Lectures on Christian Religious Work II
GA 343 — 9 October 1921, Dornach
Siebenundzwanzigster Vortrag
Meine lieben Freunde! Ich habe die Meditationen für den Jahreslauf geführt bis in die Zeit, welche etwa auf den 21./23. Juli bis zum 22., 23. August fallen würde, die Zeit, die ich die Zeit der Reifung genannt habe. Wenn wir in dieser Zeit uns mit der Welt durchdringen, von der Welt durchdringen lassen, dann fühlen wir —- nachdem wir meditativ uns in dasjenige versenkt haben, was ich vormittags vorgebracht habe - nicht nur, wie der Geist wirkt in dem Werdenden und gewissermaßen dem Lichte nach, sondern wir fühlen das Werden der Außenwelt selbst als Geist. Und ich kann dann sagen für diese Zeit in demselben Sinn wie vormittags für die anderen Zeiten, also für die Zeit etwa vom 22. Juli bis zum 23. August: Erstens, das Werden als Geist, der erfüllt. (Es wird an die Tafel geschrieben:)

1. Werden als Geist, der erfüllt
Zweitens werde ich zu fühlen versuchen, wie das Licht nicht nur so, wie ich sagte, beim Übergang von der Johannizeit zu dieser Zeit fortwirkt, sondern wie das Licht gewissermaßen in der Finsternis sich gebiert. Also: die Wirkung des Lichtes in der Finsternis. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
2. Wirkung des Lichtes in der Finsternis
Und kann ich das fühlen, so werde ich wie um mich herum verspüren das Ruhevolle des in der Natur webenden Geistes. Ich machte schon am Vormittag darauf aufmerksam, wie mir das Gesamte, das da reift, während es früher gesproßt hat, erscheint wie ausgegossene Ruhe, in welcher das Licht der Sonne geistig weht. Also: Das Ruhevolle des Geistwebens. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
3. Das Ruhevolle des Geistwebens
Und als viertes fühle ich mich selber ununterschieden in dem äußeren Geistigen, als Teil des Geistigen, also: Das Miterleben des Äußeren im Geiste. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
4. Das Mit-Erleben des Äußeren im Geiste
Das würde die Meditation sein, die gerade an der reifenden Natur in der Augustzeit entwickelt werden kann, und wir werden finden, daß gerade in diese Zeit hinein die Schriften des Paulus als solche auf uns wirken können, indem wir ihnen verständnisvoll entgegenkommen. Während also in vorhergehenden Zeiträumen der Kontrast des Johannes und des Paulus vor unsere Seele gestellt werden soll oder von uns vor die Seele der Gemeinde gestellt werden soll, wird für diese Zeit besonders bedeutsam, wenn wir die ganze Paulus-Bedeutung hinstellen vor uns selbst oder vor die Gemeinde.
Dann kommen wir in die Zeit, in der der Sommer sich dem Herbste zuneigt, in der die Natur uns jene Stimmung entgegenbringt, die genannt werden kann die Erwartung der Gaben der Reife, wo wir also erwarten, wie dasjenige, was vorerst auf uns als Reifendes gewirkt hat, uns dann zufallen wird. Das ist also dann die Zeit vom 23. August bis zum 23. September. Da werden wir, gegenüber dieser Erwartung, daß dasjenige, was reift, uns als Ernte zufallen wird, im Hinschwinden der äußeren sprossenden Natur, im Absterben der Natur hinschauen auf den Geist. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
1. Hinschauen auf den Geist
Zweitens werden wir, da wir sehen, wie gerade in der hinschwindenden Natur diese Gaben uns gewissermaßen zugetragen werden, Vertrauen in die Macht desjenigen haben, was im Absterben lebt. Also (es wird an die Tafel geschrieben:)
2. Vertrauen in den Geist
Wir werden gerade im Hinblick auf dasjenige, was uns wird aus der Natur, im Hinblick auf die Ernte, lernen die Macht zu verehren, die sich uns da in der verwelkenden Natur, in der äußerlich sinnlich schwindenden Natur zeigt, aus der der Geist uns entgegentritt. Wir werden lernen die Verehrung der Weltenmacht in dieser Natur. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
3. Verehrung der Weltenmacht
Jetzt sind wir reif zu empfinden, wie nicht in Bildern der Außenwelt uns dasjenige entgegentritt, was da als Gaben der Ernte kommt, sondern wie gerade die Außenwelt immer mehr und mehr sich verdunkelt, und wir fühlen, indem die Gaben der Natur uns entgegenkommen, uns hingegeben dem, was da als Geschenk an uns herantritt und können dann in der sich verdunkelnden Außenwelt das eigene innere Leuchten empfinden. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
4. Leuchtendes Innere in der sich verdunkelnden Außenwelt
Und wir werden die Gefühle, die wir früher gehabt haben gegenüber dem Reifenden, nun verdichten zum dankbaren Hinblicken auf das leuchtende Reifende unseres eigenen Werdens. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
5. Dankbares Hinblicken auf das Reifen des eigenen Leuchtens
Das sind die Empfindungen, die, wie Sie sehen, gewissermaßen viel abstrakter sind, wenn sie ausgesprochen werden, als diejenigen, die wir für den Advent, für die Weihnachtszeit, für die Osterzeit und so weiter entwickelt haben; allein gerade das ist das Gegebene.
Und nun kommen wir zu der Zeit vom 23.September bis zum 23.Oktober und haben da dasjenige, was wir erleben können im Empfang der Gaben, was wir erleben können in der Ernte der Welt. Im Anschauen desjenigen, was da vorgeht, wo die Welt förmlich ein moralisches Verhältnis uns aufnötigt, vergeistigt sich unser Gefühl im Anschauen. Es ist unmöglich, daß der Mensch, wenn er ganzmenschlich empfindet, nicht dankbar dasjenige erlebt, was er fühlen kann zur Zeit der Ernte. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
1. Die Gefühle vergeistigen sich im Anschauen
Unser ganzes Verhältnis zur Welt, auch indem es ein Naturverhältnis ist, gewinnt einen moralischen Charakter; da entwickeln wir moralisches Weltanschauen. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
2. Moralisches Weltanschauen
Aber gerade indem wir so die Welt moralisch empfinden, ist es, wie wenn die Welt mit dem Herankommen der Ernte als solche uns entfallen würde und als ob sie finster werden würde. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
3. Die Welt entfällt und verdunkelt sich
Gerade in dieser uns entfallenden und sich verdunkelnden Welt sind wir genötigt, uns auf unser Inneres zurückzuziehen. Das leuchtende Innere kann betende Stimmung lernen am besten gerade in dieser Herbstmeditation beziehungsweise der Meditation der dem Winter entgegengehenden Welt. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
4. Das leuchtende Innere lernt beten
Hier nimmt die Meditation den Charakter an, den sie sehr häufig, ich möchte sagen, wie aus einem gewissen Instinkt heraus, gerade bei tieferen philosophischen Naturen empfängt. Tiefere philosophische Naturen haben, indem sie die Welt lange betrachten und sich ihre Ideen machen, sehr häufig das Gefühl, daß alles Dasein nur ein provisorisches ist, weil es, so wie es uns entgegentritt, nicht Zukunftskeime enthält, sondern weil es verwelkt. In dieser Stimmung entwickelt sich am besten die Gebetsstimmung für das Meditieren. In dieser Stimmung, ich möchte sagen, in dieser hilflosen Stimmung, wo die Welt entschwunden ist unserem leuchtenden Innern, ist es auch, wo wir meditierend beginnen zu beten, beginnen also, uns an etwas zu wenden. Hier wird am besten gelernt die Notwendigkeit des Gebotes oder Gesetzes. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
5. Empfindung der Gesetzesnotwendigkeit
Aber gerade indem man das Herankommen des Geistes sieht, das Sichnähern dem Geiste innerlich meditativ erlebt, fühlt man so etwas wie eine Ohnmacht im Geiste. Die Überfülle, können wir sagen, des Geistseins kann da empfunden werden, dieses fast alpdruckartige Empfinden des Geistes. (Es wird an die Tafel geschrieben)
6. Die Überfülle des Geistes wird empfunden
Es ist in der Tat ein sich absolut von selbst ergebender Vorgang, daß von Johanni ab — wo wir gesehen haben, wie nur drei Stufen unseres innerlichen meditativen Erlebens kommen können - durch die folgenden Monate sich das so ergibt, daß im August vier Stufen, dann fünf Stufen, dann sechs Stufen kommen. Das ergibt sich als etwas ganz Notwendiges. Indem wir uns der Weihnachtszeit nähern, wird das Innere des Geistes wiederum differenzierter, wir leben uns in ein Differenzierteres hinein.
Und nun kommen wir zu der Zeit vom 23. Oktober bis etwa 23. oder 24. November. Das ist die Zeit, wo alles uns anleiten kann, die folgende Meditation durchzumachen: Wir haben uns tief eingefühlt erstens in das Wachsen und Reifen, dann aber auch in das, was Niedergang des Wachsens und Reifens ist und das Herankommen der Gaben aus dem Niedergang heraus. Wir haben gelernt, das alles auf unser eigenes Innere anzuwenden. Wir leben gewissermaßen die Natur mit und können jetzt als erstes das Empfinden haben, wie in uns sich auch eine solche Kraft regen will wie diejenige, die uns die Erntegaben zubringt. Aber gerade jetzt, wenn wir noch einen lebhaften Nachklang haben, können wir fühlen gegenüber der niedergehenden Natur, wie unser Wille ohne Antrieb ist. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
1. Der Wille ohne Antrieb
Man fühlt, in den Willen soll das Moralische hinein. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
2. Das Moralische will den Willen ergreifen
Jetzt kann man sich vorbereiten zu derjenigen Stimmung, in der man eigentlich erst Christi Willen findet. Man kann sich sagen: Ich sehe die Welt rundumher, aber das, was ich sehe, ist nicht die Welt. Ich suche eine wirkliche Welt. Die Welt ist eine verfallene Welt; das, was ich sehe, ist nicht die Welt. - Man muß jetzt schon den Mut bekommen haben, die Welt woanders zu finden als in dem, was man sieht und hört und mit den anderen Sinnen wahrnimmt. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
3. Das, was ich sehe, ist nicht die Welt
Man muß den Mut bekommen, die Sonne nicht da sehen zu wollen, wo das im April der Fall war, den Geist nicht da wahrzunehmen, wo es sprießt und sproßt, sondern im Finstern, im Tode muß ich die Sonne suchen. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
4. Im Finstern, im Tode muß ich die Sonne suchen
Dadurch aber wird man sich selbst im Finstern fühlen können, (Es wird an die Tafel geschrieben:)
5. Der Mensch ist selbst im Finstern
Man fühlt, während man früher sich mit der Welt gefühlt hat, jetzt die Welt ersterben. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
6. Im Menschen erstirbt die Welt
Alles kann sich jetzt zusammenballen in die Frage (es wird an die Tafel geschrieben:)
7. Wie lebt im Menschen die Welt wieder auf?
Dann kann die Adventstimmung kommen, die ich am Vormittag als die erste charakterisiert habe, die da beginnt mit der Empfindung des Wortes, mit der Empfindung des Logos. Wir sind wirklich durch die Jahresstimmungen hindurchgekommen, um wiederum ein Jahr reifer dasjenige empfinden zu können, was der Logos ist, und wir können nunmehr in der Adventszeit die Stimmung entwickeln, die der Weihnachtszeit entgegengehen soll.
Darf ich Ihnen noch den Versuch lesen, den ich am Vormittag schon zu lesen begonnen habe, wie etwa, indem man sich dem, was ich hier an die Tafel geschrieben habe, meditativ hingibt, die Meditation innerlich erlebt werden kann in diesen Worten, wie diese Worte brevierartig erlebt werden können.
Für die Adventszeit:
Die Himmel und die Erde durchwallet das Wort
Es sprach gebietend zu Moses auf dem Berge
Es gestaltet Weltenwesen, zur Offenbarung dem Menschen
Es webt im Menschen-Innern, dem Verborgenen durch sich selbst Es leuchtet als Sonne aus dem Lichte in die Finsternisse
Es lebt in Christus, hell aus der Finsternis, sanft in der Helle
Es tritt auf die Erde in Jesus.
Nun die Weihnachtszeit:
Im Erdenmenschen spricht er aus Natur vom Weltgeheimnis
In ihm wirket Er lichtvoll als die schaffende Weltenkraft
In ihm spricht Er das Wort über sein eigenes Wesen
In seinem Sprechen öffnet sich des Todes und der Finsternis Pforte In Ihm ist dem Menschen ein neuer Ahnherr erschienen
Durch Ihn wird Versöhnung mit den Weltenhöhen
Durch Ihn offenbaret Materie Geist, schaffet Geist Materie.
Und in der Zeit, die auf Weihnachten folgt, wo wir für uns selbst und mit der Gemeinde diejenigen Teile des Evangeliums betrachten, die von der Jugend Jesus handeln bis zu seiner Todesvorbereitung, wo wir selber meditieren in der Art, wie ich es Ihnen am Vormittag gezeigt habe, da können wir diese Meditation zusammenfassen etwa in die Worte:
Und wandelnd auf Erden wuchs ihm die Kraft der Weisheit
Und er konnte von dem Versucher nicht erreicht werden
Der Sohn des verlorenen Menschenwesens
Die heilende Weltenkraft
Findet der Jünger in seinem Wesen
Aus ihr lehrte Er
Und gründete des Geistes Reich in der Sinnensphäre.
Und die Fastenzeit:
Die Erde sinkt von ihrem Urstand
Ist dem guten Sinn ein Abgrund bestimmt
Der Erdenmensch hat verloren der Ewigkeiten Erbe
Der Heilung bedarf der Kranke
Ein Führer muß erstehn dem Richtunglosen
Das Licht muß ihm ins Dunkel hellen
Des Sinnes Kraft muß sich geistig wenden.
Und wir kommen in dem Sinne der am Vormittag angegebenen Meditationen und der Osterevangelien zu dem folgenden Osterwort:
Ich schau der Himmel Sinnenschein
Ich fühl’ das Grab als Geisteswirkung
Der Tod kommt mir als Leibesfall
Die Auferstehung ist vor meinen Geist gestellt
Die Auferstehung lebt in meinem Beten
Der Auferstandne lebt in mir
Zu ihm ist mein Sinn gerichtet.
Nun der Erdenwandel nach der Auferstehung, die Zeit, die auf Ostern folgt, vor der Pfingstzeit:
Das Übersinnliche hat sich geoffenbart
Des Guten Sinn ist Daseinskeim
Die Sinnessphäre ist nur Schein
Geheim dem Sein waltet Wahrheit
Ich durchdringe mich mit des Auferstandnen Kraft
Des Auferstandnen Jünger will ich sein
Mit Ihm einer andern Welt Wesen sein.
Pfingstzeit, Juni:
Erkenntnis im Geiste kann leben,
In neuer Welt wird des Guten Sinn wirken
Im Geiste trägt Wahrheit sich selbst
Im Sinnesbilde offenbart sie sich
Sie löset mir die Zunge
Sie befreit mein Seelensein
Sie vereint dem Gottessein das Menschensein.
Und wir kommen zur Johannizeit:
Im Raumes- und im Zeiten-Werden webt der Geist
In des Stoffes Finsternis kraftet Bildgestaltend Geist
Es wachet Wesen im Schlaf der Sinnenwelt.
Wir kommen zur Pauluszeit, zur Zeit der Reifung, Juli bis August, der Nach-Johannizeit:
Es entsteiget Geist der Werdewelt
In der Finsternis gebiert sich Licht
Es ruhet im Sinnessein webender Geist
Der Geist lebt in meinem Leben.
Gegen den 23. September hin in Erwartung der Gaben der Reife:
Mein Seelenauge richte auf den Geist den Blick
Und in den Blick webt Vertrauen sich ein
Vorsehung entwindet sich dem Naturgesetz
Als Inneres scheint hell, was Außen finster
Es strömt mein Dank zum ruhevollen Geist.
Nun bei dem Ernteempfang der Naturgaben:
Ich schaue in die Welt mit geistgetrag’nem Fühlen
Der Geist empfindet meine Sinnesart
Die Welt versinkt ins Dunkel
Es leuchtet betend das Innre im Geistessein
Einen Gebieter braucht das Innere im Weltendunkel
O es nimmt Besonnenheit mir der Geist.
Nun in der Zeit zum 23. November hin:
Mir fehlet meines Wollens Kraft
Es möchte des Guten Sinn wirken
Ich sehe eine Welt, die sich vernichtet
In der Vernichtung muß ich das Werdelicht mir suchen
Es breitet in mir sich die Finsternis
Ersterbend die Welt im Mensch-Sein
Wie finde ich in meinem Dunkel die Welt?
Darauf antwortet dann im nächsten Monat der Advent.
Auf diese Weise bekommen wir tatsächlich die zwölf Brevierstationen, wenn wir uns nur wirklich in das Ganze einlassen. Und Sie sehen zu gleicher Zeit in dem, was ich Ihnen entwickelt habe, etwas wie eine innere Aufforderung zur religiösen Erneuerung. Denn nehmen Sie das Kirchenjahr, wie es in den traditionellen Kirchen ist, so ist es ja so, daß, wenn man sich einmal durchgefunden hat durch dasjenige, was ja allerdings natürlich in mancher Beziehung korrumpiert worden ist, zur Schönheit dieses Kirchenjahres, so hat man die Bedeutsamkeit der Adventszeit, das wunderbar lieblich Innige der Weihnachtszeit und kann alles das auch im Sinne der Evangelien für die Gemeinde ausgestalten. Man hat dann dasjenige, was man für sich und die Gemeinde tun kann in bezug auf den in seiner Jugend immer mehr an Weisheit zunehmenden Jesus, der sich bis dahin entwickelt, wo er nicht versucht werden kann, der sich bis dahin entwickelt, wo er als Lehrer auftreten kann. Wir haben dann die Fastenzeit, in die wir hineinstellen können alles dasjenige, was menschliche Selbsterkenntnis so werden kann, daß in würdiger Art das Österereignis erlebt werden kann. Wir haben auch durch die Evangelien, und das ganz besonders grandios, die Anschauung der Osterbegebnisse gegeben; wir haben dann das Wandeln des auferstandenen Christus mit dem einen oder anderen seiner Apostel, das können wir auch aus dem Evangelium gewinnen; wir haben dann die Pfingstzeit mit alle dem, was sich da an das Himmelfahrtsfest anschließt. Wir verlieren aber, indem wir so das Jahr entwickelt haben, nunmehr den Anschluß an die Welt. Die altkatholische Kirche hat jetzt allerdings an diese Stelle gesetzt das Wirken der Apostel, die Feste der Apostel, die Feste der Heiligen bis zu dem Totenfeste hin zu Allerseelen und so weiter. Aber damit ist die Paulus-Aufgabe im innerlichen Erleben eigentlich weggefallen. Paulus mußte seinem Auftrage gemäß zu denjenigen gehen, die vorher das Göttliche nur als Heiden in den Seelen erlebt haben. Diese Stimmung, die wir insbesondere brauchen in der gegenwärtigen Zeit, die uns das Religiöse genommen hat — während wir es der Welt wiedergeben müßten —, die muß auch in dem Menschen sein. In dieser Zeit muß das religiöse Empfinden den Weg in die Natur finden, so wie wir das in der Johannes-Stimmung, in der Paulus-Stimmung der Reifung gefunden haben. In der Septemberstimmung, wo wir sehen werden, daß wir dasjenige, was uns an Petrus-Briefen gegeben ist, sehr gut erleben können, werden wir das, was wir dann in der Erntestimmung als das meditative Leben entwickelt haben, hineintragen können sogar in die Empfindung der [... Lücke in der Nachschrift], ohne daß uns diese in phantastisch Mystisches verfällt. Wir werden in die Zeit, die ich Ihnen gerade als die Voradventszeit charakterisiert habe, die Zeit bis zum 23. November, alles dasjenige hineinbringen können, was wir der Gemeinde und was wir uns selbst zu sagen haben, aus der Zeit der Apostelschüler, aus der Zeit der Kirchenväter.
Wenn Sie diesen prägnanten Monat, den August nehmen, da werden Sie in seiner Viergliedrigkeit auch die Hindeutung auf die Gliederung des Monats in Wochen empfinden können, während sich für die anderen Monate die Wochen auslöschen in ihrer Prägnanz. Ein vollständiges Brevier wird nun so zusammengestellt sein müssen, daß man die Viergliederung des Monats und ebenso die Zwölfgliederung des Jahres in Meditationen faßt beziehungsweise in die Jahresmeditationen die Wochenmeditationen einschließt. Dann kann man auch weiterschreiten zu der Tagesmeditation so, daß die Meditation, die im Brevier sich ausdrückt, für jeden Tag eine dreigliedrige ist. An die Jahressprüche, von denen ich Ihnen Mitteilung gemacht habe, so gut sie sich mir ergeben haben, würden sich anschließen die Wochensprüche. Die Wochensprüche würden sich aber in jedem Monat wiederholen, und daran würden sich anschließen die Tagessprüche, die in jeder Woche immer von Sonnabend zum nächsten Sonntag laufen. So daß wir haben würden JahresMonatssprüche, Monats-Wochensprüche, Wochen-Tagessprüche, 21 Zeilen, dreimal sieben Zeilen, nur mit Ausnahme der mittleren Monate, bei denen wir vier Zeilen im August, drei Zeilen in der Johannizeit, fünf Zeilen in der Septemberzeit und so weiter haben. So ist das Brevier auch innerlich nach der Zahl gegliedert, und man erlebt wirklich dasjenige mit, in das wir ja unterbewußt hineingestellt sind in der Welt. Wir bringen im Jahreserleben den Geist in das Bewußtsein herauf. Davon werde ich dann morgen weiter sprechen. Es wird also morgen die Bildung des Breviers uns eine kurze Zeit in Anspruch nehmen und dann werden wir übergehen zur Besprechung der Gemeinschaftsbildung.
(Es folgt die Beantwortung schriftlich gestellter Fragen durch Rudolf Steiner) Frage: Ist bei der inhaltlichen Ausgestaltung des Breviers auch an ähnliche Methoden zu denken wie bei dem katholischen Brevier? Tage der Heiligen? Gewissenserforschung?
Rudolf Steiner: Ich habe versucht, Ihnen gewissermaßen das Prinzip des Breviers zu entwickeln, wie es sich unmittelbar aus der heutigen Gegenwart heraus ergibt, und ich kann nicht sehen, daß eine religiöse Erneuerung möglich sein könnte, wenn nicht nach dieser Richtung hin gerade auch eine Erneuerung des Brevierbetens erfolgen sollte. Die Stunden können ja so genommen werden, daß wir dreimal am Tage, am Morgen, am Mittag und am Abend die Möglichkeit haben, uns in den Inhalt der Breviermeditation hinein zu vertiefen.
Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Seelenkalender und den Wochensprüchen des Breviers?
Rudolf Steiner: Nun, mit den Wochensprüchen sind ja die Stimmungen gemeint, die in dem Seelenkalender sind. Nicht wahr, derjenige, der diese Dinge aus dem Geiste heraus sucht, aus der wirklichen übersinnlichen Erfahrung heraus, der hat immer die ganz konkrete Lage vor sich; und indem ich versuchte, für Ihr Brevier zu forschen, hatte ich Ihre Gemüter vor meiner Seele. Indem ich die zwölf Jahresstimmungen und die Wochensprüche einstmals faßte, hatte ich eben die ja verschiedenen Stimmungen eines anthroposophischen Zusammenhanges vor mir, innerhalb dessen man noch nichts davon wissen konnte, daß irgendwo eine Erkenntnis auftreten würde, daß eine religiöse Erneuerung notwendig sei. Aber Sie werden empfinden, wenn Sie dasjenige, was uns hier als Brevier vorschwebt, vergleichen mit den Stimmungen der Jahres-Wochensprüche, daß die Dinge sich durchaus entgegenkommen werden, daß das eine das andere tragen und erhellen wird.
Über die Frage des Weihens des Weihwassers und über die Priesterweihe werde ich morgen noch zu sprechen haben bei dem Thema Gemeinschaftsbildung, das gehört alles dazu. Über die Stellung der Predigt im Gottesdienst werde ich auch morgen noch sprechen.
Frage: Sollten für die Gebete und Ritualien die herkömmlichen Namen oder neue Namen gebraucht werden? Wäre letzteres nicht besser?
Rudolf Steiner: Ich kann nicht gut verstehen, was mit der Frage gemeint ist. Ich habe bisher von dem Taufritual gesprochen und ich weiß nicht, warum dies nicht so genannt werden soll.
Fragesteller: Ich habe mit dieser Frage hauptsächlich die Namen im Auge, die von seiten der Außenwelt den Verdacht erwecken könnten, als ob hier ein Katholizismus repräsentiert werden sollte, zum Beispiel der Name für die neue Kulthandlung «Messe» oder hier das «Brevier». Für uns sind diese Namen durchaus verständlich, aber ich meine der Außenwelt gegenüber.
Rudolf Steiner: Ich muß gestehen, daß ich mich eben jetzt der Worte bediene, die Ihnen die Sache verständlich machen können, und das wird ja wohl auch erreicht worden sein. Aber alles das, was nun schon Bezug hat auf ihr Hineinstellen in die Welt, das müßte doch von Ihnen selbst getan werden. Es kann ja natürlich da oder dort dieses oder jenes geraten werden, aber es ist nicht eigentlich die anthroposophische Aufgabe, in die Realität der Gemeinde- und Kirchenbildung einzugreifen.
Frage: Welches ist die Bedeutung des Zölibats in der Vergangenheit und in der Gegenwart?
Rudolf Steiner: Nun, in bezug auf die katholische Kirche habe ich ja über den Zölibat gesprochen. Er dient in ganz konsequenter Weise den Zielen der katholischen Kirche, wie wir ja im Vortragszusammenhang gesehen haben. Aber nun handelt es sich ja darum, daß heute der Mensch eher stärker die Frage stellen muß, also sich die Frage beantworten muß: Wie gelangt der Seelsorger zu der Stimmung, welche die Seelsorge tragen kann, trotzdem er nicht Zölibatsvorschriften hat oder wenigstens nicht gebotsmäßig dazu angehalten werden kann? In der Zeit, in der wir leben, kann es sich nicht darum handeln, uns mit dem Religiösen der Welt zu entfremden, sondern darum, die Welt grade zu durchdringen mit dem Religiösen; das ist das Wichtige.
Frage: Wie hängen das Dreieck und das Viereck mit der Taufe zusammen?
Rudolf Steiner: Das Dreieck und das Viereck sind nur die Vorstufen des Kreuzes. Das Kreuz ist dasjenige, welches der ganzen Menschenbildung zugrundeliegt. Obwohl das Kreuz auf Golgatha durchaus historisch ist — die äußerliche Realität, wie sie vielfach bestritten wird, kann doch nicht in dieser Weise bestritten werden —, so haben wir auf der anderen Seite doch in dem Kreuzeszeichen das Zeichen für den physischen und den ätherischen Menschen. Aber bevor wir zum Kreuzeszeichen kommen, haben wir dasjenige, was im Menschen lebt als astralisches Wesen. Nicht wahr, dasjenige, was im Kreuzeszeichen lebt, der physische und der ätherische Mensch, das ist ja ganz unbewußt. Das, was im astralischen Leib lebt, ist halbbewußt; es drückt sich am besten in dem Viereck aus. Es drückt sich wirklich in dem Viereck aus, und dasjenige, was im Ich lebt, in dem Dreieck. Wir sehen also: Ich — Dreieck, astralischer Leib — Viereck, der ganze Mensch, wie er als Ich und astralischer Leib im physischen und im Ätherleibe lebt - das Kreuz. Es hängt das durchaus zusammen mit der Empfindung, die man hat gegenüber Ich und astralischem Leib und gegenüber physischem und Ätherleib. (Siehe Tafel 18 oben)
Frage: Was liegt den Symbolen des Lammes und der Taube zugrunde?
Rudolf Steiner: Das ist etwas, was außerordentlich weit führen wür de, wenn es vollständig entwickelt werden sollte. Es ist durchaus so, daß es auch eine geistige Naturgeschichte gibt, wenn ich mich des paradoxen Ausdruckes bedienen darf. Derjenige, der mit geistigem Blick die Vogelwelt ansieht, der sieht in der Vogelwelt etwas, worin, allerdings in seiner ahrimanischen Verzweigung, der Geist mehr gewirkt hat als zum Beispiel in der menschlichen Gestalt. Das Wesen wird ja nicht etwa von innen heraus gebildet, sondern von außen herein gebildet. Wir haben da eine Bildung aus dem Kosmos heraus in der Bildung der Federn, in der ganzen Ausgestaltung des Vogels, der nicht einfach so dargestellt werden sollte, wie er dargestellt wird von unserer sinnlichen Naturwissenschaft heutzutage, sondern der so dargestellt werden sollte, daß seine Knochenzusammensetzung einer Nachgestaltung des Menschenkopfes entspricht, so daß der Vogel eigentlich ein Kopf ist mit dem Munde, denn der Vogelkopf ist bloß ein kompliziert ausgebildeter Mund. Man muß diese ganze Gestaltung verstehen lernen, und wenn man sie verstehen lernt, dann bekommt man schon die Notwendigkeit, nicht bloß die Möglichkeit, das, was man ausdrücken will als den heilenden Geist, zu sehen in der Taube, und dasjenige, das das Opfer darbringt, bis in die Gestalt hinein zu sehen im Lamm. Das Lamm oder auch der Widder wurde ja in der Zeit, wo man solche Symbole empfunden hat, gewöhnlich so dargestellt, daß es ein liegendes Lamm war, mit dem Kopf nach rückwärts sehend. Diese Gestaltung ist sogar etwas Wesentliches; sie bedeutet, daß man nicht den Blick nach der Welt wendet, sondern den Blick von der Welt abwendet, gewissermaßen den Versuch macht, in sich selber hineinzuschauen.
Frage: Worin besteht das Christus-Erlebnis der Evangelien neben dem Vater-Erlebnis? Und inwiefern scheint das Christus-Erlebnis oder das Christus-Mysterium in der Messe nur eine Christus-Erfahrung zu sein im Vergleich zum Beispiel mit dem Christus-Erlebnis des Paulus?
Rudolf Steiner: Nun, die Sache ist die, daß bei dem neueren Menschen im Grunde genommen das Christus-Erlebnis oder das Vater-Erlebnis sich nicht auseinanderhalten lassen, weil der neuere Mensch in der Natur bloß das Wachsende, Sprossende empfindet, in der Natur also eigentlich nur dasjenige empfindet, was nicht den Tod in sich trägt, weil der Mensch nicht das Fruchtende des Todes empfindet. Dem Vater-Erlebnis tritt das Christus-Erlebnis erst dann entgegen, wenn wir etwa so empfinden können, daß wir — dazunehmend das Erlebnis des Heiligen Geistes — gewissermaßen die Negationen [des Christus-Erlebnisses und des Vater-Erlebnisses] in der folgenden Weise uns deutlich machen. Das Vater-Erlebnis ergibt sich einfach als die Zusammenfassung der ganzmenschlichen Natur aus dem Bewußtsein des gesunden Menschen heraus. Der gesunde Mensch ist so organisiert, daß er ebenso, wie er sehen und hören muß, das Vater-Erlebnis haben muß. Deshalb sagte ich immer zu meinen Zuhörern bei dem Besprechen dieser Dinge: Das Vater-Erlebnis nicht zu haben, ist eine Krankheit. Das Christus-Erlebnis nicht zu haben, ist ein Schicksal, weil man es sich nicht aneignen kann durch das, was bloß im Blute liegt, sondern weil gewissermaßen durch Selbsterziehung erlebt werden muß die Begegnung mit dem Christus in der Außenwelt und im Innern des Menschen. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Und weil wir heute das Vater-Erlebnis nicht so haben können wie in der vorchristlichen Zeit aus einem gesunden Organismus heraus — ich habe das besprochen —, muß man heute ein mangelhaftes Vater-Erlebnis haben. Mit unserem Organismus, der nun schon so geworden ist, daß er eben das Geistige nicht mehr fassen kann, müssen wir das Vater-Erlebnis wie eine Erinnerung haben. Das Christus-Erlebnis muß ein gegenwärtiges Erlebnis sein. Wir müssen diese deutliche Differenzierung machen können. Wenn wir mit der Frage ringen: wo ist der Vater? —, da sind wir zu schwach mit unserem gegenwärtigen Organismus, ihn zu finden, und wenn wir dann zu dem Christus gehen, weil wir den Vater nicht finden können und den Christus suchen durch das Innere im Äußeren, dann erleben wir das Christus-Erlebnis als ein Schicksal, während man das Vater-Erlebnis als Gesundheit erleben kann. Und wenn wir dann ringen mit den Fragen: Gibt uns der Christus auch dasjenige, was der Vater gegeben hat? Ist der Christus in dem, was er uns gibt, dem Vater nur ähnlich oder ist er ihm gleich? —, wenn diese Fragen des Arianismus, des Athanasianismus wieder lebendige Gestalt gewinnen, wie wir das zum Beispiel noch bei den östlichen Philosophen, bei Solowjow, haben, dann lebt ganz deutlich die Differenzierung zwischen dem Vater-Erlebnis und dem Christus-Erlebnis und auch dem Erlebnis des heiligen Geistes im Menschen auf, denn den Geist nicht erkennen, ist Torheit. Den Vater nicht erkennen, ist Krankheit, den Christus nicht erkennen, ist Schicksal, den Geist nicht zu erkennen, ist Torheit. Und wir müssen unsere Krankheit bekämpfen, um zum Vater zu kommen, wir müssen das Schicksal herbeiführen, um zum Christus zu kommen, wir müssen unsere 'Torheit bekämpfen, um zum Geist zu kommen. Damit ist natürlich nur auf den Anfang hingedeutet; um was es sich hier handelt, das ist das außerordentlich Differenzierte des Vater- und des Christus-Erlebnisses. Ich kann nicht finden, daß sich in dem modernen protestantischen Empfinden diese beiden Erlebnisse differenzieren; es ist sogar etwas stark Theistisches oder Deistisches darin. Man könnte sagen, der eine empfindet mehr dasjenige, was im Geist erreicht werden kann, er empfindet mehr den Christus, aber es ist eben nur ein Undifferenziertes, und der andere empfindet mehr den Vater, aber auch da ist es wieder undifferenziert; es kommt bei diesem Erleben kein Christentum heraus.
Frage: Wie ist die Stellung der Anthroposophie zu dem Übersinnlichen des Weltalls außerhalb unseres Sonnensystems, auch zu Uranus und Neptun? Gibt es außerhalb der Erde auch Wesen, die ähnlich der Menschheit sind, und gibt es dafür auch einen Christus-Impuls; müssen sie auch erlöst werden?
Rudolf Steiner: Nun, meine lieben Freunde, warum sollten wir uns denn mit dieser Frage befassen? Wir lernen die Welt kennen als sinnliche Welt, und wir gelangen zu dem Übersinnlichen, insofern unser eigenes Wesen in dieses Übersinnliche hineingestellt ist. Dem Geistesforscher ergeben sich solche Fragen eigentlich gar nicht in dieser Abstraktion, weil er im konkreten Leben steht. Ich werde ja oftmals gefragt, was denn das allerletzte Ziel der Welt sei, denn: Wenn ich nicht das allerletzte Ziel kenne, sagen manche Menschen, dann setze ich mich gar nicht in Bewegung in bezug auf den Weltengang und seine Entwickelung. — Ich mußte darauf immer antworten: Wenn ich nach Rom fahren will und mir jemand den Fahrplan bloß bis Bern weiß, wird dort sicher einer sein, der mir ihn weiter weiß bis zum Tessin und dort wird wieder einer sein, der ihn bis Mailand weiß und so weiter. Ich kann hier also beruhigt sein mit meinem Fahrplan bis Bern. Ebenso kann ich beruhigt sein, wenn ich die Gegenwart kenne und das, was die nächste Zukunft ist, denn ich werde mich erst vervollkommnen müssen, um auf der nächsten Stufe wiederum den Gang zu der weiteren nächsten Stufe zu erkennen. Also es handelt sich wirklich darum, lebendiges Wissen zu suchen, Wissen, das man erleben kann, und nicht den Intellektualismus bis zu seinen alleräußersten Grenzen zu bringen. Dadurch verlieren wir uns durchaus in das Wesenlose.
Frage: Wie erklärt sich die Grausamkeit im Tierreich?
Rudolf Steiner: Natürlich könnte man solche Fragen schon beantworten, aber man wird mißverstanden, wenn man sie in kurzen Sätzen beantwortet. Man muß da eingehen auf alles dasjenige, was ein wirkliches Walten in der Natur ist. Man muß an einem scheinbar ganz anderen Ende anfangen, um zu einer Erklärung dieser Dinge zu kommen. Fangen Sie einmal da an, wo Ihnen das Ablegen von Laich, von Fischsamen, Fischkeimen ins Meer entgegentritt, wie unzählige davon zugrundegehen und nur wenige zu Fischen werden. Das ist aber nur äußerer Schein, weil man eigentlich nicht weiß, was von dem Aspekt einer unmittelbar hinter unserer Sinneswelt liegenden Welt, die auch da ist, mit alle dem geschieht, was der unentwickelte Fischlaich ist. Der macht auch seine Entwickelung durch. Dasjenige, dem eine Entwickelung im Sinnlichen entzogen wird, das macht eine Entwickelung im Geistigen durch. Es wird zerstört dem äußeren Schein nach, aber es wird erhalten dem inneren Werden nach. Und in der Lage dieses Fischlaichs, der zu Fischen wird, sind auch alle diejenigen Weizenkörner auf dem Felde, die zur Aussaat wieder verwendet werden, das heißt, die in Weizen wieder übergehen. Aber alle diejenigen Körner, die Sie mit dem Brote verzehren, die sind in der Lage jenes Fischlaichs, der zugrundegeht, denn sie erreichen nicht das Ziel, das ihnen zunächst in der Sinneswelt gestellt ist. Fragen Sie einmal, was werden würde, wenn alle diejenigen Wesenheiten, die ihr Ziel in der Sinneswelt nicht erreichen, sich ihrem anderen Ziel, das dem in der Sinneswelt schaubaren Ziel nicht ähnlich ist, entzögen. Die Welt ist eben durchaus kompliziert. Es ist ganz gewiß tief wahr, daß das Lamm und derjenige, der mit dem Lamm fühlt, es grausam finden muß, wenn das Lamm vom Wolf gefressen wird, aber furchtbar grausam wäre es für den Wolf, wenn es keine Lämmer gäbe. Nur ist das, was der Wolf empfindet, von Bedeutung für eine ganz andere Welt als diejenige, in der wir mit unseren Sinnen leben. Man muß schon das Gefühl einer gewissen Unergründlichkeit der Welt empfangen und von der Möglichkeit, daß sich die Welt von anderen Seiten her ganz anders darstellt als von der Seite, von der wir sie hier anschauen. Daher versagt unser kombinierender Verstand, der ja eigentlich nur für die Sinneswelt bestimmt ist, gegenüber manchen Fragen, und wenn wir damit die Grausamkeit im Tierreich oder andere Dinge so erklären wollen, wie wir zu erklären gewöhnt sind [mit dem kombinierenden Verstand], so kommen wir in [ein Verständnis] dieser Dinge nicht hinein.
Nun, das ist das, was ich heute noch beantworten kann. Die beiden nächsten Fragen, auch die über das Weihwasser, werde ich mir vielleicht für morgen vorbereiten.