Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 22.-28. März 1888

Die Stellvertretung, welche Kaiser Friedrich seinem Sohne, dem Kronprinzen Wilhelm, übertragen, ist keineswegs eine vollständige und dient, wie ausdrücklich hervorgehoben, nur zur Einführung des Thronerben in die Regierungsgeschäfte, während der Kaiser sich alle wichtigen Entscheidungen vorbehält. Tatsächlich wohnt Kaiser Friedrich, obgleich über seinen Gesundheitszustand noch immer widerspruchsvolle Nachrichten im Laufe sind, dem Ministerrat bei, empfängt häufig den Reichskanzler und arbeitet unausgesetzt mit dem Zivil- und Militärkabinett. In der deutschen Politik ist eine Änderung nicht eingetreten, und wenn russische Blätter sich in dem Wahn wiegen, daß das Deutsche Reich unter dem jetzigen Kaiser sich mehr von Österreich-Ungarn entfernen und wieder an Rußland anlehnen werde, so beweisen sie damit nur, daß ihnen die tatsächliche Wesenheit und Bedeutung des deutsch-österreichischen Bundes eigentlich gar nicht zu rechtem Bewußtsein gekommen ist. Inzwischen sind die Spezialgesandten des neuen deutschen Kaisers, welche den verschiedenen Staatsoberhäuptern dessen Thronbesteigung angezeigt haben, an ihren Bestimmungsorten eingetroffen und haben sich teilweise schon ihres Auftrages entledigt. Das Österreichische Abgeordnetenhaus benutzte die letzten Sitzungen vor den Osterferien zu einer großen Debatte anläßlich des Berichtes der Staatsschulden-Kommission, der erst eineinhalb Jahre nach seiner Fertigstellung dem Hause vorgelegt wurde. Diese Kommission, in welcher es seinerzeit zu einem scharfen Zwiespalt zwischen den Mitgliedern der Rechten und Linken gekommen, hat es mit ihrer Würde vereinbar gefunden, einen doppelten, sich direkt widersprechenden Beschluß zu fassen. Der ursprünglich votierte Tadel gegen die Regierung wurde später wieder unterdrückt. Die ungarischen Minister Tisza und Fejervary trafen in Wien ein und haben während eines kurzen Aufenthaltes an einigen Beratungen des gemeinsamen Ministerrats unter dem Vorsitze des Kaisers teilgenommen, in denen die etwaigen Vorlagen für die Delegationen in Beratung gezogen sein sollen. Näheres und Bestimmteres verlautet jedoch nicht. Die Reichshauptstadt Wien wandte auch in der abgelaufenen Woche ihre Aufmerksamkeit vorzugsweise den Ergänzungswahlen für den Gemeinderat zu; im zweiten Wahlkörper siegten bei sehr lebhafter Wahlbewegung in mehreren Bezirken die antisemitischen Kandidaten, während im ersten Wahlkörper überall die Kandidaten des liberalen Wahlkomitees durchdrangen.

In Frankreich gehörte die Woche wieder dem General Boulanger. Seine Anhänger haben ihn bei verschiedenen Neuwahlen für die Kammer aufgestellt, und tatsächlich sind viele Tausende von Stimmen auf ihn entfallen. Aus einer Stichwahl in Laon dürfte er als Sieger hervorgehen, und die militärische Untersuchungs-Kommission, welche über seine zahlreichen Verstöße gegen die Disziplin abzuurteilen hatte, ermöglichte es ihm, mit großer Beschleunigung seinen etwaigen Sitz einzunehmen, indem sie ihn seiner Stellung enthob und strafweise pensionierte. In Marseille wurde der alte Kommunist Felix Pyat gewählt.

Die orientalische Frage, als deren äußere Erscheinung heute noch immer die bulgarische im Vordergrunde steht, hat irgendeinen Schritt nach vorwärts nicht gemacht. Stambulow hat nunmehr endgültig von der Beantwortung der Note des Großwesirs Abstand genommen, und Bulgarien ist nach wie vor vollkommen ruhig. Freilich bleibt die Regierung sorgsam auf ihrer Hut, da das vollständige Schweigen Rußlands in unterrichteten Kreisen so gedeutet wird, als wolle es im geheimen einen plötzlichen Schlag vorbereiten. Die Herzogin Clementine, die Mutter des Fürsten Ferdinand, hat Bulgarien nach mehrmonatlichem Aufenthalte verlassen und sich über München und Paris nach Cannes begeben. Von dort will sie, wie es heißt, nach einigen Wochen zu ihrem Sohne nach Sofia zurückkehren.

Sehr unliebsame Dinge haben sich inzwischen in Bukarest ereignet. Die ultrakonservative Opposition gegen Bratianu, unter der Führung des Abgeordneten Catargin, drang in das königliche Palais mit einem Volkshaufen ein und verlangte stürmisch eine Audienz beim König, welcher eben erst mit seiner Gemahlin von den Leichenfeierlichkeiten in Berlin und einem zweitägigen Besuche in Wien in seine Hauptstadt zurückgekehrt war. Die Polizei mußte in Anspruch genommen werden, um die Lärmmacher aus dem Schlosse zu entfernen. Am nächsten Tage drangen die Oppositionellen gegen die Kammer vor; es kam zu Blutvergießen, und die Regierung sah sich genötigt, Militär zu Hilfe zu rufen, welches die Tumultuanten verdrängte. Es läßt sich der Ausgang dieser wiederholten Unruhen noch nicht absehen. Die besseren Elemente Rumäniens mit der Hauptstadt scheinen jedoch treu zu Bratianu zu halten.

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