Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 1 July 1923, Dornach

Ansprache zur Eurythmie

An diesem Tag fand eine Sitzung des schweizerischen Schulvereins am Goetheanum statt, für den um 15.30 Uhr eine Eurythmie-Aufführung gegeben und die folgende Ansprache gehalten wurde.

Mercury prelude with music by Leopold van der Pals
7th picture (“Devachan scene”) from “The Gate of Initiation” by Rudolf Steiner
Nocturne in B flat minor, Op. 9, No. 1, by Frédéric Chopin
“Dedication” by Novalis
“Davidsbündler Tänze” Op. 6,11 by Robert Schumann
Johanni saying from the Soul Calendar (41.) by Rudolf Steiner
“Davidsbündler Tänze” Op. 6,2 by Robert Schumann
‘Lebenslied’ by Robert Hamerling
“Wanderers Sturmlied” by J. W. v. Goethe with music by Leopold van der Pals
Scenes from “A Midsummer Night's Dream” by William Shakespeare

Meine sehr verehrten Anwesenden!

Lassen Sie mich zuerst meine besondere Freude und Befriedigung darüber ausdrücken, dass wir heute den versammelten Lehrern hier wiederum eine Eurythmic-Vorstellung vorzuführen in der Lage sind. Die Eurythmie in ihrem Wesen versuchte ich ja schon zu charakterisieren bei den letzten lieben Besuchen, die wir von dieser Seite empfangen haben, und ich möchte heute nur ein paar Einleitungsworte der Vorstellung vorangehen lassen.

Eurythmie kann in dreifacher Gestalt in unser gegenwärtiges Leben eintreten: Erstens als Kunst, als künstlerische Eurythmie; zweitens vom pädagogisch-didaktischen Gesichtspunkte aus, gewissermaßen als eine Art beseeltes, durchgeistigtes Turnen: pädagogisch-didaktische Eurythmie; und dann als ein gewisser Zweig der Therapie: als Heileurythmie. Eurythmie als Kunst beruht ja darauf, dass der Mensch nicht nur die Möglichkeit hat, dasjenige, was in seinem inneren Wesen seelisch lebt, durch die hörbare Sprache und den hörbaren Gesang zur Offenbarung zu bringen, sondern auch entweder durch Bewegungen seiner eigenen Leiblichkeit, seiner Glieder oder auch durch Bewegungen von einzelnen Menschen oder Menschengruppen im Raume, wodurch dann eine wirklich sichtbare Sprache zustande kommt. Der Mensch redet ja und singt nicht aus dem physischen Leib heraus, sondern er singt aus der Seele heraus, er redet aus der Seele heraus. Und den Ursprung des Sprachlichen und des Gesanglichen findet man eigentlich erst, wenn man zurückgeht auf das übersinnliche Wesen des Menschen.

Im äußeren, physisch-sinnlichen, körperhaften Wesen des Menschen liegt ja zunächst zugrunde der sogenannte Bildekräfte- oder Ätherleib, der eine Verbindung darstellt des eigentlich Geistig-Seelischen mit dem physischen Leibe. Wenn wir durch die Lautsprache oder durch den Gesang uns offenbaren, dann kommt dies dadurch zustande, dass die beiden Extreme, welche im heutigen Menschen in der gegenwärtigen Entwickelung des Menschen auseinanderfallen — Atmung und Gedanke -, dass diese beiden Elemente zusammentreten, dass dasjenige, was namentlich in der ausgeatmeten Luft sich gestaltet, geformt wird durch den Gedanken, durch die Vorstellung. Und man hat dann in demjenigen, was in dem ausgeatmeten Luftstrom so gestaltet wird, dass es zur Erscheinung kommt im Laut, im Ton, man hat in dem eine Art durch den Gedanken gestalteter Gebärde.

Bei dieser durch den Gedanken gestalteter Gebärde bleibt ja der Mensch, im Wesentlichen wenigstens, mit seinen Bewegungsgliedern ruhig. Nur dann, wenn er das Gefühl hat, dass er das innere Erlebnis, das er ausdrücken will durch den Laut, dass er das nicht vollständig durch den bloßen Laut, der vom Gedanken geformt ist, zum Ausdrucke bringen kann, dann drängt er zur Gebärde. Und er unterstützt durch die gewöhnliche Gebärde dasjenige, was er spricht, wobei er gewissermaßen ein noch mehr Innerliches an Offenbarung zu der mehr konventionellen Sprache hinzufügt. Aber das sind andeutende Gebärden. Diese andeutenden Gebärden bedeuten eigentlich nie mehr als eine Art von Lallen. So wie die Sprache beim Lallen beginnt, dann zur ausgebildeten, artikulierten Sprache wird, so kann man nun aber auch das gewöhnliche Gebärdenlallen, das wir alle mehr oder weniger tun im Leben, ausbilden zur völlig künstlerisch artikulierten Gebärde, und dies geschieht in der Eurythmie.

Ein Ganzes in der gewöhnlichen Sprache bilden Atmung und Gedanke. Ebenso aber können ein Ganzes bilden der Rhythmus, der in der Blutzirkulation lebt, und die Bewegungen der menschlichen Glieder. Wie sich im einen Pol des Menschen Atmung und Gedanke zueinander verhalten, so verhalten sich am anderen Pol die Blutzirkulation, welche das Stoffliche auflöst, verbrennt, zu der Bewegung der Glieder. Und während wir, wenn wir durch die Verbindung von Gedanken und Atmung in der Sprache uns offenbaren, mehr dasjenige zum Ausdruck bringen, was zwischen Mensch und Mensch lebt, so können wir, wenn wir jene geheimnisvollen inneren Vorgänge, die sich abspielen im Zusammenhange zwischen der Bewegungsgebärde und dem innerlichen Verbrauch der im Menschen in der Blutzirkulation wellenden und webenden Substanz, da können wir mehr dasjenige offenbaren, was der Mensch in seinem Verhältnisse zum Kosmos, zur ganzen Welt erlebt, erlebt allerdings im gewöhnlichen Bewusstsein oftmals auf unbewusste Art.

Geht man mit seiner Erkenntnis des Menschenwesens bis zum Ätherleib zurück, dann findet man: Wenn wir uns durch den physischen Leib äußern, dann ist durch den physischen Leib als Offenbarung vorhanden Gedanke, Gefühl, der Wille in der Bewegung. Aber meine sehr verehrten Anwesenden, Denken, Fühlen und Wollen gehen ineinander über. Und so paradox es klingt, im Äther- oder Bildekräfteleib ist es so, dass der Wille denkt, und das Denken will.

Diese beiden Tätigkeiten, Wollen und Denken, können ineinander übergehen; das Gefühl bleibt immer in ihrer Mitte. Die Sprache kommt aus dem Gefühl. Sie geht aus dem Gefühl in den Atem hinein, und der Gedanke formt dasjenige, was gesprochen wird. Ebenso geht das Gefühl in die Blutzirkulation. Und die Bewegung, die Bewegungsgebärde, sie kann formen dasjenige, was der Mensch innerlich dadurch, dass er - Sie wissen, Blut ist ein ganz besonderer Saft, er enthält das Innerste des Menschenwesens im Verhältnisse zur Welt -, dadurch, dass er das entsprechende Verhältnis zwischen jenem Rhythmus vorbildet, der eigentlich ein Rhythmus des Makrokosmos ist und der im menschlichen Blutkreislauf makrokosmisch zur Darstellung kommt, als die Welt im Makrokosmos, im Menschen, im menschlichen Mikrokosmos sprechen will: Das kann durch die sichtbare Sprache der Eurythmie, durch die ausdrucksvolle Gebärde gesprochen werden.

Geradeso, wie unbewusst die Natur aus dem Kinde die Lautsprache heraustreibt, so kann man, wenn man das Menschenwesen wirklich versteht, mit einer Erkenntnis des Verhältnisses des Willens zur Blutzirkulation durch den Ätherleib, kann man herausbekommen sinnvolle Bewegungen, so sinnvoll, wie die Laute der Sprache, wo jede einzelne Bewegung zu einer bestimmten Seelenäußerung gehört wie der einzelne Buchstabe der Sprache. So kann man herausbekommen eine sichtbare Sprache, die nichts Willkürliches enthält, die nicht aus augenblicklichen, erfundenen Gebärden besteht, sondern aus einer inneren, gesetzmäßigen menschlichen Organisation — wie die Lautsprache oder der Gesang selber. Dadurch ist man imstande, dasjenige, was in der Dichtung von einem Pol des Menschen aus, vom Atmungs-Gedankenpol dargelegt werden kann, vom Bewegungs-Blutzirkulationspol aus darzustellen. So entsteht dieses orchestrale Zusammenwirken, das Ihnen in der künstlerischen Eurythmie entgegentritt, wo Sie in dem Bühnenbild sehen, wie der Mensch die kosmische Sprache spricht; auf der anderen Seite wird das Gedicht deklamiert, und rezitiert, durch Deklamatorisches oder Rezitatorisches zur Darstellung gebracht. Ich möchte sagen: Wie im Orchester zwei Instrumente zusammenwirken, geschieht das. Allerdings muss auch die Deklamation oder Rezitation, die schon die innere Eurythmie ist, in jeder wahren Dichtung enthalten ist - in der heutigen Zeit, die etwas unkünstlerisch ist, hat man kein rechtes Gefühl für wirkliche Deklamation und Rezitation -, zur Darstellung bringen.

Frau Doktor Steiner hat jahrelang versucht, diese Kunst wieder zur Geltung zu bringen. Wirkliches Deklamieren, wirkliches Rezitieren, man kann das heute noch verkennen. Man wird dann, wenn Rezitation und Deklamation die Eurythmie zu begleiten haben, sehen, wie notwendig das ist, dass auf der einen Seite das Bildhaft-Imaginative, auf der anderen Seite das Musikalisch-Thematische, Rhythmische, Taktmäßige bei dieser Rezitation und bei allem wirklichen Rezitieren und Deklamieren zur Offenbarung kommt - nicht das prosaische Pointieren, wo dann jeder Dilettant glaubt, dass er auch deklamieren und rezitieren kann. Sondern dasjenige, was künstlerische Gestaltung der Sprache ist, in dem das eigentlich Dichterische liegt, das entspricht auch dem Künstlerischen der Eurythmie. Eurythmie hat dann ihre pädagogisch-didaktische Seite. Sie lässt den Menschen Bewegungen ausführen, aber jede einzelne Bewegung ist durchgeistigt und durchseelt. Dadurch ist sie etwas, was den Menschen in die Welt, in das Leben so hineinstellt, wie das bloße Turnen das nicht kann. Das Turnen ist ja aufgekommen, meine sehr verehrten Anwesenden, in einer Zeit, in der der Materialismus seine besondere Blüte anfıng zu treiben. Man hat eingesehen, dass der menschliche Wille im Turnen in Übung kommen kann - allein es war die Zeit, wo man gewohnt ist, nur hinzuschauen auf den menschlichen physischen Organismus. Dadurch fragt man immer: Welche Bewegungen sollen ausgeführt werden aus den Gesetzen des physischen Organismus heraus? Aber der Mensch wird dabei nicht voll erfasst.

Ich will ganz gewiss nichts gegen das Turnen sagen. Wir haben selbst in der Waldorfschule das Turnen eingeführt in dem Augenblicke, wo wir das nach den materiellen Mitteln konnten. Und es wird heute das Turnen, das physische Turnen gerade eifrig auch getrieben, so wie das beseelte, das durchgeistigte Turnen der Eurythmie in der Waldorfschule getrieben wird. Aber berücksichtigt muss werden, dass, während das gewöhnliche Turnen nur immer nach dem physischen Leibe des Menschen frägt, daher eigentlich unterdrückt das Geistig-Seelische, Eurythmie in pädagogisch-didaktischer Weise den ganzen Menschen nach Leib, Seele und Geist so in Bewegung [bringt], dass in jeder einzelnen Bewegung sein Seelenwesen liegt, sozusagen wie von den Lippen sein Seelenwesen ausfließt, wenn er spricht.

Dadurch kommt es auch, dass die Kinder im schulpflichtigen und im anderen Alter sich mit derselben Selbstverständlichkeit in die Eurythmie hineinfinden, wie sie sich als ganz kleine Kinder in das Sprechen hineinfinden. Denn sie fühlen, die Kinder, wenn der Eurythmie-Unterricht richtig getrieben wird, wie es eigentlich eine selbstverständliche Offenbarung der Menschennatur ist, dieses Eurythmisieren. Wie es selbstverständlich ist, dass der Mensch seine Seele durch die Sprache ausgießt, hinausschickt in die Weltenlüfte durch den Gesang, so wird es dem Menschen auch eben ganz selbstverständlich, sein ganzes Seelenwesen dann mehr nach dem Willen hinzuorientieren in gebärdenhaften Bewegungen seiner Glieder und in Bewegungen im Raume, die geradeso ausgestaltet sind, nach außen hin zu offenbaren, und wie Durchstärkung, Durchseelung, Durchgeisügung nach dem Inneren hin zu arbeiten.

Das Dritte ist, dass Eurythmie auch darstellt eine Art von Therapie. Wir wollen ganz gewiss nicht in dilettantischer oder laienhafter Weise Heilmittel ersinnen. Aber wenn umgeformt werden die künstlerischen oder pädagogisch-didaktischen eurythmischen Bewegungen so, dass sie in einer gewissen Weise zurückwirken auf die menschliche Natur, bessern gewisse Zustände in der Natur, so bekommt man - nicht mit denselben Bewegungen, die Sie hier sehen in künstlerischer Eurythmie, aber mit etwas umgeformten, metamorphosierten Bewegungen - dasjenige, was bei gewissen Erkrankungs- und Schwächungsprozessen heilend, therapeutisch auf den Menschen einwirken kann. In dem Klinisch-Therapeutischen Institut von Frau Doktor Wegman in Arlesheim, ebenso in unserem Klinisch-Therapeutischen Institut in Stuttgart, wird die Heileurythmie als ein Teil der Therapie betrieben und trägt, wie jetzt schon durchaus nachweisbar ist, ebenso ihre guten Früchte, wie durch die Waldorfschule nachweisbar ist, dass die pädagogisch-didaktische Eurythmie ihre guten Früchte trägt.

Aber auch heute möchte ich, so wie immer vor solchen Vorstellungen, Vorstellungsversuchen, die verehrten Zuschauer um Nachsicht bitten. Wir wissen, dass wir überall, in allen Seiten der Eurythmie, noch im Anfange der Entwicklung dieser Kunst, dieses pädagogischen Teiles, dieser therapeutischen Zugabe stehen, wissen, dass das viel Entwicklung noch brauchen wird. Aber derjenige, der sich in die Dinge einlebt, der kann auch wissen, dass unermessliche Entwicklungsmöglichkeiten in ihr vorhanden sind, weil man sich ja bedient des vollkommensten Instrumentes, dessen man sich überhaupt bedienen kann, des ganzen Menschen - wie es ja nicht einmal die mimische Kunst [tut], die ja nur teilweise, möchte man sagen, wie eine Zugabe den [ganzen] Menschen zum Sprachlichen benützt. Und so kann man hoffen, dass Eurythmie immer mehr and mehr vervollkommnet wird, dass einmal die Zeit kommen werde, wo man nicht mehr bloß um Nachsicht bitten muss, weil Eurythmie erst im Anfange ihres Werdens sein wird, sondern diejenige Zeit kommen wird, wo Eurythmie anerkannt sein wird als eine vollgültige jüngere Kunst neben den anderen vollgültigen älteren Künsten.

German original of Eurythmy Performance · ← Previous · Next →