The Founding of the Christian Community
GA 344 — 18 September 1922, Dornach
Zwölfter Vortrag
Die erste Frage, die wir noch zu beantworten haben und bei der es sich nur darum handeln kann, daß ich Ihnen, meine lieben Freunde, Vorschläge mache, das ist die Frage der eigentlichen Konstitution und der fortdauernden Konstitution der Gemeinschaft der Seelenhirten selber. Ich konnte zwar auf Ihre Frage am Vormittag, nachdem ich den Sinn der Gemeinschaft Ihnen zuerst erklärt hatte, noch die Antwort geben, die eben eine mehr innere, seelische war, aber es handelt sich natürlich darum, daß vor der Welt diese Gemeinschaft mit einer wirklichen Klarheit dasteht. Und da wollen wir uns jetzt zuerst, bevor wir die anderen Dinge besprechen, über einige Grundlagen ganz klar werden.
Nicht wahr, über die Aufnahme entscheidet ja natürlich ein Seelisches. Man muß sich darüber klar sein, daß in einer anderen Weise nicht entschieden werden kann über die Aufnahme als eben durch das, was ich schon heute vormittag über diese Frage gesagt habe. Aber nun kommen doch einige natürlich schwierige Dinge in Betracht, weil insbesondere in der ersten Zeit noch keine Übung da sein wird, an die man sich halten kann. Es wäre gut, wenn Sie sich über diese schwierigen Dinge in Ihrem eigenen Zusammenhang noch ganz klar würden, während Sie hier sind, so daß wir auch zusammen noch darüber sprechen könnten.
Nicht wahr, wenn auf der einen Seite Ihre Gemeinschaft herausgewachsen ist aus der Überzeugung, daß sie aus der anthroposophischen Bewegung einen gewissen Inhalt bekommt, so muß
auf der anderen Seite doch durchaus aus demselben Geiste heraus das für alle Zukunft festgehalten werden, was ich schon sehr scharf bei der Einsetzung Ihrer Gemeinschaft — die ja jetzt als eingesetzi zu betrachten ist - festgehalten habe: daß die Gemeinde sich völlig aus sich selbst konstituiert, daß sie aus sich selbst entsteht, daß sie also neben der anthroposophischen Bewegung
einhergeht, daß sie also niemals so aufgefaßt werden kann, als ob die anthroposophische Bewegung gewissermaßen die Stifterin der Gemeinde wäre oder von sich aus mit der Stiftung Ihrer Gemeinde etwas zu tun habe. Darüber haben wir oftmals gesprochen, und das ist etwas, was klar sein sollte. Und insofern es nicht klar sein sollte, kann weiteres darüber gesprochen werden.
Nun muß aber auf der anderen Seite die Gemeinschaft aufgefafgt werden als eine im tiefsten Sinne des Wortes seriöse, ernste. Bei einer solchen Gemeinschaft kann es sich nicht darum handeln, daß man in beliebiger Weise dazutritt und wieder austritt. Das entspricht ja der Neigung der gegenwärtigen Zeit, aber es kann niemals zu einem wirklichen Gedeihen führen. Sie müssen bedenken, daß der Entschluß, der in Ihnen gereift ist, diese Gemeinschaft zu begründen, weiter dazu geführt hat, daß Sie hier das Zeremoniell der Weihe durchgeführt haben, und daß damit die Gemeinde aus der geistigen Welt heraus als die christliche Gemeinde konstituiert ist in dem Sinne, wie das heute vormittag besprochen worden ist. Dadurch ist ja dieser ganzen Begründung das Siegel aufgedrückt. Und es darf einfach nicht die Gesinnung, die bei den Menschen der Gegenwart herrscht, in die Gemeinde einfließen: einfach mitzutun — nicht mitzutun. Bei so etwas muß man den Entschluß, den man gefaßt hat, wenn man ihn ausführt, auch als bindend für das Leben betrachten. Das ist natürlich im Zusammenhang mit dem Bewußtsein des Menschen der Gegenwart schon mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. Ich möchte sagen, die Art der Zusammengehörigkeit, die Art des Zusammensichfühlens tritt uns ja wohl schon in einzelnen Fällen entgegen, also zum Beispiel im Falle Korn, über den vielleicht auch hier einiges gesprochen werden sollte. Bei Korn sehen wir ja schon, daß auf der einen Seite bei ihm der Wille vorhanden ist, so zu wirken, wie Sie wirken, auf der anderen Seite aber die Meinung da ist, daß er keinen Anschluß an Sie finden könne. Und auch bei Ihnen ist die Meinung vorhanden, daß es vielleicht nicht gut wäre, wenn er innerhalb der Gemeinschaft wirken würde. Das ist etwas, was zur Besprechung führen kann, nicht so sehr wegen des Einzelfalles, der so oder so sein kann, sondern weil aus dem konkreten Fall das Prinzip, aus dem heraus so etwas beurteilt werden muß, auch in der richtigen Weise ersehen werden kann.
Das sind Dinge, die insbesondere am Anfang in einer, ich möchte sagen recht schweren Weise genommen werden müssen. Nun wird es sich natürlich doch darum handeln, daß für alle diejenigen, die dieser Gemeinschaft der Seelenhirten angehören oder die in Zukunft ihr angehören werden, das Bewußtsein entsteht: Erstens, daß der Entschluß dazuzugehören, ein sehr ernster und bindender ist; zweitens aber auch, daß eine Trennung nicht so ohne weiteres erfolgen sollte; und drittens, daß in einer gewissen Weise die Zugehörigkeit auch festgelegt werde.
Wie gesagt, die Gemeinschaft begründen Sie aus sich heraus, und insofern sie jetzt im Beginne steht, bedeutet das, was ich Ihnen hier vorzulesen habe, von mir nur einen Vorschlag, der ins Auge gefaßt werden soll, aber der natürlich zunächst nur als ein Vorschlag gemeint ist. Es könnte sein, daß von Ihnen namentlich manche Satzfassung so angesehen wird, daß Sie eine bestimmtere Fassung wünschen oder dergleichen. Aber über das Prinzipielle würde es schon gut sein, sich völlig klar zu werden, so daß also dasjenige, was durch die fortdauernden Verhandlungen und die ganze Art, wie Sie sich zusammengefunden haben, ja zunächst als etwas Selbstverständliches erscheinen müßte, wenigstens in seinen Hauptteilen, das folgende ergibt. Also es würde sich darum handeln, daß jeder, der zu der Gemeinschaft hinzutritt, auch ein solches Bekenntnis ablegt:
«Ich bekenne, daß ich nach reifer Überlegung in das Amt des Seelenhirten» — wir werden in den nächsten Tagen den Namen noch festsetzen — «der ... Gemeinde getreten bin, daß ich die eingesetzte Weihe so empfangen habe, daß sie von den dazu verordneten Personen, deren Auftrag zur Weihe ich anerkenne, so vollzogen worden ist, daß der Vollzug geschehen ist, als ob er aus meinem eigenen freien Entschiufß geilossen wäre.» Die Betonung des freien Entschlusses muß beim Menschen der Gegenwart feststehen. «Ich erkläre, daß ich die Weihe als für mein künftiges Frdendasein bindend ansehe, so daß eine Trennung von der. Gemeinschaft nicht in meinem gegenwärtigen Willen liegt. Sollte von mir eine Trennung herbeigeführt werden, so will ich anerkennen, daß die gegenwärtigen Oberlenker und Lenker oder deren rechtmäßige Nachfolger in Gemeinschaft die moralische Bewertung dieser Trennung vornehmen, die ich anerkennen will.
Alles auf den Kultus bezügliche will ich durch meinen individuellen Willen nie verändern oder anders ausführen als in der von Oberlenkern und Lenkern anerkannten Art. In der Predigt und Lehre habe ich völlige Freiheit, solange meine Lehre nicht von Oberlenkern und Lenkern in Gemeinschaft als eine solche anerkannt wird, die dem Inhalte des von mir geübten Kultus im Sinne seiner Einsetzung widerspricht.»
Das ist nämlich sehr wichtig, daß Sie sich klar sind darüber, daß in bezug auf die Lehre dann völlige Freiheit herrscht, wenn der gemeinschaftliche Zusammenhalt im Kultus gegeben ist. Dadurch ist ja gerade die Freiheit der Predigt und der Lehre gesichert, daß der Zusammenhalt nicht abhängt von der Übereinstimmung, die Grenzen hat. Natürlich hat diese Freiheit ihre Grenzen darin, daß nicht in irgendeiner leicht durchschaubaren Weise dasjenige, was man lehrt, dem Geist und dem Sinn des Kultus widerspricht. Das wäre eine Absurdität in sich selber. Wenn also irgend jemand das Meßopfer verrichtet und zu gleicher Zeit lehren würde, daß das ein Unsinn ist, so würde er nicht innerhalb der Gemeinschaft bleiben können oder mindestens nicht lehren können. Nicht wahr, so ist in einem so weitgehenden Sinn, als es nur möglich ist, die Freiheit der Lehre anerkannt. Und, meine lieben Freunde, ohne die Freiheit der Lehre kommen wir heute tatsächlich, besonders in einer christlichen Gemeinschaft, nicht weiter. Es muß nur der Kultus im richtigen Sinne angesehen werden, dann ergibt sich, so möchte ich sagen, gerade aus dem Vorhandensein des Kultus die Freiheit der Lehre.
Auch von dieser Freiheit der Lehre hat ja die katholische Kirche noch etwas in sich, nur sündigt sie natürlich dagegen, ich möchte sagen, nicht nur jeden Tag, sondern jede Stunde. Aber sie hat noch etwas davon in sich. In diesem Sinne möchte ich eine Tatsache erwähnen, die mir vor mehreren Jahren begegnet ist, wo ich eine Frage gestellt habe an einen Wiener Professor, der katholischer Priester war und an der philosophischen Fakultät lehrte, der scharf überwacht worden ist [von Rom] in bezug auf das, was er als Professor lehrte über alte klassische Philosophie. Der Betreffende war Zisterzienser. Ich fragte: Wie kommt das, daß Sie scharf überwacht werden? Niemals kommt eigentlich irgend etwas aus Ihrem Munde, was in Rom anstößig gefunden werden könnte, während der Professor Bickell in Innsbruck als Theologieprofessor, als Dogmatiker in allerfreiester Weise damals Dinge lehrte, denen gegenüber die Kirche eigentlich längst hätte aufmerken müssen. — Da sagte der Professor: Ja, der Bickell ist Jesuit, die Kir-che ist seiner sicher, der kann lehren, was er will. Wir Zisterzienser sind [in Rom] nicht so gut angeschrieben; von uns glaubt man, es könne sehr leicht vorkommen, daß wir uns von der Kirche trennen. — Also es kommt der römisch-katholischen Kirche nicht darauf an, daß jemand in freier Weise Dogmatik lehrt, sondern es kommt ihr darauf an, sicher zu sein, daß der Betreffende nicht in der freien Lehre der Dogmatik einen Widerspruch findet zu der Kirche und etwa zu dem Gedanken einer Trennung kommt.
Das sind eben die Dinge, die da, wo ein wirklicher Kultus vorhanden ist, ja tatsächlich die Freiheit der Lehre absolut möglich machen. Denn was ist der Kultus? Der Kultus besteht in Handlungen, die herausgehoben sind aus dem Naturzusammenhange, in den der Mensch auf Erden verwoben ist, und die doch reale Vorgänge sind. Kultushandlungen haben nur ein einziges Reales während des Erdendaseins in der Außenwelt, und das ist das Mysterium von Golgatha. Es gibt nur eine Realität auf der Erde, eben die des Mysteriums von Golgatha, das dieselbe Realität hat - trotzdem es eine physische Handlung, ein physischer Vorgang ist - wie die Kultushandlung. Wenn wir uns die Sache schematisch vorstellen wollen, so können wir sagen (es wird an die Tafel gezeichnet):
Es gibt Geschehnisse in der physischen Welt. Diese Geschehnisse, die sich so abspielen, daß man sie mit den Augen sehen kann, sind bedingt durch Kräfte, die aus der Tiefe der Materie heraufkommen, die wir mit Naturgesetzen ausdrücken.
Tafel 3
Was wir als Kultushandlung zelebrieren, sind auch Geschehnisse in der physischen Welt, aber ihnen entsprechen Kräfte, in die wir uns selber hineinstellen, die aus der geistigen Welt herunterkommen.
Tafel 3
Also dasjenige, was mit dem Kultus in Realität übergeführt wird, sind nicht die Abbilder eines stofflichen Geschehens, sondern es ist das Abbild eines geistigen Geschehens. Wenn Sie die Messe zelebrieren, dann handelt es sich darum, daß die Gemeinschaft, die mit Ihnen vor dem Altare sitzt, die Laiengemeinschaft, teilnimmt durch ihr Anschauen an einer Handlung, an einem Vorgang, der unmittelbar vor dem Auge äußerlich offenbart, äußerlich darstellt, was in der geistigen Welt vorhanden ist, so daß also dasjenige, was sich am Altare abspielt, mit der Gemeinde zusammen als ein Vorgang der geistigen Welt vollzogen wird.
Fassen wir das seiner Innerlichkeit nach auf. Seiner Innerlichkeit nach aufgefaßt bedeutet das im Sinne des heute vormittag Erörterten, daß während des Messezelebrierens der Christus anwesend wird innerhalb der Gemeinschaft. Wenn der Christus gegenwärtig ist innerhalb der Gemeinschaft, so wird das wahre Ich eines jeden einzelnen, der in der richtigen Weise die Messe andächtig mitmacht, in diese Gemeinschaft hereingerufen, und es ist nun so: Nehmen wir an, wir haben den zelebrierenden Priester und, sagen wir zehn Gemeindemitglieder. Das wahre Ich dieser zehn Gemeindemitglieder ist während desjenigen Teiles der Messe anwesend, der von der Transsubstantiation bis zum Ende verläuft, wenn die Messe in der richtigen Weise vollzogen wird. Nun, dadurch wird in den Menschen etwas ähnliches bewirkt wie, sagen wir, im Schlafen und Wachen des täglichen Lebens. Wenn es so wäre, daß wir einschlafen und all dasjenige bewußt erlebten, was ich einmal in diesen Tagen hier in diesem Bau beschrieben habe als die Zustände während des Schlafens, dann würden wir ja als Menschen so fortleben, daß wir innerlich seelisch dasjenige festhalten würden, was wir im Schlafe erlebt haben. Würden wir im Moment des Schlafens den Leib verlieren, so würden wir durch den Verlust des Leibes zu einem gewissen Bewußtsein dessen übergehen, was sonst im Schlafe unbewußt bleibt und wir würden so fortleben; es wäre sehr ähnlich dem, was ja auch zwischen Tod und neuer Geburt erlebt wird. Wir wachen aber wiederum auf, wir gehen in unseren physischen Organismus zurück und erleben in unserem physischen Organismus anderes als während des Schlafes. Aber im Laufe des Lebens summieren sich doch die Schlaferlebnisse, und wir gehen durch den Tod mit der Summe [der Schlaferlebnisse], das heißt mit einem sehr starken Einschlag des seelisch während des Schlafzustandes Erlebten.
So ist es auch, wenn wir die Menschenweihehandlung betrachten. Da ist es so, daß wir sagen müssen: Indem der Mensch anwesend ist bei der Weihehandlung, erscheint — wenigstens zunächst ideell, aber es muß natürlich gerade durch das Vollbringen der Menschenweihehandlung immer weiterkommen in Ihrer Gemeinschaft —, es erscheint zunächst ideell das wahre Ich jede einzelnen. Das ist da. Es geht während des gewöhnlichen Erleben des Tages wieder fort, so wie während des Wachens die Erlebnisse des Schlafes fortgehen. Es geht wieder fort, aber die Weihehandlung, wird wiederholt, und so summiert es sich und der Mensch verbindet sich immer mehr und mehr durch dieses fortgesetzte Opfer Christi mit seinem wahren Ich. Es ist in der Tat so, daß eine immer stärkere Verbindung mit dem wahren Ich stattfindet durch eine immer stärkere Überwindung der Trennung von dem Ich, wie ich sie heute vormittag vorgebracht habe.
Nehmen wir einmal an, Sie lesen eine Menschenweihehandlung mit einer bestimmten Absicht, sagen wir, mit der Absicht, sie auch für eine Reihe von Toten zu lesen. Das kann man ja. In der katholischen Kirche hat das zu dem Unfug geführt mit dem Messebezahlen für die Toten. Das meine ich nicht. Aber es kann für eine Reihe von Toten eine Messe gelesen werden, und da kann es sein, daß man durch die Messe sich in Verbindung setzt mit den wahren Ichs der Toten, daß man nicht nur deren Andenken feiert, sondern daß man sich mit den wahren Ichs der Toten in Verbindung setzt. Kurz, Sie werden überall darauf geführt, daß es sich bei einem zu Recht bestehenden Kultus um etwas in der physischen Welt handelt, das sich abspielt in der physischen Welt, das aber hindeutet auf geistige Grundkräfte, während die sonstiger Erscheinungen der physischen Welt auf materielle Grundkräfte hindeuten. Machen Sie sich klar, daß das wirklich mit dem gewöhnlichen Verstande zu verstehen ist. Es ist mit dem gewöhnlichen Verstande zu verstehen. Wenn man sagt, man verstehe es nicht, will man nur nicht klar denken.
Sehen Sie, wenn Sie hier den Erdboden haben, aus dem eine Reihe Pflanzen herauswachsen (es wird an die Tafel gezeichnet, links oben), und wenn wir jetzt den Moment festhalten, wo diese Pflanzen zu blühen beginnen — ich will hier noch den Samen zeichnen -, so sehen Sie, sie blühen, und die Blüte ist eine Weile da, die Blüte vergeht wiederum. Unsere Augen haben etwas gesehen, was lediglich eine Weile da ist und dann vergeht. Es kommt eine Zeit, wo es nicht mehr da ist; es war eine Zeit da, wo diese Erscheinung angefangen hat. Was sich erhält, ist dasjenige, was die Kraft des Samens ist; das ist etwas materiell sehr Unscheinbares. Das ist vorhanden, solange es die betreffende Pflanzenart auf der Erde gibt; das ist etwas, was in der Tiefe der Materie wurzelt. Was in der Blüte erscheint, ist eine vorübergehende Erscheinung. Schauen Sie auf das, was dem Sichtbaren zugrundeliegt, so müssen Sie auf etwas ganz anderes schauen als auf diese vorübergehende Erscheinung. Ebenso wie Sie hier das Blühen und das Verblühen der Blume eine Weile anschauen, so schauen Sie die Messe an vom Staffelgebet über das Offertorium, die Wandlung, die Kommunion bis zum «ite missa est». Das ist dasjenige, was die Augen vor sich haben; es ist genau gleich dem, was Sie in dem Blühen und Verblühen der Blume als Farbenerscheinung haben. Nur das eine Mal weisen die Farbenerscheinungen Sie hin auf das, was in den Samenkörnern vorgeht in der Tiefe der Materie, das andere Mal, bei der Messe, weisen die sichtbaren Erscheinungen Sie hin auf die geistige Welt. So also braucht der gewöhnliche Verstand keine anderen Ideen, um eine Kultuszeremonie zu verstehen, als er braucht, um eine physische Erscheinung zu verstehen. Daß die Menschen heute in der gegenwärtigen Zivilisation die sinnlich-physischen Erscheinungen — die ja doch die Offenbarung eines in der Materie verborgenen Kräftesystems sind - leichter zu verstehen glauben als eine Kultushandlung als Offenbarung eines Geistigen, das ist lediglich ein Vorurteil.
Wenn ich Sie auf irgend etwas hinweisen soll, was sich außerordentlich stark verändert hat in bezug auf das Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt in verhältnismäßig gar nicht langer Zeit, so ist es das folgende: Sehen Sie, was geschieht heute, wenn ein evangelischer oder katholischer Geistlicher unter Freidenker versetzt wird, zum Beispiel in eine Diskussion über die Transsubstantiation? Nicht wahr, wir wollen uns objektiv über die Dinge klar werden und wollen das, was gesagt wird, nicht im kritischen Sinne auffassen. Was geschieht in einem solchen Falle heute? Gewiß, es gibt Ausnahmen, aber die Ausnahmen sind, möchte ich fast sagen, die Phlegmatiker. Diejenigen dagegen, die etwas intensiver in der Übung ihres Amtes drinnenstehen, werden zunächst nervös, wenn die Diskussion angeht; sie werden wirklich zuerst nervös, insbesondere die katholischen Geistlichen, wenn von einer solchen Sache wie der Transsubstantiation nur gesprochen wird. Warum? Weil die Menschen beim Sprechen über eine solche Sache heute jeden Boden verloren haben. Die Menschen sind so hineingewöhnt in die grob-sinnlichen Vorstellungen, die die Naturwissenschaft allmählich beherrschen, daß sie allen Boden verloren haben, über eine solche Sache sinngemäß zu sprechen. Nun will ich nicht etwas von mir selbst sagen, sondern ich will eine historische Tatsache erzählen. Es gab vor sechzig oder zweiundsechzig Jahren in Österreich einen katholischen Domberrn, der sagte über die Transsubstantiation in seinem Lehrinhalt das folgende: Was für Kräfte in irgendeinem materiellen Zusammenhang sind, das kann man eigentlich aus diesem materiellen Zusammenhang gar nicht wissen. Denn - so sagte er - wir brauchen nur auf den Chemiker Liebig hinzuweisen. — Liebig hat etwa in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts, wie man sagt «geblüht». Er hat einmal gesagt, auch drucken lassen: Wenn die Menschen behaupten, daß ein Samenkorn unerklärlich ist in seiner Zusammensetzung, so sollen sie doch bedenken, daß ein Quarz oder ein anderer Kristall ebenso unerklärlich ist. Das unorganische Leben, wenn es gestaltet ist, ist in bezug auf die Kräfte, die ihm zugrundeliegen, ebenso geheimnisvoll wie das Samenkorn. — Also der gute österreichische Domherr hat sich darauf berufen, daß man gar nicht wissen kann, was in einer Oblate drinnen ist, weil man überhaupt nicht weiß, was sie geformt hat. Ich will Ihnen damit nur klar machen, daß vor zweiundsechzig Jahren man auch als katholischer Domherr noch philosophische Erörterungen anstellte über das Plausible einer solchen Idee. Heute wird ein Domherr nervös, wenn er nach der Transsubstantiation gefragt wird, weil keiner mehr daran denkt, den menschlichen Verstand in Bewegung zu setzen, wenn es sich um übersinnliche Tatsachen handelt. Das ist etwas, was Sie sich gründlich werden abgewöhnen müssen. Sie müssen den Mut erwerben, den menschlichen Verstand in Bewegung zu setzen, wenn es sich darum handelt, übersinnliche Tatsachen zu erklären. Es ist nur ein Vorurteil, wenn gemeint wird, daß physischsinnliche Tatsachen besser erklärt werden können als geistige. Zunächst handelt es sich darum, daß die geistigen Tatsachen getunden werden; erklärt werden können sie im Grunde genommen dann ebenso leicht wie die physisch-sinnlichen Tatsachen oder ebenso schwer. Ohne die Anerkennung dieser innerlichen Gesinnungsfähigkeit kommen Sie natürlich Ihrem Amte nicht nach.
Durch die Anerkennung der Formen kommen Sie aber zum Kultus und zu seinem Verständnis. Sehen Sie, vorgestern hielt ich vor unseren Arbeitern drüben [im Goetheanum-Bau] eine Stunde, wie ich das eben mache bei unseren Arbeitern. Ich habe gerade bei dieser Stunde den Arbeitern begreiflich zu machen versucht, wie man allmählich, wenn man den physischen Organismus betrachtet, zur Anerkennung des Seelischen und des Geistigen kommt. Da sagte ich: Der Mensch, was ißt er hauptsächlich, was verzehrt er? — Er verzehrt mit den verschiedenen Nahrungsmitteln zum Beispiel Stärke. Die Stärke wird aufgenommen vom Munde, geht durch die Speiseröhre in den Magen und den Darm; sie verwandelt sich; durch eine dreifache Einspeichelung, durch Ptyalin, Pepsin und Trypsin, wird aus der Stärke Zucker. Wir essen Kartoffeln, die im wesentlichen aus Stärke sind, aber wir tragen nicht die Stärke in uns, sondern wir tragen nach der Verdauung Zucker in uns. Wir essen Eiweiß; nach einiger Zeit wird dieses Eiweiß aufgelöst, so daß es als flüssiges Eiweiß in uns ist. Da kommt nun allerdings eine Sache, die oftmals von Medizinern und Naturwissenschaftlern irrigerweise ausgenützt wird im üblen Sinne: da wird im Zusammenarbeiten von Darminhalt und dem Trypsin der Bauchspeicheldrüse immerfort Alkohol produziert. Man kann gar nicht ganz Antialkoholiker sein. Selbst wenn man keinen Alkohol trinkt, so produziert man den nötigen Alkohol, weil das Eiweiß gerade so konserviert werden muß. Wie man Präparate aus dem Tierreich [zur Konservierung] in Spiritus setzt, so muß unser Darminhalt in «Spiritus» gesetzt werden, und den produzieren wir selbst. Da wird das Eiweiß getötet, dann aber konserviert und erst in den Lymphgefäßen wieder belebt. - Ich sagte weiter zu den Arbeitern: Wir essen Fette, die werden auch umgewandelt, die werden nicht einfach emulgiert. Es ist bei keinem Fettgenuß so, daß die Fette, die wir essen, sich dann einfach im Körper verteilen; sie verwandeln sich erst selber. Das Fett, das wir essen, wird in uns zu Glyzerin und zu allerlei Säuren. Nur Salze bleiben im wesentlichen unverändert. Wir essen also stärkeähnliche Stoffe. Zucker nehmen wir nur aus dem Instinkt heraus, daß wir als Mensch zu schwach sind, die Stärke zu nehmen, die zu Zucker wird; sonst würden wir keinen Zucker brauchen. Während wir also genießen Stärke, Eiweiß, Fette und Salze, die in den Mund hineingehen, haben wir im Körper nach einiger Zeit Zucker, flüssiges Eiweiß - das wesentlich anders ist als das Eiweiß in dem Zustande, in dem wir es essen -, Glyzerin, Fettsäuren und Salze. Nur die Salze gehen bis in unser Gehirn und sammeln sich dort an; das andere geht nur zum Teil in unser Gehirn. Aber im wesentlichen verwandelt sich ein Teil in phosphorige, sehr flüchtige Teile und geht so ins Gehirn. Ich habe den Arbeitern klar gemacht anhand von diesen Vorgängen, wie das Seelische leicht zu verstehen ist, wenn sie nur den menschlichen Verstand in Bewegung setzen. Es wird noch lange Zeit gehen, bis die Menschen soweit sein werden. Man kommt auf diese Weise einfach dazu, dem einfachsten Menschen das Seelisch-Geistige gerade durch die Vorgänge des körperlichen Lebens klar zu machen.
Nun denken Sie doch einmal, was da eigentlich geschieht. Durch das Geistig-Seelische wird in uns eine völlige Verwandlung vollzogen. Sehr stark verschieden, sehr anders sieht ja der Mensch, der vor zwei Stunden gegessen hat, nicht aus als derjenige, der noch vor der Mahlzeit steht. Sie sehen es seiner Nase, seinen Augen nicht sehr stark an, was in ihm seelisch-geistig vorgeht. Was in der Menschenweihehandlung vollzogen wird, ist eine geistige Handlung. Das sinnliche Abbild [bei der Transsubstantiation] braucht gar nicht so sehr verschieden zu sein von dem, was es früher war; was verschieden ist, ist nur in seiner feineren Struktur mit geistigen Instrumenten nachweisbar. Für das hellsichtige Auge schaut die transsubstantiierte Hostie anders aus als die nichttranssubstantiierte. Sie haben also etwas, was ein fortwährendes Analogon dessen ist, was [im Physischen vor sich] geht.
Also es ist möglich, den Kultus intim innerlich zu verstehen als dasjenige, was ein geistiges Dasein unter uns hat. Wenn man sich zu dem Kultus bekennt, wenn man den Kultus unmittelbar ausführt, dann hat man in der Ausübung des Kultus eine solche Stärke, daß man schon bauen darf auf dasjenige, worauf man bei jeder Verkündigung der Wahrheit in einer Lehre bauen muß: daß man auf dem richtigen Wege nach einer Richtung ist. Dann kann man in der Lehre selber völlig frei sein. In dem Augenblick, wo Geist unter uns ist und in dem Kultus seine Offenbarung findet, können wir in der Lehre als frei gelten. Denn das Leben im Kultus wird uns dazu veranlassen, diese Freiheit der Lehre nicht zu mißbrauchen. Deshalb steht hier wirklich mit einer tiefen Bedeutung: «In der Predigt und Lehre habe ich völlige Freiheit, solange meine Lehre nicht von Oberlenkern und Lenkern in Gemeinschaft als eine solche anerkannt werden, die dem Inhalte des von mir geübten Kultus im Sinne seiner Einsetzung widerspricht.» — Dieses «im Sinne seiner Einsetzung» habe ich nur eingefügt, weil wir im Anfang stehen und weil es doch für die meisten notwendig ist, das, was als Interpretation im Laufe der Zeit gegeben wird, hier noch einzufügen. Das wird nach und nach etwas werden, was einfach durch sich selbst feststeht.
Das will ich zunächst vor Ihre Seele hinstellen. Vielleicht machen Sie es so, daß Sie diese Vorschläge als Unterlage betrachten, und wenn Sie etwas zu sagen haben, mir das dann morgen mitteilen. Ich kann mir ja vorstellen, daß Sie vor dieser Formulierung Angst haben — es würde eine unbegründete Angst sein. Und insbesondere glaube ich, daß man sich doch noch klar werden muß über solche Dinge, die, wie das bei Korn ist, dazu führen, daß er selber will und doch nicht will und man die Ansicht hat, man kann ihn doch nicht brauchen. Friedrich Rittelmeyer: Als wir in Nürnberg zusammen waren, hat er doch einigen von uns Schrecken gemacht.
Rudolf Steiner: Es ist so, daß diejenigen, zu denen er sich ausspricht, sich darauf berufen, er neige sehr stark zu Extremen in seinen Entschlüssen und daß der Grund, ihn nicht hereinzunehmen, ja gewiß der sein könne, daß er vielleicht nicht genügend Besonnenheit hat, daß er die Dinge so oder so ausspricht. Er hat es ja nicht so formuliert wie ich, aber er hat gesagt, man habe doch die Reinkarnationslehre und die müsse man einfach lehren. Er hat es anders ausgedrückt, aber das ist ganz von der Konfiguration seines Geistes abhängig. Natürlich können Sie sagen, sie fordern ein bestimmtes geistiges Gleichgewicht. Aber solche Menschen, die an zu vielem teilgenommen haben — er war am vorjährigen Kurs und er ist eigentlich zu weit gekommen beim Mitmachen -, sind in einer schwierigen Lage, und auch die Gemeinschaft ist durch ihn in einer schwierigen Lage. Und nun war er heute bei mir und sagte, er fühle sich eigentlich berufen zu lehren und Priester zu sein. Ich sagte ihm: Ja, nicht wahr, jetzt ist gerade die Gemeinschaft da; ich kann da nicht das mindeste dazu tun, sondern Sie müssen nun entweder in der Gemeinschaft drinnenstehen und mit ihr eins werden, dann könnte alles in Ordnung sein, oder aber Sie müssen sich gleich als einzelner hinstellen und durch sich selbst Priester werden; es gibt kein drittes. - Er fordert, daß er nicht etwa bloß lehren will, er will taufen und will andere rituelle Handlungen ausführen; er will also daselbe tun, was Sie tun. Würde er es aber unrichtig tun, würde er sich selber ernennen und in keinem Zusammenhang mit Ihnen stehen, dann kommen die Schwierigkeiten. So habe ich gesagt, daß er sich mit Ihnen auseinandersetzen soll.
Ich habe gedacht, nachdem dieses Ihnen von mir vorgelegt worden ist, daß dadurch eine Art Norm gegeben ist für die Aufnahmen.