Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922
GA 277c — 18 August 1922, Oxford
Ansprache zur Eurythmie
Die Aufführungen in Oxford fanden am 18. und 19. sowie am 23. August im Keble College statt. Die Ansprachen Rudolf Steiners, von denen keine Mitschriften vorliegen, wurden von George Kaufmann übersetzt. Von den Aufführungen am 23. und 26. August 1922 sind keine Ansprachen Rudolf Steiners überliefert. Die Aufführung am 19. August 1922 waren teilweise Kinderdarstellungen. Auf die Rückseite der Programme zu den Aufführungen vom 19., 23. und 26. August 1922 wurde eine «Introduction to Eurhythmy» gedruckt, von der nicht bekannt ist, ob Rudolf Steiner die Vorlage auf Deutsch verfasst hat oder ob sie ein englisches Miüglied aus früheren Programmeinleitungen zusammengeschrieben hat. - Für die auf Deutsch gezeigten Texte gab es ein Heft mit englischen Übersetzungen, siehe im Anhang, S. 692-699. Außerdem wurden in Oxford mehrere fotografische Aufnahmen der Eurythmisten gemacht, siehe S. 705f.
Einführungstext zu den Aufführungen in Oxford, 18.-26. August 1922

Programm zur Aufführung Oxford, 18. August 1922
Harmonischer Auftakt mit Musik von Max Schuurman
«They that have Power» (Sonett 94) von William Shakespeare
«Weltenseelengeister» von Rudolf Steiner
«Lebenszauber» von Edvard Grieg
«The Secret Gate» von Fiona Macleod
Doppelgängerszene aus dem 4. Bild von «Der Seelen Erwachen» von Rudolf Steiner
Musik von Anton Bruckner
Szene mit luziferischen und ahrimanischen Wesen aus dem 6. Bild aus «Der Hüter der Schwelle» von R. Steiner mit Musik von Max Schuurman
«Dirge: Fear no more» aus «Cymbeline» von William Shakespeare
«Frühling» von Rudolf Steiner mit Musik von Leopold van der Pals
«Die Spröde» und «Die Bekehrte» von J. W. von Goethe mit Musik von Max Schuurman
«Balthazar’s Song: Sigh no more» aus «Much ado about nothing» von William Shakespeare
«The Pied Piper» von J. W. von Goethe
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Gestatten Sie, dass ich mit ein paar Worten unsere Eurythmie-Aufführung einleite. Es soll das nicht geschehen, um die Vorstellung etwa zu erklären, denn jede Interpretation eines Kunstwerkes ist ja etwas Unkünstlerisches. Kunst muss durch sich selbst wirken und wird durch unmittelbare Anschauung ihren Eindruck machen. Da es sich bei unserer Eurythmie handelt um eine Kunstform, welche sich gewisser Kunstmittel bedient, die heute noch ungewohnt sind und welche aus künstlerischen Quellen schöpft, die ebenfalls heute noch ungewohnt sind, so gestatten Sie mir, dass ich über diese künstlerischen Quellen und diese künstlerische Formensprache ein paar Worte sage.
Man kann leicht Eurythmie verwechseln mit gewissen Nachbarkünsten, gegen die durchaus hier nichts gesagt werden soll, die voll anerkannt werden sollen, nur will eben Eurythmie etwas anderes sein, nicht Tanzkunst, nicht mimische Kunst, nichts Pantomimisches und dergleichen, sondern Eurythmie will wirken durch das Kunstmittel einer wirklichen sichtbaren Sprache. Es sind nicht Gebärden, es ist nicht mimischer, pantomimischer Ausdruck, was Sie hier auf der Bühne sehen werden, sondern es sind Bewegungen des einzelnen Menschen in seinen Gliedern oder Bewegungen und Stellungen von Menschengruppen, die eine wirkliche, sichtbare Sprache darstellen. Man kann nämlich studieren dasjenige, was innerlich im Menschen übersinnlich geschieht, wenn der Mensch singt, also wenn sich der Ton herausgestaltet aus seinem Organismus; man kann studieren, was im Menschen geschieht, wenn sich der Laut der Sprache herausgestaltet aus seinem Organismus. Durch eine Art sinnlich-übersinnlichen Schauens entdeckt man da, dass Bewegungsabsichten — ich sage nicht Bewegungen, sondern Bewegungsabsichten - den ganzen Menschen durchwellen und durchweben.
Diese Bewegungsabsichten werden aufgehalten; im Momente ihres Entstehens werden sie aufgehalten und verwandeln sich in einzelne Organbewegungen des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane, die dann mitgeteilt werden der Luft und so den Gesangston, das Musikalische, oder auch den Sprachton, das Lautliche, vermitteln. Dasjenige, was durch ein übersinnliches Schauen als Bewegungsabsichten im Menschen entdeckt werden kann, das kann als Anfangsenrfaltung, als sichtbarer Anfang, es kann sich entfalten als eine sichtbare Sprache, wenn man die entdeckten Bewegungsabsichten auf den ganzen Menschen oder auf Menschengruppen überträgt. Sodass Sie sehen werden namentlich ausdrucksvollste Glieder des menschlichen Organismus, die Arme, die Hände, sich bewegen.
Das soll nicht in der einzelnen Gebärde gedeutet werden. Es sollen nicht einzelne Gebärden bezogen werden auf irgendetwas Seelisches, geradeso wenig, wie der einzelne Laut auf irgendetwas Seelisches bezogen werden soll unmittelbar, sondern in seiner Konfiguration, in seinem Zusammenhang mit den anderen Lauten und so weiter. Und so ist es auch mit der Eurythmie: Sie soll durch dasjenige, was als Bewegung vorgeführt wird, ihren unmittelbaren Eindruck machen.
Und auf diese Art, meine sehr verehrten Anwesenden, kann man, wenn Eurythmie begleitet wird von dem Musikalischen, sichtbar singen. Man kann, wenn es sich handelt um Dichterisches, wenn Gedichte deklamiert oder rezitiert werden, man kann mit der sichtbaren Sprache der Eurythmie die Dichtungen zum Ausdruck, zur Offenbarung bringen. Nichts Nebuloses ist dabei, sondern durchaus etwas, was mit derselben Selbstverständlichkeit als Bewegung aus dem ganzen Menschen kommt, wie der Laut und der Ton aus dem Kehlkopf kommen.
Daher sollte man auch ein Gefühl entwickeln, eine Empfindung entwickeln für die Aufeinanderfolge der Bewegungen - mehr als für die einzelnen Bewegungen. So, wie es sich im Musikalischen um den melodischen Zusammenklang der aufeinanderfolgenden oder um den harmonischen Zusammenklang der aufeinanderfolgenden Töne handelt, nicht um den einzelnen Ton, so handelt es sich hier nicht um die einzelne Bewegung, sondern um dasjenige, was aus der Bewegung heraus gestaltet wird.
Dann aber, wenn man also diesen sichtbaren Gesang oder diese sichtbare Sprache hat, muss man sie erst künstlerisch gestalten. Eurythmie ist zunächst bloß Sprache, bloß Ton. Das künstlerisch Geschaute, das soll dann zustande kommen, indem nachgefühlt wird einem Musikalischen oder nachgefühlt wird einem Dichterischen dasjenige, was darinnen ist schon an verborgener Eurythmie. Denn das muss immer betont werden: Der wahre Dichter hat diese verborgene Eurythmie, die hier sichtbarlich zum Ausdrucke kommt, schon in seiner Seele, wenn auch unbewusst. Er gestaltet aus dem ganzen Menschen heraus, nicht bloß aus einem einzelnen Organ, seine Dichtung, wenn sie ein wirkliches Kunstwerk sein soll. Daher, wenn Gedichte parallel gehend der Eurythmie-Aufführung deklamiert oder rezitiert werden, so handelt es sich darum, dass auch da Deklamation und Rezitationskunst in einer anderen Form auftreten muss als etwa in einer bloßen Betonung des Prosainhaltes.
Bei der Dichtung handelt es sich um die Gestaltung des Sprachlichen, sodass dasjenige, was im Sprachlichen musikalisch ist oder im Sprachlichen bildhaft, laut-bildhaft gestaltet ist, dass das bei der Deklamation und Rezitation herauskommen muss. Sonst würden diese Künste, diese Sprechkünste nicht begleiten können das Eurythmische. Mit einem Pointieren des Prosainhaltes kommt man daher nicht zurecht. Daher mussten wir auch auf ältere, mehr künstlerische Zeitalter zurückgehen als das heutige ist, die Rezitations- und Deklamationskunst besonders ausbilden, sodass bei ihr auf das Musikalische, auf die Gestaltung der Sprache mehr Gewicht gelegt wird als auf das Pointieren des Prosainhaltes. Gerade aber, weil die Rezitation und Deklamation besonders auftreten muss, ist es notwendig, dass ich hier eine Entschuldigung vor Ihnen anbringe, meine Damen und Herren. Frau Doktor Steiner, welche deklamieren wird in einer ihr sonst nicht voll gewohnten Sprache, wenigstens als Rezitation nicht voll gewohnten Sprache, Frau Doktor Steiner lässt sich entschuldigen, aber sie muss im Englischen rezitieren und deklamieren aus dem Grunde, weil es sich hier zugleich handelt um die Vorführung einer besonderen Kunstgestaltung der Deklamation und Rezitation und diese eben selbst erst im Anfange ihrer Ausbildung ist, wir erst abwarten müssen, bis sie in den verschiedenen Sprachen, diese Rezitations- und Deklamationskunst, erst voll ausgebildet sein wird. Daher lässt sich Frau Doktor Steiner entschuldigen, dass sie als Nicht-Engländer in Englisch rezitieren und deklamieren wird. Dies möchte ich nur vorausschicken.
Was Sie hier sehen werden, meine sehr verehrten Zuschauer, auf der Bühne, zu dem möchte ich nur hinzufügen, dass die Eurythmie noch zwei andere Seiten hat. Eine Seite, die ich nur ganz kurz erwähnen will, ist die therapeutisch-hygienische Seite. Da alle Bewegungen, welche Sie hier ausgeführt sehen - obwohl sie hier nur künstlerisch gestaltet sind -, mit einer elementaren Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit herausgeholt sind aus der menschlichen Organisation wie die Sprache selber, so kann man sagen: Diese Bewegungen sind die Offenbarung der gesunden Menschennatur. Nicht die Bewegung, die Sie hier sehen, aber andere Bewegungen, metamorphosierte, umgestaltete Bewegungen, kommen als Heileurythmie in Betracht. Daher haben wir in unseren medizinisch-therapeutischen Instituten in Arlesheim in der Schweiz und in Stuttgart bereits die Heileurythmie als eine besondere therapeutische Form ausgebildet, und es hat sich gezeigt, wie sehr sie zum Hygienischen und zum Heilen verwendet werden kann, wenn sie in anderen Formen, als sie hier, wo sie rein künstlerisch auftreten soll, sich offenbaren wird.
Die dritte Seite ist die pädagogisch-didaktische Seite. Da wir aber morgen das große Vergnügen haben werden, Ihnen mit Kindern hier Eurythmisches vorzuführen, so kann ich heute verzichten, für die pädagogisch-didaktische Seite, die dritte Seite, zu sprechen, und [ich] werde morgen einige Worte der Kinderaufführung vorausschicken über den pädagogischen und didaktischen Wert der Eurythmie, der sich schon gezeigt hat, wie er ist, seit die Waldorfschule in Stuttgart besteht, in der die Eurythmie als ein pädagogisch-didaktischer Lehrgegenstand neben dem Turnen als obligatorischer Lehrgegenstand eingeführt ist. Und ebenso selbstverständlich in diese sichtbare Sprache hinein wie in diesen sichtbaren Gesang hinein wachsen die Kinder, wie in jüngeren Jahren die ganz kleinen Kinder in Lautsprache und Gesang hineinwachsen.
Und so möchte ich nur noch anfügen, was ich niemals unterlasse zu sagen, dass die verehrten Zuschauer um Entschuldigung gebeten werden und Nachsicht haben möchten, denn Eurythmie ist heute noch durchaus im Anfange ihrer Entwicklung. Und jede Kunstform, die erst anfängt, muss notwendigerweise unvollkommen sein. Wir sind selbst unsere strengsten Kritiker, kennen dasjenige, was noch mangelhaft an der Eurythmie ist, aber wir versuchen auch, ich möchte sagen von Monat zu Monat, immer weiter zu kommen.
Sie werden zum Beispiel heute hier schon sehen, was man vor einem Jahr noch nicht sehen konnte: Wie das ganze Bühnenbild eurythmisch gestaltet sein soll, sodass Sie nicht nur den bewegten Menschen in der Eurythmie sehen, sondern zugleich die Beleuchtungskräfte, die sich offenbaren noch innerhalb der einzelnen Szenen der Darstellung. Da wird nun auch der Hauptwert gelegt werden müssen nicht auf die einzelne Farbenbeleuchtung, sondern auf die Aufeinanderfolge, ich möchte sagen dynamische Aufeinanderfolge der Beleuchtungseffekte, die sich eurythmisch auch hineinfügen sollen in das ganze übrige eurythmische Bild.
Und so darf man, wenn man auf der einen Seite gerade das Mangelhafte noch dieser Eurythmie erwähnt aus dem Bewusstsein heraus, mit welchen künstlerischen Mitteln gearbeitet und aus welchen künstlerischen Quellen noch geschöpft werden kann, man darf dann sagen, dass sie einer unermesslichen Vervollkommnung in die Zukunft hinein fähig sein wird. Denn sie bedient sich eines Werkzeuges, das im Grunde genommen das höchste künstlerische Werkzeug sein muss: Sie bedient sich als eines Werkzeuges des Menschen selber, des gesamten Organismus des Menschen. Und alle Weltengeheimnisse, alle Gesetzmäßigkeiten des Kosmos, sie sind im Menschen enthalten. Wenn man daher eine sichtbare Sprache aus dem ganzen Menschen herausholt, holt man zu gleicher Zeit etwas aus ihm heraus, was von der ganzen Summe der Weltengcheimnisse und der Weltengesetzmäßigkeit spricht. Der Mensch ist einmal ein Mikrokosmos, und so kann, wenn dieser Mikrokosmos als künstlerisches Werkzeug verwendet wird, zum Ausdrucke kommen dasjenige, was ausgebreitet ist an Gcheimnissen, an Mysterien durch das ganze Weltenall hindurch. Deshalb darf man hoffen, trotz der Unvollkommenheit, in der sich Eurythmie heute noch befindet, dass sie sich in die Zukunft hinein so vervollkommnen wird lassen und als vollberechtigte Kunstform einstmals neben die älteren vollberechtigten Kunstformen wird hintreten können.
Nur noch ein paar Worte über die Aufführung selbst. Wir teilen das Programm in zwei Teile. Am Schlusse des ersten Teiles wird eine Szene aus einem meiner Mysterienspiele dargestellt werden. Das «Mysteriendrama» hat es zu tun mit der Entwicklung eines Menschen, der sich allmählich einlebt in die übersinnliche Welt selbst. Zur Darstellung desjenigen, was den Menschen verbindet mit dem Übersinnlichen, ist ja Eurythmie ganz besonders geeignet. Nun, die Szene, die hier am Schluss des ersten Teiles zur Darstellung kommt, wird zeigen, wie dem Johannes Thomasius, weil in seinem Gedächtnis aufsteigt alles dasjenige, was er erlebt hat mit lieben Freunden — Capesius, Strader und so weiter -, in seiner Seele sich so vertieft, dass es ihm in der Seele des Doppelgängers erscheint, dass ihm seine eigene Jugend vor Augen tritt, dass dasjenige, was man den Hüter der Schwelle nennt, jenen Hüter, vor dem der Mensch steht, wenn er in die geistige Welt eintritt, erscheint, dass die andere Gestalt, die Gestalt des Ahriman, die Verkörperung des Schlauen, des Bösen auftritt. Es sind innere Vorgänge, die in der Seele des Johannes 'Thomasius selber vorgeführt werden. Alles dasjenige, was ins Übersinnliche hinaufweist, wird in Eurythmie dargestellt und von Frau Doktor Steiner deklamiert. Der Johannes Thomasius selbst aber als naturalistische Figur wird bühnenmäßig gespielt werden. Denn alles dasjenige, was naturalistisch gefasst ist, muss auch bühnenmäßig zum Ausdrucke kommen. Dagegen alles dasjenige, was ins Übersinnliche spielt, kann gerade durch die Eurythmie in einer höheren Weise zur Vorführung kommen.
Dies ist also am Schlusse des ersten Teiles. Im Beginn des zweiten Teiles wird ebenfalls eine Szene aus einem meiner «Mysteriendramen» vorgeführt, wo dargestellt wird, dass die Mächte der Mystik, der Schwärmerei, der luziferischen Mächte auf der einen Seite, auf der anderen Seite die ahrimanischen Mächte des Bösen, der Schlauheit, der Klugheit, der List vor Johannes Thomasius auftreten, der aber diesmal nicht auf der Szene erscheint, die ihm im Träume erscheinen, was angedeutet wird durch eine besondere Gestalt, die vor dem Erwachen dieser Traumanschauung des Johannes Thomasius spricht. Wir haben es also hier am Schlusse des ersten und am Beginne des zweiten Teiles mit Szenen aus «Mysteriendramen» zu tun, und ich bitte Sie, das zu berücksichtigen.