Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1912–1918
GA 277a — 19 September 1912, Bottmingen
Vierter Tag
Am Donnerstag, dem 19. September, sprach Dr. Steiner zuerst über einen weiteren dionysischen Tanz, der sich auch um eine den Dionysos repräsentierende Gestalt als Mittelpunkt gruppiert. Bei diesem Tanz sollen alle Beteiligten die angegebenen Worte selbst sprechen. Das anfangs noch im Gegensatz zum «Du» zuerst genannte und betonte «Ich» sollte immer freudiger aufgehen im «Wir», seine Ichhaftigkeit immer deutlicher zurückstellend: «Du und Ich, Du und Ich.» Wie bei allen dionysischen Tänzen muss auch hier das Tempo schneller und schneller werden, sodass die beiden letzten i («sind wir!») immer jubelnder und strahlender erklingen.

Dion. / vorwärts ich und du
Zurückgehen / in die ursprüngliche / Stellung. / du und ich
vorwärts ich und du / übereinander sind wir; / zurück du und ich / weiter zurück du und ich
gegen Neid und gegen Ehrgeiz
Nach dem «Ich und Du» beschrieb Dr. Steiner eine Reihe von Stellungen, die unabhängig von dem Lautlichen gewisse Seelenstimmungen ausdrücken.
Die erste, lieblich, zeichnete er zuerst und sagte: «Stellen Sie den rechten Fuß mit etwas vom Boden gelöster Ferse so nach vorne, heben Sie den linken Arm in einem anmutigen Bogen so über den Kopf und den rechten entsprechend so nach unten.» Die anderen Stellungen musste ich erst nach seinen Anweisungen ausführen und dann deutete er sie später nur mit ein paar Strichen an, als eine Art aide de memoire.
lieblich
So musste ich die zweite Stellung feierlich schr viel strenger machen, als es aus der Zeichnung hervorgeht, schon so, wie er es zwölf Jahre später wieder beschrieben hart.
en-prof en face / feierlich
Mit meiner Handhaltung bei klug war er gar nicht zufrieden. Es war wohl zu hart und zu steif. Er nahm meine rechte Hand, knetete eine Zeit lang daran herum und sagte: «So», und legte sie in einer viel weicheren und fast möchte ich sagen innerlicheren Haltung auf die Brust, sodass außer Daumen und Zeigefinger alle anderen lose auf dem Brustbein lagen.
klug
Bei ernst sollten bei waagerecht vor dem Körper gehaltenen Unterarmen nur eben die Hände — die Handflächen nach oben — mit gestreckten Fingern übereinander gehalten werden. Es entsteht dadurch ein fast gleichseitiges Dreieck zwischen Kopf und den beiden Ellbogen.
gestreckte Finger / ernst
Die nächste, die damals gegebene Gebärde für Trauer zeigt auf der Zeichnung als das Wesentliche nur die Unterarme. Man muss sie durch ganz leicht vom Körper abgehobene Oberarme ergänzen, sodass der rechte Arm eine sehr zarte, aber doch eindringlich nach außen abschließende Linie formt, um den im Ausdruck vielleicht wohl stärkeren, das Herz wie schützend umschließenden linken Arm. Dr. Steiner hat uns später manchmal aufgefordert, anstelle der von ihm angegebenen Bewegungen selbst andere auszuprobieren. «Aber Sie werden schen, es ist dieses wirklich die entsprechende und darum auch die befriedigendste Bewegung!» Gerade an dieser Stellung Trauer kann man erleben, wie unfertig und unbefriedigend es
Trauer
ist, wenn man den rechten Arm zum Beispiel einfach gerade herunterhängen lässt, oder die linke Hand gemütlich auf die Leber und Galle legt, anstatt das schwer und dumpf lastende Herz wie mit einer schützenden Hülle, in die doch wohl berechtigterweise auch die Leber mit eingeschlossen ist, zu umgeben und abzuschließen von aller Außenwelt, damit es allein sein kann mit seiner Trauer. Darum darf diese linke Hand auch nicht fest aufliegen, weil sie sonst den schützen-und-beruhigenwollenden Strom zum Stillstand bringen würde.
en profil / heiter
Heiter: So wie es gezeichnet ist, musste ich es machen, nur verläuft die Schulterlinie natürlich anders. Ich kann nicht sagen, wie sehr ich dieses Heiter geliebt habe, hatte man doch Rudolf Steiner so oft mit dieser Bewegung die Menschen begrüßen sehen, die glücklich waren, wieder einmal einen oder gar eine Reihe von Vorträgen hören zu können.
en profil /innig
Innig: Die Stellung der Arme war damals schon so, wie Rudolf Steiner sie 1924 gegeben hat, doch ohne die so ausdrucksvollen Hand- und Fußhaltungen, die zwölf Jahre später dazu gekommen sind.
Diese zweite Profilstellung für feierlich ist wie alle damals en profil gezeichneten Stellungen nach links orientiert, es ist also bei diesem feierlich nicht der linke Arm oben wie bei der ersten en face-Stellung, sondern der rechte; und man kann und darf sie ebenso nach rechts wie nach links anwenden.
en profil / leicht in der Hand / feierlich
Leichtigkeit oder auch «jede Verlegenheit im Tanz» nannte Rudolf Steiner diese letzte Stellung, die auf der Zeichnung sehr genau und verständlich dargestellt ist. Es ist also wirklich eine Stellung und sollte nicht mit verschlungenen Armen, bequem sich auf den Magen stützend, womöglich noch in die Hüften sinkend, ausgeführt werden.
en face / übereinander / finger gespreizt / leichtigkeit
Wenn wir in den ersten Zeiten, die Arme in dieser Stellung haltend, unermüdlich unsere Formen übten, dabei alle Aufmerksamkeit auf die die Formen laufenden Füße verwandten und allmählich so weit kamen, dass zuschauende Freunde eines Tages sagen konnten, unsere Formen seien so schön und sie hätten einen ganz starken Eindruck davon empfangen, dann war endlich aus «Verlegenheit im Tanz» Leichtigkeit geworden. Und als einmal zu einer ganz kleinen Form eine charakteristische Bewegung für Terpsichore als Muse der Tanzkunst gefunden werden musste, da war es eben auch diese Leichtigkeit, die am meisten befriedigte.
Anschließend an diese Stellungen sprach Rudolf Steiner noch über Pirouetten oder Drehungen im Tanz. Er nannte sie «Füllsel». Ich versuchte darum später einmal ein berechtigtes Füllsel anzuwenden in einem kleinen Gedicht [«Lob des Frühlings»] von Uhland: «Saatengrün» (Füllsel), «Veilchenduft» (Füllsel), «Lerchenwirbel» (Füllsel) und so weiter. Da wirkte es ganz. gut und heiter. Motivschwung gab es noch nicht.
Es war dieser vierte Tag ein sehr vielseitiger, denn nun kam noch die erste, während dieser Stunden die einzige Stabübung. Man sollte sie mit Kupferstäben machen, und wenn es schwer wäre, welche zu bekommen, sollte man mit Kupferdraht umwundene Holzstäbe nehmen. Aber Kupfer müsste es sein, denn Kupfer gäbe nämlich den Bewegungen von innen heraus Sicherheit.
erster Schritt / Stange unten
Stange oben
Stange rechts senkrecht / rechte Hand oben
Stange links senkrecht / linke Hand oben
Str. - r.s. / St. ob. / St. unten / Sehr geehrter Herr
gegen Ungezogenheiten in der körperlichen Haltung.
Man würde zum Beispiel wie unwillkürlich aus vielen Büchern das gewünschte greifen und gleich richtig aufschlagen. Vielleicht aber auch bei komplizierten Gruppenformen ‹von innen heraus› richtig laufen? Bei dieser Übung käme es besonders darauf an, die Bewegungen mit absolut gestreckten Armen auszuführen und bei den Seitwärts-Bewegungen weder über Schulterhöhe heraus noch nach der Mitte hin auszuweichen. Das würde ja die beabsichtigte Wirkung auf die Rückenmuskulatur illusorisch machen. Auf meine Frage, wie oft hintereinander man die Übungen machen sollte, meinte er: 7 x 7. Das wäre die gesündeste und auch selbstverständlichste Zahl. Ich sollte nur einmal gesunde Burschen, die sich hauen, beobachten, die würden auch erst nach 7x7 mal aufhören! Da ich damals mit der Bitte um die Musik für die Jamben und Trochäen auch noch die dritte, nämlich um eine Begleitung für diese Stabübung in 7 x 7 Zeiten, ausgesprochen hatte und die gute hilfsbereite Bekannte auch diesem Wunsch gegen schwere innere Widerstände nachgekommen war, konnte auch die Stabübung Dr. Steiner vorgeführt werden. Seine Antwort: «Ja, das geht natürlich nicht! Denn unser Tonsystem verlangt einfach den achten Ton, damit können Sie keine Musik in sieben Zeiten schreiben. Aber wenn Sie in den alten griechischen Tonarten komponieren könnten, da ginge es. Unsere heutigen Tonarten verlangen, wie gesagt, die Oktave! Und diesen achten Ton in der Musik müssen Sie dann eben als Pause gestalten und ruhig unten aushalten, dadurch wird der Siebener-Rhythmus noch am besten bewahrt. Sobald Sie die Übung aber in einem Daktylus, Anapäst oder Amphibrachys machen, könnte sie auch auf einen 4/4-Takt der heutigen Tonarten ausgeführt werden. Es wäre das sogar eine sehr gute Übung.»
Ich weiß leider nicht mehr genau, wann es war, aber noch in Bottmingen habe ich Herrn Doktor von rhythmischen Übungen der Dalcroze-Schule erzählt. Da müsste man mit jeder Hand einen anderen Rhythmus taktieren und mit den Füßen wieder einen anderen - und das wäre doch sicher nicht gesund, da würde man gewiss ganz zappelig, ganz nervös! «Aber warum denn», sagte Dr. Steiner, «da wird man doch sehr geschickt und lernt seine Glieder beherrschen!» Überhaupt sollte man dann, wenn man keine Gelegenheit hätte, unsere neue Bewegungskunst auszuüben, doch die Möglichkeit zur Dalcroze’schen Rhythmik, das unbedingt win. Es wäre in jedem Fall besser, Dalcroze zu tun als gar nichts. «Das Verhältnis zwischen Dalcroze und unserer Sache ist ungefähr so: Wenn Dalcroze Chemie ist, ist unseres Alchemie.»
Vorbereitungsnotizen Rudolf Steiners zu dieser Stunde
Ich und du / Du und ich / Ich und du / Sind wir / Du und ich / Du und ich / A B
gegen Neid und falschen Ehrgeiz Stabübung gegen Ungezogenheit - /
7 Bewegungen - 12 Bewegungen Vorübung / Spirale / Qui — zur Ausbildung der Finger —
Gegensatz — 12 Bewegungen — 1-7 Gegensatz—
Ernst / Lieblich
leicht / Innig
klug / feierlich
heiter / traurig
- Stab vorn gestreckt mit beiden Händen von oben gefasst, dann beide Hände den Stab gleichmäßig von unten fassen, dies im Wechsel und mehr und mehr gesteigertem Tempo. Es soll scheinen, als ob der Stab fast ruhig liegt und nur die Finger sich bewegen. (Daumentechnik). Diese Übung empfinden als «Qui».
- Stab vorn gleichmäßig von oben gefasst; dann das Gleiche auf dem Rücken und wieder vor, auch in steigendem Tempo.
-
- Stab unten gestreckt. 2. Stab in Schulterhöhe. 3. Stab unten. 4. Stab auf dem Rücken unten. 5. Mit gleichem Griff von außen Stab fassen. 6. Stab in Schulterhöhe. 7. Stab unten. 8. Pause dann dasselbe wieder in verschiedenen Tempi.