Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie 1923–1925

GA 277d — 30 April 1924, Stuttgart

Konferenz zur Eurythmie-Ausbildung

Von der folgenden Konferenz für die Eurythmieschullehrer und -dozenten im Eurythmeum Stuttgart liegt ein lückenhaftes Stenogramm von unbekannter Hand vor; außerdem Aufzeichnungen von verschiedenen Teilnehmern. Eine Ausschrift des Stenogramms wurde durch Alice Fels ergänzt; ihre Ergänzungen wurden im Folgenden aufgenommen und gekennzeichnet. Die Zeichnungen im Text stammen aus Aufzeichnungen von Eugen Kolisko, die sonst sehr fragmentarisch sind. Als zweites Dokument wurden die ausgearbeiteten Notizen von Walter Johannes Stein aufgenommen, die die Stenogrammausschrift in einigen Punkten ergänzen. - Anwesend waren neben Rudolf Steiner und Marie Steiner die Eurythmiedozentinnen Alice Fels, Hedwig Köhler, Ilona von Molnär, Elly Wilke, der Vorsitzende des Vereins «Eurythmeum» Jose del Monte, sowie die Fachdozenten Caroline von Heydebrand (für Pädagogik), Carl Unger (allgemeine Anthroposophie), Eugen Kolisko (Anthropologie), Walter Johannes Stein (Poetik und Ästhetik) und Hermann von Baravalle (Geometrie).

Alice Fels hat gemäß ihren Aufzeichnungen die Stenogrammausschrift ergänzt. Diese Ergänzungen sind im Folgenden kursiv und in eckigen Klammern gesetzt.

Marie Steiner bittet Rudolf Steiner, die Leitung der Konferenz zu übernehmen.

Rudolf Steiner: Wir werden, wie es Frau Doktor Steiner für notwendig hält, in allererster Weise über Eurythmie als solche zu sprechen haben. Wir werden zuerst die allgemeine Eurythmie-Frage behandeln und dann übergehen zu der Regelung des Literarischen, Historischen, der Ästhetik, des Anthroposophischen, Pädagogischen, Mathematischen auf Grundlage dessen, was in einer solchen Eurythmieschule als wünschenswert erscheinen könnte.

Das, was Eurythmie selber betrifft, bitte ich zunächst vorzubringen, damit ich dann das andere danach besprechen kann.

Frau Fels hat gedacht, dass man ein gewisses Ziel haben sollte, etwas, was den Ausbau des eurythmischen Unterrichts für zukünftige Lehrerinnen betrifft.

Rudolf Steiner: Nicht wahr, die Sache ist diese: Zunächst ist das Eurythmeum begründet worden dazu, die Eurythmie als Kunst zu pflegen.

Marie Steiner: Es ist beides ins Auge gefasst worden, die überwiegende Zahl der Schülerinnen kommt wohl als Lehrerinnen in Betracht.

Rudolf Steiner: Eurythmie als Kunst-Unterricht: das würde zusammenfallen, ob man ausbildet zum Auftreten oder als Lehrerin. Bei uns wollen die Menschen schon in drei Jahren fertig sein. Wer zum Ballett geht, weiß, dass er fünf bis sieben Jahre braucht. Und dann hat er bereits mit dem Üben begonnen, als er noch ganz klein war. [Zu Alice Fels: Sie können nicht eine Eurythmie-Lehrerin wirklich ausbilden unter fünf Jahren. Für die Bühne ist es eher möglich. Meistens wird der Eurythmie-Unterricht so erteilt wie das, was unter den Krankheiten die galoppierende Schwindsucht ist.]

Dagegen sind zwei andere Arten zu teilen. Da ist Eurythmie eingegliedert in eine gewöhnliche Schule als Unterrichtsgegenstand. Zur Ausbildung in Eurythmie gehört Kunsteurythmie-Unterricht. Wenn aber auch ausgebildet werden sollte eine solche Persönlichkeit, die dann an einer [Volks]schule - innerhalb des gesamten Unterrichtes — angestellt werden sollte als Lehrerin, dann wäre ein Seminar notwendig. Die Pädagogik der eurythmischen Kunst müsste getrennt werden von der Seminardurchbildung (seminaristische Vorbildung) für Eurythmie-Lehrerinnen an Schulen.

Das dritte ist die Heileurythmie, die nur im Zusammenhang mit Ärzten stattfinden kann und die hier nicht in Frage kommt. Die Frage eines Seminars ist etwas, was diskutabel ist. Und der Eurythmie-Unterricht wird kaum eine besondere Modifikation erfahren für Eurythmie-Lehrerinnen gegenüber Künstlerinnen.

[Zu Alice Fels: Haben Sie je gehört, dass man auf einer Hochschule für Kunst Pädagogikunterricht gibt? Das Eurythmeum sollte eine Hochschule für die Kunst der Eurythmie sein.] Das tut man auf anderen Gebieten auch nicht; man bildet nicht aus auf getrennte Weise; der Unterricht muss ein einheitlicher sein. Für die, welche Eurythmie-Lehrerinnen von vornherein werden wollen, die sich dem widmen wollen, müsste eine besondere Anleitung zum Unterrichten in Eurythmie da sein. Das müsste eingerichtet werden.

Nun ist es nicht möglich, im Verlaufe einer Konferenz Einzelnes anzugeben, aber wenn der Kurs in Dornach zustande kommt, der von Frau Doktor Steiner angeregt wurde und wo noch einmal Lauteurythmie von Anfang an behandelt werden soll, dann könnten damit Gesichtspunkte verbunden werden für das Unterrichten in Eurythmie. Das muss man in umfassender Weise pflegen.

Alice Fels fragt nach der Ursache von Kniekrankheiten bei den Eurythmisten.

Rudolf Steiner: Es kommt eines immer wieder vor. Es werden mir sehr viele schwer oder leicht erkrankte Menschen vorgeführt, darunter Eurythmisten. Da kommen sehr häufig Kniekrankheiten vor. Es kann aber das Knie nur gewinnen und stärker werden durch Eurythmie. Es ist ganz ausgeschlossen, dass durch Eurythmie das Knie beschädigt wird, weder Bein noch Muskulatur. Aber überall konnte ich feststellen, dass die Eurythmisten, die am Bein oder Knie etwas haben, nicht richtig das Bein aufstellen. Sie trippeln oder schlagen mit der gesamten Sohle zugleich auf, während es richtig ist, zuerst mit den Zehen aufzutreten und die Ferse zu senken (nachzuziehen). Dann kann nie Ungesundes daraus hervorgehen.

Es sind viele Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Das kann während des Kurses geschehen. Schauspieler zum Beispiel werden auch unterrichtet, wie sie gehen sollen. Namentlich Springen ist furchtbar schädlich, wenn nur mit den /Fersen zuerst aufgestoßen oder mit den Fersen zuerst aufgesprungen] wird.

Alice Fels bemerkt, dass das richtige Gehen ja schon im dreigeteilten Schritt enthalten sei.

Rudolf Steiner: Enthalten ist alles, aber manche Dinge werden nicht beachtet. Es ist notwendig, eine Anleitung zum Eurythmie-Unterricht aufzunehmen. Das gehört nicht ins Seminar, das gehört ins Eurythmeum.

Alice Fels: In der Schule muss man die Kinder zur Ruhe kommen lassen nach der Stunde. Kommt das für Schüler der Eurythmieschule auch in Frage? Manche Schüler haben einen Wochenspruch (aus dem «Seelenkalender») oder etwas Ähnliches zu machen gewünscht.

Rudolf Steiner: Es empfiehlt sich nicht, mit dem Wochenspruch zu beginnen, da doch alle möglichen Leute in die Kurse aufgenommen werden. Das gibt ein gewisses «air», über das bald gespottet werden kann.

In anderen Schulen ist es auch gebräuchlich, dass man am frühen Morgen mit Gebet anfängt; meinen Sie, dass man das auch machen kann? Das geht eigentlich nicht. Wenn schon, dann sollte man so vorgehen, dass Sie sagen: Es ist gut, dass man einen allgemeinen Rhythmus voranstellt und zum Schluss damit schließt. Sie können einen Reigen fabrizieren, der so verläuft, dass die Leute sich anstellen und die Figur formieren und am Schlusse sie wieder machen, also damit anfangen und schließen, immerfort dasselbe mit Musik. Das kann ein auseinanderlegter /aufgelöster] Akkord, melodiös gestalteter Akkord sein dann wird es sehr schön sein. Sie können auch das hinzufügen: i, u, a; ein auseinanderlegter /aufgelöster] Akkord, oder anfangen lassen mit i, u, a — ein paar Mal im Kreise herum machen lassen.

277d-58
277d-58

[Rudolf Steiner zog sein Notizbuch aus der Tasche und zeichnete die Form mit seinem Füllfederhalter auf und gab sie Alice Fels.]

Alice Fels meint, für den ersten Kurs fehlten Formen, welche die Laute im Raum in Formen bringen können.

Rudolf Steiner: Es wäre am besten, wenn man die Formen, die da geübt werden, an die Formen anlehnen würde, die in der Geometrie vorhanden sind, wo sich die Zöglinge der inneren Gesetzmäßigkeit bewusstwerden, wie es Doktor von Baravalle macht, bis man übergeht zu den freien Formen, die sich anpassen an den dichterischen oder musikalischen Inhalt.

Auf eine Zeichnung von Hermann von Baravalle deutend:

Ist das nicht die menschliche Niere? sehen Sie, in den Konstruktionen von Doktor von Baravalle hat man lebendige Organformen vor sich. Das ist gerade das, was man für die Eurythmie braucht.

Alice Fels sieht manche Schwierigkeit in der Zahl der Kursteilnehmer. Wenn zum Beispiel für die Ausführung irgendeiner Sache weniger Menschen notwendig sind als vorhanden, finden es die Nichtbeschäftigten oft langweilig zu warten.

Rudolf Steiner: Ich habe auf gar keinem Gebiete Angst vor der großen Zahl. Im Grunde kann das innere Interesse wachsen, wenn die Zahl größer ist. Wenn man etwas üben will, wo nur drei nötig sind, kann man nicht fünfzehn nehmen: dann muss man die andern beruhigen. Das muss man einrichten von Fall zu Fall; eine eigentliche Schwierigkeit kann es nicht geben.

Nun wird es sich hauptsächlich darum handeln, den Eurythmie-Unterricht an das anzupassen, was ringsherum betrieben wird. Es ist notwendig, dass die Eurythmie, wenn sie ernsthaft vom Eurythmeum aus zum wirklichen Ansehen kommen soll, so betrieben werde, dass die Leute, die da herauskommen, nicht nur handwerksmäßige Eurythmisten sind, sondern im Ganzen gebildete Menschen werden. Es scheint schon empfunden worden zu sein - zu dem Zwecke ist das erlauchte Lehrerkollegium da. Dazu muss ein Lehrplan mit einer inneren Notwendigkeit nach einer gewissen Gestaltung da sein.

Es ist unbedingt notwendig für die, die Eurythmie lernen wollen, dass sie treiben:

Erstens den Zusammenhang von Metrik und Poetik (zu Dr. Walter Johannes Stein) mit der besonderen Besprechung ausgewählter Literaturkapitel. Aber es muss wirklich ein regelrechter Unterricht in Metrik und Poetik da sein; das heißt die Gesetze des dichterischen Aufbaues müssen behandelt werden. —

Das müsste auslaufen in einen vollständigen Unterricht der Ästhetik aller Künste, nicht nur ein paar Regeln, sondern einen wirklichen Unterricht. Es ist absolut notwendig, dass der, welcher einen Kurs gibt, eine ganz bestimmte Ansicht über Ästhetik hat. Alle Künste müssten umfasst werden. Als Leitlinien für diesen Unterricht könnte benutzt werden Schillers Ästhetik und was von mir daran anknüpfend gesagt worden ist.

Zweitens ist ebenso notwendig ein richtiger Unterricht in Bezug auf Musik. Sie (zu Fräulein Elly Wilke) sollten herausarbeiten, wie Takt, Harmonie, Rhythmus, Melos, Phrasierung verwendet werden bei den verschiedenen Komponisten. [Die Elemente des Kontrapunktischen sollten entwickelt werden. Dies mit Hilfe des Gesanges, mit der Verwendung der Stimme im Gesang, mit einund mehrstimmigem Gesang.] Das alles mit ausgewählten Kapiteln [Beispielen].

Drittens ferner Geometrie (zu Dr. Hermann von Baravalle) mit Gipfelungin Raumformen. Diese Formen, deren innere Gesetzmäßigkeit, sollten Anwendung finden auf den menschlichen Organismus. Ich will gleich auseinandersetzen, wie ich das meine. Die Sache ist so: Man kann zunächst, wie Doktor von Baravalle es schon getan hat, die Geometrie in dem Sinne darstellen, dass sich die Figuren entsprechen, dass der Unterricht in das Figurale ausläuft, sodass man wirklich da den Übergang zu Stellungen und Bewegung in Stellungen findet. Man kann den Leuten richtig beibringen an Beispielen, wie zum Beispiel im «Sposalizio» diese wunderbare Anordnung zu finden ist. Studieren Sie die Gruppierung der Gestalten im Raume auf diesem Bilde. Dann wieder gründlich ins Einzelne gehen - wie jeder Arm und jede Hand liegt, wie das Ganze geometrisch durchgeführt wird. Das sind Gruppierungen, die auch in der Eurythmie schön sind. Dadurch gewöhnen sich die Leute, solche Gruppierungen zu Eugen Kolisko

verstehen. Das führt dann wieder in Zusammenhang mit Ästhetik. Der Ästhetiker, der beim Malen von Kolorit oder beim Tanz mehr von der Bewegung spricht, wird hören, wie der Geometer das aus der inneren Gesetzmäßigkeit findet. Das würde aber weiterhin zum inneren Verständnis des menschlichen Organismus überführen. Man würde zeigen können, wie ein Organ aufgebaut ist, rein in seinen Formen. Studieren Sie den menschlichen Körper nach seinen Proportionen, zum Beispiel dem goldenen Schnitt. Seien Sie auch aufmerksam auf solche Sachen wie zum Beispiel auf dieses, dass in der menschlichen Gestalt das Pentagramm eingeschrieben ist, wie, wenn man die Arme ausstreckt, man einen Kreis herumzichen kann, wie man bei einer anderen Lage ein Viereck konstruieren kann. Dies zeigt, wie sich das Figurale im menschlichen Organismus selber ausnimmt. Eine gute Anleitung dazu finden Sie bei Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim. Sie brauchen da nichts anderes zu nehmen.

[(Zu Alice Fels) Die Schüler sollten lernen, sich in jedem Augenblick als ein Pentagramm in Bewegung zu erleben.]

Eugen Kolisko
Eugen Kolisko

Das würde viertens hinüberleiten (zu Dr. Eugen Kolisko) in die plastisch-musikalische Anthropologie. Da würde man im Anthropologie-Unterricht vor allen Dingen die eigentlichen Formen aufzeigen müssen, aber auch die plastische Bewegungsmöglichkeit der einzelnen Organe. Etwas müssen die Leute, die mit dem menschlichen Körper arbeiten, auch davon wissen. Neunzig Prozent der Eurythmisten wissen das nicht. Die Eurythmisten müssen eine wirkliche Vorstellung vom menschlichen Körper haben. Fragen Sie sich: Wo sitzt das menschliche Herz? Aber auch: Wie wird die Lunge verändert, wenn man rasch atmet? - und so weiter. Also die Veränderung in der Bewegung verstehen, namentlich auch das Dynamisch-Mechanische, wie Knochen und Muskeln liegen, wenn eine bestimmte Bewegung ausgeführt wird, muss man studieren. Wenn der Mensch unter einem bestimmten Winkel den Arm hebt - wie ist dann der Ansatz des Oberarm- im Verhältnis zum Unterarmknochen? Betrachten Sie das. Dann könnte man von da aus den Übergang finden, den menschlichen Organismus künstlerisch zu erfassen. Sehen Sie, wie der Organismus sich verhält bei den künstlerischen Bewegungen.

Dann besprechen Sie den menschlichen Organismus, wie er sich ergibt, wenn man ihn plastisch nachbilden will. Betrachten Sie also den Kopf als eine modifizierte Kugel, die nach unten abgestützt ist; die Brust als einen modifizierten Zylinder. Und die Gliedmaßen? Ja, sehen Sie, die gewinnt man so: Da habe ich den Zylinder in der Hand, sagen wir aus Plastilin, und nun drücke ich hier unten von der Kreisfläche aus. Da drücke ich nach innen. Dann buchtet sich der Zylinder ein und so entstehen schließlich die Beine. Diesen Hohlraum zwischen den Beinen müssen Sie sich so denken, dass die Erdenkräfte sich hineindrängen. So entsteht die menschliche Gestalt.

Eugen Kolisko
Eugen Kolisko

Dann fügen Sie zu dieser plastischen Betrachtung, die Sie natürlich ausbauen müssen, eine musikalische Betrachtung.

Sie finden das näher ausgeführt in meinem Toneurythmie-Kurs, wo ich vom Schlüsselbein ausgehend die einzelnen Knochen betrachtet habe. Die Prim ist hinten am Schlüsselbein und Schulterblattansatz. Sie ist aus dem Astralleib in die Form geschossen. Dann folgen Sekund, große Terz, kleine Terz. Jedes Organ kann man wiederum so behandeln wie die musikalischen Gesetze. Nicht wahr, das Handgelenk zum Beispiel mit seinen vier Knöchelchen ist die Quart. Und die fünf Finger der Hand, das ist die Quint. Die Sext und die Septime liegen schon darüber hinaus, die hat man, wenn man so abstößt mit den Fingern.

Der Mensch ist aber auch sonst aus der Musik herausgestaltet. Darauf kommen Sie, wenn Sie zum Beispiel sehen, wie er links und wie er rechts gestaltet ist. Er ist aufgebaut aus dem Verhältnis zwei zu drei. Links und rechts hat der Mensch das Verhältnis von zwei zu drei in sich. Rechts ist die Lunge nach der Dreizahl, links nach der Zweizahl gebildet. Es ist ein innerlich Musikalisches. Da haben Sie im Verhältnis der Lungenflügel zueinander die Quint. Sie haben 1, 9/8, 5/4, 4/3, 3/2 Töne in der Skala; die Zahlenverhältnisse der Intervalle. Sie haben in 1 die Prim, in 9/8 die Sekund, in 5/4 die Terz, in 4/3 die Quart und in 3/2 die Quint. Der ganze Mensch ist bis an die Oberfläche eine Quint, ist aber auch innerlich danach gebaut. Das geht durch den ganzen Menschen hindurch, dass er eine Quint ist. Dahinein muss die musikalisch-plastische Anthropologie auslaufen.

Wenn Sie das alles durchgesprochen haben, dann müsste man mit dem, was man hier gewinnt, anfangen zu sprechen vom Sprachorganismus, vom Kehlkopf, und das Zustandekommen der Laute plastisch-musikalisch betrachten. Wie die Gaumenlaute beispielsweise gebildet werden, kurz all die verschiedenen Arten von Lauten. Betrachten Sie es gerade von Ihrem Standpunkte anatomisch-plastisch, aber fruchtbar und anregend, nicht fidel-philiströs.

Dann würde fünftens von größtem Vorteil sein, wenn unterrichtet würde Gesang, auch Chorgesänge, und Rezitation.

Sechstens und siebentens kämen allgemeine Pädagogik (Fräulein Dr. Caroline von Heydebrand) und allgemeine Anthroposophie (Herr Dr. Carl Unger), wobei man bei der letzteren immer im Auge haben muss, dass es ohne Anthroposophie keine Eurythmie geben würde. In der Pädagogik könnte man die allgemeinen pädagogischen Grundsätze immer mit Zuspitzung auf die Eurythmie behandeln. Sie müssen beobachten, wie der Menschen in Fluss kommt durch die Eurythmie, wie er sich da fühlt als Gesamtausdruck des Seelischen. Ja, was kommt denn da heraus, wenn man sich wirklich so fühlt als ein Gesamtausdruck des Seelischen? Da kommt gerade die Sprache heraus.

Da haben wir dann für die einzelnen Fächer:

  1. Metrik, Poetik, was dann überläuft in Ästhetik
  2. Takt, Harmonie, Rhythmus
  3. Geometrie
  4. Anthropologie
  5. Gesang und Rezitation
  6. Allgemeine Pädagogik
  7. Allgemeine Anthroposophie

[Dazu sollen noch Ästhetik und Kunstgeschichte eingerichtet werden.]

Eine Möglichkeit sollte wenigstens da sein, die Natur des Gesanges kennenzulernen für die, welche Begabung haben; die sollten Singen und Rezitation treiben. Die, die nicht singen können, sollen wenigstens zuhören. Es ist niemals unnütz, dass man zuhört. Gepflogen werden müsste das schon. Aber wer ist dafür da?

Marie Steiner: Für Gesang käme Fräulein Köhler eventuell in Betracht, aber für Rezitation ist niemand da. In Dornach hätten die Eurythmisten Gelegenheit gehabt, viel zu lernen, aber keiner hat sich Mühe gegeben. Sie plärren lieber. Wenn ich Anleitungen gab für die Rezitation, dann sind die Damen davongestoben. Die Eurythmisten in Dornach haben die Gelegenheit gar nicht ausgenutzt. Andere warten schon lange darauf - sogar die Waldorflehr warten seit zwei Jahren.

Rudolf Steiner: Es kann ja nicht alles mit einem Male eingerichtet werden, weil die Menschen fehlen. - Aber als Ideal soll es hingestellt werden. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass eine geheime Eurythmie in der Sprachbehandlung des Dichterischen liegt.

Marie Steiner bemerkt, dass sie bisher die verschiedensten Erfahrungen gemacht hat. Auch hat man ihr erzählt, dass zum Beispiel Frau Hallbauer bei den Proben zur Schüler-Aufführung der Eurythmieschule so stark gesprochen hat, dass die Eurythmie ganz davon erdrückt wurde. Die Lehrerinnen waren entsetzt darüber und sagten es ihr. Die Erfahrung habe ich: Man spricht entweder zu schwach oder zu stark.

Rudolf Steiner: [Zu Dr. Carl Unger] Noch ein paar Aphorismen zur allgemeinen Anthroposophie. Es kann alles schon auf Eurythmie hingelenkt werden. Man behandelt das, was man als Anthroposophie zu sagen hat: Man nimmt den physischen Leib durch, zeigt, dass durch die Eurythmic eigentlich bis zu einem hohem Grade die Bewegungen des Ätherleibes anstelle des physischen Leibes treten, sodass die eigenen Gesetze des Physischen aufhören, sodass der Ätherleib unmittelbar in der physischen Welt auf dem physischen Plan wirkt, sonst wirkt er hinter dem physischen Plan. Aber das geht dann weiter. Da kann man zeigen: Der physische Leib tritt in den Hintergrund, wird nur mitgezogen, der Ätherleib bewegt sich so, dass er in der physischen Welt ist. Der Astralleib wird das, was der Ätherleib sonst ist, geht in die Ich-Organisation hinüber, sodass wir den Menschen drinnen stehen haben in einer höheren Welt schon. Wird der physische Leib mitgezogen, so kommt er hinaus über die physischen Gesetze. Wenn der Mensch sich im Übermenschlichen bewegt, sind nicht mehr die Gesetze der physischen Welt maßgebend.

Eigentlich müsste man, wenn man der Eurythmie zusieht, die Frage im Herzen tragen: Ja, sind denn das alles Engel? Da müsste im Menschen etwas wie eine Rückerinnerung an die ganze Erdenentwickelung aufsteigen. Denn was hat man da vor sich? In der kosmischen Entwicklung ist es so, dass der Astralleib den Ätherleib bearbeitet. Und bei der Eurythmie? Da ist es umgekehrt. Da steigt der Mensch gewissermaßen auf zu einem engelartigen Dasein, aus dem er im Laufe der Erdenentwicklung während der kosmischen Entwicklung herabgestiegen ist.

So könnte man in der Eurythmie eigentlich aufsteigen fühlen etwas wie ein Rückerinnern. - Das wäre ein Gesichtspunkt, von dem aus Sie die Gliederung des Menschen zugespitzt gerade auf die Eurythmie betrachten könnten. Dadurch würde man den Übergang finden von der Eurythmie in das Allgemein-Anthroposophische.

(Zu Caroline von Heydebrand) /Ihre Aufgabe ist], auseinanderzusetzen, wie der Mensch durch die Eurythmie in Fluss kommt, und dadurch solche Erscheinungen zutage treten, dass der Mensch sich wie ein Gesamtausdruck des Seelischen, wie ein genauer Ausdruck des Seelischen fühlt. Unsere Sprache ist nicht mehr richtig seelisch, sondern sie hat einen Erkenntnis- oder konventionellen Inhalt. Es wäre zu zeigen, dass die Eurythmie in jede Erziehungsetappe eingreifen kann.

Walter Johannes Stein (ragt nach dem Hexameter.

Rudolf Steiner: Es genügt vollständig das Beispiel vom Hexameter. Aber es wird sich mehr darum handeln, überhaupt Metren zu entwickeln. Die Leute haben keine Ahnung von Jambus, Trochäus, Daktylus, Spondeus, Anapäst, zusammengesetzten Metren, Hexameter, Pentameter. Die Leute sollen einfach einen Begriff davon bekommen. Die Leute sollen einfach einen Begriff davon bekommen, aber natürlich auch den Unterschied zwischen vier- und fünffüßigen und so weiter Versmaßen. Dann kommen Reim, Alliteration, Assonanz, Endreim. Dann in der Poetik Lyrik, Lied, Hymnus, Ode; diese Formen überall mit Beispielen belegen. Darauf charakterisieren Epik, Ballade, Romanze bis zum großen Epos. Ferner erklären, was ein Lustspiel, ein Schauspiel, was das Wesen der Tragödie ist. Darüber gibt es sogar einen Aufsatz in «Lucifer-Gnosis». Auch die Exposition des Dramas müsste besprochen werden.

Dann, was der Eurythmie sehr hilft: die Verbindung von Figuren, Formen- und Tropenlehre, also was eine Metapher ist, eine Metonymie. Den Vergleich von Hyperbel, Parabel und so weiter, das müssen die Menschen auch verstehen, davon sollen sie einen Begriff bekommen. Da finden sie dann den Übergang zu dem mehr formalen Sprechen. Es kommt mehr darauf an, dass man den Charakter der Dichtungen bespricht. Wenn man ein Schema gegeben hat von altgermanischer, mittelhochdeutscher und neuhochdeutscher Dichtung, dann reiht man an Vorklassiker, Klassiker, Epigonen, und nimmt nach diesem Kapitel Balladen-Dichter, Romanzen-Dichter und so weiter. Nach solchen Kategorien müsste man vorgehen.

Elly Wilke fragt, wie sie am besten vorgehen kann.

Rudolf Steiner: Nehmen Sie den Klavierauszug von einer Sonate und versuchen Sie sich aufzubauen, wie ein guter Komponist Takt, Harmonie, Melos verwendet. Am besten Sie gehen von Beispielen aus; die heutigen Dinge sind viel zu akustisch. Sie können auch eine Partitur nehmen, wenn Sie sie lesen können. Einfach namentlich auch in der Phrasierung. Versuchen Sie richtige musikalische Interpunktion zu treiben. Noch bis in die Goethezeit hinein schrieb man in die Partitur Punkt, Komma, Semikolon und so weiter, um die Phrasierung herauszuarbeiten. - Hören Sie sich zwei Klavierspieler an, wie sie dasselbe Stück verschieden spielen, da können Sie auch anschaulich machen, worin der Unterschied besteht. Wenn Sie falsch phrasieren, wirkt es unglaublich philisterhaft. Diesen Unterschied hervorheben, zeigen, was auf Phrasierung beruht. Harmonielehre selbst aufbauen. Beispiele suchen, wie die Harmonielehre von irgendeinem Künstler gehandhabt wird. - Bach, Mozart, Beethoven als Komponisten. - Alle Schülerinnen sollten die Improvisation auf dem Klavier erlernen. Es macht doch nichts, dass es etwa achtzig Schülerinnen sind. Fangen Sie an mit dem, was Sie vor sich haben. - Gehen Sie beim Klavierspiel von der Konstruktion des Klaviers aus. Und dann erklären Sie auch die Form der Sonate; wie die Sonate der ganze Mensch ist.

Walter Johannes Stein: Von welchen Büchern für Metrik und Poetik kann ich selbst ausgehen?

Marie Steiner bemerkt, dass es wirklich lebendig Geistvolles gar nicht gibt.

Rudolf Steiner: Wenn Sie da etwas haben wollen, so nehmen Sie den alten Zauper, «Poetik». Es fällt mir nichts anderes ein. Er ist so uralt, dass ich nicht einmal die Jahreszahl sagen kann.

Carl Unger stellt eine Frage über Ordnung des Denkens.

Rudolf Steiner: Das wäre schon etwas gewagter. Es wäre gut, wenn Sie entwickeln würden, wie die ersten Kapitel der «Philosophie der Freiheit» verstanden werden könnten, wenn man ein Eurythmisch-Konsonantisches herausarbeitet. Da, wo die Kapitel übergehen in die moralische Phantasie, kommt man ins Vokalische. Alles hinüberleiten in Eurythmie. Schillers Ästhetik gehört ins Literar-Ästhetische hinein, ist für Eurythmisten ausgezeichnet geeignet.

Ilona von Molnar fragt wegen Anwendung der Eurythmiefiguren.

Rudolf Steiner: Die Eurythmiefiguren sind da, um die eurythmischen Bewegungen daran zu rektifizieren. Die Bewegungen werden nicht unnatürlich, wenn man sie nachmacht. Man muss sie nachmachen, auch mit der Schleierbewegung. Man muss es machen, wie es im Ganzen ist, auch den Schleier in die Lage kriegen; das kann nicht verrenkte Bewegungen geben. Gerade für Ungeschickte ist das außerordentlich gut. Man lasse ein a machen - und macht es der Schüler ungeschickt, kann er gezwiebelt werden durch zehn Stunden hindurch, bis er geschickt ist. Das, was Sie als Fehler machen, ist, dass Sie den Unterricht so schnell geben, wie unter den Krankheiten die galoppierende Schwindsucht verläuft. Sie müssen Unterricht so geben, dass die Bewegung zuletzt in Grazie ausgeführt wird.

Marie Steiner hat noch nicht die Sommerferienkurse für dies Jahr [bedacht], sie fürchtet, dass diese kurzen Kurse die galoppierende Schwindsucht fördern.

Rudolf Steiner: Die Sommerferienkurse hängen davon ab, wie man im Allgemeinen das Prinzip ordnet. Wenn eingeführt wird, dass eine vom Eurythmeum anerkannte Lehrerin eine bestimmte Reife und Vollkommenheit erlangt hat, dann ist jemand, der sich informiert, noch nicht anerkannte Eurythmie-Lehrerin. Die Frage kann erst geordnet werden, wenn anerkannte diplomierte Eurythmie-Lehrerinnen eingeführt sind. Die Dinge können Sie nur einrichten durch eine Bezichung zu sich und Ihrem Unterricht. In dem Augenblick, wo sich der Schüler verpflichtet hat, bis zu einer gewissen Ausbildung keine Stunden zu geben, können Sie sagen von einem, der dies doch zu früh tut: Dies ist ein Wilder.

Marie Steiner bemerkt, dass in den Fällen, wo man hat warten müssen, bis die Lehrerinnen ganz ausgebildet seien, die anderen Systeme zuvorgekommen sind.

Rudolf Steiner: Diese Dinge werden viel zu stark berücksichtigt. Was liegt daran, wenn die Leute zu Dalcroze oder Loheland gehen? Man muss die Eurythmie richtig und ernst betreiben, ebenso die Anthroposophie. Die Sachen sollen sich ausbreiten durch ihre innere Kraft, nicht durch Konkurrenz mit anderen; dann breiten sie sich am allerbesten aus.

Es würde überhaupt viel besser gehen, wenn Sie Diplome einführen für die Leute, die wirklich hier ausgebildet worden sind, wenn Sie die Erklärung geben, dass sie im Sinne der von hier geleiteten Eurythmie anerkannte Lehrerinnen sind. Eine anerkannte Eurythmistin muss alle Fächer und Nebenfächer studiert haben. Das Seminar ist nur für Volksschullehrerinnen der Eurythmie da.

Rudolf Steiner wiederholte auf weitere Einwände:

Man muss anerkannte Eurythmie-Lehrerinnen machen. Lernen einige nur kurze Zeit und geben dann Unterricht, dann sind die Kurpfuscher.

Notizen von Walter Johannes Stein zur Konferenz

Frau Dr. Steiner bat am Anfang der Sitzung Herrn Dr. Steiner, den Vorsitz zu übernehmen. Herr Dr. Steiner sagte: Das Eurythmeum soll die Eurythmie als Kunst pflegen. Ob man sich zum Auftreten auf der Bühne oder zum Lehrer der Eurythmie ausbildet, das sollte in der Ausbildung keinen Unterschied machen, nur muss derjenige, der Lehrer der Eurythmie wird, noch eine besondere Anleitung zum Unterrichten in der Eurythmie erhalten. Daher wird notwendig sein, noch ein besonderes Seminar einzurichten für die Pädagogik der eurythmischen Kunst. So hätte man also zweierlei:

  1. Das Lernen der Eurythmie
  2. Die Ausbildung zum Lehrer der Eurythmie, und dann:
  3. Die Heileurythmie

Auch diese müsse man vorsehen für das Eurythmeum, im gegenwärtigen Augenblick komme eine Einrichtung nach dieser Seite jedoch noch nicht in Betracht. Diese müsste natürlich im Zusammenhang mit dem Medizinischen erfolgen.

Frau Dr. Steiner habe die Anregung gegeben, noch einmal in systematischer Weise das Ganze der Eurythmie in Vorträgen zu behandeln. Dr. Steiner wolle darauf gerne eingehen. Er sagte, er habe vor, in einem Kurs in Dornach das Ganze der Lauteurythmie noch einmal zu geben und er wolle dem dann hinzufügen, was als Gesichtspunkte für das Lehren der Eurythmie in Betracht komme. Herr Dr. Steiner wurde gefragt, ob es möglich sei, dass die Eurythmie Kniekrankheiten erzeugt. Das verneinte Dr. Steiner und sagte, die Eurythmie könne das nicht bewirken. Eine Schädigung des Knies sei gerade ausgeschlossen, wenn man so geht, wie das in der Eurythmie vorgeschen ist, nämlich: Zuerst auf die Zehen auftreten, dann erst auf die Fersen. Macht man es umgekehrt, dann gerade schädigt man das Knie. Es sei daher notwendig, gerade zuallererst Gehen und Springen zu üben, und zwar so, dass man eben nicht mit dem ganzen Fuss auftritt.

Dr. Steiner wird gefragt, ob an den Anfang der Unterrichtsstunde nicht ein einleitender Meditationsspruch gestellt werden könne, ähnlich wie bei den Vorträgen.

Dr. Steiner lehnte das ab mit der Begründung, dass das deshalb nicht in Betracht komme, weil ja diejenigen, welche Eurythmiekurse mitmachen, nicht alle Anthroposophen sind, aber, fügte er hinzu, nachdem er noch abgelehnt hatte den Vorschlag, vor Beginn der Stunde einfach ruhig zu stehen: Nicht ruhig stehen sollte man, sondern einen allgemeinen Rhythmus sollte man voranschicken, und zwar könne man das machen am Anfang der Stunde und am Ende der Stunde. Etwa in der folgenden Weise; Indem man die Laute i, » und a macht und dabei diese Form läuft, die man so anlegen kann, dass sie den Raum umgrenzt, in dem die Eurythmie gemacht wird:

277d-61
277d-61
277d-62
277d-62

Also man läuft diese s-förmigen Formen, die einander übergreifen und begleitet dieses Laufen mit auseinandergelegten Akkorden, oder mit den Lauten i, u, a.

Herr Dr. Steiner sagte weiter: Es wäre sehr schön, wenn man die Baravalle’sche Geometrie fruchtbar machen würde für die Formen, die man schon vom ersten Kurs an den Lauten hinzufügt. Herr Dr. Steiner nahm ein Blatt in die Hand, auf dem eine Zeichnung sich befand von Dr. Baravalle. Er legte sie Dr. Kolisko vor und sagte: Ist das nicht die menschliche Niere? Sehen Sie, in den Konstruktionen von Dr. Baravalle hat man lebendige Organformen vor sich. Das ist gerade, was man für die Eurythmie braucht.

Nun ging Dr. Steiner zu etwas anderem über. Er sagte: Dem Eurythmie-Unterricht muss man anpassen dasjenige, was um diesen Unterricht rundherum getrieben wird. Die Schüler sollen ja wirklich gebildete Menschen werden. Und so kann man sich nicht begnügen, ihnen bloß Eurythmie beizubringen. Wir müssen daher einen Lehrplan ausarbeiten für einen Fachunterricht, der recht mannigfaltig gestaltet werden muss und zwar vielleicht in der folgenden Art. Herr Dr. Steiner wandte sich nun an die anwesenden Persönlichkeiten einzeln und sagte jedem, wie er sich denke, was der Betreffende machen könne. Zunächst wandte er sich an Dr. Stein und sagte: Für das Gebiet, über das Sie zu sprechen haben würden, käme in Betracht zunächst eine vollständige Metrik und Poetik zu geben, und zwar im Zusammenhang von ausgewählten Dichtern. Es müssten aber auch behandelt werden die Gesetze des dichterischen Aufbaues. Ein solcher Unterricht sollte dann auslaufen in einen wirklich vollständigen Unterricht in der Ästhetik aller Künste. Alle Künste müssten umfasst werden. Als Leitlinien für diesen Unterricht könnte ja benutzt werden Schillers Ästhetik und dasjenige, was von mir (Dr. Steiner) anknüpfend daran gesagt worden ist.

Auf die Frage, welches Buch zugrunde gelegt werden könnte, antwortete Dr. Steiner: Die Bücher seien nicht sehr verschieden, einen ganz guten Überblick könne man gewinnen aus den Büchlein, die Zauper geschrieben habe. Der lebte zu Goethes Zeit. Auf die Frage Dr. Steins, was da alles in Betracht käme, antwortete Dr. Steiner: Die verschiedenen Arten von Versmaßen, Jambus, Trochäus usw. Hexameter. Aber natürlich auch der Unterschied zwischen vierfüßigen und fünffüßigen usw. jambischem Versmaßen. Dann müsste man den Reim besprechen, eben alle Arten von Reimen, den Endreim, die Assonanz, die Alliteration. Dann in der Poetik besprechen, was die Lyrik ist, was ein Lied ist, ein Hymnus, eine Ode. Nun das alles an Beispielen eben entwickeln. Dann wiederum das Epische charakterisieren, die Ballade, die Romanze und dann das Drama. Da wiederum erklären, was ein Lustspiel ist, was ein Schauspiel ist, was das Wesen der Tragödie ist. Darüber gibt es ja sogar einen Aufsatz in «Luzifer-Gnosis» (Heft Nr. 16. Septbr. 1904; dieser Aufsatz, der gezeichnet ist Dr. K. Tinter, stammt von Dr. Rudolf Steiner). Auch die Exposition des Dramas müsste besprochen werden. Ferner ist notwendig die ganze Lehre von den Figuren und Tropen, also was eine Metapher ist, eine Metonymie, was ein Vergleich ist, eine Hyperbel, eine Parabel usw. Das Literarische sollte also vom Gesichtspunkt des Formalen besprochen werden. Aber nicht nur dieses ist notwendig, sondern auch ein Betrachten der Literatur nach Zeitepochen. Da sollte ein Überblick gegeben werden, in der Weise: älteste, mittelalterliche Literatur, Vorklassiker, Klassiker, Epigonen. In diese historische Besprechung sollte man Beispiele einreihen, Gedichte, Balladen usw.

Zu Frl. Wilke sprach Dr. Steiner über Musik. Da müsste man alles besprechen über Takt, Harmonie, Rhythmus, Melos, Phrasierung. Zur Demonstration der Phrasierung sollte man zwei Klavierspieler haben, und die Harmonielehre sollte man auffassen als eine Interpretation des Klaviers. Dann müsse man natürlich den Kontrapunkt besprechen. Dies alles auch mit Hilfe des Gesanges und zwar sowohl ein- als auch mehrstimmig.

Zu Dr. Baravalle sagte Dr. Steiner: Die Geometrie sollte ihre Gipfelung finden in Raumformen und deren innerer Gesetzmäßigkeit. Diese Raumformen sollten Anwendung finden auf den menschlichen Organismus. Damit ist z.B. gemeint, dass Sie herausarbeiten könnten eine Geometrie der Stellungen des menschlichen Körpers. Also die Stellungen studieren und auch wiederum die Bewegungen in den Stellungen. Eine sehr schöne Anregung werden Sie finden, wenn Sie daraufhin Raffaels «Sposalizio» sich anschauen. Studieren Sie die Gruppierung der Gestalten im Raume auf diesem Bilde und die Variierung der Figuren im Einzelnen. Aus jeder Armstellung z.B. kann man da Unendliches lernen. Eine solche Betrachtung führt naturgemäß wiederum zur Ästhetik hin. Aber sie führt auch zum Verständnis des menschlichen Organismus.

Studieren Sie den menschlichen Körper nach seinen Proportionen, z.B. nach dem goldenen Schnitt, und sind Sie auch aufmerksam auf solche Sachen wie z.B. auf dieses, dass in der menschlichen Gestalt das Pentagramm eingeschrieben ist, eine Spitze im Haupt, zwei in den Armen, zwei in den Beinen. Aber nun studieren Sie, wie z.B. die Arme, wenn man sie bewegt, Kreise beschreiben, und wie wiederum die menschliche Gestalt durch verschiedene geometrische Figuren umrahmt werden kann, je nach der Armstellung. Halten Sie die Arme waagrecht, so können Sie dem Menschen ein Quadrat umschreiben. Strecken Sie die Arme aufwärts, also nach oben schief aufwärts, sodass Sie die Arme auseinanderhalten, dann können Sie der menschlichen Gestalt einen Kreis umschreiben. Wenn Sie wiederum die Arme abwärts halten, also unter die Horizontale führen, sodass sie schief auswärts weisen, dann können Sie die menschliche Gestalt durch ein Pentagramm umschließen. Auf diese Dinge ist Cornelius Agrippa von Nettesheim aufmerksam gewesen, und Sie werden viel Anregung finden, wenn Sie sich in die Figuren vertiefen, die er seinen Büchern beigefügt hat.

Zu Herrn Dr. Kolisko gewendet, sagte Herr Dr. Steiner: Ihre Aufgabe wird es sein, Anthropologie vorzutragen, und zwar so, dass Sie sowohl vom Plastischen als auch vom musikalischen Gesichtspunkt aus die menschliche Gestalt zu erfassen streben. Gehen Sie ein bei Ihrem Anthropologieunterricht auf die Form und auf die Bewegungsmöglichkeit der einzelnen Organe. Also fragen Sie sich z.B.: Wo sitzt das menschliche Herz? Wie wird die Lunge verändert beim Raschatmen. Studieren Sie das ganze Dynamisch-Mechanische des Menschen, also wie die Knochen und die Muskeln liegen bei ganz bestimmten Bewegungen. Also sagen wir z.B., wenn man den Arm rechtwinklig biegt, sodass Oberarm und Unterarm einen rechten Winkel bilden oder wenn Sie einen stumpfen Winkel bilden, das betrachten Sie, und von da gehen Sie über in das Künstlerische. Sehen Sie, wie der Organismus sich verhält bei den künstlerischen Bewegungen. Dann besprechen Sie aber auch den menschlichen Organismus so, wie er sich ergibt, wenn man ihn plastisch nachbilden will. Also betrachten Sie den Kopf als eine modifizierte Kugel, die Brust als einen modifizierten Zylinder, und die Gliedmaßen, ja sehen Sie, die gewinnt man so: Da habe ich den Zylinder in der Hand, sagen wir aus Plastilin und nun drücke ich hier von der Kreisfläche aus, da drücke ich nach innen, da buchtet sich der Zylinder ein, und da entstehen schließlich die Beine. Dieser Hohlraum zwischen den Beinen, da müssen Sie sich denken, dass die Erdenkräfte sich hineindrängen, so entsteht die menschliche Gestalt. Und dann fügen Sie dazu zu dieser plastischen Betrachtung, die Sie natürlich ausbauen müssen, eine musikalische Betrachtung, so wie ich sie angegeben habe in meinem Toneurythmiekurs, wo ich ja betrachtet habe vom Schlüsselbein ausgehend die einzelnen Knochen als Prim, Sekund, große Terz, kleine Terz. Das drückt sich da alles aus. Nicht wahr, das Handgelenk z.B. mit seinen vier Knöchelchen, das ist die Quart, und die fünf Finger der Hand das ist die Quint. Und die Sext und Septime, ja, die liegt schon darüber hinaus, die hat man, wenn man so abstößt mit den Fingern. Aber der Mensch ist auch sonst aus der Musik herausgestaltet, darauf kommen Sie, wenn Sie zum Beispiel sehen, wie der Mensch links und wie er rechts gestaltet ist. Also schreiben wir mal die Reihe auf:

1 Prim
9/8 Sekund
5/4 Terz
4/3 Quart
3/2 Quint

Da haben Sie bei der Quint 3/2, und jetzt sehen Sie sich die Lunge daraufhin an, da werden Sie sehen: Rechts ist die Lunge nach der Dreizahl gebildet, links nach der Zweizahl. Da haben Sie im Verhältnis der Lungenflügel zueinander die Quint. Ja, der ganze Mensch, der ist so herausgebaut aus der Musik. Überall sind es musikalische Verhältnisse, und der ganze Mensch - was ist denn der? Der ganze Mensch bis an die Oberfläche hin - das ist eine Quint. Das kommt an den fünf Fingern nur zur Erscheinung an einer Stelle, aber der ganze Mensch in seiner Oberflächenumgrenzung ist eine Quint.

Wenn Sie das alles durchgenommen haben, dann sprechen Sie vom Sprachorganismus, vom Kehlkopf. Betrachten Sie da, z.B. sagen wir, wie Gaumenlaute gebildet werden, kurz, all die verschiedenen Arten von Lauten. Aber betrachten Sie es gerade von Ihrem Standpunkte, vom Standpunkt des Plastisch-Anatomischen.

Hier müsste sich in das Ganze natürlich einfügen ein wirklicher Gesangsunterricht und auch ein wirklicher Unterricht in der Rezitation. Es wäre schon schön, wenn man allmählich so etwas einrichten könnte, wie einen wirklichen Gesangsunterricht, z.B. auch Chorgesänge.

Zu Frl. Dr. von Heydebrand gewendet, sagte Dr. Steiner: Ihre Aufgabe wird es sein, eine allgemeine Pädagogik zu pflegen, aber natürlich hier in diesem Rahmen mit besonderer Zuspitzung auf die Eurythmie. Sie müssen beobachten, wie der Mensch in Fluss kommt durch die Eurythmie, wie er sich da fühlt als Gesamtausdruck des Seelischen. Ja, was kommt denn da heraus, wenn man sich so fühlt wirklich als ein Gesamtausdruck des Seelischen? Da kommt gerade die menschliche Sprache heraus!

Zu Dr. Unger gewendet sagte Dr. Steiner: Sie sollten sprechen über allgemeine Anthroposophie. Da sollten Sie den physischen Leib betrachten, wie er wird gerade durch die Eurythmie. Sie sollten sich sagen: Ja, was ist denn das bei der Eurythmie, da ist der physische Leib ja gar nicht da als ein selbstständiger Leib, da tritt ja der Ätherleib an die Stelle des physischen Leibes, sodass der physische Leib nur mitgeschleppt wird vom Ätherleib. Der Ätherleib, der ist es eigentlich, der sich da bewegt in der physischen Welt. Und der Astralleib, der wird wiederum wie der Ätherleib. Die gleichen sich an aneinander. Und so steht der Mensch, der Eurythmie macht, eigentlich gar nicht in der physischen Welt, er steht (ist) in einer höheren Welt. Der Mensch wächst da hinein in ein Übermenschliches. Und eigentlich müsste man, wenn man der Eurythmie zusieht, die Frage im Herzen tragen: Ja sind denn das alles Engel? Da müsste im Menschen etwas aufsteigen wie eine Rückerinnerung an die ganze Erdentwicklung. Denn was hat man da vor sich? In der kosmischen Entwicklung, da ist es so, dass der Astralleib den Ätherleib bearbeitet. Der Astralleib bearbeitet den Ätherleib in der Erdentwicklung. Und bei der Eurythmie? Ja, da ist es umgekehrt. Da steigt der Mensch gewissermaßen auf zu einem engelartigen Dasein, aus dem er im Laufe der Erdenentwicklung, der kosmischen Entwicklung herabgestiegen ist. Und so könnte man in der Eurythmie, indem man sie betrachtet, aufsteigen fühlen so etwas wie eine Erinnerung an das kosmische Werden der Welt. sehen Sie, das wäre ein Gesichtspunkt, von dem aus Sie die Gliederung des Menschen - zugespitzt gerade auf die Eurythmie betrachten könnten. Dadurch würde man den Übergang finden von der Eurythmie in das allgemein Anthroposophische.

Herr Dr. Unger stellte dann noch einige Fragen. Sie bezogen sich auf die «Philosophie der Freiheit». Dr. Steiner antwortete: O ja, auch an die Philosophie der Freiheit könnte man sehr schön anknüpfen vom eurythmischen Gesichtspunkt. Denn sehen Sie, wenn Sie das erste Kapitel der «Philosophie der Freiheit» lesen, da werden Sie sehen, da kommt es auf die Konsonanten an. Wenn Sie aber das Kapitel vornehmen über die moralische Phantasie, da kommt es wiederum auf die Vokale an. So ließe sich schon auch die «Philosophie der Freiheit» vom Gesichtspunkt der Eurythmie betrachten.

Auf die Frage, wie man mit den Eurythmiefiguren arbeiten solle, sagte Dr. Steiner: Mit den Eurythmiefiguren sollte man so verfahren, dass man sie nur beim Üben verwendet, wenn man auch den Schleier mitverwendet. Denn darauf kommt es gerade an, dass man den Schleier wirklich in die Lage bringt, die er haben soll. Also z.B. beim a.

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