Health and Illness, Volume I
GA 348 — 19 October 1922, Dornach
Erster Vortrag
Guten Morgen, meine Herren! Haben Sie sich noch etwas zu fragen ausgedacht?
Es wird gefragt in bezug auf die politische Lage: ob es der Engländer wohl ehrlich mit Deutschland meine, oder ob der nur vorgeschoben werde, und der Franzose doch mit dem Engländer Hand in Hand gehe, um Deutschland zu vernichten; auf der einen Seite wird von den Franzosen Deutschland zu bekämpfen versucht durch die Reparationen, und auf der anderen Seite stehen die Großkapitalisten. Und ebenso jetzt in Rußland. Von der einen Seite ist doch bekannt, daß Deutschland mit Rußland ein Wirtschaftsabkommen getroffen hat; jetzt liest man aber wieder, daß der Franzose ebenfalls mit Rußland ein Wirtschaftsabkommen getroffen haben soll, um eventuell das deutsche Abkommen zu hintertreiben? - und was sonst deutsche Angelegenheiten sind. Wenn Herr Doktor vielleicht in der Lage wäre, einige Andeutungen zu geben?
Ja, wissen Sie, das ist ja vielleicht der Grund, warum wir in der letzten Zeit, ich möchte sagen, aus einer gewissen Übereinstimmung heraus, mehr über wissenschaftliche Angelegenheiten gesprochen haben, was in der gegenwärtigen Zeit nämlich viel gescheiter ist, als über politische Angelegenheiten zu sprechen, aus dem Grunde, weil alle diese Verhältnisse, alle diese Angelegenheiten, die Sie berührt haben, eigentlich zu nichts führen. Aus allen diesen Dingen kommt in Wirklichkeit doch gar nichts heraus. Sie müssen nur bedenken, daß die Sachen ja so liegen, daß gegenwärtig im Grunde genommen alle miteinander eigentlich nicht wissen, was sie in der Zukunft machen sollen. Und alle diese Dinge, die geschehen, sind eigentlich nur Angstprodukte, richtige Angstprodukte. Viel wichtiger als alle diese Dinge, die ja zum Beispiel einfach darauf beruhen, daß England augenblicklich nicht weiß, was es tun soll- denn auf der einen Seite kann es noch nicht recht von Frankreich sich trennen, nachdem in England immer die Meinung vertreten wird, man muß Versprechen einhalten —, viel wichtiger sind ja den Leuten ganz andere Dinge. Das ist eine allgemeine Meinung dort: Man muß Versprechen einhalten. Nicht wahr, inwiefern darinnen Aufrichtigkeit oder nicht Aufrichtigkeit ist, das ist ja etwas, was also eigentlich die wirklichen Verhältnisse nicht viel angeht; das geht die einzelnen Menschen an, ob sie wahre oder unwahre Menschen sind. Aber im öffentlichen Leben kann man eben nur sagen: Es herrscht so der Grundsatz, man muß Versprechen einhalten, man muß fair play machen, daß heißt, man muß anständiges Spiel machen. So also steht natürlich England auf dem Boden, man kann sich von der alten Entente nicht trennen. Auf der andern Seite widerspricht das ja im Grunde genommen wiederum dem ganzen Sinn, der vom Anfange an mit dieser Kriegsunternehmung verbunden war. Denn diese Kriegsunternehmung war ja darauf berechnet, die Produktion allmählich ganz nach dem Westen zu ziehen und die europäischen, die östlichen und mitteleuropäischen Produktionen zu unterdrücken, um diese mehr als Absatzgebiete zu haben. Das war ja eigentlich die ursprüngliche Absicht. Die Produktion ist einfach in Mitteleuropa — und das wäre auch in Osteuropa gekommen — den Leuten im Westen zu üppig geworden. Sie wollten sie nicht so haben.
Nun, jetzt besteht auch in England die Meinung: Wenn man Deutschland ganz unterdrückt, dann hat man kein Absatzland. Man will es aufrecht erhalten. Die Franzosen aber, die spüren vor allen Dingen ihren Mangel an Geld, an Finanzen, überhaupt ihren Mangel an finanzieller Kraft. Die wollen ja vor allen Dingen auf einem Gewaltwege aus Deutschland nun wieder etwas herausschlagen. Nun, nicht wahr, setzt man sich in England zwischen zwei Stühle. Und so pendelt man halt hin und her. Dabei kommt nichts Besonderes heraus. Wenn man einmal glaubt, man tut Deutschland zu weh, so macht man da und dort etwas, das ein bißchen bessere Stimmung machen soll. Dazu kommen die orientalischen Angelegenheiten, wo Frankreich und England einander schroff gegenüberstehen, weil England im gegenwärtigen Zeitpunkt die Türken zurückdrängen muß, weil es ja mit einem Schlag die Welt beherrschen will. Daß es die Christen in Schutz nimmt — nicht wahr, das tut es ja in Wirklichkeit wiederum auch; inwieweit das aufrichtig ist, braucht man wiederum nicht zu untersuchen. Aber Frankreich, das legt gegenwärtig darauf keinen Wert, da es vor allen Dingen sein Geld hereinbekommen will, und unterstützt also die Türken. So stehen sich im Orient die beiden Mächte schroff gegenüber. So ist im Grunde genommen alles in der Welt heute in der großen Politik ein Chaos.
Dazu kommt etwas anderes. Gerade in England zeigt sich das gegenwärtig. Da kommt man auf den Punkt, worauf es eigentlich ankommt. Das ist nun sehr wichtig, daß viele Leute sehen, worauf es eigentlich ankommt. Alle die Dinge, die so besprochen werden, auf die kommt es eigentlich gar nicht an. Sehen Sie, was Lloyd George postuliert, oder irgendeiner spricht, darauf kommt es gar nicht an, denn das redet alles an den Tatsachen vorbei - nicht bewußt, denn die Leute glauben, daß sie von den Tatsachen reden, aber sie reden eben gar nicht von den Tatsachen, sondern sie reden vorbei an den Tatsachen.
Aber eine andere Sache ist viel wichtiger. Sehen Sie, jetzt ist ja in England der große Kampf um Lloyd George, ob er überhaupt bleiben soll oder gehen soll. Warum kann sich denn dieser Mensch, der immerhin die schönsten Worte der Welt gegenwärtig machen kann, nicht halten? Er kann sich nicht halten aus dem Grunde, weil er keine genügend große Partei mehr hat. Das sind lauter kleine Parteien, die er hat. Er kann sich nicht mehr halten, weil er nicht mehr genügend große Parteien hat. Wenn man Lloyd George jetzt ersetzen wollte, so könnte man es nicht recht. Man kann weiterhin einen Minister obenauf bringen, aber der würde sehr bald auch wieder abgesetzt. Und so ist es unmöglich, an die Stelle von Lloyd George jemand andern zu bringen. Also muß man ihn behalten! Und darauf beruht das Ganze. Es ist gegenwärtig kein Nachwuchs. Man muß überall diejenigen Leute nehmen, von denen man noch weiß: Ja, der ist einmal etwas gewesen. Aber irgend jemand darauf anzuschauen, ob er etwas versteht, ob er etwas kann, ob er die Verhältnisse überschaut, das ist bei niemandem mehr vorhanden.
Das ist auch nicht mehr bei der Sozialdemokratischen Partei vorhanden. Die hält auch nur ihre alten Bonzen aufrecht, läßt nicht die neuen heran. Also überall haben die Menschen die Möglichkeit verloren, noch irgendwie zu sehen, ob einer etwas versteht oder nicht. Und daher ist man gezwungen, die alten Leute, die gar nichts mehr von der Gegenwart wissen, überall in den Stellungen zu haben. Dadurch kann natürlich nirgends etwas herauskommen! So daß es heute ganz gleich ist, ob einer der oder jener Partei angehört, der dann irgendwie in eine Stellung hineinkommt; sondern darauf kommt es an, daß wir wiederum die Zeit herbeiführen, wo es Leute gibt, die von den Verhältnissen etwas verstehen, die also tatsächlich aus den Tatsachen heraus reden, nicht immer an den Tatsachen vorbeireden und -handeln. Das wird mit jedem Tag weniger, daß die Leute erkennen, was eigentlich geschehen soll. Das wird mit jedem Tag schlechter. Und daher ist es im Grunde genommen auch heute ein ganz unnützes Reden, wenn man sagt: Ja, wäre es nun gescheiter, wenn die Engländer das täten, oder die Franzosen das täten, oder die Deutschen oder die Türken das und das täten. — Nicht wahr, was auch geschieht von alten Standpunkten aus, das ist eine Sache, die gar keine Erfolge hat,
Nehmen Sie irgendeine Tatsache in den allerletzten Tagen. Eine Tatsache: Nicht wahr, Deutschland leidet in der letzten Zeit ungeheuer unter den sogenannten Devisenspekulationen. Die Schulbuben kauften schon Devisen, «machten in Devisen». Es war ja so: Wenn irgendeiner 50 Mark hatte, so kaufte er sich Devisen, und am nächsten Tage hatte er 75 Mark. Man konnte durch die Devisenspekulationen ungeheuer viel verdienen. Was tut also die deutsche Regierung? Sie macht ein Gesetz — Sie wissen ja, ein Notgesetz ist gemacht worden gegen diese Devisenspekulationen —, also die Regierung macht ein Gesetz: Die Devisenspekulation soll kontrolliert werden. Nehmen wir an, die Regierung ist so gescheit in ihren Organen — was ich ja noch nicht glaube —, aber nehmen wir an, sie kann wirklich mit Devisen spekulieren: sie hat dann günstige Erfolge. Nehmen wir das an. Dann wird also in den nächsten Wochen in Deutschland weniger mit Devisen gehandelt. Wie gesagt, es ist nicht übertrieben, daß dreizehn-, vierzehnjährige Schulbuben in Devisen Spekulationen gemacht haben. Nehmen wir also an, das wird für einige Wochen untergraben. Was wird kommen? Es wird eine riesige Differenz eintreten zwischen dem, was Nahrungsmittel und andere lebensnotwendige Dinge kosten, und demjenigen, was man haben wird zum Bezahlen. Also nehmen Sie zum Beispiel an, eine Zigarette kostet heute in Deutschland 7 Mark. Nun, sie wird gekauft. Warum? Weil die Devisenspekulation da war. Nicht wahr, ein alter Mann kann ja heute keine Zigarette kaufen; die jungen Leute kaufen sie sich, diejenigen, die unter allen möglichen Devisenspekulationen viel Geld verdienen. Nun nehmen wir an, sie verdienen nicht mehr. Ja, jetzt, in den nächsten Tagen und Wochen kauft keiner eine gute Zigarette. Dies nur als Beispiel. Noch ein anderer Punkt: Dann ist es ganz selbstverständlich, daß die Zigarettenfabrikation in die Notwendigkeit kommt, wiederum die Arbeitslöhne zu drücken. Und dann haben Sie das: Die Dinge haben noch ihren Preis von früher; keiner kann sie kaufen. Eine neue Krisis ist da. Das ist die nächste Krisis, die kommen wird.
Alles dasjenige, was kommen wird, wird nur aus dem allernächsten Augenblick gemacht. Die Leute sehen nur das nächste, und das ist, daß immer dafür gesorgt wird auf diese Weise, daß die eine Krise in die nächste hinüberläuft. Auf diese Weise kann man ja nicht zu einem Resultat kommen. Das ist ganz unmöglich, daß man aus diesen Verhältnissen, die ein Chaos sind, heute anders herauskommt als dadurch, daß man wieder tüchtige Kerle hat, die zu irgendeinem Resultat kommen. Das allerwichtigste ist, daß wieder tüchtige Kerle da sind. Und da ist es eben doch so — das zeigt die gegenwärtige Zeit -: es werden keine wirklich tüchtigen Menschen herangezogen. Also müssen wir sehen, daß wir wieder eine Zeit haben, die tüchtige Menschen heranzieht. Mit den alten Phrasen geht es nicht weiter. Die alten Phrasen sprechen alle Leute aus. Daher hat es gar keinen Wert. Wenn Sie heute irgendeine Zeitung in die Hand nehmen, welcher Partei sie auch angehört, da lesen Sie allerlei — es kann Ihnen gerade gefallen, daß die Zeitung aus einer Partei heraus spricht, der Sie selber angehören -, aber dasjenige, was Ihnen da an Tatsachen aufgetischt wird, hat ja nicht den allergeringsten Wert. Es kommt dabei gar nichts heraus. So daß man sagen kann: Es ist heute fast eine verlorene Zeit, wenn man sich mit all diesen Dingen beschäftigt, die da in der Welt als politische herumgehen. Es kommt nichts dabei heraus! Und wenn irgend etwas behandelt werden soll, ist es nur das, daß wiederum tüchtige Kerle erzogen werden. Das ist das einzige, was man anstreben kann; denn es weiß eben niemand heute etwas.
Am meisten wissen schließlich diejenigen, die den Europäern gegenüberstehen. Die Türken zum Beispiel wissen ganz genau, was sie wollen. Die Japaner wissen auch, was sie wollen. Die wollen aber alle ihre eigene Kultur fördern - ihre eigene Kultur! Und just dem Europäer ist seine Kultur ganz einerlei! Und das ist dasjenige, was es heute macht, daß man eigentlich nichts mehr sagen kann zur Politik. Es ist so, nicht wahr, wie wenn Sie sich in eine Gesellschaft setzen und Sie hören eine Zeitlang zu, und Sie kommen darauf, daß die Leute eigentlich bloß leere Phrasen dreschen. Da werden Sie sagen: Da rede ich nicht mit. — So ist es nämlich fast mit der Politik der Gegenwart.
Sehen Sie, der Lloyd George hat vor ein paar Tagen eine Rede gehalten. Wenn Sie diese Rede bildlich ausdrücken wollen und Sie nehmen Strohhalme, in denen man einzelne Weizenkörner noch drinnengelassen hat, trifft das Bild nicht mehr zu; es muß ganz ausgedroschenes Stroh sein, es muß das letzte Weizenkorn herausgedroschen sein, dann ist das ein Bild der Rede, die der Lloyd George vor einigen Tagen gehalten hat. Aber trotzdem stehe ich keinen Augenblick an zu sagen, daß es die bedeutendste Rede ist, die ein Staatsmann in den letzten Wochen gehalten hat. Denn, nicht wahr, wenn schon gar nichts mehr drinnen ist, so ist doch das einzige, was drinnen ist, die Faust. Man spürt, wenn er es auch nicht wirklich tut, wie er alle Augenblicke auf den Tisch geschlagen hat. Das kann er. In der Faust ist etwas drinnen. Aber in den Worten ist nichts drinnen.
Und so ist es überall. Wirthsche Reden lese ich nicht mehr, weil ich genug habe aus den paar Zeilen, die vorne in den «Basler Nachrichten» stehen. Da hat man schon genug ungefähr über den Inhalt, und daß, was er geredet hat, nichts ist, kann man ja sehen. Also es ist absolut trostlos, das ganze Treiben. Und so ist es so, daß es eigentlich vollständig überflüssig ist, sich nach irgendeiner Seite hin zu begeistern oder zu entgeistern. Das ist eben die Sache. Also wer es heute ehrlich und aufrichtig mit der Menschheit meint, der muß eigentlich sich sagen: Es kommt alles darauf an, daß man tüchtige Kerle kriegt, die wiederum etwas von der Welt verstehen, die überhaupt denken können, wirklich denken können.
Denn nicht wahr, wenn man Lloyd George betrachtet, vielleicht ist er eben durchaus der tüchtigste Mensch von allen diesen, aber er hat niemals einen Gedanken gehabt. Und gerade dadurch hält er sich, daß er keine Gedanken hat. Da kann er fortwährend nach dieser Richtung und nach jener Richtung hinüber schwimmeln, und er redet eigentlich dummes Zeug. Aber nicht wahr, sobald er einen Gedanken äußern würde, da kann die Unionistische Partei, oder die Konservative Partei, oder die Labour Party sehen, wie sie dran ist. Sowie er irgendeinen Gedanken äußert, dann weiß man, wie man dran ist mit ihm. Dann sägt man ihn ab selbstverständlich, wenn man weiß, wie man dran ist mit ihm. Seine ganze Kunst besteht darin, daß man nicht wissen kann, wie man dran ist mit ihm. Aber wenn einer immerfort inhaltloses Zeug redet, weiß niemand, wie man dran ist mit ihm — kein Mensch weiß es. Und seine große Kunst besteht darinnen, daß er eigentlich keine Gedanken hat. Die Kunst kann er nämlich ausüben, weil er selber auch nicht weiß, wie er dran ist.
So sind eben die Dinge heute. Aber das war noch nicht der Fall vor einigen Jahren. Vor zwei, drei Jahren mußte man immer sagen: Es muß etwas geschehen, ehe es zu spät ist. Heute ist es nach dieser Richtung zu spät. Es ist gar nichts zu sagen. Es ist zu spät - es ist zu spät. Heute kommt es darauf an, daß tüchtige Leute wiederum an die Oberfläche der Dinge kommen. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Denn, nicht wahr, Sie können ja Verträge schließen, so viel Sie wollen, zwischen Deutschland und Rußland; heraus kommt dabei nichts. Es kommt ja nicht darauf an, daß man Verträge schließt, sondern wirtschaftliches Leben entfaltet.
Nehmen Sie den Stinnes-Konzern. Dieser ist ein Beispiel dafür. Glauben Sie einen einzigen Augenblick, daß der Stinnes irgendwie mit, sagen wir zum Beispiel der deutschen Arbeiterschaft etwas machen könnte? Das werden Sie doch nicht glauben! Das ist ja ausgeschlossen. Also er ist wirtschaftlicher Großunternehmer, der sich dadurch, daß er lange Zeit geschickt gewirtschafter hat mit seinen reinen Devisen, heraufgebracht hat. Er weiß sonst nichts, als wie man sich auf diese Weise heraufbringt. Er weiß sonst nichts. Nicht wahr, jetzt sehen einfach sehr viele Leute, daß mit der Regierung nichts zu machen ist. Die kann so viele Verträge schließen, als nur irgend möglich sind, es kommt nichts dabei heraus im wirtschaftlichen Leben. Nun sagen diese Leute: Wenn das der Stinnes ohne die Regierung macht, wird es vielleicht gescheiter sein. Aber sie haben keinen anderen Grund, als daß der Stinnes sowohl in Deutschland wie in Frankreich geschickt arbeitet. Das ist der einzige Grund. Aber, meine Herren, wenn Sie die Stinnes-Abkommen studieren, dann müssen Sie sehen, daß, wenn sie realisiert werden sollen, sie finanziert werden müssen. Dasjenige, was der Stinnes beabsichtigt, muß ja finanziert werden. Nun ist es heute schon ungefähr so, daß, wenn man diese Dinge finanzieren sollte, man wirklich fast alle Wälder in Österreich abrasieren müßte! Nicht wahr, man kann sagen, man wird das tun, aber man kann es nie eigentlich ausführen. Es geht nicht. Sobald man die Dinge daraufhin ansieht, wie man sie ausführen soll, da geht es nicht mehr. Nun, die Leute haben gesehen: Mit den Regierungsverträgen geht es nicht; da kommt kein wirtschaftliches Leben heraus. Der Stinnes macht es ohne die Regierung; so wird es auf diese Weise gehen. — Es wird auf diese Weise auch nicht gehen. Der Stinnes macht es natürlich mit Großkapitalisten. Aber es kommt auch da nichts weiter heraus. Es gibt keine Möglichkeit, das zu realisieren, denn selbst der Stinnes kann nicht die Finanzkräfte finden, um da irgend etwas zu realisieren. Also ist es auch nichts.
Es ist ja für denjenigen, der bloß ein Feuilleton oder einen Zeitungsartikel überhaupt schreiben will, ganz interessant, dieses ungeheuer interessante Treiben zu beobachten, wie der da mit allerlei Zahlenreihen aufspielt. Ja, meine Herren, Leitartikel oder Feuilletons schreiben, das legt heute keine Verpflichtung, keine Verantwortung auf. Das kann man ganz nett machen, denn, ich bitte Sie, lesen Sie jetzt einmal — Sie heben sich vielleicht die Zeitungen nicht auf -, aber lesen Sie jetzt einmal die Artikel, die im Jahre 1912 geschrieben sind, und vergleichen Sie sie mit den Artikeln derselben Zeitung von heute, so werden Sie ein kurioses Bild finden. Nicht wahr, Zeitungsartikel, die verfliegen; um die kümmert sich später kein Mensch. Daher kann man natürlich da allerlei interessante Betrachtungen anstellen. Aber wer unter Verantwortlichkeit redet, wer nicht Zeitungsartikel in den Tag hinein fabriziert, sondern unter Verantwortung reden will, kann natürlich nicht in den Tag hinein reden. Der weiß, daß das alles Wischiwaschi ist. So sind eben die Dinge einmal, und so kann man über alle Dinge reden. Es ist eben trostlos, wenn die Leute keine neuen Gedanken haben. Und was wir vor allen Dingen brauchen, das sind neue Gedanken. Wenn wir nicht neue Gedanken kriegen, so geht alles in die Binsen — ich weiß nicht, ob man hier auch so sagt -, alles geht in die Binsen. Eine Zahnbürste kostet jetzt in Deutschland 215 Mark. Nun ja, aber was sind 215 Mark? Das ist ja kein Franken; also ist das eine billige Zahnbürste. Aber, nicht wahr, woher soll man schließlich die 215 Mark nehmen? Und entsprechend teurer sind ja alle anderen Dinge. Einen Regenschirm kann sich ja heute überhaupt kein Mensch mehr leisten. Also da ist nichts zu machen.
Sehen Sie, als ich in Wien war, bin ich einmal in einem Auto gefahren, weil ich recht rasch wohin fahren mußte. Es war an einem Feiertag, und ich mußte rasch noch wohin fahren. Es war ungefähr so weit, als wenn ich von hier nach Dornach hinüber fahre, nur nach Dornach, Oberdornach, nicht weiter. Ja, meine Herren, als ich fragte, was es kostet, waren es 3600 Kronen! Das ist heute das Zehnfache; heute würde es 36 000 Kronen kosten für dieselbe Fahrt. An diesen Dingen sehen Sie das Kopflose, weil es einem ja jeden Tag entgegentritt. Aber dieses Kopflose ist in allen übrigen Dingen auch drinnen; da sehen es die Leute nur nicht. Was machen denn die Leute? Schließlich, wenn ein Auto für eine kurze Strecke 36 000 Kronen kostet, so müßten eben die Leute 500 000-Kronen-Noten drucken, und wenn es 360 000 Kronen kostet, so würde man halt 1-Million-Kronen-Noten drucken! Aber damit ändert man die Verhältnisse doch gar nicht! Es ändert sich doch gar nichts, als daß immer wieder diejenigen Leute, die heute etwas Geld in der Tasche haben, morgen nichts mehr haben, und diejenigen, die geschickt spekuliert haben, die haben morgen das Doppelte. Aber damit hat man doch wirklich nichts getan, daß man in Geld spekuliert. Damit ist nichts in der Welt getan. Es wird eigentlich mit dem Devisenhandel in der Valuta nichts erreicht, als daß jeder ohne Gedanken Geld erreichen kann, ohne Arbeit Geld erreichen kann. Wenn natürlich die Arbeit aufhört in der Welt und überwuchert wird von der Devisenspekulation, dann geht alles eben in die Brüche. Es ist also auf diese Weise nichts zu wollen. Es kommt ganz und gar darauf an, daß man endlich darauf kommt, daß wiederum Menschen da sein müssen, die etwas von der Welt verstehen, die wirklich etwas von der Welt verstehen. Anders geht es nicht.
Aber dazu muß man eben in der Schule anfangen. Das ist dringend notwendig, daß man in der Schule schon anfängt. Denn da ist notwendig, daß man wirklich etwas von den Dingen versteht. Ich habe neulich in einem Schulbuch gelesen; da wird eine Rechnungsaufgabe empfohlen für die Lehrer. Diese Rechnungsaufgabe will ich Ihnen einmal angeben, und Sie werden sagen: Das ist eine Lappalie. Aber es ist eine allerwichtigste Sache von der Welt, diese Rechnungsaufgabe, die in diesem Schulbuch angegeben wird. Es ist diese:
Es gibt einen Menschen von 5 2/12 Jahren
einen anderen Menschen von 18 7/12 Jahren
einen anderen Menschen von 36 4/12 Jahren
einen anderen Menschen von 33 5/12 Jahren.
Wieviel Jahre haben diese vier Menschen zusammen?
Das sollen nun die Kinder ausrechnen! Das wird in dem Schulbuch empfohlen. Nun frage ich Sie, meine Herren: Wenn die Kinder das ausrechnen — die Kinder rechnen brav das aus, das sind dann im ganzen 173 6/12 Jahre -, was bedeuten diese 173 6/12 Jahre? Was sind die in der Welt? Wer kommt jemals in die Lage, das ausrechnen zu müssen? Wenn Sie sich überlegen, daß das irgend die geringste Bedeutung haben sollte, so muß das so sein, daß die erste Persönlichkeit gerade stirbt, wenn die zweite in dem Momente geboren wird, und die zweite hier stirbt, wenn die dritte geboren wird und so weiter; dann weiß man wenigstens, wieviel Jahre verflossen sind von der Geburt des ersten bis zum Tode des letzten. Aber das wird niemals vorkommen in der Welt, daß man das überhaupt ausrechnet. Also denken Sie sich, wenn das Kindern geboten wird, so ist das doch die wesenloseste Rechnerei, die man den Kindern vormachen kann. Das ist ja ganz wesenlose Rechnerei! Und die Kinder müssen ihren Verstand dazu verwenden, unwirkliches Zeug zu rechnen.
Also der Kerl, der das ausgedacht hat, der hat einmal gehört, daß man zusammenrechnen kann. Aber nehmen wir einen an, der zu einer bestimmten Zeit geboren wird, bis 14 1/2 Jahre in die Schule ging; dann hat er eine Lehrzeit von 5 1/2 Jahren; dann geht er noch 3 Jahre auf Wanderschaft; dann heiratet er, hat nach 4 Jahren einen Sohn, und als er stirbt, ist sein Sohn 22 Jahre alt. Wenn man diese Dinge zusammenzählt, kriegt man das Lebensalter des Menschen heraus: 49 Jahre. Das ist eine Realität, eine Wirklichkeit. Solche Rechnungsaufgaben soll man den Kindern geben. Das führt sie ins Leben hinein, wenn man ihnen diese Rechnung gibt aus dem Leben heraus. Und das überträgt sich auf alle Verhältnisse.
Sonst sitzen die Kinder eine Stunde lang über einer Rechnung, die eigentlich gar nicht auszuführen ist im Leben. Aber wenn Sie das heute einem Menschen sagen — ja, den schockiert das nicht! Der sagt: Das kommt ja nicht darauf an, daß die Kinder an dem oder jenem das Rechnen lernen. Der findet das gar nicht furchtbar wichtig. Aber das ist in erster Linie wichtig! Denn wenn ein solches Strohzeug in den Schulbüchern steht, reden die Leute, die aus solchen Schulbüchern unterrichtet werden, später in der Welt nur Unsinn, unwichtiges Zeug. Daraus ersehen Sie, daß es gar nicht irgendein Wischiwaschi ist, wenn man heute von einer Erneuerung des Erziehungswesens spricht. In dem Erziehungswesen, von dem ich rede, versucht man alles aus der Wirklichkeit heraus zu machen, von dem untersten Anfang an, so daß die Menschen in die Wirklichkeit hineinwachsen. Auf diese Dinge kommt es halt an. Und deshalb kann man sagen: Man kann ganz überzeugt sein, daß, wenn die Leute so fortmachen, wie sie es jetzt machen, so wird eben die alte Geschichte weitergehen; da können sie machen, was sie wollen. Da können sie noch so viel neue Zeitungen gründen — wenn sie aus demselben Geist heraus geschrieben werden, ist alles nur einfach Chaos. Deshalb ist es so wichtig, sich heute mit dem zu beschäftigen, was wiederum denkende Menschen macht, damit es nicht solche Schulbücher und solche Lehrer in der Schule gibt, die das (die erste Aufgabe aus dem Schulbuch) zusammenrechnen.
Und so ist es auch im andern Unterricht. So lernen die Leute Sprachunterricht, so lernen die Leute Naturunterricht, und so zuletzt sozialen Unterricht. Alles, alles außerhalb der Wirklichkeit!
Ich habe Ihnen erzählt: In England erhält man, wenn man «Master of Arts» wird, von der Universität dort ein mittelalterliches Gewand — das ist eine mittelalterliche Gewohnheit. Das war wenigstens vor Jahrhunderten eine Realität, hat etwas bedeutet. Aber heute bedeutet es nichts, wenn einer Regierungsrat oder so etwas ist; es bedeutet nichts. Das ist der Unterschied. In den Ländern, die eine Revolution durchgemacht haben, ist es auch nicht besser geworden, gar nicht besser geworden. Sie müssen sich klar machen, es kommt alles darauf an, daß einmal Erziehung und Unterricht von Grund auf geändert wird. Das ist das, was notwendig ist.
Hat vielleicht sonst noch jemand eine Frage, die Sie sozial interessiert?
Frage: In bezug auf Blinddarmoperationen: Es wird behauptet, daß es gar nicht schädlich sei für die Gesundheit des Menschen, wenn Organe herausoperiert werden, einfach fortgenommen werden. Es ist auffallend, daß heute so oft Organe herausgeschnitten werden bei den Operationen, und da von der Wichtigkeit der inneren Organe gesprochen worden sei, möchte der Fragesteller wissen, wie es damit sei, wenn diese Organe dann fehlen.
Dr. Steiner: Diese Frage kann ich Ihnen erst beantworten, wenn wir noch etwas anderes besprochen haben. Das will ich nun ganz gern tun.
Weitere Frage: In den letzten Vorträgen wurde über die Einwirkung der Planeten auf den Menschen gesprochen; kann darüber noch etwas mehr gehört werden?
Dr. Steiner: Das führt uns alles darauf. Ich werde also heute anfangen, diese Fragen zu beantworten und sehen, wie weit wir kommen. Ich will Ihnen zunächst eine Geschichte erzählen, die Sie aufmerksam machen kann auf dasjenige, was wir jetzt weiter als Wissen, als Erkenntnis verfolgen wollen. Es war Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts — also es ist jetzt vielleicht dreißig oder einunddreißig Jahre her —, da hat eine nordamerikanische Handels- und Transportgesellschaft, eine amtliche Handels- und Transportgesellschaft einen Kongreß abgehalten, und zu diesem Kongreß war auch eine Finanzgröße eingeladen: William Windom hat der Mann geheißen. Der war tatsächlich ein recht gescheiter Mensch im Sinne der Leute, die eben da zusammengekommen sind, also jemand, dem man geradezu ansah, daß er eine Kapazität war. Und man hat erwartet, daß er auf diesem Handels- und Transportkongreß eine Rede hält. Die hat er auch gehalten. Diese Rede begann so, daß er sagte: Wir brauchen eine Reform unserer gesamten Handels- und Transportverhältnisse, denn innerhalb dieser Handels- und Transportverhältnisse, wie wir sie heute haben, da ist etwas Ungesundes. Und nun ging er dazu über, den Leuten in einer kurzen Rede zu erörtern, was das Geld ist, was das Geld bedeutet -- es waren natürlich nur so kurze Andeutungen, was das Geld bedeute. Er sagte: Ja, meine Herren, ich habe Ihnen jetzt auseinandergesetzt volkswirtschaftliche Sachen. Aber es kommt darauf an, daß man auch einsieht, daß das Ganze nicht geht. Mag das Geld noch so durch die Verkehrswege dahinrollen, von Hand zu Hand gehen, das macht nicht dasjenige aus, was eigentlich eine Volkswirtschaft gesund macht. Denn dasjenige, was eine Volkswirtschaft gesund macht, das sind die moralischen Begriffe, die die Leute haben. Und ohne daß die moralischen Begriffe durch die Verkehrswege gehen und das Geld so zirkuliert, daß auch moralische Begriffe damit verbunden sind, ohne das kommen wir nicht weiter. —- So sagte er. Und er sagte weiter: Wenn unmoralische Begriffe im Verkehrsleben und im Wirtschaftsleben drinnen sind, da ist es geradeso, wie wenn Gift durch die menschlichen Adern rollt und das Blut ungesund macht. Alles dasjenige, was an Geld durch die Verkehrswege und durch das Wirtschaftsleben geht, wenn nicht zugleich moralische Begriffe, sondern unmoralische Begriffe durchgehen, ist geradeso, wie wenn Gift durch die Adern geht und der Mensch durch dieses Gift zur Erkrankung getrieben wird, denn das rächt sich. So wird der Wirtschaftskörper krank, wenn Gift, das heißt unmoralische Begriffe, durch seine Adern getrieben wird.
Nun fiel den Leuten auf, die bei seiner Rede waren, daß er etwas grau wurde, als er dieses Bild brauchte von seinen Adern und das auf das Wirtschaftsleben anwendete. Und außerdem, man wunderte sich darüber, daß der Mensch, der früher immer bloß davon geredet hatte, was im Wirtschaftsleben ist und was Finanzen sind — so hat er ja auch angefangen -, nun plötzlich dieses eigentlich ganz schöne Bild brauchte, das er noch im einzelnen ausgeführt hat. Er hat es so beschrieben, wie das durch das ganze Blut geht. Dieses plötzliche Beschreiben der moralischen Begriffe, das war wie ein Abspringen vom Thema. Und wie er den Satz ausgesprochen hat: Das ist im Wirtschaftsleben so, daß dann ein Gift durch die Adern des wirtschaftlichen Verkehrs geht - fällt er um. Der Schlag hat ihn getroffen! Und er ist tot.
Nun, sehen Sie, das ist eines von jenen Naturexperimenten, von denen ich Ihnen oftmals gesprochen habe, an denen man viel lernen kann; denn da ist es nämlich mit Händen zu greifen, was vorgegangen ist. Der Mensch ist natürlich nicht von der Rede getötet worden, denn da hat er sich nicht so furchtbar aufgeregt. Der Mensch wäre selbstverständlich in dem Momente, in welchem er irgendwo etwas anderes getan hätte, auch vom Schlage getroffen worden. Die Bedingungen lagen in ihm. Also ich werde keinen Moment behaupten, daß er vom Schlag getroffen worden wäre, weil er die Rede gehalten hat. Das ist ganz gewiß nicht der Fall. Vielleicht ist es durch die Aufregung eine Stunde früher eingetreten. Das kann ja kommen. Aber jedenfalls ist das längst veranlagt gewesen in ihm. Es lag in ihm. Er wäre vom Schlag auch anderswo getroffen worden. Aber das andere, was der Fall ist, das ist, daß er plötzlich von seinem Thema abspringt, aber noch auf eine ganz logische Weise, und seinen eigenen Zustand, der dazumal in ihm vorgegangen ist, schildert, mitten aus seinem Thema heraus. Also denken Sie sich, der Mensch steht vor seinen Zuhörern und redet ihnen pflichtgemäß über ein ganz wirtschaftliches Thema. Plötzlich springt er ab, in dem Momente, wo er etwas grau wird, und schildert, was in ihm vor sich geht! Nur, daß er Rücksicht nimmt auf seine wirtschaftliche Rede. Denn das, was er da geschildert hat, das war sein eigener Zustand vor dem Tod, und zu dem ist er abgesprungen. Daß er so seine Rede eingerichtet hat, das war eine Folge seines Zustandes. Und aus einer solchen Sache kann man ungeheuer viel lernen. Denn sie kommt sonst auch vor, wenn auch nicht in dieser krassen Weise.
Und jetzt nehmen wir einmal an, es wäre passiert, daß dem Manne der Faden ausgegangen wäre. Nun, ich habe mehr als einmal Redner erlebt, denen der Faden einer Rede ausgegangen ist. Die haben dann gewöhnlich, während sie vorher stolz dagestanden waren, eine Bewegung gemacht, und hinuntergeschielt - sie hatten vorher ihren Zylinder vor sich hingetan: da war die Rede drunter! Da haben sie dann den Faden wieder gefunden. So etwas kommt ja vor. Ich habe einen Bürgermeister gesehen, der nach den ersten zehn Worten stecken blieb; da hat er seinen Klapphut genommen und hat dann die Rede wacker abgelesen! Nun, lesen hat er können. Wenn er das weiter geredet hätte, was ihm dazumal noch eingefallen wäre —nun ja, nicht wahr, dann wäre nichts herausgekommen; nur Kohl wäre herausgekommen.
Nun, dem William Windom, wie war es dem gegangen? Nicht wahr, der Schlag saß in ihm, war in ihm. Und ob einen nun gerade der Schlag trifft, und die Zustände, die dem Schlag vorangehen, da sind, oder ob man so ist, wie der betreffende Bürgermeister dazumal, der eben fortwährend von der Intelligenz ist, wo einen ein Schlag treffen kann, das macht schon keinen großen Unterschied in bezug auf die ganze Verfassung des Menschen. Nun, lesen konnte der Bürgermeister noch. Und der, den gleich nachher der Schlag traf, der konnte auch noch lesen, aber wo las der? Der las in seinem eigenen Körper. Der las das ab, was in seinem eigenen Körper vor sich ging.
Daraus können Sie aber sehen, daß das richtig ist, was man durch anthroposophische Geisteswissenschaft herauskriegt: daß wir eigentlich immer, wenn wir reden, etwas ablesen von unserem eigenen Körper. Natürlich, wir reden nach unseren äußeren Erfahrungen. Aber in das mischen wir dasjenige hinein, was wir in uns selber ablesen. Es ist nur nicht immer etwas so Trauriges, wie es vor sich geht, wenn uns gleich nachher der Schlag trifft. Aber eigentlich lesen wir das, was wir aussprechen, von unseren eigenen inneren Vorgängen im Körper ab. Jedesmal, und wenn Sie fünf Worte sagen, so ist das abgelesen, abgelesen von Ihren eigenen Körpervorgängen. Wenn Sie sich vor fünf Tagen etwas aufgeschrieben haben, und Sie nehmen Ihr Notizbuch heute heraus und lesen es ab, so lesen Sie es äußerlich ab. Wenn Sie es gedächtnismäßig aufschreiben, so ist es in Ihnen aufgeschrieben durch diejenige Schrift, die da innen ist - wir werden das jetzt nach und nach kennenlernen -, aber Sie lesen es von innen ab. Es ist ganz dasselbe, ob Sie von einem Buch oder von innen ablesen; da ist nur die Richtung, in der Sie hineinschauen, verschieden. Also es kommt tatsächlich nicht darauf an, ob Sie da in Ihrem Notizbuch sich notiert haben, sagen wir: 5 Nägel, 7 Heftel —, oder ob Sie sich das in Ihrem Gehirn notieren. Wenn Sie sich das im Buch notiert haben, so lesen Sie das ab von der Seite, wo Sie es notiert haben. Wenn in Ihnen aber dadurch, daß Sie vor fünf Tagen das notiert haben in Ihrem Gehirnkasten, sich da so eine Zelle, die das fünf bewirkt hat, verschlungen hat mit einer anderen Zelle, und das wieder mit einer anderen Zelle und dadurch das sieben bewirkt hat, und das wiederum sich verschlungen hat mit dem anderen: Heftel, so ist da eine ganze Schlingelei in Ihnen entstanden durch das, was Sie erlebt haben. Und unbewußt, ohne daß Sie es wissen, gucken Sie hin auf diese Schlingelei, die da in Ihnen entstanden ist und lesen das ab.
Das ist also das, worauf Sie geradezu geführt werden, wenn Sie ein solches eklatantes Beispiel haben wie dasjenige von diesem William Windom.
Ein anderes Beispiel habe ich Ihnen schon erzählt. Wir wollen es kurz noch einmal ins Gedächtnis zurückrufen, was der Arzt Ludwig Schleich erzählt, der das selber einmal erlebt hat. Zu ihm kam eines Tages furchtbar schnell ein Mensch gelaufen und sagte: Ich habe mich jetzt gerade mit der Feder in die Hand gestochen. Sehen Sie, es ist noch Tinte drin. Sie müssen mir die Hand mit dem ganzen Arm wegnehmen, denn ich müßte sonst an Blutvergiftung sterben. — Schleich, den ich gut kannte - er ist erst vor kurzem gestorben —, hat es mir selber erzählt. Er sagte zu dem Mann: Was fällt Ihnen denn ein? Ich kann doch als Chirurg nicht die Verantwortung übernehmen, Ihnen jetzt den Arm wegzunehmen! Das brauchen wir ja nur auszusaugen, das ist eine ganz unbedeutende Sache. Das ist ja ein Unsinn, daß ich Ihnen den Arm wegnehmen soll! - Der Mann erwiderte: Ja, aber dann sterbe ich! Sie müssen mir den Arm wegnehmen, ich sterbe sonst! — Da sagte Schleich: Ich kann es nicht machen, ich kann doch nicht für nichts und wieder nichts den Arm wegnehmen! — Ja nun, sagte der Patient, dann sterbe ich. — Schleich ließ ihn weggehen. Der Mann aber lief zu einem zweiten Arzt und wollte haben, daß der ihm den Arm abnehme. Der tat es natürlich, selbstverständlich, wiederum nicht, und der Mensch lief den ganzen Abend noch herum und sagte, er stirbt in der Nacht. Das hatte er dem Schleich ja auch gesagt.
Schleich war natürlich sehr besorgt um den Menschen; den Arm konnte er ihm natürlich nicht abnehmen, da gar kein Grund dazu vorlag, aber er hat sich gleich am nächsten Morgen erkundigt nach dem Manne, dem er die kleine Wunde ausgesaugt hatte. Das ist ja natürlich eine Kleinigkeit, wenn sich einer mit der Feder sticht; das ist durch Aussaugen bald draußen. Aber als der Schleich am nächsten Morgen hinkommt, da war der Mann tot, war gestorben! Nun, was sagte der Schleich? Der Mann ist an Autosuggestion gestorben, er hat sich den Tod eingeredet und ist an seinem eigenen Gedanken gestorben. Nicht wahr, man sagt da: Autosuggestion, Selbstsuggestion.
Ich sagte zu Schleich: Es kommt ja manches vor in der Autosuggestion, aber ein solcher Tod tritt nicht durch bloße Autosuggestion ein; das ist ein Unsinn. Aber der Schleich hat es nicht geglaubt.
Was ist aber in Wirklichkeit vorgegangen? Sehen Sie, nur derjenige, der den Menschen ganz durchschaut, kann in diesem Falle sehen, was wirklich vorgegangen ist. Nicht wahr, die Ärzte haben dann natürlich eine Sektion ausgeführt, haben gefunden, daß nicht im geringsten eine Blutvergiftung vorlag, und waren damit zufrieden: Tod durch Autosuggestion, weil gar nichts da war. Aber was geschehen ist, war, daß der Mann in Wirklichkeit auch von einem sehr schwer konstatierbaren Schlag getroffen worden war. Der Schlag hat sich aber schon tagelang vorbereitet, wie Sie sehen, denn das geschieht natürlich auch nicht auf einmal; der Schlag hat sich in den feineren Organen tagelang vorbereitet. Da hat er in seinem Innern gesehen — geradeso wie der Windom im letzten Momente sieht, wie das Gift durch seine Adern geht, das durch irgendwelche Nahrungsmittel hereingekommen ist —, da hat er gesehen: mein Körper ist im Absterben. Man kann äußerlich natürlich lange herumgehen, gar nicht verändert, im Innern bereitet sich der Tod schon vor. Das hat er gesehen, und dadurch ist er nervös geworden. Daß er sich in die Hand gestochen hat, war bloß die Nervosität. Er hätte sich gar nicht gestochen, wenn er nicht im Innern so nervös gewesen wäre. Weil er sich das nicht im Innern klar gemacht hat, hat er es vorher nicht gewußt. Jetzt, wo er sich gestochen hat, hat er gesagt, was er natürlich vorher nicht sagen konnte - es sagt auch keiner: ich fühle es in meinem Innern, daß der Tod herankommt, wenn er sich sonst als ein gesunder Mensch fühlt -, aber das hat er jetzt gesagt, was er eigentlich ganz falschen Ursachen zugeschrieben hat: Von dem Federstich sterbe ich! - Das war nicht eine Autosuggestion, denn er wäre in der nächsten Nacht auf jeden Fall gestorben. Nur ist er nervös geworden und hat sich die Feder in die Hand gestochen, und dadurch ist der Gedanke in einer ganz falschen Form bewußt geworden. Er hat die Ärzte konsultiert; aber selbst Schleich, der ein ganz gescheiter Mann war, glaubte nicht daran, glaubte, daß eine Autosuggestion vorliege. Er glaubte also, daß der Mann sich den Tod selber eingeredet hätte. Das ist aber ein Unsinn. Die Todesursache war da, und dieser Federstich war erst die Folge der Nervosität.
Daraus sehen Sie aber, daß viel im Innern vorgeht. Und wenn man diese Dinge nicht ordentlich studiert, so kommt man einfach nicht zur Klarheit über den Menschenursprung und über die Art und Weise, wie der Mensch schon gelebt hat in der uralten Zeit, wo die Ichthyosaurier und die Plesiosaurier und die MegÄtherien in einer dicklichen Sauce herumgeschwommen sind. Man kommt gar nicht darauf, wie das alles zusammenhängt, wenn man nicht wiederum zurückgeht und den Menschen ordentlich studiert. Man muß den Menschen ordentlich studieren.
Da aber muß man wieder viel zu Hilfe nehmen. In welchem Lebensalter sterben die allermeisten Menschen? Nun weiß man, daß die Säuglinge am häufigsten sterben in den allerersten Monaten, und allmählich nimmt die Sterblichkeit ab. Die Kinder bekommen noch ihre Kinderkrankheiten bis ungefähr zum Zahnwechsel. Und dann, wenn die Menschen mehr vernünftig wären, würden während der Schulzeit die wenigsten Krankheiten kommen — manche sind aber auch durch falsches Sitzen und so weiter gekommen. Zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre kommen die allerwenigsten Krankheiten. Dann fängt es wieder an. Aber es ist ein großer Unterschied zwischen den Krankheiten, die im allerersten Kindesalter auftreten und denen, die dann in der Geschlechtsreifezeit auftreten. Wenn wir die Krankheiten nehmen, die die Kinder ruinieren im allerersten Lebensalter, so ist es erstens immer eine ganz bestimmte Art von Bluteiterung. Das Blut wird eiterig. Das Kind, das zarte Lebensverhältnisse hat, stirbt eben sehr bald, und daher wird das nicht konstatiert, was aus jeder solchen Eiterung würde. Das Kind würde eben die Gelbsucht bekommen. Wenn ein erwachsener Mensch die Sache kriegt, die das Kind kriegt, so kommt es eben bis zu der Gelbsucht, die man sogar in den meisten Fällen glattweg heilen kann. Aber das Kind bringt es gar nicht bis zur Gelbsucht, sondern stirbt schon vorher.
Eine Krankheit, die sehr viele Kinder bekommen, ist Durchfall. Und da stellt sich das Wichtige heraus: Wenn man einen solchen Durchfall beim Kind ebenso kurieren will wie beim erwachsenen Menschen, erreicht man dadurch nichts. Man muß durch ein Klistier behandeln, nur durch äußere Eingriffe, höchstens noch durch Umschläge, jedenfalls nicht durch Eingeben von Arzneimitteln. Da erreicht man nichts beim Kinde. Und so ist es, daß die Kinder die bekannten Schwämmchen kriegen, die Blasen, die aufsprießen, namentlich auf der Zunge, später die bekannten Kinderkrankheiten, die aus dem Inneren heraufsprießen, wie wenn das ganze Innere blühen würde, Scharlach, Masern und so weiter. Gewiß, diese Dinge können die alten Leute auch bekommen, aber vorwiegend sind sie doch Kinderkrankheiten. Und die Neigung zu diesen Kinderkrankheiten hört auf, wenn der Mensch die Zähne bekommen hat. Da kommen diese Krankheiten, die also vorzugsweise auch von außen behandelt werden müssen und bei denen man den Kindern sorgfältigste Diät geben muß, in dieser Art nicht mehr vor.
Wenn das Kind eiteriges Blut hat, so kann man eigentlich niemals so recht sagen, woher das kommt. Es kommt eben aus dem tiefsten Inneren des Kindes heraus. —- Eine oftmals vorkommende Kinderkrankheit sind ja die Krämpfe, die sogenannten Kinderkrämpfe.
Ganz anders geartet sind die Krankheiten, welche die Menschen bekommen, wenn sie geschlechtsreif geworden sind. Sie brauchen sich ja nur an die Krankheiten zu erinnern, die die Mädchen bekommen, wenn sie geschlechtsreif werden: Bleichsucht zum Beispiel. Da geht die Geschichte direkt vom Blut aus; da weiß man, daß der Körper das Blut nicht ordentlich ernährt. Wenn das Kind Bluteiterung kriegt, wird das Blut eben schlecht gemacht von etwas anderem im Innern. Wenn das Mädchen bleichsüchtig wird, wird direkt das Blut krank. Das ist etwas anderes, ob im Innern etwas sitzt, das das Blut krank macht, oder ob direkt das Blut krank wird, wenn das Blut beim Mädchen oder Knaben dick wird und sie nachher Hämorrhoiden bekommen.
Das sind also Tatsachen, daß der Mensch zweimal in seinem Leben vorzugsweise Krankheitsursachen ausgesetzt ist: zuerst in seinen ersten sieben Jahren, und dann in seinen dritten sieben Lebensjahren. Zwischendrinnen ist der Mensch zur Gesundheit veranlagt. Das ist eine wichtige Sache, daß der Mensch nicht immer in gleicher Weise zu Krankheit und Gesundheit veranlagt ist, sondern sehr unterschiedlich zu den verschiedenen Zeiten, und diese Krankheiten haben auch zu diesen verschiedenen Zeiten ganz verschiedenen Charakter. Das kann uns eben noch tiefer hineinweisen in das menschliche Innere, als uns dasjenige hineinweist, was wir schon besprochen haben. Dadurch, daß man es so betrachtet, lernt man die Organe kennen.
Sehen Sie, auf der einen Seite haben Sie den Mr. William Windom, der plötzlich anfängt, als es zum Tode geht, von seinen Organen zu sprechen. Auf der anderen Seite verraten uns die Krankheiten, wenn wir sieim ersten Kindheitsalter und im späteren Kindheitsalter betrachten, daß da verschiedenes vorgeht in den aufeinanderfolgenden Lebensaltern. Aber wir müssen lesen lernen, was im Menschen vorgeht. Wir müssen lernen zu lesen. Wenn zum Beispiel das Kind Schwämmchen im Munde kriegt, oder wenn das Kind rote Stellen an verschiedenen Stellen des Körpers kriegt, müssen wir lernen zu lesen, was da im Innern vorgeht. Und dann erst kann man eine wirkliche Menschenkenntnis entwickeln, wenn man lernt zu lesen. Und so ist es schon einmal: Wenn Sie einfach den Menschen, wenn er tot ist, auf den Seziertisch legen und nun das einzelne Organ sich anschauen, was, wenn man es herausschneidet, keinen besonderen Einfluß hat, zum Beispiel die Milz — das ist solch ein Organ, das herausoperiert werden kann, wenn es krank wird, und der Mensch kann ja wirklich etwas von der Operation haben, er wird dann eine Zeitlang gesünder sein, als wenn er seine kranke Milz drinnen hat -, ja, meine Herren, wenn Sie sich einfach die Milz anschauen, nachdem sie herausoperiert worden ist, dann finden Sie eben nicht den Unterschied heraus zwischen der Milz und, sagen wir, dem Magen. Wenn man natürlich dem Menschen den ganzen Magen ausschneidet, so hat er es sehr schwer. Es geht ja auch fast nicht. Auf sehr lange Zeit wird ein solcher Mensch mit künstlichem Magen nicht mehr geheilt sein. Aber es gibt eben Organe, die nicht entfernt werden können, zum Beispiel die Lunge und so weiter, und am wenigsten das Gehirn — da gibt es einen Punkt, wenn Sie da nur mit einer Nadel hineinstechen und Sie treffen gerade diesen Punkt, dann fällt der Mensch sofort tot hin.
Dieses Organ hat zum Beispiel auch der Elefant. Wenn Sie da hineinstechen und gerade dieses Organ treffen - man braucht es gar nicht herauszuschneiden -, fällt dieses ganze große Tier tot hin. Sie können natürlich einem Elefanten, wenn Sie wollen, die Milz herausschneiden: er lebt noch Jahre. Da bekommen Sie den Unterschied. Es ist eben nicht so einerlei, ob Sie dem Menschen die Milz oder den Blinddarm herausschneiden, oder etwas anderes. Um das einzusehen, dazu ist aber notwendig, daß man den Menschen richtig studiert. Nun erinnern Sie sich, daß ich Ihnen gesagt habe: Diese Gehirnviecherchen, diese Zellen, die ich Ihnen da hingemalt habe für die Erinnerung, die sind beim Kind noch weich, lebendig, und erst allmählich verhärten sie, so daß diese Gehirnzellen erst in den ersten Kindesjahren, bis zum siebenten Jahre, verhärten müssen. Sie sind nämlich erst in der richtigen Verhärtung, wenn der Mensch durch den Zahnwechsel durchgegangen ist. Wenn nun der Mensch geschlechtsreif wird, dann werden nämlich die anderen Zellen, von denen ich Ihnen gesagt habe, daß sie sich durch das ganze Blut bewegen, später durch die Geschlechtsreife viel beweglicher — sie sind bis dahin wenigstens träge, und gehen träge durchs Blut bis zur Geschlechtsreife. Man hat zweimal Gelegenheit, krank zu werden: das eine Mal, wenn der Körper, eigentlich die Seele im Körper, sich Mühe geben muß, um die Gehirnzellen ordentlich steif zu machen bis zum siebenten Jahre hin. Auf der anderen Seite, wenn sie sich bei der Geschlechtsreife Mühe geben muß, um diese Tiere, die da herumschwimmen im Blute, beweglich zu machen.
Wenn man das äußerlich beschreiben wollte, könnte man sagen: Denken Sie sich, Sie bauen ein Haus und Sie verwenden einen Mörtel, der nicht richtig hart wird — es geht nicht. So ist es, wenn die Gehirnzellen nicht in der richtigen Weise erhärtet werden. Und das ist bei jenen Kindern der Fall, die diese oder jene Krankheit kriegen. Wir wollen diese Krankheitsursachen das nächste Mal noch weiter beschreiben. Nach der Geschlechtsreife hat man es zu tun mit einer ganzen Herde, riesigen Herde von Millionen solcher weißen Blutkörperchen. Die sind bis dahin träge, und wenn es eine richtige Herde wäre, eine Millionenherde, müßten schon sehr viele Hirten dahinter sein, die antreiben, damit sie fleißiger werden. Ja, dieses Antreiben muß da sein. Wenn es nicht da ist, kommt Bleichsucht heraus. Und so hängt es von diesen Dingen ab, daß im ersten Kindesalter der eine Ausgangspunkt ist für eine gewisse Art von Krankheiten, und im letzten Kindesalter, im Geschlechtsreifwerden, der andere Ausgangspunkt.
Aber so muß man den Menschen studieren, dann kommt man allmählich darauf, wie die Dinge zusammenhängen. Überhaupt, Sie können auch im sozialen Leben nichts machen, wenn Sie nicht diese Tatsachen der Naturwissenschaft kennen.