Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922

GA 277c — 22 August 1921, Dornach

Sommerkurs und Summer Art Course I

Vom 21.-27. August 1921 fand in Dornach parallel der «Sommerkurs» und der in englischer Sprache abgehaltene «Summer Art Course» für ein Publikum aus vielen Ländern Europas und aus Amerika statt. Die Vorträge Rudolf Steiners, die für beide Gruppen waren, wurden dabei von Baron Alfons Walleen ins Englische übersetzt. Es gab schon am Vorabend, am 20. August, eine Eurythmie-Aufführung, zu der aber keine Ansprache überliefert ist. Für die Ansprachen zu den folgenden drei Eurythmie-Aufführungen liegen handschriftliche Autoreferate Rudolf Steiners vor. Diese werden den stenografischen Mitschriften der Ansprachen im Folgenden jeweils vorausgestellt.

Die Aufführung wurde im Programm des Kurses als «Eurythmie (Pädagogisch)» bzw, «Eurythme. Educational, examples by children» angekündigt. Sie fand im provisorischen Saal der Schreinerei statt.

Stabübungen
Ballen und Spreizen
Chromatische Skala und Durdreiklänge
Anapäste
«Marienwürmchen»
Chromatische Skala und Molldreiklänge
«Im Hochwald»
Tonleiterübung
Energietanz
«Ein Männlein steht im Walde»
«Berceuse»
«Was treibst du, Wind» von C. F. Meyer
«Tanz» von] J. S. Bach
«Häschen» von Christian Morgenstern
Heiterer Auftakt mit Musik von Leopold van der Pals
«Ländliches Lied» von Robert Schumann
«Schlaf Herzenskind»
«Philanthropisch» von Christian Morgenstern
«Vöglein im hohen Baum» von Wilhelm Hey
«Kling, kling Glöckchen»
«Das bucklige Männchen» (aus: Des Knaben Wunderhorn)
«Frohsinn» von Ferdinand Hiller

«Eurythmie (pädagogisch)» Autoreferat der Ansprache vom 22. August 1921

Für die englischsprachigen Zuschauer der Eurythmie-Aufführung verfasste Rudolf Steiner die folgende schriftliche Zusammenfassung seiner Ansprache vom 22. August 1921. Baron Carl Alphons von Walleen-Bornemann überseizte sie ins Englische und las sie nach der auf Deutsch gehaltenen Ansprache Rudolf Steiners vor Beginn der Eurythmie-Aufführung vor.

Einleitende Worte für die Eurythmie (pädagogisch), für Montag, 5 Uhr nachmittag

Eurythmie, wie wir sie Ihnen heute und in den nächsten Tagen hier vorführen werden, beruht auf einer aus der Wesenheit des Menschen heraus gebildeten, sichtbaren Sprache. Diese Sprache offenbart sich in Bewegungen, welche der einzelne Mensch durch seinen Körper und seine Körperglieder ausführt, oder welche durch Menschengruppen vollzogen werden. Insoferne sieht, was hier zur Darstellung kommt, einer Offenbarung durch Gebärden, durch Mimik, durch Tanz ähnlich. Und doch steht Eurythmie von diesen so weit ab, wie die gesetzmäßig gebildete menschliche Sprache selbst. Es wird nicht ein einzelnes Seelenerlebnis, eine Empfindung, ein Gefühl mit einer Gebärde oder Bewegung, die sich der augenblicklichen Willkür ergeben, zusammengebracht. Sondern es stehen die Einzelgebärde, die Einzelbewegung in einem solchen Zusammenhang mit den Möglichkeiten des seelischen Erlebens wie der einzelne Sprachlaut oder der einzelne Gesangston. Und es folgen sich Gebärden und Bewegungen wie Laute und Töne im Satz, in der Rede.

Wie eine solche sichtbare Sprache zur künstlerischen Darstellung aufsteigt, das werde ich zu sagen haben vor den nächsten eurythmieAufführungen. Heute haben wir es zu tun mit einer anderen Seite der Eurythmie. Kinder werden vor Ihnen auftreten. Für sie ist diese ein beseeltes, durchgeistigtes Turnen. Deshalb ist sie in der von Emil Molt in Stuttgart begründeten, von mir geleiteten Waldorfschule als obligatorischer Lehrgegenstand neben dem Turnen eingeführt.

Die Berechtigung dazu liegt darin, dass sie den menschlichen Organismus in eine Beweglichkeit überführt, die ein ganz naturgemäßes, zeitweiliges Ausleben seiner eigenen Gestalt, seiner inneren ruhenden oder beweglichen Wesenheit ist. Man sehe sich einen menschlichen Arm mit der Hand an. Seine Gestalt enthält zugleich das Geheimnis seiner Beweglichkeit, seiner Betätigung. Man kann die ruhende Hand und den ruhenden Arm nicht ansehen, ohne die in ihnen liegenden Bewegungsmöglichkeiten im Geiste mitzusehen, wie man ein ruhiges, stummes Antlitz nicht sehen kann, ohne dass es in Form und Gestalt verrät, wie es nur den Mund zu öffnen braucht, um eine Seele hörbar zu machen. Und man kann eine bewegte Hand und einen bewegten Arm nicht sehen, ohne in der Bewegung das Streben nach der ruhenden Gestalt mitzuempfinden, wie im sprechenden Menschen sich das Geheimnis seines physiognomischen Ausdruckes offenbart.

Aber wie die Sprache selbst aus dem inneren Wesen des Menschen gesetzmäßig hervorbricht, so ist es auch möglich, innere Seelenzusammenhänge in Bewegungen umzusetzen, die sich von Gebärde und Mimik bis zur vollen Artikulation einer sichtbaren Sprache fortbilden. Und der Mensch erlebt dann an seinen Bewegungen eine Ausdrucksfähigkeit, die der Tonsprache und dem Gesange ähnlich ist. Es offenbart sich der Mensch in seinem ganzen Wesen, nach Leib, Seele und Geist durch eine solche sichtbare Sprache.

Und diese Möglichkeit der Selbstoffenbarung empfindet das Kind. Der im Menschen liegende Bewegungsdrang findet in einer solchen Offenbarung seine Befriedigung. Das Kind findet seine eigene Wesenheit wieder in seinem Tun. Was in dem Menschen veranlagt ist, fühlt es herausgeholt aus der inneren Wesenheit und aus dem körperlichen Allgemeinempfinden. Auf solchem Herausholen beruht alle wirkliche Erziehung. Die Eurythmie als beseeltes, durchgeistigtes Turnen ist ein bedeutsames Erziehungsmittel. Künftige Zeiten, die manche Vorurteile der Gegenwart werden abgelegt haben, werden auch einsehen, wie das Turnen durch die Eurythmie ergänzt werden muss. Das Turnen holt seine Gesetze aus der Erkenntnis der menschlichen Körperlichkeit. Was es dadurch erreichen kann, soll ihm durchaus hier nicht abgesprochen werden. Allein das beseelte Turnen wird erreichen, was das rein Körperliche nicht kann; es wird z.B. die Willens-Initiative aus dem Menschen herausholen. Es wird den Vollmenschen nach Leib, Seele und Geist erziehen, aber keineswegs den Leib vernachlässigen. Denn im Vollmenschen sind Leib, Seele und Geist Eines. Und wer Bewegungen ausführen lässt, die dem lebendigen Geiste, nicht dem abstrakten, nebulösen Geiste, von dem man heute fast allein spricht, entstammen, der pflegt zugleich auch das am besten, was leibgemäß, was naturgemäß ist.

Deshalb empfinden die Kinder in der Eurythmie etwas, was sie so selbstverständlich von innen aus vollführen wollen, wie sie sprechen wollen aus innerem Antrieb. Die Berechtigung der Eurythmie als Erziehungsmittel gilt für den, der aus wahrer, sachgemäßer Menschen-Erkenntnis heraus die Wege der Erziehung sucht. Deshalb darf man glauben, dass man die Aufnahme dieses beseelten Turnens künftig in jeden Erziehungsplan aufnehmen wird. Man wird es tun zur Erhöhung des inneren Anteiles des Kindes am Erziehungswege; zur Pflege des ganzen vollen Menschentums während der Erziehung.

Ansprache zur Eurythmie, Dornach, 22. August 1921

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Wir werden uns erlauben, eine Vorstellung von eurythmischer Kunst Ihnen zu geben, und zwar eine solche, welche ausgeführt wird durch Kinder, um dadurch anschaulich zu machen den pädagogisch-didaktischen Wert der eurythmischen Kunst. Da wir es heute vorzugsweise mit der erzieherisch-unterrichtenden Seite der Eurythmie zu tun haben, so werde ich dasjenige, was zu sagen ist über Eurythmie als Kunst im Besonderen, bei unserer nächsten Vorstellung am Mittwoch vorbringen und will mich heute darauf beschränken, nur dasjenige zu sagen, was sich bezieht auf eurythmie als Erziehungsmittel und Unterrichtsgegenstand.

Nur ein paar Worte möchte ich vorausschicken, dahingehend, dass Eurythmie sein soll eine wirkliche unhörbare, sichtbare Sprache, eine Sprache, die ausgeführt wird durch den bewegten Menschen - also Bewegungen der menschlichen Glieder, des ganzen menschlichen Körpers - oder auch ausgedrückt wird durch Menschengruppen im Raume. Dasjenige aber, was da als eurythmische Kunst auftritt, was also auf der Grundlage einer sichtbaren Sprache erreicht ist, das ist nicht ein gewöhnliches Gebärdenspiel, auch nichts im gewöhnlichen Sinne Mimisches, und am allerwenigstens eine Tanzkunst, sondern es ist wirklich sorgfältig studiert dasjenige, was der menschliche Organismus ausführen will, auszuführen tendiert, indem er in der Lautsprache oder dem Gesang sich offenbart. Was da Kehlkopf und die anderen Sprach- und Gesangsorgane an Bewegungen veranlagen, das ist übergeführt nach dem Prinzip der Goethe’schen Metamorphose auf den ganzen Menschen. Und weil man es zu tun hat mit Bewegungen des Menschen, die auf so naturgemäße, elementarische Art aus dem Wesen der menschlichen Organisation selbst herausgeholt sind, wie die Sprache herausgeholt ist naturgemäß elementarisch aus der Gesetzmäßigkeit des menschlichen Organismus, deshalb ist auch Eurythmie ein Erziehungs-, ein Unterrichtsmittel.

In der von Emil Molt in Stuttgart errichteten Waldorfschule, die von mir geleitet wird, haben wir daher diese Eurythmie eingeführt als einen obligatorischen Unterrichtsgegenstand von dem frühesten Volksschulunterricht an bis hinauf, soweit wir bis jetzt mit der Waldorfschule gekommen sind, bis zum 14., 15. Jahre. Und es hat sich schon während des Bestandes der Waldorfschule gezeigt, dass von den Kindern dieser Unterrichtsgegenstand mit einer besonderen inneren Befriedigung hingenommen wird. Man könnte, wenn man also von dem Künstlerischen zunächst absieht, Eurythmie in dieser Beziehung nennen: beseeltes und durchgeistigtes Turnen. Und sie kommt auch als Unterrichtsgegenstand wie ein beseeltes und durchgeistigtes Turnen zu dem gewöhnlichen Turnen hinzu.

Dieses gewöhnliche Turnen ist ja nur gesetzmäßig angeordnet aus physiologischem Studium des menschlichen Organismus, aus dem Studium der Körperlichkeit heraus. Dasjenige, was das Kind an Bewegungen ausführt in der Eurythmie, geht aber nicht bloß aus diesem einen Gliede der menschlichen Natur, aus dem menschlichen physischen Leibe hervor, sondern geht hervor aus Leib, Seele und Geist, also aus dem vollen Menschen. Deshalb empfindet das Kind auch dasjenige, was cs da als beseeltes Turnen ausführt, wie aus dem vollen Menschen herausgeholt, und es lebt sich in diese Bewegungen mit besonderer innerer Befriedigung hinein.

Wenn wir einsehen wollen, wie das so ist, so braucht man ja nur daran zu denken, wie für denjenigen, der mit wirklicher intuitiver Anschauung sich zu versetzen weiß in die Gesetzmäßigkeit des menschlichen Organismus, wie für den in der ruhenden menschlichen Form schon jede mögliche Bewegung, zu der der Körper hintendiert, liegt. Wer so schauen kann, der sieht in dem ruhenden Menschen, wie dieser will immerfort übergehen im Organismus in Bewegungen, die schon ihrer Formung nach in der gestaltenden oder in der ruhigen Gestalt ausgedrückt liegen. Man bringt nur die menschliche Gestalt selbst in Bewegung, indem man so übergeht von dem Anschauen der Plastik des menschlichen Organismus zu dieser bewegten Plastik der Eurythmie, die zu gleicher Zeit eine sichtbare Sprache ist. Derjenige, der die Bewegung des Menschen, die aus den tief im Unterbewusstsein des Willens beschlossenen Elemente des Willens hervorgeht, wer imstande ist, diese Bewegungsmöglichkeiten, die im Menschen liegen, zu studieren, der findet überall, wie diese Bewegungen nichts anderes sind als dasjenige, was wiederum so zur Ruhe kommen will, wie der menschliche Organismus, wenn er ruht, ruhig steht oder ruhig sitzt, seine ruhige Gestalt zeigt. Man braucht nur eine Hand und den daran sich anschließenden Arm anzusehen - sieht man die Gestaltung der Finger, des Unterarmes oder irgendetwas an, kann man sich gar nicht vorstellen, dass das zur Ruhe bestimmt sein sollte. Das ist so in seiner ruhenden Gestalt, dass jede beliebige Bewegung und Beweglichkeit schon in der ruhenden Gestalt ausgedrückt ist.

Und wiederum: Sind die Arme und Hände des Menschen in Bewegung, wir schauen ihnen an, wie nur solche Bewegungen naturgemäß elementarisch möglich sind, die dann wiederum hintendieren nach der ruhigen Gestalt der Hände und Arme selbst. Dass so alles dasjenige, was in der Eurythmie gegeben ist, aus Gesetzmäßigkeit des menschlichen Organismus herausgeholt ist, das empfindet das Kind. Deshalb führt es mit so großer Lust, wie wir das sehen in der Stuttgarter Waldorfschule, diese eurythmischen Bewegungen als beseeltes, als durchgeistigtes Turnen aus.

Und wenn man noch mehr auf das Seelische schaut, so muss man sagen: Das gewöhnliche Turnen kann ja eigentlich nur herausholen aus dem Menschen dasjenige, was in seiner physischen Organisation liegt. Man wird einstmals über diese Dinge objektiver denken, ohne die heutigen Vorurteile. Dann wird man schon sehen, wie das gewöhnliche Turnen eine Einseitigkeit ist. Ich will gewiss nicht so weit gehen wie einmal ein berühmter Physiologe - in den mitteleuropäischen Staaten vielleicht sogar der berühmteste -, der einmal hier gesessen hat, sich angehört hat eine solche Einleitung, und der mir nachher sagte: «So, Sie lassen das Turnen überhaupt gelten als eine Einseitigkeit, die aus der Physiologie herausgeholt ist? Ich als Physiologe,» sagte er, «ich betrachte das Turnen, wie man es heute treibt, überhaupt nicht als einen Unterrichtsgegenstand, sondern als eine Barbarei.»

Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, ich will aus Höflichkeit gegen unsere Kultur - man muss ja immer auch höflich sein - nicht sagen, das Turnen sei eine Barbarei, aber ich möchte sagen: Es ist eine Einseitigkeit, es ist eben nur hervorgeholt aus der Physiologie des menschlichen Organismus, während herausgeholt ist dieses beseelte Turnen, das in der Eurythmie auftritt, aus Leib, Seele und Geist, aus dem vollen Menschen. Daher verwendet man es als Unterrichtsmittel, als einen Erziehungsgegenstand, das aus dem Kinde dasjenige herausholt, was insbesondere die jetzige und die folgende Generation sehr, sehr brauchen werden, nämlich die Willensinitiative, die Initiative des Seelenlebens.

Das hat sich schon gezeigt in der Waldorfschule durch das Eurythmie-Unterrichten, wie losgelöst ist aus unterbewussten Tiefen des menschlichen Erlebens während des kindlichen Alters die Entfaltung zur Entwicklung des Willens, der Willensinitiative. Das hat man erreicht, weil Eurythmie nicht das Leibliche einseitig vernachlässigt, nur auf Seele und Geist geht, sondern alle drei Elemente des menschlichen Lebens berücksichtigt, den Geist ausbildet, die Seele ausbildet, den Leib ausbildet -, dass das Kind [diese Eurythmie] als etwas so Natürliches empfindet, dass, wenn sic herangebracht wird an das Kind, so lernt das Kind diese Eurythmie lieben aus einem gleichen inneren Drange heraus wie beim Sprechen. Geradeso, wie wenn die Sprache herantritt an das Kind und das Sprechen der natürliche Drang [ist], die Sprache zu offenbaren, so ist in der Eurythmie, wenn man sie in naturgemäßer Weise heranbringt, ein solcher Trieb in dem Kinde, [sich in der Eurythmie] zu betätigen wie in der Sprache. Und deshalb darf man hoffen, meine sehr verehrten Anwesenden, dass diese eurythmie auf pädagogischem, auf didaktischem Gebiete als Erziehungsmittel immer mehr und mehr anerkannt werden wird. Was dieser unserer Zeit fehlt, was diese unsere Zeit braucht, ist, dass das Einführen der Eurythmie in den Unterrichtsplan als etwas Selbstverständliches angesehen wird.

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