Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1918–1920
GA 277b — 17 July 1920, Dornach
Ansprache zur Eurythmie

Meine sehr verehrten Anwesenden!
Wir werden heute uns wiederum erlauben, Ihnen einige Proben aus der von uns inaugurierten eurythmischen Kunst vorzuführen, und es sei mir gestattet - so wie sonst vor diesen Aufführungen -, mit einigen Worten sie einzuleiten. Nicht geschieht das, weil ich dasjenige, was Sie auf der Bühne sehen sollen, irgendwie zu erklären gedenke, denn dasjenige, was Sie sehen werden, will wirkliche Kunst sein. Wirkliche Kunst bedarf selbstverständlich keiner Erklärung, sondern muss durch sich selbst sprechen, muss unmittelbar den Eindruck machen, der mit [ihr] beabsichtigt ist, muss unmittelbar auftreten. Aber über die Quellen und über die ganze Art und Weise, wie diese Kunst gefunden worden ist, muss ich einiges vorausschicken. Denn es handelt sich ja um eine Kunst, die erst ganz im Anfange ist, die erst in weiterer Entwicklung gewissermaßen zu dem Stadium kommen wird, wo die Gesetze wie etwas Selbstverständliches - zum Beispiel bei der Musik - wirken. Wir geben uns keiner Täuschung darüber hin, dass wir mit dem, was wir heute schon versuchen können, eben durchaus einen Anfang erst haben.
Soll ich nun mit wenigen Worten das Wesentliche dieser Kunst zum Ausdrucke bringen, so möchte ich sagen: Es handelt sich um eine Art von Sprache, aber eine Sprache, die nur nicht auf die gewöhnliche Weise zustande kommt, wie der Mensch mit seinen Sprachorganen in der Lautsprache spricht, sondern es handelt sich um eine Sprache, die durch die sichtbare Bewegung wirkt, die entweder ein Mensch an sich ausführt oder die Menschengruppen zusammen im Raume ausführen und dergleichen, also um eine Art von stummer, sichtbarer Sprache, ausgeführt durch den ganzen Menschen.
Das alles beruht im Grunde auf einer Ausbildung eines Goethe’schen Kunstgedankens, wie alles dasjenige, was hier versucht wird, beziehungsweise innerhalb derjenigen Bewegung versucht wird, für welche dieser Dornacher Bau der Repräsentant, der äußere Repräsentant sein soll. Wie alles, so beruht auch das auf einer weiteren Ausgestaltung des Goetheanismus - wobei uns Goethe nicht dasjenige ist, als was er 1832 gestorben ist, sondern dasjenige, als was er in der lebendigen, geistigen Bewegung bis heute fortlebt, fortlebt in denjenigen Kunstprinzipien, in denjenigen Erkenntnis- und geistigen Prinzipien überhaupt, die in seinem Sinne gehalten sind.
Es sieht abstrakt aus, aber es ist sehr konkret und tatsächlich gemeint, wenn ich erinnere an dasjenige, was Goethe mit seiner Metamorphosenlehre eigentlich gemeint hat. Diese Metamorphosenlcehre, die ist ja heute noch immer nicht genügend verstanden. Sie wird einmal - wenn man über wahre Wissenschaft andere Anschauungen haben wird als die heutigen, noch immer aus dem Materialismus gewordenen sind - erst in ihrem vollen Umfange, in ihrer vollen Tiefe gewürdigt werden. Es sieht einfach aus, wenn Goethe sagt: Nehme ich ein einzelnes Pflanzenblatt, so ist in diesem einzelnen Blatt alles dasjenige gegeben, was die ganze Pflanze ist, nur kommt Verschiedenes - Verästelung, Verzweigung der Pflanze, die Bildung des Blütigen, des Fruchthaften und so weiter - nicht sichtbarlich im Blatte zum Ausdruck, sondern es ist gewissermaßen im Blatte dem Gedanken nach drinnen. Das Sichtbare im Blatte ist viel weniger, als dasjenige, was dem Gedanken nach in jedem einzelnen Blatte vorhanden ist, sodass jedes einzelne Pflanzenblatt - einfach gestaltet — die ganze Pflanze ist. Und wiederum, dass die ganze Pflanze nichts anderes als ein kompliziertes gestaltetes Blatt ist. - Wie gesagt, wenn das einmal in seinem ganzen Umfange durchdacht, durchforscht sein wird, was da Goethe andeutet für das Pflanzenleben, was er in gewissem Sinne auch für das Tierreich ausgeführt hat, so wird das auf das ganze geistige Leben einen bedeutsamen Eindruck machen.
Wir versuchen hier umzusetzen dasjenige, was Goethe bloß auf die Form des organischen Wachstums, des Wachstums der Lebewesen angewendet hat, wir versuchen es anzuwenden - allerdings ins Künstlerische umgewandelt - in unserer eurythmischen Kunst, indem wir studieren. All dasjenige, was eurythmische Kunst ist, beruht wirklich auf einem tiefen geistigen Studium, indem studiert worden ist, welches die Bewegungstendenzen sind, die zugrunde liegen dem Kehlkopf und allen Nachbarorganen des Kehlkopfes, die beim Lautsprechen in Betracht kommen. Nicht die einzelnen Vibrationen, die dann in die Luft übergehen und den Ton vermitteln, den ich zum Beispiel jetzt zu Ihnen spreche und der an Ihr Ohr dringt, sondern die großen, zusammenfassenden Bewegungen, die aber deutlich veranlagt sind in der Konfiguration der Stimmbänder, in der Konfiguration der anderen Organe, die beim Sprechen in Betracht kommen. Das alles musste sorgfältig studiert werden. Diese Bewegungen, die man da kennenlernt, wenn ich mich des Goethe’schen Ausdruckes wiederum bedienen darf, durch sinnlich-übersinnliches Schauen, diese Bewegungen werden dann auf den ganzen Menschen übertragen, sodass der Mensch durch seine Armbewegungen, durch die Bewegung seines ganzen Leibes dasselbe im Grunde ausdrückt, was ausführen will der Kehlkopf und seine Nachbarorgane.
Es ist also, so wie Goethe die ganze Pflanze wie ein kompliziertes veranlagtes Blatt nimmt, so ist dasjenige, was hier auf der Bühne ein einzelner Mensch oder Menschengruppen vor Ihnen darstellen, es ist Umgewandeltes vom Kehlkopf und sonstigen sprachorganischen Bewegungen. In dem Menschen und in den Menschengruppen, die vor Ihnen auftreten, sehen Sie, ich möchte sagen einen bewegten Kehlkopf. Der ganze Mensch wird zum bewegten Kehlkopf. Nur natürlich, da diese Kunst am Anfange ist, so ist nicht alles gleich verständlich. Aber bedenken Sie nur, wenn Sie eine Ihnen unbekannte Sprache hören, so ist sie Ihnen auch nicht gleich verständlich. Und wenn Sie dann auch noch Künstlerisches in der Sprache, Dichterisches in der Sprache empfangen sollen, so ist es auch nicht gleich verständlich. Eurythmie wird sich also erst allmählich zum selbstverständlichen Eindruck durchringen. Aber derjenige, der künstlerisches Empfinden hat, wird schon heute diejenigen Bewegungen, die ausgeführt werden, wirklich als eine Art bewegter Sprache oder bewegter Musik ansehen können. Man braucht dazu nur einige künstlerische Intuition.
Allerdings, indem die Eurythmie so auftritt, muss in ihr angestrebt werden, ich möchte sagen in unserer ja wirklich kunstarmen Zeit, in der Zeit, in der so wenig wirklich künstlerischer Sinn vorhanden ist, es muss gerade angestrebt werden, diesen künstlerischen Sinn zu vertiefen. Hört man heute die Dinge, es ist ja wirklich so, meine sehr verehrten Anwesenden, dass man sagen muss, neunundneunzig Prozent alles desjenigen, was heute gedichtet wird, ist vollständig unnötig gedichtet, und nur ein Prozent davon ist wirklich aus künstlerischer Innerlichkeit heraus entsprungen. Denn an einem Gedicht ist ja nicht dasjenige Kunst, was prosaischer Inhalt ist, wortwörtlicher Inhalt ist, sondern an einem Gedicht ist nur so viel Kunst, als darinnen Form ist, entweder musikalischer Untergrund oder plastisch-bildhafter Untergrund.
Die Zeiten sind eigentlich vorüber, aber sie müssen wieder kommen, wo die Romantiker es als eine besondere Befriedigung empfanden, Gedichte in fremden Sprachen anzuhören, wo sie gar nicht den Inhalt verstanden, sondern nur den Rhythmus, nur das Musikalische verstanden, um sich so nur in das Musikalische, in das Formale des künstlerischen Schaffens, das der Dichtung zugrunde liegt, hinein zu vertiefen. Dazu müssen wir wiederum kommen, richtig zu verstehen wiederum, was es eigentlich heißt, wenn man aufmerksam darauf wird, dass Schiller bei den bedeutendsten seiner Gedichte zunächst gar nicht den wortwörtlichen Inhalt hatte - der war ihm zunächst höchst gleichgültig. Er hatte so etwas unbestimmt Melodiöses in der Seele liegen, und da konnte das eine oder andere Gedicht später noch daraus werden. Das kam erst später dazu, was der Prosainhalt ist — das ist das Unkünstlerische am Inhalt. Das eigentlich Künstlerische, also das Rhythmische, Taktmäßige, Melodiöse oder auch das Plastische, das ist dasjenige, was auch an der Dichtung das eigentlich Künstlerische ist. Sodass Sie bemerken werden: Wenn wir dichterische Eurythmie darstellen, so streben wir keine Pantomime, nichts Mimisches an, sind weit entfernt davon. Wenn es heute noch auftritt, so ist das nur, weil wir eben im Anfang der eurythmischen Kunst stehen und eben abstreifen müssen im Eurythmischen Physiognomisches, Mimisches und so weiter. Das ist noch eine Unvollkommenheit. Soweit es heute auftritt, wird es schon später abgestreift werden.
Es handelt sich gerade darum, dass dasjenige, was der Dichter selber als Künstlerisches in der Formung der Verse, in dem Rhythmus und so weiter macht, dass das auch aufgefasst wird in dem Fortströmen des Eurythmischen. Sodass es nicht darauf ankommt zu sehen: Wie drückt eine eurythmische Bewegung dies oder jenes aus? - sondern: Wie fügt sich die eurythmische Bewegung anständig an die vorausgehende Bewegung, wie die dritte an die zwei anderen und so weiter, sodass man wirklich eine im Raume vor sich gehende musikalische Kunst hat. Daher werden Sie auf der einen Seite sehen, dass dasjenige, was eurythmisiert werden soll, rezitiert wird, und auf der anderen Seite werden Sie Musikalisches hören. Und auf der Bühne werden Sie eben nur in menschlichen Bewegungen, in die Bewegungskunst umgesetzt entweder das Musikalische oder das Dichterische sehen.
Ich darf darauf aufmerksam machen, dass dabei auch die Rezitationskunst wiederum herausgchoben werden muss aus jener Unkunst, in der sie heute eigentlich drinnen steckt. Diese Rezitationskunst wird ja heute als besonders vollkommen angesehen, wenn der Rezitierende auf den wortwörtlichen Inhalt, auf die Prosa, auf dasjenige, was ausgesprochen wird durch die Dichtung, besonders sieht. Und man ist dann ganz besonders zufrieden, wenn der Rezitator, der Deklamator so, wie man sagt, recht innerlich den Prosainhalt zum Ausdruck bringt. Den kann man gar nicht zum Ausdrucke bringen in derselben Form, wie er in der heutigen Unkunst angestrebt wird. Wenn man nach dem Deklamierten die eurythmische Kunst ausüben will, da muss der Rezitierende auch durchaus eingehen auf das Rhythmische, auf das Musikalische oder auf das Plastisch-Malerische der Dichtung sogar. Sodass also gerade dasjenige, was heute vernachlässigt wird, auch in der Rezitation zum Vorschein kommen muss.
Sie werden im Verlaufe unseres heutigen Abends auch Kinder darstellen sehen. Da darf ich wohl besonders darauf aufmerksam machen, dass ja diese Kinderdarstellungen schon eine große Rolle im Lehrplan unserer Stuttgarter Waldorfschule spielen - als Ergänzungen des rein äußerlich mechanischen Turnens durch die eurythmische Kunst bei den Kindern. Da ist, ich möchte sagen dasjenige, das sonst als Kunst auftritt, beseeltes Turnen. Über diese Dinge wird ja eine spätere Zeit, die unbefangener als die heutige denkt, denken wird über geistige Fortschritte, geistige Menschheitserfordernisse und so weiter, durchaus anders denken, als man heute denkt. Heute wird ja zunächst so geturnt von den Kindern, wie es die physiologischen, die rein mechanischen Gesetze erfordern. Aber da wird nicht Rücksicht genommen auf den Menschen als ganzes Wesen, da kommt nur der Mensch als physisches Wesen in Betracht. Wenn bei uns die Kinder Bewegungen ausführen, die zu gleicher Zeit die Bewegungen der eurythmischen Kunst sind, so kommt der ganze Mensch nach Leib, Seele und Geist in Bewegung. Und das wirkt so, dass - wenn es im richtigen Alter an die Kinder ganz lehrplanmäßig herangebracht wird, wie wir das in der Waldorfschule in Stuttgart tun -, dass dann nicht nur dasjenige, was das Turnen heranerzieht, heranerzogen wird, sondern dass viel mehr heranerzogen wird. Heute glaubt man es nicht, weil eben heute der ganze Geist des Denkens materialistisch ist. Das Turnen hat ja gewiss mancherlei Gutes. Was aber die Eurythmie bei den Kindern schon hervorbringen kann und was das Turnen nicht kann, das ist Willensinitiative, das ist Selbständigkeit des Seelenlebens. Das kommt von der Beseeltheit der Bewegungen, die nicht da ist beim bloßen Turnen.
So hat dasjenige, was wir als Eurythmie treiben, erstens im Wesentlichen eine künstlerische Bedeutung, zweitens aber auch eine pädagogisch-didaktische Bedeutung. Und ich könnte noch von einer dritten Bedeutung reden, von einer hygienischen, will es aber heute nicht. Weil dasjenige, was in der Eurythmie von dem Menschen ausgeführt wird, etwas wesentlich Gesundendes hat, so kann diese hygienische Seite eine wesentliche praktische Unterstützung in Krankheitsfällen bilden. Um das Genauere auszuführen, reicht ja die Zeit in den paar einleitenden Worten, die mir hier zur Verfügung steht, leider nicht aus.
Jedenfalls soll in der Eurythmie das zutage treten, was man nennen könnte: Der Mensch versucht dasjenige, was in ihm an Bewegungsmöglichkeiten liegt, zur äußeren Darbietung zu bringen. Dadurch haben wir wirklich etwas Durchgeistigtes, Durchseeltes, etwas, was als Durchgeistigtes und Durchseeltes unmittelbar sinnlich anschaulich ist. Wir haben Natur, denn der ganze Mensch steht als Natur vor uns. Aber wir haben durchseelte Natur, denn der Mensch ist es, der diese natürlichen Bewegungen ausführt. Wir haben im eminentesten Sinne dasjenige, dass uns das Menschengeheimnis ausgedrückt wird in den Bewegungen des Willens, sodass wirklich, wenn der Mensch selber das Instrument in der eurythmischen Kunst ist, erfüllt ist das schöne Goethewort: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, bringt er in sich selber wiederum eine ganze Natur hervor, nimmt Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung zusammen und erhebt sich zur Produktion des Kunstwerkes. - Und in der Eurythmie nimmt er aus seinen eigenen Bewegungsmöglichkeiten, aus seiner Gestalt, aus allem, was ihm zur Verfügung steht, Ordnung, Harmonie, Maß und Bedeutung zusammen, um auszudrücken, was sein Seelisch-Inneres ist.
Es kommt das, glaube ich, gerade bei einer eurythmischen Darbietung zum Ausdrucke, was Goethe von der Kunst so sehr ersehnte, dass sie zu gleicher Zeit eine Enträtselung ist der großen Naturgeheimnisse, denn Goethe sagt: Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfindet eine tiefe Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. Die Kunst ist etwas, was Goethe - wie jeder echte Mensch - in innigem Zusammenhange mit den Weltgeheimnissen denkt.
Das alles bitte ich aber, soweit wir das heute schon in Proben vorführen können, mit Nachsicht aufzunehmen; denn wir wissen selber sehr gut, dass alles noch im Anfange steht, vielleicht auch erst der Versuch eines Anfanges ist. Aber wer auf das Wesen dieser eurythmischen Kunst hinschaut und in ihr tätig ist, er muss die Überzeugung haben, dass dasjenige, was sie am Anfang jetzt erst ist, dass das einer Vervollkommnung fähig ist, die es einstmals - vielleicht noch durch uns selbst, aber wahrscheinlich durch andere - dahin bringen wird, dass diese eurythmische Kunst als die jüngste sich neben die älteren, eingebürgerten Künste voll ebenbürtig hinstellen kann.