Aufsätze aus «Deutsche Wochenschrift»

Die Woche, 29. März-4. April 1888

Die Staatsmänner an der Seine und ihre östlichen Stiefbrüder an der Dimbowitza haben uns politische Ostern gebracht. Hüben wie drüben stürmische Szenen in der Volksvertretung, Sturz der Regierung und die Neubildung von Ministerien. Das Ministerium Tirard, das erste, das der neue Präsident Carnot berufen, ist nach etwa drei- bis viermonatlicher Tätigkeit, welche keineswegs eine bedeutungslose genannt werden kann - fällt doch in dieselbe die militärische Maßregelung des disziplinlosen Generals Boulanger -, gestürzt worden, weil es, man darf sagen, ohne eigentlichen Grund sich darauf versteift hatte, die Frage einer etwaigen Verfassungsrevision nicht zur Diskussion zuzulassen. Die französische Verfassung, welche seinerzeit nur mit der winzigsten Mehrheit von einer Stimme zustande gekommen, ist tatsächlich in mehr als einer Beziehung revisionsbedürftig; eine solche mit staatsmännischer Mäßigung vorgenommen, bedroht auch keineswegs die Ruhe und Ordnung, welcher Ansicht sich die sogenannten Opportunisten unter Ferry und die ehrlichen Republikaner unter Brisson hingegeben zu haben scheinen. Die Rechte und die Radikalen verbanden sich gegen Tirard, welcher, froh der Bürde ledig zu sein, sofort seine Entlassung bei dem Präsidenten einreichte. Carnot berief den einzigen Mann der Lage, Floquet, den Präsidenten der Kammer, welcher zugleich als der Führer der. gemäßigten Radikalen gilt, für die er ungefähr das ist, was Gambetta seinerzeit den Opportunisten war. Mit bemerkenswerter Raschheit hat Floquet ein rein radikales Kabinett gebildet; in demselben hat Herr von Freycinet das Portefeuille des Krieges inne, der gewandte Goblet, selbst einmal schon Ministerpräsident, das Auswärtige. Die Besetzung des Kriegsministeriums durch einen Zivilisten ist ein kühn radikales Wagestück Floquets, der selbst das Innere übernimmt; die Zukunft muß lehren, ob es gelingt; man hat guten Grund, daran zu zweifeln. Floquet hat dann in der Kammer sein Programm, das man ein gemäßigt radikales nennen darf, unter dem Schweigen der Rechten und Opportunisten und unter stellenweise überlautem Beifall der Linken entwickelt. Es wird an der Zeit sein, dasselbe einer genaueren Erwägung zu unterziehen, falls dem Ministerpräsidenten Zeit bleibt, dasselbe praktisch durchzuführen. Die Tatsache, daß bei der ersten Neuwahl des Kammerpräsidenten die meisten Stimmen sich auf Clemenceau vereinigten, scheint anzudeuten, daß nach einem Ministerium Floquet nach einigen Wandlungen immer noch ein Kabinett Clemenceau möglich sei; man ist nur einigermaßen darüber im Zweifel, ob man schon jetzt das grand ministere radical vor sich hat, oder ob uns dies erst der in einigen Beziehungen mit Wien stehende Doktor von Montmartre bringen wird.

In Bukarest ging es nicht minder stürmisch zu wie in Paris. Bratianu, anfangs in der Gunst der übergroßen Mehrheit des Volkes wie des Königs, und somit der bleibenden Ministerpräsidentschaft anscheinend vollkommen sicher, hat nun doch endgültig sich zurückgezogen und einem Ministetium der Jungkonservativen, die sich auch Junimisten nennen, Platz gemacht. Der König übertrug zwar die Kabinettsbildung und das Präsidium an Rosetti, jedoch gilt allgemein der frühere rumänische Gesandte in Wien, Carp, der das Ministerium des Äußern erhielt, als die Seele des Kabinetts. Wenngleich allgemein versichert wird, daß Rumänien unter König Carol sich niemals in seiner äußeren Politik von der der mitteleuropäischen Kaisermächte entfernen werde, so haben doch die letzten Unruhen in Bukarest, bei denen der böse russische Einfluß ziemlich durchsichtig ist, soviel Überraschendes gebracht, daß es gefährlich ist, irgendeine feste Ansicht über die wahrscheinliche Entwicklung der Dinge in Rumänien auszusprechen. Sollte, wie von mancher Seite befürchtet wird, durch russischen Einfluß eine revolutionäre Bewegung gegen das Königtum der Hohenzollern ausbrechen, so würde man diese wohl als den ersten und ernstesten Vorboten eines großen Krieges anzusehen haben.

Unsere wirtschaftlichen und finanziellen Kreise lassen sich inzwischen von diesen politischen Sorgen nicht bedrücken, sie bauen auf die Friedensära unter Kaiser Friedrich III. Die letzten Nachrichten über das Befinden des teuren Kranken lauten sehr widerspruchsvoll; während sein zweimaliger Besuch in Berlin meistens optimistisch gedeutet wird, kommen von gemeiniglich gut unterrichteter Seite leider wieder sehr ernste Meldungen. Zum Osterangebinde für das preußische Volk hat der König eine Amnestie erlassen, welche zwar eine erhebliche Ausdehnung hat, jedoch die vielfach gehoffte Anwendung auf alle infolge des Sozialistengesetzes Bestraften nicht enthält. Am r. April feierte der deutsche Staatskanzler Fürst Bismarck seinen Geburtstag; bei dem Diner, welches er gab, brachte Kronprinz Wilhelm ihm seinen Trinkspruch als dem Bannerträger des Reiches. Rudolf von Bennigsen, der Führer der Nationalliberalen, erhielt durch die Verleihung des Roten Adlerordens erster Klasse eine hohe Auszeichnung, die wie den verdienten Empfänger so die von ihm geführte Partei besonders ehrt und als eine bemerkenswerte Kundgebung des Kaisers angesehen werden muß.

Die eingeleiteten ‚Verhandlungen über einen Ausgleich zwischen Rußland und der Kurie dauern fort. — In Dänemark hat sich das Parlament vertagt; in Serbien hat die neue radikale Skuptschina ihre Tätigkeit begonnen.

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