The Foundation Course
GA 343 — Dornach
Vierter Vortrag
Meine lieben Freunde! Ich habe gestern abend eine Zuschrift bekommen von Pfarrer Dr.Schairer in Nagold, die eine Anzahl von Thesen enthält,1 welche darauf hinauslaufen, die Fragen zu beantworten, wie Anthroposophie sich zur Religion, und wie Religion zur Anthroposophie sich verhalten soll, und wie die Wege gefunden werden sollen, um dieses Verhalten einzuleiten. Herr Dr. Schairer meint, daß den Diskussionen diese Sache zugrundgelegt werden kann. Das scheint mir auch durchaus zutreffend zu sein nach dem ersten Teil der Zuschrift - ich konnte sie noch nicht ganz lesen, ich habe die letzten Seiten noch nicht gelesen —, denn es wird manches in einer außerordentlich treffenden Weise präzisiert; und es wird vielleicht gerade dieses in mancher Beziehung eine gute Diskussionsgrundlage abgeben können, denn es muß uns ja gerade für Ihr zukünftiges Wirken vor allen Dingen daran liegen, diese prinzipiellen Dinge durchaus, wenn ich so sagen darf, in Ordnung zu bringen.
Auch das, was ich heute zu Ihnen sagen will - alles ist ja vorläufig noch einleitungsweise —, berührt ja von einer gewissen Seite her das Prinzipielle dieser Frage, allerdings nur von einer gewissen Seite her. Wir müssen uns durchaus klar sein, daß Anthroposophie als solche in einer positiven Weise zu dem Mysterium von Golgatha kommt, so daß der Art und Weise, wie das geschieht, wirklich der Begriff des Wissens, der Erkenntnis zugeschrieben werden kann, wenn man diesen Begriff «Erkenntnis» ernst nimmt, auch in dem Sinne des modernen Naturwissenschaftlichen. Und es ist andererseits ganz richtig, daß an dieser besonderen Art, wie zunächst — ich betone zunächst - Anthroposophie an das Mysterium von Golgatha herankommen muß, daß daran zunächst namentlich das evangelische Religionsempfinden aus gewissen Untergründen heraus, die eben [ins Bewußtsein] gehoben werden müssen, Anstoß nehmen kann. So kann also auch nur die völlige Klarheit über diese Dinge zu irgendeinem heilsamen Ziele führen.
Ich muß also, wenn ja das auch vielleicht etwas entlegen scheint, durchaus eingehen auf das, was ich Ihnen heute sagen muß. Anthroposophie oder Geisteswissenschaft schöpft ja aus wirklichem übersinnlichen Erkennen, und sie lehnt es ab - prinzipiell lehnt sie es ab -, irgend etwas zu entnehmen aus älteren Überlieferungen, sagen wir, der orientalischen Weisheit oder des historischen Gnostizismus, um gewissermaßen daraus sich einen Inhalt zu geben oder ihren Umfang zu vergrößern; sie lehnt das ganz entschieden zunächst ab, weil sie vor allen Dingen ihrer ganzen Aufgabe nach darauf ausgehen muß, praktisch die Frage zu beantworten: Wieviel kann der gegenwärtige Mensch, wenn er die in der Seele latenten, im gewöhnlichen Leben nicht bewußten Kräfte ins Bewußtsein, ins volle Bewußtsein und bei voller menschlicher Besonnenheit heraufführt, wieviel kann er von der übersinnlichen Welt unmittelbar erkennen? — Die Geisteswissenschaft möchte bei diesem Erkennen so vorgehen wie etwa, sagen wir, der Mathematiker vorgeht, wenn er heute den pythagoreischen Lehrsatz beweist. Er beweist ihn aus demjenigen heraus, was man heute wissen kann, und er entlehnt ihn nicht etwa bloß historisch von den Schriftstellern, wo er zuerst aufgetreten ist, wenn er auch natürlich nachher, beim Studium des Geschichtlichen, auf die Art eingeht, wie der Lehrsatz gefunden worden ist. Man kommt ja dann, wenn man in dieser Art geisteswissenschaftlich forscht, allerdings dazu, sich zu sagen, daß ein Abgrund liegt zwischen der Art und Weise, wie diese heutige Geisteswissenschaft zu ihren Ergebnissen kommt durch vollbewußtes Forschen, und demjenigen, was auch noch im Gnostizismus oder gar in der orientalischen Weisheit erhalten ist, was aber doch einen mehr instinktiven Charakter trägt. Aber gerade um dasjenige, was der heutige Mensch vermag, unvermischt der Erkenntnis zuzuführen, muß eben so, wie ich gesagt habe, geforscht werden. Man findet dann allerdings, daß man im Verlaufe dieses Forschens etwas braucht, was dann neuerlich den Schein hervorruft, als ob man zu Altem zurückginge. Im Verlaufe des Forschens stellen sich nämlich geistige Erlebnisse ein, für die dem modernen Menschen, der ganzen modernen Zivilisation, eigentlich die prägnanten Worte fehlen. Unsere moderne Sprache hat sich nämlich der materialistischen Denkungsweise ganz angeschlossen; unsere moderne Sprache hat die Worte durchaus zu beziehen gelernt entweder auf das bloß äußere Materielle oder auf das Intellektuelle — beides gehört ja zusammen. Der Intellektualismus im Innern ist nichts anderes als das Korrelat der materialistischen Anschauungsweise nach außen. Man wird einfach intellektualistisch, wenn man Materialist ist; beides gehört zusammen. Dasjenige, was man von der Materie aus erkennen kann, wenn man nach materieller Methode vorgeht, das spiegelt sich einem eben im Innern als Intellektualismus. Es ist so, daß etwa eine Philosophie, welche den Geist beweisen wollte aus dem bloßen Intellekt heraus oder das Geistige aus Intellekt bestehend, in der Luft schweben würde; sie würde zwar anerkennen können, daß das Intellektuelle mit Recht ein Geistiges ist, aber der Inhalt dieses Intellektuellen kann kein anderer sein als der der materiellen Welt. Man muß in solchen Dingen immer genau sprechen. Indem ich diesen Satz ausspreche: «Der Inhalt des Intellektuellen kann kein anderer als der der materiellen Welt sein», sage ich nur, er kann kein anderer sein als der Inhalt der Welt, welche als eine Summe von materiellen Wesen und Erscheinungen angesehen wird; ob sie das auch ist, das ist damit noch nicht ausgemacht. Diese intellektuelle materielle Welt könnte ja durch und durch Geist sein, und dasjenige, was den Intellektualismus ausmacht, könnte ja eine Illusion sein. Also es handelt sich darum, daß für geisteswissenschaftliche Erörterungen schon eine außerordentlich starke Gewissenhaftigkeit gegenüber der Erkenntnis vorhanden sein muß, sonst kommt man überhaupt in der Geisteswissenschaft nicht vorwärts. Diese Gewissenhaftigkeit wird ja von den Menschen der Gegenwart auch bemerkt; sie sehen, wie man genötigt ist, seine Sätze nach allen Seiten hin durchzuhecheln, damit sie prägnant werden, und diese Menschen der Gegenwart, die heute gewöhnt sind an die journalistische Handhabung des Stils, nennen dieses Ringen nach Prägnanz einen schlechten Stil.
Nun, man muß solche Dinge eben durchaus aus der Eigenartigkeit der Zeit heraus verstehen. Und deshalb, weil die Gegenwart aus ihrem Materialismus und Intellektualismus heraus auch die Sprache in einer gewissen Weise so bedrängt hat, daß die Sprache, indem wir sie handhaben, nurmehr sich bezieht auf Materielles, kann man schwer die Worte finden, die man zuweilen braucht, um dasjenige zu bezeichnen, was man erlebt und muß dann greifen zu älteren, noch aus dem instinktiven Schauen herausgeholten Worten, die einem viel mehr die Möglichkeit geben, dasjenige auszudrücken, was man ausdrücken will. Darauf beruht dann wieder das Mißverständnis, daß die Leute, die nur am Worte haften, nun glauben, daß man mit dem Worte dasjenige entlehnt, was in der Übersetzung des Wortes enthalten ist. Das ist nicht so. Das Wort «Lotosblume», das ist ein aus der orientalischen Weisheit entlehnter Ausdruck, aber dasjenige, was ich schildere [in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»], ist durchaus nicht aus der orientalischen Weisheit entlehnt. Das ist es, worauf ich bitte, immer Rücksicht zu nehmen, wenn ich mich notgedrungenerweise aus der Geschichte entlehnter Ausdrücke bedienen muß, wie ich das heute werde tun müssen.
Sehen Sie, Geisteswissenschaft kommt nämlich dazu, indem sie zunächst als Anthroposophie Menschenerkenntnis gewinnen will, die moderne Physiologie und Biologie gewissermaßen als das ungeeignetste Instrument zur wirklichen Menschenerkenntnis ansehen zu müssen. Diese moderne Physiologie und Biologie baut ja ihre Erkenntnis lediglich auf demjenigen auf, was sich auch am Leichnam des Menschen konstatieren läßt. Auch wenn sie den lebendigen Menschen studiert, studiert sie eigentlich nur den Leichnam des Menschen. Und höchstens gibt sie sich dann einer gewissen Täuschung hin, die außerordentlich charakteristisch einmal zutage getreten ist, als damals Du Bois-Reymond seine berühmte Ignorabimus-Rede gehalten hat, Er ist sich ja schon klar darüber, weil er neben dem Naturforscher auch ein Denker war, daß auf diese moderne Art des Forschens man über die Seele — er nannte sie Bewußtsein — nichts gewinnen kann; so daß man also eigentlich durch Naturwissenschaft über das eigentliche Wesen des Menschen auch nach Du Bois-Reymond nichts wissen kann. Aber er gibt sich noch einer gewaltigen Täuschung hin; er sagt, mit der äußeren Naturwissenschaft seien wir eigentlich niemals imstande, den wachenden Menschen zu erkennen, höchstens den schlafenden. Wenn der Mensch schlafend im Bette liegt, hält er das für eine Summe von Prozessen, die da im Menschen vorgehen, in dem Augenblicke aber, wo beim Erwachen [des Menschen] der Funke des Bewußtseins einschlägt, hört die Möglichkeit des Begreifens nach Du Bois-Reymond auf. Das wäre dann richtig, wenn man heute erwa in der Lage wäre, wissenschaftlich das Leben und Werden der Pflanzenwelt zu begreifen. Aber das Leben und Werden der Pflanzenwelt ist ja immer noch nicht wissenschaftlich begreifbar, weil man die Methode nicht anerkennt, durch die es begriffen werden kann. Und so ist auch das eine Illusion, daß die heutige Wissenschaft den schlafenden Menschen erklärt; es kann ihr Bereich nur sein, den toten Menschen zu erklären, den Leichnam, bis zu dem dringt sie, weiter dringt sie nicht. Auch den schlafenden Menschen, der ein lebendiger Mensch ist, kann sie nicht erklären.
Anthroposophie geht nun nicht auf dem Wege der philosophischen Spekulation an den Menschen heran, sondern auf dem Wege des in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschilderten in die Seele hereingezogenen Anschauens, und dann gelangt man dazu, nicht mehr stehenbleiben zu müssen bei dem, was im Menschen Mineralreich ist, was also fortwährend tot ist und was als totes Mineralreich eingegliedert ist der menschlichen Wesenheit, sondern man gelangt dazu, in dem, was man Ätherleib oder Bildekräfteleib nennen kann, dasjenige zu sehen, was eigentlich der menschlichen Schlaflebewesenheit zugrundeliegt.
Nun kommen die Leute, die von dem gegenwärtigen philosophischen Bewußtsein ausgehen; ich kann Ihnen auch da einen Fall angeben. Als meine «Geheimwissenschaft» erschienen ist, da wurde sie besprochen von einem polnischen Philosophen, Lutoslawski, in einer alldeutschen Monatsschrift. In dieser Besprechung wurde unter anderem auch gesagt, das wäre ja nur eine Abstraktion, wenn man den Menschen gliedere in physischen Leib, Ätherleib, astralischen Leib und Ich, man könne durchaus durch Abstraktion den Menschen so gliedern, aber es führe einen nicht weiter. — Soviel Lutoslawski dazumal von der Sache eingesehen hat, hatte er mit seiner Behauptung recht, aber er blieb im Felde der Abstraktion stehen, und das beruht auf folgendem: Sobald man nämlich aufrückt zur Anschauung des Ätherleibes, kann man nicht mehr [nur] beim [Physischen des] Menschen stehenbleiben; solange man [nur] den physischen Leib betrachtet, hat man nichts nötig, als bei der Untersuchung innerhalb der menschlichen Haut stehenzubleiben und höchstens die Wechselwirkung mit der Außenwelt im Atmen und. so weiter zu untersuchen; aber man untersucht ja auch da nichts anderes als das, was eben im Grunde genommen an der Hautgrenze des Menschen nach innen zu beginnt.
Die Charakteristik, die ich gebe, werden Sie schon ganz richtig finden, wenn Sie nur richtig darüber nachdenken. Man kann, wenn man den physischen Menschen betrachtet, stehenbleiben bei dem, was in der physischen Leibeshaut eingeschlossen ist, aber man kann nicht mehr stehenbleiben in der physischen Leibeshaut, wenn man vollständig den Ätherleib betrachtet. Gewiß, man wird zunächst die Grundlinien ziehen, wie ich es in meiner «Geheimwissenschaft» getan habe, da wird man darauf aufmerksam machen, daß der Mensch aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und so weiter besteht. Aber Anthroposophie bleibt dabei nicht stehen, sondern Anthroposophie muß dann die Dinge weiter ausbauen, und sobald man die Erkenntnis von dem Ätherleib ausbaut, kann man nicht innerhalb des Menschen stehenbleiben, sondern man muß den Menschen im Zusammenhang mit allem Irdischen als eine einzelne Wesenheit betrachten; man muß den Menschen im Zusammenhang mit dem Irdischen betrachten. Das heißt, insofern der Mensch in seinem physischen Leib eingeschlossen ist, führt er ein verhältnismäßig selbständiges Leben, ein verhältnismäßig selbständiges. Man ist in hohem Grade abhängig von allem möglichen, von Luft, Licht und so weiter im physischen Leib, allein man ist auch in hohem Grade davon unabhängig. Das können Sie einfach aus dem folgenden ersehen: Als die Hochblüte des Materialismus war, Wolff, Büchner, Czolbe, da wurde sehr häufig gerade auf die Abhängigkeit des physischen Menschen von der physischen Umgebung hingewiesen und eine Stelle bei einem dieser Schriftsteller zählt ja alles auf, wovon der Mensch abhängig ist, von der Schwerkraft, vom Licht, von dem Klima und so weiter und schließt dann damit, der Mensch sei in seinem Leibe ein Ergebnis von jedem Hauche der Luft. Er meint damit — der Betreffende war ja Materialist —, die physische Organisation sei abhängig von jedem Hauche der Luft. Ja, meine lieben Freunde, wenn man die Schilderung der Materialisten in dieser Beziehung ganz ernst nimmt und sich die Sache so ausdenken würde, wie sie da geschildert ist, wenn der Mensch also so wäre, wie ihn die Materialisten schildern, dann würde man gewahr werden, daß dieser Mensch die höchste Potenzierung eines Hysterikers oder Neurasthenikers wäre. Die Materialisten haben schon den materiellen Menschen geschildert, aber nicht den, der herumgeht in der Welt, sondern einen solchen, der eine Hochpotenzierung des Hysterikers wäre. Der Hysteriker in höchster Potenz würde so abhängig sein von der Umgebung, wie ihn die Materialisten geschildert haben. - Der wirkliche Mensch ist schon in einem hohen Grade unabhängig von demjenigen, was die physische Erdenumgebung ist. Aber nicht mehr kann man das so sagen von dem ätherischen Menschen. Sobald man zum ätherischen Menschen aufrückt, kann man den ätherischen Leib nicht gesondert für sich betrachten, sondern man muß die Ätherizität der ganzen Erde betrachten, und der Mensch lebt einfach in einem viel höheren — natürlich nicht im physischen Sinne höheren — Niveau, als er mit seinem physischen Leibe lebt. Und wenn man zu dem Bereich des Ätherischen kommt bei der Betrachtung der Erde, kann man nicht mehr sich halten an [Begriffe der] Chemie, der Mineralogie und so weiter, sondern man muß ganz andere Vorstellungen aufsuchen, und da wird man dann in die Notwendigkeit versetzt, das, was man sagen will, wenigstens mit den Ausdrücken zu belegen, die die Griechen gehabt haben, weil eben die gegenwärtige Sprache nicht mehr die Möglichkeit gibt, sich auszudrücken.
Der Grieche würde, wenn wir ihm die heutige Chemie vorführen würden, sich in folgender Weise äußern. Denken wir uns einmal, wir hätten auf der einen Seite einen richtigen modernen Chemiker und auf der anderen Seite einen Griechen, einen gebildeten alten Griechen, der sich unterreden würde mit dem Chemiker, da würde der moderne Naturwissenschaftler etwa folgendes sagen: Ihr Griechen wart ja weit zurück, ihr habt vier Elemente angenommen: Feuer, Erde, Wasser, Luft. Das sind für uns höchstens noch Aggregatzustände: das Feuer die alles durchdringende Wärme, die Luft der luftförmige, das Wasser der flüssige, die Erde der feste Aggregatzustand. Wir wollen euch das zugeben. Aber wir haben etliche siebzig Elemente an die Stelle eurer vier Elemente gesetzt. — Der Grieche, wenn er studieren würde, was da vorliegt in den etlichen siebzig Elementen, würde sagen: Was wir unter den vier Elementen verstehen, das wird von euren etlichen siebzig Elementen nicht berührt. Wir haben für das, was ihr da in den etlichen siebzig Elementen habt, den Sammelnamen «Erde»; das bezeichnen wir alles mit «Erde». Mit unseren vier Elementen bezeichnen wir etwas ganz anderes, wir bezeichnen damit etwas, was in Zuständen sich äußert, etwas, was innere Wesenheit ist. Und dasjenige, was ihr über alle eure Elemente ausgießt, das ist auch für uns luftförmiger und so weiter Zustand der Erde. Etwas viel Innerlicheres, als ihr anerkennt mit euren Elementen, bezeichnen wir mit den Ausdrücken Erde, Wasser, Luft, Feuer oder Wärme. —
Aber gerade zu diesen vier Elementen wird man eben geführt, wenn man all das Wogende, Webende betrachtet, in das aus dem Irdisch-Ätherischen das Menschlich-Ätherische eingesponnen ist. Und nur wenn man dieses Ätherische, das sich in den vier Elementen darlebt, bei sich verfolgt, versteht man den Erdenkreislauf des webenden Daseins, versteht man Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Und in Frühling, Sommer, Herbst, Winter, denen in ihrer Verwandlung zugrundeliegt das Ätherwirken der Erde - nicht bloß das physische Wirken der Erde -, in dieses Ätherweben der Erde ist eingesponnen der menschliche Ätherleib, so daß man, wenn man gewissermaßen zum Ätherleib vorschreitet, den Ätherleib eingewurzelt finden muß im Irdisch[-Ätherisch]en.
Das, was wir so wiederfinden — ich habe das ganze Verhältnis einmal ausführlich dargestellt und zwar im Haag -, das klingt an das instinktive Wissen der Alten, das noch bis zu den Griechen gereicht hat, durchaus an. Und wir verstehen die Kontinuität in der Menschheit nicht, wenn wir nicht auf unsere Art wieder daraufkommen, was der Inhalt dieses Instinktiven war.
Nun gehen wir weiter und kommen zum Astralleib des Menschen. An der Terminologie liegt mir nichts, vom Astralleib wurde viel später noch gesprochen, bis in das Mittelalter hinein, ja sogar bis in die Neuzeit herauf, aber man muß eben eine Terminologie haben. Wenn man heraufsteigt bis zum Astralleib, der der eigentliche Träger des Denkens, Fühlens und Wollens im Menschen ist, dann kommt man wiederum dazu, den Menschen nicht abgesondert betrachten zu können. Ebenso wie man sein Ätherisches eingliedern muß in das Ätherweben der Erde, so muß man das Astralische eingliedern in dasjenige, was — nun schon in geistigerer Art — zugrundeliegt dem, was sich in dem Gang und in der Stellung der Sterne ausdrückt. Das Astralische im Menschen ist einfach der Ausdruck der kosmischen, der astralen Verhältnisse; wie die Sterne sich bewegen und zueinander stehen, das ist ausgedrückt im menschlichen Astralleib. Geradeso wie der Mensch durch seinen Ätherleib mit dem Irdisch-Ätherischen zusammenhängt, so hängt der Mensch durch seinen Astralleib mit der Erdenumgebung zusammen; es lebt die Erdenumgebung in seinem Astralleib weiter, sie lebt in den Geschehnissen, in den Prozessen seines Astralleibes weiter.
Sie sehen, das ist keine Abstraktion, wenn wir den Menschen gliedern, sondern wir sind genötigt, ihn zu gliedern, weil wir, wenn wir aufsteigen von dieser Gliederung des Menschen, von der Menschenerkenntnis zur Welterkenntnis kommen, ganz naturgemäß. Nun können wir zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, aber jetzt in noch ältere Zeiten, die nicht mehr eigentlich in die griechische hereingereicht haben; da finden wir auch ein instinktives Bewußtsein dieses Zusammenhanges des Menschen mit der Sternenwelt. Nicht als ob in diesen alten Zeiten Astronomie getrieben worden wäre, oder soweit sie getrieben worden ist, wichtüg gewesen ist, sondern es war ein unmittelbares Erleben [dieses Zusammenhanges]. Der Mensch erlebte sich in gewissen Zeiten der Erdenentwickelung viel weniger als ein Erdenbürger, denn als ein Bürger der Himmel. Wir kommen forschend schon in eine Zeit zurück, wo der Mensch zwar durchaus innerlich miterlebte das Wachsen und Gedeihen des Irdischen in der Pflanzenwelt, auch in der Tierwelt, wo er miterlebte alles, was in der Luft, im Wasser sich darbot, wo aber das alles von ihm wie eine Selbstverständlichkeit erlebt wurde. So wie der Mensch etwa in der heutigen Zeit seine inneren Prozesse, seine Ernährungs- und Verdauungsprozesse erlebt und sie als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen kann, so nahm er einmal alles dasjenige, was er im Zusammenhang mit der physischen Welt erlebte, noch wie ein Selbstverständliches hin, aber nicht nahm er das als ein Selbstverständliches hin, was er in seinem astralischen Leibe erlebte durch den Einfluß der himmlischen Welten. Das war etwas, was sich herausdifferenzierte, sich ihm zu stark aufdrängte, um es so selbstverständlich hinnehmen zu können. Wenn der Winter herannahte, wenn die Nächte lang wurden und Frost um die Erde herum war und der Mensch in diesem Frost sich befand, dann fühlte er in einer gewissen Weise, wie er einfach durch sein Hineingestelltsein in die Welt darauf angewiesen war, in seinem Innern etwas zu fühlen wie eine Erinnerung an die Himmel. Er fühlte sich im Winter in einer gewissen Weise getrennt von den Himmeln, er fühlte etwas in sich, was wie eine bloße Erinnerung an die Himmel war. Wenn dagegen der Frühling herannahte und Wärme die Erde umgab und der Mensch hineinverwoben war in diese Wärme, dann fühlte er, wie wenn etwas in seinem Innern sich aufschlösse, wie wenn er miterlebte, ich möchte sagen, in einem ausgebreiteten Atem die Geschehnisse der Himmel. Da hatte er die himmlische Wirklichkeit, nicht bloß die Erinnerung an die Himmel, die er zur Winterszeit hatte. Und so differenziert erlebte er auch die anderen Jahreszeiten; er erlebte den Jahreslauf tatsächlich mit.
Wir haben heute, ins Innere reflektiert, eine schwache Erinnerung an das, was dazumal lebendig von den Menschen instinktiv durcherlebt worden ist. Wir begehen das Weihnachtsfest, und ein geschichtlicher Blick enthüllt es uns in Zusammenhang stehend mit dem inneren Erinnerungsleben des einzelnen Menschen, der sich gewissermaßen zur Winterszeit verlassen fühlte von den Himmeln, damit er seine Erinnerung in Einsamkeit auf der Erde pflegen konnte. Wir haben noch Anklänge an das, was einstmals nicht astronomische Spekulationen oder astronomische Wissenschaft, sondern unmittelbares Erleben war, in der Festsetzung des Osterfestes im Frühling, das sich ja nach der Beziehung von Sonne und Mond richtet. Was heute unserem abstrakten Verstand sich enthüllt durch Berechnung und was wir benutzen, um das Osterfest festzusetzen, das war ein unmittelbares Erleben für den früheren Menschen, es war ein Wiederaufgenommenwerden in die Himmel nach dem Abgeschlossensein [im Winter], und zur Johannizeit ein seliges Sichfühlen in dem in den Himmeln webenden Göttlichen, in göttlicher Seligkeit die Vereinigung mit dem wirklich Geistig-Göttlichen, von dem sie zu Weihnachten nur die Erinnerung hatten und in das sie sich hineinlebten zur Frühlingszeit. Die ältere Sommersonnenwende war ja zunächst so, daß sie gefeiert wurde wie ein inneres Aufsuchen der Vereinigung mit dem Göttlichen, bei dem man mitfühlte, wie wenn die Erde nicht in sich abgeschlossen wäre, sondern wie wenn die Erde nun ein im Kosmos wirkendes Wesen wäre und der Mensch mit seinem ganzen Wesen mit dazugehörte zu diesem kosmischen Erleben.
Mit anderen Worten, dasjenige, worauf wir in der Geisteswissenschaft hinweisen als auf etwas objektiv Erlebtes, das wir als astralischen Leib hinstellen, das wurde von einer älteren Menschheit als ein unmittelbares Erleben empfunden, aber als ein unmittelbares Erleben, das nicht nur im Augenblick da war, sondern das ausgespannt war in die Zeit, und von dem man wußte, darin wirken die Sterne mit ihrer Gesetzmäßigkeit, mit ihrer Bewegung. Nicht als ob man viel gegeben hätte auf das, was Sonnen- und Mondfinsternisse darboten; das ist erst geschehen, als die Religion übergegangen ist in die Wissenschaft. In alten Zeiten hat man in gläubiger Einfalt zum Himmel aufgeschaut, aber den Himmel auch zu einer gewissen Zeit in sich gefühlt.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, was muß man denken, wenn heute Theologen auftreten und sagen: Das, was der Mensch zunächst in der Sinneswelt erlebt, das kann unmöglich zum Übersinnlichen führen, und das, was er durch seine Wissenschaft hat, das kann auch unmöglich zum Übersinnlichen führen; es muß etwas ganz besonderes im Menschen eintreten, wenn er für die übersinnliche Welt sich erschließen will -? Eine solche Auseinandersetzung heutiger Theologen zeigt, daß der Mensch heute darauf angewiesen ist, Religion zu rechtfertigen, weil das Leben, das er in der Außenwelt führt, zunächst keinen religiösen Charakter hat; er will sich gewissermaßen herausstellen aus dem gewöhnlichen Leben in der Außenwelt und in ein besonderes Leben hineinstellen, um religiös zu fühlen. Es gab aber einmal eine Erdenzeit, wo das religiöse Fühlen das unmittelbar Gegenwärtige, das Selbstverständliche war, und wo man sich für das Erdenleben herausstellen mußte aus dem Religiösen. So wie wir heute materialistisch fühlen, wenn wir zur Pflanzenwelt, zur Tierwelt und zu den Sternen aufblicken und dann Einkehr halten müssen in uns, wenn wir religiös erleben wollen, so war einmal religiöses Erleben für den Menschen dasjenige, was für ihn als das Gegebene da war, und gerade dann, wenn er sich von diesem Gegebenen abkehren wollte, ging er aus dem religiösen Leben erst heraus.
Solange man diese Dinge nicht völlig durchschaut, wird man überhaupt nicht Klarheit gewinnen können über das Verhältnis von Wissenschaft, alltäglichem Leben und religiösem Erleben. Man muß schon einmal im Leben wenigstens den Blick auf diese Dinge der Menschheitsentwickelung hingelenkt haben, daß einmal ein altes Weltbild dagewesen ist, dem die äußeren Erscheinungen von Sonne, Mond und Sternen verhältnismäßig gleichgültig waren, wo diese von außen kommenden Erscheinungen nur zum Gefühl gesprochen haben; aber im Innern wurde etwas erlebt. Was Wirkung war der Himmel, das war inneres Erlebnis des Menschen, das er mit sich selbst abmachen konnte, das aber doch Wirkung war des Himmlischen und in ihm wie eine Selbstverständlichkeit gegeben war.
Nun gab es ja selbstverständlich dann eine Zeit, wo gewissermaßen das ineinandergefügt wurde, was lebt und webt im Innern des astralischen Leibes als ein Ergebnis des Sternenprozesses und dasjenige Erleben, das im Innern sich abspielt im Zusammenhang mit der Erde, das wir erkennend durchdringen können, wenn wir zum Ätherleib heute vordringen. Der Mensch fühlt sich mehr im Seelisch-Geistigen, wenn er astralisch die Ergebnisse der Himmelsvorgänge in sich erlebt. Dann sieht der Mensch wohl auf das Irdische, aber er dringt noch nicht bis zu dem, was wir heute sehen; er dringt bis zum Ätherischen, bis zu dem, wo Feuer, Wasser, Luft und Erde walten. Da gewahrt er dann ein Verhältnis, das sich heute dem Blick des Menschen, insbesondere dem wissenschaftlichen Blick, eigentlich völlig entzieht. Aber bis in die Empfindungen, die man über dieses Verhältnis hatte, gehen die Kultushandlungen zurück, die ja für unsere Bekenntnisse eigentlich nur Überlieferungen sind.
Ich habe Ihnen gestern dargestellt, wie die Kultushandlungen verstanden werden können aus dem Menschenverständnis heraus. Sie können aber auch verstanden werden aus einem Einblick in jene Wechselwirkung, die da statt hat zwischen dem, was erlebt werden kann im astralischen Leib, und dem, was erlebt werden kann im ätherischen Leib; sie gehen zurück auf eine Empfindung, die man haben kann, wenn man das Leben und Weben des Himmels in dem Irdisch-Ätherischen verfolgt, und da stellt sich dann heraus, daß der Mensch hineingestellt ist in eine kosmische Wirkung, in eine kosmische Bewegung, die ich Ihnen durch folgendes ausdrücken möchte. Sehen Sie, wenn wir uns an den Ton wenden, der dann im Worte lautet, wenn wir uns also dem nähern, was zum Beispiel im griechischen Logos, im Worte Logos liegt — das, was ich jetzt sage, wurde durchaus noch empfunden in Griechenland und durchaus noch empfunden bei der Abfassung des Johannes-Evangeliums —, wenn man sich dem nähert, was als Ton lebt, was als Ton lautet und mit dem sich nach außen wendet, dann hat man es mit Vorgängen zu tun, die sich ankündigen, die sich offenbaren durch die Luft. Wenn wir aber den Ton oder das Wort hören und jene Wirkung entsteht, die ich gestern geschildert habe als nach dem Inneren des Menschen gehend, dann haben wir es da zwar auch zunächst mit dem zu tun, was Bewegung der eingeatmeten Luft ist, die dann an das Rückenmark und Gehirnwasser stößt und sich da als Bewegung fortsetzt; wir haben es also auch mit der Fortsetzung des in der Luft Vorgehenden in den Menschen hinein zu tun. Wenn wir aber weiter forschen, haben wir es nicht bloß damit zu tun, sondern, indem das Wort seine Wirkung in den Menschen hinein äußert, wirkt es auf den Wärmezustand des Menschen. Der Mensch wird innerlich von dem Element der Wärme durchtränkt, er erhält das Element der Wärme differenziert durch den nach innen gehenden Ton, durch das nach innen gehende Wort. Das heißt, im Äußeren ist Wärme oder Kälte höchstens Nebenerscheinung für den Ton, wenn der Ton zu hoch oder zu tief ist, aber es hat, wenn wir beim Ton stehenbleiben, zunächst keine Bedeutung. Beim Menschen drückt sich in einem innerlich differenzierten Warm- oder Kaltwerden tatsächlich jede Differenzierung des Wortes und des Tones aus, so daß wir sagen können: Indem wir das Wort erfassen, finden wir es sich manifestierend nach außen in der Luft, wir finden es sich manifestierend nach innen in der Wärme.
Gehen wir jetzt zu dem, was wir gestern als zweites kennengelernt haben, gehen wir zu der Opferhandlung. Diese Dinge werden ja später, wie so manches andere, klarer hervortreten, aber sie werden Ihnen einen Anhaltspunkt bieten können. Da wird Ihnen zunächst in der Opferhandlung dasjenige gegeben, was charakteristisch eigentlich war in den Zeiten, in denen man die Opferhandlung in ihrer vollen Realität empfunden hat. Eigentlich hängt für ältere Vorstellungen mit der Opferhandlung durchaus zusammen das Rauchartige, das Luftartige, und das ist deshalb, weil die Opferhandlung aus dem Inneren des Menschen hervorfließt und man wußte — wie man es auch heute bei einer Opferhandlung wirklich empfinden kann -, daß geradeso, wie das Wort nach innen tönt und sich auslebt in der Wärme, die Opferhandlung sich auslebt in der Luft. Nach innen lebt sie sich aus in der Luft. Nach außen kann die wahre Opferhandlung eigentlich nicht erscheinen, ohne daß sie irgendwie durch das Licht sich offenbart. Aber auf diese Dinge werden wir später zu sprechen kommen.
Wenn wir nun zu dem gehen, was wir gestern die Wandlung genannt haben, da finden wir, daß bei der Wandlung wir hingewiesen worden sind auf dasjenige, was schon in die Materie eingreift, was sich schon dem Materiellen stark nähert, was aber sich noch nicht konfiguriert, was noch nicht Kontur angenommen hat; das empfindet man bei der Wandlung als das Charakteristische, und man bezog deshalb, in demselben Sinne, wie man das Wort auf die Wärme, das Opfer auf die Luft bezog, die Wandlung, die Transsubstantiation auf das Wasser.
Und in demjenigen, was man erlebte in der Kommunion, in der Vereinigung, fühlte man sich nun verbunden durch das Ätherische hindurch mit dem Irdischen; man fühlte sich als Erdenmensch, als richtiger Erdenmensch nur, indem man sich mit diesem Irdischen so verbunden fühlte, daß man die Vereinigung bezog auf das Element der Erde.
Das aber ergab für die alten Mysterien nun das folgende: Sie sahen, nach außen hin gesehen manifestiert sich das Wort in der Luft, nach innen als Wärme. (Während der folgenden Ausführungen wird an die Tafel geschrieben):

Wort — Luft - Wärme
Opfer — Wasser — Luft
Wandlung — Erde — Wasser
Vereinigung — Erde
Das Opfer manifestiert sich nach innen gesehen als Luft. Warum sie für ihr Anschauen zu den folgenden Dingen kamen, werde ich später sagen, ich mache aber darauf aufmerksam, daß in älteren Mysterien die Opferhandlung äußerlich ebenso auf das Wasser bezogen worden ist, und daß noch die Taufe ein Rest davon ist. Wie das Wort nach außen auf die Luft bezogen worden ist und innerlich auf die Wärme, so wurde die Wandlung demgemäß äußerlich auf die Erde bezogen, auf das Feste, und nur innerlich auf das Wasser; und für dasjenige, was der Vereinigung entsprach, hatte man ja nun nichts. Im Menschen, so sagte man sich, verschiebt sich der Zusammenhang mit den Elementen. Aber schon in der Wandlung ist ja für das Außerirdische die Erde vorhanden, die der Mensch erlebt, indem er sich zur Vereinigung wendet. Wie kann er also die Vereinigung mit dem Irdischen erleben? — Das war die große Frage in den alten Mysterien. Wie kann man überhaupt irgend etwas fühlen über das wahrhaft Irdische?
Ich habe es eben von einem anderen Gesichtspunkt besprochen. Man wendete den Blick rings umher, nahm es selbstverständlich, wie man heute seine inneren Vorgänge als selbstverständlich nimmt, aber man fand nicht irgend etwas, was man aufnehmen wollte in sein Bewußtsein. Für die symbolische Handlung hatte man die Vereinigung, aber es blieb nach außen der Platz leer, es mußte erst etwas kommen, so sagte man sich, wenn dieser Platz erfüllt werden sollte, wenn man sich im Irdischen selber zu etwas wenden konnte, was der Vereinigung, der Kommunion entspricht. Man fühlte es, man konnte hinunterschen zur Erde. Was einem im Innern die Erde gab, darin konnte sich die Kommunion erfüllen, aber ein Äußeres war nicht da. So fühlte man im Grunde genommen auch in den alten Mysterien, wenn man von der Kommunion sprach. Man sprach darüber, aber man fühlte so, als ob sie durchaus nicht ein vollendetes Ereignis sein könne. Und wir fühlen im Grunde genommen das nach, wenn wir in den äußeren Mitteilungen über die alten Mysterien unterrichtet werden, wie im Bilde das Ereignis von Golgatha vorgeahnt wurde, wie es symbolisch vollzogen wurde, worauf die heutigen Forscher immer wieder deuten, indem sie darauf hinweisen wollen, als sei das Mysterium von Golgatha nur etwas, was einen späteren Entwickelungszustand darstellt gegenüber dem, was in den verschiedenen Opferhandlungen früher geübt wurde in den Tempeln, indem man das Sinnbild hinstellte, den gestorbenen Menschheitsrepräsentanten begrub und ihn nach drei Tagen auferstehen ließ.
Sie wissen, wie wirklich eine Crux in der Christus-Auffassung dadurch entstanden ist, daß man aufmerksam geworden ist auf etwas, was in den alten symbolischen Religionshandlungen dem ganzen Vorgang von Golgatha so ähnlich sah, daß die Leute geglaubt haben, selbst Theologen, sie müßten nun bloß von dem Christus als einem Mythus reden oder als von etwas, das eben entstanden ist aus dem, was früher in den Tempeln vollzogen worden ist. Das ganze hat jetzt einen Gipfelpunkt erreicht dadurch, daß dieselbe Denkweise nun auf einem anderen Gebiete hervorgetreten ist: man hat das Vaterunser [in derselben Weise] angesehen und kann nun nachweisen, daß fast jeder Satz des Vaterunsers schon in der vorchristlichen Zeit da war. Das hat man angesehen als einen ganz besonderen Fang für die moderne Religionsforschung. Für denjenigen, der erkennt, wirklich erkennt, ist diese Denkweise ein solches Schließen, wie wenn man von den Kleidern auf die Leute schließen wollte. Wenn der Vater ein Kleid anzieht und es dann auf den Sohn vererbt, so darf man daraus nicht schließen, daß der Sohn wieder der Vater ist, denn der Sohn ist etwas ganz anderes als der Vater, wenn er auch dasselbe Kleid anhat. So kann auch das Vaterunser seinem Wortlaut nach übergegangen sein auf das Christentum, seinem Inhalt nach ist es etwas wesentlich Neues geworden. Aber um diese Dinge zu durchschauen, muß man eben tiefer in die ganzen Zusammenhänge hineinsehen; man muß die Untergründe kennen, aus denen heraus im Grunde genommen für die alten Mysterienpriester etwas geblieben ist wie eine Erwartung, das ihnen erschien wie etwas, das auf der Erde noch nicht erreicht werden konnte.
Und da werden wir, ich möchte sagen, in einem ersten Elemente dazu geführt, wenn auch durch ganz behutsame Erwägungen, wie eine erwartungsvolle Stimmung in den alten Mysterien waltete, durchaus aus instinktiver Wissenschaftlichkeit, die aber ganz und gar religionsdurchtränkt war, wie in allen alten Mysterien eine Christus-Erwartungsstimmung war, die dann erfüllt worden ist durch das Mysterium von Golgatha.
Das ganze Problem müssen wir morgen noch von einer anderen Seite betrachten, wo wir dann viel tiefer in die Sache hineingeführt werden. Aber Sie sehen, daß Anthroposophie auf eine durchaus wissenschaftlich zu nennende Weise an das Christus-Problem herantritt, indem sie lebendig macht die Anschauung des Ätherleibes und des Astralleibes und wiederum dasjenige, was sich aus dem Zusammenwirken beider ergibt. Sie sehen, daß sie, indem sie gewissermaßen entdeckt das Christus-Erlebnis an der Grenze zwischen Astralleib und Ätherleib, dadurch in einer positiven Weise zum Christus-Erlebnis stehen muß. Ich muß schon zu Ihnen sagen, meine lieben Freunde, darin ruht ja zum großen Teil die ganz besondere Schwierigkeit der Anthroposophie mit ihrer Aufgabe in der Gegenwart. Sehen Sie, die etwas verwaschene Theosophie, wie sie zum Beispiel in der Theosophical Society vorliegt, hat es in dieser Beziehung viel, viel leichter. Sie geht nicht bis zu dem Christus-Erlebnis, sondern sie macht vorher halt. Daher hat sie es leichter. Sie statuiert gewissermaßen allen Religionen die gleiche Geltung und sucht darin das Allgemein-Menschliche, das natürlich jeder Wissenschaft zugrundeliegen muß.
Anthroposophie wird durch ihren eigenen Fortgang, durch den Nerv ihres ganzen Seins an das Mysterium von Golgatha in einer positiven Weise herangerückt und hat, weil sie nun wissenschaftlich bleiben will, die Aufgabe, das Ereignis von Golgatha aus wissenschaftlichen Untergründen heraus für die Menschheit geradeso klarzumachen, wie die Mathematik den pythagoreischen Lehrsatz klarzumachen hat. Dem stehen alle diejenigen Religionsbekenntnisse entgegen, die das Ereignis von Golgatha als solches abweisen. Die Weltenaufgabe der Anthroposophie, die aber notwendig ist in unserer Zeit, ist daher nicht ganz leicht. Wie schwierig sie ist, das entnehmen Sie bitte aus einer Schrift, die eben erschienen ist von einem Prager Dichter, Max Brod - er hat auch manches andere geschrieben — «Heidentum, Christentum, Judentum», in welcher auch diese Dinge behandelt werden und wo aus dem wiederauflebenden jüdischen Bewußtsein heraus alles dasjenige von Jesus weggenommen wird, was ihn zum Christus macht, um nur dasjenige zu behalten, was den Jesus nicht zum Christus macht. Und was ist die Tendenz, die hier zugrundeliegt? Das ist die Tendenz, es dem modernen Juden möglich zu machen, ein Verhältnis zu dem Jesus zu gewinnen, durch welches er den Jesus zugeben kann, aber nicht genötigt ist, ihn als den Träger des Christus anzusehen.
Anthroposophie ist genötigt - und wir werden darüber noch viel zu sprechen haben —, den Jesus als Christus anzusehen. Den Jesus gelten zu lassen, danach strebt heute auch der Jude, danach strebt auch der Inder, danach strebt der ganze Orient, aber sie streben danach, ihn nur so gelten zu lassen, wie er ist, wenn er nicht der Christus ist.
Nun, meine lieben Freunde, Harnacks Buch vom Wesen des Christentums und die Forschungen Weinels über Jesus, Sie können sie alle so gestalten, daß sie auch von den Nichtchristen überall bis zu einem gewissen Grade angenommen werden können. Ich weiß, daß sich da manches einwenden läßt, deshalb sage ich, Sie können sie so gestalten —, sie sind natürlich nicht so. Aber dasjenige, was wir als Aufgabe haben, ist: Christentum zu begreifen, Christentum zu verstehen -, nicht Jesus zu behalten auf Kosten dessen, daß er der Träger des Christus war.
Und hier liegt von einer ganz anderen Seite her eine Begründung des wahren, des ehrlichen Christentums durch die Anthroposophie, weil man einsehen muß, daß eine gemeinsame Weltenaufgabe zu lösen ist, die auf die furchtbarsten Vorurteile stößt. Diese Weltenaufgabe hängt mit alle dem zusammen, was heute als unbefriedigend empfunden wird in dem religiösen Erleben. Deshalb darf man nicht in engherzigem Sinne diese Dinge auffassen, sondern man muß sich darauf einlassen, dasjenige, was heute als unbefriedigend in unser religiöses Leben eindringt, von einer höheren Warte zu betrachten. Davon wollen wir morgen weiter sprechen.
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Der Brief von Pfarrer Dr. Schairer ist nicht erhalten. ↩