Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 20 February 1921, Hilversum

23. Ansprache zur Eurythmie

Program
Program

Vom 19. Februar bis 3. März 1921 fand eine Vortragsreise Rudolf Steiners durch die Niederlande statt, die begleitet wurde von öffentlichen Eurythmie-Aufführungen. Die Aufführungen fanden statt in Hilversum (20.), Amsterdam (22. u. 3. März), Rotterdam (26.) und Den Haag (27. Februar 1921). Nur von Rudolf Steiners Eurythmie-Ansprachen in Hilversum und Den Haag liegen Aufzeichnungen vor; am 3. März in Amsterdam hielt Jan Stuten die Einleitung. Für die Aufführungen wurde ein Programmheft mit den deutschen Texten erstellt.

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Gestatten Sie mir, diese einleitenden Worte zu sprechen, nicht um die Vorstellung etwa zu erklären, das wäre ein unkünstlerisches Beginnen. Eurythmie will durchaus eine künstlerische Darbietung sein, und dasjenige, was Kunst ist, muss in unmittelbarer Darstellung wirken, muss wirken, indem man es unmittelbar aufnimmt - und nicht erst durch irgendeine Erklärung. Wenn ich aber dennoch heute diese Worte vorausschicke, so geschieht das aus dem Grunde, weil diese unsere eurythmische Kunst sich tatsächlich gewisser künstlerischer Mittel bedient und einer künstlerischen Formensprache, die man bisher kaum gewohnt war.

Es darf dasjenige, was wir eurythmische Kunst nennen, eben durchaus nicht verwechselt werden mit irgendetwas Pantomimischem oder Mimischem oder gar mit irgendeiner Tanzkunst. Das alles ist Eurythmie nicht. Eurythmie will sein eine wirkliche sichtbare Sprache, und je mehr etwas Mimisches oder Pantomimisches darinnen wäre, desto weniger würde sie ihrer eigentlichen Wesenheit entsprechen. Es beruht diese Eurythmie darauf, dass sorgfältig durch dasjenige, was man nennen kann sinnlich-übersinnliches Schauen und Beobachten, studiert worden ist, welche Bewegungstendenzen der menschliche Kehlkopf und die anderen Sprachorgane haben, wenn die Lautsprache ertönt. Die Sprachorgane machen dann nicht diese Bewegungen, sie führen sie nicht aus, aber sie haben die Anlage dazu in sich. Diese Anlagen, die also durchaus beim Sprechen im menschlichen Organismus begründet sind und die umgesetzt werden beim gewöhnlichen hörbaren Sprechen eben in Töne, in Luftbewegungen, diese Bewegungen, die werden nun übertragen nach den Goethe’schen Gesetz der Metamorphose auf den ganzen Menschen.

Sie werden also vor sich haben auf der Bühne den ganzen Menschen - wenn ich mich paradox so ausdrücken darf - wie einen bewegten Kehlkopf. Sie werden die Sprache sehen, die man sonst gewöhnt ist zu hören. Daher darf man auch nicht Anspruch darauf machen, dass die inneren Bewegungen der Seele, die Gemütserregungen, Leidenschaften und so weiter, die in der Dichtung oder Musik sich ausdrücken, durch Augenblicksgebärden zur Darstellung kommen. Das ist nicht der Fall. Manche Menschen sagen zum Beispiel, sie sähen nicht das Mienenspiel bei uns in der Eurythmie. Es würde das ein Missverständnis sein, wenn man so das Mienenspiel sehen wollte anders, als man es sieht bei der gewöhnlichen Sprache. So wenig man beim gewöhnlichen Sprechen Grimassen schneidet mit dem Gesicht, so wenig kann man ein unnatürliches Mienenspiel, ein künstliches Mienenspiel die Eurythmie begleiten lassen.

Bei der Eurythmie hat jeder Laut, jede Lautzusammenfassung, hat namentlich jetzt, wo wir schon etwas weiter gekommen sind mit der eurythmischen Kunst, jeder Satzbau, alles das, was in der Sprache ausgedrückt werden kann, seine bestimmte eurythmische Form, genau ebenso, wie man bei der Sprache immer ganz dieselben Formen, nur artikuliert hat, wie man auch in der Sprache einen Laut so oder so artikuliert, je nachdem er im ganzen Zusammenhang in der einen oder anderen Weise drinnen steht. Die Gesetze der Eurythmie sind durchaus die Gesetze der Sprache. Es gehen diese Gesetze bei der Darstellung der Eurythmie als Kunst durchaus über in dasjenige, was die Sprache darbieten kann in Rhythmus, Takt und so weiter. Dadurch wird das eigentlich Künstlerische dann in der Eurythmie herausgearbeitet. Man sieht das ganz besonders durch die Begleitung des Eurythmischen. Da Eurythmie nur eine andere Ausdrucksform ist für das hörbare Wort, so kommt in der Eurythmie alles zum Ausdruck, was im Musikalischen liegt. Es ist gewissermaßen ebenso möglich, eurythmisch bewegt zu singen - nicht hörbar, sichtbar zu singen -, wie es möglich ist, eurythmisch ein Gedicht zum Vortrag zu bringen.

Damit die Sache verständlicher ist, wird immer die Eurythmie-Darstellung begleitet auf der einen Seite zuweilen von dem entsprechenden Musikalischen, das dann nur ein anderer Ausdruck des Eurythmischen ist, oder auf der anderen Seite von der Rezitation und Deklamation.

Welche Bedeutung das Eurythmische hat, man kann es daran sehen, dass man nur in einer gewissen Weise begleiten kann in Deklamation, in Rezitation das Eurythmische. Heute liebt man es — wir leben ja heute eigentlich in einer unkünstlerischen Zeit -, den Prosainhalt eines Gedichtes herauszuarbeiten besonders in der Deklamation. Das haben große, bedeutende Künstler durchaus nicht für das Richtige angesehen, sondern sie haben immer dasjenige als eigentlich Dichterisches angesehen, was in der Sprache entweder bildlich ist oder musikalisch ist. Schiller zum Beispiel hatte immer zuerst eine unbestimmte Melodie in seiner Seele, bevor er den wortwörtlichen Prosainhalt des Gedichtes hatte; dieser Prosainhalt lehnte sich dann nur an an diese unbestimmte Melodie.

Gerade im Eurythmischen muss wiederum herausgeholt werden dieses rhythmische Element, was doch der eigentlich wirklich künstlerische Gehalt ist auch der Dichtung. Deshalb kommt die Dichtung in dieser sichtbaren Sprache der Eurythmie besonders zum Vorschein. Suchen Sie also nicht etwas Pantomimisches oder Mimisches in dem, was wir darstellen, sondern suchen Sie durchaus eine sichtbare Sprache. Das ist dasjenige, was ich in Bezug auf das Künstlerische zu sagen habe.

Die Eurythmie hat aber noch andere Bedeutungen. Sie hat zum Beispiel eine sehr große hygienisch-therapeutische Bedeutung. Sie kann für die Gesundheitslchre ausgebildet werden in besonderer Form. Davon möchte ich jetzt nicht weitersprechen.

Wir haben die Eurythmie ausgebildet auch in pädagogisch-didaktischer Beziehung. Wir haben sie als obligatorisches Fach neben dem Turnen eingeführt in der Freien Waldorfschule in Stuttgart. Da zeigt es sich, wie wohltätig dieses beseelte Turnen ist, denn das ist es auch, neben dem, dass es eine Kunst ist: Ein beseeltes Turnen, wo der Mensch nicht nur sich so bewegt, wie es der Leib erfordert, sondern so, wie es Leib, Seele und Geist erfordern. Das wirkt ungeheuer wohltätig auf die Kinder ein. Es erzieht sie zur Willensinitiative, zur Wahrhaftigkeit. Denn man kann wohl in das KonventionellPhrasenhafte verfallen, wenn man mit der Wortsprache spricht, aber nicht, wenn man den ganzen Menschen in eine sichtbare Sprache hineinlegt. Dann kann man nicht irgendetwas Konventionelles oder Phrasenhaftes oder Verlogenes zur Darstellung bringen. Weniger bei Erwachsenen, aber bei Kindern als Erziehungsmittel wirkt im hohen Grade die Eurythmie als Erziehung zur Wahrhaftigkeit. Das haben wir in der kurzen Zeit, in der wir sie verwenden konnten in der Waldorfschule, durchaus konstatieren können.

So werden wir versuchen, von diesen Aspekten aus - dem künstlerischen, dem medizinisch-therapeutischen und dem pädagogischdidaktischen - die Eurythmie unserem Kulturleben einzuverleiben.

Es muss durchaus gesagt werden, dass der ganze Mensch mit seiner naturgemäßen Anlage zu den verschiedensten Bewegungen seiner Glieder als Instrument, als Werkzeug verwendet wird für diese eurythmische Darstellung. Und was könnte ein edleres Werkzeug sein für künstlerische Darstellung als der Mensch selbst, der ein Abbild ist des ganzen Weltenalls. Das ist dasjenige, was wir uns erhoffen, dass man immer mehr und mehr begreift, wie die Kunst dadurch Anregung empfangen muss, dass sie sich nicht nur der äußeren Werkzeuge bedient, sondern des Menschen selbst.

Wir haben in der letzten Zeit versucht, dasjenige, was unmittelbar sprachlich ist, zum Ausdruck zu bringen durch die Bewegung, die der Mensch selber mit seinen Gliedern vollführt. Dasjenige, was Satzbau, Rhythmus, Takt ist, es wird durch die Bewegungen im Rahmen der gegenseitigen Stellung der einzelnen Mitspieler dargestellt. Sie werden Solodarstellungen und Gruppendarstellungen sehen. Im letzteren Fall ist die Gruppe dann ein lebendiger Kehlkopf. Beides ist künstlerisch gestaltete sichtbare Sprache. Und man darf wohl mit Goethe sagen, dass in dieser Eurythmie, wenn auch nicht im Entferntesten in vollkommener Weise, so doch im Goethe’schen Sinne angestrebt wird das, was dieser Dichter und Künstler aus seiner Kunst und Weltanschauung heraus mit den Worten ausspricht: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes erhebt.

Wenn der Mensch nun selber sich als Werkzeug hingibt, um die Darstellung des Kunstwerkes zu bewirken, so wird allerdings wenigstens erstrebt ein Höheres in der Kunst. Trotzdem muss ich für unsere Darstellung um Nachsicht bitten. Wir sind selbst heute noch die strengsten Kritiker. Die Eurythmie steht am Anfang ihres Werdens. Trotzdem wir in den letzten Jahren namentlich in Bezug auf die Formgebung manches hinzugefügt haben zum Anfänglichen, wissen wir doch gut, dass das, was eurythmische Kunst ist, wie ein hohes Ideal vor uns schwebt. Aber sie soll vorgeführt werden, denn es ist das Geheimnis des künstlerischen Wirkens, dass es sich nur in rechter Weise ausbilden kann, wenn in weitesten Kreisen Verständnis erweckt wird für das ganze Werden. Man kann eine Kunst dadurch ausbilden, dass die Menschen Verständnis dafür entwickeln. Und so sehr wir auf der einen Seite voll überzeugt sind, dass wir auf Nachsicht Anspruch machen müssen, so müssen wir doch auf der anderen Seite auch hinschauen können darauf, wie doch einmal diese eurythmische Kunst - wenn auch nicht mehr durch uns selbst, sondern vielleicht erst durch andere - zu etwas wird ausgebildet werden können, was sich, wenn auch als die jüngste Kunst, doch als vollberechtigte Kunst neben die älteren Schwesterkünste wird hinstellen können.

German original of Address on Eurythmy · ← Previous · Next →