The Founding of the Christian Community

GA 344 — 19 September 1922, Dornach

Dreizehnter Vortrag

Meine lieben Freunde! Ich habe in der Fortsetzung des gestern am Morgen zu Ihnen Gesprochenen zunächst das folgende vor Ihnen zu sagen. Es handelt sich ja darum, daß Sie in der rechten Weise empfinden das Hinausgesendetwerden von den in der Geisteswelt vorhandenen, mit Christi Erdendasein verbundenen geistigen Mächten, und daß Sie selber das Verbundensein mit diesen geistigen Mächten empfinden als Ihre Sendung. Und im Sinne dessen habe ich vor Ihnen die Worte aus dem Hebräerbrief Kapitel 5, Vers 9 und 10, in der Weise zu verlesen, wie sie sich ergeben, wenn wir versuchen, in unserer Sprache in ihren wirklichen Sinn einzudringen:

Nachdem Christus sein Körperleben zu Ende gebracht, ist er allen, die von ihm erfüllt sind, der Sündenheiler durch alle Erdenzeiten, und wird mit dem Geistes-Worte bezeichnet als der höchste Seelenheiland nach dem Ritus des Melchi-Sadek.

Nur wenn Ihr im Sinne dieser Worte, mit denen im Anfange der Christenzeit diejenigen hinausgesendet worden sind, welche in vollem Maße erfüllen sollten die Sendung Christi, Eure eigene Sendung empfindet, werdet Ihr darin sehen können eine Wiedererneuerung des christlichen Wirkens. Nun handelt es sich aber darum, daß wir in die Lage kommen, dieses Wort - das ein altes Wort ist, aber wieder erneuert ist im fünften Kapitel des Hebräerbriefes - in der richtigen Weise auf unsere Seelen wirken zu lassen. Dieses Wort, das die eigentliche Sendung des christlichen Priestertums bezeichnet, weist uns darauf hin, daß nur diejenigen in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung, also in den ersten Jahrhunderten des Christentums, ihre priesterliche Sendung in der richtigen Weise empfunden haben, die da sagten: Wir wollen nicht allein im Sinne des levitischen Ritus dasjenige auffassen, was wir als Kultus in die Welt zu bringen haben, sondern wir wollen durch den levitischen Ritus hindurchschauen auf jenen Ritus, der näher zur göttlichen Weltordnung steht und nach dem der Priesterkönig Sadek, der Adonai Melchi-Sadek, vor dem Priesterkönig der alten Juden die Opferdienste verrichtet hat, und zwar einen Opferdienst, den auch Abraham, der alte Priesterkönig der Juden, auf den der levitische Priesterdienst zurückzuführen ist, anerkannt hat als den höheren für die damalige Zeit. Es weist uns dies darauf hin, daß der Opferdienst der Juden, insofern er zurückgeführt wird auf die Opferung Abrahams, als ein niedererer aufgefaßt werden mußte in den ersten Zeiten des Christentum gegenüber dem, der in seiner urbildlichen alten Art damals vollbracht worden ist durch Melchi-Sadek, und der in einem höheren Sinne, näher der geistigen Welt, wiederum vollführt, vollzogen worden ist und weiter vollzogen werden soll durch den Christus Jesus selber. Es wird darauf hingewiesen, daß das, was das Opfer Christi ist — das auf dem Altare immer erneuert werden soll in der Weise, wie es geschehen kann -, eine höhere Handlung ist gegenüber der Handlung, die dazumal [in der Zeit] vor Abraham dargebracht wurde dem höchsten Gotte — nicht dem Gott Jehova - von Melchi-Sadek, und wir müssen nun verstehen, was eigentlich in diesen Worten liegt.

Es wird ja gesagt, daß Melchi-Sadek sein Opfer gebracht habe durch Brot und Wein, denen gegenüber die Opfergaben, die durch Abraham dargebracht wurden - die hier zugrundeliegende Auffassung zeigt das ganz deutlich -, als niederere aufgefaßt wurden. Allein wir müssen auch festhalten, daß diese Ausdrucksform «Brot und Wein» schon eine solche ist, die aus dem späteren exoterischen Judentum heraus gekommen ist, und die schon nicht mehr das ursprüngliche volle Verständnis zeigt. Weil dieses ursprüngliche volle Verständnis bei denjenigen nicht vorhanden war, welche Anteil hatten an dem Zustandekommen des Textes des Alten Testamentes, sondern nur noch vorhanden war bei denjenigen Initiierten, die das Verständnis für die alte Initiation in den ersten Jahrhunderten des Christentums hatten, deswegen ist aus dem Texte des Alten Testamentes nicht mehr in voller Form herauszubekommen, was eigentlich mit diesem Opfer des Melchi-Sadek gemeint ist. Und dennoch muß von denen, die heute als Priester wieder hinausgesendet werden in die Welt, auch eine richtige Auffassung von diesen Opfergaben des Melchi-Sadek vertreten werden.

Wenn man im Sinne der Initiationserkenntnis zurückgeht zu dem, was wirklich gemeint ist, wenn gesagt wird, das Opfer des Melchi-Sadek wurde dargebracht in der Gestalt von Brot und Wein, so kommt man darauf zu sehen, daß im Brote in der richtigen Initiationserkenntnis immer gesehen worden ist ein Träger des Salzes. Die Juden haben eigentlich nicht mehr im richtigen Sinne und mit richtigem Verständnis gehandelt, wenn sie das Salz vergessen haben und sogar betont haben, daß es nötig sei, ungesäuertes Brot für die heilige Opferhandlung zu verwenden. In dem Brote, das ursprünglich gemeint war, wurde gerade das Salz gesehen, geradeso wie in dem Wein nicht der Wein als solcher, wie er sich in seiner Weinsubstanz darstellt, gesehen wurde, sondern es wurde in dem Wein gesucht der außerordentlich flüchtige, fluktuierende Gehalt an Sulphur oder Phosphor, was ja in der alten Bezeichnung ein und dasselbe ist. Wenn man also im richtigen Sinne spricht, muß man eigentlich sagen, daß das Opfer des Melchi-Sadek — das heißt das Opfer, das nach seinem Ritus vollzogen wurde - durch Salz und Schwefel - oder durch Salz und Phosphor — dargebracht worden ist, wie sie sich in den Nahrungsmitteln Brot und Wein finden. Das ist die ursprüngliche Auffassung, und Initiation heißt ja aus dem Grunde «Initiation», weil sie immer auf die ursprüngliche Auffassung zurückgeht. Im althebräischen Priestertum wurde schon aus einer gewissen Absicht heraus, die nicht Menschenabsicht war, das wirkliche Brot, welches Salz mitenthält, durch das ungesäuerte Brot ersetzt, weil man gewisse Geheimnisse nicht mehr kannte.

Was liegt denn eigentlich in Salz und Phosphor, wenn der Mensch sie in sich aufnimmt durch das Brot und den Wein? In Salz und Phosphor liegt, durch das Salz, die Verbindung des Menschen mit der Erde. Je mehr der Mensch Salz in sich aufnimmt, desto mehr verbindet er sich mit der Erde, und je mehr Phosphor er in sich aufnimmt, desto mehr entreißt er sich ihr, macht sich frei von ihr. Was sich also im menschlichen Leibe — nicht außerhalb des menschlichen Leibes — durch die Verbindung des Salzes mit dem Phosphor vollzieht, das ist ein Vorgang, der den Menschen richtig in das Erdendasein hineinstellt, aus dem Grunde, weil das Salz ihn in richtiger Weise mit der Erde verbindet, der Phosphor ihn in richtiger Weise dem Erdendasein entreißt, ihn wieder davon frei macht. Es ist so, daß der Mensch, der in richtiger Weise Salz und Phosphor in sich hat, auf der Erde in der richtigen Weise steht, richtig stark genug mit der Erde verbunden ist, aber auch die nötige ätherische und astralische Leichtigkeit erhält, um in seinem Wesen auch wiederum frei zu sein von den Erdenkräften. Dadurch, daß die Juden der späteren Zeit den Hauptwert auf das Ungesäuerte im Brote gelegt haben, haben sie eben gezeigt, daß sie nicht mehr mit der Erde in Verbindung sein wollten, sondern eben auch in dem Brote schon das haben wollten, was sie über die Erde hinausträgt. Sie wollten also ein überirdisches, nicht ein irdisches Priestertum, sie wollten überhaupt ein Priestertum, das die Erde von außen beherrscht. So war es mit dem Judentum insbesondere zur Zeit Christi. Weil das Judentum durch lange Zeiten hindurch in seinen Mysterien ein nicht mit der Erde in richtigem Zusammenhang stehendes Priestertum begründet hat, deshalb konnte es nicht verstehen, daß dasjenige Wesen, von dem ihm seine Eingeweihten als von dem kommenden Messias sprachen, in einem irdischen Leibe zur Vollendung kommen könnte; und es ging auch den initiierten Juden niemals auf, daß in einem irdischen Leibe, in dem Leibe des Jesus, der Christus auf der Erde hätte wandeln können. Das ging erst dem Paulus auf, als ihm die Hilfe wurde, daß sich ihm der Christus nicht im irdischen, sondern im ätherischen Leibe offenbarte.

So hängen die Dinge zusammen, und das müßt Ihr fühlen, denn die Worte aus dem fünften Kapitel des Hebräerbriefes, die mitgegeben wurden denen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten hinausgesendet wurden als Priester, diese Worte sind nur aus diesen Untergründen heraus in der richtigen Weise zu verstehen. Was aber wird dadurch erlangt, daß in dieser Weise zurückgegangen wird zu der eigentlichen Urform der Opfergabe «Salz und Schwefel»? Was dadurch erlangt wird, können wir uns vorstellen, wenn wir uns den Gegensatz vor unsere Seele stellen, der bestand zwischen dem Hohenpriester, zwischen Melchi-Sadek, der ja zugleich auch ein Priesterkönig, ein Adonai, war, und Abraham. In derjenigen Strömung des Geisteslebens, in der auch Melchi-Sadek drinnenstand, lebte die Anschauung von den wiederholten Erdenleben. Sie lebte gerade in derjenigen Mysteriengemeinschaft, der Melchi-Sadek angehörte in der Weise, daß sie vor den Uneingeweihten als ein Mysterium verborgen gehalten wurde, aber allen denjenigen, welche in diese Mysterien eingeweiht worden waren, wurde sie übergeben. Das abrahamitische Hebräertum zeichnete sich dadurch aus, daß es die menschliche Anschauung gerade auf das einschränkte, was sich als etwas Geistiges für den Menschen ergibt, wenn man absieht von den wiederholten Erdenleben, wenn man nicht auf sie eingeht, wenn man notdürftig noch berücksichtigt die dem einen Erdenleben vorangegangene vorirdische Lebenszeit und dann ins Auge faßt die nachirdische Lebenszeit.

Wenigstens in der Lehre der Pharisäer war das so. In Abraham stand also der Urvater des Judentums, der die Mission hatte, innerhalb der Erziehung der Erdenmenschheit die Lehre von den wiederholten Erdenleben zunächst nicht tätig sein zu lassen, gegenüber dem höheren Priester, den er anerkannte, der diese Lehre auf diejenigen verpflanzte, die von ihm unter Darbringung des Opfers geweiht wurden; er stand gegenüber der Auffassung des Melchi-Sadek in dem Moment, der ja vom Alten Testament geschildert wird. Diese Auffassung des Melchi-Sadek müssen wir uns in der folgenden Weise vor die Seele stellen.

Es war so, daß die, weiche Schüler des Melchi-Sadek wurden was Abraham nicht in vollem Maße geworden ist —, erkennen lernten, daß der Mensch, der hier auf der Erde neben dem Guten und Rechten das Unrechte, das Böse vollbringt, eine Kraft braucht, die von seinem gegenwärtigen Körper übergeht auf den Körper des nächsten Erdenlebens. Der Mensch kann nicht durch sich selbst dasjenige, was er in einem Erdenleben als Tätigkeit vollbringt, ohne weiteres hineintragen in den Körper, das heißt in die physische und ätherische Organisation des nächsten Erdenlebens; er kann es hineintragen - und zwar jetzt im Sinne der Zeit der Menschheitsentwickelung vor dem Mysterium von Golgatha dadurch, daß für ihn verrichtet wird dasjenige, was sich durch den Kultus mit Salz und Phosphor vollzieht, in dem Sinne wie Melchi-Sadek das Opfer durch Brot und Wein verrichtet hat. Dadurch wurden die Menschen der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha fähig, in die Körper, in die sie beim nächsten Erdenleben kamen, das mithineinzunehmen, was sie in dem vorhergehenden Erdenleben an Gutem und Bösem verrichtet haben, als dessen Folgen. Mit anderen Worten: dadurch wurden die Menschen erst in die Lage versetzt, ein Karma zu entwickeln. Es würde nichts von den moralischen Betätigungen des einen Erdenlebens in das andere, zukünftige hinübergereicht haben, wenn nicht auf diese Art von Körper zu Körper das getragen worden wäre, was eben getragen werden muß, damit es ein Karma, ein Weltenschicksal des Menschen gibt.

Und was wäre denn geschehen, wenn es solche Opfer durch Salz und Phosphor nicht gegeben hätte, wenn nicht Priesterkönige dagewesen wären, die diese Opfer verrichtet hätten und so Menschen geworden wären, die sozusagen durch ihre eigene Schwungkraft und Begeisterung die anderen Körper mitgerissen haben, um so von einem Erdenleben zum anderen die Kraft des Karma zu tragen? Dann wäre das, was die Menschen in einem Erdenleben an Gutem und Bösem verrichtet haben, von ihnen abgefallen in dem betreffenden Erdenleben und eine Erbschaft derjenigen Macht geworden, die man im Sinne des Evangeliums bezeichnet als den «Fürsten dieser Welt», nicht als den Fürsten, dem ja der Mensch mit seinem innersten Wesen angehört. Es war ja der beständige Kampf der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha, daß der sogenannte Fürst dieser Welt - ein luziferischahrimanisch gewordener Geist, namentlich stark ahrimanisch gewordener Geist - sich desjenigen bemächtigte, was im Menschen nach dem Bösen hinneigt, so daß er die Kraft dieses Bösen für sich in der kosmischen Ordnung verwenden kann. Die Menschen wären dann immer freier geworden von diesem Bösen. Das durften sie nicht; sie durften es aus dem Grunde nicht, weil ja in jedem neuen Erdenleben ein neues Dasein ihrer selbst begonnen hätte, und sie hätten nie das, was man «Sünde» nennt, selber zum Ausgleich bringen können. Das Opfer des Melchi-Sadek besteht also darin, daß man für die Menschen die Heilung der Sünden bewahrt hat, indem man sie fortwährend dem Fürsten dieser Welt entrissen hat und so den Menschen die Möglichkeit gegeben hat, durch ihre eigene Wesenheit einen Sündenausgleich im späteren Erdenleben zu bewirken. Die katholische Kirche hat sich später wohl gehütet, dieses Geheimnis, das sie durch lange Jahrhunderte, auch noch bis ins Mittelalter, gekannt hat, und das von einzelnen Eingeweihten der katholischen Kirche auch heute noch gekannt wird, im Ernste als Religionsinhalt zu betrachten, aus dem Grunde, weil es leichter ist, den Menschen zu sagen, man vergibt ihnen ihre Sünden, das heißt, man tilgt sie aus der Erde, sogar mit dem Ablaß, man löscht sie aus, anstatt ihnen zu sagen, man bewirke gerade, daß sie nicht gelöscht werden auf der Erde und nicht eine Beute des Fürsten dieser Welt werden und dadurch den Menschen für die Ewigkeit der Welt verderben würden, anstatt ihnen zu sagen, daß die Sündenheilung gerade darin besteht, daß dem Menschen die Möglichkeit bewahrt wird, im folgenden Erdenleben die Sünden auszugleichen.

Im Opfer des Melchi-Sadek ist daher, im richtigen Sinne für die damalige Zeit, die Arznei gegeben für die Sünden, und die Heilung bestand darin, daß den Menschen die Kräfte gegeben wurden, ihre Sünden zu behalten und sie nicht auszuliefern an den Fürsten dieser Welt. Alles das, was in dem Sinn dieser Worte liegt, findet Ihr, meine lieben Freunde, wieder erneuert und erhöht in dem, was der Christus auf Erden vollbracht hat. Und nur allein diese Beleuchtung, die jetzt gegeben wird, wird Euch auf den Pfad führen, in richtigem Sinne zu erkennen, was das Wort heißt: Christus hat die Sünden der Menschen auf sich genommen, mit sich vereinigt. Christus ist nicht gekommen, um die menschliche Frömmigkeit mit sich zu vereinigen, sondern er ist der gewesen, der sich mit den Sünden der Menschen vereinigt hat, um die Sündenlast auf sich zu nehmen. Und wenn Paulus sagt «Nicht ich, sondern Christus in mir», so meint er: Ihr Menschen sollt den Christus in euch aufnehmen, um damit die in die Zukunft der Erde gehende Strömung in euch aufzunehmen, die euren Sündenstrom enthält, aber den Sündenstrom, der nicht zum Tode führt, sondern zum Ausgleich der Sünden. Und ihr werdet als Priester wirkliche Sündenheiler, nicht Abstoßer der Sünden, wodurch die Menschen im Lichte des Weltendaseins verderben würden. Wiederum wird in der Kirche dieses Mysterium nicht ausgelegt, weil sie nicht das sagen will, was zum Mute, sondern das, was zur Feigheit der Menschen spricht. Und es spricht zur Feigheit der Menschen, wenn man sagt: Eure Sünden werden euch abgenommen. — Aber man muß zum Mute und zur Kraft der Menschen sprechen, wenn man ihnen sagt: Eure Sünden werden euch bewahrt, ihr könnt sie hineintragen in die folgenden Erdenleben und könnt den Ausgleich dafür schaffen, so daß ihr die Erdenentwickelung nicht verderbt, und dadurch könnt ihr das, was ihr euch erarbeitet habt, in zukünftige Erdenkreise hineintragen. Das ist aber das, was Ihr wieder in Würde empfindet müßt, wenn Ihr Euer priesterliches Amt in der richtigen Weise auffassen wollt. Denn dann vereinigt Ihr in Eurer Sendung die drei Dinge, die der Christus vereinigt wissen will in der Sendung derjenigen, die ihm nachfolgen und die ihn anerkennen als den richtigen Meister, der in einem höheren Sinne das Opfer des Melchi-Sadek erneuert hat, die ihn so anerkennen, daß sie sein Werk unter den Menschen weiterwirken in dem dreifachen Sinne:

Erstens: In Namen des Vaters dadurch, daß sie sich fühlen wirklich gott- und geistdurchdrungen, daß sie sich fühlen nicht bloß von Beruf, von Amts wegen als Priester, sondern durch den Geist sich fühlen als Priester. Wer nicht in Begeisterung sein priesterliches Amt verwaltet, sondern es nur aus Beruf verwaltet — welches immer ein Erbgut des Fürsten dieser Welt ist -, der verwaltet es nicht im Sinne des Christus.

“Das zweite ist, daß das Evangelienwort nicht im Sinne des Fürsten dieser Welt veräußerlicht wird, sondern im Sinne des lebendigen Christus verkündigt wird, daß also der Verkündigung des Evangeliums zugrundeliegt das geistige Verständnis im Herzen des Priesters. Die fortwirkenden Kirchen haben sehr stark gesündigt gegen das zweite, das der Christus von seinen Dienern gefordert hat; sie haben dadurch sehr stark gesündigt, daß sie Zustände herbeigeführt haben, die noch heute in ihrem Extrem sichtbar sind. Gerade von denjenigen, die Priester oder Lehrer des Evangeliums sein wollen, wird sehr häufig am meisten das getadelt, wenn irgend jemand dem Evangelium wiederum den lebendigen Geist zugrundelegen will. Und dann sagt man in der verführerischen Weise, die eigentlich einen luziferischen Impuls in sich enthält, man solle das Evangelium nicht «kompliziert» auslegen — es handelt sich aber nicht um ein kompliziertes Auslegen, sondern um ein geistgemäßes -, man solle es mit schlichten Worten auslegen, wie sie dastünden. Das heißt aber nichts anderes als, man soll es überhaupt nicht auslegen. Denn so, wie es heute verkündet wird, ist es nicht das Evangelium; das heißt, es wird so, wie es verkündet wird, heute im Grunde genommen von vielen Theologen eigentlich verleugnet. - Das zweite, was Ihr als Priester einer erneuerten Priesterschaft fühlen sollt, das ist, daß Ihr mit Begeisterung Euer Amt verwalten sollt, daß Ihr den Willen habt, im geistigen Sinne die Schrift zu erfüllen.

Das dritte ist, daß Ihr im richtigen Sinne sein wollt und sollt Seelenärzte der Menschen, Seelenheiler, indem Euer Wort tatsächlich erfüllt sei von jener Kraft, die mit dem Auftrage, den Ihr erhalten habt, gegeben ist, von jener Kraft, durch die Ihr, wenn Ihr im richtigen Sinne den Kultus verrichtet und aus innerer Begeisterung, aus innerer Erkenntnis heraus die Schrift auslegend lehrt, dann in Eurer Wirksamkeit die Kräfte habt, die Seelen zu heilen, das heißt, wirklich diejenige Handlung fortzusetzen, die der Christus mit dem Mysterium von Golgatha vollzogen hat und die angedeutet ist mit den Worten, daß der, der ringt nach dem Erbgut des Bösen in der menschlichen Natur, damit diese menschliche Natur die Sünde nicht von dem einen Erdenleben in das andere hineinführen könne, durch das Mysterium von Golgatha in dem irdischen Leben gefesselt worden ist auf tausend Jahre, das heißt, auf einen Zeitraum, an dessen Ende die Menschen so stark geworden sein sollten, daß sie ihm nicht mehr verfallen können; dann wird er wiederum los sein, und dann werden die Menschen eine größere Kraft haben müssen, um ihm zu widerstehen.

Wir leben in der Zeit, meine lieben Freunde, in welcher auf der einen Seite der Christus sich den Menschen wiederum zeigen will, um ihre Kraft zu stärken; in dieser Zeit müssen wir uns dazu in der entsprechenden Weise vorbereiten. Wir leben aber auch in der Zeit, wo die tausend Jahre erfüllt sind, wo der Widersacher seine Fesseln sprengen will und alle Kraft daran setzen wird, seine Absichten zu erreichen. Und das ist die Zeit, wo den Menschen das eigentliche Geheimnis der Menschheitsentwickelung enthüllt werde, daß diejenigen, die richtig empfinden das «Christus in mir», ihre Sünden mit sich nehmen, indem sie die Absicht haben, die Sünden nicht abzustoßen und dadurch dem Widersacher zu überliefern, sondern sie in sich aufzunehmen und durch das, was [auf Golgatha] geschehen ist, an der Menschheit heilend zu wirken.

Meine lieben Freunde, ich glaube, Ihr habt erwartet, nicht eine salbungsvolle Umgestaltung desjenigen zu erfahren, was schon gelehrt worden ist, sondern etwas, was wirklich die Initiationsgeheimnisse enthält; und Ihr werdet sehen, daß vieles von dem, was bis jetzt gelehrt worden ist, geradezu das Gegenteil von dem ist, was Wirklichkeit ist. Und wenn Ihr nicht in ganz scharfer Weise empfinden könnt, daß Ihr ein Neues in die Welt zu tragen habt, das in vieler Beziehung dem gerade entgegengesetzt ist, was nicht eine Lehre von Gott, sondern eine Lehre von dem Fürsten dieser Welt ist, dann werdet Ihr nicht in richtiger Weise in das eintreten können, was Ihr wollt. Es ist also eine ernste Sache, um die es sich handelt. Und die Worte, die ich sozusagen als die «erste Predigt» anzuschließen habe an die erste Messe, die hier gehalten worden ist, müssen nicht nur theoretisch gesprochene Worte sein, sondern sie müssen das enthalten, was Eure Seelen in einer gewissen Weise durchrütteln kann und sie zu einer neuen Seelenverfassung bringen kann. Denn es ist die Zeit herangerückt, wo wiederum gesprochen werden muß zu den Menschen: Ändert den Sinn! - Und von denen, welche die Menschen in einem neuen priesterlichen Sinne führen wollen, muß auch so gesprochen werden, daß gesagt wird: Ändert den Sinn, durch den in Verkennung des Tatsächlichen der christliche Sinn den Menschen bisher verhüllt worden ist!

In dieser Art obliegt es mir, das Wort der Sendung zu Euch zu sprechen nach den Zeremonien, die vorangegangen sind, das Wort der Sendung, das im Sinne der ersten christlichen Aussendung derjenigen, die zum Apostelamt berufen worden sind, zu diesen gesprochen worden ist und das verzeichnet ist im zweiten Timotheusbrief, Kapitel 1, Vers 6. Und dieses Wort habe ich zu Euch in diesem Augenblick zu sprechen in der Art wiederum, wie wir es uns in unserer gegenwärtigen Sprache ausdrücken können:

Ich ermahne euch, immer von neuem in euch zu beleben die erregte Geist-Kraft, die ihr erhalten habt unter Berührung von der Macht der Geisteswelt.

Und ich habe hinzuzufügen das Wort aus dem ersten Timotheusbrief, Kapitel 4, Vers 14, das wiederum in diejenige Sprache, die sich durch unsere gegenwärtigen Worte ausdrückt, mit Lebendigkeit übersetzt, so heißt:

Verlieret aus euren Seelenaugen die erregte Geist-Kraft nicht, die euch gegeben ist durch das in die Zukunft wirkende Geistwort unter Berührung von der Macht der Geistesweit.

Im Sinne der in diesem Timotheusbriefe enthaltenen Wahrworte sind diejenigen hinausgesendet worden, denen in den ersten christlichen Jahrhunderten das Apostelamt übertragen worden ist, die im rechten Sinne Nachfolger der Apostel geworden sind. Und Ihr müßt, wenn Ihr das, was Ihr Euch vorgenommen habt, in der richtigen Weise ausführen wollt, eben Nachfolger der Apostel werden. Das könnt Ihr nur dann, wenn Ihr Euch sagt: Die Apostel werden schon im Sinne des Christus zu uns sprechen; wir aber müssen der Sprache der Apostel das richtige Verständnis entgegenbringen! - Und damit Ihr der Sprache der Apostel das richtige Verständnis entgegenbringt, habe ich Euch im Anschluß an die feierliche Zeremonie der Seelenhirtenweihe gewissermaßen als die erste Predigt für das Apostelamt dasjenige angeschlossen, was im richtigen Sinne Euch zu einem Verständnis Eures Apostelamtes führen kann. Aber nur, wenn Ihr wißt, daß Ihr eben in der Alchimie von Salz und Phosphor — oder Schwefel -, das heißt in Brot und Wein dasjenige erneuert, was am Kreuze und in der Folge des Kreuzestodes geschehen ist, dann werdet Ihr wissen, daß Ihr das Dritte als einen Bestandteil Eurer Sendung zu betrachten habt. - Die drei Bestandteile eurer Sendung sind die folgenden:

Erstens, daß Ihr Euer Amt verwalten sollt in der Begeisterung, mit der die göttlich-geistige Welt uns durchdringt;

zweitens, daß Ihr im lebendigen Worte die Kraft vor die Gemeinden tragen sollt, nicht im abgestorbenen Wort, das eigentlich den wirklichen Geist verleugnet und das man heute aus einer luziferischen Anwandlung heraus das «schlichte» Wort nennt; und

drittens, daß Ihr Euch fühlt als wirkliche Heiler, als wirkliche Ärzte für die Sünden der Menschheit, das heißt, daß Ihr vollbringen könnt, zu Eurer eigenen Seelenverfassung hinzu, zur Auslegung des Wortes hinzu, das Wunder der Sündenheilung, das heißt die Umwandlung der Erbschaft des Fürsten dieser Welt in ein Gut, das der Christus durch alle folgenden Erdenzeiten und Erdenkreise zur Ausgleichung der Sünden in die Menschenseelen trägt. Als gottdurchdrungen, als Gottes-Lehrer und als Sündenheiler - in diesem Sinne müßt Ihr hinausgeben zu Euren Gemeinden und ihnen sagen, was Ihr selber erlebt in Eurer Begeisterung, was Ihr als Gottes-Lehrer in Euch erlernen könnt, und daß ihnen offenbar werde, was Ihr Euch errungen habt als die lebendige Kraft der Sündenheilung. Das ist das, was ich heute auf Eure Seelen zu legen hatte.

Ein Teilnehmer: Wie verhält es sich mit dem Ausbrechen eines Teiles der Hostie, hat das etwas zu tun mit den Wesensgliedern des Menschen?

Rudolf Steiner: Wenn wir in der Gesamthostie dasjenige sehen, was als Sonnenkraft in dem Menschen lebt, so nehmen wir zunächst neun Zehntel in uns auf, die wir zunächst durch ihren Salzgehalt wirken lassen. Damit verbinden wir dasjenige, was in uns ist, zu neun Zehnteln mit dem Erdendasein, in der Weise, wie ich es eben dargestellt habe. Es fragt sich: Was geschieht mit dem übrigen Zehntel? Das versenken wir in den Wein, und bevor es in unseren Organismus hineinkommt, vermischen wir es mit dem Phosphorigen des Weines. In diesem Vermischen des Phosphorigen mit dem Salzigen liegt nun der aus dem Menschen herausgenommene Teil der Handlung. Der andere Teil der Handlung vollzieht sich, indem wir das Salz mit dem Phosphor bloß durch die innere Alchimie sich verbinden lassen. Daß wir auch einen kleinen Anteil herausnehmen aus dieser inneren Alchimie und ihn der Kraft überlassen, die auf dem Altar lebt, das ist das, was in dem Ausbrechen des Zehntels aus der Hostie liegt.

Wenn wir den ganzen Menschen betrachten, in dem Sinne, wie ich es in meiner «Theosophie» dargestellt habe, nach seinen neun Teilen, so finden wir, wenn wir von oben heruntergehen: Geistesmensch, Lebensgeist, Geistselbst, Bewußtseinsseele, Verstandesseele, Empfindungsseele, Empfindungsleib, ätherischer Leib, physischer Leib. Das sind die neun Glieder. Sie würden sich nicht mit dem Erdenleben in richtiger Art verbinden, wenn es nicht noch eine Synthese gäbe: das ist das Zehnte (siehe Zeichnung auf Tafel 3: der um die neun kleineren Kreise herum gezogene größere Kreis). Dadurch haben wir zehn Glieder, die auch in den zehn Sephirot der vorchristlichen Zeit erscheinen, allerdings in der Art, wie es jener Zeit entspricht, wo noch nicht das volle Ichbewußtsein vorhanden war. Wenn Sie sich nun die Hostie denken im Zusammenhang mit den zehn Gliedern des Menschen, so haben Sie darin ein Glied, das der physische Leib ist, das neunte (in der Zeichnung der kleine rote Kreis), das eigentlich das zehnte ist. Dieser physische Leib ist in einer besonderen Lage, er ist in einer anderen Lage als die übrigen Glieder der Menschennatur. Sie müssen bedenken: Wenn Sie von der Erde aus in den weiten Weltenraum hinausschauen, so haben Sie in ihm in den an die Erde angrenzenden Partien in sehr, sehr feiner Auflösung alles enthalten, was auf der Erde ist, nur nicht das Salzartige. Das Salzartige ist ein Eigentum der Erde selbst. Es hat einmal eine Periode in der Erdenentwickelung gegeben, in der allerdings auch noch im Umkreise der Erde Salzbildungen stattgefunden haben, die sich aber nicht mehr bis zum Festen entwickelt haben, sondern im Flüssigen oder Luftförmigen blieben. Dann trat ein Zeitpunkt in der Erdenentwickelung ein, wo die Salzbildung nur auf der Erde selbst und in ihrem unmittelbarsten Umkreis stattfand, so daß der Äther, der die Erde wohl durchdringt, aber der sich über die Erde hinaus erstreckt, an der Salzbildung keinen Anteil hat. Salz ist etwas, was nur eine Bedeutung für das Erdendasein selbst hat, und das zeigt sich dadurch, daß für keinen anderen Himmelskörper als die Erde die Salzbildung das Eigentümliche der Planetenbildung geworden ist. Wenn Sie den physischen Körper nehmen, so hat dieser, einfach durch seine Organisation, Anteil an dem Salz. Und in dem Augenblick, wo Sie aus dem Gesamtmenschen, den die Hostie darstellt, herausbrechen den «physischen Leib», können Sie sagen: Diesen Leib kann ich auf keine andere Weise sich verbinden lassen mit demjenigen, in dem die anderen Teile schon drinnenstecken, als dadurch, daß ich das, was sich auf der Erde nicht mehr in der richtigen Weise vollziehen kann, was nur in dekadenter Weise sich vollzieht — indem allerdings phosphorsaure Salze sich bilden, die aber gerade den schwersten Teil des Menschen, seinen knöcherigen Teil ausmachen, der einzig und allein dem Erdendasein angehört -, indem ich dies in einer außerirdischen Weise sich verbinden lasse — also das Salz mit dem Phosphor, der im Wein ist, sich verbinden lasse —, indem ich durch das, was ich im Ritus verrichte, durch Christus dasjenige vollziehen lasse, was in meinem eigenen Leibe nicht bewirkt werden würde. Ich muß also einen Teil der Hostie so zu mir nehmen, daß er nicht wirkt wie das andere der Hostie; so daß [mit dem Ausbrechen eines Teiles der Hostie] gezeigt wer-den soll, daß nicht der Mensch selber der Alchimist ist, der die Umwandlung bewirkt, sondern es soll gezeigt werden, wie das, was der Mensch nicht vermag, durch die Kraft des Christus am Altare geschieht.

So stellt sich die Sache dar, wenn wir sie im Sinne der neuen spirituellen Alchimie betrachten.

Ein Teilnehmer: Wie verhält es sich mit den sieben Kerzen des Leuchters?

Rudolf Steiner: Es ist gut, wenn man alles das, was als das Gegenständliche beim Kultus vorhanden ist, in Worte kleidet, denn das Gegenständliche des Kultus sollte ja zu uns sprechen. Wenn man das, was in den sieben Kerzen enthalten ist, in einen Satz prägen wollte, würde man sagen müssen: So wie in Euch sieben menschliche Wesensglieder real sind, so erstrahlt Euch aus dem Kultus eine siebenfältige Kraft, wovon jeder Teil einem Teile eurer eigenen Wesenheit zugehört.

Ein Teilnehmer: Was kann über die Figuren auf dem Mefßgewand gesagt werden?

Rudolf Steiner: Wenn man die Vorgänge betrachtet, die sich im Kosmos vollziehen und die sich so abspielen, daß sie entweder den Menschen in sich schließen, so daß er die kosmischen Vorgänge mitmacht, oder die in anderer Weise so zum Ausdruck kommen, daß er gewissermaßen Abbilder, Nachbildungen davon entwickelt, so kann man, wenn man das in Worten ausdrücken will, es nicht anders als in folgender Weise tun: Tafel 3

Man kann sagen: Im Kosmos wirken überall aufsteigende und absteigende Kräfte. Diese aufsteigenden und absteigenden Kräfte kann man sich am besten durch eine solche Linie versinnlichen:

Wir würden dann auf der einen Seite die aufsteigenden, auf der anderen Seite die absteigenden Kräfte haben. Das kann man sich etwa in der folgenden Weise vorstellen: Wenn Ihr selbst auf einer Waagschale steht, so seid Ihr «schwer», nehmt also Teil an der allgemeinen Ponderabilität der Erde, an der Schwere, Ihr reiht Euch ein in diejenigen Kräfte, die hinunterwirken. Es sind ja noch andere Kräfte da als solche, wie wir sie uns zunächst durch die Schwere repräsentiert denken. Im Zusammenhange mit alle dem, was sich als Schwere zeigt, könntet Ihr leben, aber Ihr könntet niemals ein von Gedanken durchdrungenes Seelenleben entwickeln. Denn wenn Ihr nur diesen Kräften der Schwere ausgesetzt wäret, so wäre euer Gehirn 1500 Gramm schwer; ein Gehirn mit dem Gewicht von 1500 Gramm würde aber alle die feinen Adern, die unter ihm sind, sofort zerdrücken müssen. Würde das Gehirn mit dieser Schwere auf die untere Fläche des Kopfes drücken, so könnte der Mensch nicht denken, könnte also auch nicht ein Seelenleben entwickeln. Wodurch entwickeln wir ein Seelenleben? Ihr entwickelt ein Seelenleben, um es kraß zu sagen, durch das Archimedische Prinzip. Archimedes sagte ja, als er einmal im Bade war, habe er die Beobachtung gemacht, daß er sich leichter fühlte als außerhalb des Wassers. Und man lernt ja in der Physik das Gesetz, daß jeder Körper, wenn er ins Wasser getaucht wird, soviel an Gewicht verliert, als das Gewicht der von ihm verdrängten Wassermenge beträgt, so daß Ihr, wenn Ihr selbst im Wasser seid, soviel an Gewicht verliert, wie ein aus Wasser geformter Mensch wiegen würde. Nun ist eben unser Gehirn im Gehirnwasser schwimmend und dadurch verliert es soviel von seinem Gewicht, daß es anstatt mit 1500 Gramm nur noch mit einem Gewicht von 20 Gramm nach unten drückt. Was so der Schwere in der Flüssigkeit entgegenwirkt, was also jetzt hinaufwirkt und nicht hinunter, das nennt man in der Physik den Auftrieb. Der Mensch lebt also mit der Seele nicht in den Schwerekräften, den ponderablen Kräften, sondern in jenen Kräften, die hinaufziehen; er ist selbst ein physikalischer Kosmos, der in bezug auf sein Seelenleben nicht in dem lebt, was in ihm schwer ist, sondern in dem, was in ihm fortwährend der Schwere sich entreißen will.

So können wir sagen: Wir brauchen nur den Menschen ganz grob physikalisch zu betrachten, und wir können gar nicht materiell denken. Der Mensch hat gerade die Eigenschaft, daß er schwer ist. Würden wir aber mit dem Stoffe denken, so müßten wir mit der Schwere denken. Wir können aber nicht mit der Schwere, sondern nur mit dem Auftrieb denken. Es ist also ein Unsinn, wenn man glaubt, daß man mit der Schwere denkt. Man denkt mit dem, was nach dem Himmel hinauftrachtet, also man gliedert sich ein in die Kräfte, die hinaufwirken. Wir leben als Menschen in den hinunterziehenden und in den hinaufwirkenden Kräften; unser Inneres steht in den hinaufwirkenden Kräften, unser Äußeres in den hinunterziehenden. Der physische Leib ist schwer, der ätherische Leib ist neutral gegenüber der Schwere, der astralische Leib zieht hinauf und das Ich wird durch den astralischen Leib hinaufgetragen, nicht hinuntergetragen. So gliedert sich der Mensch als äußerer Mensch dem Kosmos ein. Was tut er aber als Organismus, der auch ein inneres organisches Leben har? Da geschieht folgendes:

Alles, was sich im Kopfe abspielt, ist ein richtiges Spiegelbild dessen, was sich in der Stoffwechsel-Gliedmaßen-Organisation abspielt. Wenn der Mensch zum Beispiel verdaut und sein Nierensystem und sein Lebersystem wirken zusammen, um die Verdauung in der richtigen Weise zu regeln, dann geschieht im Nierensystem, im Lebersystem ein Vorgang, der sich auch in einer Art Spiegelbild im linken Teile des Gehirns abspielt. Es geht niemals bloß unten oder bloß oben etwas vor, sondern es spielen sich stets unten und oben einander entsprechende Prozesse ab. Dadurch ist der Mensch, ebenso wie er äußerlich in den Kosmos der aufsteigenden und absteigenden Kräfte eingesponnen ist, auch innerlich begabt mit diesen Kräften; diejenigen Kräfte, die im linken Teile des Gehirns sind, wirken unten in Leber und Nieren; diejenigen Kräfte, die rechts oben im Gehirn sind, wirken unten im Magen (siehe Zeichnung Tafel 3).

Und wenn wir die Wirkungen dieser Kräfte verfolgen, die aufsteigenden und die absteigenden, so bekommen wir diese zweite Linie:

Tafel 3

Es ist eben ein neutraler Punkt im Menschen vorhanden, wo sich diese beiden Kräfte kreuzen. Zeigt Ihr Euch als geistiger Mensch der gläubigen Gemeinde, und Ihr zeigt Euch von vorn, so zeigt Ihr Euch in dieser Gestalt (siehe Zeichnung). Dreht Ihr Euch um, dann zeigt sich das, wovon der vordere Mensch mehr ein Abbild des eigenen Innern ist, in der anderen Linie, wobei es sich dann in bezug auf den oberen, den punktierten Teil darum handelt, ihn durch Euch selber aufzunehmen, also ihn in Euch wegzulassen und es den Göttern zu überlassen, die Überführung der aufsteigenden in die absteigenden Kräfte richtig zu bewirken. So daß Ihr einfach zeigt, was richtig ist, wenn Ihr das Meßßgewand anhabt. Ihr sprecht durch das Meßgewand die Weltengeheimnisse aus.

Man kann also nicht sagen: Warum ist das so? In der Sinneswelt ist eben der Mensch Maja. Bei der heiligen Handlung kann er sich so zeigen, wie er ist im Verhältnis zum Kosmos und zu sich selbst. Man bewirkt da, daß sich der Mensch nicht in einer illusionären Gestalt, sondern in seiner Wahrheit zeigt. Es soll damit durch das Bild angedeutet werden, was im Menschen eine Realität im geistigen Sinne ist, was aber im physischen Menschen durchaus nachgebildet ist. Sie brauchen sich bloß ein Bild von dem zu machen, wie in der linken und der rechten Hälfte des Herzens die Biutzirkulation im Menschen verläuft, wie das Blut, ausgehend von der rechten Vorkammer zur rechten Herzkammer strömt, durchgehend durch die Lungen, zurück zur linken Vorkammer, von dort zur linken Herzkammer, wieder den oberen Teil des Menschen versorgt, so ist das, den irdischen Verhältnissen entsprechend, in approximativer Weise sichtbar, nur daß, wenn man diese Linie verfolgt, der Schnittpunkt im Physischen etwas verschoben ist und mehr nach unten liegt.

Ein Teilnehmer: Muß zur Gemeindekommunion eine eigene Spendeformel gegeben werden?

Rudolf Steiner: Die Sache ist so: Es kann die Menschenweihehandlung, die Messe, gelesen werden, und die Gläubigen hören bloß zu. Es kann in die Menschenweihehandlung auch eingefügt werden die Kommunion der Gläubigen; dann geschieht dies nach der Priesterkommunion. Und eigentlich sollte es daher so sein, daß in der Patene sich sämtliche Brote befinden, die dann zur Kommunion der Gläubigen verwendet werden, und daß auch im Kelch der sämtliche Wein ist, der zur Kommunion der Gläubigen verwendet wird. Die Priesterkommunion geht also zu Ende:

Dein Leib, O Christe, den ich empfangen, und Dein Blut, das mich belebt, sie mögen mich durchdringen, auf daß geheilet werde die Sündenkrankheit durch die gesundende Arzenei, das Sakrament. Es geschehe durch Dich, der Du das Leben der Welt tragest und ordnest, wie Du es vom Vater empfängst und durch den Geist gesund machest in allen folgenden Zeitenkreisen.

Ministrant: Ja, so sei es.

Jetzt ist die Priesterkommunion zu Ende; nun beginnt die Gläubigenkommunion:

Der Leib des Christus, den ihr empfanget, und das Blut des Christus, das Euch belebt, sie mögen euch durchdringen, auf daß geheilet werde die Sündenkrankheit durch die gesundende Arzenei, das Sakrament. Es geschehe durch Dich, der Du das Leben der Welt tragest und ordnest, wie Du es vom Vater empfängst und durch den Geist gesund machest in allen folgenden Zeitenkreisen.

Ministrant: Ja, so sei es.

Die Hostie wird gegeben, auf die Zunge gelegt. Der Gläubige wird mit den Fingern der rechten Hand an der linken Backe leise berührt, und es wird wiederum gesprochen:

Der Friede sei mit dir.

Dann wird der Kelch gereicht. Es wird wieder die linke Backe mit den Fingern der rechten Hand berührt, und es wird wiederum gesprochen:

Der Friede sei mit dir.

Das ist der Übergang von der Priesterkommunion zur Gläubigenkommunion.

Es ist natürlich nicht so, daß bei jeder Messe die Kommunion ausgeteilt werden soll, aber es sollte jedenfalls nicht geschehen, daß ohne eine Messehandlung zur Kommunion der Gläubigen geschritten werde. Nun kann es ja vielleicht so sein, daß da oder dort die Messe nicht gelesen werden kann. Dann wäre es natürlich dennoch gut, wenn, auch ohne die Messe zu zelebrieren, wenigstens der ganze Geist der Messe entwickelt wird, so daß - da ja die Gemeinde ganz gewiß auch gleich von Anfang an die Erklärung der Messe verlangen wird — dadurch doch die Gläubigenkommunion wenigstens im Geiste in die Messehandlung hineingekleidet werde.

Ein Teilnehmer fragt, ob die Gläubigenkommunion auch ohne die Priesterkommunion vor sich gehen soll.

Rudolf Steiner: Die Handlung kann durchaus in sachgemäßer Weise vorgenommen werden. Es ist nicht gut, wenn die Kommunion der Gläubigen bewirkt wird ohne die Priesterkommunion. Die Priesterkommunion sollte vorausgehen.

Ein Teilnehmer: Wie verhält es sich mit dem Mischen von Wasser und Wein?

Rudolf Steiner: Das ist ja gegeben in der tatsächlichen Alchimie, indem der Mensch - ich habe Ihnen das gestern nur exemplifikativ angedeutet — fortwährend Alkohol in sich entwickelt, so wie er ihn braucht. Nun ist der Mensch ja auch zu 90% eine Wassersäule, das andere ist dieser nur eingegliedert. Daher haben wir also im Kelche auch ein Abbild des Menschen aus Wasser und Wein, indem Sie nicht bloß den Wein nehmen, sondern den Wein, der ein Produkt des Menschen ist, mit dem Wasser vermischen.

Sie können sich ja mit Christus nur dadurch vereinen, daß Christus in das Phantom des physischen Menschenleibes übergegangen ist. Das ist in den Worten enthalten: «... das Eingehen in die physische Erde»; und das findet der Mensch, wenn er das

Physische — auch wenn es als Physisches schon verdorben ist gerade an Christus anknüpft. So geschieht die Erneuerung in der Verbindung mit Christus, die als Folge des Mysteriums von Golgatha da ist.

Friedrich Rittelmeyer fragt, ob nicht auch Worte für die Anlegung der Gewänder in der Sakristei gegeben werden können.

Rudolf Steiner: Natürlich könnte man an so etwas schon denken, aber ich möchte eigentlich vor dem zu starken Katholisieren gerade warnen. Die Sache ist so: Wenn Sie ein Missale heute in die Hand nehmen - in den guten Meßbüchern ist ja überall eine Anleitung dazu vorhanden -, so haben Sie darin eine außerordentlich starke Veräußerlichung. Der Priester hat in jeder Sekunde, wenn er sich anzieht oder zum Altar schreitet, etwas vor sich, was ihm vorgeschrieben ist; er kommt eigentlich gar nicht heraus aus den Worten, die in dem Missale drinnenstehen. Eine Missa solemnis ist ja etwas außerordentlich Kompliziertes, und nur dadurch, daß man zuerst die Priesteramtskandidaten außerordentlich quält zu lernen, wie eine Messe zusammenzustellen ist, zum Beispiel zu Weihnachten, zu Ostern und so weiter, führt man die Möglichkeit herbei, daß die Sache ohne Schwierigkeiten vor sich gehen kann. Sonst würde die jedesmalige Zusammenstellung einer Messe, zum Beispiel einer Weihnachtsmesse, wo viele einzelne Priester zusammenwirken, eine ungeheuer lange Vorbereitungszeit in Anspruch nehmen, denn es ist ja wirklich alles veräußerlicht und muß zusammengestimmt werden. Das wird nun eben in die Kandidatenzeit verlegt, und später können die Priester es sich ersparen, da geht es eigentlich automatisch. So ist gerade in der katholischen Kirche das richtig «Katholische», daß sie alles veräußerlicht hat, und man muß wiederum zurück zu dem Durchfühlen der Messehandlung mit solchen Stimmungen, wie ich sie gerade durch die zwei grundlegenden Predigten angegeben habe, so daß man nicht spezifizieren muß. Und Sie haben ja in dem Brevier, wenn es in der richtigen Weise verwendet wird und mit der Vorbereitung und Verrichtung der Messe in richtigen Zusammenhang gebracht wird, dasjenige gegeben, was es dem Priester ermöglicht, daß man die Sache in Lebendigkeit erhält. Ich möchte daher davor warnen, daß die Sache zu stark ins Formelhafte übergeht. Ich muß dabei gerade das Bestreben haben, dasjenige, was im Katholischen ahrimanisch veräußerlicht ist, zurückzuführen auf das ursprüngliche wirkliche Geistige. Ich möchte also davor warnen, zu starke katholisierende Neigungen zu empfinden. Sie kämen dadurch tatsächlich schnell auf denselben Pfad, auf dem der Katholizismus eigentlich schon im 5. Jahrhundert, aber besonders stark zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert gewandelt ist, wo wirklich alles veräußerlicht worden ist. Das, glaube ich, müßten wir, wenn wir richtig handeln, vermeiden. Also: Nicht zu weit gehen beim Formulieren. Formulieren, was formuliert werden muß, aber nicht zu weit gehen.

In dem, was ich gestern und heute gesagt habe und vielleicht noch zu sagen haben werde, liegt die Möglichkeit, nicht nur in einer allgemeinen abstrakten Weise, sondern in einer sehr konkreten Weise das ursprüngliche Geistige während der Vorbereitung, der Zelebrierung und der Nachwirkung der Messe in sich selbst zu empfinden. Da wird es jeden Tag lebendig. Da kommen wir nicht in die Gefahr, in die der römisch-katholische Priester kommt, nämlich -— man muß natürlich die Dinge aussprechen, wie sie sind -: Wenn Sie das, was die großen Linien des Ritus sind, zelebrieren, so ist das ja auch ein realer Vorgang. Was Sie als Ritus vollführen, prägt sich dem Weltenäther ein; und wenn Sie das zehnte Mal eine Messe lesen, so ist es nicht dasselbe wie beim ersten Mal. Beim ersten Mal erregen Sie die Schwingungen im Weltenäther, beim zehnten Mal stellen Sie sich bereits in die Schwingungen hinein; also es entsteht immer mehr und mehr ein Objektives. Wenn Sie nun gar zu stark alles mit Formeln durchdringen, so bekommen Sie das heraus, was beim katholischen Priester vorgeht. Der wirkliche Ritus löst sich los vom Menschen, aber der Ritus, welcher zu stark am Menschen haften bleibt, stellt eine furchtbare Verhärtung des Menschen dar: er genießt immer wieder dasselbe, was er schon am vorherigen Tage genossen hat, er genießt sozusagen immer wieder seinen eigenen Auswurf. Und das muß man vermeiden. Ein Teilnehmer: Wie ist das «rechts und links vom Altar» bei der Messe aufzufassen?

[Rudolf Steiners Antwort ist vom Stenographen nur mangelhaft festgehalten. Siehe Hinweis.)

Ein Teilnehmer fragt nach der Nüchternheit beim Zelebrieren der Menschenweihehandlung.

Rudolf Steiner: Sie können sich Ja vorstellen, wieviel ungestörter der ganze Vorgang des Vollziehens der Messe vor sich geht, wenn in Ihnen nicht eine Ernährung wirkt. Die katholische Kirche hat die Vorstellung, daß der Genuß des Sakramentes bei der Messe zum ersten Genuß des Tages gemacht wird, mit Ausnahme derjenigen, die Dispens haben, weil sie sonst in ihrer Gesundheit Schaden nehmen würden. Nun ist eigentlich der Gedanke der, daß die Messe im Grunde genommen für die anderen vollzogen wird, sich also vom Priester loslöst, so daß eigentlich die Frage, ob der Priester die Messe nüchtern oder nicht-nüchtern absolvieren sollte, eine persönliche Angelegenheit des Priesters ist. Sie wirkt natürlich auf ihn zurück, denn er hat sie auch für sich zu lesen. Nun kann er es sich so einrichten, wie er es zu seiner Stärkung braucht. Er muß jeden Tag die Messe lesen. Aber wenn der eine Priester sagt: ich fühle die Kraft der Messe acht Tage -, so sagt der andere: ich fühle sie durch einen Monat hindurch. Das gilt also für den Priester selbst.

Die Handlung sollte zelebriert werden bei aufsteigender Sonne, nicht bei absteigender. Eine Messe bei absteigender Sonne kann nicht als eine wirkliche Messe dem Kosmos gegenüber gelten. In der Weihnachtszeit sollte eine Messe gelesen werden um die Mitternachtsstunde, beim Übergang vom Absteigen zum Aufsteigen der Sonne, zwischen dem 24. und 25. Dezember. So ist es jetzt; ursprünglich war es zwischen dem 22. und 23. Dezember. Das ist bei der katholischen Kirche jetzt auch richtig. Zwischen dem 24. und 25. Dezember ist eine Messe um Mitternacht zu lesen, unmittelbar da, wo die Sonne ins Aufsteigen kommt. Ein Teilnehmer: Wie oft soll eine Räucherung während der Handlung stattfinden?

Rudolf Steiner: Notwendig ist nur eine Räucherung. Es ist aber natürlich so: Wenn man die Messe feierlich gestalten will, kann man es selbst bis zu dreimaligem Räuchern bringen. Man muß das nicht durch eine gescheite Systematik begrenzen. Es ist ja ein Vorgang, der sich entwickelt. Man darf nicht fragen: Was ändert das, wenn ich es dreimal mache? - Das eine Mal ruft den Vorgang hervor.

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