Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1920–1922
GA 277c — 19 August 1922, Oxford
Ansprache zur Eurythmie
Programm zur Aufführung

Meine Damen und Herren!
Ich habe mir gestern erlaubt, einige Worte der eurythmischen Vorstellung vorauszuschicken, um die besondere Kunstform der Eurythmie zu erklären. Heute möchte ich über diese Kunstform nichts weitersprechen. Dasselbe, was ich gestern gesagt habe, würde ich vorausschicken müssen dem zweiten Teile unserer heutigen Vorstellung. Der erste Teil umschließt eine Vorstellung mit Kindern, Kinder, die hier Eurythmie gelernt haben kurze Zeit. Und da darf ich einiges über die pädagogisch-didaktische Seite dieser Eurythmie sagen.
In erster Linie - das muss ja immer festgehalten werden - soll Eurythmie nicht Tanzkunst sein, aber sie soll eine Kunstform sein. Da sie aber besteht in einer wirklichen, sichtbaren Sprache, die herausgeholt ist aus der gesunden Organisation des Menschen, so kann sie auch ausgebildet werden so, dass sie gewissermaßen als ein geistiges Turnen im Unterricht und in der Erziehung verwendet wird, und wir haben gleich mit der Gründung der Waldorfschule in Stuttgart die Eurythmie als einen obligatorischen Lehrgegenstand neben dem Turnen eingeführt. Man kann sehen, dass jetzt nach einigen Jahren der Führung der Waldorfschule sich durchaus herausgestellt hat, welchen großen pädagogischen und didaktischen Wert diese Eurythmie hat.
Erstens hat sie dadurch ihre besondere Bedeutung, dass sie allem Sprachunterricht zu Hilfe kommt. Es ist immer so, dass, indem sich die Kinder wie selbstverständlich hineinfinden in diese sichtbare Sprache, mit Wohlgefallen, mit innerer Befriedigung hineinfinden wie in etwas, was aus der menschlichen Organisation folgt - geradeso wie die ganz kleinen Kinder sich in die Lautsprache und in den Gesang hineinfinden. Indem die Kinder sich hineinfinden in diese sichtbare Sprache, fühlen sie das Wesen der Sprache in der menschlichen Organisation. Und von da aus strahlt dann auch ein Verständnis über dasjenige, was man schulmäßig in der eigentlichen Lautsprache den Kindern beizubringen hat.
Dann ist aber Eurythmie eine besondere Hilfe für die Willenserziehung. In dieser Beziehung wird man einmal wohl unbefangener urteilen als heute noch, wo man ja das gewöhnliche Turnen, ich möchte sagen das körperliche Turnen etwas überschätzt. Ich möchte nichts über dieses körperliche Turnen, das aus den Gesetzen der Physiologie zu schöpfen ist, hier sagen - ich erkenne es vollständig an. Ich möchte nur sagen, nur als Beispiel anführen, dass ich einmal, als ich über die Eurythmie und ihre pädagogische und didaktische Seite in unserer Freien Waldorfschul-Methodik im Goetheanum einleitende Worte sprach, das Merkwürdige erlebte, dass ein sehr berühmter Physiologe der Gegenwart, der sich diese Worte anhörte, in denen ich auch sagte, dass ich das Turnen durchaus anerkenne, dass aber Eurythmie als beseeltes Turnen eine wichtige Vollendung ist desjenigen, was man erreichen kann durch das körperliche Turnen nur in einseitiger Weise, da sagte dieser berühmte Physiologe zu mir: Sie sehen also das Turnen als ein Erziehungsmittel an? Ich als Physiologe sche es an als eine Barbarei.
Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, wie gesagt, das sage nicht ich, das sagt ein berühmter Physiologe der Gegenwart. Und immerhin, wenn wir auch das gewöhnliche Turnen in der Waldorfschule durchaus gelten lassen als ein körperliches Erziehungsmittel, so stellen wir daneben die Eurythmie als ein seelisches, als ein geistiges Turnen. Und als solches [Erziehungsmittel] zeigt sie sich ganz besonders für den Willen, für die Initiative des Willens. Man bekommt die Möglichkeit, in das Seelische des Kindes deshalb hineinzuwirken, weil das Kind bei einer jeglichen Bewegung, die es ausführt, zu gleicher Zeit fühlt, wie es in seinem ganzen Menschen mit Leib, Seele und Geist sich betätigt, wie jede einzelne leibliche Bewegung, die es ausführt, zu gleicher Zeit eine innere seelische und geistige Bewegung hervorruft. Das Kind fühlt gewissermaßen, wie Leib, Seele und Geist zusammenrücken, wie sie verbunden sind in diesem eurythmisch-geistigen Turnen.
Und dann, meine sehr verehrten Anwesenden - es wird Ihnen vielleicht geradezu paradox erscheinen, aber wahr ist es doch, insbesondere in einer höheren Kultur, wie diejenige, des Abendlandes heute ist -, kann man mit der gewöhnlichen Lautsprache selbstverständlich mit der Wahrheit auch die Unwahrheit sagen. Unwahrhaftig kann der Mensch, lügenhaft kann der Mensch werden - leicht gerade in der Lautsprache. In der sichtbaren Sprache der Eurythmie kann man nicht lügen. Das hat sich als eine Erfahrung herausgestellt. Daher ist zu gleicher Zeit diese Eurythmie, wie gesagt, ein Erziehungsmittel in die Wahrhaftigkeit hinein. Der Mensch findet nicht leicht die Möglichkeit, das Kind findet nicht leicht die Möglichkeit, in die sichtbare Sprache der Eurythmie hinein zu lügen.
Damit habe ich die eine Seite angedeutet, in der Eurythmie in der Kindererziehung dargestellt werden kann. Ich möchte noch das Eine bemerken: Oftmals hat man es bei einem Kinde mit diesem oder jenem Mangel im Seelischen, im Geistigen oder im Körperlichen zu tun. Da kommen gewöhnlich die Lehrer der Stuttgarter Waldorfschule zu mir und sagen: Dieses Kind hat diesen oder jenen seelischen oder körperlichen Fehler. In einem solchen Falle ist es nur notwendig, mit einer gewissen übersinnlichen Kraft des sehens, mit einer gewissen Kraft des Schauens intuitiv zu erkennen, was man nun für eurythmische Übungen gerade diesem Kinde angibt, eurythmische oder eurythmieähnliche Übungen. Und in der Tat, wir haben manchmal überraschende Resultate erreicht in der Verbesserung körperlicher oder seelischer Fehler, wenn wir gerade für das Kind besondere eurythmische Übungen anraten konnten und wenn sie durch unsre Lehrer in der Waldorfschule durchgeführt worden sind. Da muss dann, wie gesagt, Eurythmie nach ihrer pädagogisch-didaktischen Seite ausgebildet werden.
Sie ist in erster Linie eine Kunst, sie kann aber auch in den Dienst der Pädagogik und Didaktik gestellt werden. Zum Schluss möchte ich nur noch erwähnen, dass die Kinder, die Sie heute im ersten Teile der Aufführung sehen werden, nur kurze Zeit Eurythmie erlernt haben, dass daher für sie um ganz besondere Nachsicht gebeten werden muss. Die Lehrerinnen hier haben nur in wenigen Lektionen eigentlich diese Kinder unterrichten können. Und als wir dann hier angekommen sind, haben wir dann einige Nummern des heutigen Programms wie improvisiert hinzugefügt. Sodass Sie auch in dieser Kindervorstellung nichts Vollkommenes erwarten dürfen, meine Damen und Herren, sondern - wie wir auch für die andere Vorstellung um Nachsicht gebeten haben — nur etwas, was im Anfange der Entwicklung ist, aber doch so, dass man das Prinzip, dass man das Wesen erkennt, Ich denke, das wird sich auch in dieser Kindervorstellung in dem ersten Teil unseres heutigen Programms zeigen. Nach einer Pause wird dann vorgeführt, wie Eurythmie als Kunstform sein wird.