Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 18 February 1923, Dornach

Eurythmie-Aufführung

«Fünfeck» mit Musik von Jan Stuten
«Des Engels Flügelschlag» von Albert Steffen
Sarabande in a-moll aus der «Englischen Suite» von J. S. Bach
«Die Seele, fremd» von Albert Steffen
«Geisterscharen» von Albert Steffen
Adagio, op. 13, von L. v. Beethoven
«Traumverwandlung» von Josef Kitir
«Proteus» von Friedrich Hebbel
«Auf leichten Füßen» von Christian Morgenstern
«Die Freude» von J. W. v. Goethe
«Sehnsucht» von Dschung Tsü mit Musik von Jan Stuten
«Mein Kind» von Heinrich Heine
«Das Vöglein» von Edward Grieg
«Deine Tänze» von Albert Steffen
«Caprice» von Max Reger

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Eurythmie soll, wie ich öfter in diesen Einleitungen zu unseren Aufführungsversuchen ausgeführt habe, eine sichtbare Sprache, beziehungsweise ein sichtbarer Gesang sein. Nun steht dasjenige, was Äußerung durch den Ton und Gesang ist, was Äußerung durch den Laut und die Sprache ist, mitten drinnen zwischen jenem Erleben des Menschen, das, ich möchte sagen ganz in innerer Ruhe vor sich geht, jenem Seelenleben, das der Mensch entwickelt, wenn er sinnend, nachdenkend über die Dinge, aber mit innerem Anteil und innerem Interesse der Welt gegenübersteht. Da entwickeln wir unser bloßes Vorstellen. Aber dieses Vorstellen ist immer durchdrungen, durchlebt, durchwellt von unseren Willens- und Gemütsimpulsen.

Wer sich über sein Seelenleben aufklärt, wird wissen können, dass auch dann, wenn er mit seinem ganzen Körper in voller Ruhe betrachtend der Welt gegenübersteht [und er] die Bilder, die sich ihm ergeben in der Wahrnehmung, in seine Seele ziehen lässt, dass da immer auch Willens- und Gemütsäußerungen hineinschießen in das Vorstellungsleben, das Vorstellungsleben, ich möchte sagen in der verschiedensten Weise färbend und nuancierend. Wir erleben die eine Vorstellung mit einer leisen Freude, die andere Vorstellung mit einer leisen Angst, Furcht, das andere mit einer gewissen Verehrung. Wir erleben dann ganz im Hintergrunde unseres Seelenwesens, wie der Wille sich regt: Das möchtest du haben, nach jenem möchtest du greifen, das möchtest du ausführen.

Das ist dasjenige Seelenleben, wo sich der Mensch gewissermaRen ganz. von seiner körperlichen Äußerung zurückzieht und in sich selbst ruhig das, was in der Welt vielgestaltig und vielbewegt ist, zum inneren Erleben, zur inneren Offenbarung kommen lässt.

Eine Steigerung nach außen dieses ganzen inneren ruhenden Lebens ist dann das Sprechen und das Singen. Man möchte sagen: Während also beim bloßen sinnenden, gedanklichen Betrachten der Welt der Nerv im Menschen die Hauptrolle spielt und das Blut nur insoweit, als es in ganz feinen Strömungen als Träger der Willensnatur den Nerv durchwebt und durchlebt, ist beim Sprechen und beim Singen Bluttätigkeit und Nerventätigkeit gleichmäßig beteiligt, gewissermaßen innerlich sich die Waage haltend. Der Nerv äußert sich, indem er in den Atmungsprozess hineinwirkt und die Luft mit Hilfe der Sprach- und Gesangsorgane in Bewegung bringt. Das Blut äußert sich, indem es als eine noch undifferenzierte lebendige Körperäußerung beteiligt ist an diesem ganzen In-Bewegung-Setzen der Luft durch die Sprach- und Gesangsorgane. Da ist Nerv und Blut in gleicher Weise beteiligt. Da ist dasjenige, was wir von außen empfangen, in dem Konsonantischen nachgebildet. Da ist das, wie der Wille, wie das Gemüt im Innern sich regt, in dem Vokalischen so, dass es das Nachgebildete durchdringt und gewissermaßen das Menschliche hinzutut zu demjenigen, was der Mensch aufnimmt durch die Welt, indem er das Konsonantische in Sprache und Gesang zum Ausdrucke bringt. Da begegnet sich in Sprache und Gesang, im Gefühle Vorstellen und Wollen in der Seele.

Nun kann es eben eine dritte Sprache geben, und diese dritte Sprache ist diejenige, die dann entsteht, wenn der Mensch seinen ganzen Organismus in Anspruch nimmt und in Bewegung und Haltung das hineinlegt, was in dem bloßen Betrachten der Welt ganz in Ruhe verharrt, was in Sprache und Gesang aus einer, ich möchte sagen sich aufrüttelnden Ruhe in eine innerlich ruhende Bewegung übergeht. Das verwandelt sich nun in der Eurythmie ganz in Haltung und Bewegung. Was im Konsonantieren des Sprechens liegt als Nachahmung der Außenwelt, das kommt in den eurythmischen Formen durch den ganzen Menschen zum Ausdruck. Was im Vokalischen vom Blute herkommend als das Willensmäßige lebt, das kommt in der Haltung des Menschen zum Ausdrucke, in der Haltung, die in die Bewegung hineingelegt ist.

Wenn man daher den bewegten Menschen oder Menschengruppen auf der Bühne sicht in der Eurythmie, so sieht man sie immer in einer gewissen Bewegung und in dieser Bewegung wiederum in einer gewissen Haltung. Wenn man Bewegung sicht, so ist darinnen das Konsonantische der Nachahmung der Außenwelt. Wenn man Haltung sieht, wie es namentlich im eurythmischen Ausdruck der Vokale der Fall ist, so ist darinnen dasjenige, was aus dem Nervenleben des Menschen kommt. Aber es ist dabei so, dass Eurythmie das volle Gegenbild ist zu dem, was der Mensch innerlich ruhig beim bloßen Betrachten der Welt entwickelt. Während dort der Nerv die Hauptsache ist und das Blut nur, ich möchte sagen als der Ausdruck des Willens in feinen Strömungen in Betracht kommt, insofern er sich in das Nervenleben ergießt, ist bei dem Eurythmisieren das, was der Körper vollbringt in Bewegung und Haltung, indem er aus dem im Blute verankerten Willen heraus das alles vollführt so, dass in der Eurythmie vorzugsweise der Blutorganismus in Tätigkeit ist und der Nerv nur insofern, als er der Blutzirkulation, also dem inneren Rhythmus, dem innersten Rhythmus des Menschen eigentlich dient.

Und so kann man zusammen auf sich wirken lassen dasjenige, was gewissermaßen in Bewegung und Haltung übergegangene innere Rhythmik des menschlichen Organismus ist - aus dem Willenselement der Seele herkommend -, und das, was, ich möchte sagen etwas höher liegt, was mehr dem betrachtenden Menschen genähert ist, die Sprache und den Gesang.

Wenn zu der eurythmischen Bewegung rezitiert wird, so kann man eben nicht so rezitieren, wie das heute in einer unkünstlerischen Zeit beliebt ist, dass man bloß das Prosaische des Gedichtinhaltes pointiert, sondern man muss das, was geheime Eurythmie ist, eigentlich schon hineinbringen in die Gestaltung des Lautes, in die Rhythmik des Lautes, in das Taktmäßige des Lautes, auch in das Melodiös-Harmonische, in das Harmonische des Lautes, in das Harmonische der Lautgestaltung. Wenn man so, ich möchte sagen «orchestrab zusammensieht und -hört Eurythmie und Deklamation oder Rezitation, dann muss einem so recht zum Bewusstsein kommen, was der Mensch eigentlich, wenn er sich seelisch empfindet, immer erlebt: Er möchte, weil die Seele in innigem Verbande ist mit dem Körper, auch das, was er innerlich seelisch erlebt, in seinem Körper nachbilden.

Bis in die Finger- und Zehenspitzen lebt ja die Seele im menschlichen Organismus, und sie kann alles, was in ihr lebt, auch räumlichkörperlich nachbilden. Sie nimmt, ich möchte sagen im Sprechen und Singen dasjenige, was sonst am ganzen Menschen sich ausdrücken könnte - Bewegung und Haltung -, das nimmt sie nur zurück in den Brustorganismus. Und weil der Brustorganismus bestimmte Organe hat, um dasjenige, was sonst Gesamtbewegung und Gesamthaltung des Menschen wäre, auszudrücken, kommt in der Sprache und im Gesange des Menschen dasjenige zustande, was auch Haltung und Bewegung ist, was aber dann in die als Bewegung unwahrnehmbare Luftgestaltung übergeht, während es am Menschen selber nur seelisch in Ton und Laut zur Offenbarung kommt. Und so [ist] eigentlich unterdrückt beim Darstellen desjenigen, was Sie hier im Eurythmischen sehen, meine sehr verehrten Anwesenden, nur der betrachtende Mensch; während der [Mensch] in seinem Gemüte, wofür die Brustorgane dienen, und in seiner ganzen Gestaltung, wofür die Willensorgane dienen, Bewegungsorgane dienen, während der [Mensch] äußerlich zur Offenbarung kommt, ist auf der Bühne und in der Deklamation, Rezitation, der betrachtende Mensch zunächst nicht da.

Dieser betrachtende Mensch ist dann der Zuschauer und Zuhörer. Der aber kommt entgegen demjenigen, was sich ihm auf der Bühne und an dem Deklamations-Tische darbietet. Der nimmt das auf, das heißt er lebt sich ein in jenes vollkommenste Instrument, dessen sich die Eurythmie bedient, in den ganzen menschlichen Organismus. Er sieht und betrachtet den Menschen insofern, als der Mensch ein Wesen ist, das sich nach außen hin offenbart. Und so wird durch Eurythmie dasjenige, was der Mensch für die Welt ist, in der Betrachtung selber ganz Innenwelt.

Während man bei anderen Künsten es mit äußeren Instrumenten zu tun hat, und der Mensch eigentlich sich nur der äußeren Instrumente bedient, ist der Mensch bei der Eurythmie selber Instrument. Daher tritt in der Eurythmie der Mikrokosmos, diese kleine Welt, vor den Menschen hin, und der schauende Betrachter kann sich gewissermaßen sagen: Das, was innerlich ist, kann ja ohnedies nicht Inhalt der Kunst werden, sondern nur dasjenige, was sich nach außen hin offenbaren will, denn die Kunst muss erschaut und wahrgenommen werden. Aber alles das, was am Menschen nach außen sich entfalten kann, wird in der eurythmischen Kunst dem Innenleben des Menschen, dem Zuschauer dargeboten.

Daher darf man schon sagen, obwohl man jedes Mal, wenn solch ein eurythmischer Versuch vorgeführt wird, die verehrten Zuschauer um Nachsicht bitten muss, weil alles noch in den Anfängen ist, man darf schon sagen, wenn man so recht bedenkt, was in der Eurythmie für unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten liegen, dass sie eine Zukunft hat, denn sie will hinstellen in den feinsten Regungen und in den feinsten Offenbarungen alles dasjenige, was im Menschen nach außen wirkt seelisch und geistig, vor die Innerlichkeit von Seele und Geist. Damit aber wird sie Seele und Geist in vollster Konzentration zum Anschauen vor den Zuschauer rufen. Und das ist im Grunde das höchste Ideal aller Kunst.

Daher darf man hoffen, dass gerade diese Kunst wie eine Ergänzung alles Übrigen - des Poetischen, Rhythmischen, Musikalischen, Plastischen und Architektonischen -, wie eine Synthesis von alledem dereinst als eine vollberechtigte jüngere Kunst neben die älteren vollberechtigten Künste sich wird hinstellen können. Das darf man hoffen, wenn man bedenkt, wessen sich die Eurythmie als Ausdrucksmittel bedient: Des Menschen in seiner Offenbarung nach außen, und an was sie appelliert: an dasjenige im Menschen, was vollstes, totales Interesse an der vollen, ganzen Menschlichkeit hat, insofern diese volle, ganze Menschlichkeit in einem Mikrokosmos eine Äußerung, eine Offenbarung der großen Welt, des Makrokosmos ist.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →