Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 18.-24. Januar 1888

Obwohl sich die allgemeine Lage in keinem wesentlichen Umstand geändert und noch kein Staat von seinen Rüstungen etwas zurückgenommen hat, scheint sich die ruhigere und hoffnungsvollere Stimmung befestigen zu wollen, die seit einiger Zeit eingetreten ist. Mancherlei private und amtliche Äußerungen hochgestellter Persönlichkeiten tragen dazu bei, wenigstens die schlimmsten Befürchtungen zu beseitigen. Fürst Bismarck soll bei einem Diner zu einem Miteigentümer der «Norddeutschen Allgemeinen Zeitung», Herrn v. Ohlendorff, bemerkt haben, nach seiner innersten Überzeugung werde Deutschland in den nächsten drei Jahren keinen Krieg haben. Und Kaiser Wilhelm streifte beim Empfange der Präsidenten des Preußischen Landtages die äußere Politik mit den Worten, daß er hoffe, daß der Friede erhalten bleiben werde. Derartige Bemerkungen wirken für den Augenblick immer beruhigend; man kann das am deutlichsten an den Börsen beobachten. Leider gelten sie oft auch nur für kurze Zeit, und Tatsachen vermögen die gründlichsten Überzeugungen zunichte zu machen. Man muß es schon als einen Gewinn betrachten, wenn sich die Aussichten nicht geradezu verschlechtern, und dies ist, wenn man der Stille in der äußeren Politik trauen darf, allerdings nicht der Fall. Zwischen Rußland und Österreich ist das Verhältnis das alte geblieben, und es wird noch geraume Weile brauchen, ehe auf diesem Gebiete eine nachhaltigere Klärung eintritt. Die deutsch-französischen Beziehungen dagegen leiden dermalen nicht mehr so stark unter der Nervosität der öffentlichen Meinung, wie sie bei dem Zwischenfalle Schnaebele zutage trat. Es wird das durch die Gleichgültigkeit bewiesen, mit welcher ein neuer unangenehmer Vorfall an der deutschfranzösischen Grenze von beiden Seiten behandelt wird. Ein Franzose jagte in dem Grenzgebiete und wurde nach französischer Darstellung von einem deutschen Zollwächter überfallen, zu Boden geworfen und seines Gewehres beraubt. Daß Paris darüber nicht sofort in Entrüstung geriet, ist ein -erfreuliches Zeichen, daß man auch dort zu Zeiten solche Ereignisse nicht mehr allein aus dem Gesichtswinkel nationaler Leidenschaft betrachtet, sondern Besonnenheit genug besitzt, nicht für jede Handlung eines untergeordneten Beamten die deutsche Reichsregierung verantwortlich zu machen.

In den meisten Staaten ist die Woche ziemlich ruhig vorübergegangen. Die Parlamente widmen ihre Tätigkeit der Erledigung der laufenden Angelegenheiten. Nun versammelt sich auch der Österreichische Reichsrat wieder, der sich vielleicht bald mit der konfessionellen Schule zu befassen haben wird, und der auch noch den Staatsvoranschlag durchzuberaten hat. Es sind nicht die besten politischen und nationalen Auspizien, unter denen das österreichische Parlament seine Arbeiten wieder aufnimmt; die Ausgleichsverhandlungen zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen sind gescheitert, und daß dergestalt die wichtige böhmische Frage weiter von ihrer Lösung entfernt ist denn je, drückt den Zuständen in Österreich überhaupt seinen Stempel auf. Am 22. Januar beriet das Exekutiv-Komitee der deutschböhmischen Landtags-Abgeordneten in Prag über die letzten Vorschläge des Fürsten Lobkowitz und beschloß, auf die Wahl von Delegierten zu weiteren Verhandlungen nicht einzugehen. Dr. Schmeykal erhielt den Auftrag, diesen Beschluß dem Oberst-Landmarschall mitzuteilen. Damit ist die «Versöhnung» in die Brüche gegangen. Über den Inhalt der Unterhandlungen, die vom Fürsten Lobkowitz mit den Deutschen geführt wurden, gibt ein Briefwechsel näheren Aufschluß, der zwischen Lobkowitz und Dr. Schmeykal stattgefunden. Die Briefe wurden soeben veröffentlicht, und es geht aus ihnen hervor, daß die tschechischen Parteien gar nicht daran dachten, die Forderungen der Deutschen zu erfüllen. Was die Tschechen an Zugeständnissen boten, enthielt nicht die Hälfte von dem, was die Deutschen verlangten, und namentlich lehnten sie es ab, auf die deutschen Landtagsanträge einzugehen, welche die Aufhebung der Sprachenverordnungen und die vollständige nationale Zweiteilung des Landes zum Gegenstande hatten. So blieb den Deutschen nichts übrig als zurückzutreten. Das letzte Schreiben Dr. Schmeykals an den Fürsten Lobkowitz schließt mit folgenden Sätzen: «In der uns übergebenen Zuschrift vom 5. Januar d.J. wird uns mitgeteilt, daß die Vertreter der beiden anderen Landtagsklubs außerstande seien, die von uns gewünschte prinzipielle Zustimmung zu unseren Landtagsanträgen auszusprechen, und daß ihnen auch die in unserem Schreiben vom ı9. Dezember 1887 enthaltenen Gegenvorschläge nicht alle so geartet erscheinen, daß man die Annahme derselben nach unseren Wünschen bei der in Aussicht genommenen Konferenz erwarten könnte. So lebhaft unser Wunsch ist, zu einer Verständigung über die Bedingungen unseres Wiedereintritts in den Landtag zu gelangen, welche eine friedliche Gestaltung der Verhältnisse im Lande versprechen, so aufrichtig ist nun auch unser Bedauern, gegenüber jener Stellungnahme der Vertreter der Landtagsmehrheit, im Zusammenhange mit unseren früher mitgeteilten Beschlüssen und den hier vorausgeschickten Ausführungen, die offene Erklärung abgeben zu müssen, daß wir in die vom Herrn Oberst-Landmarschall vorgeschlagene Konferenz nicht einzugehen und daher auch der an uns ergangenen Einladung zur Wahl unserer Vertreter für jene Konferenz nicht zu folgen vermögen. Es möge uns gestattet sein, an diese Erklärung die Versicherung zu reihen, daß wir bei der von der anderen Seite so oft betonten Bereitwilligkeit, den Weg der Verständigung mit uns zu betreten, nicht erwartet hätten, jedes grundsätzlichen Entgegenkommens der Landtagsmehrheit entbehren zu müssen und ihr Zugeständnis auf eine formale Zulassung beschränkt zu sehen, welche wohl eine Beratung unserer Vorschläge gestattet, uns aber nicht die mindeste sachliche Befriedigung gewährt. Erwägen wir alle einer grundsätzlichen Annahme unserer Vorschläge entgegentretenden Schwierigkeiten, so können wir den Grund derselben doch nur in staatsrechtlichen Auffassungen finden, welchen wir zu folgen allerdings außerstande sind. Indem wir die Erklärung unserer Bereitwilligkeit wiederholen, unter den von uns im Zuge des bisherigen einleitenden Verkehrs entwickelten Voraussetzungen auf Verhandlungen über die Bedingungen unseres Wiedereintritts in den Landtag einzugehen, schließen wir mit dem aufrichtigen Ausdrucke des Dankes für die bestgemeinten Absichten $r. Durchlaucht des Herrn Oberst-Landmarschalls.»

German original of Essays from “Deutsche Wochenschrift” · ← Previous · Next →