Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922
GA 277c — 27 February 1921, The Hague
24. Ansprache zur Eurythmie
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Zunächst habe ich Sie um Entschuldigung zu bitten, dass weder diese einleitenden Worte noch auch die begleitenden Dichtungen in holländischer Sprache gesprochen werden. Da wir die deutsche Sprache handhaben, so müssen Sie [damit] vorliebnehmen, diese Worte und die begleitenden Dichtungen in deutscher Sprache entgegenzunehmen.
Wenn ich, meine sehr verehrten Anwesenden, diese einleitenden Worte vorausschicke unserer Vorführung, einer Darstellung in eurythmischer Kunst, so geschieht es nicht darum, um das Künstlerische der Eurythmie, das Sie nachher sehen sollen, selbst zu erklären. Die Erklärung eines Künstlerischen wäre ja selbst ein unkünstlerisches Beginnen. Und Eurythmie will in erster Linie etwas Künstlerisches sein. Allein ich sende diese Worte voraus aus dem Grunde, weil diese unsere eurythmische Kunst sich besonderer künstlerischer Ausdrucksmittel bedient, die man bisher ungewohnt war, und weil sie auch aus künstlerischen Quellen schöpft, die man ebenfalls so nicht gewohnt war. Man kann sehr leicht dasjenige, was hier gemeint ist, verwechseln mit einer pantomimischen oder mimischen oder gar mit irgendwelcher Tanzkunst.
Das alles will Eurythmie nicht sein. Sie werden eine Raumbewegungskunst sehen, einzelne bewegte Menschen oder bewegte Menschengruppen. Dasjenige, was da durch das Werkzeug der einzelnen Menschen oder von Menschengruppen zur Darstellung kommt, will sein eine wirkliche, sichtbare Sprache, will beruhen auf ebenso tiefen Gesetzen der menschlichen Organisation, wie die hörbare Lautsprache. Wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf: Durch sinnlichübersinnliches Schauen ist beobachtet worden sorgfältig dasjenige, was als Bewegungsanlagen, Bewegungstendenzen vorhanden ist im Kehlkopf und den anderen Sprachorganen, wenn die menschliche Lautsprache zustande kommt.
Also, meine sehr verehrten Anwesenden, wir haben es nicht zu tun mit denjenigen Bewegungsformen, die sich dann in die Luft umsetzen, um die Tonsprache zu vermitteln, sondern wir haben es mit den nicht zur wirklichen Offenbarung kommenden Bewegungstendenzen im Kehlkopf und den anderen menschlichen Sprachorganen zu tun. Diese sind sorgfältig studiert. Dann ist nach dem Prinzip der Goethe’schen Metamorphosenlehre, wonach die ganze Pflanze ihrer Form nach ein Blatt ist und man in diesem Sinne alles Lebendige auffassen und darstellen kann, dann ist dasjenige, was sonst nur in einer Organgruppe des Menschen zur Offenbarung kommt - und da auf eine andere Art, durch die Lautsprache -, auf den ganzen Menschen, auf Menschengruppen übertragen.
Sie werden also wirklich eine sichtbare Sprache von der Bühne herunter vernehmen. Durch diese sichtbare Sprache kann man sowohl das Musikalische ausdrücken wie auch das Dichterische. Auf der einen Seite werden Sie daher die eurythmischen Darstellungen begleitet sehen von dem Musikalischen: Man kann in dieser stummen, sichtbaren Sprache singen zum Musikalischen. Man kann auch das Dichterische eurythmisch darstellen. Jeder einzelne Laut, jede Lautfolge, die Wortbildung, die Satzbildung: So, wie sie in der Tonsprache ihre entsprechende Offenbarung haben, so haben sie diese Offenbarung auch in dieser sichtbaren Sprache, die nun vor ihnen auftreten wird. Nur ist alles dasjenige, was zunächst eurythmisches Sprechen ist, den Dichtungen oder der Musik entsprechend [umgesetzt] in künstlerische Formen.
Daher wird auch dasjenige, was Ihnen entgegentreten wird als begleitende Rezitation und Deklamation, einen anderen Charakter annehmen müssen als dasjenige, was man an Deklamation und Rezitation heute in einem etwas unkünstlerischen Zeitalter besonders liebt. Die großen Dichter, sie haben eigentlich immer, bevor sie den wortwörtlichen Inhalt eines Gedichtes haben, eine künstlerische Form, etwas Melodiöses, etwas Musikalisches oder etwas Imaginativ-Wirkliches, das zunächst nur bewegter Rhythmus, bewegter Takt, etwas wie ein melodiöses Thema und dergleichen ist und an das sich dann der wortwörtliche Prosainhalt aufreiht. Dieses wortwörtliche Rezitieren und Deklamieren, das man heute liebt, es könnte die Eurythmie nicht begleiten. Da muss wiederum die Rezitation und Deklamation selber Eurythmie werden, das heißt: Nicht den Prosagehalt der Dichtung besonders pointieren und dergleichen, sondern gestalten die Lautformen, die Lautgesetzmäßigkeiten. Wer nicht mehr an der Sprache und ihrer Konfiguration - ganz abgesehen von dem Gedankeninhalt - seine innere, ästhetische Freude hat, der wird kaum gerecht werden derjenigen Rezitation und Deklamation, welche die Eurythmie begleiten muss.
So ist die Eurythmie wirklich sichtbare Sprache oder sichtbarer Gesang. Alles Pantomimische, alles Mimische, alles Tanzartige ist ausgeschlossen. Das missversteht man sehr häufig. Und ein anderes missversteht man noch häufig. Die Leute verlangen, weil sie meinen, dass Eurythmie mit Mimik oder dergleichen zu tun habe, einen gewissen physiognomischen Ausdruck und vermissen ihn hier. Wir geben ihn absichtlich nicht in der gewöhnlichen Form, sondern nur in der Form, dass jede Bewegung auch des Gesichtes und des Kopfes dem Eurythmischen entsprechen muss. Ebenso wenig, wie man die Tonbewegungen mit dem Gesicht begleiten kann, die man als Grimassen empfinden würde, wenn sie übertrieben wären, kann man die eurythmische Sprache begleiten mit dem, was die Menschen als das «bewegte Antlitz» verlangen aus dem Missverständnis heraus.
Sie werden sehen, wie - geradeso wie beim Musikalischen im melodiösen Thema - beim Eurythmisieren in der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge der Bewegungen das eigentlich Künstlerische zum Ausdruck kommt. Wir versuchen immer mehr und mehr, durch komplizierte Formen, die aber wiederum innere Einfachheit und Harmonie haben, das gewöhnliche Eurythmische in künstlerisches Eurythmisches umzusetzen, das Sie besonders bemerken werden in einigen Gruppenbewegungen. — Im zweiten Teil, dem humoristischen, werden Sie sehen, wie der eurythmische Stil, die eurythmische Form, auch diesem Stilunterschied - dem Seriösen auf der einen Seite, dem Pittoresken auf der anderen Seite - in der äußeren, sichtbaren Formung gerecht werden kann.
Das über das Künstlerische der Eurythmie. Nur erwähnen möchte ich zum Schlusse, dass diese Eurythmie noch andere Elemente in sich birgt, zunächst dasjenige, was ich nur andeuten will, das hygienischtherapeutische. Da die Bewegungen, um die es sich hier handelt, aus dem ganzen Menschen hervorgeholt sind, aus der physischorganischen Unterlage ebenso gut wie aus dem Seelisch-Geistigen, so sind sie in eminentestem Sinne gesundend wirkend. Wenn man sie in bestimmter Weise ausbildet, dann gibt das eine hygienischtherapeutische Eurythmie, von der man sich für die Zukunft viel versprechen kann.
Und ein drittes Element kommt noch hinzu, was wir zunächst studieren können in seiner Wirkung in unserer Waldorfschule in Stuttgart, die als eine freie Schule aus anthroposophischer Geisteswissenschaft heraus geboren und eingerichtet worden ist von Emil Molt in Stuttgart und die von mir geleitet wird. Da haben wir für die Kinder, die die Volksschule betreten, bis zu den Jahren, wo sie sie wieder verlassen, die Eurythmie als obligatorischen Lehrgegenstand eingeführt. Da ist sie für die Kinder nicht bloß eine Kunst, sondern beseeltes und durchgeistigtes Turnen. Und wir haben gesehen, wie die Kinder sie als selbstverständlich verstehen, diese eurythmischen Bewegungen, die ganz aus der menschlichen ganzen Organisation herausgeboren sind, nicht wie das Turnen aus der Physiologie, sondern aus Seele und Geist, wie diese Kinder sie empfinden als ein Element, in dem der Mensch ganz drinnen leben kann. Die Kinder haben eine innige Freude und fühlen, dass ihr ganzer Mensch aufgeht in diesem Eurythmisieren.
Das darf auch gesagt werden: Besonders wirkt diese Eurythmie auf die Bildung der Willensinitiative, was wir ja in unserer Zeit so sehr notwendig haben. - Und ein Drittes darf noch angedeutet werden. Für Erwachsene, die eurythmisieren, gilt es nicht in demselben Maße, aber bei Kindern gilt es als ein besonders bedeutsames Erziehungsmittel. Wenn man in der gewöhnlichen Sprache spricht, kann man sich dem Konventionellen fügen, kann auch ins Phrasenhafte verfallen. Die Phrase ist ja die weniger schädliche, manchmal auch sehr schädliche Schwester der Lüge. Wenn man aber den ganzen Menschen einsetzt und als Ausdrucksmittel hat, dann kann man durch eine solche Darstellung, wie die eurythmische ist, nicht lügen, am wenigsten Lüge lehren. Daher erweist sich die Eurythmie in der Schule als ein Erziehungsmittel zur Wahrhaftigkeit. Und nach neuen Erziehungsmitteln auszuschauen, scheint mir eine besonders bedeutsame Aufgabe der Gegenwart zu sein.
Das über die drei Elemente des Eurythmischen. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker, und wir wissen, dass wir in dem, was wir heute darstellen können, den Anfang nur, vielleicht sogar den Versuch eines Anfanges haben. Wir verkennen das nicht, aber wir wissen auch, dass durchaus das Goethe’sche Wort richtig ist: Wenn der Mensch an den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten durchdringt, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft, und sich endlich zur Produktion des Kunstwerkes erhebt. Wenn sich nun der Mensch so zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, dass er nicht äußere Werkzeuge anwendet, sondern seine eigene Organisation, diesen menschlichen Organismus, der eine kleine Welt, Mikrokosmos ist, der alle Geheimnisse der Welt in sich enthält, dann muss der Mensch, indem er sich seines eigenen Organismus als Werkzeug bedient, tatsächlich das in der Welt verborgene Künstlerische in besonderer Höhe damit darstellen können.
Bei dieser Höhe sind wir allerdings noch lange nicht angelangt. Deshalb müssen wir immer wiederum die verehrten Zuschauer, die heute schon Interesse zeigen für diese im Anfang befindliche eurythmische Kunst, um Entschuldigung bitten. Wir wissen, dass wir es mit einem Anfang zu tun haben, aber wir wissen auch — weil wir die Entstehungsbedingungen, die besonderen Quellen dieser eurythmischen Kunst kennen, weil wir den großen Respekt haben vor dem umfassendsten Werkzeug, dem Menschen selbst —, wir wissen, dass, wenn vervollkommnet wird dieser Anfang einer eurythmischen Kunst, ganz gewiss etwas entstehen wird, was sich als vollberechtigte jüngere Kunst den älteren vollberechtigten Schwesterkünsten wird anschließen können. In diesem Sinne bitten wir um Nachsicht in Ihrer Beurteilung, denn mehr als einen Anfang wollen wir heute mit unserem Versuch einer eurythmischen Kunst nicht darbieten.