Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 18 May 1908, Hamburg

Zur Entstehung der Eurythmie

Margarita Woloschin beschreibt sowohl in ihren Tagebuchaufzeichnungen als auch in ihrer Autobiografie «Die grüne Schlange» das kurze Gespräch mit Rudolf Steiner nach dem ersten Vortrag des Zyklus «Das Johannes-Evangelium» (vom 18.-31. Mai 1908) in Hamburg. Rudolf Steiner hatte in diesem Vortrag anhand des Prologs zum Johannes-Evangelium über die Logoslehre gesprochen und auf den Ursprung des Menschen aus dem göttlichen Schöpferwort hingewiesen.

Margarita Woloschin, aus: «Tagebuchaunfzeichnungen»

Abends gingen wir zum Vortrag. Ein blauer Saal. Die Fenster gingen über die ganze Wand und waren mit einem Vorhang aus zarter, gelber Seide verdeckt. Davor stand er, als er sprach. Er war von einem weißen Gas-Kronleuchter beleuchtet, sehr blass, ganz von goldenem Licht umgeben, mit übermenschlichen Augen, übermenschlicher Liebe und übermenschlicher Gewalt. Er sprach ganz anders als in Berlin, und so, wie er gestern aussah, habe ich ihn noch nie gesehen. Ein Strauß von Maiglöckchen stand vor ihm. Er sprach vom Anfang des Johannes-Evangeliums, vom stummen Geschöpf und vom Wort und vom Maiglöckchen, das er in die Hand nahm - wie mir schien, die ganze Zeit vom Maiglöckchen. Seine Stimme schwand, unentschieden, ob sie ins Irdische zurückkehren sollte, starb ab, um neu wieder aufzuerstehen - noch einmal und noch einmal. Großartiger Sieg. Wer kann diese Ewigkeit, die menschliche Form angenommen hat, in sich aufnehmen? Zuweilen kann man nicht die Augen auf ihn richten. Aber er, uns schonend, nimmt ein einfaches menschliches Aussehen an. So, als ich gestern nach dem Vortrag aus dem Saal ging und er mich im Vorraum fragte: «Könnten Sie vielleicht durch den Tanz darstellen, worüber ich gesprochen habe?» «Ein vollkommenes Gefühl, wie sollte es sich anders verkörpern?» «Ja, um das Gefühl ging es heute auch.»

Margarita Woloschin, aus: «Die grüne Schlange»

Die Vorträge fanden in dem kleinen weißen Saal eines bürgerlichen Hauses statt. Rudolf Steiner stand vor einem gelbseidenen Vorhang an einem Tischchen. Er sprach an diesem ersten Abend über den Prolog des Johannesevangeliums «Im Anfang war das Wort»; dabei nahm er ein Maiglöckchen aus dem Sträußchen, das vor ihm stand: So, wie das Maiglöckchen aus dem Samen entstand, der Same aber in der Blüte verborgen ist, so ist die Welt und der Mensch aus dem Wort entstanden; eine stumme Welt war es, denn der Mensch war im Anfang stumm; doch das Wort war in ihm verborgen, wie in der Blüte der Same verborgen ist. Und das Wort begann aus dem Menschen zu tönen: «Ich bin.»

Nach dem Vortrag trat er zu mir und fragte: «Könnten Sie das tanzen?» Ich war über diese Frage nicht erstaunt, weil ich von meiner Kindheit an das Bedürfnis hatte, jedes tiefere Erlebnis zu tanzen; und dass Rudolf Steiner «alles weiß», davon war ich überzeugt. Ich antwortete ihm: «Ich glaube, man könnte alles tanzen, was man fühlt.» — «Aber auf das Gefühl kam es doch heute an!» Diesen Satz wiederholte er und blieb eine Weile vor mir stehen, indem er mich anschaute, als wenn er auf etwas wartete. Ich fragte ihn aber nicht. — Im Herbst desselben Jahres, nach einem Vortrag über die Entsprechungen der Rhythmen im Kosmos und im Menschen trat er zu mir und sagte: «Der Tanz ist ein selbstständiger Rhythmus, eine Bewegung, deren Zentrum außerhalb des Menschen ist. Der Rhythmus des Tanzes führt zu den Urzeiten der Welt. Die Tänze unserer Zeit sind eine Degeneration der uralten Tempeltänze, durch welche die tiefsten Weltgeheimnisse erkannt wurden.» Und wieder stand er wartend vor mir, und wieder fragte ich nichts. Ich wusste damals nicht, dass die Worte eines Lehrers immer ein Hinweis sein wollen, ohne die Freiheit des Schülers anzutasten. Worauf er wartete, verstand ich erst vier Jahre später, als er auf die Frage einer Schülerin die Grundlage einer neuen Bewegungskunst darlegte. Die Frage musste von einem Menschen gestellt werden, dann erst antwortete er.

German original of Notes on the Origin of Eurythmy · ← Previous · Next →