Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925
GA 277d — 18 April 1923, Dornach
Ansprache zur Eurythmie
Die Aufführung war im Tagungsprogramm des Pädagogischen Kurses vom 15.22. April 1923 mit «Eurythmie als Erziehungsmittel» angekündigt. Es führten die Dornacher Kinder sowie Studierende der Eurythmieschule auf, doch liegt das Programm der Aufführung nicht vor. Die Ansprache wurde für den vorliegenden Band erstmals übertragen, es gibt jedoch — besonders gegen Ende einige Lücken und unsichere Lesungen, siehe «Hinweise zum Text».
Meine sehr verehrten Anwesenden!
Über die künstlerische Seite der Eurythmie habe ich mir erlaubt, vor der letzten Vorstellung einiges zu sagen, und heute wird daher nur nötig sein, einige Worte vorauszuschicken über die Vorstellung, die jetzt versucht werden soll mehr in pädagogischer Beziehung. Es handelt sich darum, dass wir es allerdings in der Eurythmie zu tun haben zunächst mit etwas, was als Künstlerisches vor die Welt hintreten soll. Zugleich aber hat Eurythmie einen pädagogischen und didaktischen Wert, und zwar deshalb, weil sie für das heranwachsende Kind ein wirkliches beseeltes und durchgeistigtes Turnen, wenn ich so sagen darf, ist.
Eurythmie ist ja sichtbare Sprache oder auch sichtbares Singen, und indem wir die Eurythmie als einen obligatorischen Lehrgegenstand neben dem Turnen eingeführt haben in der Stuttgarter Waldorfschule, indem wir auch Anteil nehmen können an den Fortschritten in der Eurythmie, welche die Kinder hier machen, erweist sich doch eben, dass die Kinder in einem etwas späteren Lebensalter mit derselben Selbstverständlichkeit dieses bewegte Singen und Sprechen, diese bewegte Sprache ebenso lernen, wie sie in jüngeren Jahren unbewusst lernen die Lautsprache. Das beruht eben darauf, dass wirklich diese Eurythmie - herausgeholt auf eine so naturgemäße Weise aus der ganzen Organisation des Menschen wie die Lautsprache - sich aus dieser Organisation heraus offenbart.
Ich darf ja dabei vielleicht erinnern an dasjenige, was ich in dieser Sache zu der verehrten hier versammelten Lehrerschaft gesprochen habe über die Beziehung des Sprechenlernens zu dem Gehenlernen des Kindes, überhaupt zu alledem, was nun mit dem Gehenlernen des Kindes zusammenhängt. Das Gehenlernen umfasst ja eigentlich weit mehr als das bloße Gehen. Es umfasst die Hineinstellung des Menschen in das Gleichgewicht und in die Bewegungsmöglichkeiten, die ihm durch seine Organisation gegeben sind, der Welt, der irdischen Umgebung. Man braucht nur hinzusehen, wie das Kind lernen muss, aus einer ganz anderen Gleichgewichtslage - die sonst der Mensch nur im Schlaf höchstens hat - sich hineinzufinden in die Gleichgewichtslage, die dem normal wachenden Menschen eigen sein muss in der Welt.
Man muss dann hinsehen auf die Beziehung der Statik und Dynamik des menschlichen Organismus und dem, was im Sprechen zum Ausdrucke kommt. Das Sprechen entwickelt sich ja ganz und gar auf der Grundlage dieser Statik und Dynamik. Diese Statik und Dynamik — man kann das an dem gegenseitigen Verhältnisse des ja auf der linken Seite des menschlichen Hirnes liegenden Sprachzentrums zu der rechten [Seite des übrigen Organismus] erkennen: Dasjenige, was Statik und Dynamik des Menschen ist, gestaltet sich ja durchaus - wie alles, was am menschlichen Organismus auftritt, sich einen Abdruck im Gehirn verschafft -, so verschafft sich die Statik und Dynamik des Menschen einen Abdruck im Gehirn, und aus diesem geht wiederum all das vor, was in die Sprache hinfließt. Sodass im Grunde genommen auch das gewöhnliche Sprechen nichts anderes ist als ein Ausdruck des menschlichen bewegten und im Gleichgewichte befindlichen Organismus.
Ja, die Sache geht so vor sich, dass der Mensch es, wie ich es ja schon neulich bemerkte, im gewöhnlichen Leben in Bezug auf die Gebärde nur wie zum «Gebärdelallen» bringt. Das andere alles, was er sonst ausdrücken wollte durch die ganze Bewegung seines Organismus, das bleibt gewissermaßen von einem bestimmten Punkt aus in Ruhe, drückt sich nur im Hirn ab und von da ab geht es in die Sprache über. Sodass die Sprache die Offenbarung ist durch alle Schwingungen und Bewegungen, die Offenbarung ist der Bewegungs- und Standmöglichkeiten /? des menschlichen Organismus. Daraus schon sieht man, dass sozusagen aus derlei Quellen, aus der Sprache hervorgehen kann, auch wiederum eine ganz und gar sichtbare Sprache [durch eine] darstellende menschliche Bewegungsmöglichkeit geschaffen werden kann.
Dadurch ist es aber auch so, dass, wenn das Kind Eurythmie lernt, es ebenso selbstverständlich fühlt, diese eurythmischen Bewegungen zu machen, die ja eine sichtbare sprachliche Offenbarung sind, wie es unbewusst selbstverständlich sich in die Lautsprache hineinfügt. Und man kann wirklich sehen, wie der Fortschritt im Eurythmisieren bei den Kindern auch wiederum hilft, die Sprache artikulierter zu gestalten, überhaupt die Sprache instinktmäßig zu verstehen. Es ist jetzt schon so weit gekommen, dass Leute, die sich erkenntnismäßig mit Sprachstudien beschäftigen, herankommen und sagen: Ja, aus der Eurythmie heraus wird eigentlich dies Geheimnis in den Sprachgesetzen viel mehr anschaulich als durch alle philologische und linguistische Forschung. Dadurch aber, dass diese Eurythmie aus Leib, Seele und Geist geschaffen ist, dadurch kommt auch der Mensch in seiner Ganzheit durch die Eurythmie zur Offenbarung nach Leib, Seele und Geist.
Beim Turnen ist es ja nur so, dass eigentlich die Bewegungen Ausdruck nur der Statik und Dynamik des Leibes und ein wenig der Seele sind. Beim Turnen kommt nicht der ganze Mensch zur Offenbarung; bei der Eurythmie ist [das Ganze] ein beseeltes und durchgeistigtes Turnen. Zur gleichen Zeit kommt der ganze, der totale Mensch zur Betätigung. Das ist dasjenige, was die Kinder auch spüren und wodurch sie sich mit einer solchen Selbstverständlichkeit in diese sichtbare Sprache, das heißt für sie, für die Kinder, in dieses beseelte Turnen, hineinfinden.
Es wird ganz gewiss einmal eine Zeit kommen, in der man weniger, als das im neunzehnten Jahrhundert der Fall war, das Turnen überschätzen wird. Ich will gar nichts gegen das Turnen sagen, es ist von mir auch nicht etwa eingeführt worden in die Waldorfschule die Eurythmie statt des Turnens, sondern eben nur neben dem Turnen, und dem Turnen soll gar nichts abgesprochen werden. Ich will nur anführen, was einmal hier in diesem Saal, nachdem ich auch so über das Verhältnis von Eurythmie und Turnen gesprochen habe, ein sehr berühmter Physiologe der Gegenwart, der sich das einmal angehört und angesehen hat - ich möchte gar nicht seinen Namen nennen, sonst würden Sie erkennen daraus, wie berühmt der betreffende Mann ist -, der sagte mir das, nachdem ich ihm auseinander[gesetzt habe], das [Eurythmisieren] komme für den Waldorf-Lehrplan, das durchseelte durchgeistigte Turnen neben dem Turnen: Ja, Sie gehen viel zu weit. Ich als Physiologe, ich sage Ihnen, das Turnen ist gar keine Erziehung, weil das Turnen für die Kinder ist eine Barbarei. — Ja, Sie sehen, ich gehe hier natürlich nicht so weit, das habe nicht ich gesagt, das hat ein berühmter Physiologe der Gegenwart gesagt. Aber gesagt worden ist es eben einmal von so [einem] Hochgelehrtem in diesem Saal.
Nun, das zeigt, dass man recht tut, in den Lehrplan obligatorisch dasjenige aufzunehmen, wodurch das Kind in jeder Bewegung fühlt, wie das Seelisch-Geistige überfließt in die Bewegung. Beim Turnen werden ja nur die menschlichen Glieder in die Raumlage hineingestellt. Bei der Eurythmie wird alles aus der Seele herausgeholt. Insofern die Seele überall den Körper durchwärmt und durchströmt, kommt eben dasjenige, was die Seele erlebt, in der Körperbewegung zum Ausdruck. Daher wird man ganz. andere hygienisch-therapeutische Wirkungen erzielen gerade als Erziehungsmittel mit dieser Eurythmie, und wir haben ja neben der Eurythmie als etwas Pädagogisch-Didaktisches und als etwas Künstlerisches auch eine Heileurythmie ausgebildet. Die ist nicht genau so wie dasjenige, was Sie hier sehen, denn sie ist wiederum mit dem Ziel des Heilens aufgestellt und in dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim unter der Leitung [von Frau Doktor] Wegman [und in] Stuttgart [unklare Passage, siehe Hinweise] - da wird Heileurythmie als eine besondere Therapie betrieben für ganz bestimmte Fälle, in denen sie eben anwendbar ist, sodass sie die richtige Therapie bedeutet, sodass man [es] schon zu tun hat mit etwas, was tief eingreift in die geistige psychische und in die leibliche Organisation des Menschen.
Nun sieht man aber, dass die Kinder wirklich mancherlei gewinnen, indem sie in diese Eurythmie sich hineinfinden. Oder, was unsere Gegenwart ganz besonders braucht, das ist ja, dass das willensartige Element der Seele, das insbesondere bei der Eurythmie zur Geltung kommt, insbesondere ausgebildet werde. Willensinitiative ist es vor allen Dingen, die ausgebildet wird in der Eurythmie. Durch das Turnen wird ja nur äußere Gelenkigkeit und eben Impulsivität ausgebildet, aber nicht Willensinitiative. Willensinitiative wird gerade durch dieses beseelte, durchgeistigte Turnen der Eurythmie ausgebilder.
Ebenso kann man sagen: Mit der gewöhnlichen Wortsprache kann man lügen, und Sie wissen ja, es ist nicht ausgeschlossen, dass das manche Menschen tun und dass [sich] Kinder in ihrem Heranwachsen etwas von Lügen zeigen. Derjenige, der mit seinem ganzen menschlichen Organismus dasjenige zu offenbaren hat, was in seiner Seele lebt, der kann eben nicht lügen. Man kann nicht eurythmisch lügen; das widerstrebt der ganzen menschlichen Organisation, daher ist wirklich die Eurythmie, so paradox das heute noch für manchen klingen wird, wirklich ein Mittel zur Erziehung auch der Wahrhaftigkeit, und als solches ist es ganz besonders wichtig [in] dieser Zeit, Eurythmie unter den obligatorischen Lehrgegenständen zu haben. Und mancherlei ließe sich noch anführen, was zeigen würde, ein wie wichtiges Erzichungsmittel diese Eurythmie ist. Und wie da Eurythmie als ein beseeltes und durchgeistigtes Turnen geübt wird, das wollen wir Ihnen heute etwas vorführen.
Allerdings werden Sie, wenn ich so sagen darf, Kindereurythmie etwas anders sehen /Lücke?), aber das wird ja ihren Genuss nicht vermindern, sondern höchst[ens] erhöhen. Sie werden wirklich Kindereurythmie sehen in einem Teile. Dann werden Sie aber auRerdem sehen Eurythmie, ja, wie soll ich sagen, nicht von Kindern in Bezug auf die menschlichen Kinder, sondern von eurythmischen Kindern, also von solchen eurythmischen Kindern, die am Anfange des Eurythmie-Lernens sind, die also nur [unleserlich] angesprochen werden dürfen als eurythmische Kinder, wenn das /unleserlich].
Also Sie werden den Genuss haben, sozusagen die Eurythmie in der gewöhnlichen Volksschule zu sehen und dann die Eurythmie in der Eurythmieschule zu sehen von denjenigen, die ja eben an der Eurythmieschule teilnehmen können. Und ich habe ja immer die Auffassung vertreten, dass für die Eurythmie niemand zu alt ist, wenn er sie ja um desjenigen willen lernt, was sie dem Menschen sein kann. Da habe ich gesagt, da ist keine Altersgrenze; nach unten halt, sobald man die Kinder dazu bringt, und nach oben, ja es kann bis 90 Jahre gehen, es ist durchaus noch immer ein Alter, das ganz gut sich eignet, wenn man die nötige Bewegungsmöglichkeit hat, in die Eurythmie eingeführt zu werden. [Lücke?] Wir werden Ihnen heute diesen Genuss nicht bereiten. Man könnte also ganz gut 90-Jährige vorführen, die eurythmische Kinder wären - nun Sie werden selbstverständlich dasjenige nur sehen, was man junge Damen nennt, aber immerhin, Sie werden auch hineinschauen nicht nur in die Eurythmie der Schule, sondern auch in die Schule der Eurythmie. Das möchte ich so unterscheiden.
Daher werden Sie einen gewissermaßen doppelten Genuss haben können, aber beides ist ja Eurythmie in pädagogischer Beziehung, wie wir es Ihnen auf den Programmen angekündigt haben. Es wird dasjenige, was vorzugsweise Eurythmie der Schule ist, [Lücke] dann [nach] der [Lücke] Pause anfangen.