The Founding of the Christian Community
GA 344 — 20 September 1922, Dornach
Fünfzehnter Vortrag
Meine lieben Freunde! Das erste, das Sie auf den Weg zu Ihrem Wirken mitnehmen müssen, das ist ja die Begeisterung; das muß in Ihnen allen leben durch den Entschluß, den Sie gefaßt haben. Das zweite ist die Durchlebung des Wortes mit dem Geistigen; und das ist ja gerade derjenige Punkt, der Ihr freies Verhältnis zur Anthroposophie begründen wird. Denn im Grunde genommen ist es ja die Anthroposophie, die Sie angeregt hat zu einer solchen Neugründung, zu einer religiösen Erneuerung überhaupt. Und es ist ja immerhin vieles, was Sie zur Belebung des Evangeliumwortes durch die Anthroposophie gewinnen können, was Sie gewiß in der einen oder anderen Weise für Ihre Ziele werden umgestalten, in eine andere Form gießen müssen, was aber eben die Grundlage für ein fortdauerndes, gewissermaßen freundnachbarliches Verhältnis zur Anthroposophie wird sein müssen. Und das dritte, von dem ich gestern gesprochen habe, ist das, was man, im richtigen Sinne verstanden, zu nennen hat die Sündenheilung. Denn erst wenn Sie alles, was Sie aus der Menschenweihehandlung schöpfen, das, womit Sie Ihre Lehren durchdringen, das, was in Ihrem eigenen Herzen lebt, gipfeln lassen in der Sündenheilung, wird ja Ihr Amt zu einem eigentlich priesterlichen. Deshalb mußte ich Ihnen auch gestern auseinandersetzen, worin die Sündenheilung besteht.
Stellen wir uns nun von einem anderen Gesichtspunkt aus noch einmal vor Augen, worin diese Sündenheilung besteht. Wir blicken in die Menschennatur zunächst und vergleichen sie mit
emjenigen, was sie in der irdischen Umgebung ist. Stellen wir uns für einen Augenblick diese Zweiheit vor die Seele: irdische Menschennatur, also das Innere der irdischen Menschennatur, und nun die ganze irdische Umgebung. Wir können nicht anders, wenn wir besonnen vorgehen, als uns im Sinne einer wirklich geistdurchtränkten Kosmologie — die auch eine christliche Kosmologie ist - vorzustellen, daß diese unsere Umgebung, wenn wir jetzt religiöse Ausdrücke gebrauchen wollen, eine Offenbarung des Göttlichen ist, das diese irdische Umgebung durchdringt. Aber es wird Ihnen nicht schwer sein sich vorzustellen, daß innerhalb der Menschennatur noch etwas anderes wirkt als in der irdischen Umgebung des Menschen. Der Mensch hat eigentlich in seiner inneren Wesenheit nur dasjenige vollständig ähnlich mit der äußeren Welt, was mittlere Erdenprozesse sind, was sich etwa abspielt zwischen dem Wasser und der Luft auf der einen Seite und zwischen dem Wasser und dem festen Irdischen auf der anderen Seite. Es finden fortwährend in der Außenwelt Prozesse statt zwischen dem Luftförmigen und dem Flüssigen, die hineinspielen in das Tierreich, Pflanzenreich und Mineralreich. Es finden Prozesse statt, die sich abspielen zwischen dem Wasser und der Erde, äußere Prozesse, die die Naturwissenschaft als Geologie, Geognosie, Mineralogie, Paläontologie, aber auch als Biologie verfolgt, und die, insofern sie sich zwischen dem Festen und dem Wässrigen abspielen, fast unverändert in die Menschennatur hineinspielen. Das alles, was so in diesem Zusammenspielen zwischen dem Luftförmigen und dem Wässrigen und zwischen dem Wässrigen und dem Festen vor sich geht und was sich in dieser Beziehung auch in der Umgebung des Menschen abspielt, bezeichnete eine frühere hellseherische Kunst, die diese Dinge aber in einem höheren Grade durchschauen konnte, als das Merkurialische.
Nun haben wir aber auch diejenigen Prozesse, die sich abspielen zwischen der Luft und der Wärme, der Luft und dem Lichte, die gewissermaßen über dem Merkurialischen liegen. Es sind das Prozesse, die sich vorzugsweise im menschlichen Haupt abspielen und die ganz anders sind als diejenigen Prozesse, die sich zwischen Luft, Wärme und Licht außerhalb des Menschen abspielen. Nur die mittleren irdischen Prozesse, die merkurialischen, sind außerhalb und innerhalb des Menschen fast dieselben. Was sich dagegen abspielt in den sulphurischen Prozessen, wie man sie in früheren Zeiten nannte — denn der feste Schwefel ist ja ein Maja-Abbild der eigentlichen Schwefelwirkungen -, die im wesentlichen zwischen Luft, Wärme und Licht und auch in dem Lebensäther sich abspielen, das sind Prozesse, die innerhalb der menschlichen Natur in ganz verschiedener Weise vor sich gehen. Und die Prozesse, die sich im mittleren Menschen abspielen und die äußeren Naturvorgängen ziemlich ähnlich sind, machen eine starke Metamorphose im menschlichen Kopfe durch, so daß im Kopfe etwas ganz anderes vor sich geht als außerhalb des Kopfes.
Ebenso gehen in den Stoffwechselvorgängen, die sich in die Bewegungsvorgänge der Gliedmaßen hineinerstrecken, ganz andere Prozesse vor sich als außerhalb in der Natur. Die äußeren Naturprozesse, die zum Beispiel dazu führen, daß in der Natur phosphorsaurer Kalk entsteht, sind ganz andere als diejenigen Prozesse, die innerhalb des Menschen zur Bildung von phosphorsaurem Kalk in den Knochen oder in den Zähnen sich abspielen. Solche Prozesse, die zum Beispiel einen menschlichen Oberschenkelknochen so entstehen lassen, daß er als ein wunderbares Balkenwerk erscheint, diese Prozesse, die da den phosphorsauren Kalk, den kohlensauren Kalk als mineralische Prozesse im Menschen bilden, sie finden sich in der äußeren Natur nicht. Aber solche Prozesse, die sich in der Natur nicht finden, die im Menschen in den Kopfprozessen und in der Bewegungsorganisation sich finden, die sind, weil sie ja auch im Zusammenhange stehen mit dem Seelischen und Geistigen des Menschen, nun auch wieder diesem Seelischen und Geistigen gefährlich, und zwar werden die Kopfprozesse im luziferischen Sinne gefährlich, die Stoffwechsel-Gliedmaßen-Prozesse im ahrimanischen Sinne, und die äußere Heilung kann nur dadurch herbeigeführt werden - wie ich es gestern geschildert habe -, daß den Kopfprozessen zugeführt werde das im menschlichen Ernährungsvorgang fast unveränderlich bleibende Salz und den Gliedmafßenprozessen der im Traubensaft vorhandene flüchtige, fluktuierende Phosphor, der dann in der Stoffwechselorganisation weiterwirkt und das Gliedmaßensystem durchsetzt. So haben wir [beim Menschen] eine Chemobiologie, welche etwas ganz Wunderbares bewirkt, nämlich, daß mit dem Salz etwas vor sich geht, was eigentlich in der äußeren Welt nur die Götter gemacht haben. Denn wir müssen uns vorstellen, daß in der Umwelt des Menschen das Luziferische und Ahrimanische nicht in derselben Art vorhanden sind wie im Menschen; es wirkt ja vom Menschen aus in die Natur hinein und ist in den Salzwirkungen [der Natur] vorhanden. Durch die Verzehrung des Salzes senden wir daher in unser Haupt hinein eine entschiedene Bekämpfung der luziferischen Vorgänge, während wir dadurch, daß wir das Phosphorige aufnehmen und zum Überfließen in die Gliedmaßen bringen, in diese eine Bekämpfung des Ahrimanischen senden. Das ist der äußere Vorgang, den auch der gläubige Mensch natürlich verfolgen muß in seinen inneren Seelenprozessen. Wenn es also der äußere Vorgang ist, den Sie in den Seelen der Gläubigen durch die Kommunion bewirken, so kann die Kommunion natürlich nur dann in der richtigen Weise wirken, wenn auch die innere Beseelung von Zeit zu Zeit immer wieder erneuert wird. Das muß dadurch geschehen, daß eben die Sündenheilung im weitesten Sinne aufgefaßt wird, daß also alles, was als Anfechtung der Sünde durch das Ahrimanische und das Luziferische in der Menschennatur sein kann, nun wirklich durch das priesterliche Wirken geheilt wird.
Und so muß das priesterliche Wirken zu der Kommunion wenn auch nicht zu jeder, so doch ab und zu - dasjenige hinzufügen, was ja in der katholischen Kirche nicht mehr in seiner Reinheit erhalten ist, sondern nur noch in einer furchtbaren Verzerrung vorhanden ist: es muß hinzugefügt werden die Beratung des Menschen, die der Kommunion vorangeht, das also, was in der katholischen Kirche zur Beichte, vor allem zur Ohrenbeichte geworden ist, die durchaus eine ahrimanische Verzerrung dessen ist, was gewollt werden muß. Das macht ja die Schwierigkeit gegenüber dem Katholizismus aus. Wenn man zum Beispiel von einem katholischen Anthroposophen gefragt wird, ob er die Gesamtpraxis der katholischen Kirche mitmachen kann, dann steht man immer vor dem Ahrimanischen der Ohrenbeichte, die man eben dem [anthroposophischen] Katholiken nicht anraten kann; dadurch aber entzieht man ihm das Abendmahl, weil ja die katholische Kirche das Zwangsgesetz hat, daß die Kommunion nur dann erteilt werden kann, wenn die Ohrenbeichte vorangegangen ist. Das ist ja gegenüber den spirituellen Anforderungen das allerallerschwierigste. Wird aber die Beratung, die in gewissen Abständen mit der Kommunion verbunden sein muß, von Ihnen richtig gehandhabt, so werden Sie nicht nur als begeisterte, das Wort verkündende, sondern auch als sündenheilende Priester auftreten können, und Sie werden sich klar sein müssen, was Sie auch als ein Berater Ihrer Gemeinden sein können. Sie werden es nötig haben, Stellung zu nehmen zu dem, womit Ihre Gemeindemitglieder als ihren inneren Seelenangelegenheiten zu Ihnen kommen. Sie werden selbstverständlich keine Zwangsbeichte einführen, aber Sie werden schon bemerken, wenn die Gemeinde richtig begründet ist, wie sehr die Gemeindemitglieder mit Vertrauen zu Ihnen kommen werden und Ihnen gerade die verschiedensten inneren Angelegenheiten anvertrauen werden, und wie die meisten dadurch sogar schon eine gewisse Erleichterung verspüren, daß sie Ihnen die Sachen anvertrauen können.
Das ist alles das, was Sie — hinausgehend über das, was Anthroposophie als Lehre und Erkenntnis im wesentlichen bleiben wird und was nicht in irgendeinem Grade auf das Individuelle der einzelnen Menschen eingehen sollte - in Ihrer Bewegung treiben müssen: die Beratung der einzelnen Menschen in bezug auf das, was aus der sündigen Menschennatur heraus den Menschen innerlich in seiner Seelenverfassung beunruhigen kann. Sie werden natürlich am wenigsten ausrichten, wenn Sie bei der der Kommunion vorangehenden Beratung Ihren Gemeindemitgliedern gegenüber sich zu sehr in allgemeinen theoretischen und lehrhaften Redensarten ergehen. Alles was Lehre ist, ist eigentlich in diesem Moment am wenigsten angebracht. Diese Beratung absolviert nur derjenige Priester in völliger Richtigkeit, der sich, wenn er ein solcher gewissermaßen «Beichteabnehmer» ist, in die Lage versetzen kann, wie die Schwierigkeiten in der Seele des Beichtkindes eigentlich entstanden sind, welche Rolle sie spielen, wie weit sie in der Zeit zurückliegen. Kurz, Sie werden, ich möchte sagen, dasjenige ins Reine umzusetzen haben, was heute schon in der Kulturentwickelung als Unfug hervorgetreten ist, weil die Kirchen sich davor zurückgezogen haben. Die katholische Kirche hat die Beichte wirklich so stark ahrimanisiert, daß die Kindesbeichte, die Beichte des jüngeren Menschen, eigentlich oftmals in der katholischen Kirche sogar eine Quelle von moralischen Seelenverirrungen ist. Es gibt Gegenden, in denen dasjenige, was in der sogenannten Gewissenserforschung von den katholischen Kindern geleistet werden soll, vorgedruckt ist - in kleinen «Broschüren» kann ich nicht sagen, weil es gewöhnlich vier Seiten sind -, wo die möglichen Sünden, die jemand haben kann, vorgedruckt sind, so daß manche Buben, die diese Dinge durchschauen, einfach ausstreichen, was sie nicht gesündigt haben wollen und dann nur ihre Beichte ablesen nach dem Vordruck. Aber es führt dies auch in mancher anderen Beziehung zu großen Schädlichkeiten. In diesen Vordrucken steht zum Beispiel oftmals, daß das Kind sich fragen soll, ob es die Gewohnheit hat, die Hände unter der Bettdecke zu halten. Sie können sich denken, daß da das Kind in sehr frühem Lebensalter gerade durch die Verpflichtung, die von ihm durch die Beichte verlangt wird, auf sexuellen Unfug hingewiesen wird. Kurz, was die Ohrenbeichte geworden ist, das ist schon eine große, große Schwierigkeit. Das ist die eine Seite, die andere ist das folgende.
Die Menschen leben ja merkwürdig blind in der Welt. Sie wissen ja, daß in Spenglers «Untergang des Abendlandes» gesagt wird, daß der Priester eigentlich gar keinen Einfluß auf die Weltereignisse hat, daß er eine Art theoretisierender, kontemplativer Mensch ist, und daß die Welt im Grunde genommen von Menschen aus dem Adelsstand, den Fürsten und so weiter geleitet wird. Es wird von Spengler wirklich so gesprochen, wie wenn er nicht wüßte, daß es Beichtväter gibt, daß die Fürsten, bevor sie zu ihren Entschlüssen kommen, vorher bei ihren Beichtvätern sitzen, und daß von der Art, wie da die Ohrenbeichte gehandhabt wird, der denkbar größe Einfluß ausgeht auf die großen Weltangelegenheiten. Sie müssen sich klar sein, daß in der Welt für die wichtigsten Ereignisse die Ursprünge bei den Beichtvätern gesucht werden müssen. Aber die Menschen sind blind; sie beschreiben das, was äußerlich vorgeht und haben keine Empfindung dafür, woher die Dinge kommen. Nicht wahr, Sie müssen nicht vergessen, daß dies etwas außerordentlich zu sekretem Behandeln Neigendes ist und daß es etwas ist, durch das man die Welt behrrschen kann auf eine ganz wunderbar sekrete Weise. Der Papst sitzt in Rom, der Erzbischof N.N. in irgendeinem sehr entfernten Ort und hat seine Archidiakone, Domherren, Pröpste und die untere Geistlichkeit; die alle stehen auf dem Umwege durch den Beichtstuhl in Zusammenhang mit den allerintimsten Angelegenheiten derjenigen Menschen, die ihnen untertan sind. Der Papst in Rom braucht selbstverständlich nicht zu wissen, was das einzelne Beichtkind dem Beichtiger sagt, aber er weiß, daß er an diesen Orten jemanden sitzen hat, der mit ungeheuer tiefgehendem Wissen die römischen Befehle ausführt. So hat die katholische Kirche die Beichte zu etwas außerordentlich Schwierigem gemacht, sowohl für den einzelnen Menschen wie für den ganzen Weltzusammenhang. Und die evangelische Kirche? Es ist nicht ein evangelischer Prediger, sondern es sind eine ganze Reihe, die im Laufe meines Lebens bei mir waren und gesagt haben: Wir sehnen uns danach, etwas zu haben, was so wie die katholische Beichte ist, wir brauchen eine Methode, um in die Herzensangelegenheiten, mit denen die Menschen zu uns kommen, in einer taktvollen Weise hineinzukommen; wir brauchen eine Art tätiger Katechetik. Das haben mir manche evangelische Seelsorger klar vorgebracht. Ich habe ihnen dann geraten, dasjenige nach einer bestimmten Seite hin auszubilden, was in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» steht, wodurch man, wenn man es von der priesterlichen Seite aus übernimmt, tatsächlich zu einer taktvollen Beichte schon gelangen könnte. Das war ihnen zu schwierig. So kamen einige zu mir und sagten: Ja, insofern diese Anleitungen moralisch zwingen, kann ich mich damit einverstanden erklären, aber wo das eine innerliche technische Angelegenheit für einen Menschen wird, haben wir ja so etwas in der Religion nicht nötig. — Kurz, die Schwierigkeit ist die: Man wird erst gefragt: was sollen wir tun? —, man sagt es, und dann erwidert der Betreffende: Wir haben es «nicht nötig».
Das zeigt, daß gerade diese innersten Dinge hinweisen auf etwas, was da kommen muß. Und weil es weder von katholischer noch von evangelischer Seite den Menschen geboten wird, so machen es die Psychoanalytiker. Machen Sie sich bekannt mit den Methoden der Psychoanalytiker, zu denen heute die Menschen in ganzen Scharen laufen, und sehen Sie, wie die Psychoanalyse von hervorragendsten Literaten gepriesen wird. Sie werden sehen: Was die Psychoanalyse in einer grobklotzigen Weise den Menschen geben will, das ist das, was ihnen eigentlich die Kirchen aller Konfessionen vorenthalten. Wir haben heute eine Psychoanalyse, die sich mit jedem Tage mehr ausbreitet, aus einer Vernachlässigung, die den Kirchen zuzuschreiben ist. Nehmen Sie irgendeine englische Wochen- oder Monatsschrift zur Hand. Ich habe mich davon überzeugt: einen Aufsatz über Psychoanalyse finden Sie fast jedesmal darin. Das ist die materialistische Ausartung dessen, was Pflicht der Seelsorge hätte sein sollen, und die Sache bekommt ihren ernsten Charakter, wenn man dann auf das kommt, was beim Psychoanalytiker an die Stelle der Kommunion tritt. Man kann nicht an die Entwickelung des Christentums denken, ohne an alles das zu denken, was unterblieben ist aus der Bequemlichkeit der Menschen in der Entwickelung der Konfessionen.
Diese Dinge müssen Sie sich klarmachen. Sie müssen sich selbst dazu erziehen, leben zu können mit dem, womit die Menschen als mit ihren inneren Schwierigkeiten an Sie herankommen. Das kann man nur, wenn man an alles Menschliche emotionsfrei herangeht, wenn sowohl die Freude wie die Entrüstung im wesentlichen schweigt, und wenn man die Beurteilung dessen, an das man heranzugehen hat, sofort in eine höhere Sphäre, in die Sphäre des geistigen Lebens rücken kann. Dann finden Sie auch schon im einzelnen Konkreten die Möglichkeit, nun nicht Theorien oder Lehren dem Beichtkinde beibringen zu wollen, sondern nach und nach das, was allerdings Lehre ist, stets im konkreten Falle zu formulieren und so in Ihre Lehren hineinzubringen. Sie müssen natürlich dem Beichtkinde das klarmachen, inwiefern es im Innern die Anlage zur Sünde im ahrimanischen und luziferischen Sinne hat, aber nicht jedesmal von Luziferischem und Ahrimanischem reden; sondern die Behandlung jedes einzelnen Falles muß im Grunde immer eine ins Konkrete umgeschriebene individuelle Angelegenheit sein. Sie müssen dem Beichtkinde klarmachen, wie der Mensch einer anderen Erde angehört, von der er sich das Ahrimanische und Luziferische als Anlage hereingebracht hat, und wie er sich dadurch, daß er die Mittel seiner Religionsgemeinschaft wirklich erlebt, hinüberhilft über das, was ihm in seinem Inneren Schwierigkeiten gibt.
In dieser Richtung müssen Sie Berater werden. Sie müssen in die Lage kommen, dem Beichtkinde für irgendeine Schwierigkeit dasjenige anraten zu können, wodurch es über diese Schwierigkeiten hinauskommt. Das wird sich Ihnen ergeben, wenn Sie ein fortwährendes sorgfältiges Studium auf die Menschennatur verwenden, in dem Sinne, wie es ja heute schon möglich ist. In den verschiedenen Darstellungen, die auf anthroposophischer Grundlage gegeben worden sind, ist so viel an Hinweisen enthalten, wie das eine oder das andere der Menschennatur karmisch, individuell-schicksalsmäßig zusammenhängt selbst mit der physischen Menschenorganisation, daß Ihnen das über vieles Licht verbreiten wird, wenn Sie die Dinge nicht nur so studieren, daß Sie ein Buch oder einen Zyklus nehmen, darin lesen und dann das sagen können, was Sie gelesen haben, sondern wenn Sie es so studieren, daß Sie, unmittelbar nachdem Sie es gelesen haben, es in Ihren eigenen Gedanken lebendig machen, sich verlebendigen, wie das in dem einen oder anderen Fall während des Erdendaseins lebt, wenn Sie es also lebendig studieren. So will Anthroposophie studiert werden. Ich mufste oftmals zu den Menschen sagen: Ein anthroposophisches Buch soll man eigentlich nicht so lesen wie ein anderes Buch, sondern so, daß man das Gefühl hat, man möchte es «aufessen», so daß es in einem dann als Kraft wirkt. Wobei wirklich der Vergleich bis ins Äußerste getrieben werden kann: Was man aufgegessen hat, ist für die anderen verschwunden. So möchte man es am liebsten haben, daß ein anthroposophisches Buch verschwindet, nicht mehr da ist, aber im Menschen einen Prozeß durchmacht. Wird es so gelesen, so lernt man konkret die Menschennatur verstehen.
So wird in der Beratung außerordentlich viel zur Vorbereitung der Kommunionshandlung getan werden können. Und jede solche Beratung sollte eigentlich, ich möchte sagen halb oder dreiviertel kultisch auslaufen, indem in einer lebendigen Weise der Beichtende entlassen wird mit einem Gedanken, den ich etwa in den folgenden sechs Zeilen vor Ihre Seelen hinstellen möchte. Es ist nicht notwendig, daß Sie — wie es die katholische Kirche macht — diesen Gedanken formelhaft nach jeder Beichte an den Menschen heranbringen, aber die Richtung, die das Ende einer jeden Kommunionsberatung nehmen soll, ist in diesen sechs Zeilen angegeben.
Lerne deine Gedanken dem Göttlichen opfern
Und deinen Willen durch Gottes Gnade empfangen.
Dann wird deine Seele Frieden fühlen;
du wirst Gottesoffenbarung liebend bewundern und den Menschen liebevoll dich erweisen.
Liebe zu Gott wird in dein ganzes Wesen,
Liebe zu den Menschen in dein Herz einziehen.
Wenn durch Sie das Beichtkind das erlebt, was in diesen Worten lebt, so haben Sie mit der Beichte ganz sicher etwas erreicht. Sie haben auf diese Weise den ganzen Sinn gerade des johanneischen Christentums am Ende einer jeden Beichte entwickelt und können dann Ihre Beichtkinder mit demjenigen vor die Kommunion führen, was ihnen wirklich diese Kommunion dann beseelt. Das ist das, was im wesentlichen über das zu sagen ist, was die Beichte durch Sie werden soll, was die Beichte im Zusammenhang mit der Kommunion zu einem wirklichen Sakrament macht.
Es wird dann morgen noch meine Aufgabe sein, Sie bekanntzumachen mit demjenigen, was die letzte Ölung betrifft und vielleicht mit einigem, was Sie selber noch notifiziert haben. Dann aber ist von meiner Seite aus dasjenige gegeben, von dem ich meine, daß es Sie wirklich geeignet machen kann, Ihre Tätigkeit aufzunehmen. Es wird dann nur noch die Notwendigkeit vorliegen, daß wir außer der morgigen Stunde dasjenige absolvieren, was wir in gemeinsamer Beratung als Grundlegendes besprochen haben, und es wird notwendig sein, daß vor Ihrem Weggange dann noch eine Messe gelesen wird mit der Kommunion für die anderen.
Ein Teilnehmer stellt eine Frage zur Bekenntnisformel. [Der Wortlaut der Frage wurde vom Stenographen nicht notiert.)
Rudolf Steiner: Der schwierige Satz der Bekenntnisformel ist von mir in seiner Schwierigkeit schon empfunden worden, aber er hatte von uns aus schon eine kleine Geschichte. Es handelt sich darum, daß wir ihn so formulieren - beim Realen handelt es sich nicht um Spintisierereien, sondern um Aktivität -, daß durch einen Satz in der Bekenntnisformel dies zum Ausdruck kommt: Der, der dieser Gemeinschaft beitritt, anerkennt, daß er das, was er durch diese Gemeinschaft geworden ist, eben nur durch diese Gemeinschaft zunächst werden kann; das heißt also, daß er die Ritualien und was von den Ritualien ausstrahlt, von dieser Gemeinschaft bekommt und auch das Recht von ihr bekommt, im Sinne dieser Ritualien Gemeinden zu gründen. So daß also der Betreffende für alles, was er im Auftrage dieser Gemeinschaft tut, die Bewertung eben von den Oberlenkern und Lenkern dieser Gemeinschaft erhalten hat, und daß er anerkennt, daß er keine Berechtigung hat, diese Ritualien anders denn als Mitglied dieser Gemeinschaft auszuführen. Das müßt Ihr aber nicht von dem abhängig machen, ob sein Wille heute der ist, dies anzuerkennen und in drei Jahren ein anderer sein kann -, sondern darüber müßt Ihr heute Euch entscheiden, daß sein Wille in drei Jahren kein anderer sein darf. Darüber müßte also nicht er, sondern die Gemeinde entscheiden. Er müßte anerkennen, daß in bezug auf alles, was er im Auftrage der Gemeinde bekommen hat, die Gemeinde in ihren Oberen entscheiden kann, und auch, daß er verzichtet, in aller Zukunft selbst darüber zu entscheiden. Das ist der Sinn der Sache. Um diesen Sinn kommen wir nicht herum, sonst machen Sie die Ritualien zu einem Freigut, sonst begründen Sie nicht etwas, sondern lehren Sie etwas, und es wird nach und nach in Verwässerung, in Veränderung, ohne Zusammenhang mit dem, wovon es ausgegangen ist, in die Welt getragen. Also dem, was ich jetzt sage, müßte doch in irgendeiner Weise Rechnung getragen werden. Ich will aber in diesen Dingen nur mit meinem Rate zur Verfügung stehen.
Dann hat mich jemand gefragt, wie das Verhältnis der Gemeinde zu den Waldorfschullehrern sein wird, die ja auch nicht nur den Kindern Unterricht erteilen oder erteilen werden, sondern die auch in gewissem Sinne im Kultus tätig sind in den Sonntags- und anderen Feiern; und da ja beim Beginn dieses Kurses die Ansicht vorlag, daß Herr Uehli nicht an diesem Kurs teilnehmen solle, so war darin etwas Zweifelhaftes in bezug auf dieses Verhältnis. Es müßte auch schon für solche Dinge eine reale Grundlage innerhalb der Konstitution gefunden werden. Ich stelle es nicht fest, aber es müßte im Innern der Gemeinde dafür eine Regel noch da sein. Denn es ist ja ohne Zweifel so, daß die Waldorfschule - und bei anderen Schulen, die in diesem Sinne errichtet werden, würde es ganz ähnlich werden - schon einen Religionsunterricht in dem Sinne hat, wie er hier gesucht wird und auch eine Religionsübung. Dabei müssen Sie wissen, daß der ganze Waldorfschulunterricht davon durchtränkt ist, so daß auch in dieser Beziehung wenigstens etwas angeschlagen werden müßte.
Ein Teilnehmer: Wie hätte man sich den Verlauf der Arbeit in der Gemeinde in der ersten Zeit zu denken? Wie wäre die Gemeinde zu führen, und wer dürfte am ersten Kultus teilnehmen? Wie wäre dem Vorwurf des Diebstahls der Messe aus der katholischen Kirche entgegenzutreten? Rudolf Steiner: Bei solchen Dingen muß man sich klarmachen, wie der natürliche Verlauf sein wird. Gehen wir also von diesem Fall mit der Messe aus. Da müssen wir uns ganz auf realen Boden stellen. Die katholische Kirche betrachtet das Messelesen als etwas, was ein Ausfluß der apostolischen Sukzession ist, sie erkennt also nur demjenigen das Recht zu, gültige Messen zu lesen, der seine apostolische Sukzession beweisen kann und zwar in der Art beweisen kann, wie die katholische Kirche diese apostolische Sukzession auffaßt. Die katholische Kirche faßt die Sukzession so auf, daß sie sie nur gelten läßt, wenn sie selbst sie bewirkt, so daß im Sinne der römisch-katholischen Kirche nur derjenige Messen lesen kann, der seine Befugnis dazu zurückführen kann auf einen von der Kirche selbst geweihten Priester. Bei den Altkatholiken wird von den altkatholischen Priestern selber geltend gemacht, daß sie ja eben auch die apostolische Sukzession, auch im Sinne der römisch-katholischen Kirche erfüllen, daß sie sie zurückführen auf solche, die von der römisch-katholischen Kirche im Sinne der apostolischen Sukzession geweiht worden sind. Das ist das, was dazu führen wird, daß die katholische Kirche Ihre Messen nicht als gültige anerkennen wird. Das können Sie aber auch nicht erwarten. Da unter Ihnen selber kein Katholik ist oder, insofern hier einer ist, er kein Priester ist — ein katholischer Priester ist ja nicht bei Ihnen, sonst hätte sich die ganze Sache anders abspielen müssen, wir hätten mit dem katholischen Priester rechnen müssen, das aber brauchten wir nicht -, so handelt es sich also darum, daß die katholische Kirche überhaupt nicht in die Lage kommen kann, diejenigen Disziplinarmaßregeln anzuwenden, die sie gegenüber einem abtrünnig gewordenen katholischen Priester hat, dem sie das Recht aberkannt hat, die Messe zu lesen und der sie dann doch liest. Es bleiben also die Katholiken, die innerhalb Ihrer Gemeinschaft sind; solche werden Sie schon haben. Diese Katholiken setzen sich selbstverständlich der Exkommunikation aus. Das muß man sich ganz klar vorstellen, daß die katholische Kirche Disziplinarmaßregeln, die sie hat, auch anwenden wird, und es gibt auf dem Boden der katholischen Kirche gar keine Einwendungen gegen das Exkommunizieren wegen des Messelesens und Beichtens. Findet nun die katholische Kirche, daß es klug wäre, kein Aufhebens davon zu machen, so wäre das von ihr klug. Das wird vielleicht der Fall sein, solange Sie das dritte Tausend nicht überschritten haben, weil sich die katholische Kirche mit Kleinigkeiten nicht abgibt. Wenn Sie nicht zu viel oder zu stark auf einem Punkt zusammensitzen, sind Sie für die katholische Kirche eine Bagatelle. Sie hat schon 1909 gesagt: Solange die anthroposophische Bewegung klein ist, werden wir sie nur beobachten, uns aber nicht mit ihr befassen. — Aber sie hat eben bereits im Jahre 1919 gefunden, daß sie sich sehr stark mit ihr befassen muß. Und es wird sich auch ergeben, daß alle die Katholiken exkommuniziert werden, welche [bei Ihnen] die Messe lesen oder Beichten abnehmen. Natürlich wird sie auch bei der Priesterweihe in erster Linie einhaken, während sie an allen anderen Zeremonien weniger Anstoß nehmen wird.
Das ist das eine, was geschehen kann, und eine theoretische Rechtfertigung, daß die katholische Kirche selbst die Messe von woanders her hat, ist ja von gar keiner Bedeutung; das erkennt sie nicht an und sie entscheidet es als eine bloße Machtfrage. Irgendwelche theoretischen Einwendungen würden also von der katholischen Kirche selbstverständlich mit einer Handbewegung ignoriert werden. Da handelt es sich darum, daß Sie die Exkommunizierung einfach über sich ergehen lassen müssen und darauf rechnen, daß die, welche Ihre Anhänger sind, es bleiben, trotzdem sie exkommunizierte Katholiken sind. Das ist der reale Vorgang. Sie müssen sich überhaupt, je mehr Sie in die reale Religionsübung hineingehen, umso mehr das evangelische Theoretisieren abgewöhnen, das darauf ausgeht, jemandem etwas zu beweisen. Das hat gegenüber der Kirche noch viel weniger zu bedeuten als bei den Wissenschaften. Irgend etwas zu «beweisen» hat ja im Realen im Grunde genommen keinen rechten Sinn. Davon können Sie also gar nichts abhängig machen, daß Sie etwa der katholischen Kirche beweisen wollen, daß Sie «mit Recht» die Messe lesen. Sie lesen sie im Sinne der katholischen Kirche absolut zu Unrecht, und Sie können die schlauesten oder spirituellsten Beweise vorbringen, so würde Ihnen das in diesem Punkte nicht das allergeringste nützen können. Sie können überhaupt gar keine andere Richtung nehmen als einzig und allein die, daß es Ihnen eben gelingt, immer mehr und mehr Menschen zur Anerkennung dessen zu bringen, daß Sie eben die Messe mit Recht lesen. Das können Sie auf keine andere Art, als daß Sie durch die drei Mittel, von denen ich gesprochen habe, Ihre Anhänger gewinnen. Im allgemeinen wird Ihnen das in der Gegenwart gar nicht besonders schwer werden. Denn, sehen Sie die Sache äußerlich an, so werden Sie finden, daß eine sehr starke Sehnsucht nach Kultus in der heutigen Menschheit durch die ganze zivilisierte Welt hin vorhanden ist, nur daß eben dieser Sehnsucht nach Kultus und auch nach der Beichte von den Religionsbekenntnissen gar nicht in der richtigen Weise entgegengekommen wird.
Dem Gläubigen gegenüber kommen Sie natürlich dadurch zurecht, daß Sie durch Ihr ganzes Verhalten, durch die Art Ihres Wirkens und durch die Beseelung Ihres Wirkens den Eindruck der Wahrheit machen, wenn Sie ihnen in der entsprechenden Weise sagen: Das Eigentum der katholischen Kirche ist die lateinische Messe; diese hat dadurch, daß die lateinische Sprache selber tot ist, einen toten Charakter angenommen. Wir leugnen nicht im geringsten, daß die lateinische Messe einmal die richtige Messe war; wir müssen aber darauf hinweisen, daß nur die deutsche Messe - oder die französische Messe oder die englische Messe und so weiter —, die wir lesen, die gegenwärtige Form der Messe ist, und daß wir diese im Sinne des lebendigen Christus eben so halten, wie die römisch-katholische Kirche die lateinische Messe im Sinne der bloßen Erinnerung an den Christus liest. - Und Sie müssen mit dieser Auffassung durchdringen. Es kommt darauf an, daß Sie alles so machen, daß Sie mit dieser Auffassung einfach durchdringen. Das ist gar nicht so schwierig. Denn cs ist cin tiefe Bedürfnis in der Menschheit nach einer Erneuerung der Kultformen vorhanden. Es wird die lateinische Messe als etwas Ungenügendes auch von katholischer Seite heute empfunden. Das einzige, was Sie zu leisten haben, ist, daß Sie durch Ihr ganzes Verhalten zeigen, daß Sie einen spirituellen Einschlag haben, daß also Ihr Messehalten nicht von den Menschen, sondern von Gott ist.
Sie haben bezüglich der Messe nur eine Aufgabe gegenüber denen, die sich Ihnen als Gemeindeglieder anschließen. Noch zu Luthers Zeiten war es möglich, daß man mit der römischkatholischen Kirche diskutieren konnte, wie Luther es getan hat. Das kann man heute natürlich nicht mehr, sondern man kann nur Anhänger sammeln, die das geltend machen, was man selbst geltend macht. Die katholische Kirche läßt sich heute auf eine Diskussion nicht mehr in derselben Weise ein, wie sie das zu Luthers Zeiten getan hat. So meine ich, daß eben alles von Ihrer Kraft abhängt, ob Sie das Messelesen auch zur Anerkennung bringen oder nicht zur Anerkennung bringen können.
Das eine habe ich Ihnen ja im Zusammenhang mit anderen Dingen vor ziemlich langer Zeit schon gesagt. Sie müssen sich klar sein: Eine solche Bewegung, die Sie sich vornehmen, hat die Eigentümlichkeit, daß sie nur dann angefangen werden soll, wenn man das Bewußtsein hat, sie gelingt! Und soweit sich dieses Bewußtsein auf die eigene innere Kraft bezieht, kommt es darauf an, daß man eben einfach nicht nachläßt. Dieses Bewußtsein müssen Sie haben. Und dazu werden Sie heute eine gewisse Weitherzigkeit haben müssen, sowohl in der Behandlung des Kultusmäßigen wie in der Behandlung der Gläubigen, und namentlich in Verwaltungsfragen. Ich kann ja solche Dinge nur radikal aussprechen, sie sind in der Wirklichkleit vielleicht etwas sanfter. Sie denken sich heute, Breitbrunn hat Sie zusammengebunden. — Das hat es getan, daran müssen Sie festhalten. Wenn Sie aber nicht selbst immerfort das fortsetzen, was Sie in Breitbrunn begonnen haben, dann ist das Bild, daß sich ein großer Teil von Ihnen in gar nicht so langer Zeit selbst an die Köpfe kommen wird, gar nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen. Sie müssen sich also denken, daß Sie es nötig haben, dasjenige, von dem Sie glauben, daß es fest gebunden ist, in fortwährender Übung und Lebendigkeit zu erhalten. Denn denken Sie sich selbst, wie das bei denen ist, die sich Ihnen angliedern — Sie werden ja nicht immer nur diese Vierzig bloß bleiben. Das müssen Sie im Auge haben, wenn Sie anfangen, Ihre Gemeinden zu gründen. Sie haben schon angefangen. Ein großer Teil von Ihnen wird zu diesen Gemeinden zurückgehen, für einen anderen Teil werden die Gemeinden gesucht werden müssen. Und Sie werden vor allen Dingen zuerst die Aufgabe haben, in einer etwas freieren Weise die Verkündigung des Wortes zu behandeln in Verbindung mit dem Beraten der Leute, die zu Ihnen kommen. Und wenn es Ihnen gelingt, so von dem Christus zu sprechen, wie Sie sprechen, wenn Sie alles das beachten, was wir seit langer Zeit, besonders in diesen Tagen, haben vor unsere Seelen ziehen lassen, dann werden Sie sehen, daß Sie durch Ihr Sprechen eben Ihre Anhänger gewinnen werden, viel leichter, als auf dem Boden der Anthroposophie Anhänger zu gewinnen sind, wo man in anderen Formen sprechen muß. Und Sie werden finden, daß eben dadurch, daß Sie zugleich die Sündenheilung übernehmen, Sie sich diese Anhänger auch als sehr treue werden erhalten können.
Sie müssen mit jeder kleinen Schar zufrieden sein, denn nur dadurch, daß Sie mit einer kleinen Schar zufrieden sind, wird diese kleine Schar allmählich eine größere. Auf keinem anderen Wege ist das möglich. Wer gleich eine große Schar haben will, bekommt keine. Sie müssen also mit allem zufrieden sein, was sich Ihnen als eine Möglichkeit aus der Welt heraus ergibt, und Sie werden sehen, was zunächst mit dieser Treue gemeint sein kann. Und Sie werden, wenn Sie vorsichtig genug mit der Lehre und mit der beichteartigen Behandlung der Gläubigen sind, sehr bald übergehen können zu den Kultushandlungen. Es ist viel leichter, zu den Kultushandlungen überzugehen, als es der protestantische Prediger oder der, der einer hat werden wollen, sich vorstellt. Je selbstverständlicher Sie die Gemeinde entstehen lassen, desto besser wird es sein.
Das ist es, [was dazu zu sagen ist,] wie gerade so etwas zu behandeln wäre, was in solchen Fragen liegt, wie sie hier gestellt worden sind. Die anderen Fragen werde ich heute abend anfangen, Ihnen zu beantworten.
Ein Teilnehmer: Wie verhält es sich mit den Kriterien des Kultus und was wäre anzuraten für den Beginn des Kultus? In Bremen sind zum Beispiel
schon Menschen dazu vorbereitet, sogar eine Kirche steht zur Verfügung. Wäre Ausschluß der Öffentlichkeit zu empfehlen?
Rudolf Steiner: Die ersten Christen haben schon auch Richtlinien gehabt, aber sie haben sie nicht formuliert, denn es ist für die ersten Christen oftmals notwendig gewesen, die Gottesdienste sogar unter der Erde zu halten, um eben die Möglichkeit herbeizuführen, sie überhaupt zu halten. Es ist vorgekommen, daß eine solche Sehnsucht bei den ersten Priestern vorhanden war, Gottesdienste zu halten, daß sie noch, als sie an Händen und Füßen gefesselt waren, den Gottesdienst gehalten haben, aber umgeben waren von einer Mauer von Gläubigen, die verhindert haben, daß man hat zuschauen können. Und erst allmählich hat sich dies eigentlich erst in der nachkonstantinischen Zeit — herausgestellt, daß man die Gottesdienste öffentlich halten konnte.
Ich kann mir schwer denken, daß Sie besonderes Glück haben werden, wenn Sie in einer öffentlichen Kirche vor nichtvorbereiteten Menschen eine deutsche Messe lesen. Dagegen halte ich es für sehr gut, daß Sie vor Leuten, die alle Ja sagen, diese Messe möglichst bald lesen. Also vorbereiten müssen Sie Ihre Leute, und für längere Zeit werden Sie einfach in die Notwendigkeit versetzt sein, Ihre Messe so zu halten, daß Sie sie nur vor vorbereiteten Leuten halten und nur solche zulassen. Denn natürlich, wenn heute ein handfester atheistischer Sozialdemokrat in Ihre Messe hineingeht und nachher seine Dinge anfängt, die er ganz sicher anfangen wird, dann werden Sie sehen, daß Sie ganz sicher Schwierigkeiten haben, die Sie eigentlich vermeiden sollten. Sie müssen solche Dinge berücksichtigen und Sie müssen eben in die Welt hinausschauen bei dem, was Sie jeden Tag tun. Je kleiner die Bewegung noch ist, desto mehr werden Sie das tun können. Je mehr sie rasch wächst, desto mehr werden die anderen das tun, was man nicht tun soll.