Anthroposophical Medical Theory and Human Knowledge
GA 319 — 2 October 1923, Vienna
Vierter Vortrag
Das Gebiet, über das heute abend gesprochen werden soll, ist ein sehr weites und bedarf auch einer sehr ausführlichen Grundlegung. Es ist natürlich außerordentlich schwierig, an irgendeinem Punkt anzufangen, deswegen gestatten Sie mir, wenigstens einleitungsweise mit einigen Worten darauf hinzudeuten, wie Anthroposophie zu den Erkenntnisproblemen, zu der ganzen Seelenverfassung des gegenwärtigen Menschen steht.
Es ist ja namentlich im Laufe des 19. Jahrhunderts dasjenige im vollsten Maße eingetreten, was schon im Grunde genommen seit dem 15., 16. Jahrhundert vorbereitet war, und das in bezug auf die Entwickelung der Erkenntnisprobleme und desjenigen, was sich dann praktisch an die Erkenntnisprobleme anschließt, maßgebend geworden ist: die exakte hinaufgeführte Beobachtung und das Experiment, und auf der anderen Seite der Intellekt, die sich daran anschließende Schlußfolgerung. Es ist heute ja so, daß demjenigen, der auf irgendeinem Gebiete eine wissenschaftliche Bildung durchgemacht hat, kein Zweifel aufsteigt, daß man, um zu einem wissenschaftlichen Resultat zu kommen, experimentieren und denken muß, ja, daß er nicht einmal in seinen Horizont die Anschauung hineinbekommt, daß es auch anders sein könnte. Insbesondere kommen solche Anschauungen nicht in die Spezialgebiete hinein. In dieser Beziehung schreckt man davor zurück, gerade zu denjenigen, die auf irgendeinem Gebiete geschult sind, von den Konsequenzen der anthroposophischen Forschung für diese Gebiete zu sprechen. Wenn man auch einerseits sagen müßte: In die anthroposophische Forschung, die ich meine, sollte nur derjenige eindringen, der sich wissenschaftliche Methodik angeeignet hat -, so muß man andererseits doch sagen, daß sich einige für die Spezialgebiete so paradoxe Resultate in bezug auf die Forschung ergeben, daß man in bezug auf diese Spezialgebiete lieber heute noch schweigt, als davon spricht. Und wenn ich davon spreche, so tue ich es in der Überzeugung, daß Sie alle hierher gekommen sind, nicht um etwas zu hören, was Sie überzeugt, was aber wenigstens wissenschaftlich ernstgenommen werden kann.
Anthroposophie will eine wissenschaftliche Forschung sein, aber sie will nicht stehenbleiben bei jener Seelenverfassung, die gespeist wird von dem äußeren Experiment und dem Intellekt, sondern sie sucht ihre Erkenntnisse dadurch zu gewinnen, daß sie die menschlichen Seelenkräfte entwickelt in dem Vertrauen, wie man als kleines Kind unentwickelte Kräfte hat, die sich entwickeln zum Vollmenschen, daß es ebenso möglich ist, wenn man in die heutige wissenschaftliche Bildung hineingelangt ist, durch eine besondere Entwickelung der Seelenkräfte weiterzukommen. Die wichtigste Kraft ist die Gedächtniskraft, die Erinnerungskraft.
Die Erinnerungskraft ergibt sich ja als etwas, wovon schon einzelne vorurteilslose Philosophen der Gegenwart sagen, daß sie auf Geistiges im Menschen hinweist. Nun kommt es bei der Entwickelung der Seelenkräfte darauf an, daß man ein Ergebnis vor die Seele stellt, das nicht mehr da ist. Man ruft also aus den Tiefen der Seele etwas herauf, was sich nicht mehr auf etwas unmittelbar Gegenwärtiges bezieht, was aber doch in seiner ganzen inneren Konstitution nicht eine unbestimmte, sondern eine ganz bestimmte Relation zu einer Realität hat. Die Frage entsteht: Ist es möglich, das, was in der Erinnerung wirkt, weiterzuentwickeln, wie die Gehirnstruktur in den ersten Lebensjahren des Menschen entwickelt wird, so daß sie nicht nur innerlich seelische Gebilde schafft, welche durch ihre eigene Struktur auf etwas schon Dagewesenes deuten, sondern die auf etwas deuten, was nicht nur menschliche Vergangenheit darstellt, sondern außermenschliche irdische Vergangenheit darstellt? Ist es möglich, die Erkenntniskraft durch eine innere Erkraftung so zu gestalten, daß das, was in einer stärkeren Weise als die Erinnerungsbilder geschaffen werden, hinweist auf etwas, was sonst nicht in das Bewußtseinsfeld des Menschen fällt?
Geht man von diesem Vertrauen aus, stellt man das als Postulat hin, und stellt man in exakter Weise, so daß man mit Besonnenheit einen jeden Schritt verfolgt wie das Mathematische, die inneren Übungen an, die durchaus nicht eine Seelenvergewaltigung sind, so kommt man zu neuen Erlebnissen. Hier, bei diesen Übungen, handelt es sich darum, daß man die Schritte so unternimmt, daß eine eigene Entwickelung daraus erfolgt. Es handelt sich nicht um etwas Mathematisches oder Derartiges. Wenn man in dieser Art gewisse Vorstellungen bekommt, die leicht überschaubar sein müssen, damit keine Reminiszenzen mitwirken — am leichtesten ist es den Mathematikern, die von vornherein gewohnt sind, überschaubare Bewußtseinsinhalte in den Mittelpunkt des Seelenlebens zu stellen —, und nicht müde wird, sondern von diesem Standpunkt ausgehend, diejenigen Seelenfähigkeiten erkraftet, die in der Erinnerung sich in einem mehr passiven Verhalten der Seele ausdrücken, so kommt man dazu, sich bewußt zu werden, daß man aus den Tiefen des Seelenlebens eine potenzierte Erinnerungskraft herausholen kann, welche die wirklichen organisch wirkenden Kräfte des Erdenlebens wahren, so daß man tatsächlich überschaut in einem Zeittableau — indem man sogar sprechen kann von Zeitperspektiven, von einer inneren Gesetzmäßigkeit und Struktur -, dasjenige, was zeitlich in einem gewirkt hat, seit man in das Erdenleben eingetreten ist.
Zuerst ergibt sich die Anschauung des eigenen Selbstes. Da ergibt sich die Anschauung, daß in dem physischen Leib ein ätherischer Leib waltet, der in seiner inneren Gesetzmäßigkeit nichts Leibliches, sondern Zeitliches hat, der aber da in Bildform auftreten kann, so daß man diese Erkenntnis die imaginative nennen kann. Und man gelangt dazu, daß man, während man sonst nur in der Gegenwart lebt, sich in einen beliebigen Augenblick zurückversetzen kann, so daß man ihn wie einen unmittelbar gegenwärtigen erlebt. Man kommt da tatsächlich hinein in die Möglichkeit, von Zeitperspektive zu sprechen, so wie man von einem Orte hier zu einem anderen gehen kann, so innerlich den Weg machen zu können zu einem Orte der Zeit, den man durchlebt hat. So daß dieses kontinuierlich in der Zeit sich abwickelnde feinere leibliche Dasein für die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis sich ergibt.
Ich brauche nur kurz anzudeuten, daß es eine weitere Stufe der Seelenentwickelung gibt, die dadurch erlangt wird, daß man sich das Gemälde des eigenen inneren Kraftens hinwegsuggeriert, so daß nicht bloß ein leeres Bewußtsein entsteht, das gleich Null ist, sondern das entspricht der Negativität des jetzigen Bewußtseinsgrades. Dieses andere Bewußtsein ergibt eine völlige innere Stille, innere Ruhe. Nun kann man sich vorstellen: Wenn alle äußeren Eindrücke aufhören, so ist die Ruhe ein Null; aber die Stille, in die man da hineinkommt, verhält sich wie etwas Negatives zu dem früheren. Dann kommt man anstelle der Imagination zur Inspiration. Dadurch kommt man dazu, das vorirdische Dasein des Menschen zu schauen. Das ist nicht eine durch Spekulation errungene Erkenntnis, sondern eine Anschauung des Ewigen im Menschen. Auf diese Weise dringt man vor, die Realität des Geistig-Seelischen ebenso zu erforschen, wie man sonst im physischen Leben das erforscht, was die Sinne geben. Man kommt aber dazu, diesen ganzen Menschen zusammengesetzt zu sehen. Auf alle die Spiegelfechtereien zwischen monistischer und dualistischer Anschauung braucht man sich dabei ja nicht einzulassen, das ist ebenso töricht, als wenn man sagen wollte: der Chemiker sei ein Dualist, weil er das Wasser aus Wasserstoff mit Sauerstoff bestehend erklärt. Man erkennt, daß der Mensch einen physischen Teil und einen geistig-seelischen Teil hat. Man erkennt das plastisch Gestaltende am Gehirn, das eine Realität ist, schon in der embryonalen Entwickelung. Ich will einen Vergleich gebrauchen: wenn hier ein weicher Boden ist und darauf Fußspuren, so würde ein Wesen, das nie auf der Erde war, vielleicht dazu kommen, diese Spuren durch irgendwelche Kräfte zu erklären. Aber ebenso real, wie die Spuren von einem Menschen herrühren, der über den Boden gegangen ist, so sind die Gehirnspuren ausplastiziert vom Seelisch-Geistigen.
So ist es möglich, die menschliche Wesenheit zu erkennen: den menschlichen physischen Leib, dann den Bildekräfteleib, den man erkennt durch die imaginative Erkenntnis: der feinere Mensch im Menschen, der trotz alles Austausches der physischen Stoffe eine einheitliche, in der Zeit fortlaufende Wesenheit ist, eine in sich geschlossene Realität von einem Zeitpunkte bis zu einem anderen Zeitpunkte.
Gelangt man von da bis in die Spezialgebiete, dann wird die Sache sozusagen ernst. Der Bildekräfteleib ist noch nicht ein seelisches Dasein, sondern er könnte höchstens zum Wachsen, aber nicht zum Fühlen kommen. Man kommt zum Astralleib, zur eigentlichen Seele und zur Ich-Organisation. In den letzten drei bis vier Jahrhunderten hat sich die Erkenntnis so entwickelt, daß man immer mehr abgesehen hat von dem Geistigen, Höheren in der menschlichen Organisation. Dadurch mußte man sich immer mehr beschränken auf das, was man erschließen kann aus der physischen Gliederung des menschlichen Organismus. Ich schrecke immer davor zurück, solche Dinge zu erklären, denn ich kann begreifen als Wissenschafter, daß man darüber wild wird.
Wir haben zunächst den menschlichen Organismus. Wir verfolgen die zentripetalen und die zentrifugalen, die sogenannten sensitiven und motorischen Nerven. Ja, dieser Tatbestand ergibt sich. Ich kann diese Gründe voll würdigen, kann auch würdigen, wie man die Zwiefachheit des Nervensystems stützt durch die Tabes dorsalis und so weiter.
Aber wenn man die höheren Wesensglieder kennt, dann werden einem die Nerven etwas Einheitliches, man schaut die Einheitlichkeit des Nervensystems. Die sensitiven sind darauf veranlagt, Sinneseindrücke zu vermitteln; die motorischen haben mit dem Willen nichts zu tun, sondern sie haben die Aufgabe, die Empfindungen, die in der Peripherie sind, zu vermitteln, die chemisch-physiologischen Vorgänge in den Beinen und so weiter. Die motorischen Nerven sind sensitiv für die inneren Vorgänge des Organismus, während man tatsächlich dazu kommt, so paradox das für die heutige Wissenschaft klingt, den Willen unmittelbar in der Seele zu schauen und für die Entstehung der Bewegung und der Willenseffekte einen unmittelbaren, direkten Einfluß des Geistig-Seelischen auf das Physische anzunehmen.
Ich möchte Sie auf den Weg hinweisen, der dazu führen kann, diese Anschauung zu finden. Denn als heutiger Anatom steht einem das Seelisch-Geistige als etwas gegenüber, was zu allen möglichen Hypothesen führen kann, es ist aber dasjenige, was man sich heute mehr mit einer abstrakten Inhaltlichkeit vorstellt. Ziehen spricht nur von «Gefühlsbetonung» der Vorstellungen. Das, was man sich als Seele vorstellt, ist etwas so abstraktes, dünn gewordenes, daß man nicht dazu kommt, das Eingreifen dieses Seelischen in das Physische zu verstehen.
In dem Augenblicke, wo man sich klar wird, daß der physische Leib vom Festen zum Flüssigen, Luftförmigen, bis zur Wärme heraufgeht, dann kommt man schon mehr heran an das Geistige. Es ist natürlich unmöglich, sich vorzustellen, daß das Geistige in den Organismus eingreift, den die heutige Wissenschaft sich vorstellt. Aber sobald man einen Wärmeorganismus annimmt, ist es nicht so schwer, sich vorzustellen, daß das innere Kraften des Bildekräfteleibes eingreift in die Wärmedifferenzierungen des menschlichen Organismus. In einer Beziehung werden wir vieles durchzumachen haben, bis wir dazu kommen, das lebendig zu machen, was heute in der Erkenntnis erstarrt ist. Man wird den Übergang finden von dem feiner gewordenen Physischen zu dem kraftvoller gewordenen Seelischen. Und man wird sich sagen können: was Willenswesen ist, greift unmittelbar in die Wärmeprozesse ein, von da in den Luftorganismus, von da in den wäßrigen Organismus. Und es ist etwas ganz anderes vorhanden als das, was die heutige Wissenschaft glaubt in bezug auf die motorischen Nerven; da ist vorhanden ein geistig-seelisches-physisches Wirken, das durch die motorischen Nerven zum Bewußtsein gebracht wird.