Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 15 December 1911, Berlin
Zur Entstehung der Eurythmie
Das Gespräch, das Clara Smits mit Rudolf Steiner nach dem überraschenden Tod ihres Mannes Henri Felix Smits am 15. Dezember 1911 in Berlin führte und in der er sie aufmerksam darauf machte, dass man eine Bewegungskunst auf theosophischer Grundlage entwickeln könnte, gilt als Ausgangspunkt der Eurythmie-Entwicklung.
Für die Darstellungen der ersten Anfänge der Eurythmie von 1912 bis 1915 bilden die Aufzeichnungen von Lory Maier-Smits die wesentliche Grundlage. Sie selbst schrieb dazu für die Erstveröffentlichung 1965, es obliege ihr, «die grundlegenden Anweisungen für die Eurythmie, die mir im Januar und September 1912 von Rudolf Steiner anvertraut wurden, jetzt nach über einem halben Jahrhundert nicht nur den Eurythmisten, sondern alle denen, die sich für Rudolf Steiners Lebenswerk in seiner Ganzheit interessieren und sich damit verbunden haben, weiterzugeben, so ausführlich und getreu es mir nur möglich ist. Zum Teil kommen mir kurze Notizen, sofort nach der eben erlebten Stunde aufgezeichnet, auch spätere, schon ausführlichere Versuche zu Hilfe, aber im Ganzen stehen diese Septembertage so lebendig und gegenwärtig vor mir, dass es eher unmöglich scheint, die damals erlebte Fülle zu bewältigen, als etwa etwas zu vergessen. - Meine Aufgabe ist es also, so über die ersten Angaben für die Eurythmie zu berichten, wie sie damals von Rudolf Steiner gemacht wurden, allerdings in dem Bewusstsein, dass es sich um die allerersten Grundlagen handelt, und dass jeder, der sich ernst mit irgendeinem Gebiet des Gesamtwerkes unseres Lehrers beschäftigt hat, weiß, welche Fülle von Erweiterungen, Modifikationen und neuen Gesichtspunkten selbst solcher Grundlagen im Laufe der Arbeit immer wieder von ihm gegeben wurde. - Weiter möchte ich kurz erzählen, wie wir mit unserer Arbeit begannen, wie wir Rudolf Steiner nach einem halben Jahr das bis dahin Erreichte zeigen konnten, von ihm neue Anregungen, Aufgaben, vor allem aber durch seine Zustimmung neuen Mut und gesteigerten Enthusiasmus empfingen, und wie die Eurythmie sich in den ersten drei Jahren entwickelte und ausbreitete.»
In der folgenden Schilderung Lory Maier-Smits aus «Die Anfänge der Eurythmie» sind Ergänzungen aus ihrem Text «Erste Lebenskeime der Eurythmie» eingerückt gedruckt.
Lory Maier-Smits, aus: «Die Anfänge der Eurythmie» und «Erste Lebenskeime der Eurythmie»
Im November 1911 starb mein Vater ganz unerwartet, und meine Mutter fuhr zwei Wochen danach zu Rudolf Steiner nach Berlin, nachdem er ihr zu einem Zeitpunkt, an dem er weder durch Brief noch Telegramm die Nachricht erhalten haben konnte, sein Miterleben und -tragen telegrafisch zum Ausdruck gebracht hatte: «Meine Gedanken sind bei Ihnen.»
Es war in der zweiten Adventwoche des Jahres 1911. Mein Vater war in den Novembertagen plötzlich und unerwartet gestorben, und die Mutter, Clara Smits, fuhr ungefähr zwei Wochen nach diesem Geschehen voll Leid und voller Fragen zu Rudolf Steiner nach Berlin. Und sie kam zurück mit dem Geschenk der Eurythmie, mit neuem Mut zum Leben und neuen Zukunftsaufgaben.
Sie musste in seiner Berliner Wohnung in der Motzstraße etwas warten und kam dabei ins Gespräch mit einer Bekannten, die erzählte, dass ihre Tochter als Mensendieck-Lehrerin sehr glücklich und erfolgreich sei, wodurch meine Mutter sich an meinen Wunsch erinnerte, eine Tanz- oder Gymnastikmethode zu erlernen. Während der nun folgenden Besprechung mit Rudolf Steiner fragte dieser plötzlich und anscheinend unvermittelt: «Was wird Ihre Tochter Lory machen?» Meine Mutter erzählte von meinen Wünschen und auch von dem eben geführten Gespräch. «Ja», sagte Dr. Steiner, «man kann natürlich ein guter Theosoph sein und nebenbei auch Mensendiecksche Gymnastik machen, aber das hat nichts miteinander zu tun. Man könnte so etwas aber auch auf theosophischer Grundlage machen und ich bin gerne bereit, es Ihrer Tochter zu zeigen.» Er habe etwas Ähnliches schon einmal angeregt, die betreffende Persönlichkeit sei aber nicht darauf eingegangen. Meine Mutter fragte noch, ob man nicht durch rhythmische Bewegungen, die das Ätherische im Menschen anregen und stärken, gesundende und heilende Wirkungen hervorrufen könne? Diese Frage sollte einige Monate später - bereits in den Angaben für die allerersten Übungen - bestätigt werden. [...]
Schon in jener ersten Unterredung sagte Dr. Steiner, es werde sich bei dieser neuen Bewegungskunst zunächst nicht um Musik handeln, sondern um das gesprochene Wort. Und dann wurde gleich die erste Aufgabe gegeben: «Sagen Sie Ihrer Tochter, sie solle Alliterationen schreiten; einen kräftigen, etwas stampfenden Schritt auf den alliterierenden Konsonanten machen und eine «gefällig» Armbewegung dann, wenn dieser Konsonant fehlt. Sie soll daran denken, dass Alliterationen eigentlich nur im Norden aufgetreten sind, also in Ländern, wo es schr windig ist. Sie soll sich einen alten Barden vorstellen, wie er im Sturm am Meeresstrand dahinschreitet, dahergeht, die Leier im Arm. Jeder Schritt ist eine Tat, ist ein Kampf und Sieg über den Sturm. Und dann schlägt er in die Saiten und eint sein Lied dem des Sturmes.»
Mit diesem Geschenk, von dem allerdings nicht zu ahnen war, dass es eine neue Kunst einleiten sollte, kam meine Mutter in jenem Spätherbst aus Berlin zurück, und es begannen Wochen der schönsten, ernstesten Erwartung, eine wirkliche Adventszeit.
Lory Maier-Smits, Aufzeichnungen 1965
Während eines Gespräches, welches meine Mutter, Clara Smits, Mitte Dezember 1911 in Berlin, kurz nach dem Tode meines Vaters, mit Rudolf Steiner haben durfte, fragte dieser plötzlich nach mir und meinen Berufsabsichten. Ohne eine Unterhaltung, die sie, als sie auf das Gespräch mit Dr. Steiner wartete, mit einer bekannten Dame geführt hatte, wäre meiner Mutter in diesen Tagen sicher nicht mein lange gehegter Wunsch eingefallen, irgendeine rhythmische Gymnastik, lieber noch Tanzkunst zu lernen, aber nun konnte sie davon erzählen und auch, dass diese Dame ihr von der Ausbildung und Tätigkeit ihrer eigenen Tochter erzählt habe, die sehr zufrieden und beglückt nach der Mensendieck’schen Methode arbeite. Und da antwortete Rudolf Steiner mit dem oft zitierten Ausspruch: «Man kann natürlich ein guter Theosoph sein und nebenbei Mensendieck’sche Gymnastik machen, aber das hat nichts miteinander zu tun! Aber man könnte auch eine ganz neue Bewegungskunst inaugurieren, die auf geisteswissenschaftlicher Grundlage aufgebaut ist.» Das gab meiner Mutter die Möglichkeit, Dr. Steiner von einer Idee zu sprechen, die bei dem Vortrag über «Lachen und Weinen» in ihr aufgeleuchtet sei, und zwar: Könnte man nicht durch bestimmte rhythmische Bewegungen über den ätherischen Leib, der ja der Sitz sowohl alles Rhythmischen wie auch von Gesundheit und Krankheit sei, bis in den physischen Leib herein, heilend, stärkend und regulierend wirken? - Nicht nur habe Dr. Steiner diese Möglichkeit lebhaft bejaht, sondern sich spontan bereit erklärt, die dazu notwendigen Anweisungen zu geben, die ich dann mit ihrer Hilfe ausarbeiten könnte.
Meine Mutter hat mir oft und ausführlich erzählt, wie aus diesem Gespräch, das unter dem Schatten eines ihr kaum fasslichen, viel zu frühen Todes begann, mehr und mehr zukunftsfrohes, hellstes Leben erblühte. Wie Rudolf Steiner davon gesprochen habe, dass er schon lange diese neue, wie sie richtig gefühlt habe, auf ätherischen Bewegungsimpulsen beruhende Bewegungskunst erstrebt habe, weil er sie mehr und mehr für lebensnotwendig für das Ganze der anthroposophischen Erkenntnis halte, aber man sei auf seine Anregungen bisher nicht eingegangen. Und doch brauche er selbst diese neue Bewegungskunst, zum Beispiel dann, wenn Dinge an die Menschen herangebracht werden sollten, die so tief seien, dass man sie überhaupt nicht in Worte fassen könnte, auch solche, die entweder von den Zuhörern eine kaum aufzubringende Konzentrationsfähigkeit oder von ihm selbst lange, umständliche und zeitraubende Ausführungen verlangten. Dann sollte diese neue Kunst einsetzen und an andere Erkenntnismöglichkeiten appellierend, den Menschen ein Verständnis auch solcher Wahrheiten vermitteln.
«Es wird sich aber um das Wort, nicht um Musik handeln!»
Um ihr ein Verständnis für diese damals immerhin ungewohnte Vorstellung zu erleichtern, habe er ihr folgende Stelle aus der Akasha-Chronik gezeigt mit Schilderungen gewisser Maßnahmen am Ende der lemurischen Zeit, durch welche eingeweihte Führer eine auserlesene Menschengruppe als Stamm der kommenden atlantischen Rasse herangebilder hätten: «Die Akasha-Chronik zeigt auf diesem Gebiete schöne Szenen. Es soll eine solche beschrieben werden. Wir sind in einem Walde, bei einem mächtigen Baum. Die Sonne ist eben im Osten aufgegangen. Mächtige Schatten wirft der palmenartige Baum, um den ringsherum die anderen Bäume entfernt worden sind. Das Antlitz nach Osten gewendet, verzückt, sitzt auf einem aus seltenen Naturgegenständen und Pflanzen zurechtgemachten Sitz die Priesterin. Langsam, in rhythmischer Folge strömen von ihren Lippen wundersame, wenige Laute, die sich immer wiederholen. In Kreisen herum sitzt eine Anzahl Männer und Frauen mit traumverlorenen Gesichtern, inneres Leben aus dem Gehörten saugend. - Noch andere Szenen können gesehen werden. An einem ähnlich eingerichteten Platze «sing» eine Priesterin ähnlich, aber ihre Töne haben etwas Mächtigeres, Kräftigeres. Und die Menschen um sie herum bewegen sich in rhythmischen Tänzen. Denn dies war die andere Art, wie Seele» in die Menschheit kam. Die geheimnisvollen Rhythmen, die man der Natur abgelauscht hatte, wurden in den Bewegungen der eigenen Glieder nachgeahmt. Man fühlte sich dadurch eins mit der Natur und den in ihr waltenden Mächten.»
Und diese «Bewegungen der eigenen Glieder», hervorgerufen durch Klang, Ton und Rhythmus, wirkten bildend und organisierend in den damals noch ganz weichen, bildsamen Leibern, und zwar wie spezialisierend und konzentriert in einem bestimmten Bereich dieser Leiber, sodass durch sie die ersten Keime für den heutigen Sprachorganismus in der, in jenen urfernen Zeiten unserer Erdentwickelung, noch nicht sprachbegabten Menschheit veranlagt wurde. «Wie das Auge am Licht gebildet ist, so ist das Sprachorgan gebildet an einer zuerst tonlosen Sprache.»
Dann habe Rudolf Steiner weiter gesprochen: «Nicht nur Seele kam auf diese Art in die Menschheit; durch diese rhythmischen Tänze, hervorgerufen durch Töne und Rhythmen, die den weisen Priesterinnen auf geheimnisvolle Art von höheren Führern eingeflößt worden waren, wurden die ersten Keime für unseren heutigen Sprachorganismus, für Kehlkopf und Nachbarorgane, in der damals noch nicht sprachbegabten Menschheit veranlagt.»