Lectures on Christian Religious Work II

GA 343 — 9 October 1921, Dornach

Sechsundzwanzigster Vortrag

Meine lieben Freunde! Wir haben heute etwas zu besprechen, das sehr innig zusammenhängen wird mit dem, was man aus dem ganzen heutigen Zeitgeist empfinden kann als Notwendigkeit zur religiösen Erneuerung. Zunächst habe ich Ihnen ja das vorzutragen, was zu einer Gestaltung einer Art Brevier führen kann. Dieses Brevier soll ja dasjenige sein, was dem Seelsorger die Kraft gibt zu wirken, und vielleicht darf ich gleich bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam machen, daß auch in dieser Beziehung nicht sollte verwechselt werden das Intellektuelle mit demjenigen, was im eigentlichen Sinne aus dem Ganzmenschlichen heraus der religiöse Impuls sein kann. Hier handelt es sich ja wirklich darum, daß wir uns recht verständigen. Es gibt sehr vieles - und dazu gehört insbesondere auch, weil es jetzt gerade in den Fragen genannt worden ist, die Caritas —, es gibt sehr vieles, das gewissermaßen wie selbstverständlich aus dem Gemüte fließen muß, das wie selbstverständlich als eine Wirkung von der Seelsorge ausgehen muß, aber es muß die Seelsorge sich auch erst das entsprechende Gemüt angeeignet haben. Und deshalb sind gewissermaßen heute Dinge, die stark im Innerlichen vorgehen, noch wichtiger als das intellektuelle Beschreiben irgendwelcher äußerer Maßnahmen. Die letzteren folgen in vieler Beziehung von selbst, wenn das Innerliche in Ordnung ist.

Nun möchte ich nicht etwa gleich darauf ausgehen, schon jetzt etwa wortwörtlich ein Brevier zusammenzustellen, sondern dasjenige herbeibringen, was ein Brevier schaffen kann. Ein Brevier kann für den heutigen Menschen nicht mehr bloß im Abbeten bestehen, sondern es muß im vollsten Sinne eine Art gefühlsmäßiger Meditation sein. Nun möchte ich Ihnen die Elemente anführen, aus denen meinen Erkenntnissen nach sich dasjenige zusammensetzen soll, was der Seelsorger im Jahreslaufe erleben soll, damit er in der richtigen Weise sich selber vorbereiten und in der richtigen Weise den Seelsorgedienst ausüben kann.

Blackboard Drawing
Blackboard Drawing

Wir beginnen mit derjenigen Zeit, die etwa dauert, sagen wir, vom Ende des November bis gegen Ende des Dezember, bis zum Weihnachtsfeste. Also wir beginnen mit demjenigen, was man nennen kann die Adventszeit. Diese Adventszeit wird in der richtigen Weise von uns empfunden, wenn wir sie als die Vorbereitung zur Weihnachtszeit selber durchmachen. Das aber kann nur dann sein, wenn wir wirklich in uns lebendig machen alles dasjenige, was gewissermaßen in der Weltentwickelung und in der Menschheitsentwickelung selbst innerhalb einer solchen Vorbereitung lebendig ist, und das sind im wesentlichen für die Adventszeit folgende Einzelheiten. Derjenige, der diese Adventszeit durchleben will, soll seine Meditation zunächst richten auf dasjenige, was sich als ein gewisses Mysterium einschließt in dem, was man nennen kann das Wort, den Logos. (Es wird an die Tafel geschrieben):

1. Wort (Logos)

Er soll namentlich empfinden, wie erweitert werden muß der Logosbegriff so, daß man dasjenige, was er enthält, in allem empfindet, was eigentlich Welt ist, daß man empfindet das Wirken des Logos im Wehen des Windes, im Wandeln der Wolken, in dem Gang der Sterne, der Sonne und des Mondes, in dem Werden und Wachsen alles desjenigen, was uns umgibt, aber auch empfindet in alle dem, was in dem Menschen wird, ohne daß der Mensch durch die eigene Kraft seiner Seelenentwickelung etwas dazu tut zunächst. Dabei empfinden wir dann den Logos oder das Wort noch nicht in seiner Vollständigkeit, aber das wesentlichste einer Meditation besteht ja darin, daß man mit einem unvollständigen Anfang anfängt, wie die Pflanze mit der Wurzel, und daß man dasjenige, womit man anfängt, indem es wächst in einem, selber zu dem kommen läßt, was daraus werden kann. Das zweite, was in dieser Zeit besonders empfunden werden kann, ist dasjenige, was ich nennen möchte das Gebot, (es wird an die Tafel geschrieben):

2. Gebot

also dasjenige, was sich ergibt, wenn der Mensch mehr nach dem Innern blickt. Man könnte sagen: Will man bildhaft dasjenige empfinden, was da liegen soll in diesem Gebot oder Gesetz, dann wende man auf der einen Seite den Blick zu dem alttestamentlichen Bilde von der Verkündigung des Gesetzes an Moses im brennenden Dornbusch, oder aber man suche nachzufühlen dasjenige, was empfunden wird heute noch in ritueller Beziehung als das Richtige beim Absolvieren des jüdischen Gottesdienstes in dem Sprechen des: O Adonai. Das dritte, worauf man das Augenmerk richten soll, das möchte ich nennen das Naturgeschehen (es wird an die Tafel geschrieben):

3. Naturgeschehen

mit seiner Notwendigkeit, das so empfunden werden muß, daß der Mensch, der da schaut sowohl die sprossenden wie auch die vernichtenden Kräfte der Natur, der da schaut, sagen wir, das Wuchern eines Urwaldes als das Charakteristkum des Wachsens, der da schaut Erdbeben oder Vulkanausbrüche als das Charakteristikum des Zerstörens, da die notwendige Werdekraft der Natur empfindet. Im wesentlichen ist das die Empfindung, die uns in richtiger Weise an das heranbringt, was das Alte Testament nennt die Wurzel Jesse. Das vierte, wohinein wir uns zu vertiefen haben, ist dasjenige, was man nun nennen kann die moralische Kraft im Menschen, die aus unbestimmten Tiefen in unserer Zeit als Gewissen zum Beispiel heraufspricht. (Es wird an die Tafel geschrieben):

4. Moralische Kraft

Es ist im wesentlichen dasjenige, was schon im Sinne des Alten Testamentes empfunden wird als der Urgrund im Menschen, durch den er ein abgeschlossenes Selbst gegenüber der Außenwelt ist, das daher wohl auch genannt werden kann: der Schlüssel, der öffnet und niemand schließt, der schließt und niemand öffnet. Wir haben uns da meditativ versenkt in diejenigen Punkte, welche auch im Hinblick auf den Menschen selbst empfunden werden können. Wenn man sich dann mehr nach außen wendet, dann mache man in sich rege das sich durch die Welt ergießende Licht, was man aber zugleich empfindet, indem man dasjenige, was für die Sinne als Licht da ist, für den Geist in Anspruch nimmt als die Gerechtigkeit des Alls. (Es wird an die Tafel geschrieben):

5. Licht: Gerechtigkeit

In den Sprachen der früheren Zeiten bedeutet ja Recht etwas, was mit «richten» zusammenhängt, und dieses wiederum hängt zusammen mit dem Strahl. Man kann dann empfinden, wie dasjenige, was als leuchtende Gerechtigkeit empfunden wird, hineindringt in das Finstere, in den Schatten, als das Belebende, das in den Todesschatten hineinwirkt. Bilder sind es, denen wir uns hauptsächlich hingeben müssen, und aus dieser Bildgestaltung heraus erwächst uns dann die Möglichkeit, nachdem wir gewissermaßen die Sonne der Gerechtigkeit empfunden haben, entstehen zu lassen aus diesem Bild der Sonne der Gerechtigkeit, wenn wir das tief empfunden haben, auch dasjenige, was zusammenfaßt in eines das Gute und das Böse, daß es sich zum Guten wendet durch die Kraft, die von ihm ausstrahlt — nicht vom Bösen ausstrahlt, sondern von demjenigen, was wir erfassen sollen —, daß wir uns nicht etwa allein zu jenen setzen, die die Gerechtigkeit durch eine gewisse innerliche Hochmütigkeit in Anspruch nehmen, sondern auch zu jenen, die als die Sünder erkannt sind. Schließlich schwingen wir uns auf, wenn wir durch diese Bilderreihe hindurchgehen, zu der Empfindung des Christus, (es wird an die Tafel geschrieben):

6. Christus

der das Leben mit dem Tode eint und den Tod mit dem Leben. Und endlich können wir von da aus, ich möchte sagen, in die Perspektive hineingerückt werden, die unmittelbar zum Weihnachtsfeste hinführt, in die Perspektive, durch die wir sehen können den Christus in dem Jesus, der im Neuen Testament ja wohl auch genannt wird Immanuel, weil in dem Jesus der Gott ist. (Es wird an die Tafel geschrieben):

7. Jesus = Immanuel

Wenn wir in der Adventszeit uns mit diesen Bildern in diesem eben charakterisierten organischen Zusammenhang meditativ beschäftigen, so ist das dann dasjenige, was sich etwa — wie ich Ihnen an diesem Beispiel noch zeigen möchte — ausleben kann, indem wir innerlich das Erlebte ins Wort fassen, wodurch etwa herauskäme:

Die Himmel und die Erde durchwallet das Wort
Es sprach gebietend zu Moses auf dem Berge
Es gestaltet Weltenwesen, zur Offenbarung dem Menschen
Es webt im Menschen-Innern, dem Verborgenen durch sich selbst
Es leuchtet als Sonne aus dem Lichte in die Finsternisse
Es lebt in Christus, hell aus der Finsternis, sanft in der Helle
Es tritt auf die Erde in Jesus.

Ich darf bei dieser Gelegenheit wohl darauf aufmerksam machen, daß in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung dasjenige, was gegeben worden ist als Sprache und was dann geführt hat zu den poetischen Formen, zu dem Wortkünstlerischen der Menschheit, nie anders gegeben worden ist als aus solchem innerlich den kosmischen Strömen angemessenen Miterleben und aus einem solchen Miterleben der Welt, so daß da wirklich jeder Satz in älteren Sprachen und auch in älteren Poesien bezogen werden kann auf so etwas.

Wenn wir auf diese Weise durchgegangen sind zur Weihnachtszeit, so sollen wir dann die folgenden vier Wochen bis zum 25. Januar eigentlich verwenden, um ganzmenschlich zu begreifen das Wesen dieser Weihnachtszeit. Und es ist ja verbunden mit dem Begreifen dieses Wesens der Weihnachtszeit ein großer Teil desjenigen, was man auch das Begreifen des Christus nennen kann. Ich möchte sagen, wichtig ist es, die Pforte zu überschreiten von der Adventszeit durch den Weiheabend, durch die Weihnachtsnacht zu dem eigentlichen Weihnachtsfeste. Was können wir da empfinden, wenn wir richtig als Menschen in der Welt drinnenstehen? Nun, meine lieben Freunde, wir können da empfinden, wie eigentlich alles dasjenige, was ich Ihnen jetzt als die Meditation für die Adventszeit angegeben habe, auch wenn es noch so lebhaft in uns war, in einem gewissen Sinne doch unsere Menschheit vernichtet, wie uns diese Dinge, möchte ich sagen, innerlich erlebbar sind wie eine innerliche Wahrnehmung, aber wie wir sie doch nicht verstehen. Ich möchte sagen, die ganze Adventszeit hindurch glaubt man sie zu verstehen, aber gerade indem man sie durchgemacht hat, bekommt man das Gefühl, das Verstehen muß sich erst anschließen, das Wort muß erst zum Namen werden, der uns einleuchtet, der uns das Wort verständlich macht. Und während wir früher, ich möchte sagen, mit einer gewissen Depression empfunden haben das durch die Welt wallende Wort, wird es uns jetzt als Kraft bewußt, als die Werdekraft des Seins, deren Namen wir erfaßt haben; und es wird uns weiter bewußt als das Wirkende in allem Wirken. (Es wird an die Tafel geschrieben):

1. Namen. Werdekraft des Seins
2. Wirkende

Das Gebot hört auf, einen bloßen Verstandesinhalt zu haben, dem man gehorchen soll, man wird gewahr eine Kraft des Seins, die auch im Moralischen waltet, und man wird als drittes gewahr, wie eins ist das Namengebende und das Benannte. Hier liegt ganz im stillen Innern das Erleben des Ichgefühls. (Es wird an die Tafel geschrieben):

3. Name dem Namen

Die Naturgesetzlichkeit hört auf stumm zu sein, sie beginnt zu reden: Name dem Namen. Und in diesem Namengeben des Namens empfinden wir jetzt hindurch den Christus als dasjenige, was da führt durch Krankheit und Tod, durch Finsternis und Knechtschaft. (Es wird an die Tafel geschrieben):

4. Der durch Tod und Finsternis Führende

Und was früher nur empfunden wurde wie eine Art von Leuchten der Gerechtigkeit, die durch die Welt wallt, das wird uns dadurch wie etwas, was sich in diesem Erleben der Weihnachtszeit als zu unserem eigenen Wesen gehörend offenbart; es wird uns das Licht der Gerechtigkeit verwandelt in den Ahnherrn Christus. (Es wird an die Tafel geschrieben):

5. Ahnherrn Christus

Und wir fühlen dann, wie der Mensch den Christus nötig hat, wie er ohne den Christus unversöhnt mit der Erde lebt, wie die Erde ihn nur zu etwas bringen kann, was ihn in einem gewissen Sinne abführt von dem Geistigen. Man kann, indem man diese Empfindungen vorangehen läßt, daraus hervorgehen sehen die Versöhnung von Erde und Himmel. (Es wird an die Tafel geschrieben):

6. Versöhnung von Erde und Himmel

Und dann kann man empfinden auf eine ganz natürliche Weise, wie die Erde den Geist in einer gewissen Weise verleugnet und jetzt in einem etwas vorgeht, wodurch man zum Geist kommt, den einem die Erde nicht geben kann. (Es wird an die Tafel geschrieben):

7. Durchgeistigung der Erde

Ich betone ausdrücklich, meine lieben Freunde, daß ich versuche, die Worte so zu geben, wie ich sie gerade gebe, weil ich meine, daß schon im Worte eine lebendige Kraft wirkt, und weil, wenn man die Worte in einer gewissen Weise gibt und der andere versenkt sich meditativ in das Wort in voller innerer Freiheit, dann kann, wenn die Worte richtig gewählt sind, man auf viel, viel mehr kommen, als ursprünglich in diesen Dingen drinnenliegt, oder wenigstens nach dem Sprachgebrauch drinnenliegt. Also ich möchte die Dinge durchaus so geben, daß in Ihnen das Wort in einem gewissen Sinne lebendig werden kann. Noch einmal möchte ich ein Beispiel geben, wie man nun zusammenfassen kann dieses hier Erlebte, indem man fortdauernd auf den Christus Jesus im Geiste hinblickt:

Im Erdenmenschen spricht Er aus Natur vom Weltgeheimnis
In ihm wirket Er lichtvoll als die schaffende Weltenkraft
In ihm spricht Er das Wort über sein eigenes Wesen
In seinem Sprechen öffnet sich des Todes und der Finsternis Pforte
In Ihm ist dem Menschen ein neuer Ahnherr erschienen
Durch Ihn wird Versöhnung mit den Weltenhöhen
Durch Ihn offenbaret Materie Geist, schaffet Geist Materie.

Das Erleben des Weihnachtsmysteriums sollte eigentlich gehen bis in den Januar hinein, bis, ja, sagen wir, zum 22., 23., 24., 25. Januar. Die Zeit, die nun kommt, bis etwa zum 23., 25. Februar, sollte gewidmet sein einem meditativen Empfinden desjenigen, was Jesus in seiner Menschheitswandlung geworden ist.

Es ist schon notwendig, daß wir auch empfinden, meine lieben Freunde, wie durch eine solche Vertiefung in alles Werden, Wesen und Weben, wie durch eine solche Empfindung der Seelsorger von selbst dazu kommen kann, das Testament aufzuschlagen und daraus die Dinge zu nehmen, die er dann auch im Evangeliumlesen an die Menschheit heranbringt, und wie er dazu kommen kann, dasjenige auszuführen, was er zum Verständnis an die Menschheit herantragen soll. In dieser Zeit, die also namentlich die Februarzeit ist, die dritte Jahreszeit für den Christen, werden wir uns meditativ insbesondere vertiefen erstens in die Art und Weise, wie Jesus weise wird. (Es wird an die Tafel geschrieben):

1. Weisewerden Jesu

Alles dasjenige, was wir erkennen können zum Beispiel aus der Erscheinung des zwölfjährigen Jesus im Tempel, alles dasjenige, was sonst erkannt werden kann über die Entwickelung des Jesus in seiner Jugend, gehört in diese Meditation hinein. Als zweites aber sollen wir uns hineinfinden in die Meditation des nicht zu Versuchenden, des in der Versuchung eigentlich nicht zu Verführenden. (Es wird an die Tafel geschrieben):

2. Der in der Versuchung nicht zu Verführende

Als drittes soll uns dasjenige entgegentreten, was in einem Begriffe liegt, der eigentlich von uns ganz empfunden werden soll; das ist der Begriff, daß der Weisewerdende, der in der Versuchung nicht zu Verführende, der Menschensohn ist, (es wird an die Tafel geschrieben):

3. Der Menschensohn

also derjenige, der innig verwandt ist mit allem Menschlichen, der aber dadurch, daß er durch die Ihnen ja jetzt schon bekannten Bedingungen ins Erdendasein eingetreten ist, nicht darstellt jenen Menschen, der die Sündenkrankheit an sich trägt, sondern jenen Menschen, der die Aufforderung in sich trägt, das Wesen des Menschen so zu erfüllen, daß die Sündenkrankheit abfällt. Das aber führt unmittelbar hinüber in dasjenige, was als das vierte aufzutreten hat, der Weltenarzt, (es wird an die Tafel geschrieben):

4. Der Weltenarzt

derjenige also, welcher die kranke Menschheit heilt. Alles, was in dieser Beziehung in den Evangelien steht, können wir selber rege machen, können wir an andere in der entsprechenden Weise heranbringen. Dadurch aber erst sind wir richtig vorbereitet zu demjenigen, was wir empfinden sollen an dem Evangelium und überhaupt durch unsere Beziehung mit dem Christus Jesus als die besondere Art, wie der Christus Jesus die Jünger findet. (Es wird an die Tafel geschrieben):

5. Der die Jünger Findende

Es liegen unendliche Tiefen in den Evangelien-Erzählungen, wenn wir gerade diese zur Meditation machen, über die Art und Weise, wie zu dem Christus seine Jünger kommen, wie sie ihm nachfolgen und so weiter. Dann erst, wenn wir dieses Gefühl haben, haben wir eine richtige Empfindung von dem nächsten, von dem Lehrenden, (es wird an die Tafel geschrieben):

6. Der Lehrende

von dem Lehrenden in dem Sinne, wie ich es Ihnen ja auch im Laufe dieser Vorträge angedeutet habe an dem 13. Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Und dann erst, wenn wir so empfunden haben, sind wir in der Lage, dasjenige innerlich richtig zu durchleben, was ich gesprochen habe über die Begründung des Gottesreiches auf Erden, weil das Erdenreich eigentlich zum Untergange bestimmt ist, also die Gründung des Reiches, des Himmelreiches. (Es wird an die Tafel geschrieben):

7. Gründung des Himmlischen Reiches

Wir haben in dieser Art uns vertieft in ein Verstehen des Jesus, dann sind wir dadurch in einem gewissen Sinne reif geworden. Dann sind wir in einem gewissen Sinne reif geworden zur christlichen Selbsterkenntnis. Dieses würde dann auszufüllen haben die Zeit von Ende Februar bis 21. bis 25. März so etwa. Und wir würden zu einer solchen menschlichen Selbsterkenntnis kommen durch eine richtige Ausfüllung der Fastenzeit, der Zeit der Fasten, die ja im wesentlichen selbstverständlich den Wandlungsgang des Innern berücksichtigen muß. Da würde der Mensch zunächst fühlen, wie die Erde ihn mit ihren Kräften erfaßt, wie er aber durch dieses Erfaßtwerden von den Erdenkräften gewissermaßen mit dem Erdenuntergange seinen Weg macht. (Es wird an die Tafel geschrieben):

1. Erden-Niedergang

Gerade aber aus einer solchen Empfindung des Erdenniedergangs kann sich eine andere Empfindung ergeben, die ich etwa in der folgenden Weise charakterisieren möchte. Man empfindet, daß in alle dem, was sich als äußere Natur ankündigt, ein Niedergangselement liegt. Man fühlt sich verbunden durch seine Leibesnatur mit diesem Niedergangselement, und man wird erfaßt von der Furcht, daß das in einem befindliche Moralische mit untergehen müsse. Also man empfindet gegenüber dem Erdenwerden die Gefahr für das Moralische. (Es wird an die Tafel geschrieben):

2. Gefahr für das Moralische

Gewisse Bekenntnisse kommen dieser Empfindung ja dadurch entgegen, daß sie das Fasten anordnen, also das sich nicht in der Weise opulente Ernähren, wie es sonst im Jahre der Fall ist, sondern das Sichzurückhalten. Damit ist aber, obwohl es auf eine physische Art versucht wird und eigentlich unserer Zeit solche physischen Dinge fernliegen sollen, in der Tat ein gesteigertes Erfühlen des Menschen in sich selbst vorhanden, und damit gerade eine Hinüberleitung des sonst bloß natürlichen Empfindens zu dem feineren Empfinden gegenüber dem Moralischen. Allerdings darf das Fasten ja nicht so eingerichtet werden, wie es oftmals im römisch-katholischen Bekenntnis eingerichtet ist. Man konnte letzthin erfahren von einer Verfügung desjenigen Bischofs, zu dessen Diözese im 12., 13. Jahrhundert auch Basel gehört hat; in dieser bischöflichen Verordnung ist dem Dompropst der Basler Kirche für seine Domherren — ich glaube, es waren ihrer zwölf — die Verpflichtung auferlegt worden, zu Weihnachten jeden Tag, ich glaube, acht Schweine zu schlachten. Ich glaube, es waren eher 26 Domherren, aber das genügt schon auch. Nun war jedenfalls dann mit dem Menü, das angegeben war, reichlich für das Weihnachtsfest gesorgt durch ein bischöfliches Gebot, Und dann war da auch angegeben, wie gefastet worden ist. Ich konnte aber nicht herausfinden, daß durch dieses Fasten gerade dasjenige hat erreicht werden können, was ich Ihnen jetzt als den Sinn des Fastengebotes angegeben habe. Dann aber, wenn diese Gefahr für das Moralische empfunden worden ist, dann kann man auch eine Empfindung haben für die Unterscheidung desjenigen, was eigentlich ewiges Erbe des Menschen ist und wie dieses ewige Erbe des Menschen, das durch Christus wiederhergestellt werden soll, sich unterscheidet von dem, was der Mensch durch bloßes Erdenmenschsein geworden ist. (Es wird an die Tafel geschrieben):

3. Ewiges Erbe der Menschheit und zeitliches Menschsein

Und jetzt sollte aus dem, und es kann das auch, ein starkes Gefühl hervorgehen, wie der Mensch als Erdenmensch der Heilung bedürftig ist, wie er des Führers bedürftig ist, wie er des Lichtes bedürftig ist, wie er für jene Sinnesart, die er bloß aus Erdenkräften hat, wie er für jene Sinnesfähigkeit, die er bloß als Erdenmensch hat, einer Umwandlung bedürftig ist. (Es wird an die Tafel geschrieben):

4. Der Heilung bedürftig

5. Des Führers bedürftig

6. Des Lichtes bedürftig

7. Der Sinneswandlung bedürftig

Wir haben damit etwa dasjenige charakterisiert, was uns als Meditation durchleben soll in der Märzzeit des Jahres, Februar bis März, in der Fastenzeit, und nähern uns nun demjenigen, was sich ergibt als die Anschauung von Christi Tode als die die Osterzeit erfüllende März-Aprilzeit. Das erste, was wir da in die Meditation aufnehmen sollen, ist der Aufblick zum Himmel. Versuchen wir, eine Empfindung davon zu haben, daß die Osterzeit damit zusammenhängt, daß uns gewissermaßen am Himmel das Geistige entfällt, daß wir zu einer physischen Beziehung hindrängen. Also (es wird an die Tafel geschrieben):

1. Aufblick zum physischen Himmel

Das zweite aber, was wir empfinden sollen, indem wir auf der einen Seite aufblicken zum physischen Himmel, das ist das Grab in Anlehnung an das Einsenken des Christus in das Grab. (Es wird an die Tafel geschrieben):

2. Grab

Das dritte, das wir dann tief empfinden sollen, ist der Tod als Wirkung des irdischen Leibseins. (Es wird an die Tafel geschrieben):

3. Tod

Wir werden uns in diese Empfindungen namentlich zu versetzen versuchen während der Passionswoche, um dann in der rechten Weise den Übergang zu finden während der Ostertage, um zu empfinden die Auferstehung als Wirkung des Geistseins. (Es wird an die Tafel geschrieben):

4. Auferstehung

Dann aber, wenn wir die Auferstehung erfaßt haben, wenn vor uns steht die Auferstehung, so wie wir das versuchten in unseren Vorträgen, dann ergibt sich die richtige Anbetung dem einigen Gott gegenüber, dann aber ergibt sich auch das richtige Insichschließen, das richtige «Christus in mir». (Es wird an die Tafel geschrieben):

5. Anbetung
6. Christus in mir

Und erst auf alle dem, was uns gibt der empfundene Zusammenhang des Aufblickens zum Gestirnshimmel, der aber die Zeiten bestimmt, und des Hinabblickens zum Grabe, des Empfindens des Todes im Leibsein, des Empfindens der Auferstehung als Geistsein, des Durchdringens unserer Seele mit Frömmigkeit in der Anbetung, des Insichschließens der Christus-Kraft, kann sich alles das, was sich uns da tief empfinden läßt, dann zusammenfassen in demjenigen, was man das christliche Bekenntnis nennen kann, das man damit meditativ am besten erreicht. (Es wird an die Tafel geschrieben):

7. Bekenntnis

Und nun kommen wir zu demjenigen, was die Maitage, 24. April bis 25.Mai umschließen kann. Die Maitage werden uns, wenn wir alles das durchgemacht haben, eine Empfindung geben für die unmittelbare Gegenwart des Übersinnlichen, die wir ja empfinden lernen können an dem Wandeln des auferstandenen Christus Jesus mit seinen Jüngern, soweit uns im Evangelium dafür Anhaltspunkte gegeben sind. (Es wird an die Tafel geschrieben):

1. Gegenwart des Übersinnlichen

Aus dieser Gegenwart des Übersinnlichen, aus dem, was wir empfinden können daraus, daß wir fühlen, so wie uns die Dinge umgeben in bezug auf unsere Augen und Ohren, so umgeben uns die Wesen des Übersinnlichen, daraus ersprießt uns dann eine Empfindung für das Sein des Moralischen. (Es wird an die Tafel geschrieben):

2. Sein des Moralischen

Und erst, wenn wir die rechte Empfindung entwickelt haben für das Sein des Moralischen, sind wir reif, in uns die äußeren Welterscheinungen als Schein zu empfinden; vorher wird es immer mehr oder minder phrasenhaft bleiben. (Es wird an die Tafel geschrieben):

3. Welt als Schein

Dann aber, wenn wir auf der einen Seite die Welt als Schein empfinden, dann trägt uns das hinüber zu einem Empfinden der in der Welt zunächst verborgenen Wahrheit. (Es wird an die Tafel geschrieben):

4. Verborgene Wahrheit

Und jetzt haben wir alle die Elemente in uns, die es uns möglich machen, konkreter uns mit dem Christus zu durchdringen, uns zu durchdringen mit dem auferstandenen Christus. (Es wird an die Tafel geschrieben):

5. Sich durchdringen mit dem Auferstandenen

Dann können wir eigentlich erst in diesem Zusammenhang ein rechtes Gefühl davon haben, wie man Jünger sein kann nicht des vor dem Tode Stehenden, sondern Jünger des Auferstandenen, was ja dann Paulus geworden ist. (Es wird an die Tafel geschrieben):

6. Jünger des Auferstandenen

Und dann kann man sich mit ihm in seiner Welt fühlen, in der Geistwelt fühlen, also in einer anderen Welt fühlen. (Es wird an die Tafel geschrieben):

7. In einer andern Welt fühlen

Und nun kommen wir zu der Pfingstzeit, also zu der Zeit der Erscheinung des Heiligen Geistes, Mai-Juni. Wir bekommen, wenn wir das alles im voraus durchgemacht haben, wenn wir uns in einer anderen Welt fühlen, einen Begriff, wie uns werden kann eine neue lebende Erkenntnis, nicht diejenige Erkenntnis, die wir als Worte abschälen von den Dingen um uns. Also (es wird an die Tafel geschrieben):

1. Neue lebende Erkenntnis (Evangelium)

Wir fangen an, das Evangelium in seiner Lebendigkeit zu fühlen, und jetzt ergibt sich, daß wir lernen, es aussichtsvoll zu empfinden, daß eine moralische Welt aufgeht, weil das Moralische nach dem Untergang der rein natürlichen Welt deren Fortsetzung sein wird. Das zweite ist also die Aussicht auf das Sein des Moralischen. (Es wird an die Tafel geschrieben):

2. Aussicht auf das Sein des Moralischen

Das wird eine sehr konkrete Empfindung sein, wenn wir erst alles andere durchgemacht haben, nachdem wir in der Fastenzeit zu dem Gefühl der Gefahr für das Moralische kamen. Und nachdem wir diese Aussicht auf das Sein dieses Moralischen uns eröffnet haben, da lernen wir erkennen, ich möchte sagen, wie hinweggeschwebt von aller Erdenschwere die sich selber haltende Wahrheit im Geist. (Es wird an die Tafel geschrieben):

3. Im Geiste sich selber haltende Wahrheit

Das ist durchaus etwas, was man erst in seiner Konkretheit gesondert erleben muß, um es als Mensch zu haben. Alles, was wir auf der Erde erleben können, was wir durch die Sinne und mit dem Verstande kombinieren können, trägt in sich ein gewisses Element, das ich bildhaft vergleichen möchte mit dem folgenden: Man denke sich, es trete ein Athlet vor uns hin und er zeige uns ein Gewicht, auf dem, sagen wir, 1000kg steht. Wir wundern uns über seine Riesenkraft. Aber dann zeigt er uns, indem er es schüttelt, daß da gar nichts drin ist, und wir hören auf, an die Wahrheit dieser Erscheinung zu glauben. Wodurch hören wir auf, an die Wahrheit dieser Erscheinung zu glauben? Weil wir sehen, daß die Erdenkraft der Schwere fehlt, und das Irdische hört auf, für uns ein Sein zu haben im wahren Sinne des Wortes, wenn ihm die Erdenkraft der Schwere fehlt. Das Geistige hat die innere Schwere, die innere Haltekraft. Wir bekommen nicht früher eine richtige Empfindung von dieser inneren Haltekraft des Geistes, bevor wir nicht die Dinge durchgemacht haben, von denen ich gesprochen habe. Dann aber, wenn wir das durchgemacht haben, merken wir, daß dasjenige, was uns gesondert im Geiste erscheint als die Wahrheit der Welt, auch in den Dingen des Materiellen drinnen ist, so daß nicht die materiellen Dinge Trug sind, sondern nur ihr Erscheinen als bloße Materie, daß die Materie eigentlich Geist ist. (Es wird an die Tafel geschrieben):

4. Materie als Geist

Haben wir dieses empfunden, dann, meine lieben Freunde, müssen wir so etwas erleben wie ein Eindringen der Kraft, die wir durch diese ganze Meditation gewonnen haben, in unser Wort, dann ist der Moment, wo sich in unserer inneren Meditation das ergibt, was man aussprechen kann durch die Worte: Mir ist die Zunge gelöst. (Es wird an die Tafel geschrieben):

5. Die Zunge gelöst

Man empfindet im ausgesprochenen Worte das Weltenwort. Man empfindet es wie etwas, was man, ich möchte sagen, an dem Aussprechen des Wortes selbst erlebt; wie man beim Hinunterschlucken einer Speise einen Geschmack hat, so empfindet man beim Aussprechen des Wortes, wenn die Zunge in diesem Sinne gelöst wird, dasjenige, was das Wort als Weltenwort uns empfinden läßt, nicht bloß verstehen läßt. Man fühlt sich dann in dem Worte, man fühlt sich herausgehoben aus dem, was unser bloßer Leib ist, man fühlt sich auf den Wellen des Wortes mit seinem Wesen webend, man fühlt die Befreiung. (Es wird an die Tafel geschrieben):

6. Fühlen der Befreiung

Und man fühlt dann auch die Vereinigung mit dem, was einen befreit hat, die Vereinigung mit dem Geiste. (Es wird an die Tafel geschrieben):

7. Vereinigung

Wir kommen nun zur sogenannten Johannizeit Juni-Juli. Wir haben in einer gewissen Weise das meditativ absolviert, was wir doch in einem hohen Grade mit uns als Menschen selber abmachen müssen. Wir sind jetzt reif, uns zu versenken in dasjenige, was um uns herum vorgeht, und dazu werden wir wohl aufgefordert durch das, was sich schon vorbereitet hat in der Außenwelt. Meine lieben Freunde, wir können das, was in der Außenwelt vorgeht und sich vorbereitet hat, so ansehen, daß unser inneres Auge nicht geistig sonnenhaft ist; dann sehen wir die im Frühling vorbereitete Pflanzenwelt hineinragen in die Reifung der Hochsonne, aber wir empfinden nicht konkret und deutlich genug den Geist im Werden. Nur wenn wir alles das zur Ausbildung unseres Geistes auch mitgebracht haben bis in die Junizeit, dann erleben wir auch den Geist im Werden. (Es wird an die Tafel geschrieben):

1. Geist im Werden

Und wenn wir den Geist im Werden erleben, dann setzt sich uns gewissermaßen alles Sein fort, wir fühlen gewissermaßen, wenn wir über die Saat schauen, wie die Saat nicht bloß bei ihrer oberen Frucht abschließt, sondern die Kraft in sich trägt, die wir geistig fühlen, weiter emporzuschießen. Und wir fühlen, wie die lange Helle der Nacht dieser Zeit die Kraft in sich trägt, geistig noch heller zu werden. Daß das Wachsen der Helle der Nacht bleiben könne bis zu dem Zeitpunkt, wo der eigentliche Sommer beginnt, wandelt sich uns in ein geistiges Werdewachsen des Universums. Wir fühlen, daß dasjenige, was nur von der Welt empfunden werden konnte in der vorchristlichen Zeit, daß das in der nachchristlichen Zeit, wenn wir uns in der richtigen Weise zu Christus halten können, sich verwandelt in das Schauen des Geistes im Werden, [in das Wachsen] des Lichtes in der Finsternis. Dasjenige, was wir für den Christus in uns ausgebildet haben, trägt sich auch hinein in die Natur. Wir empfinden auch in der Natur draußen das Licht als Geistiges in der Finsternis. Uns werden aus demjenigen, was wir so empfinden in dem Fortsetzen der Wachstumskraft in den Pflanzen, in der Fortsetzung des Lichtwerdens, Bilder [zuteil], die wie in der Welt verborgen sind, die wir erfassen in dem imaginativen Leben. Uns wird die Kraft, uns in Bildern auszusprechen. Wir lernen befolgen die Pfingstaufforderung, wir lernen predigen. Wir lernen predigen, indem wir die Natur geistig durchdringen lernen. Wir lernen predigen, indem wir das tiefe Gefühl gegenüber der Natur entwickeln, indem wir uns sagen können: Die Pflanzen hören nicht dort auf zu wachsen, sondern das Geistige ragt über ihr physisches Wachstum hinaus. Das Licht leuchtet auch da, wo es sich wiederum zum Abnehmen wendet, wir verstehen das Johannes-Wort: Ich werde abnehmen, du aber wirst wachsen. - Wir haben also eine Empfindung für das Licht in der Finsternis, für das Werden im Sein. (Es wird an die Tafel geschrieben):

2. Licht in der Finsternis. Werden im Sein

Wir fühlen um uns herum die Natur und werden uns bewußt, daß das, was wir um uns herum fühlen, wohinein wir durch unser Geistesauge den Geist tragen, eine Verwandtschaft hat mit unserem Schlafen, daß wir aber, wenn wir unser Schlafen erleben, bewußtlos sind, und daß wir, indem wir hinausschauen [in die Natur], das wachende Schlafen der Natur empfinden. (Es wird an die Tafel geschrieben):

3. Wachendes Schlafen der Natur

Und wir empfinden, meine lieben Freunde, wie dasjenige, was der Christus-Impuls war, nun tatsächlich auch hineingetragen werden kann in die Anschauung der äußeren Welt. Dazu ist die heutige Zeit reif, denn die heutige Zeit muß eine Christus-los gewordene Naturwissenschaft zu vergeistigen, zu verchristen in der Lage sein; sonst entsteht keine Neubildung der Religion.

Indem in der alten Kirche dieser Gang durch das Jahr beschrieben worden ist, hört es auf; damals war noch nicht die Zeit gekommen, wo es möglich war, den Christus-Impuls hinauszutragen in die äußere natürliche Welt. Sehen Sie, wie dasjenige, was in einer gewissen Fülle gegeben war für die vorhergehende Zeit, übergeht in etwas, das nun wie gar keine Beziehung mehr hat zu der Zeitentwickelung. Sie müssen anfangen — wenn Sie bei der alten Kirchenentwickelung stehenbleiben —, etwa das zu tun, was die katholische Kirche tut, wenn sie das Evangelium entwickelt hat bis zur Pfingstzeit hin und es hinausentwickelt in die Johannizeit hinein: Sie müssen sich halten an die Feste der Apostel, Sie müssen sich halten an die Feste der Heiligen, an die Feste Mariä, Sie müssen sich halten an die Apostelgeschichte, Sie müssen sich halten an die Paulus-Briefe. Aber Sie haben im Grunde genommen auch da jene innerste Beziehung nicht zu dem, was eigentlich erst hier auftritt und in der folgenden Zeit sich immer weiter und weiter vertieft. Paulus, der Heidenapostel, hatte die Heidenanschauung, die sich auf die Natur bezog, zu verbinden mit der Judenanschauung, die sich auf das Innere des Menschen bezog. Wenn wir daher in dieser Zeit ganz besonders tief empfinden: Wie war das Bewußtsein des Johannes als des Vorläufers des Christus Jesus, wie hat er den Christus erlebt, und wie hat er vor allen Dingen sein eigenes Handeln in bezug auf die Erscheinung des Christus ausgedrückt? Wenn wir dann den Übergang finden [zu der Frage]: Wie war das Leben des Paulus zu dem lebendigen Christus? — und wenn wir in uns den Vergleich ziehen in dieser Johannizeit zwischen Johannes und Paulus, dann leiten wir in der richtigen Weise hinüber zu der eigentlichen Paulus-Aufgabe, die deshalb so empfunden wird, weil sie in ihrer Zeit gar nicht hat erfüllt werden können.

Aber, meine lieben Freunde, wir kommen hier nicht weiter, wir haben nur drei Punkte, während wir früher auf eine ganz natürliche Weise sieben Punkte bekamen. Und wir müssen uns auch für die Johannizeit mit der inneren Ausgestaltung, mit der meditativen Ausgestaltung dieser drei Punkte durchaus begnügen, wir müssen dasjenige, was der Geist in größerer Lebendigkeit gibt, fühlen, wie es sich, ich möchte sagen, ins Weite dehnt, aber dadurch auch weniger Inhalt hat als dasjenige, was im Vorangehenden für den Geist sich uns ergibt. Wer daher schematisch dasjenige fortsetzen wollte, was ich angegeben habe, der würde nicht zu einer richtigen inneren Handhabung desjenigen kommen können, was ich eigentlich bezeichnen muß als den meditativen Inhalt der Johannizeit für den Seelsorger.

Heute nachmittag werde ich Ihnen auch die Zeit vom Juli bis zum August hin noch aufschreiben. Das ist die Zeit, in der wir die eigentliche Reifung der Natur nun im christlichen Sinne erleben. Das ist auch die Zeit, wo uns besonders nahegehen wird dasjenige, was Paulus sagt über seine Wahrnehmung des lebendigen Christus, sein Entrücktsein in eine geistige Welt. Denn wir werden da gewissermaßen dasjenige, was wir früher als den Geist im Werden empfunden haben, als die Anwesenheit dieses Geistes in der uns umgebenden reifenden Natur fühlen. Wir werden fühlen, wenn wir uns in der richtigen Weise in das versenken können, was bis zur Reifung hin geworden ist, wie das Licht wirklich in die Finsternis hineingeschienen hat, bei allem, was da draußen wird, wo das Licht fortlebt in dem Reifen, und wir werden empfinden können, wie dasjenige, was da wird, was in dem Reifen fortlebt, auch in uns Wurzel schlagen kann. Das können wir nur empfinden, wenn wir nun aus der früheren Empfindung heraus des wachend schlafenden Geistes das Ruhevolle der Augustnatur und das im Ruhevollen webende Geistige erleben können, das im Glanze des Sonnenlichtes lebt, und wir werden übertragen können dieses Bild auf dasjenige, was wir durch Christus in uns selber erleben können. Dann geht als viertes hervor — hier schließt sich ein vierter Punkt an die drei anderen an - ein ganz lebendiges Miterleben mit dem Äußeren; es schließt sich gewissermaßen in uns zusammen das Äußere und das Innere. So kann man die äußere und die innere Reife empfinden, und man bekommt dadurch, daß einen das Äußere befruchtet, die Bilder für die innere Reife.

Von da ausgehend möchte ich dann am Nachmittag fortsetzen und für die weitere Zeit noch die letzten Punkte aufschreiben.

German original of Twenty-sixth Lecture · ← Previous · Next →