Lectures on Christian Religious Work II

GA 343 — 8 October 1921, Dornach

Vierundzwanzigster Vortrag

Meine lieben Freunde! Es wird sich nun darum handeln, die Besprechungen fortzusetzen, die wir über manches Ritualmäßige gepflogen haben. Ich möchte nur zunächst auf die Bemerkung, die mir hier am Schluß [der letzten Stunde] gemacht worden ist, eine Auseinandersetzung über das sogenannte Credo einfügen, das ja in der katholischen Messe zwischen Evangelium und Offertorium eingeschoben wird und das ja überhaupt innerhalb der Bekenntnisse eine gewisse Rolle spielt. Bevor ich zur Besprechung dieses Credos übergehe, muß ich aber einiges darüber ausführen, wie der Gesichtspunkt, unter dem ein solches Credo von mir behandelt werden muß, zu kennzeichnen ist. Zunächst muß gegenüber den vielen Diskussionen, die über das Credo stattfinden, gesagt werden, inwiefern überhaupt ein solches Credo innerhalb einer Bekenntnisgemeinschaft des Christentums eine Rolle spielen kann. Nicht wahr, wenn heute über das Credo diskutiert wird, so hat man ja vielfach die Frage, ob man den einen oder den anderen Satz darin haben soll oder nicht, und wie man das Credo gestalten soll bei dieser oder jener Gelegenheit, oder besser: nach dieser oder jener Gelegenheit, bei der es angewendet werden soll und so weiter.

Nun scheint mir, daß ein Credo, also ein Bekenntnis, etwas zu glauben, zunächst doch höchstens einen Sinn haben könnte für diejenigen, die gleichzeitig gewillt sind anzuerkennen, daß sie Gründe innerer erkenntnismäßiger Natur haben, welche sie zum Aussprechen eines solchen Credos nötigen oder wenigstens ihnen das Aussprechen eines solchen Credos möglich machen. Es ist natürlich ganz unmöglich, ein solches Credo zum Beispiel etwa von einem Konfirmanden zu verlangen, das heißt überhaupt ein Credo zu verlangen von einem Konfirmanden. Kann man denn überhaupt solche Diskussionen führen — wie sie ja über das Credo geführt worden sind —, ob ein Mensch, der vielleicht 15, 16 Jahre alt ist, sich zu dem einen oder anderen bekennen soll, zu dessen Verständnis im Grunde genommen ein ganzes Menschenleben eigentlich nicht ausreicht? Dennoch diskutiert man von dem Standpunkt: Was kann der eine oder der andere von diesem Credo unterschreiben? Sie haben gesehen, daß die Jugendfeier-Zeremonie, die ich Ihnen hier gezeigt habe, natürlich von einem solchen Credo gar nichts enthält. Als ich das Ritual des Meßopfers zunächst in seinen Hauptteilen behandelt habe, da habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß in der katholischen Kirche das Credo eingeschoben wird zwischen Evangeliumlesen und Offertorium. Aber wenn man die Einschiebung des Credo gerade an dieser Stelle der Messe entweder rechtfertigen oder bekämpfen will, da müssen wiederum verschiedene Dinge in Betracht gezogen werden. Ich bin ja hier nicht am Platze, um etwas zu rechtfertigen oder zu bekämpfen, was die katholische Kirche betrifft, sondern um die Dinge auseinanderzusetzen. Was geltend gemacht werden müßte gegenüber dem Credo an dieser Stelle, was zur Rechtfertigung gesagt werden könnte, das ist: Erst wird das Evangelium gelesen, und nun kann derjenige, der die Messe zelebriert, der also der eigentlich Handelnde bei der Messe ist, in dem Credo eine Art von Antwort geben auf das, was als inspiriertes Wort im Evangelium zu ihm ertönt. Wenn nun das Meßopfer so aufgefaßt wird, daß es eigentlich nur das durch den geweihten Priester zelebrierte Opfer ist, so werden alle die Gläubigen, die an diesem Meßopfer teilnehmen, natürlich durchaus nicht damit verbunden — dem Prinzip nach -, alles das anzuerkennen, was der Priester während der zu zelebrierenden Handlung als dasjenige bekennt, was in ihm lebt. Außerdem liest der Priester ja auch stille Messen, wo er es höchstens in der Idee mit den anderen zu tun hat. Was im Credo der katholischen Messe ausgesprochen wird, muß also zunächst durchaus nicht so aufgefaßt werden, als ob es für diejenigen, die an der Opferhandlung der Messe teilnehmen, den einzelnen Sätzen nach ein Bekenntnis wäre. Etwas anderes ist es, inwiefern die katholische Kirche von ihren Gläubigen das Bekenntnis zu dem Credo verlangt. Das ist ja bis zu einem gewissen Grade ganz gewiß der Fall. Was hier verlangt wird, beruht eigentlich alles auf einer etwas largen Handhabung der Kirchenpraxis, aber in der Idee ist es schon so, daß das Bekenntnis zu dem Credo verlangt wird, wie ich es Ihnen vorgelesen habe. Es bildet ja auch das Credo den Inhalt des [katholischen] Katechismus-Unterrichtes und wird da durchaus dem Kinde in der Form, wie ich es vorgelesen habe, beigebracht. Das Credo bildet dann auch wiederum den Inhalt einer bestimmten Abteilung der Priesterweihe, über die wir werden noch zu sprechen haben; hier nimmt es natürlich eine ganz andere Stelle ein und ist zweifellos an dieser Stelle berechtigt, wenn es dasjenige enthält, was innerhalb der Kirche wirklich als Erkenntnis — anders kann man nicht sagen — vertreten werden kann. So also ist ganz gewiß das Abverlangen eines Credos, das Hinneigen zu einem Credo unmöglich, das etwa so, wie eben das gebräuchliche Credo, ich möchte sagen, einen gewissen Extrakt der Weltenweisheit, alles Weltenfühlens und Weltenwollens enthält — denn das ist gewöhnlich in einem Credo enthalten. Insofern das katholische Credo dies enthält, kann man nicht anders sagen, als daß es so, wie es den Gläubigen beigebracht wird, ihnen ganz gewiß im christlichen Sinne nicht beigebracht werden kann. Wenn vom anthroposophischen Standpunkt aus darüber gesprochen werden soll, so kann nur das folgende gesagt werden, denn es gehört wirklich eine im Grunde genommen weitumfassende Erkenntnis dazu, um das, was durch ein Credo geboten werden kann, sinnvoll hinzunehmen.

Wer zu einer wirklich aus Menschenerkenntnis heraus kommenden Pädagogik sich bekennt, der ist auch niemals dafür, daß dem Kinde etwa nur Dinge beigebracht werden, die es nun gleich versteht. Wer das tun würde, der rechnet nicht mit dem ganzen Menschenleben; er rechnet zum Beispiel nicht damit, was es bedeutet an verjüngernder Kraft, an wirklichem Zufliegen innerer Lebenskraft, wenn man, sagen wir, im vierzigsten Jahr seines Lebens sich an etwas erinnert, was man unter dem Einfluß von Autorität im zehnten Jahr hat lernen müssen, und man sagt sich nun im vierzigsten Lebensjahr: Du hast es durch deine bisherige Lebenserfahrung dahin gebracht, dasjenige, was du im zehnten Lebensjahre dem Wortlaut nach aufgenommen hast, nun aus deinem eigenen Innern heraus zu verstehen. — Einfach diese Tatsache, daß man später Dinge versteht, die man aus seiner Erinnerung hervorholen kann, macht, daß man wirkliche Lebenskraft zugeführt erhält. Eine andere Pädagogik würde vielleicht das folgende vertreten: Das Kind dürfe nicht zu irgend etwas angehalten werden, was es nicht gleich in der Praxis ausführen kann, oder vielleicht, man dürfe dem Kinde nur das beibringen, was seine Hände ohnedies vollziehen wollen.

Nun, ich habe dieses pädagogische Einschiebsel gemacht, damit Sie sehen, welche Gesinnung in einer Pädagogik herrschen kann, die auf realer Menschenerkenntnis aufgebaut wird. Aber dann muß auch, wenn es sich um so etwas wie das Credo handelt, die Empfindung hervorgerufen werden, das Kind nicht dazu anzuhalten, diese Dinge zu glauben, sondern das Kind muß deutlich die Vorstellung haben: Der Mensch, der sich mit ihm beschäftigt, der glaubt daran. — Das ist das Äußerste, was als Vorstellung hervorgerufen werden darf: Derjenige, der sich mit dem Kinde beschäftigt, glaubt daran, indem er die Dinge weiß, und das Kind muß daneben die Empfindung haben: Du kannst hineinwachsen in das Verständnis desjenigen, was dieser [erwachsene Mensch] glaubt. - Ohne diese Empfindung geht es nicht, eine Gemeinschaft zu begründen, die von innerlicher Wahrheit durchsetzt ist; das aber muß vor allen Dingen bei einer christlichen Gemeinschaft sein.

Nachdem ich das vorangeschickt habe, meine lieben Freunde, möchte ich einiges Ihnen vorführen von einem Credo, wie es kommen konnte aus der anthroposophischen Erkenntnis heraus. Ich bitte Sie, das nun so anzuhören, wie es gemeint ist, nämlich daß es eben aus einer anthroposophischen Erkenntnis heraus kommt, und daß derjenige, der eine gewisse anthroposophische Erkenntnis hat, jeden dieser Sätze wohl wörtlich unterschreiben kann, daß es aber wirklich außerordentlich schwierig ist, auch nur einigermaßen die Worte zu finden, in die man dasjenige zusammendrängen soll, was ja eigentlich erst im Laufe einer weitumfassenden anthroposophischen Erkenntnis kommen kann. Die Worte müssen schon einmal so gewählt sein, daß sie für denjenigen, der nicht darinnensteht in dem ganzen Prozeß, aus dem sich zuletzt diese Worte ergeben, in vieler Beziehung eigentlich ein bloßer Wortklang sind. Ich habe mit allen möglichen Mitteln versucht, dasjenige, was in einem solchen Credo nach anthroposophischer Überzeugung zu stehen habe, in prägnante Worte zu bringen, aber glauben Sie nicht, daß ich die Meinung habe, das sei damit durchaus schon gelungen. Dasjenige, was gesagt werden soll, das ist mir ganz klar; aber das, was gesagt werden soll, ist eben außerordentlich schwierig in Worte zu bringen, weil unsere Worte ja ihre Valeurs verloren haben in allen Sprachen, weil unsere Worte vielfach nur äußerliche Zeichen sind. Also ich bitte Sie durchaus, selbst wenn Sie manches schockieren sollte, das, was ich nun vorlesen werde, im Sinne dieser Voraussetzung als ein eventuelles anthroposophisches Credo hinzunehmen.

Ein allmächtiges geistig-physisches Gotteswesen ist der Daseinsgrund der Himmel und der Erde, das väterlich seinen Geschöpfen vorangeht. Christus, durch den die Menschen die Wiederbelebung des ersterbenden Erdendaseins erlangen, ist zu diesem Gotteswesen wie der in Ewigkeit geborene Sohn. In Jesus trat der Christus als Mensch in die Erdenwelt. Jesu Geburt auf Erden ist eine Wirkung des heiligen Geistes, der, um die Sündenkrankheit von dem Leiblichen der Menschheit“ geistig zu heilen, den Sohn der Maria zur Hülle des Christus bereitete. Der Christus Jesus hat unter Pontius Pilatus den Kreuzestod erlitten, und ist in das Grab der Erde versenkt worden. Im Tode wurde er der Beistand der verstorbenen Seelen, die ihr göttliches Sein verloren hatten; dann überwand er den Tod nach drei Tagen. Er ist seit dieser Zeit der Herr der Himmelskräfte auf Erden und lebt als der Vollführer der väterlichen Taten des Weltengrundes. Er wird einst sich vereinen zum Weltenfortgang mit denen, die Er durch ihr Verhalten dem Tode der Materie entreißen kann. Durch Ihn kann der heilende Geist wirken. Gemeinschaften, deren Glieder den Christus in sich fühlen, dürfen sich vereinigt fühlen in einer Kirche, der alle angehören, die die heilbringende Macht des Christus empfinden; sie dürfen hoffen auf die Überwindung der Sündenkrankheit, auf das Fortbestehen des Menschenwesens Und auf ein Erhalten ihres für die Ewigkeit bestimmten Lebens. —

Sie finden natürlich im wesentlichen dasjenige schon darin, was in dem überlieferten Credo schon enthalten ist. Aber ich kann nicht anders als sagen, daß in dem überlieferten Credo, sofern es in neuere Sprachen übersetzt ist, nicht mehr dasjenige zu finden ist, was eigentlich darinnen ist. Daher habe ich ja versucht, dieses Credo der katholischen Messe in der bereits vorgelesenen Weise zu übersetzen, die ich jetzt noch einmal vorbringen werde. Aber es ist etwas anderes, den Versuch zu machen, das zu rekonstruieren, was als Tradition vorliegt, als den anderen Versuch zu machen, dasjenige auszusprechen, was wirklich heute vertreten werden kann. Übersetzt würde das Credo meiner Auffassung nach so lauten:

«Ich glaube an den Einen Gott, den allmächtigen Vater, der Himmel und Erde gemacht hat, und auch alles Sichtbare und Unsichtbare.»

Dieses Wort «gemacht» ist schon einmal darin, obwohl es dem Johannes-Evangelium widerspricht; dem Johannes-Evangelium gegenüber ist kein anderer Text möglich als der:

Ein allmächtiges geistig-physisches Gotteswesen ist der Daseinsgrund der Himmel und der Erde, das väterlich seinen Geschöpfen vorangeht. Christus, durch den die Menschen die Wiederbelebung des ersterbenden Erdendaseins erlangen, ist zu diesem Gotteswesen wie der in Ewigkeit geborene Sohn.

Hier heißt es aber weiter:

«Und an den Einen Herrn Jesum Christum, den vereint geborenen Sohnesgott. Der auch aus dem Vater hervorging vor allen Zeitläuften. Der da ist Gott von Gott. Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott.»

Nun, meine lieben Freunde, es muß so übersetzt werden, aber es ist unmöglich, in solche Worte dasjenige hineinzuprägen, was heute ursprünglich aus Geisteswelten erfahren werden kann. Die hervorstechendste Tatsache, welche Ihnen das beweisen kann, schon aus ganz äußerlichen Gründen, ist die, daß in dem Wörterbuch [von Fritz Mauthner] die zwei allerbedenklichsten Artikel diejenigen sind über «Geist» und über «Gott». Dieses Wörterbuch der Philosophie ist wirklich aus dem Extrakt neuerer philologischer Gelehrsamkeit hervorgegangen, und in diesem deutschen Wörterbuch ist der Artikel «Gott» so behandelt, daß man sagen muß: Die tiefste Gelehrsamkeit ist ebensowenig in der Lage, das Wort «Gott» mit einem lebendigen Begriff zu erfüllen wie irgend etwas, was man sonst auffinden kann. Es wird gerade in dem der Menschheit allerwichtigsten Wort ein Wortklang ausgesprochen, der nicht mit einem lebendigen Begriff erfüllt werden kann, will man etymologisch, philologisch irgendwie zu dem Ursprung des Wortes «Gott» kommen. Die heutige Wissenschaft kann es nicht. Fritz Mauthner bringt es zusammen mit dem Wort «gießen», also dasjenige, was hingegossen wird, was in die Welt sich ausgießt, und das würde dann zurückführen auf ein altes Wort «Götze», das verwandt wäre mit «Gott». Sehen Sie, so steht es heute mit denjenigen, die sich viel damit beschäftigt haben, den Ursprung des Wortes «Gott» zu finden.

Das, was man aus dem Geisteswissenschaftlichen heraus sagen kann, das ist, daß das Wort «Gott» auf etwas hinweist, was eine Verwandtschaft ausdrückt, und was in der gemeinen Sprache noch nachklingt in einzelnen Dialekten, die das Wort «God» haben, weiblich die «Godel», was auch in dem Namen «Goethe» steckt, der ja ursprünglich gelautet hat «Goede». Es ist der Pate, es ist derjenige, zu dem eine geistige Verwandtschaft da ist. Das Wort hängt innig damit zusammen, daß diese Verwandtschaft empfunden wurde im monotheistischen Sinne, daß gewissermaßen der eine große Weltenpate, den man wie den im Geiste vermeinten Vater fühlte, in Gegensatz gestellt wurde zu irgendwelchen Zufallspaten. So ist wohl das Wort aus primitiven, monotheistischen Religionsstufen herausgewachsen und hat wohl überhaupt in Nordasien einmal geheißen der «Ongod», der eine große Pate, und diese Vorsilbe «On» weist eben durchaus hin auf den monotheistischen Ursprung derjenigen Vorstellungen, die mit dem Gotteswort zusammenstimmen.

Also Sie sehen, wer mit wirklich innerer Gewissenhaftigkeit die Worte wählt, der ist nicht in der Lage, sie so leicht hinzusprechen, wie das gewöhnlich heute geschieht. Das Einfühlen in diese Worte, das Sichhineinleben in die Worte, das muß tatsächlich ein Lebensprozeß sein. Heute, wo man glaubt, aus einer Sprache in die andere übersetzen zu können, indem man das Wörterbuch nimmt und dann das Wort, das da steht, einfach hineinstellt in den Satz, kann ja überhaupt kein Mensch mehr eine Empfindung haben für das, was da zugrundeliegt. Denn gewöhnlich kann man das Wort, das im Wörterbuch steht, am allerwenigsten brauchen, wenn man den wirklichen Sinn übersetzen will. Man kann höchstens durch das Wort im Wörterbuch auf das kommen, was gemeint ist, und charakteristisch dafür ist, daß selbst die Schulwörterbücher im Laufe von fünfzig Jahren in dieser Beziehung furchtbar schlecht geworden sind. Man kennt kaum alles das, was seither an Wörterbüchern verbrochen worden ist.

Nun finden wir aber in diesem Credo außer dem, «der da ist Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott» auch «Licht vom Licht». Nun, meine lieben Freunde, vor vielleicht zwanzig oder einundzwanzig Jahren habe ich einmal einen Aufsatz geschrieben, der etwa das folgende enthielt. Ich schrieb: Man redet in der Physik vom Licht so, als ob man das Licht schen würde; ich frage aber: hat man schon einmal das Licht gesehen? Farben sieht man; alle, auch die weißen Farben sind irgend etwas, was am Lichte entsteht, das Licht ist aber etwas, das niemand mit Augen sehen kann, es ist der Vermittler des Die-Gegenstände-farbig-Sehens, aber das Licht selbst bleibt unsichtbar im lichterfüllten Raum. - Stellen Sie sich nur einmal vor, als Mittelpunkt in einem Raume stehend, der keine Gegenstände enthielte, sondern nur Licht, ob Sie etwas sehen würden? Sie wären geradeso wie in einer Finsternis, nur würden Sie anders fühlen, aber sehen können Sie das Licht nicht. Man redet überall so, als ob man das Licht sehen könne. Die Physik hat - schrecklichster der Schrecken — statt einer Farbenlehre eine Lichtlehre. Sie wissen ja allerdings, was das Licht ist: Wellenbewegung. Nun stellen Sie sich die einmal vor und vergleichen Sie sie mit der Vorstellung des Lichtes, die Sie gar nicht aus der äußeren Erfahrung haben können, dann werden Sie ja sehen, was eine solche Theorie für eine Bedeutung hat. So ungefähr muß es der moderne Mensch empfinden in seiner Wahrheit, wenn er die Worte «Licht vom Licht» hört.

Nun kommt ein Satz im Credo, der, wenn es sich um bloßes Übersetzen handelt, auch nicht anders übersetzt werden kann, als wie hier steht:

«Abstammend, doch nicht hervorgebracht, Einer Wesenheit mit dem Vater: durch den alles gemacht ist.»

«Vater, durch den alles gemacht ist» widerspricht ja dem Johannes-Evangelium, weil es da ausdrücklich heißt, daß alle Dinge, die gemacht sind, durch den Logos gemacht sind. Aber «Abstammend, doch nicht hervorgebracht» - ja, meine lieben Freunde, dazu gehört eine ausgebreitete Wissenschaft, um solch eine Sache zu verstehen, die man ja zu der Zeit, als die letzten Credos in dieser Art abgefaßt worden sind, durchaus hat gebrauchen können, die man aber heute nicht mehr unmittelbar gebrauchen kann. Daher kann ich das, was hinter dieser Sache steckt, nicht anders ausdrücken als indem ich sage:

Christus... ist zu diesem Gotteswesen wie der in Ewigkeit geborene Sohn

womit nicht auf eine Geburt in der Zeit hingewiesen wird, sondern wo darauf hingewiesen wird, daß nun das Wort geboren ist und nun nicht in dem Sinne genommen werden darf, wie es gewöhnlich genommen wird.

«Der für uns Menschen und wegen unsrer Heilung aus den Himmeln herabgestiegen ist. Der auch in das Fleisch gekommen ist von dem heiligen Geist aus der Jungfrau Maria, und der Mensch geworden ist.»

Ich kann keinen anderen Text bekommen als diesen:

In Jesus trat der Christus als Mensch in die Erdenwelt. Jesu Geburt auf Erden ist eine Wirkung des heiligen Geistes, der, um die Sündenkrankheit von dem Leiblichen der Menschheit geistig zu heilen, den Sohn der Maria zur Hülle des Christus bereitete.»

Wenn es gewünscht sein sollte, so können wir ja auch noch über die jungfräuliche Geburt in einem anderen Zusammenhang, der nicht zu dem Rituellen gehört, sprechen.

«Der auch für uns gekreuzigt worden ist: unter Pontius Pilatus, der gestorben und begraben worden ist.»

Nun, das ist ja so, daß man es so ausdrücken muß:

Der Christus Jesus hat unter Pontius Pilatus den Kreuzestod erlitten, und ist in das Grab der Erde versenkt worden.

Ja, nun heißt es weiter:

«Und der am dritten Tage auferstanden ist im Sinne der Schriften. Und der in den Himmel wieder erhoben worden ist.»

Das sind natürlich Vorstellungen, die richtig so gegeben werden müssen:

Er ist seit dieser Zeit der Herr der Himmelskräfte auf Erden und lebtals der Vollführer der väterlichen Taten des Weltengrundes.

[In der Übersetzung des Credo]:

«Und der in den Himmel wieder erhoben worden ist, der zur Rechten des Vaters sitzet, und sich wieder offenbaren wird, zu richten die Lebenden und die Toten, dessen Reich endlos ist. Und an den heiligen Geist, den Herrn und Leben-Erwecker: der aus dem Vater und dem Sohne hervorgegangen ist. Der mit dem Vater und dem Sohne zugleich angebetet und geoffenbart wird, der geredet hat durch die Propheten. Und an die Einzige heilige katholische und apostolische Kirche. Ich bekenne mich zu einer Taufe zur Austilgung der Verkehrtheit. Und ich hoffe auf die Auferstehung der Toten und auf ein Leben in künftigen Zeitkreisen. Ja, so sei es.»

Also wie gesagt, ich kann nichts anderes sagen als dasjenige, was ich hier mitgeteilt habe in bezug auf das, was aus anthroposophischen Untergründen heraus mit allen Schwierigkeiten nun heute als ein wirkliches Credo zusammengefaßt werden kann. Sie können das, was hier zusammengefaßt ist, so betrachten, daß es wirklich im Sinne einer anthroposophischen Erkenntnis in jedem einzelnen Worte unterschrieben werden kann, wenn das Wort nun wirklich mit allen inneren Valeurs genommen wird. Denn auch für diese anthroposophische Erkenntnis stellt sich heraus, daß man durchaus den Auferstehungsgedanken festzuhalten hat, und daß man auch das festzuhalten hat, was uns entgegentritt in den Worten, die Sie ja auch im katholischen Credo finden, wenigstens in den meisten Fassungen, daß der Christus zu den Toten — oder wie es auch heißt, «in die Hölle» - hinuntergefahren ist. Das mußte ich ausdrücken in der Weise, daß ich sagte:

Im Tode wurde er der Beistand der verstorbenen Seelen, die ihr göttliches Sein verloren hatten; dann überwand er den Tod nach drei Tagen.

Es ist ja eine für die Geisteswissenschaft durchaus erkennbare Tatsache, daß nicht nur die Entwickelung der Lebendigen vor sich geht in all der Differenzierung in den aufeinanderfolgenden Epochen des Erdendaseins, wie Sie das ja aus anthroposophischen Darstellungen kennen, sondern auch das Leben der Toten in Entwickelung vor sich geht. Und dieses Leben der Toten war in der Zeit, als sich das Mysterium von Golgatha abspielte, so, daß in der Tat der griechische Ausspruch, der damals mit den Mysterien zusammenhing, wahr war: Lieber ein Bettler in der Oberwelt als ein König im Reiche der Schatten —, also der Toten, denn die Toten waren dazumal in der Gefahr, daß ihnen das Göttliche, das Astralische, das in der Menschheit vorhanden war, verloren ging und sie überhaupt ihr göttliches Sein ganz aufgeben mußten. Der Christus ist zu ihnen gekommen, um ihnen das Leben zu retten.

Das ist wahrhaftig durchaus nicht etwa eine Reminiszenz aus dem Katholizismus, wie man leicht glauben könnte, wenn die Geisteswissenschaft das hinstellt. Ein sehr gescheiter Mensch der Gegenwart, ein philosophisch Durchgebildeter, wie man es heute nennt, würde notwendig sagen, auf so erwas komme nur derjenige, der es als Reminiszenz erlebt. Nun, ich kann Ihnen die Versicherung geben, für mich bestand niemals die Gelegenheit, katholische Reminiszenzen zu erleben, sondern ich mußte gezwungen werden durch die Erkenntnis der Tatsachen der übersinnlichen Welt zu jedem einzelnen dieser Dinge.

Wenn es sich um die Bildung von neuen Gemeinschaften im christlichen Sinne handelt, so glaube ich allerdings, daß dieses Credo zunächst eine Unterlage bilden könnte für den Zusammenhalt der Gemeinschaften durch die führenden priesterlichen Persönlichkeiten. Aber ich glaube auch noch etwas anderes: Ich glaube, daß eingerichtet werden sollten, mindestens für diejenigen, die sich vorbereiten wollen zum Priesterberuf, lange theologische Studien zur Exegese oder Interpretation desjenigen, was in diesem Credo enthalten ist. Ich kann nicht anders als dies glauben, weil ja in der Tat diese Dinge erst nach und nach errungen werden können, und weil es mir scheint, daß nach einer gewissen Übergangszeit — wenn, wie ich hoffen möchte, die Neubelebung des religiösen Lebens, wie sie angestrebt wird durch unsere Freunde, Erfolg hat — dann in der Tat auch das theologische Studium danach eingerichtet werden muß. Und dann scheint mir, daß zum Begreifen des Credo durchaus schon ein paar Jahre Theologiestudium notwendig sein werden. Das aber wird, wenn es in dem Menschen eine rechte Empfindung der Wahrheit hervorrufen wird, von selbst davor bewahren, etwa ein Credo oder dergleichen von Konfirmanden zu verlangen.

Christian Geyer bittet Herrn Dr. Steiner, das Credo noch einmal vorzulesen.

Rudolf Steiner:

Ein allmächtiges geistig-physisches Gotteswesen ist der Daseinsgrund der Himmel und der Erde, das väterlich seinen Geschöpfen vorangeht. Christus, durch den die Menschen die Wiederbelebung des ersterbenden Erdendaseins erlangen, ist zu diesem Gotteswesen wie der in Ewigkeit geborene Sohn. In Jesus trat der Christus als Mensch in die Erdenwelt. Jesu Geburt auf Erden ist eine Wirkung des Heiligen Geistes, der, um die Sündenkrankheit von dem Leiblichen der Menschheit geistig zu heilen, den Sohn der Maria zur Hülle des Christus bereitete. Der Christus Jesus —

Ich bitte zu beachten, daß hier die zwei Worte zusammengefaßt werden: Vorhin war «Christus», und dann war «Jesus». Nun werden hier die zwei Worte zusammengefaßt:

Der Christus Jesus hat unter Pontius Pilatus den Kreuzestod erlitten, und ist in das Grab der Erde versenkt worden.

Ich kann das nur so ausdrücken.

Im Tode wurde er der Beistand der verstorbenen Seelen, die ihr göttliches Sein verloren hatten; dann überwand er den Tod nach drei Tagen. Er ist seit dieser Zeit der Herr der Himmelskräfte auf Erden und lebt als der Vollführer der väterlichen Taten des Weltengrundes. Er wird einst sich vereinen zum Weltenfortgang mit denen, die Er durch ihr Verhalten dem Tode der Materie entreißen kann. Durch ihn kann der heilende Geist wirken. Gemeinschaften, deren Glieder den Christus in sich fühlen, dürfen sich vereinigt fühlen in einer Kirche, der alle angehören, die die heilbringende Macht des Christus empfinden; sie dürfen hoffen auf die Überwindung der Sündenkrankheit, auf das Fortbestehen des Menschenwesens Und auf ein Erhalten ihres für die Ewigkeit bestimmten Lebens.

Und nun möchte ich, bevor ich weitergehe in der Besprechung des Meßopfers, das ja der Hauptsache nach in seinen vier Teilen bereits besprochen ist, damit Sie sehen, wie die Dinge, um die es sich hier handelt, durchaus auch dazu führen können, das lebendige Wort des Evangeliums in alles hineinzuleiten, darüber sprechen, wie ein Begräbnisritual zustandekommen kann, und zwar das Begräbnisritual, das unser Freund, der Pfarrer Schuster, durchaus in meiner Anwesenheit bei Begräbnissen gebraucht hat, so daß für mich der Gebrauch durchaus aus der unmittelbaren Anschauung ein erprobter ist.

Dieses Begräbnisritual, das ebenso gebraucht werden kann bei der Feuerbestattung, dieses Begräbnisritual hat nun den folgenden Inhalt. Zunächst der Teil, der im Sterbehaus vollzogen wird. Er ist, wie es mir scheint, wie es einem Begräbnisritual geziemt, einfach:

In die Ruhe des Seelenseins
Wandert die Seele unseres lieben Entschlafenen.
In das Licht der Geisteswelt
Tritt der Geist unseres lieben Entschlafenen.
Ewiger Geist, der Du bist mit ihm,
Ewiger Geist, der Du bist mit uns,
Erfülle unsere Seelen.
Christus, der Du bist in uns,
Christus, der Du bist in ihm,
Erfülle unsere Gedanken.

Das Vaterunser wird nun gebetet. Nach dem Vaterunser:

Lasse ihn finden, ewiger Geist,
Die Kraft des Lebens im Seelenlichte,
Lasse ihn weben in Deinem Weltenwillen.
Erhöre, ewiger Geist, Deines Dieners Denken,
Das sich erhebt zu Dir.
Der Geist erfülle die Herzen der Anwesenden.
Die Anwesenden senden ihre Gedanken aus dem Reich
des Irdischen
Aus dem unser lieber

— hier wird der Name genannt —

scheidet
Hin in das Reich des Grenzenlosen
Des außerzeitlichen Weltenseins,
In das er nun eintritt,
Zu leben in der Kraft des Willens,
Der in Christus der Menschheit die Ewigkeit hat erringen können,
Der für die Menschheit das Seelenauge erschlossen hat
Zu schauen die Welt des ewigen Seins.
In die Ruhe des Seelenseins
Wandert die Seele des lieben ... (Namen)
In das Licht der Geisteswelt,
Tritt der Geist des lieben ... (Namen)

Nun folgt eine Besprengung mit Weihwasser. Das ist die Zeremonie im Hause.

Die Zeremonie am Grabe oder an der Verbrennungsstätte:

Es wird über das Grab oder den Verbrennungsherd das Kreuzeszeichen gemacht, dann wird gesprochen:

An der Stätte, da wir vereinen Dein Sterbliches dem vergänglichen Wesen der Elemente, Erheben sich unsere Gedanken zu dem Ort deiner Seele, Im Offenbaren des Vaters (Kreuzeszeichen), des Sohnes (Kreuzeszeichen) und des heiligen Geistes (Kreuzeszeichen). Amen. Ewiger Geist,
In dessen Willen die Seelen weben,
Erfasse Deines Dieners Seelenweben
Und lasse ihn erfahren das Geistsein der Geister
Durch des Christus Kraft,
Der da sei in ihm
Der da sei in uns.
Ich bin die Wiedergeburt im Tode,
Ich bin das Leben im Sterben,
So spricht Christus,
Der da sei in uns.
Wer mich erfühlet in sich,
Der lebet,
Auch wenn er stirbt;
Wer mich in seine Gedanken aufnimmt,
Der geht durch die Zeit in das Zeitlose.
Ewiger Geist,
Schaue auf uns.
Christus in uns.

Nun folgt wieder das Vaterunser. Nachher:

Lasse ihn finden, ewiger Geist,
Die Kraft des Lebens im Seelenlichte.
Lasse ihn weben in Deinem Weltenwillen.
Erhöre, ewiger Geist, Deines Dieners Denken,
Das sich erhebt zu Dir.
Der Geist erfülle die Herzen der Anwesenden.
Die Anwesenden senden ihre Gedanken
Aus dem Reich des Irdischen,
Aus dem der liebe ... (Namen) scheidet
Hin in das Reich,
In das er tritt,
Und wo die Liebe des Geistes webet
Dem seligen Geiste das Seelenauge
Zu schauen der Geister Welt.
Da schaue er des Geistes Sein,
Da wirke er im Reich,
Dem er geneigt
Seine Gedanken,
Als dem Reich,
Das seine Seele
Nannte seine Heimat.
Durch Christum, der da sei in ihm.
Dahin folgen ihm unsere Gedanken
Wo er wirket als Geist unter Geistern.
Durch Christum, der da sei in ihm. Amen.

Es folgt das Eintauchen des Weihwedels in das Weihwasserfaß und es wird die Leiche respektive das, worin sie ist, mit Weihwasser besprengt:

Mit dem Atem des Lichtes

— so wird weitergesprochen —

sei durchdrungen Diese Seele von dem dreieinigen Geiste, dem Vater (Kreuzeszeichen), dem Sohne (Kreuzeszeichen) und dem heiligen Geiste (Kreuzeszeichen). Amen. Ewiger Geist, lasse ihm werden Die Ruhe des Seelenseins, Das Licht der Geisteswelt leuchte ihm.

Weihrauch wird ergossen über die Leiche.

Bedenke, O Mensch, Daß du dem Geiste verpflichtet bist Für alles, was du vollbringst In Gedanken, Worten und im Tun. Mögest du finden, ewige Seele, Im Tode die Wiedergeburt durch die Kraft Christi, Der durch seinen Tod überwunden hat Der Menschen Seelentod; Möge dir werden Seine Kraft, Indem du trittst aus dem Irdischen ins Geistige. Amen. Ewiger Geist, Lasse ihm werden die Ruhe des Seelenseins. Das Licht der Geisteswelt leuchte ihm.

Dieses Begräbnisritual konnte im Grunde in einer Anlehnung an gebräuchliche Begräbnisrituale gefaßt werden. Wie gesagt, es ist ein erprobtes Begräbnisritual. Es sind tatsächlich die geistigen Vorgänge, um die es sich handelt, wenn in der richtigen Gesinnung dieses Begräbnisritual gesprochen wird, diejenigen, die die Seele des Toten am besten hinüberleiten aus der Welt des physischen Daseins in die Welt des geistigen Daseins. Es handelt sich, wenn von einem Ritual die Rede ist, ja wirklich darum, daß man nach seinem Vermögen und seiner Fähigkeit in den Dingen ganz darinlebt, um die es sich handelt. Es ist manches zu lernen aus dem, was überliefert ist. Es ist zum Beispiel schon sehr viel zu lernen, wenn man in den alten Kirchenverfassungen studiert, was das Verrichten des Kreuzeszeichens von seiten der Gläubigen und von der Seite des Priesters ist. Die Gläubigen verrichten ja das Kreuzeszeichen, indem sie sprechen: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. — Das Kreuzeszeichen wird gemacht beim Vater auf die Stirn, beim Sohn auf das Kinn, beim Heiligen Geist auf die Brust. Der Priester verrichtet das Kreuzeszeichen nicht so, sondern so, daß er über den ganzen Oberkörper das einheitliche Zeichen macht. Das soll durchaus auf ein tiefes Mysterium hinweisen, ich möchte sagen, auf jenes Mysterium, das uns zeigt, wie derjenige, der auf dem Wege ist zum Sichhineinleben in das Leben, das eben das religiöse genannt werden muß, in anderer Art empfindet als derjenige, der bis zu einem gewissen Grade das Ende dieses Weges erreicht hat. In diesen zwei verschiedenen Kreuzeszeichen ist es ja tatsächlich ausgedrückt, daß es eines tiefen Erlebnisses bedarf, die Drei in der Eins nach und nach zu finden.

Gewiß, meine lieben Freunde, ich habe einen Sinn, und ich darf vielleicht sogar sagen, ein Herz für alle die Kritiken, die dagegen vorgebracht worden sind, daß Drei Eins sein soll und Eins Drei in der göttlichen Dreieinigkeit. Ich habe einen Sinn und ein Herz dafür, und ich kann es bei jedem verstehen, sowohl bei demjenigen Menschen, der heute, sagen wir, zu den ganz Gescheiten gehört, und ich kann es auch verstehen bei dem jugendlichen übermütigen Goethe. Aber das wahrhafte Verständnis für diese Dinge liegt eben so tief, daß das kritische Reden über diese Dinge zumeist nichts anderes ist als der Beweis dafür, daß man eben keinen Zugang zum Verständnis hat. Sehen Sie, es ist ja leicht zu sagen, Drei ist nicht Eins. Die Arithmetik lehrt ja das ganz gewiß, und die äußere sinnliche Anschauung lehrt das auch. Aber diese Arithmetik, die wir ja nur hineintragen in die äußerliche sinnliche Anschauung, die ist ja zunächst von uns selbst auf diese äußerliche sinnliche Anschauung geprägt. Und diese Arithmetik, die wir heute haben, geht nicht einmal sehr weit zurück in der Zeit der Menschheitsentwickelung. Schon der Pythagoreismus, der ja nur wenige hundert Jahre vor dem Mysterium von Golgatha liegt, kann nicht verstanden werden aus der gegenwärtigen Arithmetik heraus. Denn wie zählt die gegenwärtige Arithmetik? Eins, zwei, drei. Jedes ist Eins, und alle drei sind halt Drei. So zählt man. Wenn man das Zählen sich nur zurechtrückt für die sinnlich-physische Welt, da ist das ganz gut. Aber dieses Zählen verliert jeden Sinn, wenn man es anwenden will auf die übersinnliche Welt. Da muß man ganz anders zählen. Gewiß, man kann in die übersinnliche Welt gehen, und wenn man dasjenige, was dort das Inspirierte ist, auch ungefähr so berechnet, wie man die Dinge auf der Erde berechnet, dann kann man die irdische Arithmetik anwenden; selbstverständlich kann man sie dann anwenden, nur hat man nichts davon. Geld zu zählen braucht man dort nicht, und von den anderen Dingen hätte man gar nichts, wenn man sie mit Arithmetik behandeln würde wie in der physischen Welt und sie in irdischer Weise zählen würde. Da muß man nämlich anders zählen, ich kann es nur versinnlichen (es wird an die Tafel gezeichnet):

Blackboard Drawing
Blackboard Drawing

Da haben Sie überall (1=1), (1=2), (1=3), (1=4) und so weiter. Nicht das Gesetz des Zählens, sondern das Gesetz des Analysierens ist dasjenige, was schon in der seelischen Welt — nicht bloß in der geistigen Welt — eine wirkliche praktische Anwendung zuläßt. Während wir in bezug auf das Zählen hier in der physischen Welt zurechtkommen, wenn wir synthetisieren, ist die Arithmetik des Übersinnlichen eine analytische. Da handelt es sich darum, daß in der Einheit alle Zahlen enthalten sind. Und Psychologie wird man überhaupt erst wiederum studieren können, wenn man die schauderhafte Assoziationslehre, die eine subjektive Sache ist, wo ein Gedanke addiert wird mit dem anderen Gedanken, was nicht im geringsten einer Wirklichkeit entspricht, endlich herausgebracht haben wird aus der Seelenlehre. Man hat es nämlich [im Übersinnlichen] mit solchen Vorgängen zu tun, die sich nur mit einem solchen Zählen und Rechnen erfassen lassen, wo die Einheit jede Zahl in sich schließt. Erst wenn man daran geht, einzusehen, wie dasjenige, was in einer höheren Welt eine Einheit ist, was als eine Einheit geschaut werden kann, in der Tat in einer niedrigeren Welt als die Drei auftritt, gelangt man allmählich dazu, das Mysterium der Drei in der Eins und der Eins in der Drei zu verstehen, trotzdem das keineswegs bloß etwas Arithmetisches ist. Das Arithmetische ist nur das Allergeringste, der Anfang zu diesen Dingen. Kommt man in das Qualitative hinein, was ja auch in dem Gotte der Dreifaltigkeit enthalten ist, dann muß man eben auch dahin kommen, so zu zählen (es wird an die Tafel geschrieben):

Das heißt, man muß ins qualitative Zählen gehen, und das qualitative Zählen ist etwas, was mit der inneren Beschaffenheit der Dinge zusammenhängt. Das qualitative Zählen führt immer auf konkrete Differenzierungen, während unser synthetisches Zählen immer mehr auf Abstraktes führt. Versuchen Sie einmal, das gewöhnliche heutige synthetische Zählen zu verwenden: 1 Apfel, 2 Äpfel, 3 Äpfel. Nun ja. Aber wenn hier ein Apfel liegt, eine Birne und eine Zwetschge, da können Sie nicht mehr im Konkreten bleiben, wenn Sie das zusammenzählen: 1, 2, 3; da können Sie nicht sagen, es sind 3 Äpfel oder 3 Birnen oder 3 Zwetschgen, sondern Sie können höchstens sagen, es sind 3 Stück, das heißt, Sie geraten in Abstraktes hinein. Es ist gerade der umgekehrte Weg, den die quantitative Arithmetik geht gegenüber der qualitativen Arithmetik, die immer mehr und mehr ins Konkrete hineinführt. Sie hat ein Schöpferisches in dem Begriff der Zahl, der in dem Satz enthalten ist: «Denn Gott hat die Welt geordnet nach Maß, Zahl und Gewicht». Er hat sie wahrlich nicht so geordnet wie etwa ein General seine Truppen ordnet, sondern nach der schöpferischen, qualitativen, analytischen Zahlenordnung.

Wenn Sie sagen, solche Dinge seien heute doch nicht notwendig, denn wir könnten ganz gut ein religiöses Leben entwickeln, ohne diese Dinge zu wissen, dann sage ich Ihnen: Gewiß, für die Gläubigen mag das alles gelten, aber der Seelsorger muß diese Dinge wissen, weil er seine Aufgabe im Einklang mit dem ganzen Gang der Menschheitsentwickelung erfüllen muß. Er muß wissen, daß diese Dinge eine sehr reale Bedeutung haben.

Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, wo diese Dinge heute eine sehr reale Bedeutung haben können. Sehen Sie, man lernt heute schon in früher Jugend die Kopernikanische Weltentheorie. Diese Kopernikanische Weltentheorie wird in Kontinuität auf zwei Sätze des Kopernikus zurückgeführt, während sein dritter Satz immer unterdrückt wird. Was die heutigen Astronomen machen, ist folgendes: Sie zählen die Umdrehungen der Erde um sich selbst zusammen. Diese Umdrehungen der Erde um sich selbst, um ihre Achse, werden nun ein jedes Jahr in der Bahn einer Ellipse fortschreitend gemacht im Laufe von 365 Tagen zu 24 Stunden. Aber während die Erde sich da herumdreht, so sagen die Astronomen, dreht sie sich noch ein weiteres Mal um sich selbst. Sie können sich das so vorstellen: Wenn Sie sich um sich selbst herumdrehen, so zählen Sie eine Umdrehung, wenn Sie wieder so stehen wie zuerst. Aber wenn Sie gleichzeitig sich um einen Mittelpunkt oder um ein Inneres drehen, so müssen Sie sich jedesmal um ein Stück weiter drehen als eine Umdrehung. Wenn Sie da nun zusammenzählen 365 plus eins, so merkt man nicht, daß in der Welt die Sache anders ist, als wenn der Mensch sich so herumdreht. Wenn sich die Erde oder die Welt einmal herumdreht, dann wird die Sache konkret, dann müssen Sie sagen: 365 Erdentage plus ein Weltentag; und wenn Sie das zu 366 zusammenzählen, so ist das geradeso, wie wenn Sie zusammenzählen 4 Birnen und 1 Apfel gibt 5 Birnen. Und der Fehler, der da zugrundeliegt, hat bewirkt, daß heute noch die Leute glauben, die Erde laufe im Laufe eines Jahres um die Sonne herum, was nämlich gar nicht der Fall ist in Wirklichkeit. Sie geht in einer Kurve hinter der Sonne nach, die Sonne bewegt sich in einer Spirale fort — (während der folgenden Ausführung wird an der Tafel demonstriert) -, die Erde läuft ihr nach in derselben Schraubenlinie. Wenn Sie so hinsehen, ist die Sonne auf der Linie, wenn die Sonne untergegangen ist und die Erde ist hier, so sehen Sie so hin; dadurch entsteht die Illusion, als ob die Erde sich um die Sonne herumbewege. In Wahrheit läuft sie ihr in einer Schraubenlinie nach.

Ich erwähne das nur, ich kann das natürlich nicht in all der Breite ausführen, in der es ausgeführt werden sollte, aber es beruht das eigentlich im wesentlichen auf einer Nichteinsicht in die Art und Weise, wie die schaffende Arithmetik und die schaffende Geometrie wirken gegenüber derjenigen, die wir als die auf die Sinneswelt anwendbare Arithmetik und Geometrie gebrauchen. Man muß schon wissen, wie wenig es richtig ist, so ohne weiteres die wissenschaftlichen Begriffe heute heranzunehmen; die wichtigsten stimmen ja nicht. Man kann sie den Leuten leicht beibringen; man kann dann übergehen von diesem Herumrollen [der Erde] um die Sonne zu dem Kreisen eines Weltnebels, wie in der Kant-Laplaceschen Theorie und dem Abspalten [des Sonnensystems] daraus. Das kann man sogar sehr anschaulich machen, der Anschauungsunterricht im Sinne der heutigen Pädagogik vermag ja alles mögliche zu leisten, nicht wahr. Man nimmt Wasser und Spiritus und läßt eine Kugel sich bilden aus einem Stoffe, der auf dem Wasser schwimmt, eine Ölkugel, nimmt ein Stück Kartenblatt, das man mit einer Stecknadel genau in die Mitte der Kugel hineinsteckt. Nun fängt man an zu drehen: Es trennen sich richtig kleine Kugeln ab und das Miniaturweltensystem entsteht. Warum sollte es draußen nicht auch so sein? Aus dem einfachen Grunde, weil es nötig wäre, daß dort auch der große Herr Lehrer stünde und den Riesenstift durchsteckte. Man muß, wenn man eine Erscheinung beschreibt, sie wirklich ganz genau beschreiben. Selbstlosigkeit ist ja sonst sehr gut, aber dieses Weglassen des Herrn Lehrers aus einem Experiment ist eben eine wissenschaftlich viel zu weitgehende Selbstlosigkeit; denn er ist da und er darf nicht weggeleugnet werden.

Es ist schon so, daß derjenige, der an die Erneuerung des religiösen Lebens herantritt, sich sehr gründlich befassen muß mit all demjenigen, was heute die Begriffe verwirrt, was solche verworrenen Begriffe schafft. Er muß sich befassen damit, daß an ihnen wahrhaftig mit nicht weniger Autorität festgehalten wird als an den Begriffen, die Kirchendogmen sind. Denn wahrhaftig, es ist an die Dreieinigkeit nie fester geglaubt worden, als die modernen Menschen an solche Weltentheorien glauben, und sie tun das letztere nicht mit mehr Grund, als die anderen das andere getan haben oder tun. Der Autoritätsglaube ist heute nur auf ein anderes Gebiet hingezogen. Und die Leute sind wirklich weiße Raben, welche so reden wie Herman Grimm — ich glaube, ich habe es Ihnen schon gesagt —, der in bezug auf die Kant-Laplacesche Theorie sagte, daß ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund herumktreist, als ein appetitlicheres Stück anzusehen ist als diese Weltentheorie, über deren Wahnsinn sich spätere Zeiten wundern würden, und darüber sich wundern werden, daß dieser Wahn in einer Zeit wie der unsrigen von weiten Kreisen hat aufgenommen werden können. Das zu verstehen, wird einmal ein schwieriges Problem der Kulturgeschichte späterer Zeiten werden.

German original of Twenty-fourth Lecture · ← Previous · Next →