Anthroposophical Medical Theory and Human Knowledge
GA 319 — 15 November 1923, The Hague
Fünfter Vortrag
Vor allen Dingen danke ich Herrn Dr. Zeylmans und Ihnen allen, daß Sie mir Gelegenheit geben, einiges hier auszusprechen über die -— wenn ich so sagen darf — medizinischen Konsequenzen der anthroposophischen Forschungsart. Es wird natürlich nur möglich sein, in zwei kurzen Stunden einiges Wenige als Andeutungen zu geben, und bei der Abweichung des Gesichtspunktes, den ich werde zu wählen haben, von dem heute gebräuchlichen, wird es auch noch ganz besonders schwer sein, in den zwei kurzen Stunden darüber hinauszukommen, daß manches, was gesagt werden muß, vom heutigen Gesichtspunkte aus — von dem Gesichtspunkte aus, den man gewohnt ist — recht paradox, vielleicht mehr als paradox zu erscheinen hat. Aber die verehrten Anwesenden werden ja wissen, wie man im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in bezug auf mancherlei Dinge gelernt hat, umzudenken; und so wird, wenigstens zunächst, auch eine gewisse Nachsicht dafür vorhanden sein, daß ein Gesichtspunkt aus einer wirklichen gewissenhaften Forschung heraus einmal paradox erscheinen muß.
Das erste aber, was ich einleitungsweise sagen möchte, ist, daß es sich hier bei den medizinischen Konsequenzen der anthroposophischen Forschungsmethode nicht darum handelt, irgend etwas, das nun absolut «neu» sein müßte, entgegenzusetzen dem, was die heutige gewissenhafte, auf der seit Jahrhunderten gebräuchlich gewordenen Naturwissenschaft gebauten Medizin zu sagen hat. Nicht umstürzen möchte die Forschungsmethode, von der ich hier spreche, sondern sie möchte gerade das Gegenteil: Indem sie auf Verschiedenes hinblickt, was gerade in der neueren Zeit aus den gewissenhaften sinnlich-empirischen Methoden für die Medizin aus der Naturwissenschaft sich ergeben hat, muß sie aus dem großen Umfange der Fragen, die da entstanden sind, gerade ihrerseits in Anspruch nehmen, daß die moderne Medizin überall hinüberweist in ein Gebiet, das ihr selbst noch schwer ist zu betreten, aus dem Grunde, weil, ja, weil die Forschungsmethoden im Grunde genommen so gewissenhaft, so exakt sind, so exakt sind in bezug auf die uns ja allen bekannten sinnlich-empirischen Methoden. Aber gerade durch das, wodurch die Naturwissenschaft groß geworden ist, wodurch sie in ihrer Art eine so bedeutungsvolle Grundlage für die Medizin hat liefern können, gerade durch das sind wiederum gewisse Wege zur Menschenerkenntnis und damit zur Heilkunde unmöglich gemacht worden. Und deshalb gestatten Sie, daß ich heute zunächst einiges Prinzipielle anführe und dann auf die Besonderheit einiger unserer Heilmittel, die typisch, die charakteristisch sind, morgen eingehen werde.
Wir haben von vornherein nicht etwa den Weg gewählt, daß wir uns gesagt haben: Anthroposophie muß über alles etwas wissen, muß also auch über die Medizin etwas zu sagen haben. Das ist Agitatorenmethode. Wir aber, auf wirklich anthroposophischem Boden, wollen uns gerade auf den Standpunkt echter wissenschaftlicher Erkenntnis, wenigstens in unseren Grundlagen, stellen. Und so ist es auch dadurch gekommen, daß überhaupt diese medizinische Bewegung innerhalb der anthroposophischen Gesamtbewegung entstanden ist, daß Ärzte, namentlich Ärzte Deutschlands, aber im Grunde genommen auch Ärzte aller Länder, gefunden haben: gegenwärtige Naturwissenschaft und Medizin geben Fragen auf, die mit den heute gebräuchlichen Methoden nicht beantwortet werden können, wenigstens nicht von der Diagnose, von der Pathologie bis zu einer rationellen Therapie hinübergetrieben werden können. Es sind dann diese Ärzte gekommen und haben gefragt, ob nicht Anthroposophie mit ihrer besonderen Art von Menschenerkenntnis etwas zu sagen habe über Medizinisches, über eine Menschenerkenntnis, die etwas tiefer hineingehen kann in die menschliche Wesenheit, als man das mit den heute gebräuchlichen Methoden imstande ist. So ist eigentlich, herausgefordert, möchte ich sagen, gerade durch diejenigen Mediziner, die unbefriedigt waren, oder aus ihren Studien und aus ihrer Praxis heraus in eine gewisse Skepsis verfallen sind, dasjenige entstanden, worüber ich Ihnen heute und morgen werde zu sprechen haben. Dabei haben wir auch von vornherein nicht etwa den Standpunkt eingenommen, wir dürften jetzt alles mögliche Dilettantische hineintreiben in ein gewissenhaft betriebenes, in die Praxis übergegangenes Forschungsgebiet. Und als durch die Begründung des «Kommenden Tages» in Stuttgart und des «Futurums» in der Schweiz nahegelegt worden ist, nun auch das Gebiet der Medizin zu pflegen, ist es denn gekommen, daß von mir gesagt worden ist: Gewiß, es läßt sich von dem aus, was Anthroposophie zu geben hat, ein Licht werfen auf Heilmittelbereitung, aber man solle nicht einfach davon ausgehen, Heilmittel zu bereiten, sondern alles, was nach dieser Richtung hin gemacht wird, solle im strengsten Zusammenhang stehen mit der Medizin, mit der wirklichen Praxis. Und so sind denn unsere Institute entstanden, die ja in der Tat auf der einen Seite Institute sind für Heilmittelbereitung nach den Methoden, von denen ich sprechen werde; aber diese Institute sind verbunden mit klinischen Anstalten, und ich werde noch im Laufe der Zeit öfter, namentlich auf jenes klinische Institut hinzuweisen haben, das in erster Linie jetzt mustergültig geworden ist: das von Frau Dr. Wegman in Arlesheim, das in unmittelbarem Zusammenhange steht mit dem Goetheanum, unserer anthroposophischen Hochschule in der Schweiz. Da ist es ja denn möglich, tatsächlich im fortwährenden Verkehr mit den Kranken auch in einen lebendigen Zusammenhang hineinzukommen in bezug auf das Therapeutische, das von der anthroposophischen Forschungsart eben hauptsächlich als die große Frage der Zeit heute gepflegt werden soll.
Aber auch damit haben wir uns noch nicht genügen lassen. Wir haben an diese Institute angegliedert eigentliche Forschungsinstitute. Und zwar haben wir angegliedert ein biologisches Institut, auch physikalische Institute, aber von denen will ich zunächst nicht sprechen, die stehen noch mehr im Anfange ihrer Arbeit. In dem Biologischen Forschungsinstitut — das ich erwähnen will, damit Sie sehen, daß wir aus derselben Exaktheit heraus arbeiten wollen, die sonst auch gefordert wird - haben wir schon zwei Arbeiten zu verzeichnen. Fassen Sie es nicht als eine alberne Eitelkeit von mir auf, wenn ich meine Überzeugung ausspreche — o nein, es kommt ja darauf an, ehrlich das auszusprechen, wovon man sich nach den vorhandenen Ergebnissen überzeugt halten kann -, wenn ich sage: Trotz mancher methodischer Einwände im einzelnen, die man noch machen kann, sind diese zwei Ergebnisse doch zunächst so, daß sie darauf hinweisen können, wie wir dieselbe Exaktheit anstreben, die sonst heute in der wissenschaftlichen Grundlage auch der Medizin angestrebt wird.
Die erste Arbeit, die aus unserem Forschungsinstitut hervorgegangen ist, ist eine Arbeit über die Milzfunktion, und da ich in diesen zwei Vorträgen ja wirklich nur Gesichtspunkte, nur Anregungen geben kann, so werden Sie es verzeihen, wenn ich auf manches nur hinweisen kann. Mir selber ist im Verlaufe der anthroposophischen Forschungsarbeit gerade die Milzfunktion interessant geworden, und ich werde ja gerade nachher von dem zu sprechen haben, was man geisteswissenschaftliche Methode nennen kann. Durch diese Methoden ist mir aufgestiegen, wie besonders geartet in der Gesamtheit der menschlichen Organisation diese Milzfunktion ist, die ja, wie Sie wissen, für die Anthropologie eine Art von Crux ist. Der Mensch - ich kann das jetzt nur andeuten — trägt in sich die verschiedensten Prozesse, unter anderem die Prozesse, die Rhythmik fordern. Zu solchen Prozessen gehören ja nicht nur Atmung und Blutzirkulation, sondern auch Rhythmen von einer größeren Ausdehnung, zum Beispiel der Verdauungsrhythmus. Nun ist der Verdauungsrhythmus etwas, was von der menschlichen Natur selber gefordert wird, was aber in der Art, wie es von ihr gefordert wird, niemals eingehalten werden kann. Der Mensch müßte eigentlich, nach der Forderung seines Organismus, essen und trinken mit einer ungeheueren rhythmischen Regelmäßigkeit. Das kann er nicht; denn selbst wenn er sich mit großer Pedanterie die Zeiten für seine Mahlzeiten einrichten würde, so würde das noch nicht zur Folge haben, daß die Rhythmik, die der Organismus fordert, auch wirklich eingehalten werden kann. Denn man ißt am einen Tage dieses, am anderen Tage jenes, und man müßte mit einer schier ins Unermeßliche gehenden Detailkenntnis dabei vorgehen, wenn man das alles machen würde. Atmung und Blutzirkulation haben es leichter, aber der Verdauungsrhythmus ist, weil wir darin abhängig sind von unserem Verkehr mit der Außenwelt, etwas, dem schlechterdings eigentlich nicht entsprochen werden kann. Nun sind die Funktionen der Milz dazu veranlagt, jene Unregelmäßigkeiten, die notwendigerweise im Verdauungsrhythmus auftreten müssen, auszugleichen, zu korrigieren, indem sich diese Milzfunktionen vereinigen mit der ganzen Verdauungsfunktion im weitesten Sinne. Das ist mir damals aufgegangen. Nun ist in unserem Biologischen Forschungsinstitute dann durch Methoden, die immerhin so exakt sind, wie die klinischen Methoden heute sonst sind, wenn auch in bezug auf die Details manches eingewendet werden kann, durch die Arbeit über die Milzfunktion dieses zur vollständigen empirischen Bestätigung gekommen. Es ist schon eine Arbeit, von der man glauben möchte, daß sie, wenn sie an einer gewöhnlichen Klinik gemacht worden wäre, einen großen Eindruck auf dem Gebiete des medizinischen Denkens gewonnen hätte. Daß es nicht so geworden ist — und das ist es, was ich bitte, mir nicht als alberne Eitelkeit auszulegen —, daß diese mit ungeheuerer Hingabe von Frau Dr. Kolisko ausgeführte Arbeit auch heute noch ziemlich unbekannt geblieben ist, das ist einzig und allein dem Umstande beizumessen, daß sie auf anthroposophischem Boden entstanden ist.
Die zweite Arbeit ist dann eine solche, daß ein wissenschaftlichmedizinischer «Glaube» in dem Maße, in dem er exakte Wissenschaft werden kann, zu einer solchen gemacht worden ist. Sie werden nicht voraussetzen, daß ich hier irgendwie eintreten will für das vielumstrittene Gebiet der Homöopathie in ihrem Verhältnis zur Allopathie, das fällt mir nicht ein, denn ich weiß, wieviel Laienhaftes und Dilettantisches in der gewöhnlichen homöopathischen Anschauung steckt. Aber nicht geleugnet werden kann, daß von Substanzen in großer Verdünnung, selbst auf äußerem physikalischem Gebiete, die weitgehendsten Wirkungen da sein können. Es ist also von vornherein nicht vorauszusetzen, daß Substanzen in starker Verdünnung nicht immerhin Wirkungen haben können. Denken Sie nur daran, daß zahlreich diejenigen Wirkungen sind, die ausgeübt werden beim Inhalieren von irgendwelchen Substanzen, die in einer außerordentlich feinen Verteilung da sind. Wir beachten oftmals nicht, wenn wir Menschen sich in ein Bad setzen lassen, daß es viel wichtiger ist, daß sie inhalieren, was verdunstet, wobei gewisse Substanzen in einer sehr starken Verdünnung sind, daß dies viel wichtiger ist als das, was das Bad von außen bewirkt. Das alles war aber bisher eine Art wissenschaftlicher Glaube. Wir haben nun tatsächlich versucht, diesen Glauben - in den Grenzen natürlich, in denen er berechtigt ist; es darf das, was dabei herauskommt, natürlich nicht zu einem Allheilmittel werden — wissenschaftlich zu begründen, indem wir Verdünnungen in einem Verhältnis bis eins zu einer Trillion herstellten, so daß wir wirklich schon sagen können: dabei handelt es sich wirklich nicht mehr darum, daß die gewöhnliche stoffliche Wirkung zutage tritt, sondern um die Funktion, die in den Stoffen lebt, die übergeht in das Medium. Man hat es dabei mit nichts anderem zu tun als mit der funktionellen Form. Wir haben dabei aber doch zustande gebracht, daß wir nachweisen konnten, daß die verdünnten Entitäten rhythmische Wirksamkeiten entfalten, die erstaunlich sind. Wir haben uns dazu des Wachstums von Samenkörnern bedient. Wir waren in der Auswahl der Samenkörner exakt und vorsichtig. Wir haben die Samenkörner keimen lassen in Metallösungen, wobei wir die Metallverbindung in entsprechender Verdünnung benutzt haben, und wir haben wirklich nachweisen können, wie auf die Wachstumskräfte der Pflanzen die Metallösungen in der Verdünnung von eins zu zehn, eins zu zwanzig, eins zu fünfzig, eins zu hundert, eins zu fünfhundert und so weiter wirksam sind. Man bekommt da interessante Kurven heraus, die eine große Regelmäßigkeit zeigen, so daß man sagen kann: Bei einer gewissen Verdünnung wird die vitalisierende Kraft noch in einer gewissen Weise beeinflußt; geht man weiter in der Verdünnung, so wird diese Beeinflussung geringer. Geht man noch weiter, so erfährt dann durch die größere Verdünnung die vitalisierende Kraft wieder eine größere Beeinflussung. Das gibt eine absteigende und eine aufsteigende Kurve, die dann der Ausdruck sind für die Wirkungen von stark verdünnten Entitäten, die sich exakt rechtfertigen lassen. Und damit ist der kleine Teil, der Ausschnitt dessen, was — ich sage ausdrücklich -— die Homöopathie mißbraucht, zum Range eines exakten Forschungsgebietes erhoben worden. Ich sage das nicht deshalb, um gerade diesen Ergebnissen in erster Linie die größere Bedeutung beizumessen; ich sage es nur, um zu zeigen, daß wir uns durchaus bemühen, nicht in dilettantischer, laienhafter Weise außerhalb der Wissenschaft zu arbeiten, sondern uns durchaus zunächst auf den Boden gegenwärtiger, in der Wissenschaft gebräuchlicher Forschungsmethoden zu stellen. Aber von da aus müssen wir dann entsprechend weitergehen.
Es ist historisch begreiflich, daß bei den ungeheueren Erfolgen, die wenigstens in naturwissenschaftlicher Beziehung - in den letzten Jahrhunderten, insbesondere im 19. Jahrhundert, hervorgetreten sind, die Menschheit sozusagen wie suggestioniert war von demjenigen, was die sinnlich-physische Beobachtung und das exakte Experiment ergeben können. Aber in bezug auf die Menschenerkenntnis, und zwar auch in bezug auf die ganz gewöhnliche physische Menschenerkenntnis ist es doch nicht möglich, mit diesen Forschungsmethoden so weit zu kommen, daß ein innerliches Auffassen des Wesens der menschlichen Organisation dabei herauskommt. Und das hängt einfach damit zusammen, daß man nicht nur auf der einen Seite großartige und gewaltige Fortschritte macht in der Erkenntnis der physischen Organisation des Menschen, sondern daß man gerade durch das Exakte und Fruchtbare dieser Forschungsmethoden auf der anderen Seite dazu kommt, sich einen ganzen Teil des Menschen, der ebenso real ist wie der physische Mensch, einfach auszuschließen. Die Größe der naturwissenschaftlichen Forschung könnte man auch daran ermessen, daß sie mit einer ungeheueren Energie aus unserer Menschenerkenntnis dasjenige herausgeworfen hat, was der geistig-seelische Mensch ist, der — wie wir sehen werden — auch im medizinischen Sinne nicht weniger als eine Realität in der Praxis aufgefaßt werden muß als der physische Mensch. Dazu ist es schon notwendig, daß ich Ihnen erst einiges Prinzipielle sage über die anthroposophische Forschungsmethode überhaupt, namentlich insofern sie zur Menschenerkenntnis führt.
Es handelt sich ja darum, daß wir heute bei allem Forschen einfach dabei stehenbleiben, wie wir in unserer Seelenkonstitution, zu der auch unsere Erkenntnisfähigkeit gehört, geworden sind durch das, vras die Kultur schon einmal heraufgebracht hat als unsere Schulbildung, als die Bildung innerhalb der gebräuchlichen Wissenschaften. Da bleiben wir stehen. Wir sagen uns nicht: Wir schauen als zwei-, dreijähriges Kind noch seelisch ganz unähnlich unserer Seelenstimmung und -konstitution im späteren Lebensalter aus. Wir entwickeln uns; wir werden seelisch ganz andere im Verlaufe von, sagen wir, fünfzehn Jahren unserer menschlichen Jugend. Wir haben im achtzehnten, neunzehnten Lebensjahre Fähigkeiten, die wir als zwei-, dreijähriges Kind, geschweige denn früher, nicht haben; die entwickeln sich aus unserem Inneren heraus. Warum sollte es denn nicht möglich sein, auch einmal die Frage aufzuwerfen: Darf man sich denn nicht auch noch als erwachsener Mensch relativ entwickelungsfähig halten? Darf man denn willkürlich, sozusagen, dieses Werden des Seelenlebens einmal abschließen? Es ist natürlich zunächst eine Frage, die auf das innere Probieren geht. Aber wer probiert, wer wirklich über das, was heute als das Normale einer menschlichen Seelenentwickelung angesehen wird, hinauszukommen versucht zu noch anderen Seelenfähigkeiten, der kann es, der bringt es zustande! Das Genauere darüber steht in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Geheimwissenschaft im Umriß» und anderen. Prinzipiell will ich darüber nur dieses andeuten, daß wir in der Lage sind, dasjenige, was wir sonst als Denken haben, was wir kennen aus der Anwendung nicht nur im gewöhnlichen Leben, sondern auch in der gebräuchlichen Wissenschaft, wenn wir experimentieren und Beobachtungen interpretieren, daß wir dies, was wir als Denken haben, weiterentwickeln können. Wenn das gesagt wird, fängt man dann gewöhnlich gleich an zu sagen: Ja, jetzt kommt er mit einer «mystischen Entwickelung». — Aber wenn man verächtlich auf die mystische Entwickelung — wenn man das Wort gebrauchen will - hinweisen will, von der ich hier spreche, dann soll man auch verächtlich auf die Mathematik und die Geometrie hinweisen. Das Wesentliche der Mathematik und Geometrie ist dies: daß man sich in voller Besonnenheit bewegt von einer Aufstellung zur anderen, daß da gar nichts von Unterbewußtem, in das Suggestives hineinspielen kann, dabei ist. Diese Besonnenheit, diese volle Bewußtheit ist es, die uns beim Objekt, bei der Mathematik und Geometrie, überall verfolgen muß. Dasselbe, was man da tut beim Objekt, innerlich, wenn man exakt vorgeht, dasselbe kann man anwenden auf die eigene Seelenentwickelung. Nicht in jener mystischen Verschwornmenbheit, mit der man oft über Mystik spricht, sondern in voller Klarheit läßt sich die Seele in bezug auf ihre Denkfähigkeit weiterentwickeln, aber nicht, indem man in sich hineinbrütet, sondern indem man von ganz bestimmten, überschaubaren Vorstellungen ausgeht und von da aus - gerade so, wie es in der Mathematik für das Objekt geschieht - nun nichts hineinnimmt als das, wodurch man mit voller Besonnenheit von dem einen Bewußtseinsinhalt zum anderen übergehen kann. Wenn man das als eine wirklich innerlich exakte Methode der Seelenfortentwickelung genügend lange anwendet — beim einen dauert es länger, beim anderen kürzer -, dann kommt man in der Tat dazu, allmählich das Denken nun nicht so, wie es sonst passiv ist, sondern in seiner Aktivität zu ergreifen; so daß man, während man sonst mit seinen Gedanken passiv demjenigen folgt, was man beobachten kann, zum Erleben einer inneren Aktivität kommt.
Diese innere Aktivität des Denkens gibt die erste wirkliche Erkenntnis von dem, was übersinnlich im Menschen ist, die erste Stufe. Ich möchte sagen: wenn man von außen an den Menschen herangeht — und man kann sich die ganze Blutdynamik aufzeichnen -, so hat man in der Blutdynamik gewissermaßen ein Bild des Menschen, eines Teiles des Menschen, von außen angesehen. Indem man so vorgeht, wie ich es andeutungsweise über das Denken jetzt gesagt habe, kommt man aber dazu, sich innerlich ausgefüllt zu erleben nun mit einem zweiten Menschen, mit dem Menschen, der unabhängig ist von dem physischen Organismus.
Wer da glaubt, es trete da irgend etwas Suggestives auf, der beachtet nicht, wie die Methoden, auf die ich hier hinweise, durchaus exakte Methoden sind, wo alles in voller Besonnenheit erlebt wird; so daß man gerade auf das kommt, was auch nur im geringsten suggestiv im Inneren der Seele sein könnte und das abweisen kann. Der Weg, den man mit dieser Methode macht, ist der genau entgegengesetzte von dem, der irgend etwas Suggestives oder Autosuggestives in das Bewußtsein hereinbringen kann. Aber man kommt auf folgendes:
Wenn man nun in einer exakten Beobachtungsart, die man sich gerade durch eine solche Denkentwickelung erwirbt, die allmähliche Entfaltung des Kindes beachtet, dann ergibt sich einem eine bedeutsame Differenz zwischen der ganzen Konstitution des Kindes bis etwa zum Zahnwechsel, zum siebenten, achten Lebensjahr hin, und nachher. Die Differenz, die da vorhanden ist zwischen dem Früheren und Späteren, sie ist so, daß man sich eben erst die Fähigkeit der Aufmerksamkeit für sie erwerben muß. Man übersieht sie sonst, achtet nicht darauf, aber man muß gerade dort einsetzen, ich möchte sagen, mit dem Mut, an den Menschen und an solche Beobachtungen wirklich so exakt heranzugehen, wie man es sonst in der Physik gewohnt worden ist im Laufe des neueren Forschungslebens. Wir reden in der Physik von latenter Wärme und von real auftretender Wärme; wir reden davon, daß durch irgendeinen Prozeß ein Wärmezustand, der sonst latent bliebe in irgendeiner Substanz, der also in der Substanz drinnen ist, herauskommen kann. Wozu man mit der äußeren physikalischen Wissenschaft gekommen ist, zu dem müssen wir auch kommen. Wir müssen den Mut dazu haben können, den Mut in bezug auf die menschliche Seelenentwickelung zum Beispiel. Und hat man diesen Forschungsmut, so stellt sich folgendes heraus: Man sieht - man muß nur verstehen, die Aufmerksamkeit darauf zu richten -, wie beim Kinde, wenn es den Zahnwechsel durchgemacht hat, innere seelische Kräfte auftreten, die vorher nicht da waren. Nicht einmal die Pädagogik ist heute so weit, darüber etwas zu sagen, weil sie nicht exakt beobachtet, weil die Kurven nicht bergehoch steigen und tälertief fallen, sondern weil es sich da um Feinheiten handelt und diese Feinheiten mit anderem, geistigem Blick verfolgt werden müssen; deshalb gibt man heute nicht viel darauf. Aber für den, der sich den geistigen Forschungsblick aneignet, stellt sich heraus, daß zum Beispiel alles, was wir Erinnerungsfähigkeit nennen, mit dem Zahnwechsel radikal verändert wird. Die Erinnerungsfähigkeit ist früher eine solche, die mit einer gewissen elementaren Kraft noch aus dem Organismus dasjenige, was das Kind in der Erinnerung vorstellt, herausschießen läßt. Jene besondere Art des Erinnerungserlebnisses, wo man zurückgeht und das Gefühl hat, daß man zurückgeht auf das Erlebte, die tritt erst mit dem Zahnwechsel ein.
So treten unzählige Dinge im seelischen Erleben erst mit dem Zahnwechsel auf. Die sind dann da; sie offenbarten sich vorher nicht in der kindlichen Natur. Wo waren sie? Sie waren in der kindlichen Natur drinnen, so wie latente Wärme in einer Substanz drinnen ist; und diejenigen organischen Prozesse, die im Zahnwechsel nur ihr äußeres Symptom haben, die haben das, was früher im Organismus steckte und an ihm arbeitete, so herausgeholt, wie irgendein physikalischer Prozeß die latente Wärme aus einer Substanz herausholt. Heute redet die Psychologie von psychophysischem Parallelismus und ähnlichem; sie kann nicht darauf kommen, daß zwischen dem, was wir heute in der Psychologie figurieren haben: dem ganz abstrakt gedachten Seelischen, und zwischen dem, was wiederum anatomisch-physiologisch zutage tritt, ein Zusammenhang sein kann, weil die zwei Dinge so sind, daß man, wenn man sie so abstrakt sieht, keine Brücke von dem einen zum anderen findet.
Aber der Mensch ist ja ein Entwickelungswesen. Sieht man auf das, was nach dem Zahnwechsel seelisch da ist, was seelisch hervorgetreten ist, so kann man sagen: dieselben Kräfte, die einem jetzt entgegentreten als das metamorphosierte Denken in der Seele, waren vorher organische Kräfte, wirkten als Organwachstumskräfte im Kinde; so daß man hier eine empirische Beziehung des seelischen Lebens zum körperlichen Leben hat, die man nur eben in der richtigen Zeit der menschlichen Entwickelung suchen muß.
Macht man nun solche Denkübungen durch, von denen ich gesprochen habe, dann kommt man wiederum darauf - allerdings jetzt auf einem seelischen Niveau -, in diesem Denken etwas Ähnliches zu ergreifen, was so stark, so aktiv ist wie das noch im Organismus steckende Denken, das beim Kinde bis zum Zahnwechsel hin aber zugleich Wachstums- und Organisationskraft ist. Das ist der zweite Mensch, den man in sich entdeckt: es ist auf einem höheren Niveau dasjenige, was nun nicht das gewöhnliche, bloß passive Denken ist, sondern was uns als ein zweiter, ätherischer Leib - ich bitte, sich nicht an dem Ausdruck zu stoßen — durchorganisiert. Also es handelt sich nicht bei der anthroposophischen Forschungsmethode darum, daß man nun schwefelt von einem ausgedachten ätherischen Leib, sondern darum, daß man in der Tat - ich kann hier nur Andeutungen geben — überall empirisch hinweisen kann, wie das, was man nun durch die besonderen Erkenntnismethoden findet, real tätig ist in der menschlichen Natur; denn wenn wir ein Kind anschauen, so wirkt ja das, was wir später im Gedanken finden. Will ich also beim Kinde die Wachstumskräfte begreifen, will ich wissen, wie da besonders Vitalisierendes drinnen ist, so habe ich es in dem, was ich imaginative Erkenntnis nenne, denn die macht es zum inneren Bewußstseinsinhalt. Liegen also etwa in den Kräften, die beim Kinde Wachstumskräfte sind, später in das seelische Leben übergehen, dann aber passiv wirken, liegen in diesen Wachstumskräften Heilkräfte, so kann ich diese Heilkräfte nur erforschen, wenn ich nun wiederum dazu komme, mit der eigentlichen geisteswissenschaftlichen Methode das anzuschauen und innerlich zu erleben, was die vitalisierenden Kräfte sind. Das gibt die Möglichkeit, in der Tat nicht bloß etwas Phantastisches in den Dingen zu sehen, die man sich da erobert, sondern etwas, was im menschlichen Organismus wirksam ist, und damit die äußere Anthropologie durch innere Empirie zu einer wirklichen Anthroposophie zu machen.
Und so wie man durch eine besondere Ausbildung des Denkens diesen zweiten Menschen findet, so läßt sich, wenn man nun weitergeht, innerhalb dieser zwei Menschen, des physischen und des ätherischen, noch ein dritter finden. Stoßen Sie sich aber nicht daran - denn überall braucht man eine Terminologie —, wenn ich ihn den astralischen Menschen nennen werde, die Anthroposophie gibt schon die Gründe dafür an. Ich will hier nur auf die Konstitution des Menschen selber hindeuten.
Wenn man soweit gekommen ist, diesen zweiten, ätherischen Menschen wirklich innerlich unabhängig vom physischen Menschen zu erleben, dann hat man einen Bewußtseinsinhalt. Mit Bezug auf diesen kann ich sagen: Man fühlt sich darinnen fast ebenso sicher, wie man sich in seinem physischen Leibe beim normalen wachen Bewußtsein fühlt. - Man fühlt schon diesen zweiten Menschen. Deshalb ist es eine viel stärkere innere Arbeit, was nun folgen muß: das herauszubekommen, was ich beschrieben habe als ätherischen Menschen. Denn das Weitere bekommt man nur dadurch, daß man die Kraft gewinnt, sich diesen ätherischen Menschen abzusuggerieren. Das muß nun sehr bewußt geschehen, so daß man gewissermaßen wiederum herausfährt, nachdem man hereingefahren ist. Es ist schon im allgemeinen die Vorübung dazu nicht ganz leicht. Vorstellungen, an denen man lange gehaftet hat, die einem so gegenwärtig waren, daß sie das ganze Bewußtsein eingenommen haben — aber wieder in voller Besonnenheit, so daß nichts Suggestives dabei sein kann -, die sind schon schwer auszuschalten, da sie mit viel stärkerer Kraft im Bewußtsein wirken als das, was flüchtig im Alltagsleben und aus der gewöhnlichen Beobachtung als Vorstellungen sich festsetzt. Aber hat man sich geübt, überhaupt das Bewußtsein frei zu machen, in bewußterer Weise frei zu machen von dem, was in ihm da sein kann, dann kommt man auch dazu, dieses Eigengebilde, das man bekommen hat, sich wieder wegzusuggerieren und ein leeres Bewußtsein herzustellen. Dieses Bewußtsein ist dann genau in dem Zustande, in dem der Mensch wäre, wenn er, nachdem der gewöhnliche traumlose Schlaf eingetreten ist, plötzlich um sich herum eine andere Welt wahrnehmen würde, wenn er nicht im Körper, sondern außerhalb des Körpers, aber auch nicht in der physischen Welt, sondern in einer geistigen Welt aufwachen würde.
Dieses Aufwachen kann man dadurch herstellen, indem man das macht, was ich eben beschrieben habe: daß man, nachdem man zuerst das Bewußtsein in der stärksten Weise energisiert hat, so daß es einen ätherischen Inhalt bekommen hat, es nun wieder leer macht, das leere Bewußtsein hat, das bloße Wachen, ohne einen Inhalt von dem, was man sonst im Leben oder in der Wissenschaft hat. Leeres Bewußtsein herzustellen — Sie wissen, wie schwierig das im gewöhnlichen Leben ist, denn wenn man die Sinnesempfindungen im gewöhnlichen Leben verschwinden läßt, so schläft eben der Mensch ein. Aber auf diese Weise, wie ich es dargestellt habe, kommt man zu dem leeren Bewußtsein, das bloß wacht, aber es bleibt nicht lange so. Dann kommt die geistige Welt herein, vor allen Dingen ein dritter Mensch, ein Mensch, der eigentlich jetzt nur innere Funktion, nur innere Beweglichkeit und Tätigkeit ist. Der zweite, ätherische Mensch, ist das Vitalisierende, der dritte, astralische Mensch, ist Beweglichkeit, Tätigkeit.
Es gibt dann noch einen vierten Menschen, der erst möglich macht, daß wir im vollsten Sinne des Wortes Mensch sind. Ich werde vielleicht im Verlaufe der Vorträge noch Gelegenheit haben, darauf einzugehen; jetzt will ich nur andeuten, daß dies der eigentliche Ich-Mensch ist, denn das, was ich bisher beschrieben habe, hat auch das Tier: physischen Leib, ätherischen Leib und astralischen Leib. Der Mensch aber hat außerdem noch die Möglichkeit, jene Zusammenfassung seiner Glieder — nicht abstrakt, sondern konkret - in sich zu erleben. Wenn der Mensch nicht nur leeres Bewußtsein herstellt, dadurch die geistige Welt erfaßt, sondern wenn er nun noch weitergeht und das Erleben der geistigen Welt wieder weiter energisiert, dann kommt er hinauf zur vollen Ich-Vorstellung.
So kann man sich eine Vorstellung von dem bilden, was durch anthroposophisch exakte Methoden Inhalt der Menschenwesenheit allmählich wird. Dieser Inhalt der Menschenwesenheit ist nun wahrhaftig da. Geradeso wie die Wärme, die erst latent war und nachher heraufgeholt und reale Wärme wurde, sich in ihren physikalischen Wirkungen äußert, so äußert sich das, was Ätherleib, astralischer Leib und Ich ist, durchaus im Menschen. Und wir verstehen den Menschen nur, wenn wir dieses Zusammenwirken der vier Glieder seiner Wesenheit wirklich ins Auge fassen können.
Betrachten wir eine Einzelheit. Betrachten wir im einzelnen, damit wir uns eine Vorstellung bilden können, wie diese Dinge zusammenwirken können, zum Beispiel die Niere und die Nierenfunktion des Menschen. In jedem einzelnen Glied des Menschen spielen die vier Glieder der menschlichen Natur mehr oder weniger zusammen. Wenn wir nun die Nierenfunktion studieren, so haben wir in dem, was wir an der Leiche oder sonst beobachten können, eben nur die Summe physischer Wirkungen. Diese Summe physischer Wirkungen ist aber durchenergisiert von dem, was ich zunächst den ätherischen Leib nannte, also von jenem Teil des Ätherleibes, der im besonderen die vitalen Funktionen für die Niere enthält. Der aber ist wieder durchzogen von dem astralischen Leib, und in der Zusammenwirkung dieser Glieder der menschlichen Natur liegt erst das, was auch bei einem einzelnen Organ oder Organsystem die menschliche Wesenheit innerlich begreiflich macht. Nehmen wir nun den Fall, wir konstatieren irgendwelche Unregelmäßigkeiten in der Nierenfunktion. Ich brauche ja auf dieses überall nur hinzuweisen, da Sie in einer Fachwissenschaft stehen. Da wird sich dem, der nun die ganze Sache so durchschaut, wie ich es angedeutet habe, ergeben, daß in irgendeiner Weise die physische Nierenfunktion und die ätherische Nierenfunktion der astralischen Nierenfunktion Widerstand entgegensetzen. Also das ist ein typischer Fall. Man kann darauf kommen, daß die physische und die ätherische Nierenorganisation der astralischen Nierenfunktion — die man erst zur Ansicht bekommt, wenn man leeres Bewußtsein hergestellt hat —, Widerstand entgegensetzen. Nun ist es aber so: wenn ein lebendiges Organ, die Niere, durch seine physische und ätherische Organisation der astralischen Widerstand entgegensetzt, so muß, weil sonst das Organ eben atrophieren würde, die astralische Organisation gründlicher, energischer eingreifen; und wir haben daher, in besonderen Fällen natürlich - ich erzähle immer besonders konkrete Fälle -, eine besondere Konzentrierung desjenigen Teiles der astralischen Organisation, der der Niere entspricht, auf die Nierentätigkeit. Mit anderen Worten: die astralische Nierenfunktion wird viel stärker in sich, als sie nach der ganzen Konstitution des Menschen für die Niere in Anspruch genommen werden darf; so daß der, der in dieser Weise die Nierenfunktion durchschaut, das Bild hat: Da verrichtet der astralische Leib an der Niere eine Arbeit, die er der Totalität der menschlichen Wesenheit, in der er aktiv sein muß, entzieht; er bildet einen Prozeß aus in der Niere, der eigentlich nicht da sein dürfte. Durch die besonderen, abnormen Entwickelungsmomente in der physischen und in der ätherischen Niere wird eben die astralische Niere in einer zu starken Weise in Anspruch genommen.
Nun handelt es sich darum, die Diagnose bis zu diesem Punkte zu treiben. Man wisse: der astralische Teil der Niere hat jetzt etwas zu tun, was er eigentlich im normalen Funktionieren des Organismus nicht zu tun hat; er verrichtet etwas, was er eigentlich nicht verrichten sollte, was aber die Niere jetzt, wie sie einmal ist in ihrem kranken, pathologischen Zustande, oder als ätherische Niere von diesem astralischen Teil fordert. Man kommt da auf den ersten Teil, auf das allererste Glied einer Anschauung über das Wesen des Kranken. Die Krankheitsprozesse müßten eigentlich für den denkenden Menschen das größte Rätsel sein, denn sie sind ja Naturprozesse. Aber die normalen Prozesse sind auch Naturprozesse. Wie kommen diese abnormen Prozesse, diese Krankheitsprozesse, mitten hinein unter die normalen Prozesse? Solange man den Menschen nur wie ein gleichwertiges Gewebe von physischen Stoffen und Funktionen ansieht, so lange kommt man eigentlich nicht zu einer möglichen Unterscheidung desjenigen, was physiologisch, und desjenigen, was pathologisch ist; man kommt aber dazu, wenn man weiß, daß die Niere metamorphosiert werden kann dadurch, daß sie eben einfach physische Prozesse entwickelt, die die normale Niere nicht entwickelt, weil in der normalen Niere der richtige Zusammenklang zwischen physischer, ätherischer und astralischer Niere ist. Das also durchschaut man zunächst.
Jetzt handelt es sich darum: wie kann dieser Krankheitsprozeß, der einfach in einer zu starken Inanspruchnahme gerade eines übersinnlichen Teiles der menschlichen Natur erklärt werden muß, eventuell beseitigt werden? Wie können wir den astralischen Menschen dazu bringen, daß er wiederum normal funktioniert?
Ich will bei diesen Auseinandersetzungen immer ganz Konkretes, Einzelnes betrachten. Ich will nicht von einer schweren Nierenerkrankung sprechen, denn das Prinzipielle der Sache kann uns auch bei einer leichten Nierenerkrankung klar werden. Nur damit ich andeuten kann, wie nun einer solchen Niere beizukommen ist, möchte ich aber von einem ganz Bestimmten ausgehen.
Was wir wissen, das ist zunächst, daß wir nun den astralischen Leib wieder frei bekommen müssen von seinem Arbeiten an der im weitesten Sinne deformierten Niere. Da ist ein Prozeß drinnen, den der menschliche Astralleib nicht tun sollte; wir müssen ihn herausbekommen aus dem abnorm verlaufenden Prozeß der Niere.
Wenn man nun diejenige Art von Erkenntnisüberschau gewinnt, die zuerst auf den Menschen geht und dann auf die Welt, so stellt sich mit einer solchen Methode, wie ich sie geschildert habe, das Folgende heraus. Wir richten den Blick vom Menschen auf die äußere Natur. Wir kommen dazu, zu studieren die besondere Natur von Equisetum arvense. Wenn wir dieses Equisetum studieren, indem wir nicht so sehr den Hauptwert darauf legen, aus welchen einzelnen Substanzen es besteht, sondern darauf sehen, welcher Prozeß in ihm lebt, dann kommen wir zu folgendem: Heute ist es üblich, weil das materialistisch orientierte Denken alles ergriffen hat, daß wir bei allem Organischen angeben: es besteht aus so und so viel Eiweiß, Fett und Kohlehydraten und so weiter. Wir sehen überall darauf, was die äußere Chemie angeben kann als die einzelnen Bestandteile eines Stoffes, und kommen dann auf diese Weise zu den Elementen, wie man es genannt hat; es hat sich die Sache ja nun wieder etwas geändert. Nur ist das aber nicht das, worauf es zunächst bei dem ankommt, was ich jetzt hier im Auge habe. Da interessiert uns am Equisetum besonders das, daß wir bei einer Analyse, wenn wir das Equisetum analysieren, also seine Funktionen auseinandertreiben, unter demjenigen, was wir da übrigbehalten, besonders Kieselsäure als Hauptbestandteil bekommen. Der muß also so stark darinnen sein, daß er prädominiert, also noch seine Kieselsäurefunktion geltend macht im Equisetum. Im Analysieren erkennen wir also nicht den Stoff als solchen, wohl aber, was der Stoff für eine Bedeutung hat. Und das muß man auch erkennen.
Equisetum ist eine Pflanze; in ihr finden wir nicht einen astralischen Leib, wohl aber einen physischen Leib und einen ätherischen Leib. Wir studieren Equisetum. arvense und finden, daß da besonders die Kieselsäure eine Rolle spielt. Es gibt natürlich auch andere Pflanzen, die Kieselsäure enthalten. Wir finden außerdem, daß gewisse schwefelsaure Salze eine Rolle spielen und finden zuletzt, daß die wichtigsten Bestandteile, die noch ihre Natur, ihre Wesenheit geltend machen im Equisetum, Kieselsäure — aber nicht der «Stoff», sondern die Kieselsäurefunktion —- und die Schwefelfunktion ist. Und nun finden wir etwas sehr Merkwürdiges. Wenn wir nun in der Lage sind, mit den geistig entwickelten Kräften die besondere Art der Verbindung zu durchschauen, was da um die schwefelsauren Salze herum in Zusammenhang steht mit der Kieselsäure, SiO,, so finden wir, daß da ein Prozeß, ein Funktionszusammenhang ist, den wir nun in den menschlichen Organismus hineinbringen, sei es innerlich oder — bei anderen Vorgängen müssen wir eben nicht die Aufnahme durch den Mund wählen — durch das Bad oder durch Injektion. Die Bedeutung dieser einzelnen Methoden werden noch zu erörtern sein. Wenn wir aber in einer gewissen Weise das Equisetum in den menschlichen Organismus hineinbringen — aber besser ist es jetzt, nicht Equisetum als solches zu verwenden, und darauf beruht das Wesentliche unserer Heilmittelverfertigung, weil die Wirkungen zwar da sind, anschaulich, aber nicht so dauerhaft sind -, wenn wir nun den Funktionszusammenhang zwischen Kieselsäure und Schwefel studieren und ihn im Präparat dann nachzuahmen versuchen, so bekommen wir dadurch in der Umsetzung dessen, was am Equisetum studiert werden kann, in das mehr oder weniger unorganische Präparat die Möglichkeit, stärkere Wirkungen auf den menschlichen Organismus herauszubilden, als diejenigen sind, wie wenn man etwa die bloße Pflanze als Tee oder dergleichen verwendet. Hierin liegt besonders das Wesentliche bei der Herstellung unserer Heilmittel.
Bringe ich jetzt das, was der Funktionszusammenhang zwischen Schwefel und Kieselsäure ist, in der richtigen Weise in den menschlichen Organismus hinein, so geschieht einfach durch die besondere Qualität dieses Funktionszusammenhanges dies: daß nun in der Niere dem menschlichen astralischen Leib abgenommen wird der Prozeß, den er, während die Krankheit vorliegt, verrichten muß. Bringe ich also in die Niere das Funktionieren von Schwefel und Kieselsäure im Equisetum arvense hinein, so nehme ich ihm das, was sonst der menschliche astralische Leib an der deformierten Niere — deformiert jetzt im weitesten Sinne genommen - verrichten muß, ab; ich lasse sozusagen zunächst den Krankheitsprozeß von etwas verrichten, was ich in den Körper hineingebracht habe.
Das ist überhaupt der Anfang eines jeden Heilungsprozesses. Man muß den Krankheitsprozeß kennen. Man muß zunächst eine rationelle Pathologie haben, muß den Krankheitsprozeß kennen und muß erforschen, wo in der Natur irgend etwas vorkommt, das diesen Krankheitsprozeß genau nachbilden kann. Denn man darf zunächst nicht glauben, daß man immer überall bei einer Krankheit den Krankheitsprozeß bekämpfen kann, sondern man muß ihn geradezu auffangen. Was der Krankheitsprozeß ist, das muß man durch etwas, was man in seiner Dynamik kennt wie hier beim Equisetum Schwefel und Kieselsäure, auffangen lassen. Dann bekommt man dasjenige frei heraus, was, wie in diesem Falle der Nierenerkrankung, früher als astralischer Leib gewirkt hat. Und indem man das nun frei herausbekommt, muß man auch dafür sorgen, daß der Mensch durch Diät und so weiter innerlich gestärkt wird, daß er seine ganzen inneren Kräfte energischer anwenden kann als sonst, das heißt, man muß einige Energie dem gesamten astralischen Leib zuwenden. Dann bringt man den jetzt auf diese Weise in seiner ganzen Normalität frei gewordenen astralischen Leib dazu, daß in dem entsprechenden Falle nun das Gesundende des astralischen Leibes das Kranke auslöscht, wenn man die zu starke Tätigkeit des astralischen Leibes zuerst hat von einem äußerlichen Funktionieren übernehmen lassen.
So kommt man zu einem rationellen Begriff des Heilens. Dieses Heilen besteht in der Regel eigentlich immer darin, daß man den Krankheitsprozeß durch einen eingeschobenen, von außen eingeschobenen Prozeß abfängt und dann das, was schon im Menschen ist, durch Energisierung zum Überwinden des Krankheitsprozesses veranlaßt, während man das nicht kann, so lange — wie hier in diesem Falle der astralische Leib seine Tätigkeit einseitig nach der Niere, die anders ist, als sie sein soll, hinwenden muß. Das aber, was ich jetzt eben beschrieben habe, ist der Fall, oder kann der Fall sein bei allen denjenigen Krankheitsvorgängen, die auf Unregelmäßigkeiten von Organen beruhen, die - wie ich es nennen möchte - zentrifugal wirken, nach innen zentrifugal wirken. Die Niere ist ein Absonderungsorgan, das nach innen zunächst absondert, wenn auch die Ausscheidung nach außen geht, sie sondert nach innen ab. Und pathologische Prozesse müssen, wenn man das auffaßt, was ich gesagt habe, so verstanden werden, daß die Heilung darin besteht, daß wir in der Niere durch Einfügung von Equisetum arvense einen zentrifugalen Prozeß hervorrufen, einen von der Niere ausstrahlenden Prozeß.
Es gibt nun andere Prozesse, die uns geradezu die polarische Seite von dem zeigen, was ich jetzt angeführt habe. Und da möchte ich wieder nicht eine schwere Krankheit, sondern, um das Prinzipielle zu erörtern, etwas anführen, was zwar mehr oder weniger nur entfernte Aufmerksamkeit gegenüber den eigentlichen tieferen Erkrankungen des menschlichen Wesens hervorruft, was aber vor allen Dingen für den Patienten außerordentlich unangenehm ist: das ist der Heuschnupfen, das Heufieber, der Heufieberkatarrh. Wenn man dieses bekämpfen will, muß man darauf achten, daß man es dabei mit einer sehr starken konstitutionellen Erkrankung zu tun hat. Die führt aber zuletzt darauf zurück, daß peripherisch im Menschen auftritt ein Nachlassen des astralischen Leibes mit seinen Kräften, dieses dritten, innerlich beweglichen Menschen. Wir können ja gerade das Heufieber zurückverfolgen bis in die erste Kinderzeit, wo wir gewöhnlich nicht sehr beachtete allgemeine Erkrankungen haben, die sich dann spezialisieren zu dem, was im späteren Leben als Heufieber auftritt. Und wissen wir, daß dieses Heufieber darauf beruht, daß der astralische Leib in bezug auf gewisse Funktionen nachläßt, nicht herandringt bis an den physischen Leib und ätherischen Leib, so muß es uns zunächst daran liegen, diesen astralischen Leib innerlich zu energisieren, auf seine eigentlichen Funktionen zurückzuführen; so daß man da, wo man es mit mehr nach außen gehenden zentrifugalen Wirkungen im Pathologischen zu tun hat, jetzt etwas anderes entgegenstellt. Bei dem Beispiel der Nierenerkrankung haben wir gewissermaßen die Krankheit abgefangen; wir haben den astralischen Leib so betrachtet, daß wir ihn, wenn er von seiner anormalen Arbeit befreit ist, nur zu energisieren, zu verstärken brauchen; dann wird er, wenn man ihm abnimmt, was er an der kranken Niere tun mußte, schon in der Richtung der Gesundheit wirken. Das ist bei Prozessen wie beim Heufieber nicht der Fall. Da dürften wir nicht darauf ausgehen, den Krankheitsprozeß abzufangen, sondern da müssen wir geradezu dem Krankheitsprozeß einen gleichen Prozeß in polarisch entgegengesetzter Richtung entgegenschicken. Und da hat sich dann herausgestellt, daß wir gerade dann den astralischen Leib zu der Funktion anregen können, die er nicht mehr verrichtet, weil er nicht mehr den Zugang hat zum physischen Leib und Ätherleib, wenn wir gewisse Säfte von Früchten, die Schalen haben, verwenden, wodurch sich in der Tat innerhalb der Frucht zentripetale Wirkungen zeigen, und wenn wir das entsprechende Präparat aus diesen Fruchtsäften zubereiten, bei leichteren Fällen als Salbe, bei schwereren Fällen als Injektion. Wir treiben ihn wieder zurück zum physischen Leib und Ätherleib, und in dieser Beziehung sind ja tatsächlich recht schöne Erfolge aufzuweisen. Frau Dr. Wegman hat doch zahlreiche Patienten mit unserem Heuschnupfenmittel injiziert und gerade auf diesem Gebiete die allerschönsten Erfolge gehabt. Es ist durchaus möglich, aus dieser Denkweise heraus es dahin zu bringen, dem träge gewordenen astralischen Leib entgegenzukommen und ihn zu energisieren, so daß man an diesem Prozeß, den man bei der Injektion hervorruft — diese Prozesse haben dann eine bestimmte Affinität zu besonderen Organen; wenn wir also einen bestimmten Fruchtsaft anwenden, so hat er eine besondere Affinität zu bestimmten Organen; man muß dann die besonderen Stellen ausforschen und die Strömungen kennen, in denen sich die Affinitäten zum Ausdruck bringen -, gerade sehen kann, wie jene physischen Funktionen, die durch dasjenige auftreten, was lässig und träge geworden ist im astralischen Leib, die nicht auftreten würden, wenn sie vom astralischen Leib gehalten würden, wie diese Funktionen wirklich aufhören aufzutreten, wenn wir nun den astralischen Leib selber abfangen. Vorher haben wir den Krankheitsprozeß abgefangen, jetzt fangen wir den Prozeß ab in dem betreffenden Gebiete, auf das wir gerade wirken wollen. So haben wir in bezug auf die Präparate, die wir anwenden, zu unterscheiden zwischen mehr zentrifugal wirkenden Prozessen, wie ich es beim Nierenprozeß beschrieben habe, und zwischen zentripetal wirkenden Heilprozessen, wie zum Beispiel beim Heuschnupfenmittel.
Wenn man diese Dinge ins Auge faßt, kann man zunächst glauben, das sei etwas Ausgedachtes. Die meisten Menschen in der Gegenwart glauben auch, es sei ausgedacht. Deshalb legte ich einen großen Wert darauf, daß wir nicht nur solche Heilmittel herstellen, sondern daß im Sinne dieser medizinischen Denkungsart in unseren Instituten gearbeitet wird. Nun ist man ja bei der Ausprüfung dieser Mittel in einem anderen Falle, als wenn man rein äußerlich-empirisch Mittel ausprobiert. Im letzteren Falle ist man ja hauptsächlich auf die Statistik angewiesen, die uns sagt: ist die Zahl der Fälle, wo ein Mittel geholfen hat, im Verhältnis zu denen, wo es nicht geholfen hat, sehr groß, so hilft uns da die Statistik. Wenn man aber von einer solchen Methode ausgeht, wie ich sie besprochen habe, sieht man ja in einer gewissen Beziehung aus dem Durchschauen des Krankheitsprozesses heraus, was bei einem bestimmten Heilungsprozeß eintreten muß. Pathologie und Therapie werden ja eines! Denn die Sache ist so: erkenne ich durch die Diagnose, was in der kranken Niere vor sich geht, so ist es ja derselbe Prozeß, nur auf einem anderen Niveau, den ich bei der Therapie anwenden muß: ich muß den Prozeß abfangen; ich muß durch Verbindung von Schwefel und Kieselsäure etwas in den menschlichen Organismus hineinbringen, damit ich das, was sich mir als pathologischer Prozeß darstellt, selber hervorbringe. Ich heile dadurch, daß ich eine Therapie ausbilde, die die Nachahmung des Krankheitsprozesses auf einem anderen Niveau ist, und die muß der astralische Leib ausführen. Führe ich zum Beispiel die Equisetumfunktion in den menschlichen Organismus ein, so lasse ich sie im Ätherleibe, und ich nehme dem astralischen Leib seine Arbeit an der kranken Niere wieder ab.
So verwandelt sich das, was sonst heute ganz nebeneinandersteht und nur rein empirisch zusammengefunden werden kann: Pathologie und Therapie, das verwandelt sich in eine absolute Einheit. Erkennt man in einer solchen Weise die Natur des Krankheitsprozesses, so muß man in der äußeren Natur finden, wie zum Beispiel ein besonderer Nierenprozeß imitiert wird im Equisetum arvense; oder erkennt man, daß der Gallenabsonderungsprozeß in der Leber bei bestimmten Krankheitsformen wirklich seiner inneren Natur nach so ist, daß wir diese Krankheitsform des Gallenabsonderungsprozesses zum Beispiel im Cichorium intybus finden, so sind wir imstande, daß wir durch die Art und Weise, wie die Funktion im Cichorium intybus verläuft, dem Astralleib der Leber im Gallenabsonderungsprozeß das abzunehmen, was er sonst tun muß. Wir kommen so in der Heilung in der Weise weiter, daß die Pathologie selber eigentlich nichts anderes ist als schon die Therapie. Dadurch wird die Therapie eine wirklich rationelle Wissenschaft. -— Kennt man zum Beispiel den wunderbaren Zusammenhang, der zwischen Eisen und namentlich gewissen Pflanzenschleimbestandteilen und Salzen des Anisum vulgare besteht, so kann man erkennen, wie in diesem Anis, namentlich in dem Samen von Anisum [Pimpinella anisum] etwas Funktionierendes drinnen ist, was mit gewissen überentzündlichen Krankheitsprozessen des Blutes eins ist. Wir können dem Blut diese Krankheitsprozesse abnehmen, indem wir in entsprechender Weise ein Präparat verwenden, das nachgebildet ist dem Zusammenhange zwischen gewissen Pflanzenschleimstoffen und dem Eisen im Anis. Da ist es dann so, daß wir nicht nur den astralischen Leib frei machen, sondern, wenn es sich um Bluterkrankungen handelt, ist zugleich die Ich-Organisation daran beteiligt.
So kommen wir auf diese Weise dazu, den Blick auf die ganze Natur hinzuwenden. Was die schöne Natur draußen ist, sind eigentlich lauter imitierte Krankheitsprozesse. Beim Menschen sind es innerlich Krankheitsprozesse, draußen ist es die wunderbar schöne Natur. Aber man muß den Zusammenhang verstehen und muß wissen, wie man aus dem weiten Felde der Naturprozesse in den Menschen Krankheitsfunktionen hineinbringt und dadurch Krankheitsprozesse den übersinnlichen Gliedern der menschlichen Natur abnehmen kann. Jetzt ist man nicht mehr auf eine Statistik angewiesen! Denn erkennt man einen solchen Zusammenhang durch inneres Durchschauen, und schaut man an, wie die Wirkungen auftreten müssen, dann ist das ebenso wie bei einem in exakter Wissenschaftlichkeit richtig ausgeführten physikalischen Experiment. Da geht man ja auch nicht gerade nach der Statistik vor, sondern da weiß man, zum Beispiel beim Mariotte-Gay-Lussac’schen Gesetz, daß das ein exakt ausgeführtes Experiment ist, das, wenn es exakt ausgeführt ist, auch beweisend ist. Beim Menschen ist es zwar nicht so einfach wie bei einem physikalischen Experiment, aber es ist eigentlich ebenso, wenn man beim Durchschauen des Krankheitsprozesses angeben kann: da muß dies oder jenes wirken -, und wenn man dann Stück für Stück sieht, wie es wirkt. Was dabei notwendig ist —- und das ist das, was eben gerade in dem Klinisch-Therapeutischen Institut von Frau Dr. Wegman in Arlesheim in einem so hohen Maße vorhanden ist —, das ist, daß man wirklich verbannt alle ärztliche Skepsis; denn die ist eigentlich das, was einem fortwährend die stärksten Hindernisse in den Weg legt. Was bei Frau Dr. Wegman vorhanden ist, das ist der Mut des Heilens. Der Mut des Heilens gehört zu allem dazu! Dann kommt man auch dazu, den Krankheitsprozeß zu schauen, und daß man anfängt ihm zu begegnen, indem man ihn sozusagen abfängt. Aber dann wird besonders wichtig, darauf zu sehen, wie das alles auch wirklich eintritt, wenn man nicht schlampig ist; sondern daß man den Heilungsprozeß verfolgt von Stufe zu Stufe. Und dann weiß man ja auch, wo etwas nicht in Ordnung ist; dann muß man zurückgehen und erforschen, wo man etwas übersehen hat. Aber wenn man dann in jedem einzelnen Falle den Mut des Heilens hat und tatsächlich nichts anderes voraussetzt, nichts anderes will als Heilen, als die Krankheitsprozesse mutvoll zu heilen, dann hat man dasjenige, wovon man sich am allerstärksten angeregt fühlen kann, als eine solche exaktwissenschaftliche Grundlage der Medizin, die aus einer exakten Pathologie nicht erst bloß als Konsequenz eine rationelle Therapie herausarbeiten will, sondern die schon in der Diagnose den Heilprozeß hat. Dann kann man gar nicht anders über den Krankheitsprozeß sprechen, als daß man zugleich mit der Diagnose schon die Therapie hat. Man beschreibt dann schon die Nierenerkrankung so, daß die Beschreibung ganz ähnlich ist dem, was im Equisetum arvense geschieht: man überträgt das, was man in der Niere schaut, auf ein äußeres Naturgeschehen; so daß man im Diagnostizieren so beschreibt, daß die Diagnose den Heilprozeß enthält.