Lectures on Christian Religious Work II

GA 343 — 10 October 1921, Dornach

Achtundzwanzigster Vortrag

Meine lieben Freunde! Wir werden heute versuchen, die Dinge, die wir besprochen haben und die in unserem Programm liegen, zu Ende zu führen.

Ich habe Ihnen zunächst als eine Grundlage für ein Brevier die Jahres- und Monatsstimmungen angegeben, und innerhalb der Jahres- und Monatsstimmungen müssen wir nun die Wochenstimmungen suchen. Diese Wochenstimmungen ergeben sich, wie ich schon gestern anfing anzudeuten, wenn wir hinschauen darauf, wie in der Auguststimmung eigentlich die Wochenstimmung schon angedeutet ist so, daß wir innerhalb dieser Auguststimmung die erste Woche auch schon drinnen haben in der Monatsstimmung. Geradeso wie im lebendigen Organismus gewisse Glieder etwas mehr von dem ganzen [Organismus] und von den anderen [Gliedern] haben als andere, so muß es auch bei dem sein, was wir organisch als unser Verhalten zur Welt herausfinden, und so würde die Auguststimmung die Stimmung für die Meditation sein für die erste Woche des Monats, die Septemberstimmung für die zweite Woche, die Oktoberstimmung für die dritte Woche, die Novemberstimmung für die vierte Woche. Damit verschlingen sich gewissermaßen die Wochen mit den Monaten in der entsprechenden Weise. Es kann das auch nicht anders sein, und wir müssen darauf sehen, daß wir mit den Monaten in den Wocheneinteilungen gehen. Es werden aber zuweilen Verschiebungen stattfinden müssen, damit wir die Wochen in den Jahreslauf hineinbekommen können. Dann folgen nach den Wochenstimmungen die Tagesstimmungen, und diese Tagesstimmungen, die sich an die Wochenstimmungen anschließen müssen, führen in einer anderen Weise in den ganzen Weltenzusammenhang hinein als das Vorhergehende des Breviers. Ich werde nun langsam die Tagesstimmungen lesen, beginnend beim Sonnabend: Sonnabend:

Nach dem göttlich-geistigen Seinsgrund sei mein Blick gerichtet Die Sinne schauen des Seinsgrundes Wesensoffenbarung Weltengeist waltet im Weltenstoff Weltengeist webt im Toten, im Lebenden, im Empfindenden Weltengeist schafft im Menschen sich seines Wesens Abbild Seele offenbart des Geistes Bildnerkraft Seele strebt nach Geist-Erfüllung.

Sonntag:

Lichtvoll waltet der Geist In die Finsternisse scheinet er Die Finsternisse leben scheinend vom Licht In Finsternissen webet der Geist wesenhaft Finsternis belebet sich am Licht Licht macht Finsternis gut Des Lichtes Schein ist das Gute im Dunkel.

Montag:

Finsternis ergreift das empfangne Licht Sie möchte scheinen, nicht beschienen sein Besitz nimmt sie vom Empfangnen Eigenlicht läßt sie walten Nicht zum Urlicht soll Eigenlicht strömen Selbst soll es sein Finsternis trügt Lichtschein.

Dienstag:

Licht-Einheit schwindet Finstres wendet sich vom Licht Finstres wendet sich gegen Licht Und so Finstres gegen Finstres Als Licht ist Finstres Trug Als Licht ist Finstres Übel Als Licht ist Finstres Untergang.

Wo ist im Finstren das Licht? Wo findet Seele den Geist? Auf Golgatha steht das Kreuz Christus leuchtet am Kreuz Er führt durch den Tod Er leuchtet in der Finsternis Er sei meiner Seele Licht.

Donnerstag:

Christus führet Seelen Aus der Finsternis führet Er Licht im Urlicht ist seine Kraft Leben entringt er dem Tod Heil entringt er dem Übel Aufgang entringt er dem Untergang Zum Gottesall führt er Menschenselbst.

Nun so, wie auf einer höheren Stufe, der Freitag zum Sonnabend wiederum zurückkehrend:

Freitag:

Mit Christus wirke mein Wille Seine Weltenziele strömen in meinen Willen Christus waltet für Erdenzukunft Christus lebet vom Vater, leuchtend durch sich, offenbarend durch den heilenden Geist Christus schafft in der Seele die Geistesziele Seele kann des Christus Wesen aufnehmen Seele kann fühlen: Christus in mir.

Nun versuchen wir, das Brevier gebrauchen zu lernen. Nehmen wir also an, wir stünden in der dritten Novemberwoche, das heißt in der Woche, die auf den Monat sich bezieht, der etwa am 24. oder 23. November beginnt und zu Weihnachten schließt, wir stünden in der dritten Novemberwoche, sagen wir an einem Donnerstag. In diesem Falle also wäre das Brevier dieses:

Die Himmel und die Erde durchwallet das Wort
Es sprach gebietend zu Moses auf dem Berge
Es gestaltet Weltenwesen, zur Offenbarung dem Menschen
Es webt im Menschen-Innern, dem Verborgenen durch sich selbst
Es leuchtet als Sonne aus dem Lichte in die Finsternisse
Es lebt in Christus, hell aus der Finsternis, sanft in der Helle
Es tritt auf die Erde in Jesus.

Nun kommt die dritte Woche:

Ich schaue in die Welt mit geistgetrag’nem Fühlen
Der Geist empfindet meine Sinnesart
Die Welt versinkt ins Dunkel
Es leuchtet betend das Innre im Geistessein
Einen Gebieter braucht das Innere im Weltendunkel
O es nimmt Besonnenheit mir der Geist.

Donnerstag:

Christus führet Seelen
Aus der Finsternis führet Er
Licht im Urlicht ist seine Kraft
Leben entringt er dem Tod
Heil entringt er dem Übel
Aufgang entringt er dem Untergang
Zum Gottesall führt er Menschenselbst.

Oder nehmen wir die erste Augustwoche, Sonnabend:

Es entsteiget Geist der Werdewelt
In der Finsternis gebiert sich Licht
Es ruhet im Sinnessein webender Geist
Der Geist lebet in meinem Leben.

Die erste Woche wiederholt in diesem Fall denselben Spruch:

Es entsteiget Geist der Werdewelt
In der Finsternis gebiert sich Licht
Es ruhet im Sinnessein webender Geist
Der Geist lebt in meinem Leben.

Nun Sonnabend:

Nach dem göttlich-geistigen Seinsgrund sei mein Blick gerichtet
Die Sinne schauen des Seinsgrundes Wesensoffenbarung
Weltengeist waltet im Weltenstoff
Weltengeist webt im Toten, im Lebenden, im Empfindenden
Weltengeist schafft im Menschen sich seines Wesens Abbild
Seele offenbart des Geistes Bildnerkraft
Seele strebt nach Geist-Erfüllung.

Es ist also möglich, meine lieben Freunde, durch die entsprechende Einteilung dieses Brevier zu gebrauchen, und wenn Sie es richtig gebrauchen, so finden Sie nach und nach selber die Möglichkeit, zu lernen, in Bildern zu predigen; das Wort kann in Ihnen lebendig werden. Aber glauben Sie nur nicht, daß das Wort irgendwie lebendig werden kann ohne die Übung. Nur diejenige Übung, die im Einklang steht mit den waltenden Weltenabsichten, nur die Übung, die wir so gegliedert im Sinne der Werdeweltenabsichten in uns ausführen, zieht aus unserem Innern herauf die Kraft des lebendigen Wortes. Und es handelt sich darum, daß Sie gerade diese Dinge, die für die Seelsorge bestimmt sind, mit dem entsprechenden Vertrauen, mit dem entsprechenden Glauben verbinden. Niemandem kann der Geist gegeben sein, der nicht voll vermeint, im Weben des Geistes zu leben. Das insbesondere bitte ich Sie zu beachten, meine lieben Freunde, wenn ich nun über die Gemeindebildung und über die Priesterweihe sprechen werde.

Ich spreche über diese Dinge nun so, wie sich mir das ergibt aus demjenigen, was mir von denen gesagt worden ist, die nun wirklich in vollem Ernste die Aufgabe ergreifen wollen, von der sie gesprochen haben. Ich möchte die Frage beantworten: Wie können Gemeinden gegründet werden, wie können Gemeinden geführt werden?

Es geht natürlich nicht, sich einfach hinzustellen mit alle demjenigen, was wir jetzt als unser Ziel besprochen haben und nun in abstracto ans Gemeindegründen zu gehen, sondern es handelt sich darum, daß die erste Arbeit eben als ein Anfang geleistet werden muß. Daher kann ich mir nur vorstellen, daß in einem günstigen Sinne dadurch gewirkt werden kann, daß man zunächst das vor die Menschen bringt, was man aus unseren ganzen Zusammenhängen heraus für das Richtige hält. Ich kann mir daher nur vorstellen, daß an den verschiedensten Orten solche Teilnehmer dieser Bestrebungen auftreten, die zunächst einfach anknüpfen an die Art, wie man gegenwärtig auf die Menschen wirken muß, daß also zunächst begonnen wird mit der Bekanntmachung desjenigen, was man will, durch Vorträge, die aber von Anfang an deutlich durchschimmern lassen das Ziel, das man sich setzt, so wie man glauben kann, daß dies verstanden werden kann. Es muß zunächst verkündet werden die Notwendigkeit der religiösen Erneuerung. Es muß begreiflich gemacht werden, daß eine solche religiöse Erneuerung notwendig ist. Dazu muß man natürlich im Ernste selbst durchdrungen sein von der Notwendigkeit einer solchen religiösen Erneuerung. Dazu muß man aber auch durchdrungen sein von dem ungeheuren Ernste der Lage, in welcher die gegenwärtige Menschheit sich in bezug auf innere geistige, religiöse Dinge befindet und in welcher sie sich auch befindet in bezug auf die äußeren Weltenereignisse, die ja doch letzten Endes nichts anderes sind als eine Folge davon, daß die Menschheit verloren hat das Hinblicken auf den eigentlichen geistigen Welteninhalt. Wenn es gelingt, tatsächlich aus dem Ganzen der heutigen Niedergangserscheinungen die Notwendigkeit des Aufganges [zu zeigen], der in die Hand genommen werden muß von einzelnen ernsten Menschen, wenn es gelingt, auf diese Weise die ganze Lage der Welt und die Lage namentlich des religiös-sittlichen Lebens vor der Menschheit auseinanderzulegen, dann wird sich der Geist finden, der im Sinne eines solchen Aufganges wirkt, und es werden aus denjenigen, die das zunächst hören können, die ersten Gemeindemitglieder hervorgehen. Für denjenigen, der unbefangen in das hineinschaut, was heute ist — was ja die wenigsten Menschen tun —, für den kann es da gar keinen Zweifel geben: Wenn Sie in dieser Weise zunächst rein vortragsmäßig sprechen zu allen denen, die es hören wollen, und wenn Sie vor allen Dingen in Ihren Worten die Wärme finden, so daß die Menschen nicht bloß an Ihren Geist glauben, sondern glauben an Ihr Herz, so wird die Zahl der Gemeindemitglieder, die zu Ihnen kommen, in verhältnismäßig kurzer Zeit gar nicht einmal klein sein. Denn es sind heute sehr viele, die da suchen. Viel weniger fehlt es heute an denen, die suchen, als an denjenigen, die führen können, und findet sich einmal eine Gruppe, die führen kann, dann findet sie ganz gewiß auch die Suchenden.

Meine lieben Freunde, es ist einmal meine unerschütterliche Überzeugung, daß die Sage von dem Doktor Faustus in folgendem eine tiefe Wahrheit enthält: In der Zeit, als man dem Doktor Faustus noch zugeschrieben hat, daß er einen Bund geschlossen habe mit den Sendlingen der Hölle, hat man in dem Doktor Faustus den Miterfinder der Buchdruckerkunst gesehen. So nützlich die Buchdruckerkunst der modernen Menschheit geworden ist, ihre Handhabung ist gewissermaßen des Teufels, denn gerade die Buchdruckerkunst richtet eine Scheidewand auf zwischen Herz und Herz in bezug auf die Menschheit. Wir dürfen nur solche Sachen nicht so auffassen, daß wir nun radikal konservativ, radikal reaktionär werden und sagen, wir müßten der Buchdruckerkunst entgegenarbeiten. Im Gegenteil, wir müssen uns zu einer ganz anderen Gesinnung in dieser Beziehung bekennen. Wir müssen uns klar sein, daß der Seelsorger, bevor es eine Buchdruckerkunst gab, wenn er von der Kanzel herunter zu einer Gemeinde zu sprechen hatte, diese durchaus nur auf ihn angewiesen war, wenn es sich um das Verständnis geistiger Dinge handelte. Wir müssen uns klar sein, daß die Kraft, die der Seelsorger aufzuwenden hatte, um in intimer Weise zu seiner Gemeinde zu sprechen, dazumal klein war und klein sein konnte im Verhältnis zu der Kraft, die heute angewendet werden muß. Und ich sehe nur, meine lieben Freunde, daß überall die Menschen gerne daran festhalten möchten, daß diese Kraft so klein bleiben könne. Wir müssen uns klar sein: die Buchdruckerkunst muß da sein. Wir müssen uns klar sein: alles dasjenige, was die moderne Welt heraufgebracht hat, muß da sein. Aber unsere Kraft muß größer werden, um dasjenige wieder gutzumachen und zu überwinden, was von der Welt getan worden ist, die Christus als das Reich der Erde bezeichnet hat, in das er zu bringen hat die Reiche der Himmel.

Wir müssen nicht in leichtsinniger Weise sagen: Was erwartet worden ist in den ersten Zeiten des Christentums, ist ja doch nicht eingetreten, also hat man mit der Angabe des tausendjährigen Reiches unrecht gehabt. Man lügt, indem man so die Bibel einer unrechten Angabe zeiht. So ist es nicht. Stück für Stück ist dasjenige heraufgekommen, was die entgöttlichte Welt ist, und Stück für Stück muß das, was früher noch durch die Welt gesucht werden konnte, nunmehr durch den Geist gesucht werden. Die Buchdrukkerkunst waltet nicht in einer stillestehenden und gleichmäßig werdenden Welt, sondern die Buchdruckerkunst waltet in einer Welt, die untergeht und deren Untergang der Aufgang entgegengesetzt werden muß. Wenn wir uns nicht gewöhnen können, über diese Dinge in scharfen Vorstellungen zu denken, dann können wir auch nicht der Lage gewachsen sein, in die wir uns hineinstellen wollen, und wir können vor allen Dingen nicht zu dem Vertrauen in die Geistwirkungen kommen, das wir doch haben müssen. Wie sollen wir vom Geiste sprechen, wenn wir kein Vertrauen dazu haben, daß der Geist mit uns wirken wird? Wie können wir vom Geiste sprechen, wenn wir nur in intellektualistischer Art immerfort abwägen, ob das oder jenes richtig sein kann? Wie können wir vom Geiste sprechen, wenn wir nicht in der Lage sind, uns mit dem Geiste zu verbinden? Was die Welt uns auch als Echo entgegentönen läßt, wir verbinden uns mit dem Geist, um dasjenige zu bewirken, was wir in seinem Sinne als das Rechte erkennen. Und wir können nicht im Geiste wirken, wenn wir dieses Vertrauen nicht ausdehnen auf alles dasjenige, was wir wirken können in unserer Gemeinde. Wir müssen in der Gemeinde sachlich und gründlich urteilend, wir müssen in der Gemeinde wissend drinnenstehen. Der moderne Seelsorger ist ja im Grunde genommen seiner Gemeinde fremd geworden. Er geht in der Gemeinde herum, ohne zu ahnen, welche tragischen Welten sich bei denen abspielen, die an ihm vorübergehen. Menschenerkenntnis braucht der Seelsorger, und die Menschenerkenntnis gewinnt er nur durch Anteilnahme an den Erlebnissen seiner Gemeinde. Nichts soll es geben, was die Gemeindemitglieder nicht so ansehen, daß sie das Urteil haben: wenn sie damit zum Seelsorger kommen, finden sie ein offenes Herz, aber auch ein weises Urteil. Wir sollten keine Gelegenheit vorübergehen lassen, uns hineinzufinden in das, was die Gesetzmäßigkeit der Welterscheinungen ist, wir sollten gründlich alles das studieren, was sich im geistigen Leben, im rechtlich-politischen Leben und im wirtschaftlichen Leben der Welt abspielt, um aus diesen drei Quellen aller Menschenentwickelung heraus Menschen erringen zu können. Wir sollten wissen, wie wir den Seelen, für die wir zu sorgen haben, wirklich nahestehen sollen. Vieles wird schon gut, wenn diese Seelen wissen, daß man ihre Schwächen und Angelegenheiten kennt, wenn man darüber ein sachgemäßes und ein von der Offenheit des Herzens begleitetes Urteil für sie hat.

Meine lieben Freunde, wir müssen uns davor hüten zu katholisieren, aber wir müssen gerade für dasjenige, was innerhalb der Gemeindebildung als das Menschliche und als das menschlich Notwendige angesehen werden muß, ein offenes Herz und dazu einen guten Willen haben. Die wenigsten Menschen wissen heute, was in vielen Menschen vorgeht. Die wenigsten Menschen wissen, wie die Menschen, die um uns sind, heute eigentlich in ihrer Seele und um ihre Seele kämpfen. Das Elend ist mittlerweile in der neuesten Zeit so groß geworden, daß diejenigen, die noch ein wenig dahinleben in dem abstrakten Intellektualismus, gar keinen Glauben und gar keine Einsicht haben in die Größe dieses Elends. Heute sind viele Seelen, die nicht aufgeschlossen werden können, weil der Intellektualismus alles verdorrt hat, was wir ihnen sagen können, was wir ihnen geben können, nahe daran, zurückzukehren zur römisch-katholischen Kirche, die einen unermeßlichen Zuzug erfahren könnte. Nahe sind sie deshalb dem Übertritt zur katholischen Kirche, weil die katholische Kirche — wenn auch in ihrer äußerlichen Weise und in ihrer oftmals zum Unheil führenden Weise — wirklich mit einer eisernen Konsequenz dasjenige einzurichten wußte, was die Seelen außer dem Intellektualismus brauchen, zum Beispiel durch die Beichte. ©, ich habe sie kennengelernt, diese protestantischen Seelsorger, die immer wieder und wiederum sagten: Was tun wir mit unserer Predigt, die so intellektualistisch geworden ist, wenn wir nicht etwas haben, wie es der katholische Priester in der Beichte hat? — und die sich als Seelsorger sehnten nach der Beichte. Und ich habe auch wackere katholische Priester kennengelernt, die aus gewissen Gründen, die jetzt hier nicht zu besprechen sind, sich dazu tief verpflichtet fühlten, innerhalb der katholischen Kirche zu bleiben, die aber sich tief bewußt waren, was sie ihrem inneren Menschen verdankten dadurch, daß sie das Ohr in der Beichte denjenigen geneigt haben, die von tiefen Seelenleiden zu berichten hatten.

Unendliches, meine lieben Freunde, wird geheilt in der Welt dadurch, daß man sich in jener Stimmung den Seelen nähert, die so charakterisiert werden kann, wie ich es soeben getan habe. Aber wir kommen nicht dazu, die Möglichkeit aufzufinden, so wiederum zu den Seelen zu stehen, wenn wir uns nicht zugleich bewußt sind, daß wir Kämpfer werden müssen für dasjenige, was in der großen Welt vor sich geht, daß wir auf dem Boden des geistlichen Amtes vieles zu erkämpfen haben, was diesem geistlichen Amte zukommt, was aber innerhalb der vom Materialismus erfüllten Welt diesem geistlichen Amt genommen worden ist und immer weiter und weiter genommen wird. Wieviel, meine lieben Freunde, ist dem geistlichen Amte genommen worden durch den Materialismus der Ärzte. Die Menschen denken darüber nicht nach, sie wissen es gar nicht. Eine der betrüblichen Erscheinungen ist diese, daß das Beichtehören übergegangen ist von den Geistlichen auf die Psychoanalytiker, die es im materialistischen Sinne ausführen. Solche Zeiterscheinungen werden gewöhnlich gar nicht in aller ihrer Tiefe und in aller ihrer Bedeutung durchschaut. Kämpfen Sie als des Christus Diener gegen die ahrimanischen Wirkungen, die sich in dieser Weise in der Welt äußern, denn ohne daß Sie es tun, kommen Sie nicht dazu, auch im einzelnen so wirken zu können, wie die Gemeindewirkung sein muß! Lassen Sie keine Gelegenheit vorübergehen, um wiederum den Beweis zu liefern, daß es eine Pastoralpsychologie und eine Pastoralpsychiatrie geben kann! Versuchen Sie es, Welterkenntnis und Menschenerkenntnis in diesem Sinne zu gewinnen! Glauben Sie nicht, daß das Denken und Trachten des Seelsorgers darin aufgehen kann, daß er über die Richtigkeit von Glauben und Wissen disputiert. Das, meine lieben Freunde, ist so viel geschehen, daß darüber das Seelenheil für Millionen verlorengegangen ist. Nehmen Sie die Dinge ernst und stellen Sie sich das vor die Seele hin, was geschehen ist und demgegenüber eine religiöse Erneuerung heute notwendig ist. Betrachten Sie es nicht als ein Abführen von dem, was dem Seelsorger als einem für die Religion wirkenden Menschen notwendig ist, wenn man ihm zumutet, daß er wissen soll, was an der Lunge des Menschen von der Seele aus fressen kann. Sehen Sie hin auf die Verbreitung der Lungenkrankheiten und betrachten Sie das nicht als etwas, das Sie bloß von der materialistischen Ärztewelt erobern lassen dürfen. Merken Sie es, wie Kümmernisse wirken, über denen man in der Einsamkeit brütet, ohne daß man die Rede desjenigen hören kann, der in solchen Dingen einem urteilsfähig und weise vorkommt. Hören Sie, sage ich, vernehmen Sie etwas von dem, was da waltet in der äußeren Erkrankung aus den Kümmernissen heraus, über denen man in der Einsamkeit brütet, und spüren Sie es, wieviel Sie tun können, wenn Sie die Einsamkeit derjenigen betrachten, die über Kümmernissen brüten; spüren Sie es, was Sie tun können auch an der Gesundung des äußeren Lebens. Denn der Lungenkrankheiten sind zweierlei: die einen sind Krankheiten der Lunge als Organ, die anderen sind Krankheiten des Luftatmens, aber dieses Luftatmen kann nicht in der richtigen Weise zustandekommen, wenn nicht die Lunge sonst gesund ist, und in der kranken Lunge sind die Kümmernisse, über die in der Einsamkeit gebrütet worden ist. Betrachten Sie es nicht als Zumutung, die nicht an das Amt des Seelsorgers gerichtet werden kann, wenn man fragt, was dasjenige ist, was an den menschlichen Organen, die ja den Organismus frisch machen sollen, frißt. Ungesunde Gefühle, über die man unbelehrt ist, machen die Leber krank und machen alles das krank, was durch die Leber und durch die Milz regeneriert werden soll. Betrachten Sie es nicht als etwas Unnötiges, wenn darauf hingewiesen wird, daß es wieder eine Pastoralphysiologie geben soll. Halten Sie es für eine Frage Ihres Amtes: Was frißt an den Luftorganen? Es frißt an den Luftorganen die unsoziale Empfindung der Menschen, diejenige Empfindung, die die Anlagen zur Liebe nicht in der entsprechenden Weise zum Ausdruck kommen läßt. Und indem Sie die soziale Empfindung und die gegenseitige soziale Achtung innerhalb Ihrer Gemeinde pflegen, rufen Sie in Ihrer Gemeinde eine gesunde Atmung hervor, insofern diese aus der Seele kommen soll. Betrachten Sie es nicht als außerhalb Ihres Amtes liegend zu fragen: Was wirkt an dem Blut und seiner Zirkulation ruinierend? Versuchen Sie sich hineinzufinden, daß an dem Blut und seiner Zirkulation ruinierend wirkt die Empfindung von der Zwecklosigkeit des Daseins, es ist Unempfindlichkeit gegenüber dem Wort, das vom Göttlich-Geistigen sich offenbart. Wenn Sie hineinsehen können in die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen der Unempfindlichkeit gegenüber dem Worte, das vom Göttlich-Geistigen kündet und den Störungen in der Zirkulation und den Herzkrankheiten, und wenn Sie hinsehen auf alles dasjenige, was dann wiederum zurückschlägt — das Pendel geht ja nicht nur hin, es geht auch her -, zurückschlägt an materialistischer Gesinnung aus einer ruinierten Blutzirkulation heraus, aus einem ruinierten Herzen, das zustandekommt aus dieser Unempfindlichkeit gegenüber dem geisterfüllten Worte, dann werden Sie ermessen können, wie die Lage der gegenwärtigen Menschheit eigentlich geworden ist, und dann werden Sie in der richtigen ernsten Weise verspüren, was eigentlich religiöse Erneuerung heißen muß. Dann werden Sie auch etwas verspüren von dem, wie man das Heilende wiederum in dem Heiligen finden kann und wie man nicht in der Abstraktion der Heiligung die Heilung zu verlieren braucht. Ganz auf diesen Geist wird es ankommen, und vor allen Dingen darauf wird es ankommen, daß Sie in jedem Augenblick zu demjenigen, der zu Ihrer Gemeinde gehört, für dessen Seele Sie zu sorgen haben, aus der Wahrheit heraus sprechen, daß Sie nicht bloß ein Amt verwalten, sondern daß Sie aus der Wahrheit heraus sprechen.

Meine lieben Freunde, das Mißtrauen ist heute ungeheuer groß. Zu den Kräften, die sich in der letzten Zeit am stärksten entwickelt haben, gehört durchaus das Mißtrauen von Mensch zu Mensch, auch das Mißtrauen des Menschen zu seinem Seelsorger. Menschenerkenntnis allein kann diesem sich steigernden Mißtrauen entgegenwirken. Besonders an der Seele sind ja heute sehr viele Menschen krank, aber die wenigsten wissen etwas von den geheimnisvollen Zusammenhängen gerade der seelischen Erkrankungen mit den körperlichen. Die meisten, die zu den führenden Menschen in der Welt gehören, genieren sich eigentlich, nur einen einzigen Schritt von dem Wege des Intellektualismus abzuirren. Sie fragen eigentlich immer im intellektualistischen Sinne, sie fragen wenig mit dem Herzen. Sie fragen viel mit dem Verstand, aber die Herzen, die hören wollen, können nicht auf den Verstand hören. Und daher ist etwas eingetreten, was zu den furchtbarsten Erscheinungen in unserer Zeit gehört.

Sie werden, meine lieben Freunde, bei den Gemeindemitgliedern, die zunächst zu Ihnen kommen, viele finden, bei denen sich zeigen wird, daß sie nicht etwa bloß deshalb kommen, weil in Ihrem Wort, in Ihrem Tun die Kraft liegt, die das Elementar-Menschliche anzieht, sondern viele werden kommen, die, wenn Sie nun wirklich intim mit ihnen sprechen, sagen werden: Ich komme zu dir aus dem Grund, weil alles andere, das ich versucht habe, mir nichts geboten hat, aber ich weiß nicht, ob du mir mehr bieten kannst als das andere, das mir nichts geboten hat. — Viele werden gerade mit dieser Stimmung kommen, und es ist in ihnen gar nicht eine Empfindung herangezogen worden für die Unterschiede desjenigen, was an sie herantritt. Sollte es dennoch so sein, daß Sie mehr aus dem Geiste heraus zu den Menschen reden, als die anderen aus dem Geiste heraus geredet haben, dann werden Sie finden, wie die Seelen abgestumpft sind und den Unterschied heute gar nicht mehr merken können, und Sie werden auf Mittel sinnen müssen, um gerade die Stumpfheit der Seelen zu überwinden. Gerade gegenüber den Menschen, die mit rechten Gefühlen [der Sehnsucht] nach einem Leben im Geiste zu Ihnen kommen, aber mit stumpfen Seelen, gerade denen gegenüber werden Sie mit nichts anderem zurechtkommen, meine lieben Freunde, als wenn Sie in der Lage sind, ein deutliches Gefühl hervorzurufen von der inneren intimen Wahrheit dessen, was Sie zu sagen haben. Es werden Ihnen viele sagen: Ich kann den Unterschied nicht bemerken zwischen dem, was mir bisher geboten worden ist und dem, was du mir bietest. - Solche Fragen werden Sie nur bekommen, wenn Sie die Menschen mit intellektuellen Gründen überzeugen wollen, allein Sie können auf intellektuelle Gründe verzichten, wenn Sie in den intimen Verkehr mit Ihren Gemeindemitgliedern kommen wollen; Sie können verzichten auf intellektuelle Gründe. Lernen Sie bauen auf ganz andere Gründe. Lernen Sie bauen auf diejenigen Gründe, die zum Beispiel daraus fließen, wenn Sie sagen: Es ist am besten, wenn du mir nicht mehr glaubst, als du den andern geglaubt hast, wenn du mir vielleicht noch weniger glaubst, als du den anderen geglaubt hast; ich verzichte völlig, dir dasjenige, was ich auseinanderzusetzen habe, durch allerlei Gründe auseinanderzusetzen; aber schau und beobachte wirklich mit offenem Auge alles; sieh zu, ob du nicht siehst, daß manches anders ist; und dann lasse nicht mich urteilen, dann urteile du selber. - Und wenn Sie solchen Menschen dann auch noch ein Gefühl beibringen, wie Sie selber über die Gründe denken, die gegen Ihre eigene Seelsorge vorgebracht werden können, wenn Sie ein Gefühl davon hervorrufen, daß Sie das andere auch kennen und daß Sie auch nicht einmal den leisesten Funken eines Fanatismus für die von Ihnen vertretene Sache haben, dann werden Sie doch etwas erbauen können, was Sie durch den Intellektualismus, der der Vater des Fanatismus ist, niemals werden erlangen können. Ich sage mit vollem Bewußtsein: der Intellektualismus ist der Vater des Fanatismus -, denn in keiner Religionsgenossenschaft gab es jemals einen so großen Fanatismus wie bei den modernen Wissenschaftsgenossen. Man muß nur alles das kennen, was durch solche Strömungen pulst. Man muß erkennen, wie weit entfernt derjenige sein kann von dem Zugeständnis der Infallibilität des römischen Papstes, der unbesieglich an die Infallibilität des Professors glaubt oder gar an das Abstraktum «moderne Wissenschaft». Der Glaube an diese Dinge ist so groß, weil man sich dessen gar nicht bewußt ist, daß er überhaupt vorhanden ist, weil man den Glauben daran für eine Selbstverständlichkeit hält. Man bemerkt gar nicht, wie man auf diesem Gebiet in einem Maximum von Fanatismus steckt.

Aber, meine lieben Freunde, Sie werden nichts erreichen, wenn Ihre Begeisterung für die Sache nicht groß genug ist, um sich auch zu solchen Begriffen aufschwingen zu können, wenn Sie selbst noch an irgend etwas leiden, was Sie daran hindert, die ganze Kraft dieses Fanatismus und ähnlicher Fanatismen, die heute in der Welt leben, zu durchschauen, und wenn Sie gewissermaßen sich nicht entschließen können, auch gegenüber diesem Fanatismus mit dem Geist des Christus aufzutreten.

Ihre Gemeindegründung kann nur eine solche sein, die erstens von der rechten Gesinnung ausgeht, aber zweitens auch von einer starken Gesinnung, Die Zeit, in der man glauben durfte, mit Halbheiten etwas zu erreichen, ist vorbei. Die Zeit ist vorbei, in der man glauben konnte, daß intellektualistische Diskussionen über Weltangelegenheiten etwas ausmachen. Wir dürfen niemals vergessen, daß wir in dem Zeitalter leben, in dem der Menschheit unabänderlich die Freiheit gegeben werden soll, und daß das Kommen der Freiheit bedeutet, daß, wenn im Geiste gearbeitet werden soll, aus einem Ursprung und Urständen heraus gearbeitet werden muß; es bedeutet, daß wirklich ein Neues in die Welt treten muß und daß [wirklich alles] rücksichtslos im Sinne dieses Neuen gesehen und getan werden muß. Ihre Arbeit würde eine vorübergehende sein, wenn Sie nicht berücksichtigen würden, daß diese Gesinnung für diese Arbeit ein Unerläßliches ist.

Meine lieben Freunde, Sie müssen überall in den Menschen die Erkenntnis hervorrufen, daß der moderne Mensch auf sein tiefstes Inneres gewiesen werden muß und daß er aus diesem tiefsten Innern heraus den Impuls holen muß für dasjenige, was er denkt, fühlt und will und tut. Man kann nicht daran denken, etwa nun den Kultus so auszuführen, daß man dabei in irgendeiner Weise katholisiert. Man muß den Kultus, dessen Grundzüge wir angegeben haben, durchaus so ausüben wollen, daß man ihn als etwas empfindet, das wirklich heute aus der geistigen Welt hervorgeht. Man muß sich durchaus darüber klar sein, daß die katholische Kirche eine so ungeheure Macht erlangen konnte aus dem Grunde, weil sie, in gewisser Weise gerade dadurch, daß sie auf der einen Seite konsequent ist, sich allem Möglichen in den Zeiterscheinungen anpassen kann; und die katholische Kirche tut das nicht so, wie gewisse neuere Strömungen gehandelt haben, die charakteristisch sind für den Intellektualismus der neueren Zeit.

Im Beginne der Neunzigerjahre sahen wir zum Beispiel in Mitteleuropa etwas heraufkommen, was dazumal genannt wurde die Bestrebung für die Einrichtung einer Gesellschaft für ethische Kultur. Die Bewegung ging von Amerika aus und ergriff auch Europa. Ich war dazumal, als die wichtigsten Tatsachen sich abspielten, um diese Gesellschaft für sogenannte ethische Kultur in Europa zu begründen, gerade im Goethe-Schiller-Archiv, und eine der damals führenden Persönlichkeiten [der Gesellschaft für ethische Kultur] fragte ich im Goethe-Schiller-Archiv: Was wollen Sie denn eigentlich mit der ethischen Kultur? — Da wurde mir geantwortet: Das sagt ja schon der Name. — Ich konnte nur antworten: Aber einem Namen muß man erst einen Inhalt zu geben verstehen. - Wenn man die Leute fragte; was wollen Sie mit der ethischen Kultur? —, so bekam man ein Bekenntnis ungeheuerster Schwäche, man bekam ungefähr die Antwort: Ja, in bezug auf die religiösen Bekenntnisse, in bezug auf die Weltanschauungen, da gehen die Menschen so auseinander, daß zum Schluß jeder seine eigene Weltanschauung und jeder seine eigene Religion haben kann; Religion wird immer mehr und mehr Privatsache werden, aber damit kann man nicht leben, man muß sich schon verständigen; also machen wir die Ethik frei von Religions- und Weltanschauungsgrundlagen und verbreiten eine Ethik, die frei ist von jeder Religions- und jeder Weltanschauungsgrundlage. — Ich wandte immer ein: Ja, aber es hat bisher nie andere Ethiken gegeben als die, die hervorgegangen sind aus Religions- und Weltanschauungsgrundlagen und die deren Konsequenzen waren. — Darauf wurde in der Regel nichts geantwortet, denn man war so versessen darauf, einen abstrakten Extrakt zu machen aus all dem, was man aus den verschiedenen Religionsbekenntnissen gewinnen konnte, davon abzustreifen den religiösen Charakter und das dann zu tradieren als eine religionslose Ethik, eben als eine bloße «ethische Kultur». Es braucht sich wirklich gar nicht gegen die Menschen zu richten, wenn man sich scharf dagegen ausspricht, und ich habe mit aller Schärfe in einem Aufsatz über die Gesellschaft für ethische Kultur am Beginn der Neunzigerjahre ja die Unmöglichkeit gezeigt, aus diesem Chaos herauszukommen, in das man endlich hineingekommen ist. Ein Fanatiker dieser ethischen Kultur ließ gegen diesen Aufsatz eine Schrift erscheinen, in der er mit einer Selbstverständlichkeit dasjenige, was man tatsächlich durchaus belegen kann, beschimpfte. Auch andere Menschen konnten gar nicht einsehen, daß schon die Zeit gekommen ist, wo diese Dinge mit völligem Ernste behandelt werden müssen. Nachdem ich diesen Aufsatz geschrieben hatte, kam ich nach Berlin, besuchte Herman Grimm, der sagte: Was wollen Sie eigentlich mit diesem Kampf gegen die ethische Kultur? Werden Sie hingehen zu dieser Versammlung? Ich habe gefunden, das sind alles ganz nette Menschen. — Ich zweifelte niemals, daß alle die Leute, die da zusammensaßen, sehr nette Menschen waren, aber um so mehr mußte ich bedauern, daß diesen netten Menschen dieses Ungeheuerliche wie etwas Selbstverständliches in die Seele geimpft wurde. Selbst die Führenden im geistigen Leben konnten überhaupt nicht mehr einsehen, worin der Ernst unserer Lage war und ist. Dieses Einsehen des Ernstes wird eigentlich das Wichtigste sein, womit Sie von hier weggehen, denn alles andere kann nur einen Wert haben, wenn Sie mit diesem Wichtigsten von hier weggehen.

Und nun möchte ich, damit dann nachmittags noch das besprochen werden kann, was Sie in bezug darauf auf der Seele haben, noch einiges sagen über das, was etwa in der Richtung sich bewegen kann, was in den anderen Bekenntnissen die Priesterweihe ist; und ich bitte Sie überhaupt, gerade die wichtigsten Dinge noch vorzubringen.

Das ist schwer, meine lieben Freunde, über die Priesterweihe heute zu sprechen, denn es sind die Zeiten vorüber, in denen die Zeremonien, die der alten Priesterweihe gedient haben, noch einen Sinn hatten, und diejenigen, welche diese Zeremonien anerkennen wollen, stehen nicht mehr in der heutigen Zeit drinnen, schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts nicht mehr. Denn ein neues Zeitalter ist angebrochen. Diejenigen aber, die sich hineingelebt haben in den Geist dieses neuen Zeitalters, haben ja im Grunde die Priesterweihe abgeschafft, sie haben sie auch abgeschafft innerhalb der Bekenntnisse. Und so stehen wir heute vor der Tatsache, daß diejenigen, die die Priesterweihe haben, nicht mehr in der Zeit leben, und daß die, die in der Zeit leben, die Priesterweihe perhorreszieren. Sie kann auch heute nicht in derselben Weise wirken, wie sie in verflossenen Zeiten gewirkt hat, sie muß durchaus in den Geist unseres Zeitalters hereingetragen werden. Wenn Sie dies gewissermaßen als Grundbedingung nehmen, darf ich über die Priesterweihe selbst und ihre Zeremonie einiges zu Ihnen sagen, so wie es sich mir gewissermaßen enthüllt für die Gegenwart. Es handelt sich darum, daß Sie wirklich verstehen, daß ich gewissermaßen ein Geistgeoffenbartes mitteile.

Es würde notwendig sein, daß die Übertragung des Priesteramtes in Gegenwart älterer Priester geschieht, daß also zunächst ältere Priester versammelt werden, und daß dann begonnen wird mit der Hineinstellung des zu Ordinierenden in den ganzen Zusammenhang, in den er hineingestellt werden soll. Wenn ich sage, Ältere sollen da sein, so ist das natürlich am Anfang außerordentlich schwierig auszuführen, allein der Anfang muß eben dadurch erfolgen, daß Sie im Sinne dessen, was Sie Ihrer Zentralleitung auferlegen, gleich auch gerade den Anfang einer solchen Sache in diesem Sinne ordnen. Dann werden auch die Dinge Ihnen zur Verfügung stehen können, die so geordnet werden müssen. Es können natürlich am Anfang nicht Ältere da sein, aber es muß das der Gebrauch werden.

Dann muß zuerst stattfinden eine ganz feierliche Heranbringung des 14. Kapitels des Johannes-Evangeliums an denjenigen, der ordiniert werden soll. Ich möchte durchaus betonen, daß die Einfachheit gerade gegenüber einer solchen Handlung das oberste Gebot sein muß. Wird diese Handlung kompliziert, so kann sie nicht das sein, was sie eigentlich sein sollte, daß sie täglich wenigstens einmal vor der Seele desjenigen steht, der diese Handlung entsprechend durchgemacht hat. Das seelische Durchmachen dieser Handlung müßte eigentlich immer vor dem Brevierbeten geschehen; es kann, wenn es richtig gepflegt wird, in verhältnismäßig außerordentlich kurzer Zeit, meinetwillen in einer Minute erfolgen, aber das kann nur geschehen, wenn die ganze Handlung nicht einen verwickelten, sondern einen einheitlichen Charakter hat.

Also das 14. Kapitel des Johannes-Evangeliums, das da beginnt mit den Worten: Nicht schwach soll werden euer Herz. Bauer auf die Kraft, die euch zu dem göttlichen Weltengrund und die euch zu mir führt. - Und das da schließt mit den Worten: Die Welt soll durchschauen, wie ich liebe den Weltengrund, und wie ich handle im Sinne des Weltengrundes, wie mir auferlegt ist. Tuet desgleichen, dann können wir ruhig diesen Ort verlassen. — Und auf dieses sollte folgen die Einführung in das 11. Kapitel des Johannes-Evangeliums, die Auferweckung des Lazarus, und so sollte es wirken auf den zu Ordinierenden, daß er an dem Kapitel durch und durch fühlt, wie die Kraft zu der Auferweckung des in den Tod Gehenden in der Christus-Wesenheit liegt. Ich glaube allerdings, daß, um dieses Kapitel in der richtigen Weise zu interpretieren, immer noch das dienen kann, was ich in meinem Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» als Interpretation dieses Kapitels gegeben habe.

Nachdem dies geschehen ist — ich sage die Dinge vollständig, vielleicht können sie am Anfang nicht in dieser Vollständigkeit gemacht werden —, hätte die Umlegung desjenigen Gewandes zu erfolgen, das ich hier in der Darstellung gezeigt habe als dasjenige Gewand, das den Ätherleib darstellt. Damit wird ja der Anfang gemacht mit der Symbolisierung der Übertragung der seelsorgerischen Wirkung.

Nunmehr hat man Öl zu nehmen - über das Weihen des Öles und des Wassers ist dann noch einiges zu sagen, damit Ihnen die Sache ganz klar sein kann — und hat dieses Öl in der entsprechenden Weise aufzutragen auf die Pulse an den Armen und — der Aufzunehmende hat Sandalen zu tragen — auf die entsprechenden Stellen an den Ballenenden. Damit hat man die sakramentale Handlung vollzogen.

Indem man dasjenige nur im Bilde sein läßt, was mit dem Öl geschieht und es im Bilde so deutlich wie möglich macht, so daß alle Umstehenden - ich sage, alle Umstehenden, nicht bloß diejenigen, die in die Seelsorge eingeführt werden sollen — ein deutliches Bewußtsein und eine Erinnerung davontragen können an das Bild, das sich vollzogen hat, dann erst, wenn man das Bild vollzogen hat, spricht man die Worte, und diese Worte sollen einfach sein, so daß sie immer in der Weise, wie ich das geschildert habe, vor der Seele stehen können:

In Christi Namen werde dir Vollmacht
erstens zur Erteilung der Kommunion,
zweitens zur Vollbringung des Meßopfers,
drittens zur Vollziehung der Sakramente.

Nachdem dies geschehen ist, hat die Umlegung der Stola, die Umlegung des Meßgewandes zu erfolgen, also alles dasjenige, was zum astralischen Leib hinführt, und dann hat man wiederum etwas zu vollziehen — damit die Sache einfach ist, aber lapidar muß sie sein —, was als Bild sich tief eingraben muß in die Seele des Aufzunehmenden: Man konsekriert die Hostie, wie man es beim Meßopfer tut. Man übergibt demjenigen, dem man das nicht übergeben hätte vor der Salbung durch das Öl, die Hostie, und läßt ihn nachher die Wandlung dieser Hostie selbst vollziehen und nach dieser Wandlung die eigene Kommunion vollführen. Dann konsekriert man den Kelch, wie man das sonst im Meßopfer macht, übergibt demjenigen, der aufgenommen werden soll, den Kelch, damit der ihn in derselben Weise konsekriere und indem er aus ihm trinkt, dabei die Worte ausspricht, die eben als die Kultusworte des Meßopfers ausgedrückt worden sind, und die er zum ersten Mal eigentlich mit Vollmacht spricht.

Nachdem dies geschehen ist, meine lieben Freunde, stellt man in lapidarer Art die Frage:

Gelobest du, in dem Sinne weiter zu wirken, der verknüpft war mit dieser Übertragung der Vollmacht?

Und seine Antwort sollte lauten:

Ich gelobe: In Christi Namen zu lehren In Christi Namen zu wirken In Christi Namen zu beten In Christi Namen zu opfern.

Die Umstehenden alle sprechen:

Ja, so sei es, Amen.

Nachdem dies geschehen ist, übergibt man die Kopfbedeckung, die der Priester nur während eines Teiles der Handlung zu tragen hat und die man als dasjenige anzusehen hat, womit er sich zum Lehren begibt und womit er sich vom Lehren wegbegibt und so weiter, diese Kopfbedeckung übergibt man, indem man gewissermaßen dasjenige, was in seiner Ichwirkung liegt, als die Krönung der ganzen Handlung vollzieht.

Dann würde es sich darum handeln, daß man den Betreffenden über ein Thema, das man länger mit ihm besprochen hat, vor denjenigen, von denen er die Weihe bekommen hat, eine Predigt halten läßt, als Probepredigt, aber auch als feierliche Einkleidung in sein Amt. Dann würde die entsprechende Zeremonie zu Ende sein.

Das, meine lieben Freunde, wollte ich Ihnen heute vormittag noch sagen. Ich bitte Sie nun, für den Nachmittag alles zu präparieren, was Sie etwa anknüpfend an dieses oder an früheres zu sagen haben, damit wir so auseinandergehen können, wie sich das unserem ernsten Zusammengewesensein geziemt.

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