Lectures on Christian Religious Work II

GA 343 — 10 October 1921, Dornach

Neunundzwanzigster Vortrag

Meine lieben Freunde! Vielleicht darf ich Ihnen zunächst, bevor wir die Fragen formulieren, die noch zu stellen sind, einiges über das Weihen im allgemeinen sprechen, also auch das Weihen von Substanzen oder dergleichen. Dazu muß ich den Begriff des Weihens zunächst ein wenig charakterisieren.

Meine lieben Freunde! Weihen bedeutet eigentlich, ein Ding oder eine Substanz zu der Wirksamkeit ihres Ursprunges zurückzuführen. Nehmen Sie zum Beispiel das Salz, wie es abgelagert wird im Wasser oder dergleichen. Salz, wenn wir es betrachten, wie es im Entwickelungsgang der Erde, also in der Erdenentwickelung seine Wirksamkeiten geändert hat, dann finden wir, je weiter wir zurückgehen, daß desto mehr das Salz aufhört, bloß diejenigen Eigenschaften zu haben, die es heute dem Menschen manifestiert; es nähert sich derjenigen Stufe des Daseins, die wir durchaus im Anfang einer Entwickelung, sagen wir, im Anfange einer planetarischen Entwickelung haben. Das Salz ist durchaus so, daß es als Materie zu gleicher Zeit geistdurchdrungen ist, und mit seinem Ablagern im Wasser geschieht das, was ich schon charakterisiert habe: die Ausbreitung desjenigen, was eigentlich dieselbe Kraft ist, die uns durchdringt, wenn wir weiser werden und die strahlt als Gedankenkraft im Weltenall. Es ist ja durchaus so, daß wir uns klar sein müssen, wie zum Beispiel der Vorgang unseres eigenen Weisewerdens ist. Dieser Vorgang ist so, daß nicht etwa unsere Gehirnatome oder Gehirnmoleküle in Schwingungen kommen, daß diese Schwingungen das materielle Korrelat sind der Gedanken - eine solche Behauptung widerspricht der ganzen Entwickelung zum Menschen hin. Die Vorbereitung für das Fassen des Gedankens besteht darin, daß am Nervenstrange das Materielle abgebaut wird, daß also gewissermaßen ein Loch entsteht im Materiellen, und dahinein ergießt sich der Gedankenstrahl. (Es wird an die Tafel gezeichnet.) Also unser Gehirn ist überhaupt nur notwendig für unsere Gedanken, insofern es eine Rücklage bildet, so wie der Boden notwendig ist, daß ich darauftrete; und derjenige, der behauptet, unsere Hirntätigkeit hätte etwas Direktes mit dem Denken zu tun, der tut eine ähnliche Behauptung wie der, der über eine Straße geht, in der Furchen sind, und sagt: Da sind Furchen, da will ich einmal die Kraft aufsuchen unter der Oberfläche, wodurch diese Furchen entstanden sind, was da gezogen oder gedrückt hat, damit ich darauf komme, wie sich das ergeben hat, wie diese Furchen möglich geworden sind. — Sie sind natürlich gar nicht durch Kräfte in der Erde entstanden, sie sind dadurch entstanden, daß Wagenräder darüber gerollt sind, was gar nichts mit [Kräften in der Erde] zu tun hat. Ebenso ist dasjenige, was Gehirnvorgänge sind, nichts weiter als das Platzmachen für unsere Gedankenvorgänge. Das ist der wahre Vorgang, daß überall da, wo durch Gehirnprozesse Salz abgelagert wird, wie, sagen wir, an der Oberfläche eines solchen Nervenstranges, die Möglichkeit geboten wird, daß Weisheitsstrahlen im Innern wirken. Ich könnte sogar sagen, ohne daß ich meine, daß unser lieber Freund, Herr Pfarrer Geyer, mir das übelnähme: der gescheiteste Mensch ist der größte Hohlkopf, weil er am meisten Löcher im Gehirn machen muß, damit die Weisheit in ihm Platz haben kann.

Blackboard Drawing
Blackboard Drawing

So kommen wir zu der, ich möchte sagen, noch undifferenzierten Geistmaterialität, wenn wir an den Anfang von irgendeiner Substanz zurückgehen.

Ich hoffe, daß Sie bemerkt haben, daß an einer Stelle des Credo für die der Welt zugrundeliegende Substanz [der Ausdruck] gebraucht worden ist: geistig-physisch. Das hängt auch damit zusammen. Wir haben eben am Ausgangspunkt, im Ursprung der Dinge nicht die ganz abgesonderte Materie, die wir jetzt haben. Und so heißt «weihen» auch nichts anderes, als demjenigen, das man sakramental anwendet, seine ursprüngliche geistig-materielle Kraft zu geben. Sie brauchen jetzt eigentlich nur das zu wissen vom Verrichten eines solchen Vorganges, wie ich ihn bei der Taufe gezeigt habe, so erlangen wir eben dasjenige, was gerade für die Taufhandlung bedeutsam ist. Wasser weihen kann man noch auf andere Art. Es ist nicht nötig, daß man immer Taufwasser verwendet, obwohl dieses durchaus für sakramentale Handlungen verwendbar wäre. Aber besser kann auch so geweiht werden, daß man reines Wasser hat. Das Wasser hat ursprünglich, im Anfange, die Wiedererneuerungskraft für dasjenige, was sich dem Untergange neigt. Also es lebt in dem Wasser die Kraft ewiger Erneuerung. Nun handelt es sich darum, daß eben versucht wird, in der sakramentalen Form dem Wasser wiederum zu geben, was es im Anfange gehabt hat. Also man hat reines Wasser, nimmt Salz, dieses Salz wird im Wasser sich auflösen, indem man es hineinwirft, dann entwickelt man, indem man Holzmehl nimmt und Weihrauch darüber streut, Rauch, den Rauch behandelt man als dasjenige, was unser Wort aufnimmt, und dieses Wort spricht man zum Wasser dann:

In dem Wasser lebt die Kraft ewiger Erneuerung
Mit ihr sei dies Wasser verbunden
Wie es im Anfang verbunden war.
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.
Amen.

Also das Hineinsprechen in den Raum bedeutet immer etwas wie ein Formen des Wortes in dem Materiellen, so daß man auf diese Weise das Wort heranbringt an dasjenige, das man weihen will. Dann kann man solches Wasser, das nun sakramental seine Anfangskraft erhalten hat, durch Besprengen zum Weihen verwenden.

Zu wissen brauchen Sie eigentlich nur, daß Sie in derselben Weise die Asche behandeln können. Und wenn Sie die Asche in derselben Weise behandeln, so würden Sie, um sie etwa für das Taufwasser zu weihen, wenn Sie das vorher wollten - obwohl die Handlung so genügt, wie ich das neulich gesagt habe —, dann dafür zu sagen haben:

In der Asche lebet das Chaos,
Aus dem neues Wesen hervorgeholt werden kann.
Ihm sei diese Asche wieder verbunden
Wie sie im Anfang verbunden war.

Und wiederum: Im Namen des dreieinigen Gottes.

Nun mache ich darauf aufmerksam, daß das Öl geweiht werden kann, indem man wissen kann, daß das Öl, indem es in einer Substanz wirkt, diese Substanz durchtränkt. Eigentlich gilt das, was ich sage, im wesentlichen für Pflanzensubstanzen im Leben. Indem also das Öl die Pflanzensubstanz durchdringt, macht es sie, wie man es nennen könnte, liebegeneigt, so daß alles dasjenige, was man als Weihung mit dem Öl vornimmt, Bezug haben soll auf das Liebegeneigtmachen; daher wird auch bei der Priesterweihe das Salböl verwendet, wie ich es heute Vormittag auseinandergesetzt habe.

Wenn Sie also die verschiedenen spirituellen Eigenschaften der Substanzen kennenlernen, dann werden Sie durch dieses Prinzip die Substanzen zu dem zurückführen, was sie im Anfange waren, durch die Formel: In dem und dem lebt die Kraft ewig, was es nun ist oder war, mit ihr sei das Substantielle verbunden, wie sie verbunden war im Namen der Dreifaltigkeit, das heißt, der drei Formen der Gottheit.

Nun möchte ich noch, ich möchte sagen, mehr als ein Exempel, eine Frage von gestern beantworten, das ist die Frage nach der Stelle im 14. Kapitel des Johannes-Evangeliums, Vers28, die gewöhnlich so gelesen wird: Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, daß ich gesagt habe, ich gehe zum Vater, denn der Vater ist größer als ich. —

Ich glaube nicht, meine lieben Freunde, daß diese Stelle, wenn sie uns so vorgeführt wird, jemals ein anderes Gefühl hervorrufen könnte als dieses: sie ist unverständlich. Denn man hört eigentlich nur Worte, und diese Worte stimmen wiederum nicht überein mit alle dem, was im christlichen Sinn über die Beziehung des Christus zum Vater gesagt werden soll. Aber ich mache Sie auf folgendes aufmerksam, was das Übersetzen dieser Stelle wesentlich fördern kann, nämlich darauf, daß gerade im sakralen Sprachgebrauch in früheren Zeiten Worte nicht so gebraucht worden sind, wie sie heute gebraucht werden. Wenn wir heute Worte gebrauchen, so haben wir eigentlich immer die Voraussetzung, daß die Worte nebeneinanderstehen, und wir führen die Dinge eben auf die Worte zurück. Irgendein Wort bedeutet das oder jenes. So ist es namentlich im sakralen Sprachgebrauch nicht. Da führte man wie in lebendigem Fortgang ein Wort in das andere hinüber, so daß man sich nicht für befugt gehalten hätte, ohne das Bewußtsein des Zusammenhanges einfach das Wort «Kind» zu sagen, sondern man hätte in dem Wort «Kind» fühlen müssen, daß da der Wachstumsbegriff drinnen ist und daß man in diesem Wachstumsvorgang, der sich einem mit dem Wesen des Kindes verbindet, die Berechtigung hat, wenn man nun auf den ganzen Menschen hinzielt, einmal das Wort «Kind», einmal «Jüngling», einmal sogar «Greis» zu gebrauchen. Also es war eine gewisse Flüssigkeit im Wortgebrauch. Nun gab es eine Verwandtschaft dieses Sprachgebrauches in den Mysterien mit dem Sprachgebrauch in der Zeit, in welcher das Mysterium von Golgatha herannahte für die Menschheit; da gebrauchte man — so sonderbar Ihnen das heute vorkommen mag - alternierend, so wie wenn eines in das andere übergehen würde, das Wort «Vater» für den Weltengrund. Aber [man empfand bei] dem Begriff, daß dieser Weltengrund durch die Ereignisse, die ja im Alten Testament angedeutet sind — die dann auch bei Paulus wieder klar angedeutet werden in dem alten und neuen Adam, durch den Fall der Engel, mit denen eben auch die Menschen gefallen sind —, daß dieser väterliche Weltengrund allmählich zum Tode geführt hat. Es war so, daß in den Mysterien eine Zeitlang geradezu bei allen möglichen Gelegenheiten diejenigen, die in den Mysterien gesprochen haben, das Wort «Vater» und das Wort «Tod» alternierend gebraucht haben. Und wir müßten daher übersetzen: Liebtet ihr mich recht, so würdet ihr frohlocken darüber, daß ich gesagt habe, ich gehe in den Tod, denn der Tod war früher mächtiger als ich —, «magischer» müßte man eigentlich sagen. Das Wort «magisch» hat in älterer Mysteriensprache immer etwas zu tun mit «mächtig». So daß also hier hingedeutet ist auf das Besiegen des Todes. Es müssen sich also, besser gesagt, die Jünger freuen oder frohlocken, daß der Christus Jesus sich bereit erklärt, zum Vater, das heißt aber in diesem Zeitalter: zum Tode zu gehen.

Ich kann mir denken, wie gezwungen wiederum eine solche Erklärung dem einen oder anderen erscheinen wird, weil die Dinge, die die Interpreten mit den Evangelien heute vornehmen, eben das Gezwungenste sind, was man sich nur vorstellen kann, denn sie stimmen unter sich nicht überein oder sie stimmen wieder nicht zu der Dogmatik und so weiter. Also man muß sich schon dazu bequemen, ein wenig zurückzugehen zu dem lebendigen Gebrauch der Worte und nicht nur leshaft die Worte [interpretieren]; das ist für eine solche Stelle geradezu unerläßlich.

Frage: Es wurde gesagt, die Naturgesetze gelten nur im Umkreis der Erde. Wie erklären sich die Protuberanzen und die Linien im Spektrum der Sonne?

Rudolf Steiner: Die Physiker heute würden sehr erstaunt sein, wenn sie ihre Luftschiffe so herausgestalten könnten, daß sie sich an den Ort begeben könnten, von dem sie vermuten, daß da allerlei Gas verdampft und dergleichen, während die Sache ganz anders ist. So müßte man zum Beispiel sagen, daß selbst der leere Raum noch eine Intensität hat, nämlich die Intensität Null. Bitte nehmen Sie irgendeine Intensität für eine Substanz, sagen wir für Luft; Luft hat eine gewisse Intensität, Wasser hat eine größere Intensität, Erde eine noch größere Intensität, und wenn Sie dann wieder zurückgehen, so kommen Sie bis zu dem sogenannten leeren Raum, er hat die Intensität Null in bezug auf die Wirkungsfähigkeit. Geradeso wie Sie nun aber in Ihrem Portemonnaie bei Null ankommen können und dann, wenn Sie weitergehen, Schulden machen und zum Negativen kommen, so kann auch die Intensität negativ werden, das heißt, es können Löcher in den Weltenraum eingebohrt werden, so daß man dort nicht Raum hat, sondern negative Intensität, ausgesparten Raum. Den würden die Physiker in der Sonne finden, wenn sie hinfahren könnten. Damit aber haben Sie schon auf etwas hingewiesen, was natürlich ausschließt, die Protuberanzen so zu erklären, wie sie die heutige Physik erklärt. Also diese Dinge führen so ins Weite, und ich kann natürlich nur andeuten, daß man doch hier versuchen sollte, einmal auf Geisteswissenschaft sich einzulassen. Denn das gehört eigentlich nicht zu unserem unmittelbaren Weg hier, sonst müßten wir hier die ganze Anthroposophie abhandeln, und das ist unmöglich.

Nun möchte ich glauben, daß Ihre Fragen, die auf den Seplen ruhen, wenigstens in der Hauptsache erledigt werden konnten, soweit das möglich ist.

Frage: Wie verhält es sich mit dem Kommunizieren der einzelnen Gemeindemitglieder mit Kelch und Brot?

Rudolf Steiner: Nun, die Kommunion sollte schon so ausgeführt werden, daß sie unter beiden Gestalten ausgeführt wird, denn es soll sich ja eigentlich handeln um den Leib #rd um das Blut, und aus dem Ritual haben Sie auch ersehen, daß die beiden Teile der Handlung, das Brotbrechen und das Brotnehmen und dasjenige, was in bezug auf den Kelch gemacht wird, nicht ganz gleich ist und daß daher [diese Handlungen] zwei Teile eines Ganzen sind. Es war in der Zeit, in der man darüber stritt, ob der Kelch überhaupt gegeben werden soll oder nicht, eigentlich schon die Erkenntnis dieser Sache im wesentlichen korrumpiert. Und heute würde man sogar geneigt sein, die Sache unter Umständen von sanitären Gesichtspunkten aus zu betrachten, was natürlich etwas Furchtbares ist.

Frage: Wie ist die Verteilung der Wochensprüche über die immer mehr als 28 Tage haltenden Monate zu denken, wenn das eine Mal der Spruch zwei Wochen lang meditiert wird?

Rudolf Steiner: Ich sagte das vormittags so, daß ich meinte, man solle versuchen, Tage eben einzugliedern für den Spruch. Das dachte ich so, daß man den Wochenspruch nicht immer nur sieben Tage hat, sondern daß man versucht, das so zu verteilen, daß man über das Jahr hinkommt. Wenn man da ein klein wenig rechnet, so kommt man schon dazu. Es handelt sich ja wirklich bei solchen Dingen niemals um die absolute Zahl, sondern um den Rhythmus, der fortgeht; um den Rhythmus, der fortgeht also. Nicht, daß das zwei Wochen gemacht werden soll, sondern es sollen manche Wochen um Tage verlängert werden.

Frage: Inwieweit können in den Ritualien auch freie Redestücke Platz greifen? Wie soll die Stellung der Predigt im Gottesdienst sein?

Rudolf Steiner: Nun, es ist das beste, wenn die Predigt, trotzdem die Gepflogenheit in manchen Kirchengebieten anders ist, vor dem Evangelienlesen eingefügt wird. Es sollte also so sein, daß die Predigt dem Evangelienlesen vorangeht. Ich habe ja keine Möglichkeit gehabt, Ihnen auch jetzt schon gewisse Formeln zu geben für dasjenige, was sich gewissermaßen um die vier Hauptteile der Messe herumrankt. Wir haben ja zum Beispiel im Katholizismus die Staffelgebete, also das Beten unten [an den Stufen des Altares], bevor die Stufen des Altares bestiegen werden; wir haben eine gewisse Lesung auf der rechten Seite des Altares, während das Evangelium von der linken Seite aus gelesen wird; und es sollte die Predigt eigentlich immer vor dem Evangelienlesen eingefügt werden. Aber mit Ausnahme [der Predigt] und der Kommunion [der Gläubigen], die nach der Priesterkommunion vollzogen werden sollte, vor den letzten Formeln [der Messe] — die ich ihnen auch noch nicht ausführen konnte, aber ich werde sie in irgendeiner Form an Sie gelangen lassen -, also mit Ausnahme der Predigt und der Kommunion der Gläubigen, die auch nicht gerade mit einem Worte verbunden ist, sollte innerhalb der Messe und innerhalb der Zeremonien die freie Rede nicht Platz greifen.

Nicht wahr, es kann natürlich nicht so sein, daß Sie gerade dasjenige, was ich nun formuliert habe — und ich habe Ihnen gesagt, wie schwer die Formulierung ist —, als etwas dogmatisch Festgesetztes ansehen, aber das, was Ritual ist, sollte in einem gewissen Sinn stereotyp sein.

Frage: Fließt das katholische und das anthroposophische Schauen in bezug auf Kultus, Meßopfer, aus derselben Quelle? Geht das katholische Meßgewand auf die Erkenntnis des übersinnlichen Wesens des Menschen zurück und ist im Katholizismus heute noch ein Bewußtsein von diesen Dingen vorhanden?

Rudolf Steiner: Diese Frage ist im absoluten Sinn außerordentlich schwierig zu beantworten, Fangen wir bei der einen Frage an; Geht das katholische Meßgewand auf die Erkenntnis des übersinnlichen Wesens des Menschen zurück? —, so kann man sagen: Darauf zurück geht es schon, aber diese Erkenntnis, auf die da etwa zurückgegriffen werden müßte, die liegt wohl eigentlich in einer Zeit, bevor das katholische Meßgewand eingeführt worden ist. Es ist eben im alten Gottesdienst eingeführt gewesen und beibehalten worden in einer Zeit, in der man diese Dinge nicht mehr schauen konnte. Also es ist traditionell übernommen, und heute kann man, wenn man an das übersinnliche Schauen herankommt, erkennen, inwiefern diese Dinge gelten. Soviel mir übrigens bekannt ist, ist die Symbolik, die in bezug auf das Meßgewand in der katholischen Kirche gegeben wird, gegenüber dem, was ich Ihnen gesagt habe, eine außerordentlich willkürliche. Wenigstens, so viel mir bekannt ist, habe ich wenig gefunden, daß die Dinge auf die vier Glieder des Menschen zurückgeführt werden.

Constantin Neuhaus: Mir ist nichts bekannt.

Rudolf Steiner: Ihnen ist nichts bekannt? Es ist also im Katholizismus durchaus so, daß die Symbolik viel willkürlicher erscheint, es ist durchaus nicht so, daß man die Dinge gleich begreifen würde. Also man kann kaum sagen, daß die Frage «Ist im Katholizismus heute noch ein Bewußtsein von diesen Dingen vorhanden?» in absoluter Weise mit einem Ja beantwortet werden könnte.

Nun die Frage: Fließt das katholische und das anthroposophische Schauen in bezug auf den Kultus und das Meßopfer aus derselben Quelle?

Ja, wie gesagt, dasjenige, was da vorhanden ist, ist eben traditionell übernommen worden, wie überhaupt auf Traditionen viel beruht hat, was heute schon wieder aus der Tradition herausgekommen ist, sagen wir zum Beispiel die goldenen Hintergründe bei Cimabue. Ja, man machte sie, weil es einfach Tradition war, Hintergründe in Gold zu halten, wenn es sich um die Darstellungen von Heiligen handelte oder von dem, was mit der übersinnlichen Welt zusammenhängt. Weil man sich eben das sonnenhafte Wesen des Übersinnlichen so vorzustellen hatte, ist es für viele Tradition gewesen, die Heiligenbilder immer so zu malen, wie man gerade zur Zeit des Cimabue malte. Erst Giotto hat angefangen, sich aus der Tradition herauszufinden. Man kann natürlich nicht in der sinnlichen Welt einen goldenen Hintergrund finden, aber in der Welt, an die traditionell dasjenige anklang, was man zu Cimabues Zeiten hatte, war es durchaus so, daß das Gold als Hintergrund auch gesehen werden konnte.

Nun, Sie können sogar auf gewissen Bildern sehen - Anthroposophen haben sogar nach und nach einzelne dieser Bilder liebgewonnen —, wie die Tradition von den zwei Jesusknaben lange noch vorhanden war als Tradition. Nachdem von der Sache heute nichts mehr gewußt wird, spottet man natürlich über diese Dinge. Nun ja, die Leute «spotten ihrer selbst und wissen nicht wie».

Frage: Gehört zum neuen Kultus nicht auch eine bischöfliche Kirchenverfassung?

Rudolf Steiner: Mir erscheint notwendig, meine lieben Freunde, daß Sie etwas mit dem Werden der Sache rechnen. Wir sind wirklich noch nicht so weit, daß wir nötig haben, uns über eine bischöfliche Kirchenverfassung jetzt schon tiefer einzulassen. Daß sich so etwas wie eine Kirchenverfassung ergeben wird, das ist ja ohne Zweifel. Aber übersehen Sie denn nicht, daß dasjenige, was wir als Anfängliches des Kultus —- und das genügt zunächst — hier vor unsere Seelen haben treten lassen, wirklich ohne eine ganz ausgearbeitete bischöfliche Kirchenverfassung geübt wird? Dasjenige, was dann zu tun sein wird, um überhaupt im Kultus den Anfang zu machen, da halte ich dafür, daß es eben getan wird, wenn dieser Anfang gemacht werden kann. Ich glaube nicht, daß es günstig wäre, jetzt mit Kultusformen und Weihen zu beginnen, bevor die Sache soweit feststeht, daß die einzelnen, die da für diese Erneuerung des religiösen Lebens eintreten wollen, in ganz fester Weise ihre volle Aufgabe haben. Dann sind wir soweit, daß wir sagen können: Wenn die Betreffenden nun ihre Gemeinde gesammelt haben, dann beantworten wir die Frage, wie das nun im einzelnen gemacht werden soll. Nun, das hängt natürlich auch wiederum zusammen mit der nächsten Frage: Wer kann weihen, entweder nur der [schon] Geweihte oder jeder an der religiösen Erneuerung [Beteiligte]? Wenn der erste Fall zutrifft, wer kann die Weihe vollziehen?

Es handelt sich wirklich nur um den allerersten Fall. Dann ist schon notwendig — damit eine wirkliche Einheit vorliegt —, daß die Dinge so gemacht werden, daß die Weihe von einem Ersten ausgeht. Aber der Erste, von dem das ausgeht, das ist wiederum etwas, was sich ergeben muß, und dann, wenn es sich ergeben hat, wenn gewissermaßen die selbstverständliche Übereinkunft, von der ich schon einmal gesprochen habe, da ist, dann wird sich durchaus das finden, was zu tun ist, um dasjenige hervorzurufen, was nötig ist.

Vielleicht haben Sie aber noch andere Fragen?

Es wird nach der Ausgestaltung des Altares gefragt.

Rudolf Steiner: Ausgestaltung des Altares? Ja nun, nicht wahr, mir scheint, daß zunächst der Altar doch so ausgestaltet werden sollte, daß er durch seine Richtigkeit auf der einen Seite, durch seine Einfachheit aber auf der anderen Seite wirkt. Das Wesentliche eines Altares würde ja natürlich in seiner allereinfachsten Form das folgende sein: Man hat natürlich eine Art von Tisch, und es ist gut, wenn, weil es sich ja um das Opfer handelt, dieser Tisch auch dasjenige bleibt, als was er gedacht war, eigentlich eine Grabstätte; also man hat eine Grabstätte in Tischesform, zu der Stufen hinaufführen. Man hat nun einen Leuchter, in dem Lichter in der Weise angeordnet sind, daß rechts drei und links drei Lichter sind und in der Mitte eines, das erhöht ist. Man hat sieben Lichter am Altar stehen, und über den sieben Lichtern in irgendeiner Weise den dreieinigen Gott, das heißt, den Gott in den drei Gestalten. Da handelt es sich schon darum, daß wir wirklich uns etwas beziehen auf dasjenige, was in der Zeit des Mysteriums von Golgatha ausdrückt das Aufnehmen des Todes in die Vatergewalten, so daß wir also gut tun, wenn wir — natürlich ohne daß Aberglaube oder Götzendienst sich einmischt — dem Vater die Gestalt des alten Mannes lassen; der Christus wird schon am besten dargestellt, wie er seit dem sechsten Jahrhundert dargestellt wird, auch für die heutige Zeit noch, weil es für diese Zeit doch gilt, daß der Gegensatz des Christentums gegen frühere Empfindungen scharf hervorgehoben wird. Sie wissen ja, daß von Buddha erzählt wird, daß er zu seiner Lehre dadurch gekommen sei, daß er den Anblick eines Leichnams hatte. Nach der Darstellung, die gewöhnlich gegeben wird, ging eigentlich aus diesem Anblick des Leichnams die Buddhalehre hervor, weil Buddha das Entsetzen hatte vor dem Leichnam, weil er zurückschreckte vor dem Leichnam. Unter den mannigfaltigen Dingen, die ... [Lücke in der Nachschrift], ist das ein richtiges, daß sechs Jahrhunderte ungefähr nach dem Mysterium von Golgatha die Menschen frohlockend zu dem Leichnam am Kreuze hingeschaut haben, während 600 Jahre vor dem Mysterium von Golgatha der Buddha mit Abscheu sich von dem Leichnam abgewendet hat. Diese Erinnerung, auch nur in der Empfindung, ist doch etwas, was auch heute noch hingestellt werden sollte, wenn es sich um die Darstellung der Dreieinigkeit handelt. Aus Gründen, die wir auch schon angeführt haben, wurde der Geist [dargestellt] in Form der Taube, des unschuldigen Flügelwesens. Das ist ja ungefähr das, worauf es beim Altar ankommt. Alles übrige ist dann zum Teil für das heutige Bewußtsein zu weitgehend oder aber es ist Rankenwerk. Was natürlich wenn möglich angestrebt werden müßte, ist, das Sanktissimum zu haben, das heißt also die Monstranz, die ich aufgezeichnet habe, worin sich die geweihte Hostie befindet, und das ist ja etwas, was vor dem Beginne und vor dem Schluß des Meßopfers auch durchaus sachgemäß geschieht, daß man zu dem, was geschehen soll durch das Meßopfer, hinzufügt das Anschauen der geweihten Hostie, der konsekrierten Hostie.

Der Altar wird natürlich mit Tüchern belegt sein, die nun wiederum so durch die Jahresentwickelung gehen, wie ich das für das Priestergewand gezeigt habe. Der Altar soll so ausgestattet sein, daß er im wesentlichen in der Färbung der Tücher, mit denen er bedeckt ist, mit dem Priestergewand, mit dem äußerlichen Meßgewand übereinstimmt. Es ist dann natürlich darauf zu sehen, daß die Geräte, die man hat, der Kelch und die Monstranz, eben auch geweiht sind, dann aber auch nur mit Geweihtem berührt werden. Das ist wohl das wesentlichste, was darüber zu sagen ist.

Ein Teilnehmer erkundigt sich über die technischen Ausführungsmöglichkeiten des Brevierbetens und bittet um Stellungnahme zum katholischen Niederknien und Händefalten im Zusammenhange mit der Meditation.

Rudolf Steiner: Die Meditationen sind ja niemals katholisierend und es kommt ihnen gegenüber ja auch die Frage der Körperstellungen nicht in Betracht, weil ja immer betont wird, daß dasjenige, was die Meditation unseres Abendlandes ausmacht, unabhängig ist von Körperstellungen. Das einzige, was gut ist für den Meditierenden des Abendlandes, ist, daß er nicht gerade eine solche Stellung wählt, die ihn zu stark empfindlich macht, so daß er nicht durch unbequeme Empfindungen abgelenkt wird, sondern ganz in sich sein kann. Die morgenländischen Meditationen, auf welche übrigens solche Dinge wie Niederknien und dergleichen zurückzuführen sind, rechnen viel mehr auch mit dem Sichhineinstellen [des Menschen] in die Strömungen des Weltenalls. Das ist etwas, was eigentlich für das Brevierbeten nicht in Betracht kommen sollte, sondern es sollte die Konzentration, die eintritt, tatsächlich diese äußeren Hilfen ersetzen, ausgleichen. Deshalb bin ich auch auf Dinge wie Niederknien nicht eingegangen, weil sie wirklich für den in seiner Organisation mehr befreiten [abendländischen] Menschen auch nicht die Bedeutung haben, die sie einstmals gehabt haben und die das ganze Kultuserleben eigentlich um eine Stufe tiefer stellen würden, als wir es heute stellen dürfen. Es ist, wie ja auch einzelne von Ihnen schon gesehen haben, glaube ich, bei den Sonntagshandlungen in der Waldorfschule möglichst jede Bewegung, jede Stellung einfach gemacht, so wie sie sich aus der Situation heraus ergeben; und das ist dasjenige, was eigentlich angestrebt werden soll: das, was nach dieser Richtung hin gemacht wird, aus der unmittelbaren Situation heraus zu machen.

Ein Teilnehmer: Es ist heute morgen von Pastoralphysiologie und Pastoralpsychologie gesprochen worden. Da ist mir ein Ausspruch eingefallen, der sich in alten Dialekten findet und auch heute im Volksgebrauch sich immer wieder findet: das Prüfen auf Herz und Nieren. Hängt das wohl mit dem zusammen, was heute vormittag ausgeführt worden ist?

Rudolf Steiner: Natürlich müßte man auch da auf anthroposophische Medizin, anthroposophische Anatomie und Physiologie eingehen, wenn man vollständig antworten wollte. Wir haben ja in jedem Organ das äußere Zeichen zu sehen für einen geistigen Zusammenhang, in dem der Mensch mit der ganzen Welt steht. Wenn wir auf das Menschenherz hinsehen, so haben wir im Herzen alles dasjenige konzentriert, wodurch der Mensch zusammenhängt mit denjenigen Kräften, die das Willensartige seiner Gedanken ausmachen, also man möchte sagen, nicht den Gedankeninhalt, sondern das Willensmäßige seiner Gedanken, sein Wollen im Geiste. In den Nieren haben wir alles dasjenige zu suchen, was das Gefühlsmäßige der menschlichen Seele ist; so daß wir gerade, wenn wir sagen «Jemanden prüfen auf Herz und Nieren», wir eben anschaulich konkret und deshalb auch wahr dasjenige sagen, was abstrakt in unserer heutigen intellektualistischen Sprache heißen würde, man prüft jemanden seinem Wollen und seinem Fühlen nach, nicht bloß dem Inhalt seiner Gedanken nach, sondern man prüft jemanden seiner eigentlichen Gesinnung nach, wenn man ihn auf Herz und Nieren prüft.

Aber diese Dinge liegen ja dem heutigen Zeitbewußtsein so fern, daß ich glaube, man könnte schon so weit gekommen sein, sich zu genieren zu sagen «auf Herz und Nieren», oder man könnte auf der anderen Seite soweit gekommen sein, das für einen rohen Materialismus zu halten; der rohe Materialismus besteht nämlich darin, daß man die Materie verroht anschaut, weil man den Geist in nebuloser Weise zum Abstraktum macht.

Ein Teilnehmer findet, daß man beim Hohepriesterlichen Gebet im Johannes-Evangelium noch einen anderen Eindruck bezüglich des Vaterbegriffes habe als im Vaterunser.

Rudolf Steiner: Da haben Sie einen anderen Eindruck? Wenn Sie es prüfen, so werden Sie sehen, daß gerade im Hohepriesterlichen Gebet der Sinn [des Vaterbegriffes] tiefer aufleuchtet, wenn Sie dieses nehmen, [was ich über den Vatergott gesagt habe]. Ein Teilnehmer: Aber im Vaterunser ...?

Rudolf Steiner: Im Vaterunser hat man zu denken an den Weltengrund. Im Vaterunser bezieht eigentlich der erste Satz sich nun nicht auf das spätere Werden, sondern auf den Anfang, auf den Ursprung. Das Vaterunser ist eigentlich als Zeitmaß gedacht, es bezieht sich also auf den Anfang ... [Lücke in der Nachschrift].

Ein Teilnehmer: In der katholischen Kirche ist es notwendig, daß die Gläubigen sich durch die Beichte reinigen, wenn sie an der Kommunion teilnehmen wollen. Was soll [bei uns] an die Stelle der Beichte treten als Vorbereitung des Kommunizierenden?

Rudolf Steiner: Nun, ich habe ja heute morgen etwas gesprochen auch von einer Art von Beichte, meine lieben Freunde, wenigstens von einem Zusammenhang der Gemeinde mit dem Seelsorger, so, daß der Seelsorger schon der Beichtvater ist. Diese Dinge können in einem gewissen Sinne schon aufgenommen werden, wenn sie in einer freien Weise, nicht in einer solchen starren Form und fast geschäftsmäßigen Art getrieben werden, wie das eben häufig in der katholischen Kirche der Fall ist. Es besteht ja eine Schwierigkeit, die sich einem ergibt, wenn Katholiken Anthroposophen werden. Nicht wahr, man will ja eigentlich auf anthroposophischem Felde durchaus nicht ein Bekämpfer der Konfessionen sein, man möchte eigentlich, daß jeder durch seine Konfession durchgehend weiterkommt, ich meine nicht, zur Anthroposophie, sondern religiös weiterkommt, wie [ich auch möchte, daß] Sie weiterkommen sollen, indem Sie von einer Erneuerung [des religiösen Lebens] sprechen. Es sollen eigentlich nicht die Bekenntnisse bekämpft werden, auch nicht das Praktizieren der Konfessionen soll bekämpft werden. Aber nun besteht bei römisch-katholischen [Gläubigen] die Schwierigkeit, daß sie sagen: Ja, wie sollen wir die Kommunion praktizieren, da wir sie nicht bekommen, wenn wir nicht zuvor gebeichtet haben? — Und das ist in der Tat eine Schwierigkeit, die zum Beispiel auf anthroposophischem Felde unüberwindlich ist, denn man kann nicht jemandem anraten, eine Pflichtbeichte zu machen, die so geartet ist, wie sie oftmals im römischen Katholizismus geartet ist. Also der römische Katholizismus hat die Dinge schon so eingerichtet, daß sie entweder das absolut feste Darinnenbleiben [in der Kirche] bedingen oder das Ganzherausgehen, wobei dann allerdings die Verdammnis ausgesprochen wird. Darauf beruht aber vieles, was gerade die Stärke des Katholizismus ausmacht. Sie können gar nicht in einer lässigen Weise ein richtiger Katholik sein, denn Sie können noch nicht einmal alle Jahre zu Ostern die Kommunion bekommen, wenn Sie nicht vorher die österliche Beichte ablegen. Gerade die Art, wie sie im Katholizismus vorhanden sind, zeigt, daß diese Dinge freier werden sollten und auch wahrer und aufrichtiger. Denn schließlich so selten ist es doch nicht, vergleichsweise gesprochen, daß man ein katholisches Dienstmädchen hat, und wenn gerade der Zufall es will, findet man vielleicht in der Dienstbotenstube einen Zettel, wo sie aufgeschrieben hat: Ich habe meinem Herrn die goldene Uhr gestohlen —, und jetzt erst daraufkommt, daß sie mir die goldene Uhr gestohlen hat; das hatte sie sich aber aufgeschrieben, um nicht zu vergessen, es zu beichten. Wenn es auch nicht immer goldene Uhren sind, diese Dinge sind schon vorhanden, die das Ganze veräußerlichen, es unwahr, unchrlich machen. Dies könnte überwunden werden gerade durch die Gesinnung, die darauf hinausläuft, daß der Kommunizierende, wenn er das Gefühl hat, es sei notwendig, sich selber zuerst mit dem Seelsorger zu besprechen, ihn sucht, und daß der Seelsorger auch weiß, ob er ihm die Kommunion geben kann, ohne daß er sich mit ihm ausgesprochen hat. Es muß vieles von dem, was immer in starrer Verfassung und in starren Gesetzen gedacht wird, eben in die Handhabung, in die ganze Führung des Gemeindelebens hineingeführt werden. Das ist ja das, was ich heute vormittag gemeint habe, als ich über das Gemeindeleben gesprochen habe.

Ein Teilnehmer: Es wären viele von uns sehr dankbar, wenn sie einen Wink bekommen könnten über die richtige Art, wie man Sterbenden helfen kann, und wie man Schwerkranke am besten tröstet und aufrichtet?

Rudolf Steiner: Nun, zunächst ist dazu schon zu sagen, daß es außerordentlich schwierig ist, wenn man genötigt ist, erst im Moment des Todes oder einer schweren Krankheit durch irgendein Kraftwort, durch irgendeine Kraftrede die Aufrichtung zu besorgen. Das Wesentliche sollte eigentlich darin bestehen, daß man auf das ganze Leben desjenigen, der sich zu einem als an den Seelsorger wendet, soviel Einfluß hat, daß der Kranke oder der nach dem Tode Gehende durch dieses ganze Leben, durch Denkweise, Gesinnungsund Gefühlskräfte, von selbst anders fühlt als so, daß er erst im einzelnen Fall eine besondere Stärkung braucht. Aber gerade dann, wenn man vorher ein solches Verhältnis eingegangen ist zu einem Gemeindemitgliede, oder auch, wenn ein anderer, der in demselben Sinne wirkt, ein solches Verhältnis eingegangen ist, wird das aus der Situation heraus gesprochene Wort immer wertvoll sein. Wenn aber in diesen Momenten einfach formelhaft irgend etwas gesagt werden soll, so wird es in der Regel nicht außerordentlich viel helfen. Denn man kann ja zu einem Menschen doch nur von dem verständlich sprechen, wofür man in der Lage ist, in seiner Seele ein Echo zu finden. Nun, wenn der Mensch gesund ist, wird man natürlich für vieles ein Echo finden können, aber im Momente der Krankheit oder des Todes braucht man schon eine Vorbereitung dafür, um für dasjenige, was aus der Situation heraus gesprochen wird, ein Echo finden zu können.

Sie könnten es erfahren, daß wenigstens Anthroposophen anders krank werden und sterben als Materialisten, und daß man [bei ihnen] sehr wohl den Trost einfach aus der Situation und aus der Sache heraus sprechen kann, und daß — wovon ich heute morgen gesprochen habe — überhaupt der Zuspruch immer hilft, wenn der Betreffende sich einsam fühlt. Es ist manchmal wichtiger, wer etwas sagt und wie etwas gesagt wird, als was gesagt wird. Aber es ist schon so, daß man sagen kann: In allen Fällen, wo es sich um Krankheit handelt, wo es sich darum handelt, dem Sterbenden zuzusprechen, und wo es sich darum handelt, die Hinterbliebenen zu trösten, hat man es leichter, wenn man auf der ganz breiten Basis des Hinneigens zum Geistigen sprechen kann durch dasjenige, was schon vorher gewesen ist, als man es hat, wenn eben nicht ein lebendiges vorheriges Wirken da war. Ich möchte doch wiederum stark darauf hinweisen, daß man es nur einmal versuche, ganz unbefangen teilzunehmen an Begräbnissen von Anthroposophen und versuche, sich die Hinterbliebenen anzuschauen, man versuche auch zu hören, wie Anthroposophen gestorben sind, und man wird sehen, daß man doch schließlich die Frage so beantworten muß: Was man für den Kranken zu tun hat, sollte man eigentlich während seines Gesundseins für ihn tun, was man für den Sterbenden zu tun hat, sollte man während der Zeit seines Lebens für ihn tun, und was man an Trost zu spenden hat den Hinterbliebenen, sollte eben auch schon vorher da sein in ihnen. Dann lassen sich diese Dinge machen und sie werden dann auch würdig sein, denn diese Dinge haben manchmal einen recht unwürdigen Charakter.

Ein Teilnehmer: Mir drängt sich noch eine Frage auf, die vielleicht beantwortet werden könnte. Wir haben von der Verehrung des Christus gehört und auch, daß in der katholischen Messe das «dominus vobiscum» gleichsam eine falsche Übersetzung war und mit «Christus in euch» übersetzt werden muß. Wie ist nun aber eine Verehrung des geistig-physischen Daseinsgrundes weil es heute doch Kreise in der Jugendbewegung gibt, die zum B. Sonne den Gott verehren?

Rudolf Steiner: Ja, nicht wahr, um was es sich dabei handelt, ist, daß man ein Verhältnis zu dem sich begründet, was ich oftmals schon den dreieinigen Gott genannt habe, denn durch diese Verehrung oder Anbetung oder wie Sie wollen des dreieinigen Gottes ist ja alles das vermieden, was, wenn es den Menschen befällt, ihn eigentlich verdirbt oder sogar krank macht. Wenn Sie den dreieinigen Gott nehmen, so vermeiden Sie solche Einseitigkeiten wie die reine, die bloße Naturverehrung, wie sie etwa in einem Sonnendienst ist, in welcher Form auch immer er auftreten kann. Aber Sie haben auch zugleich vermieden — die Sache fordert es —, dann die Gottesvorstellung so weit wegzubringen von dem Menschen, daß man überhaupt nicht mehr einen konkreten Inhalt dafür hat. Denn in der zweiten Gestalt der Gottheit, in der zweiten Person, in dem Christus, ist die Gottheit eben durchaus innerlich menschlich vorzustellen, während wir wissen, daß sie im Vatergott mehr symbolischen Charakter hat. Es ist durchaus so, daß gerade die Ausdehnung unseres Begreifens des Göttlichen über die Dreieinigkeit - wenn wir nun nicht etwa bloß in Definitionen reden, sondern auf das ganz Konkrete eingehen — außerdem dem Gottesinhalt eine Fülle gibt, die durch etwas anderes durchaus nicht erreicht werden kann. Wenn heute manche in einen Naturdienst, in einen Götzendienst zurückverfallen, so ist das aus dem Grund, weil durch ein nicht übersinnliches Erkennen der Gottesbegriff stark entfernt worden ist von dem, was wir nun doch wiederum in der sichtbaren Welt als das sogenannte Vollkommenste in uns haben, in dem Menschen.

Ich kann nur das dazu sagen, denn ich weiß nicht, was Sie mit Ihrer Frage gemeint haben. Ich meine, worin sehen Sie eine Schwierigkeit?

Derselbe Teilnehmer: Mir tauchte die Frage nur auf, weil ich das Bedürfni fühle, auch den Vater zu verchren, cher noch als den Christus. Es ist eben bei mir persönlich so.

Rudolf Steiner: Den Vater? Ja, aber in der Tat: Den Vater ohne den Sohn zu denken, ist eigentlich ein Zurückfallen in die Zeit vor dem Mysterium von Golgatha. Die Neigung dazu ist heute stark vorhanden. Die Neigung dazu ist heute sogar so stark vorhanden, daß sie in unserer Zeit eine der wichtigsten weltgeschichtlichen Erscheinungen bildet. Bedenken Sie nur, was die Völker heute trennt. Einzelne Völker empfinden nicht den Menschheitszusammenhang, der christlich gefühlt ist, sondern den Volkszusammenhang, und dasjenige, was sie da im Volkszusammenhang vollbringen, vollbringen sie häufig «in Christi Namen», während etwas aus dem Volkszusammenhang zu vollbringen, eigentlich nur in Jahves Namen geschehen kann. So daß wir im Grunde genommen heute in der Art und Weise, wie man die Volkstümer behandelt, die Erscheinung haben — so grotesk das klingt —, daß alle Völker Juden geworden sind, nur daß jedes Volk seinen eigenen Jahve hat; es hat gar kein Recht, von dem Christus zu sprechen. Nun kann man ja heute wirklich sagen, man will den Christus nicht, aber wenn man das tut, muß man eben ehrlich genug sein, wiederum zum Judentum zurückzukehren, wenn einem der Vater mehr ist als der Sohn. Ein Teilnehmer: Ich habe das Bedürfnis, mehr den Vater zu verehren als den Christus.

Rudolf Steiner: Wenn Sie das Bedürfnis haben, mehr den Vater zu verehren als den Christus, so ist das eben ein Nicht-Mitgehen mit der eigentlichen Mission des Christus, und, nicht wahr, es kann ja durchaus so etwas einem natürlich sein, aber es ist nicht christlich.

Ein Teilnehmer: In der katholischen Kirche ist es so, daß einem nach der Beichte von dem Seelsorger bestimmte Bußübungen aufgegeben werden. In welcher Weise und womit hilft man einem Menschen, so daß er in die Lage kommt, seine Seelennot selbst zu überwinden?

Rudolf Steiner: Was meinen Sie mit dem, das in der katholischen Kirche gegeben wird?

Derselbe Teilnehmer: Wiedergutmachen einer begangenen Schuld. Das würde hier auch möglich sein. Ich glaube, Gebete oder derartiges.

Rudolf Steiner: Das hat natürlich aber auch seine gefährliche Seite. Sehen Sie, Sie beichten innerhalb des Katholizismus schon als Kind. Sie sagen Ihre Sünden, wobei es wirklich unter Umständen manchmal sehr stark zum Formelhaften kommt. Wenigstens habe ich diese Dinge durchaus so kennengelernt, daß die Kinder Sünden beichten, für die sie die Worte, die sie sagen, nicht im geringsten verstehen. Nicht wahr, die Kinder bekommen einen solchen Zettel - ich kenne diese Zettel noch ganz gut —, da stehen sämtliche Sünden darauf; die, die man nicht begangen hat, streicht man durch, und dann beichtet man die, die man stehengelassen hat. Das ist vor gar nicht zu langer Zeit nicht sehr selten so gewesen. Wie äußerlich das ist, versteht das Kind gar nicht. Es stehen manchmal auf diesen Zetteln die furchtbarsten Dinge, die das Kind am besten nicht erfährt, Nun, so äußerlich wie das ist, ist es aber manchmal auch, wenn der Priester sagt: Bete fünf Vaterunser und ein Glaubensbekenntnis. — Was hat dieses gebotsmäßig fünf Vaterunser und ein Glaubensbekenntnis ganz abstrakt zu beten, schließlich mit dem zu tun, was eigentlich geleistet werden soll, und was, wenn wirkliche Seelennot oder auch nur Unzufriedenheit oder etwas dergleichen in der Seele vorhanden ist, wirklich erreicht werden kann? Die Gemeinde dürfte natürlich nicht über eine gewisse Größe hinausgehen. Durch den Zuspruch des Wortes und durch alles dasjenige, was dann der Beichtvater — wenn ich ihn so nennen darf - eben für notwendig hält, kann ja ein gewisses Gutmachen natürlich eintreten, nicht wahr. Es wird allerlei eintreten, das wird kaum ausbleiben können, wenn man den Ratschlag eines Beichtvaters wirklich sucht. Aber in dem Auferlegen von Gebeten oder sagen wir, Ablaßbezahlen oder Messelesenlassen [liegen Gefahren].

Derselbe Teilnehmer: Ich dachte mehr an eine einfache Meditation für einen Menschen.

Rudolf Steiner: Nicht wahr, eine Meditation kann nur individuell gegeben werden. Es kann keine Vorschrift über eine Meditation gegeben werden, und daher wird sich, wenn die priesterliche Praxis da ist, dieses sich ja gerade aus dem ergeben, was ich heute gemeint habe. Es kann natürlich durchaus da sein, aber das darf nicht etwa dadurch veräußerlicht werden, daß man Schemen macht dafür.

Heisler: Es wurde vor einigen Tagen gesagt, daß es schwer sei, eine Verbindung herzustellen mit Verstorbenen, die ohne ein inneres Verhältnis zum Christus gestorben sind. Was kann man da speziell tun, um einem solchen Toten zu helfen, daß er die Verbindung mit dem Christus finder?

Rudolf Steiner: Ja, nicht wahr, man kann überhaupt nur das tun, was ich schon angeführt habe. Man kann versuchen, die Gedankenverbindung mit ihm zu bekommen, sich anklammern an diese [Verbindung] - ich habe nicht gesagt zu Christus, sondern zur übersinnlichen Welt in diesem Falle. Nur ist natürlich heute für die meisten Menschen das Finden der übersinnlichen Welt an ein Verhältnis zu Christus wiederum gebunden. Die Dinge, die damals angegeben worden sind, die müssen eben versucht werden. Sonst ist es ja natürlich notwendig, daß man die Möglichkeit herbeiführt, eben durch ein fortdauerndes Denken an den Toten, durch Beschäftigung mit ihm, sich so vorzubereiten, daß man nach dem eigenen Tode dann ihm helfen kann. Es kann durchaus der Fall eintreten, weil er zu fern stand, daß man ihm nicht helfen kann.

Ein Teilnehmer: Wie hat man sich in den beiden folgenden Fällen zu verhalten: erstens, wenn ein Mensch ein solches Leben geführt hat, daß man annehmen muß, daß er verloren ist, und zweitens, wenn man ein Sterbegebet zu sprechen hat bei einem Schwerkranken, der von dem, was geschieht, nichts mehr weiß?

Rudolf Steiner: Nun, natürlich muß [zu dem ersten Teil der Frage] ja gesagt werden, daß man niemals solche Entscheidungen treffen soll, jemand sei verloren. Weil das Karma des Menschen deutlich [zu berücksichtigen] ist, darf man niemals die Möglichkeit wegnehmen, es zu wenden und zu helfen. Also es ist unter allen Umständen unmöglich, irgend jemandem zu [verstehen] zu geben, daß er verloren sei, denn da würde man ja ein gutes Stück dazulegen zu der Möglichkeit seines Verlustes, wenn man ihm das als eine Wahrheit hinstellen würde. Hier muß man daran denken, daß man den Gedanken, jemand sei verloren, natürlich vermeiden sollte, ihn überhaupt nicht haben sollte.

Die zweite [Frage] ist, ob man bei einem Sterbenden, wenn er keine Empfindung von dem hat, was zu ihm geredet wird, noch ein Gebet verrichten soll? Das sollte man ganz bestimmt tun! Ich bitte durchaus immer zu berücksichtigen, daß die Seele, die durchgeistete Seele des Menschen, ja da ist, und daß es durchaus nicht bloß darauf ankommt, ob dasjenige, was der Mensch aufnehmen kann, mit Hilfe des physischen Instrumentes geschieht, sondern es ist so, daß, wenn man zum Beispiel über einen Menschen einen Segensspruch spricht oder sonst in irgendeiner Weise zu seiner Seele spricht, dieses durchaus auch dann geschehen kann, wenn man ganz sicher ist, der Betreffende kann es nicht aufnehmen.

Ich muß gestehen, daß ich immer die Meinung vertrete, ganz aus der Erkenntnis heraus, daß gar manche, die jetzt bei Vorträgen über Anthroposophie zuhören, in diesem Leben nicht in der Lage sind, die Dinge aufzunehmen. Deshalb halte ich es doch nicht für unnötig, zu ihnen zu sprechen, weil ihre Seelen es doch aufnehmen, und sie tragen es durch den Tod hindurch in das nächste Erdenleben hinüber. Wirklich, an den Geist zu glauben, ist etwas anderes, als an den Intellekt zu glauben, auch an den Geist des Menschen zu glauben, ist etwas anderes, als an den Intellekt des Menschen zu glauben.

Ein Teilnehmer erkundigt sich, ob nicht geraten werden könnte, was zur Heilung von Irren, von psychischen Erkrankungen von der Anthroposophie aus zu geschehen hat.

Rudolf Steiner: Das ist natürlich ein außerordentlich ausführliches Kapitel. Denn, sehen Sie, viel mehr als man glaubt, sind sogenannte physische Erkrankungen — in dem Sinn, wie ich heute vormittag auch gesagt habe — von geistig-seelischen Vorbedingungen abhängig, und eigentlich gibt es gar keine wirklichen Seelenerkrankungen, sondern seelische Krankheiten beruhen im Grunde genommen immer, wenn auch manchmal auf sehr weit zurückliegenden, minuziösen physischen Erkrankungen. Ich betone ausdrücklich: Die Anthroposophie steht da nicht auf dem Standpunkt, wo man von Seelenerkrankungen und dergleichen spricht und die sogenannten Seelenkrankheiten und Geisteskrankheiten auch geistig heilen will. Es handelt sich durchaus darum, daß gerade auf diesem Gebiete die heutige äußere, materialistische Medizin — die fast ganz und gar nur zu einer Beschreibung der abnormalen Seelenzustände geworden ist, in dieser Beziehung gibt es ja die ausführlichsten Krankengeschichten — sehr irrt. Die Heilung für die sogenannten Geisteskrankheiten hat man in der Regel in physischen Heilungen zu sehen, denn es ist so, daß das Geistig-Seelische nicht krank ist, sondern nur durch das kranke Physische nicht zur Erscheinung kommen kann, nicht zum Ausdruck kommen kann. Man könnte sogar bis zu dem Paradoxon gehen: Physische Krankheiten gehen auf geistige Ursachen, geistige Krankheiten gehen auf physische Ursachen zurück. Natürlich darf man ein solches Paradoxon dann nicht pressen.

Also da werden wir gerade über alle Dilettantismen, die heute in den Lehren von Hypnotismus, von Suggestion oder gar der Psychoanalyse auftreten, hinausgeführt zu einer gesunden Medizin, welche mit dem Leiblich-Geistigen arbeitet, die ja gewisse Schwierigkeiten haben wird, angenommen zu werden, aber die ja hoffentlich auch ihren Weg machen wird, weil sie ihn einfach machen muß. Es ist wirklich so, daß Sie sich manchmal werden fragen müssen: Wo liegt die Möglichkeit, einen Irren gerade physisch zu behandeln? — und man damit eben oftmals auf die größten Schwierigkeiten stößt, weil den Dingen außerordentlich schwer beizukommen ist, um die es sich da handelt.

Ein Teilnehmer: Könnten wir nicht andeutungsweise darüber etwas erfahren, welche Bedeutung der Marienkult noch hat, insbesondere die Maiandacht?

Rudolf Steiner: Darüber ist ja zu sagen, daß der Marienkult in einem gewissen Zusammenhang steht mit dem Geist-Kult, also mit dem Kultus des Heiligen Geistes, und daß in einer gewissen Beziehung eigentlich alternierend aufgeschaut werden kann auf der einen Seite zum Heiligen Geist, auf der anderen Seite zur heiligen Maria. Es gibt ja sogar eine alte Dreifaltigkeit: Vater, Mutter, Sohn, und es gibt sogar Sekten, die den Heiligen Geist «die Mutter Gottes» nennen. Man hat ja auch in der Tat in der weiblichen Organisation schon der physischen Organisation nach etwas zu sehen ... [Lücke in der Nachschrift], wie ich in diesen Tagen ausgeführt habe. Dem steht allerdings gegenüber, daß der Marienkult von der katholischen Kirche ausgebildet worden ist in einer Zeit, in der von allen diesen Dingen viel zu wenig verstanden worden ist und man daher hier eine Willkür hat walten lassen, wie Sie überhaupt Willkür finden werden in alle dem, was Ihnen angedeutet worden ist in [bezug auf das katholische] Brevier von dem Pfingstfest bis zu den Apostelund Heiligenfesten. Die Heiligenfeste sind, weil man eben nicht eine wirkliche Erkenntnis von diesen Dingen hat, eigentlich in die Willkür verfallen, und manche Dinge, nicht wahr, sind ja wirklich mit der größten Willkür angesetzt, zum Beispiel das Fronleichnamsfest. Beim Fronleichnamsfeste ist ja tatsächlich — bei der genau feststehenden dogmatischen Tradition — gar nicht einmal klar, um was es sich in Wirklichkeit handelt, und, wenn es sich zum Beispiel um den Leichnam des Christus handelt, warum dieses Fest gerade in diese Zeit hineinfällt. Sie brauchen nur die Geschichte solcher Feste anzusehen, so werden Sie sehen, wie da aus der materialisierenden Erkenntnis heraus zahlreiche Unklarheiten aufgetreten sind.

Nun glaube ich nicht, daß es nötig ist, in der Ausgestaltung solcher Feste von allem Anfang an zu weit zu gehen. Ich habe ja zum Beispiel — weil ich mir nicht nehmen lasse, auf anthroposophischem Gebiete über die Dinge ganz objektiv zu sprechen - natürlich auch in protestantischen Gegenden von der Marienverehrung und dergleichen, von der Stellung der Maria gesprochen, und das hat oftmals gerade protestantische Gemüter außerordentlich erbost. Sie konnten das nicht ertragen, sie fanden darin katholisierende Neigungen.

Constantin Neuhaus: Wenn wir uns von den persönlichen Sünden durch Selbsterlösung befreien müssen, wozu bedarf es da eines sakramentalen Bußaktes? Und wenn doch, wie wirkt dieser sakramentale Bußakt?

Rudolf Steiner: Nicht wahr, die Ursache, daß man eine persönliche Sünde begeht, liegt ja in der durch die allgemeine Sünde herbeigeführten Schwäche. Die persönliche Sünde beziehungsweise der ganz persönliche Teil der Sünde, wie ich das einmal dargestellt habe, muß in Selbsterlösung abgetragen werden. Aber ist es dann nicht möglich, bei etwas, was der Mensch durch sich selbst vollbringen soll, ihm dabei zu helfen? Das widerspricht ja durchaus nicht dem Selbstausgleichen, daß man ihm dabei hilft, daß man seine Kraft stärkt. Da ist also die sakramentale Handlung im wesentlichen das Kraftstärkende. Nun, was da gesagt werden muß, ist eigentlich, daß jede sakramentale Handlung kraftstärkend ist, daß jede sakramentale Handlung, nicht nur die Buße, dazu beiträgt, diese Kraft sich anzueignen, um die Selbsterlösung im Laufe der Erdenleben herbeiführen zu können. Also man kann das schon in ganz reinlichen Begriffen ausdrücken, wenn ich mich so ausdrücken darf. Es ist daher durchaus möglich, daß man sagt: Soviel als nur geschehen kann, soll dem Menschen nach dieser Richtung geholfen werden, eben weil er in bezug auf die persönliche Sünde auf die Selbsterlösung angewiesen ist. Ein Teilnehmer: Es gibt heutzutage sehr brauchbare Menschen, die aus irgendwelchen Vorurteilen der Zeit heraus prinzipiell gar nichts wissen wollen von einem Christentum, zum Beispiel Ellen Key. Es kann doch wohl die Frage sein, ob diese Menschen nicht doch, ohne es zu wissen, unbewußt ein lebendiges Verhältnis zum Christus haben, oder ob dazukommen muß das Wissen über den geistigen Inhalt?

Rudolf Steiner: Es ist außerordentlich schwierig, diese Frage im allgemeinen zu beantworten. Was zum Beispiel Ellen Key betrifft weil Sie selbst dieses Beispiel angeführt haben —, sehen Sie, da muß man das Wirkliche in Betracht ziehen. Der Mensch zeigt ja nicht immer das, was in ihm wirklich ist, auch durch seine Worte äußert es sich nicht immer. Sie können, indem Sie in einer Kultur drinnen leben, sagen wir, mit Ihrer Sprache, gefühlsmäßig einfach so empfinden, daß es keinen Sinn hätte, ohne den Christus so zu empfinden, wie man das eben tut. Wenn man die Schriften von Ellen Key im ganzen nimmt, so ist durchaus sehr vieles bei ihr so. Sie leugnet sich das ab, was sie selber hat. Das ist durchaus so, sie hat sehr viele Begriffe, die sie gar nicht haben könnte [außerhalb des christlichen Zusammenhanges], weil diese gar nicht anders hätten entstehen können als innerhalb des christlichen Zusammenhanges.

Und so ist es auch mit dem, was ich gestern in bezug auf Nietzsche gesagt habe. Bei Nietzsche ist das so: Er ist ein Pfarrerssohn, fromm erzogen, die Mutter furchtbar fromm, sie war wirklich eine außerordentlich fromme Frau noch im Alter. Und aus all den Untergründen heraus ... [Lücke in der Nachschrift], da war es eine innere Tragik, ein Bohren gegen sich selbst, daß Nietzsche sich der eigenen Begriffwelt gegenüber benimmt wie ein Henker — das Wort finden Sie übrigens bei ihm selbst. Nun wendet er sich gegen den Christus, und als er in Turin zuletzt dem Wahnsinn verfiel, schrieb er Briefe, worin er sich unterschrieb: «Der Gekreuzigte». Also er schrieb so aus dem Wahnsinn heraus, aber es kann doch aus einem Menschen nicht die Hinneigung zu dem Christus geschwunden sein, der im Wahnsinn «Der Gekreuzigte» unterschreibt, auch wenn er das Buch «Der Antichrist» geschrieben hat. Also, diese Dinge liegen eben so, daß man sie, ich möchte sagen, recht, recht vorsichtig anfassen soll.

Nun, meine lieben Freunde, es muß alles einmal zu Ende gehen, und wir dürfen jetzt wohl diesen Kursus abschließen, da Sie jetzt nach Hause eilen müssen. Ich werde nur mit einem einzigen Wort noch einmal auf dasjenige verweisen, was ich eigentlich schon heute morgen über die Gemeinschaftsbildung zugleich als eine Art Abschiedswort gesagt habe. Ich möchte glauben, daß vor allen Dingen von diesem Kurs hier wirklich die denkbar ernsteste Auffassung desjenigen ausgehen sollte, was an religiöser Erneuerung durch diejenigen geleistet werden soll, die sich hier schon zusammengefunden haben und durch die, die sich noch weiter hinzufinden werden. Es ist geradezu im tiefsten Sinne des Wortes eine Erleichterung, wenn man heute so etwas hört: Es findet sich eine Gruppe von Menschen, um etwas zu dem Aufsteigen der Menschheit mitzubewirken, die so tief in den Niedergangsbewegungen darinnen ist. Aber lassen Sie nicht außer acht, meine lieben Freunde, man braucht heute Stärke, um für so etwas zu wirken, wie Sie es sich vorgesetzt haben. Sie werden diese Stärke haben können, wenn Ihnen die ganze Größe der Aufgabe vor Augen steht, und wenn Ihnen auf der anderen Seite vor Augen steht, wie stark die Menschheit von dem abgekommen ist, was ihr eigentlich zum Heile gereicht. Wer das Unglück unserer Tage auf dem Gebiet, auf das Sie den Blick gerichtet haben, nur als etwas Kleines sieht, der sieht eben doch mit einem zu bequemen Blick. Nur dann, wenn man die ganze Größe des Niederganges und zu gleicher Zeit die Größe der Aufgabe sieht, die wir haben, dann kann man vorwärtskommen.

Wenn das aus dem Inhalt dessen, was ich Ihnen habe geben können, auch ein wenig hervorgegangen ist, daß Sie mit dem ganzen Ernst auf die Lage der Gegenwart hinsehen und aus dem ganzen Ernst der Sache heraus Ihr Tun in der nächsten Zeit entscheiden, dann ist ein Wichtigstes, was diese Vorträge und diese Verhandlungen haben anstreben dürfen, geschehen. Und dasjenige, was ich Ihnen heute aus ganzem vollen Herzen mitgeben möchte, das ist aus einem Bewußtsein heraus [gegeben], das jedes Wort prägen möchte aus der Kraft des Geistes, daß wirklich alles, was zusammenhängen kann an Hoffnungen, an stärkenden Wünschen für diese Bewegung, Sie hinaus in Ihre Wirksamkeit begleiten wird von mir aus. Es werden meine Gedanken bei Ihnen sein, meine lieben Freunde, denn ich sehe Ihr Werk als ein außerordentlich wichtiges und bedeutungsvolles für die Gegenwart an. Wenn es Ihnen gelingt, die nötige Stärke zu finden, dann wird es so sein — wollen wir hoffen, daß wir alle dazu die nötige Stärke finden, daß wir alle uns so stark vertiefen und daß wir so stark wollen können -, daß dasjenige, was wir uns vorgesetzt haben, geschieht.

In diesem Sinne möchte ich, meine lieben Freunde, daß weitertönen in Ihren Herzen, in Ihrem Denken, Fühlen und Wollen die Worte und Wortversuche, die in diesen Tagen an Sie herangetreten sind. Wollen wir in diesem Sinne weiterwirken!

German original of Twenty-ninth Lecture · ← Previous · Next →