Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918

GA 277a — 18 September 1912, Bottmingen

Dritter Tag

Wie oft in den späteren Jahren habe ich es immer wieder schmerzlich bedauert, dass Fräulein von Sivers, später Frau Marie Steiner, erst von diesem dritten, nun zu schilderndem Tag an teilnahm an den nachmittäglichen Stunden, die um 16.30 Uhr begannen und meist bis 18 Uhr, bis zu Dr. Steiners Lieblingsmahlzeit, bis zur «Jause», dauerten.

An diesem Tage brachte Dr. Steiner ein Buch mit, Brevier der Tanzkunst. Ich sollte es bis zu einer mit energischen Bleistiftstrichen bezeichneten Stelle lesen, möglichst auch abschreiben. Aber wirklich nur bis dahin, danach würde der Czardas beschrieben, das sollte ich weder lesen noch abschreiben, «denn da wird die Seele aus dem Leib genommen und dem Luzifer in die Hände gespielt». In dem «erlaubten» Teil findet sich auch das schon erwähnte Bild des «Korybantentanzes, an dem Rudolf Steiner nicht nur die b-Geste der die Schilde haltenden Arme noch einmal erklärte, sondern auch zeigte, wie und wo die ganz zu Anfang als Überzeugung geforderte Anerkennung der Dreigliederung des Menschen nach Leib, Seele und Geist an der menschlichen Gestalt selbst abgelesen und gestaltet werden könnte. «Und wenn Sie erst Kopfhaltungen kennengelernt haben, müssten Sie an diesen ablesen können, wer der Sieger in diesem Kampfe sein wird.» Leider hat er die Gestalt des linken Satyrs auf dem zweiten Bild, von der er sagte, es sei eine ganz besonders interessante Stellung, auf die er später noch einmal zurückkommen würde, doch nicht mehr besprochen.

277a-17
277a-17

Beziehung / zur ganzen / Welt
Beziehungen / der / Menschen untereinander
Beziehung / zur / Erde / leises / inneres / Revoltieren
(Czerwinski: Brevier der Tanzkunst, RSB Th 4a, p. 15) RSt, NZ.6264

277a-18
277a-18

Bacchuszug
(Czerwinski: Brevier der Tanzkunst, RSB Th 4a, S. 21)

277a-19
277a-19

Nach einer kleinen Pause nahm er seinen Bleistift wieder zur Hand und sagte ungefähr das Folgende: «Es ist nicht nur möglich, mit den Armen und Händen die Ihnen nun ja schon bekannten Laute zu bilden, auch in Raumbewegungen müssen Sie sie empfinden lernen. Und da ist eine gerade, in irgendeine Richtung strebende Linie ebenso wie ein i, wie ein «Strecken», eine zweite im Winkel dazu sich bewegende Linie wie ein e - verlängern Sie nur einmal beide Linien über den Winkel heraus, da sehen Sie es ja mit Augen. Und die dritte Linie, die das gleichseitige Dreieck beschließt, indem sie zum Ausgangspunkt zurückkehrt, ist wie ein u zu empfinden. Jede Rückwärtsbewegung ist so etwas wie ein Sich-nach-oben-Wenden. Und so sollten Sie dieses gleichseitige Dreieck i e u wie urbildlich in sich tragen.»

Als ich in den vergangenen Monaten versucht hatte, der Aufgabe nachzukommen, in der klassischen Literatur Schilderungen und womöglich Anleitungen zur Ausübung des griechischen Tanzes zu suchen, war die Ausbeute sehr gering gewesen. Wohl kann man immer wieder schon bei Homer, Hesiod, Plato und manchem anderen, bei Schriftstellern und Dichtern, die Tanzkunst in beredtesten Worten gepriesen finden, aber über das, wie sie tanzten, habe ich nirgends irgendwelche Andeutungen gefunden, schon gar nichts über Armbewegungen, trotzdem es heißt: Wer weiche Arme hat, der tanze! Auch nichts über ihre Tempeltänze, von denen Dr. Steiner noch gesprochen hatte. Gewisse Aufschlüsse brachte wohl die kleine Schrift Über die Pantomimik des Lucian, einem späten Griechen, in der sogar das Wort ‹Eurythmie› zu finden ist. Nicht nur über den Ursprung des Tanzes, den «Reigen der Sterne und die verschlungene Bewegung der Planeten zu den Fixsternen und ihre taktmäßige Vereinigung und ordnungsvolle Harmonie», berichtet er. Er schildert auch ausführlich die überaus vielseitigen, hohen Ansprüche, die an einen Tänzer gestellt wurden, der außer Dialektik wohl alle Zweige der damaligen Bildung beherrschen sowie das Gegenwärtige, Zukünftige und Vergangene in seinem Gedächtnis tragen musste. Bei Lucian fand ich auch diese Worte: «dass man keine einzige alte Weihe finden kann, die des Tanzes entbehrt» - und «dass man von denen, die die Mysterien ausplauderten, gewöhnlich sagt: sie tanzen sie unter die Leute» - Es ist wohl verständlich, dass dieser Ausspruch für mein weiteres Suchen nach Tempeltänzen einen ziemlich energischen Schlusspunkt bedeutete.

Rudolf Steiner aber sprach weiter: «Wären Sie in Griechenland, kurz ehe die Männer in eine Schlacht hätten ziehen müssen, an einem dem Dionysos geweihten Tempel vorbeigekommen, so hätten Sie einen merkwürdigen Ruf aus dem Innern des Tempels heraustönen hören.»

277a-20
277a-20

i/u/eee/ Vorbeikommens

Und nun hörten wir zum ersten Mal diesen eindringlichen Ruf auf die dionysischen Laute i e u: i i I, i i I, e e E — und dann drei Halbtöne höher u u U, u u U — den Rhythmus durch Klopfen mit seinem Bleistift noch intensiver betonend. «Wären Sie aber in den Tempel gegangen, hätten Sie erlebt, wie der Dionysospriester diese selben Männer in feierlichem Zug in das Tempelrund geführt hätte zu einem bestimmten kultischen Tanz. Jeder trug einen Thyrsosstab, den er auf ein Zeichen des Priesters weit in das Innere des von ihnen gebildeten Kreises in den Boden pflanzte als ein zu erstrebendes Ziel. Aber das in ihnen urbildhaft lebendige, harmonisch-ausgewogene Dreieck hatte, so wie es war, keine Beziehung zu dem gesteckten Ziel. Das gleichseitige Dreieck musste sich in ein kraftvoll strebendes, spitzwinkliges verwandeln. Nicht nur das durch den Stab repräsentierte Ziel impulsierte, sondern auch der im Mittelpunkt stehende Dionysos-Priester befeuerte sie durch seinen rhythmischen immer stärker anschwellenden Ruf: i i I, i i I, e e E, u u U, u u U zu immer schnellerem und stärkerem Einsatz aller ihrer Kräfte. Und so wurden sie befähigt, «siegreich» in die Schlacht zu zichen und «ls Sieger zurückzukommen.

Den zweiten Ruf hätte man hören können nach der Schlacht zur Besänftigung und Wiederbefriedung der durch den Kampf erregten Seelen. Und diese Sieger, noch erregt, noch erfüllt von Angriffslust, sammelten sich gleich wieder in dem Tempel, vertauschten die Waffen mit dem Thyrsosstab und wurden wieder von dem Priester in feierlich-streng geformtem und geordnetem Zug zu einem Kreis ins Innere des Tempels geleitet. Wieder pflanzten sie auf das Zeichen des Priesters ihre Stäbe in die Erde, aber diesmal ganz wenig entfernt, dorthin, wo bei dem gleichseitigen Dreieck die e-Linie verlaufen wäre. Und da steht nun der Stab und wieder muss eine Metamorphose des Urbildes, das in ihnen lebt, gefunden werden, und die verlangt Rücksichtnahme auf den Stab und das Bestreben, sorgsam und behutsam an ihm vorbeizukommen, so wie der auch metamorphosierte Ruf des Priesters sie nun zu einem breit hingelagerten, stumpfwinkligen Dreieck veranlasste: i i I, i i I, e e E, u u U.

Wir aber, die diese Ausführungen hören durften, erlebten staunend: Es gibt also doch noch eine Stelle, wieder eine Stelle, die uns Heutigen sprechen kann unmittelbar von griechischen Tempeltänzen.

Rudolf Steiner nannte den ersten «Energietanz» und meinte, auch heute noch könne er den Menschen Kraft zu gemeinsamer Arbeit geben, zum Beispiel Kindern und auch Lehrern, wenn derselbe vor Beginn der Schule gemeinsam ausgeführt würde. Und durch den zweiten, den «Friedenstanz», da würden die streitsüchtigsten Kinder sich wieder friedlich und vergnügt vertragen, und aus den schwierigsten jungen Leuten könnten die «sanftmütigsten Eheleute» werden. «Wenn man sie nur dazu kriegen könnte!»

Von einem kleinen Zwischenfall an diesem Tage möchte ich doch gerne erzählen, denn ich glaube, er war nicht unbeabsichtigt! Um den Rhythmus, in dem diese verschiedenen dionysischen Dreiecke getanzt werden sollten, deutlich zu zeigen, klopfte Dr. Steiner den Takt sehr energisch und akzentuiert mit seinem Bleistift auf die Tischplatte: i i I. Bei der Länge aber, bei dem I, sprang die Hülse von dem Bleistift ab und flog unter den Tisch. Es war sehr eng in dem kleinen Zimmer, besonders auch unter dem Tisch, und es war nicht so ganz einfach, die Hülse wieder zu finden und sie Dr. Steiner zu geben. Sie aber flog zum zweiten und dritten Mal herunter bei seinem energischen i i I. Als ich das dritte Mal wieder auftauchte, dachte ich lebhaft an den berühmten Grenzstein, von dem Dr. Steiner so gern erzählte. In seiner Heimat sei es immer sehr feierlich zugegangen, wenn ein neuer Grenzstein gesetzt oder ein alter versetzt wurde. Das ganze Dorf - Pfarrer, Lehrer, Apotheker, Bürgermeister, kurz die ganze Obrigkeit, aber auch alle Kinder - sei versammelt gewesen, und in dem Augenblick, wo der Stein feierlich an seine Stelle gesetzt wurde, gab der Herr Lehrer einem der Buben eine ganz kräftige Watschen. Denn der sollte für alle andern, für sich, seine Kinder und Kindeskinder wissen und bezeugen können: Hier, an dieser Stelle, und nirgend anders muss er stehen. Und so weiß ich auch für viele Kinder und Kindeskinder: Es muss ein Anapäst sein und nichts anderes!

Nachdem Rudolf Steiner die herrliche Darlegung über den Energie- und Friedenstanz abgeschlossen hatte, fragte er plötzlich fast ein bisschen misstrauisch, ob ich wüsste, wie dieser Rhythmus - kurz kurz. lang - genannt würde; auch erkundigte er sich nach meinen Vorarbeiten. Glücklicherweise entstand aus dieser Frage für mich die Möglichkeit, ihm zu erzählen, dass ich bei meinem Suchen, Literatur über den griechischen Tanz zu finden, auf das Buch eines deutschen Philologen - Christian Kirchhoff, Dramatische Orchestik der Hellenen - gestoßen sci. Derselbe sei zu dem Schluss gekommen, die Griechen hätten gar nicht nötig gehabt, eine Tanzlehre aufzuschreiben, weil sie all ihre Bewegungen am Text abgelesen hätten. Er zeigt es gründlich und ausführlich, aber nur für die Bewegungen der Füße; er spricht von den verschiedenen metrischen Rhythmen, vor allen Dingen von steigenden und fallenden Metren, von vorgesetzten Kürzen bei den steigenden und nachgezogenen bei den fallenden Rhythmen, zeigt auch, dass jeder Gott in seinem Rhythmus gerufen wurde und so weiter. «Das ist alles ganz gut, und Sie können es absolut übernehmen», sagte Dr. Steiner. Es handelt sich bei den griechischen Metren ja um Längen und Kürzen, in der deutschen Sprache mehr um betont und unbetont oder Hochton und Tiefton. Trotzdem sollten wir dieses Lang-Kurz in den Füßen beibehalten, aber die Schritte mit Armbewegungen begleiten. «Das Wesentliche bei einem steigenden Rhythmus - und der Jambus ist der steigende Rhythmus par excellence - ist wirklich, dass der Jambus zurückzuführen ist auf den Speerwurf. Das bedeutet, dass er auf dem kürzesten Weg das - vor ihm in der Außenwelt klar und deutlich umrissen sich zeigende - Ziel erreicht. Wie einen Sprung in das Leben hinaus kann man den Jambus empfinden. Und der fallende Rhythmus, der Trochäus? Den nannten sie wirklich auch den Merkurschritt. Er, der Götterbote kommt zu den Menschen aus dem Himmel herunter auf die Erde, aber hinter ihm steht die Fülle der göttlichen Weisheit und Gnade. Und aus dieser Fülle bringt er ihnen Freuden und Schmerzen, Aufgaben und Enttäuschungen, wie die Götter es ihnen zugemessen haben. Und von dieser Fülle getrieben, stürzt er mit solcher Vehemenz vom Himmel zur Erde, dass er «abbremsen» muss. Und so entsteht diese machtvolle Länge und die den allzu großen Schwung auffangende Kürze. Oft haben die Griechen den Merkur sogar hinkend dargestellt. Demonstrieren Sie beides später Ihren Schülern. Nehmen Sie für den Jambus einen Stab, zeigen Sie, wie er zielbewusst vorwärts dringt, und zeigen Sie, indem Sie vielleicht von einem Stuhl in den Raum hineinspringen, dass Sie diese ab- und ausklingende Kürze brauchen. Empfinden Sie selbst und versuchen Sie Ihre Schüler empfinden zu lehren, wie man durch den Jambus hell und mutig heraus in die Außenwelt geführt wird, dass aber der Trochäus durch einen aus der geistigen Welt heraus hinter dem Menschen wirkenden schicksalhaften Impuls ihn vorwärts treibt.»

Einige Zeit später, als ich schon mit Kindern arbeitete, entstand das Bedürfnis, diese Rhythmen in musikalischer Form an die Kinder heranzubringen. Improvisierende Begleiter hatte man damals noch nicht (man hatte nämlich gar keine!), und so bat ich eine bekannte, sehr musikalische Dame, mir einen Jambus und einen Trochäus zu komponieren. Ich erzählte ihr, wie Dr. Steiner über beide Rhythmen gesprochen habe, und so wählten wir gemeinsam Dur für den Jambus und Moll für den Trochäus. Wir konnten die Musik Dr. Steiner vorführen, und da sagte er: «Das ist ganz richtig so, wenn Sie es für Erwachsene brauchen wollen, für Kinder müsste es aber umgekehrt sein. Für ein Kind ist es doch noch ein schmerzlicher Entschluss, sich in die Außenwelt hineinzuwagen, aber dort, wo es herkommt, da lebt es noch unbeschwert und glücklich.» Erst von da an konnte ich mit den doch oft so schmerzvoll drängenden Jamben und den fast tänzerisch leichten Trochäen etwas anfangen und ein tieferes Verständnis für das Wesen dieser Rhythmen gewinnen.

Nun aber zurück zu diesem dritten Tag in Bottmingen. Dr. Steiner sprach weiter über das «Taktieren» und gab auch noch Arm- und Handbewegungen an. «Denken Sie daran, dass Metrum soviel wie Maß bedeutet und dass die Sprache es mit einem kurzen und einem langen Maß zu tun hat. Nun können Sie diese Kürze und Länge auch in der menschlichen Gestalt finden, die Kürze in der Schulterbreite, die Länge in der Rumpflänge. Zeichnen Sie also Ihre Kürze und Ihre Länge - und jeder Mensch hat seine eigene Kürze und Länge - frei vor sich in den Raum, ausgehend von dem Punkt, der draußen der Schulterhöhe und Breite entspricht. Führen Sie beide Hände von diesem Punkt aus leicht, nicht gespannt, aber doch bewusst zeichnend bis zum Brustbein zusammen und ganz entspannt, wie schwebend, wieder zurück, sodass Sie die Länge nun noch bewusster und dezidierter nach unten führen können und dann wieder gelöst und leicht zurück zum Ausgangspunkt. Nicht nach unten drücken, sondern frei im Raum diese Länge zeichnend.» Wenn man sich bemüht, es wirklich so zu machen, ich meine so zu empfinden, dann ist es ein unendlich wohltuendes und harmonisches Schwingen und Erleben der eigenen Maße, und man kann tief berührt und erschüttert sein von der unendlichen Weisheit und Menschenliebe desjenigen, der eine derartige «rein technische» Übung angegeben hat. Die zweite Angabe ist aus einem Lauterleben, und zwar ist es ein Atmen zwischen einer i-Bewegung für die Länge und einer leichten o-Bewegung für die Kürze, also ein Strecken und Runden.

«Wenn Sie sich erst in die Laute eingelebt haben, werden Sie in jeder Kürze etwas o-haftes, in jeder Länge etwas i-haftes als Körperempfindung erleben.» Diese zweite Art könnte schon ein begleitender Chor bei einer künstlerischen Darstellung ausführen. — Ich müsste vielleicht um Verzeihung bitten, dass ich diese anscheinend «nebensächliche Angelegenheit so ausführlich beschrieben habe. Es sollte aber gezeigt werden, dass es in der Eurythmie nicht eine willkürliche Bewegung gibt, dass auch das anscheinend «Nebensächlichste aus den Kräften und Maßen der menschlichen Organisation herausgeholt wurde.

Vorbereitungsnotizen Rudolf Steiners zu dieser Stunde

277a-23
277a-23

Füße = Verhältnis zur Erde / Hände - Seelisch / Kopf - geistig

277a-24
277a-24

u i e / Friedenstanz / u i e mit langem i und u gibt Kraft zur gemeinsamen Arbeit—

German original of The Dionysian Course III · ← Previous · Next →