Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 14 April 1923, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

,em>Vom 15. bis 22. April 1923 fand auf Initiative von Schweizer Lehrerinnen und Lehrern ein pädagogischer Kursus statt («Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis», GA 306), in den auch drei Eurythmie-Aufführungen eingebettet waren. Die Aufführungen am 15. und 21. April waren als «Eurythmie als Kunst», diejenige vom 18. April als «Eurythmie als Erziehungsmittel» angekündigt. Es nahmen ca. 80 Schweizer und 30 ausländische Lehrer und Lehrerinnen teil, dazu etwa 50 Schülereltern.

«Lebenszauber» von Edward Grieg
«Mitternacht» von Eduard Mörike
«Berceuse» op. I1 von Franz Neruda
«Geister am Mummelsee» von Eduard Mörike
«Davidsbündler Tänze» op. 6,11 von Robert Schumann
«Nixe Binsefuß» von Eduard Mörike
«Schmetterling» op. 33, Nr. 6 von Walter Niemann
«Zwei Liebchen» von Eduard Mörike
Adagio cantabile von Giuseppe Tartini
«Möwen» von C. F. Meyer
«Bei einer Sonate Beethovens» von Christian Morgenstern
«Davidsbündler Tänze» op. 6,2 von Robert Schumann
«Uf’m Bergli» von J. W. v. Goethe
«Das Vöglein» von Edward Grieg
«Offne Tafel» von J. W. v. Goethe
Tschechisches Volkslied
Humoresken von Christian Morgenstern «Die Tapetenblume»; «Die Schuhe»
Musette G-Dur aus der «3. Englischen Suite» von J. $. Bach «Ein modernes Märchen» von Christian Morgenstern

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Die eurythmische Kunst, von der wir Ihnen wiederum versuchen eine Probe vorzuführen, soll unterschieden werden von demjenigen, das pantomimisch ist oder tanzartig ist. Nicht als ob gegen die mimische Kunst oder die Tanzkunst hier das Allergeringste eingewendet werden soll. Das ist nicht der Fall. Aber Eurythmie will eben etwas durchaus anderes sein. Bei der Pantomime hat man es zu tun, man möchte sagen mit Gebärden, durch die etwas angedeutet wird, andeutende Gebärde ist Pantomimisches, ist Mimisches. In der Tanzkunst hat man es zu tun mit überschäumenden Gebärden, mit Gebärden, in denen sich die Seele verliert. Die Eurythmie will weder - trotzdem sie auch durch Gebärden, durch die Bewegungen des menschlichen Organismus wirkt -, sie will weder andeutende Gebärde, noch will sie überschäumende Gebärde sein, sondern sie strebt nach ausdrucksvollen Gebärden, und zwar nach solchen Gebärden, die ausdrucksvoll sind wie das Wort selbst, wie alles dasjenige, was durch die Sprache vom Menschen aus wirkt.

In der Sprache haben wir es nämlich auch zuletzt mit einer Art Gebärdenkunst zu tun, nur dass die Gebärde ausgeführt wird durch den ausströmenden Luftstrom. In diesem ausströmenden Luftstrom, der ja auch in seiner Gestaltung - wenn man ihn anschauen könnte, würde man das sehen -, der in seiner Gestaltung genau folgt dem, was im Worte, was im Satze liegt, in diesem ausströmenden Luftstrom hat man es zu tun mit einem Ineinanderfließen des menschlichen Willens aus der Seele und Denkens aus der Seele. Der Wille ist dabei dasjenige, was, ich möchte sagen den Luftstrom mehr radial ausströmen lässt. Der Gedanke ist dasjenige, was den Querschnitt des Wellenartigen im Rhythmus bewirkt.

Wenn wir es nun zu tun haben mit der künstlerischen Gestaltung der Sprache, dann sehen wir den Dichter ringen, möglichst den Gedanken, der in der Sprache liegt, wenn sie Prosasprache ist, zu überwinden. Ist es ja schon bei der Rhetorik, bei dem Sprechen, das sich bemüht, in schöner Sprache zu fließen, darauf abgesehen, die Sprache selber zu gestalten; vollends der Dichter versucht durch das musikalische Element, das in der Sprache liegt, oder durch das plastisch-malerische Element, das in der Sprache liegt, das rein Prosaisch-Gedankliche zu überwinden und in der Gestaltung der Sprache selbst das auszudrücken, was ausgedrückt werden soll. Daher wird es Aufgabe einer wirklichen Rezitations- oder Deklamationskunst sein, die heute in unsrem unkünstlerischen Zeitalter eben nicht voll gepflegt werden, es wird die Aufgabe sein, gerade das Wort musikalisch und plastisch-malerisch wieder zu gestalten. Denn dasjenige, was zum Beispiel in der Dichtung als von der Leidenschaft bewegt in der Seele angedeutet werden soll, das wird durch einen anderen Rhythmus in der Wortfolge ausgedrückt als dasjenige, was etwa Trauer oder In-sich-Gchaltensein der Seele ausdrücken will und dergleichen.

In der Prosasprache ist es so geworden, dass nun schon in dem Inhalte des Wortes selber auch der Inhalt des Seelenerlebens liegt. Und in der dichterischen Sprache muss man durch die Behandlung der Sprache dasjenige offenbaren, was für die Prosa im Inhalte liegt. Es ist daher kein Deklamieren und Rezitieren, wenn man den Prosainhalt eines Gedichtes besonders pointiert, wie man das heute oftmals auch gern macht, sondern ein Rezitieren oder Deklamieren, wenn man die geheime Eurythmie, die der Dichter schon hineinlegt in die Sprache, herausbringt.

Indem man aber gewahr wird, wie in der Sprache ein Musikalisches und ein Plastisch-Malerisches liegt, indem man gewahr wird, dass nicht nur durch Tanzbewegungen, sondern auch durch eine gewisse ausdrucksvolle Gebärde, die in der naturgemäßen Organisation des menschlichen Körpers begründet ist, indem man dadurch auch Musikalisches zum Ausdruck bringen kann, kommt man dazu, eine wirkliche, sichtbare Sprache auszubilden. Diese wirkliche, sichtbare Sprache ist ja eben nur in den Andeutungen vorhanden beim temperamentvollen Menschen, der das Gefühl hat, er kann nicht alles ausdrücken durch die Lautsprache, was er ausdrücken will. Dann hilft er sich, indem er Gebärden macht. Aber diese Gebärden - man möchte sagen, sie sind lallende Gebärden. Geradeso wie das Kind die Sprache lernt, indem es vom Lallen ausgeht, dann erst zur artikulierten Sprache übergeht, so können die Gebärden zu dem, was man auf der Bühne sicht, zu dem, was Sie auf der Bühne sehen werden als eurythmische Gebärden, diese Gebärden werden sich [zur Eurythmie] verhalten wie ein Lallen zur wirklichen Sprache.

Entstanden ist ja die Eurythmie dadurch, dass man wirklich studiert hat durch sinnlich-übersinnliches Schauen, wie der Luftstrom aus [dem] Kehlkopf und den anderen Sprachorganen beim Sprechen und Singen fließt. Diese Gestaltung, die angemessen ist dem Seelenerlebnis, sie lässt man dann in sichtbare menschliche Glieder - die ausdrucksvollsten menschlichen Glieder sind ja Arme und Hände, aber auch der andere Körper kann sich eurythmisch bewegen, obwohl gerade die anderen Glieder für die Eurythmie weniger charakteristisch sind, hauptsächlich sind es die Arme und die Hände -, es müssen hauptsächlich die seelischen Erlebnisse wie sonst beim Sprechen oder Singen in die gestaltete Luft hineinfließen. So müssen sie hineinfließen, dass die ausdrucksvollen Formen der Arme und Hände, der anderen menschlichen Glieder erlebt werden.

Dann kann man es eben erleben - und so soll es eben bei der eurythmischen Kunst erfasst werden -, dass bei bestimmten Inhalten entweder eine Musik spielt oder rezitiert und deklamiert wird, dass man da zunächst Tonliches hört, lautlich hört dasjenige, was der Künstler gestaltet hat. Dasselbe kann aber mit Bezug auf dasjenige, was schon verborgen eurythmisch drinnen liegt, umgesetzt werden in sichtbaren Gesang, oder in sichtbare Sprache, und das ist eben Eurythmie. Das sieht man dann in den bewegten einzelnen Menschen oder in bewegten Menschen, in Menschengruppen, in Stellungen zueinander begriffener Menschengruppen, welche von der Bühne herab die menschliche Seele durch diese bewegte Sprache oder den bewegten Gesang offenbaren.

Eurythmie ist also nicht eine Erfindung von Zufallsgebärden, die etwa zu irgendeinem Gedichte oder zu irgendeinem Musikstück hinzugegeben werden. Geradeso wenig, wie es möglich ist, dass dasjenige, was durch Worte ausgedrückt wird, in beliebiger Weise etwa durch Laute verkörpert werden könnte, sondern wie gerade einem jeglichen Seeleninhalte eine bestimmte Lautfolge entspricht, so entspricht nicht eine beliebige Gebärde, die man im Augenblick erfinden könnte, sondern eine ganz bestimmte Gebärde einem bestimmten Seelenerlebnis.

Wenn Sie also in einem Gedichte irgendetwas ausgedrückt haben, finder sich eine vokalische Folge, zu welcher der Dichter gegriffen hat, um gerade in dieser vokalischen Folge musikalisch-malerisch dasjenige auszudrücken, was er ausdrücken will, so müssen Sie natürlich, indem Sie rezitieren, diese Vokalfolge in entsprechender Weise behandeln. Sie können nicht einmal das Gedicht so in Lauten zum Ausdruck bringen, das andere Mal anders - die Laute hängen zusammen mit Harmonien zwischen der menschlichen Körperorganisation und dem Seelenleben. Ebenso sind nur eindeutige Bewegungen des menschlichen Organismus für die Eurythmie vorhanden. Dasselbe Motiv werden Sie immer mit denselben Gebärden sehen, ja, bis zum Laut herunter wird alles durch dieselbe, festgelegte Gebärde ausgedrückt. Wie ein i im Laute etwas ganz Bestimmtes ist, so ist es auch etwas Bestimmtes in der Gebärde. Wie ein i hell und dumpf, laut und still, lang und kurz gerade in der dichterischen Sprache gesprochen werden kann, so können auch die Bewegungen, die ganz bestimmte sind in der Eurythmie, sie können in verschiedener Weise behandelt werden.

Daraus aber ersehen Sie schon, dass es bei der Eurythmie vor allen Dingen ankommt darauf, dass die entwickelte, die ausgebildete Gebärde auch wirklich künstlerisch behandelt werde. Jede Bewegung muss dann künstlerisch behandelt werden. Und dadurch kommt eben dasjenige zustande, was neben den anderen Künsten eine wirkliche selbstständige Kunst, eine Raumesbewegungskunst ist. Allerdings heute ist diese Kunst erst im Anfange ihrer Entwicklung. Allein, sie trägt ja sehr viele Entwicklungsmomente dadurch in sich, dass sie sich des, man möchte sagen vollkommensten menschlichen Instrumentes bedient, des menschlichen Organismus selber.

Der menschliche Organismus enthält ja alle Geheimnisse der Welt und alle Gesetzmäßigkeiten der Welt in sich. Er ist ein Mikrokosmos, eine kleine Welt gegenüber der großen Welt, dem Makrokosmos. Und indem sich die Eurythmie bedient dieses Mikrokosmos, bedient sie sich seiner wiederum in einer vollkommeneren Weise als zum Beispiel die mimische Kunst, die unvollkommener den Körper zu andeutender Gebärde verwendet, die sozusagen nur erraten werden muss, wo also Verstandesmäßiges einfließen muss. Sie bedient sich auch vollkommener des Organismus als die Tanzkunst, welche überströmt in die Bewegung im Raume. Eurythmie kann auch in die Bewegungen im Raume überströmen, aber nicht so, dass sie gewissermaßen in die Bewegung ausströmt, sondern dass sie gehalten wird durch die innere Organisation des menschlichen Organismus selbst. Keine Bewegung sollte in der Eurythmie ausgeführt werden, die nicht zeigt durch ihre eigene Wesenheit, dass da etwas Seelisches zugrunde liegt.

Wenn die Eurythmie allerdings etwas ausdrücken muss, was, ich möchte sagen ähnlich ist, wie wenn wir bei der gewöhnlichen Sprache in allerlei Mimisch-Physiognomisches verfallen, wenn wir zum Beispiel grinsen, weil wir etwas ausdrücken, indem wir uns erheben über etwas anderes, wenn wir spöttisch die Mundwinkel verziehen und dergleichen, also wenn wir nach der einen Seite hinüber gewissermaßen körperliche Gefühle ausdrücken durch Mimisches, dann kann auch die Eurythmie in Mimik verfallen, wenn der Dichter das verlangt. Aber wenn die Eurythmie durch sich selbst zu stark in Mimik verfällt, dann wird sie unkeusch. Ebenso kann die Eurythmie, wenn sie ausdrückt - sagen wir, dass irgendeiner einen anderen haut oder dass irgendeiner meinetwillen leidenschaftlich in der Welt herumläuft, dann kann sie in den Tanz hinüber verfallen. Aber es muss dennoch im Eurythmischen selbst begründet sein, dieses Hinüberströmen, sonst wirkt die Eurythmie, wenn sie tanzartig wird, brutal.

Diese zwei Klippen des Mimischen und des Tanzartigen muss die Eurythmie vermeiden, nur das als ihre beiden Grenzbezirke betrachten, sonst verfällt sie in das Unkeusche oder in das Brutale. Daraus ersehen Sie, dass Eurythmie wirklich als eine eigene Kunst empfunden werden muss. Das kann man insbesondere dann sehen, wenn zum Musikalischen eurythmisiert wird. Da wird nicht dazu getanzt, da wird statt des Tanzes bewegt gesungen. Eignet man sich einmal an ein Empfinden dafür, was da für ein Unterschied ist, zwischen diesem bewegten Singen zur orchestralen Musik und dem Tanz, dann wird man auch die richtige Empfindung haben dafür, wie Eurythmie wirklich drinnen steht zwischen der mimischen Kunst und zwischen der Tanzkunst.

So bedient sich Eurythmie durchaus in einer vollkommeneren Weise als diese beiden des menschlichen Organismus. Und man darf daher hoffen, weil eben der menschliche Organismus das vollkommenste Instrument ist, dass die Eurythmie sich immer mehr und mehr wird vervollkommnen können. Das betonen wir auch immerzu. Dazu kommt noch ein anderes. Wir haben ja in der letzten Zeit versucht, die Beleuchtung und das Zusammenfallen der Beleuchtung mit dem Eurythmisieren auch in einer gewissen Weise zur Zusammenstimmung zu bringen in immer vollkommenerer Art, sodass aus diesem Zusammenwirken auf der Bühne ein immer vollkommeneres und vollkommeneres Bild entsteht. Und man darf daraus hoffen, dass Eurythmie sich einmal als eine vollkommene, ganz berechtigte Kunst neben die anderen ganz berechtigten Künste wird hinstellen können.

Es ist noch zu erwähnen, dass in einer sehr bedauerlichen Weise Frau Doktor Steiner verhindert ist zu dieser Eurythmie die Rezitation, die sie sonst immer besorgt, auszuführen. Fräulein Mitscher wird sie heute ersetzen. Es wird sich hoffentlich auch für diejenigen ergeben, die heute hier sind, dass das nächste Mal Frau Doktor selbst wieder rezitieren kann.

So also möchte ich damit zunächst in einigen Worten angedeutet haben, wie Eurythmie eine besondere Kunst neben den anderen sein will, nicht irgendetwas, was aus dieser oder jener Kunst herausgebildet ist, sondern eine Kunst, die aus bisher noch ungewohnten künstlerischen Quellen schöpft und sich einer noch ungewohnten künstlerischen Formensprache bedient.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →