich reißen das Ich, durch Luzifer verführt, dasjenige, was geistig von der Sonne als das Feuerelement kommt, und dieses Feuerelement - statt nur für die Zeit, wo der Geist es auflodern machte - sich für die Ewigkeit behalten, nimmer weggeben.
Lucifer: Mein Ich hat Flammenmacht durch Geistes Sonnenkraft.
Das von Ahriman angeregte Herz antwortet so, wie wenn es das Feuer, das es auf der Erde empfangen hat, in sich zu seinem Eigentum nehmen wollte und hinübertragen in die geistige Welt, die geistige Welt meistern mit dem Ich-Feuer der physischen Welt.
Ahriman: Mein Ich hat Eigenfeuer, das rein durch Selbstentfaltung flammt.
Nicht will das Ich im Geiste lodern, sondern das eigene Feuer entfalten.
Wiederum ist aufgestiegen in der Formulierung. Der Mensch spricht zuerst «Ich»:
Ich verlasse Ich fühle Ich will.
Er wird dann objektiver, indem er dasjenige, was an ihm ist, als «Mein» anspricht:
Mein Leben verlöscht Mein Leben zerschmilzt Mein Leben befestigt.
Er geht mehr in das Innere hinein; das Innere wird ihm objektiv: Meine Seele atmet
Meine Seele achtet nicht Meine Seele saugt sie auf.
Jetzt steigt er noch weiter in sich hinein. Und, merket den Unterschied, meine lieben Schwestern und Brüder: Früher ist einfach «Ich» gesagt; jetzt wird das «Ich» objektiv: «Mein Ich», wie wenn es ein anderes wäre, wie wenn man von dem anderen als einem Besitz sprechen würde. Man ist eben mehr heraußen; man ist aus dem physischen Leib heraußen - der eben einen zunächst veranlasst, ganz egoistisch vom «Ich» zu sprechen - und spricht:
Mein Ich
wie von einem Gegenstande. Das ist die richtige Redewendung hier.
Diese Redewendung, man lernt sie, meine lieben Schwestern und Brüder, in aller Tiefe und Intensität kennen, wenn man mit solchen Seelen spricht, die durch die Pforte des Todes gegangen sind und eine Weile schon in der geistigen Welt sind. Die sagen nie «Ich», sondern die sagen immer «Mein Ich». Ich habe noch nie einen Toten nach dem Tode so sprechen hören, dass er gesagt hätte «Ich»; nur höchstens bald nach dem Tode. Aber in einiger Zeit nach dem Tode spricht der Tote «Mein Ich», weil er mit dem Auge der Götter das Ich ansieht. Es wird ihm objektiv. Das ist das Charakteristische. Daher kann nie eine Kundgebung von einem Toten, der längere Zeit verstorben ist, wahr sein, wenn der Tote «Ich» spricht, wenn er nicht sagt «Mein Ich». Aber die Seele sagt vor dem Hüter der Schwelle dieses «Mein Ich» an vierter Stelle.
Das, meine lieben Freunde, ist das wunderbare Zwiegespräch an der Schwelle zwischen dem Hüter der Schwelle und der Menschenwesenheit. Es hat eine Eigentümlichkeit. Und diese Eigentümlichkeit, die wirklich stattfindet, wenn man vor dem Hüter der Schwelle in der Situation steht, wie sie geschildert worden ist hier, diese Eigentümlichkeit, man muss sie, wenn man die richtige Meditation dieses Dialoges entfaltet, verspürend hören. Man meditiert daher diese Worte, die hier heute als mantrische Worte zu Euch gekommen sind, meine lieben Schwestern und Brüder, richtig, wenn man die Worte gewissermaßen sich selbst sprechen hört, nachdem der Hüter gehört worden ist in der Seele von uns. Man meditiert also so, als ob man zunächst viermal den Hüter der Schwelle bei I, II, III, IV, bei Erde, Wasser, Luft, Feuer hörte; dann wie wenn man die eigene Seele antworten ließe, aber so, dass man zunächst wie innerlich beseelt von Christus die erste Antwort hört, die zweite Antwort wie die Stimme des Versuchers, die dritte Antwort wie die Stimme des aufgeblasenen materialistischen Ahriman-Geistes, der an den Menschen herantritt mit dem Verlangen, die menschliche mineralisierte Wesenheit ins Geistige hineinzutragen.
Daher wollen wir heute gewissermaßen die Art, wie dieses zu meditieren ist, als Schluss dieser esoterischen Stunde an uns heranklingen lassen:
Wo ist der Erde Festigkeit, die dich stützte?
Ich verlasse ihren Grund, so lang der Geist mich trägt.
Ich fühle wonnig, dass ich fortan der Stütze nicht bedarf.
Ich will durch Geistes Kraft fester noch sie hämmern. Wo ist des Wassers Bildekraft, die dich durchdrang?
Mein Leben verlöscht sie, so lang der Geist mich formt.
Mein Leben zerschmilzt sie, dass ich erlöst von ihr werde.
Mein Leben befestigt sie, dass ich sie ins Geistgebiet versetze. Wo ist der Lüfte Reizgewalt, die dich erweckte?
Meine Seele atmet Himmelsluft, so lang der Geist um mich besteht.
Meine Seele achtet ihrer nicht in Geistes Seligkeit.
Meine Seele saugt sie auf, dass ich göttlich schaffen lerne. Wo ist des Feuers Reinigung, die dir das Ich erflammte?
Mein Ich lodert im Gottesfeuer, so lang der Geist mich zündet.
Mein Ich hat Flammenmacht durch Geistes Sonnenkraft.
Mein Ich hat Eigenfeuer, das rein durch Selbstentfaltung flammt.
Die nächste dieser Klassenstunden darf ich ankündigen auf Samstag, Sonnabend, den 21. Juni, weil ich ja die Aufgabe habe, einen landwirtschaftlichen Kursus in Schlesien zu halten. Also Samstag, Sonnabend, den 21. Juni, ist die nächste Klassenstunde um halb neun dann.