Health and Illness, Volume II

GA 348 — 20 January 1923, Dornach

Fünfzehnter Vortrag

Es sind Fragen darüber gestellt, wie es kommen könne, daß in einer Familie vier stumme Kinder neben sprechenden, normalen Kindern geboren werden konnten. Der Vater der Kinder habe in seiner Jugend Vögeln die Zunge ausgerissen; ob das die Strafe dafür sein könne, daß er nun die vier stummen Kinder habe.

Ferner: daß so viel jetzt die Gehirngrippe auftrete, wobei die Leute doppelt sehen; woher das komme.

Dr. Steiner: Sind die Kinder, die nicht reden können, in dieser Familie hintereinander geboren, oder die andern dazwischen?

Fragesteller: Ja, die Kinder, die nicht reden können, sind hintereinander geboren.

Dr. Steiner: Es ist eben schwer, über einen solchen Fall zu reden, wenn man ihn nicht ganz genau kennt. Über den Fall mit der Gehirngrippe werden wir gleich nachher reden. Aber dieser andere Fall ist sehr schwer zu beurteilen, wenn man ihn nicht ganz genau kennt. Es hängt sehr viel davon ab, ob zum Beispiel ein redendes Kind zwischen stummen Kindern geboren worden ist, oder ob von einem bestimmten Zeitpunkt ab zuerst die redenden da waren und nachher die stummen oder zuerst die stummen und nachher die redenden, oder ob sie durcheinander gemischt sind. Denn die Stummheit der Kinder kann natürlich von allem möglichen kommen. Und wenn das stimmt, daß die Kinder wirklich hören, also nur stumm sind, nicht taubstumm — worüber man sich manchmal auch täuscht natürlich -, wenn sie wirklich hören, wenn es also im Sprachapparat liegt, dann handelt es sich darum, darauf zu kommen, in welcher Weise Vater oder Mutter darauf einen Einfluß haben könnten.

Aber ohne genau einen solchen Fall zu kennen, ist es eigentlich leichtsinnig, darüber zu reden. Was man dabei wissen müßte, ist: Wie alt ist die Mutter und wie alt ist der Vater? Denn es kommt sehr viel darauf an, ob die beiden Eltern schon älter sind, wenn sie Kinder kriegen, oder ob sie noch junge Leute sind. Dann kommt es etwas darauf an, ob die Mutter älter ist oder der Vater. Davon hängt sehr viel ab.

Dann, nicht wahr, kommt es darauf an, was die beiden für einen Charakter haben. Und vor allen Dingen, ob in einem solchen Fall, wo, wie Sie sagen, der Betreffende in seiner Jugend Vögeln die Zunge ausgerissen hat, ob das irgendwie in Betracht kommt, das kann man erst beurteilen, wenn alle anderen Fragen entschieden sind, denn das kann nur soweit in Betracht kommen, als der Betreffende vielleicht in seiner Jugend grausam war. Die Grausamkeit als solche, die Eigenschaft als solche, die kommt in Betracht. Von einer Strafe zu reden, ist in dem Falle nicht nur ausgeschlossen, weil es solche Strafen erstens nicht gibt, und zweitens, es wäre ja keine Strafe für den Vater! Wenn man sagen würde, daß der Vater dadurch für seine Grausamkeit bestraft würde, käme mir das so vor, wie es wäre, wenn ein Junge sich seine Hände erfriert und sagt: Es geschieht meinem Vater schon recht, warum hat er mir keine Handschuhe gekauft! — Also, wenn jemand so furchtbar schwer betroffen wird wie die vier Kinder, so ist das ja nicht eine Strafe für den Vater; der ist ja viel weniger betroffen als die vier Kinder, obwohl bei ihm mehr die Grausamkeit in Betracht kommt.

Da muß man wiederum ganz bestimmte Dinge berücksichtigen. Mit dem Alter der Kinder, sehen Sie, da ist es so: Wenn man irgendwie als Junge eine Eigenschaft entwickelt, sagen wir zum Beispiel einfach, man entwickelt als Junge eine Eigenschaft mit elf Jahren, Grausamkeit oder so etwas ähnliches, so kommt immer ein Anfang davon wiederum ungefähr nach dreieinhalb Jahren; so daß also der Betreffende diese Grausamkeit, die Neigung zur Grausamkeit mit vierzehneinhalb, fünfzehn Jahren wieder bekommt, dann mit achtzehn Jahren wiederum, mit einundzwanzigeinhalb Jahren und so weiter.

Und denken Sie sich, wenn in einem solchen Zeitraum, der da einen neuen Anfang zeigt, die Befruchtung eintritt, so kann die Befruchtung geradezu selber so eine Art Grausamkeit sein, und dann kann sie natürlich schädlich wirken. Alle solche Sachen können natürlich auf diesem Umwege durchaus in Betracht kommen. Aber das kann man erst dann behaupten, wenn alle anderen Dinge ausgeschlossen sind. Nicht wahr, ich habe Ihnen ja gesagt, was für ein Unterschied ist zwischen Wintergeburten und Sommergeburten. Nun müßte man also im Alter der Kinder richtig herausbekommen, ob die früheren Geburten vielleicht Sommergeburten gewesen sind oder Wintergeburten und so weiter.

Deshalb sagte ich: Derjenige, der gewissenhaft an die Dinge herangeht, der muß den Fall ganz genau kennen. Also wenn Sie einmal den Fall ganz genau kennen, können wir darüber reden. Ich würde es sehr gern tun. Zum Beispiel wissen Sie ja nicht, ob die vier Kinder die älteren oder die jüngeren sind. Das muß man ganz genau wissen, ob also gewissermaßen diese Neigung, stumme Kinder hervorzubringen, später geheilt worden ist, oder erst eingetreten ist, nachdem die vier redenden Kinder geboren waren. Dann müßte der Grund nach dem vierten Kind liegen. Also man müßte das alles erst ganz genau kennen.

Was nun die andere Frage betrifft, so hängt das mit allen Erkrankungen zusammen, die den menschlichen Kopf oder die oberen Brustorgane befallen, zum Beispiel die Bronchitis, aber auch namentlich solche Krankheiten meine ich, wie Diphtherie, und dann die Grippe, die jetzt so furchtbar ist. Diese Krankheiten betreffen den oberen Teil des Menschen. Und die haben eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit, diese Krankheiten. Sie sind am besten zu studieren, wenn man auf die Diphtherie eingeht, denn an der kann man eigentlich am meisten lernen.

Sie wissen ja selber, über die Grippe wissen die Menschen, die heute im gewöhnlichen Sinne Medizin studieren, nicht viel, und daher sind die Beschreibungen der Ärzte über die Symptome, die bei der Grippe auftreten, sehr ungenau. Wenn ich solche Grippekranke selber sah, mußte ich immer auf anderes achten als auf diejenigen Symptome, auf die die Ärzte geachtet haben, weil die Grippe eigentlich eine ganz bestimmte Gehirnerkrankung ist. Die Grippe ist eigentlich eine Gehirnerkrankung! Ich werde gleich nachher darüber reden.

Bei der Diphtherie nun muß man auf die folgenden Dinge besonders Rücksicht nehmen. Erstens, wenn Sie hinschauen bei einem diphtheriekranken Kind — aber Sie wissen ja, daß auch die Erwachsenen die Diphtherie kriegen —, sehen Sie solche Häute im Schlund drinnen. Diese Häute, Hautbildungen, die sind es, an denen man gewöhnlich in der Diphtherie erstickt. So ist also das erste Wichtige diese Hautbildung. Das zweite Wichtige aber bei der Diphtherie ist, daß man bemerkt, daß das Herz bei einem Diphtheriekranken immer etwas angegriffen ist. Das Herz will nicht recht funktionieren. Das dritte aber bei einem Diphtheriekranken ist das, daß wenn er auch noch nicht von den Häuten zu stark geplagt ist, er schlecht schlingen kann. Er hat eine Art Schlundlähmung. Er ist gelähmt, der Schlund. Das ist außer den Häuten, extra, daß der Schlund gelähmt ist. Und dann tritt bei den Diphtheriekranken das ganz Ähnliche auf, was Sie jetzt auch bei den Grippekranken haben: er fängt an zu schielen und doppelt zu sehen. Das tritt bei der Diphtherie auf. Das sind die wichtigsten Erscheinungen bei der Diphtherie, die man bemerkt im oberen Teil des Körpers.

Dann tritt gerade bei solchen Diphtheriekranken, die gesund werden — denn wenn er gleich erstickt, kann man die Sache nicht beobachten —, eine Art Nierenerkrankung auf. Das ist dasjenige, was noch nachkommt.

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Worinnen besteht die eigentliche Diphtherie-Erkrankung? Man versteht Diphtherie-Erkrankungen nur, wenn man weiß, daß der Mensch eigentlich von zwei Seiten her lebt. Der Mensch lebt erstens von seiten seiner Haut. Die Haut ist ein ungeheuer wichtiges Organ. Und von der Haut, von seiner Umgebung, lebt er eigentlich nach innen. Das ist so (siehe Zeichnung): Sie haben hier die Haut, ich habe ja schon darüber geredet. Die Haut ist fortwährend mit der äußeren Luft, mit der Außenwelt in Berührung. Dadurch wird die Haut immerfort hornartig. Bei den Menschen wird sie nur wenig hornartig und schuppt sich dann ab. Der Mensch schuppt ja am ganzen Leibe fortwährend ab. Er wechselt fortwährend seinen physischen Körper aus. Das ist Einmischung von außen. Sie können sich denken, was das, was in der Luft ist, für einen Rieseneinfluß auf den lebendigen Körper hat, wenn Sie folgendes betrachten. Denken Sie sich einmal, da sei Wasser, und ein Wesen lebe nun ganz im Wasser drinnen. Wenn ein Wesen ganz im Wasser drinnen lebt, dann bildet sich die Haut sehr weich aus. Das Wasser selber bewirkt, daß sich die Haut ganz weich ausbildet. Und namentlich durch den Einfluß des Sonnenlichtes zieht sich alles dasjenige, was weiche Haut ist, nach vorne, und das Wesen im Wasser wird ein Fisch. Sie können beim Fisch die Kiefer kaum sehen, denn die sind von Haut fest bedeckt (siehe Zeichnung, links).

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Denken Sie sich jetzt, das Wesen lebe nicht im Wasser, sondern in der Luft. Wenn das Wesen in der Luft lebt, wenn das da hier die Luft wäre (Zeichnung rechts), so kann das Wesen, das in der Luft lebt, die weiche Haut nicht so ausbilden. Nun denken Sie sich, wenn bei dem Wesen, das im Wasser lebt, die weiche Haut sich nicht ausbilden könnte, so würde innen kein Kiefer da sein; der ganze innere Kiefer würde nach außen liegen, und es wäre ein Vogel. Der Fisch ist einfach im Wasser so, daß er mit der weichen Haut seinen Kiefer bedeckt. Der Vogel ist dadurch, daß er in der Luft lebt, mit verhorntem Kiefer, mit ganz nach außen gelegenem Kiefer gebildet. Daran sehen Sie, was für ein Einfluß von außen auf das Lebewesen ausgeübt wird. Und beim Menschen ist es ja so, daß er durch wiederum andere Organe weiche Haut ausbilden kann, daß aber diese weiche Haut immer abgeschuppt wird, abgearbeitet wird.

Nun denken Sie sich, außer dem, außer diesem Leben von außen nach innen, geht ein Leben von innen nach außen; das geht namentlich von den Nieren aus, von innen nach außen. Beides muß tätig sein im Menschen. Fortwährend muß von der Haut von außen nach innen gearbeitet werden, und von den Nieren muß von innen nach außen gearbeitet werden. Und das Herz, das steht zwischendrinnen. Das spürt ganz genau, ob zu viel Tätigkeit von außen oder innen ist. Wenn die Nieren anfangen, zu stark tätig zu sein, spürt das das Herz. Wenn die Haut anfängt, zu stark oder zu schwach tätig zu sein, spürt das das Herz auch.

Und was geschieht bei der Diphtherie? Bei der Diphtherie fängt plötzlich die Haut an, zu schwach tätig zu sein. Es ist einfach zu schwache Tätigkeit, der Mensch entwickelt zu wenig Auswechslung der Luft durch die Haut. Das ist sogar die Hauptsache dabei. Er entwickelt zu wenig Auswechslung der Luft durch die Haut, durch die Haut der Nase auch, was auch an der Außenwelt ist. Also die Hauttätigkeit wird eine zu geringe. Dadurch gehen diese Strahlungen, die ich da aufgezeichnet habe, nicht ordentlich. Das Herz spürt das. Das Herz spürt, daß die Nieren herauf arbeiten. Aber was tun diese Nieren? Das Herz kann nun diese Nierentätigkeit nicht mehr aufhalten; die Nierentätigkeit schießt nach oben. Lange bevor die Nierenentzündung entsteht, die Nieren sich entzünden, schießt schon die Nierentätigkeit nach oben. Und weil die Hauttätigkeit nicht richtig von außen wirkt, bildet sich im Innern eine überflüssige Haut. Das ist die Haut (siehe Zeichnung S. 269), die sich im Innern bilder. Also weil die Hauttätigkeit von außen nicht in Ordnung ist, bildet sich von innen eine überflüssige Haut. Und die füllt alles aus, weil die Nierentätigkeit zu stark ist.

Nun, sehen Sie, wenn ein Mensch eine Nierenschrumpfung bekommt — das gibt es ja, daß der Mensch zu wenig Nierentätigkeit entwickelt und dann die Nieren zusammenschrumpfen -, dann können Sie ihn immer da (am Kopfe) angreifen, und Sie werden sehen, daß hier der Kopf einsinkt. Zwischen den Nieren und dieser Partie des Kopfes ist nämlich ein Zusammenhang. Sobald die Nierentätigkeit nicht ordentlich ist, sinkt da der Kopf ein. Sie können bei jedem Menschen, der nierenkrank wird, sehen, daß der Kopf einsinkt. Da drunter aber liegt der Sehnerv. Wenn der Kopf einsinkt, wird der Sehnerv untätig. Bei der gewöhnlichen Nierenschrumpfung fängt der Mensch an, undeutlich zu sehen. Wenn aber nicht Nierenschrumpfung eintritt, sondern Nierenentzündung im Anzug ist, dann schießt die Nierentätigkeit in den Kopf herauf und übt einen Einfluß aus auf die Sehnerven.

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Nun, sehen Sie, die Sehnerven sind so: Denken Sie sich, ich schaue die ganze Geschichte von oben an, gucke also auf den Kopf drauf (siehe Zeichnung), so habe ich hier den Kopf, da ist dann das Gesicht, da sind die Augen. Der Sehnerv, der geht nach rückwärts. Aber sie kreuzen sich da, die zwei Sehnerven. Dann gehen sie in das Hinterhirn. Und hier ist die Sehnervenkreuzung; also die zwei Sehnerven, die kreuzen sich da drinnen. Und es muß der Sehnerv ganz in Ordnung sein, wenn wir, weil wir mit zwei Augen sehen, einfach sehen sollen. In dem Augenblicke, wo die Sehnerven, die sich kreuzen, nicht ganz in Ordnung sind, sehen wir doppelt. Also die Sehnerven brauchen nur ein bißchen gelähmt zu sein und nicht ordentlich eine Kreuzung auszuüben, so sehen wir doppelt. — Sie wissen ja, wie einer, der gerne etwas trinkt, unterscheiden kann, wenn er nach Hause kommt, ob er noch imstande ist oder nicht: er legt sich ins Bett, legt seinen Hut auf die Bettdecke; wenn er den Hut einfach sieht, ist er noch in Ordnung, wenn er ihn doppelt sieht, ist er nicht mehr in Ordnung! Das ist ja sehr leicht zu machen. — Also schon der gewöhnliche Alkoholrausch lähmt die Sehnerven ab, weil das Blut zu rege durchgeht, und die Folge davon ist, daß der Betreffende dann doppelt sieht, wenn er genügend Alkohol in sich hat.

So wirkt auch diese Nierentätigkeit belebend auf die beiden Sehnerven, und wirken sie bei der Sehnervkreuzung nicht ordentlich ineinander, so sieht der Mensch doppelt. Das ist zum Beispiel bei der Diphtherie der Fall. Sie sehen also daraus, daß die Diphtherie davon herrührt, daß die Hauttätigkeit nicht in Ordnung ist. Daher wird die zukünftige bessere Heilung der Diphtherie darinnen bestehen, daß man vor allen Dingen den Diphtheriekranken in der richtigen Weise wird mit Bädern behandeln müssen, ihn sogleich in solche Bäder wird bringen müssen, die stark die Hauttätigkeit anregen. Und dann wird die Membranbildung, diese Hautbildung, aufhören und der Mensch wird wiederum in eine geregelte Hauttätigkeit hineinkommen.

Die Serumbehandlung ist zwar wirksam bei der Diphtherie, weil man dem Körper einen starken Anstoß gibt, daß er tätig ist, aber sie hat ungünstige Folgeerscheinungen. Namentlich, wenn man ein Kind mit Serum behandelt, so wird es später hart in seiner Organisation werden. So daß man eigentlich nach und nach wird anstreben müssen, die Serumbehandlung durch Bäderbehandlung, namentlich bei der Diphtherie, zu ersetzen. Diphtherie beruht eben durchaus auf einer nicht richtigen Hauttätigkeit. Und man kann dann sehen, wie die Hauttätigkeit eigentlich besonders berücksichtigt werden muß.

Daß heute die Diphtherie häufiger ist, als sie früher war, das kann man schon sagen. Man muß natürlich nicht auf Jahrzehnte sehen, sondern auf Jahrhunderte. Aber nach allem, was man wissen kann von früheren Zeiten — es hat ja natürlich viel schlimmere Krankheiten gegeben, die Menschen sind von der Pest und Cholera heimgesucht worden -, war die Diphtherie seltener. Das hängt damit zusammen, daß überhaupt die europäische Lebensweise nach und nach darauf hingeht, die Hauttätigkeit gar nicht mehr zu unterstützen. Gewiß, die Leute, die das Geld dazu haben, die baden viel und so weiter, aber es kommt darauf an, in was man badet. Und daß die Zivilisation nach dieser Richtung nicht gut wirkt, das können Sie daraus sehen, daß heute wirklich viel mehr Glatzköpfe herumgehen als früher. Der Haarwuchs ist auch eine Tätigkeit von außen. So wie Pflanzen auf dem Boden wachsen, so ist der Haarwuchs von außen. Und es ist schon so, daß heute auf die Hauttätigkeit viel zu wenig geachtet wird. Glauben Sie nicht, daß das Kaltbaden, das die Engländer heute üben, gar zu gut wirkt. Es kommt darauf an, in was man badet. Und wenn der Mensch gar zu sehr eine starke Hauttätigkeit herbeiführt durch überflüssiges Baden, so ist das auch nicht richtig. Also man muß vor allen Dingen bei der Diphtherie danach trachten, eine richtige Hauttätigkeit hervorzurufen.

Das hängt auch wiederum mit dem zusammen, was auf die Nachkommenschaft wirkt. Denken Sie sich einmal, gerade Vater oder Mutter haben eine Haut, die zu träge ist, daher nicht stark genug abschuppt. Also sagen wir zum Beispiel, der Vater hat eine Haut, die nicht stark genug abschuppt. Das ist sehr schwer zu konstatieren, denn da muß man schon einen sehr feinen Blick haben für die menschlichen Eigentümlichkeiten. Der gewöhnliche Laie kann das gar nicht so gut beurteilen, ob einer ein Hornhäuter ist oder nicht. Es gibt eben Menschen, die haben eine viel härtere Haut als andere. Daß man das schwer beurteilen kann, das sehen Sie schon daraus, daß eigentlich die Haut durchsichtig ist. Die sich abschuppende Haut ist in verschiedenen Farben zu sehen. Das rührt davon her, daß wir das Darunterliegende sehen. Unsere Haut ist eigentlich durchsichtig. Nehmen wir an, der Vater wäre ein Hornhäuter, so eine Art Nilpferd, nicht wahr, aber das ist natürlich nur ganz radikal gesprochen, und dadurch, daß die Haut härter ist, als sie sein soll, dadurch wird nach der anderen Seite stark die Knochentätigkeit beeinflußt. Aber Sie wissen aus dem, was ich neulich gesagt habe, daß von der Knochentätigkeit die Erzeugung des Blutes abhängt, daß also die weißen Blutkörperchen dadurch, daß der Mensch ein Hornhäuter ist, zu schwach erzeugt werden. Das beeinflußt den männlichen Samen, und die Kinder werden von vornherein schwach. So daß man sagen kann: ist der Vater ein «Nilpferd», dann wird unter Umständen das Kind mit einer Rachitis, mit einer Englischen Krankheit geboren, dann wird das Kind schwach und ist namentlich auch der Tuberkulose ausgesetzt. So hängen die Dinge zusammen.

Hat der Vater eine zu weiche Haut, was man namentlich dadurch bemerken kann, daß sie bei Angst und so weiter sehr leicht sich rötet, hat also der Vater eine weiche Haut, dann werden wiederum seine Knochen zu hart. Das schadet aber wenig.

Hat aber die Mutter eine zu weiche Haut, hat die Mutter eine Haut, die zwischen Erröten und Erblassen sehr hin- und herschwankt, dann werden bei der Mutter die Knochen zu hart, und dann werden die roten Blutkörperchen nicht richtig erzeugt, und das Kind wird dadurch die Neigung bekommen zu allen möglichen Erkrankungen wie Rheumatismus schon in früher Zeit, und namentlich auch zu solchen Stoffwechselkrankheiten wie Masern und Scharlach und so weiter. Also so hängen schon einmal die Sachen zusammen.

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Nun die Grippe. Sehen Sie, die Grippe, die geht eigentlich aus von einer richtigen Gehirnkrankheit. Und zwar wird schwach bei der Grippe gerade dasjenige Organ — wenn ich hier jetzt das von der Seite zeichne, die Sehnerven so andeute (siehe Zeichnung) —, das unter dem Sehnerv liegt; das wird so krank, daß es eine Art von Lähmung hat. Davon geht eigentlich die Grippe aus. Die Grippe besteht in einer Lähmung desjenigen Gehirnteiles, der ganz in der Nähe des Sehnervs liegt. Das erste, was dadurch bewirkt wird, ist, daß, weil diese Stelle im Gehirn eine sehr wichtige ist, eigentlich ein Einfluß ausgeübt wird auf den ganzen Körper. Sehen Sie, die gewöhnliche Grippe, die verläuft so, daß ausgehend von diesen Gelähmtheiten im Gehirn irgend etwas im Menschen krank wird. Vor allen Dingen - es geht ja gleich hier ins Rückenmark — fängt das Rückenmark an, angesteckt zu werden. Die Nerven gehen von da aus nach allen Gliedern. Der Mensch bekommt Gliederschmerzen und so weiter.

Neulich ist einmal ein interessanter Fall von Grippe vorgekommen, der sehr lehrreich war. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß das Gehirn nicht nur aus festen Bestandteilen besteht, sondern überall Gehirnwasser ist. Besonders nun in der Nähe von diesem Organ hier, das bei der Grippe gelähmt ist, gerade da ist viel Gehirnwasser. Der Grippefall von neulich, der war deshalb außerordentlich interessant, weil die betreffende Person nacheinander bekommen hat Lungenentzündung, Rippenfellentzündung, Bauchfellentzündung; alle möglichen Krankheiten sind aufgetreten, und immer, sagen wir, Lungenentzündung mit hohem Fieber, Fieberheruntergang, Rippenfellentzündung mit hohem Fieber, Fieberheruntergang, Bauchfellentzündung mit hohem Fieber, Fieberheruntergang nachher, also eine Art von allgemeiner Ablähmung und so weiter. Es war ein Grippefall, der ganz anders verlaufen ist, als sonst die gewöhnlichen Grippefälle verlaufen. Was war da der Fall? Sehen Sie, da konnte man überhaupt außerordentlich schwer studieren, wie der Fall eigentlich lag, wenn man die gewöhnlichen medizinischen Mittel anwendet. Nun hat man sich von der Person - sie ist vielleicht siebzehn Jahre alt, sie ist gesund geworden - erzählen lassen, wie ihre seelischen Funktionen während der Zeit gewirkt haben. Und als sie besser dran war, konnte man ganz merkwürdig folgendes konstatieren.

In dem Zimmer, in dem sie gelegen hat, haben die Leute, die Eltern und der Arzt, allerlei gesprochen, und sie dachten, sie können das sprechen, weil diese siebzehnjährige Person fortwährend in Fieberphantasien war. Sie hat auch während der Fieberphantasien gar nichts aufgefaßt. Aber als sie gesünder geworden war, konnte sie alles das erzählen, was im Zimmer gesprochen worden war. Sie hat es gewußt, sie konnte das erzählen. Man konnte das konstatieren. Die Auffassung war also nicht da, während sie diese starke Grippe hatte, die zu allen möglichen Krankheiten führte; aber im Gedächtnis ist es geblieben. Es bleibt eben vieles im Gedächtnis, was man im Momente gar nicht auffaßt. Das aber zeigt, daß bei ihr nicht dieser feste Bestandteil des Gehirnes gelähmt war, sondern die umschwimmende Flüssigkeit. Dadurch ist noch mehr der ganze Körper beeinflußt worden. Denn wenn das Feste gelähmt ist, dann müssen durch die Wirkungen des Festen auf das Rückenmark die weiteren Erscheinungen hervorgerufen werden. Aber das Wasser hier, das fließt fortwährend auf und ab durch den Kanal hier (siehe Zeichnung S. 275), so daß, wenn das Wasser hier krank ist, hier auch krankes Wasser entsteht. Aber das geht von dem Rückenmarkskanal in alle Glieder herein. Dadurch bringt es allmählich überall Entzündungen hervor. Aber wiederum dadurch, daß das Wasser, das Gehirnwasser entzündet war und nicht die festen Bestandteile, war auch mehr Kraft zur Gegenwirkung, zu der Heilung vorhanden, und — was eigentlich in diesem Falle fast wie ein Wunder war — die Person konnte gesund werden, trotzdem sie hintereinander alle möglichen Krankheiten gehabt hat.

Sehen Sie, bei einer solchen Erkrankung ist es das Wesentliche - man muß ja auch durch diese oder jene Mittel nachhelfen —, aber es ist das Wesentliche dabei, daß man vor allen Dingen den Körper in richtiger Ruhe läßt, also den Körper ins Bett legt und dafür sorgt, daß das Zimmer in der richtigen Weise immer eine gleichmäßige Wärme hat, gleichmäßiges Licht hat und so weiter, denn die Ruhe ist nicht nur dadurch herbeigeführt, daß ich mich ausstrecke, sondern ich bin auch unruhig, wenn ich jetzt Hitze habe und nachher gleich friere. Aber wenn man den Körper ganz sich selber überläßt, mit gleichmäßiger Wärme, gleichmäßigem Licht, dann kann er selbst die schlimmsten Anfälle, wie Lungenentzündung, Rippenfell-, Bauchfellentzündung, hintereinander aushalten. Der Mensch kann das. So daß es gerade bei den schlimmsten Krankheiten, die so etwas haben, wie ich es eben beschrieben habe, eigentlich mehr auf das richtige Pflegen ankommt als auf das Heilen. Das richtige Pflegen hat überhaupt einen ganz großen Wert.

Was das richtige Pflegen für einen Wert hat, das können Sie aus folgendem erkennen: Wenn irgendwo eine Entzündung oder Verletzung sitzt, so ist es das allerbeste, wenn man einfach über dem Glied irgendwo abbindet; aber man muß es richtig machen. Man muß irgendwo abbinden. Dadurch, daß man abbindet, wird sogleich die feinere Körpertätigkeit, die Äthertätigkeit in Bewegung gesetzt, und die Heilung tritt ein. Wenn also einer vorne an der Hand oder am Finger ein Geschwür hat, dann binde ich es ihm hinten meinetwillen ab, dann heilt das sehr schnell. Man muß überall im Körper selber die Heilkräfte aufrufen. Wenn man zum Beispiel, sagen wir, einen Diphtheriekranken hat — es ist natürlich verschieden, man muß immer den Menschen berücksichtigen, man muß den Menschen genau kennen, wenn man ihn heilen will, muß also einen Blick haben für die Art, wie der Mensch ist —, aber wenn man einen Diphtheriekranken hat, ist es am besten unter Umständen, man steckt ihn, sagen wir, in ein Rosmarinbad, so daß er den Rosmarin riechen kann. Wenn er nun richtig lang drinnen war in dem Rosmarinbad, immer wiederum, dann wird seine Hauttätigkeit gestärkt. Aber es muß so viel Rosmarin im Wasser sein, daß er während des Badens den Rosmarin immerfort riecht; dann wird die Hauttätigkeit angeregt, und der Betreffende kann ohne alle Serumbehandlung gebessert werden. Es handelt sich also darum, daß man die eigenen Körperkräfte durch die Heilmittel in der richtigen Weise aufrufen kann. Natürlich kommt da immer das, daß wenn irgend etwas nicht wirken kann, die Leute das dann gleich für ein schlechtes Heilmittel halten. Aber Sie müssen nur bedenken, bei manchen Menschen ist eben nichts zu machen, denn oftmals kommt das Heilmittel in einem Stadium zur Anwendung, wo eben nichts mehr zu machen ist, oder man müßte das Heilmittel so stark anwenden, daß eine Roßkur daraus wird; dann verträgt es der Mensch wieder nicht! Dann stirbt er infolge des Heilmittels.

Man muß eben bei der Grippe durchaus an der Tatsache festhalten, daß die Grippe eigentlich in ihrem Ursprunge eine Gehirnkrankheit ist. Es wird Ihnen auch wahrnehmbar gewesen sein bei der Grippe, daß beim Grippekranken immer eine Art Dusel vorhanden ist. Er kommt zum Dösen, weil eben das Gehirn gerade in seinen wichtigsten Teilen, in der Gegend unter dem Sehnerv, abgelähmt ist; da kommt er zum Duseln. Und nun können Sie auch begreifen, daß wenn gerade in den oberen Partien die Lähmung sitzt, dann wiederum die Sehnervkreuzung gelähmt wird, und der Mensch kann doppelt sehen. Also das ist dasjenige, was Ihnen zeigt, daß bei der Grippekrankheit es ganz natürlich ist, daß der Mensch auch zum Doppeltsehen kommt.

Man darf diese Sache überhaupt nicht unterschätzen. Ich hatte einmal einen Freund, der war dazumal dreißig Jahre alt, er war zehn Jahre jünger als ich. Der Betreffende schielte. Also da haben Sie den umgekehrten Fall. Bei der Grippe oder bei der Diphtherie fängt der Mensch deshalb, weil im Innern etwas nicht in Ordnung ist, vorübergehend zu schielen an. Dieser Mensch schielte also; er hat nicht gern gehabt, daß er schielte. Nicht wahr, es ist ja nicht jeder Mensch ganz ohne Eitelkeit. Er hatte also nicht gern, daß er schielte. Er hatte überhaupt so etwas in seinem Körper, daß die linke und die rechte Seite nicht recht zusammenwirkten. Darauf beruhte auch sein Schielen; deshalb schielte er und stotterte er. Das war ein und dieselbe Tatsache eigentlich, daß er schielte und stotterte. Manchmal ist er über das Schielen und Stottern ganz gut hinweggekommen. Aber es gibt ja auch Menschen, die nicht viel Mitgefühl haben mit solchen Menschen, die schielen und stottern, und die es ihnen immer vorhalten. Zum Beispiel sagte einmal jemand, der nicht viel Takt hatte, wie man sagt: «Herr Doktor, wie ist es mit Ihrem Stottern, stottern Sie immer oder nur manchmal?» Da,da konnte er kaum herausbringen: «N-n-nicht immer, n-n-n-ur w-wenn ich v-vor einem M-Menschen stehe, der m-mir t-t-total unsympathisch ist!»

Nun, sehen Sie, derselbe Mann konnte lange Gedichte vorlesen, ohne zu stottern. Wenn er also in innerlicher seelischer Begeisterung war, brauchte er nicht zu stottern. Aber ich will jetzt weniger von seinem Stottern reden, ich habe es nur erwähnt, weil es mit dem Schielen zusammenhängt. Er schielte, war also ein klein bißchen eitel und wollte das Schielen wegbringen. Nun wissen Sie ja, daß da Operationen ausgeführt werden, und daß also einfach, wenn die Augen so stehen (schielend), da ein Muskel durchschnitten wird. Dann ist das Schielen durch die Operation ja beseitigt.

Nun muß ich sagen: Da bei ihm dieses Schielen so tief im Körper saß, daß er auch zugleich stotterte, so hatte ich eine heillose Angst, als der Mann sich vornahm, er wolle sich das Schielen aboperieren lassen. Denn ich sagte mir: Wenn irgendeine Gehirnkrankheit auftritt, so schielt der Mensch vorübergehend; wenn einer, wie er, dauernd schielt, dann ist sein Gehirn zu diesem Schielen passend. Durchschneidet man ihm aber einmal äußerlich einen Muskel, und sitzt die Geschichte so tief, daß er außerdem stottert, dann wird ja der umgekehrte Weg eintreten: dann wird dadurch, daß man ihm das Schielen durch eine Operation wegbringen will, die Gehirnkrankheit erzeugt. Wenn die Gehirnkrankheit auf der einen Seite das Schielen vorübergehend erzeugt, so muß, wenn ich das Schielen von außen behebe und das so tief sitzt, daß er stottert, dann muß nur dadurch, daß ich das Schielen aufhebe, die Gehirnkrankheit erzeugt werden, das heißt, es wird einfach diese Partie, wo die Sehnerven sich kreuzen, ruiniert.

Nun, der Betreffende hat sich nicht abhalten lassen. Er hat sich das Schielen operieren lassen. Hätte man das damals ausgesprochen, daß man eine Angst hat vor einer Schieloperation, so wären sofort alle, die sich einbildeten, richtige Mediziner zu sein, bereit gewesen, zu sagen: man ist ein Idiot. Denn wenn man irgendwie da mitredet über etwas, was nicht in ihren Büchern steht, dann sagen die Leute, man sei ein Idiot. Ich habe natürlich auch, wie Sie sich denken können, so ein bißchen versucht, ihn davon abzubringen; aber ich konnte ihm nicht direkt sagen: Wenn du dich operieren läßt, dann könntest du eine Gehirnkrankheit kriegen. Das hätte er nicht geglaubt; denn alle Ärzte haben gesagt, das ist eine ganz leichte Operation. Und weil er wußte, daß ich eigentlich ein bißchen wenig erfreut war über seine Absicht, die Schieloperation vorzunehmen, sagte er mir nichts davon. Da kam er eines Tages mit der schwarzen Binde zu mir und sagte: «Sieh einmal; sehe ich jetzt nicht ganz gerade?» Ich hatte aber eine heillose Angst. Und siehe da, es vergingen nicht einmal zwei Wochen, da bekam der Mensch seine Gehirnkrankheit. Die Gehirnkrankheit wurde natürlich von dem Arzt nicht als Gehirnkrankheit erkannt, denn was weiß der gewöhnliche Arzt von diesen Zusammenhängen! Denn wie trat die Gehirnkrankheit auf? In den Fäkalien, in den Ausscheidungen war etwas Blut, das heißt, die Gehirnkrankheit trat in der Maske einer Darmkrankheit auf. Der Betreffende bekam eine Darmkrankheit. Das aber war nichts anderes als die Gehirnkrankheit, weil der Darm und das Gehirn, wie ich ausgeführt habe, zusammenhängen.

Als diese Geschichte auftrat und ich wußte, daß das von der Operation des Schielens herkam, hatte ich gar keine Hoffnung mehr. Der berühmteste Arzt dieser Stadt wurde geholt; der konstatierte Typhus. Was sollte er, wenn der Darminhalt Blut zeigt und diese eigentümliche, erbsensuppenartige Konsistenz, anderes sagen als: dann ist Typhus da, dann hat er einen Typhus. Wenn er also in den Fäkalien Blut hat, erbsensuppenartige Konsistenz und Blut — das ist gleich Typhus. Aber es war kein Typhus, sondern es war die Folgekrankheit, die Gehirnkrankheit, die eingetreten ist infolge des unrichtigen Operierens seines Schielens.

Da ist also der umgekehrte Fall gewesen. Der Betreffende starb bald darauf. Der Arzt, der ihn auf Typhus behandelt hatte, hatte ihn zu sich ins Spital genommen. Der Betreffende starb. Als ich dann hinkam, traf ich seinen Wärter. Und wie die Wärter so sind im Krankenhaus, begrüßten sie mich gleich damit, daß sie sagten: «Der Herr Professor hat Typhus aufgeschrieben. Der soll einen Typhus gehabt haben! So machen’s unsere Herren!» Ja, das Wärterpersonal glaubt nämlich am allerwenigsten an das, was die Herren da verkündigen!

Es ist zuweilen wirklich so, daß man sich schon aufregen kann über die Art und Weise, wie einseitig der menschliche Organismus behandelt wird. Denn das, was ich Ihnen jetzt erzähle, daß bei dem Betreffenden eine typhusähnliche Krankheit auftrat als maskierte Gehirnkrankheit infolge der Operation mit dem Schielen, das betrachtet jeder heutige Arzt, wenn ich es ihm erzähle, als eine idiotenhafte Sache. Er glaubt es nicht, weil er nicht den Zusammenhang im Körper wirklich kennt. Er kennt nur einen theoretischen Zusammenhang. Und dann entstehen ja solche Sachen wie die, die in der Anekdote ausgeführt sind - es ist eine Anekdote, aber es ist etwas Wahres daran —, daß also einer ins Spital gebracht wird, der Professor schaut ihn an, legt ihn in eine gewisse Abteilung und gibt dem Assistenten Aufträge, wie er ihn zu behandeln hat, und sagt: Morgen, wenn ich wieder komme, ist ja der Mensch tot. - Um den fragte er gar nicht mehr. Nach einigen Tagen sagte der Professor: Da ist ja noch einer in Nummer 15, der ist ja tot. — Nein, hieß es, dem geht es besser, der ist ja ganz gesund! - Dann haben Sie ihn falsch behandelt! - antwortete der Professor.

Nun, es ist natürlich eine Anekdote. Aber so ist es, wenn man an die Stelle der wirklichen Praxis die Theorie setzt. Praxis heißt: jeden einzelnen Fall beurteilen lernen. Und in dem Augenblick, wo man gefragt wird, was für ein Zusammenhang sei zwischen dem Doppeltsehen, das immer auf einer Art von Schielen beruht, und der Grippe, so muß man aufmerksam machen, wie auf der einen Seite bei der Grippe, die eine Art Gehirnkrankheit ist, eine Art Doppeltsehen bewirkt wird, und wie wiederum, wenn ein Mensch schielt, das seine Gründe hat, und wie, wenn das so tief sitzt, daß überhaupt links und rechts nicht zusammenpaßt, dann umgekehrt die Gehirnkrankheit erzeugt wird.

Alle Vorgänge im Menschen gehen nämlich von innen nach außen und von außen nach innen. Das ist so beim Menschen. Wird der Mensch schielend von innen, so kann er umgekehrt, wenn man das Schielen von außen vertreibt, im Innern krank werden, weil man es niemals mit einer einzigen Tätigkeit im Menschen zu tun hat, sondern mit zwei Tätigkeiten, die im Herzen einander begegnen. Das Herz ist dazwischen. Daher wird das Herz beeinträchtigt, wenn man von außen das Schielen vertreiben will; aber auch, wenn von innen etwas nicht in Ordnung ist, wird das Herz beeinträchtigt. Das Herz ist nicht eine Pumpe, sondern ein sehr feiner Apparat, der alles, was unrichtig ist, eigentlich wahrnimmt.

Nehmen Sie an, ich bekomme im Knie durch eine äußere Verletzung Wasser, oder durch irgendwelche Umstände, meinetwillen dadurch, daß ich trinke, bekomme ich Rheumatismus. Ja, dann ist die innere Tätigkeit nicht in Ordnung, dann entstehen an der Stelle Entzündungen. Dann ist das, was von innen kommt, nicht in Ordnung. Und Sie werden daher bemerken, daß in einem solchen Falle immer das Herz beeinflußt wird, daß das Herz nicht in Ordnung ist. So kann sowohl von innen nach außen, wie von außen nach innen die Herztätigkeit beeinflußt werden. Und bei allen Krankheiten, bei denen das der Fall ist, daß von innen nach außen, oder von außen nach innen etwas nicht richtig ist, bei all diesen Krankheiten wird man das immer im Herzen zum Ausdruck kommen sehen.

Aber man muß wirklich richtig den Zusammenhang wissen zwischen dem, was äußerer Vorgang ist und innerer Vorgang ist, wenn ein Mensch schielt oder stottert, wenn man bedenkt, was das bewirkt, wenn man es einfach vertreibt. Daher sind Schieloperationen immer daraufhin zu beurteilen, ob man sie ausführen darf oder nicht. Das ist das Wichtige. — Am nächsten Mittwoch wollen wir dann weiter sprechen.

German original of Diphtheria and Influenza—Crossed Eyes · ← Previous · Next →