Health and Illness, Volume II

GA 348 — 3 February 1923, Dornach

Siebzehnter Vortrag

Guten Morgen, meine Herren! Haben Sie sich seit dem letzten Mal etwas zu fragen überlegt?

Frage: Es wird noch weiter über die Wirkung von Absinth gefragt, und über Bienen und Wespen.

Dr.Steiner: Nicht wahr, die Frage nach der Einwirkung des Absinth haben wir soweit besprochen, daß ich Ihnen sagte: sie ist ja ähnlich dem Alkoholeinfluß. Nun möchte ich, wenn wir auf diese Frage noch näher eingehen wollen, einiges überhaupt über weitere Einflüsse auf den menschlichen Körper sagen. Wir müssen uns nämlich darüber klar sein, daß wir nicht bloß von den festen Bestandteilen des menschlichen Organismus, des menschlichen Körpers sprechen können. Die festen Bestandteile, sagte ich Ihnen, sind ja eigentlich nur höchstens zehn bis zwölf Prozent. Wenn wir also den menschlichen Körper in irgendeinem Buch gezeichnet finden, so kann man ja nur so zeichnen, daß man die festen Bestandteile zeichnet. Da hat man so den Glauben, daß der Mensch nun aus seinem Gehirn, seiner Lunge, dem Herzen und so weiter bestehe, und daß er eigentlich aus lauter solchen festen Bestandteilen zusammengesetzt sei. Aber ich habe Ihnen gesagt, daß der menschliche Körper schon zu ungefähr achtundachtzig Prozent, könnte man sagen, eigentlich aus Flüssigkeit, aus wässeriger Flüssigkeit besteht.

Daraus werden Sie aber auch sehen, daß das nur zum Teil richtig ist, wenn wir sagen: Wir trinken zum Beispiel Wasser, und das Wasser enthält allerlei Dinge aufgelöst, und dann kommt das Wasser in den Magen, von da aus in die Gedärme und so weiter. Das ist nur zum Teil richtig. Wenn wir ein kleines Glas Wasser trinken, so können wir, wie ich Ihnen schon sagte, uns vorstellen, daß das wirklich so vor sich geht. Aber beim zweiten Glas Wasser, da ist das schon so, daß dasjenige, was im Wasser ist, von dem Flüssigen des Körpers aufgenommen wird und nicht durch alle Organe erst in der, ich möchte sagen, vorgeschriebenen Weise durchgeht.

Nun ist es aber so, daß dasjenige, was in uns feste Bestandteile sind, am wenigsten der ganzen Umgebung ausgesetzt ist. Natürlich, wenn wir zum Beispiel unser festes Herz ansehen, so wird es, indem der Puls geht, größer, kleiner und so weiter; aber im ganzen behält es denselben Umfang und bleibt, wie es ist. Wenn wir dagegen bedenken, daß wir ausgefüllt sind mit Flüssigkeit — ja, meine Herren, auf Flüssigkeit hat alles mögliche in der Welt Einfluß! Sie wissen, wenn wir eine ganz kleine Menge Flüssigkeit nehmen, so bekommt sie Tropfenform, wird ein Tropfen, weil die ganze Welt rund ist und auf jeden einzelnen Tropfen wirkt. Dadurch, daß wir flüssig sind, wirkt eigentlich die ganze Welt auf uns. Und nur dadurch, daß die neuere Wissenschaft gar nicht mehr richtig berücksichtigt hat, daß der Mensch eigentlich eine Flüssigkeitssäule ist, hat sie vergessen, daß die ganze Welt, mit allen Sternen und mit allem, einen Einfluß hat auf den Menschen. Man hat einfach diesen Einfluß auf den Menschen vergessen.

Wenn man weiß, daß der Mensch eben eine Flüssigkeitsmasse ist, so wird man auch nicht weit davon sein, sich zu sagen: Ja, aber ich bin ja auch Luft. Ich sauge fortwährend die Luft ein und atme sie wiederum aus. Ich bin also auch Luft. Und dadurch, daß die Luft in mir in fortwährender Bewegung ist, dadurch bin ich eigentlich Mensch. Nur dadurch, daß der Mensch in dieser Weise zusammengesetzt ist, ist es möglich, daß er eigentlich ein geistig-seelisches Wesen ist. Wenn wir nur fest wären, könnten wir ein geistig-seelisches Wesen eigentlich gar nicht sein.

Nun hat aber alles auf den Menschen einen ganz bestimmten Einfluß. Sehen Sie, Sie werden schon von der sogenannten Bleivergiftung gehört haben. Ich habe Ihnen ja von den verschiedensten Vergiftungen schon gesprochen. Ja, meine Herren, wenn jemand zuviel - und dieses Zuviel braucht nur ganz wenig zu sein, aber zuviel muß es eben für seine Verhältnisse sein —, wenn jemand zuviel Blei in seinen Körper hineinbringt, dann wird er eben zu fest. Dann werden diese festen Bestandteile, ich möchte sagen, kalkartig. So daß der Mensch, wenn er eine ganz geringe Menge Blei — denn bei Bleivergiftungen braucht nur eine ganz geringe Menge vorhanden zu sein - in seinen Körper hineinbringt, zu fest wird. Wenn man also sieht, der Mensch fängt an, zu fest zu werden, er altert sogar unter der Bleivergiftung, man sieht Alterserscheinungen, dann muß man ihm in irgendeiner Form als Heilmittel Silber geben. Das macht ihn wiederum flüssig, das macht wiederum, daß er von den äußeren Einflüssen Wirkungen empfängt. Man kann also in irgendeiner Verbindung von Silber — die muß man dann entsprechend wählen - dem entgegenwirken. So hat auf den Menschen alles mögliche Einfluß.

Nun denken Sie einmal, daß ja die weibliche und die männliche Natur sehr verschieden voneinander sind. Die weibliche Natur hat sozusagen mehr das flüssige Element in sich. Man könnte also sagen, die weibliche Natur ist mehr zugänglich für alle äußeren Einflüsse, weil sie flüssiger ist. Die männliche Natur ist weniger zugänglich für die äußeren Einflüsse, weil sie mehr Gewicht legt auf das Feste im Menschen. So daß man sagen kann: Man kommt der weiblichen Natur bei gewissen Krankheiten — sagen wir, bei Bleivergiftungen — mehr bei, wenn man weniger Silber gibt; und der männlichen Natur muß man mehr Silber geben, weil sie schwer flüssig zu machen ist. Also Sie sehen, auf alles das im Menschen muß man ein großes Gewicht legen, und man kommt dadurch erst zu einem wirklichen Verständnis des Menschen. Sie sehen also, jede Substanz hat auf den Menschen einen ungeheuer starken Einfluß.

Das alles hängt aber wiederum zusammen mit derjenigen Beziehung des Männlichen und Weiblichen, die sich in den Vererbungsverhältnissen ausdrückt. Und diese Vererbungsverhältnisse sind ja außerordentlich kompliziert. Wie kompliziert diese Vererbungsverhältnisse sind, das können Sie daran sehen, daß es eine gewisse Krankheit gibt - man heißt sie die Bluterkrankheit -, die darinnen besteht, daß bei solchen Menschen das Blut nicht sofort gerinnt. Beim gewöhnlichen Menschen, der normal ist, gerinnt das Blut sofort, wenn es irgendwo an die Oberfläche kommt. Da wird gleich geronnenes Blut daraus. Das Blut ist leichtflüssig im Innern des Körpers; gerät es an die Oberfläche, wird es kompakt, fest, es gerinnt. Bei solchen Menschen, die die Bluterkrankheit haben, gerinnt das Blut nicht sofort. Es fließt flüssig aus einer kleinen Wunde heraus. Ja, es kommt sogar vor bei solchen Blutern, daß das Blut durch die Haut dringt. Mit solchen Blutern ist es nun schwer, Operationen auszuführen. Sofort, wenn man schneidet, dringt das Blut bei Blutern heraus. Während es bei anderen sofort etwas hart wird, bleibt es bei solchen bluterkranken Menschen flüssig, gerinnt nicht, und das bewirkt, daß sie sehr leicht verbluten können, wenn man irgend etwas operiert an ihnen. Also bei denen, die die Bluterkrankheit haben, ist es außerordentlich schwer, eine Operation durchzuführen, ohne daß sie dabei verbluten. Alle Augenblicke sieht man, daß da oder dort bei solchen Leuten, die die Bluterkrankheit haben, Blut herausfließt.

Nun gibt es etwas sehr Eigentümliches. Denken Sie sich, ein Mann hat die Bluterkrankheit. Er heiratet, bekommt also eine Frau, die keine Bluterkrankheit hat. Er kann ganz gesunde Kinder bekommen, die gar keine Bluterkrankheit haben. Nun, wenn er nämlich nur Knaben bekommt, so ist das nicht weiter schlimm, dann werden die Vererbungsverhältnisse irgend etwas Schlimmes nicht aufweisen. Denken wir aber, er bekommt ein Mädchen. Das Mädchen wächst heran, hat gar keine Bluterkrankheit. Es heiratet einen ganz gesunden Mann. Es entstehen Kinder. Die können nun die Bluterkrankheit haben! Sehen Sie, da liegt das Eigentümliche vor, daß die Bluterkrankheit sich nicht auf das weibliche Geschlecht überträgt, das heißt, die Töchter bekommen keine Bluterkrankheit, aber die Kinder von diesen Töchtern, auch wenn sie ganz gesunde Männer, keine Bluter, heiraten, bekommen die Bluterkrankheit. Also da geht die Bluterkrankheit durch die Frau einfach durch und überträgt sich auf die Nachkommen, ohne daß die Frau sie bekommt.

Also wir sehen, in was für einer komplizierten Weise sich die Verhältnisse im menschlichen Körper mit den Vererbungsverhältnissen vermischen. Es ist daher höchst gefährlich, wenn eine Tochter, die die Tochter eines Bluterkranken ist, heiratet; denn die Bluterkrankheit überträgt sich dann auf die Kinder, wenn sie auch von der Bluterkrankheit ganz gesund ist. Das zeigt Ihnen, wie stark man auf solche Verhältnisse Rücksicht nehmen muß.

Nun aber wird man ja allen diesen Dingen beikommen können, wenn man nur einmal die Medizin auf einen gesunden Boden stellt. Denken Sie einmal, man hat eine solche Tochter eines bluterkranken Menschen, und man greift da gleich, indem man der Sache richtig die Aufmerksamkeit zuwendet, richtig ein. Wie kann man eingreifen? Nun, bevor eine solche Frau Kinder bekommt, kann man ihr prophylaktisch, wie man das in der Medizin nennt, zur Vorsorge irgendein Bleiheilmittel beibringen. Und man kann auch dafür sorgen, daß der Mann dieses Bleiheilmittel bekommt, und man wird die Kinder davor schützen, die Bluterkrankheit zu bekommen.

Aber natürlich, wenn man die Medizin nur so verfahrend denkt, daß man immer sich sagt: Man wartet, bis einer die Krankheit zeigt, und dann fängt man an zu heilen - dann nützt das nichts. Die Medizin muß sozial werden. Die Medizin muß so werden, daß man auch Vorsorge trifft gegen das Entstehen von Krankheiten, die erst im Anzuge sind. Das kann man natürlich nicht machen, wenn die heutigen Vorstellungen herrschen. Denn natürlich suchen die Menschen gar nicht nach der Heilung einer Krankheit, die sie noch nicht haben, die sie aber durch die Vererbungsverhältnisse bekommen können. Und insbesondere ist es wichtig, daß bei einer Schwangerschaft, wenn nur irgendwie die Aussicht auf die Bluterkrankheit auftritt, irgendein Bleiheilmittel während der Schwangerschaft gegeben wird.

Das alles kann man aber nicht verstehen, wenn man nicht weiß, daß eigentlich physisch-materiell nur der feste Körper des Menschen ist — nur der ist materiell. Sobald man an das Flüssige herankommt, da wirkt drinnen eine viel feinere Substanz. Und diese feinere Substanz hat man von altersher den Äther genannt. Der Äther, der ist überall. Er ist feiner als alle übrigen Substanzen, feiner als Wasser, feiner als Luft, feiner sogar als die Wärme. Aber so wenig er in die festen Bestandteile des Menschen hineinkann, so wirksam ist er im Flüssigen des Menschen. Und wie nun der Mensch im Flüssigen den Äther hat, so hat er ebenso im Luftförmigen das eigentlich Seelische; in dem, was wir als Luft in uns tragen, haben wir das eigentlich Seelische.

Wenn man das versteht, daß man in der Luft das eigentlich Seelische hat, dann ist man sich ja auch klar darüber, daß man durch jeden Atemzug das Seelische eigentlich ausatmet, und in jeder Einatmung das Seelische wiederum in sich aufnimmt. So daß man also durch das Seelische eigentlich mit der ganzen Welt zusammenlebt. Nur dadurch, daß in der neueren Wissenschaft keine Rücksicht darauf genommen wird, daß der Mensch auch einen luftförmigen Organismus hat, dadurch fällt den Leuten das Seelische ganz weg aus der wissenschaftlichen Betrachtung und sie glauben, das wäre gar nicht da.

Das Seelische muß ganz für sich betrachtet werden. Und dann kommt man auch darauf, wie solche flüssige Körper, wie zum Beispiel der Absinth es ist, wirken. Sehen Sie, wenn ich irgendein Quantum Absinth in meinen Leib bekomme, dann ist der Absinth natürlich zunächst flüssig. Er vereinigt sich mit unserem Flüssigen, das wir ja in so großer Menge in uns haben. Aber was macht er mit diesem Flüssigen? Er macht dieses Flüssige rebellisch dagegen, daß es in richtiger Weise das Luftförmige aufnimmt. So daß ich, wenn ich Absinth in den Leib bekomme, dann das Luftförmige nicht mehr in alle meine Teile in der richtigen Weise hineinkriegen kann. Aber zu gleicher Zeit geschieht etwas anderes. Wenn ich das Luftförmige nicht in alle meine Teile hineinkriegen kann, dann wirkt dieses Luftförmige in einer sehr eigentümlichen Weise. Ich will Ihnen durch einen Vergleich klarmachen, wie dann dieses Luftförmige wirkt.

Denken Sie sich zum Beispiel, es wäre irgendwo ein Mensch, der wäre in einem Büro angestellt und hätte da vom Morgen bis zum Abend richtig zu arbeiten. Er geht hinein am Morgen, geht am Abend wieder heraus. Die Leute, die mit ihm zusammen im Büro sind, die werden finden: Nun ja, das ist halt auch einer, der mit uns ins Büro geht und wieder herausgeht. Aber denken Sie sich einen anderen Menschen. Der geht auch ins Büro, aber der Kerl ist ein Spaßmacher. Er arbeitet nicht viel, aber er macht den andern allerlei Späße vor vom Morgen bis zum Abend. Den haben sie ganz verflixt gern. Und sie sagen dann: Das ist einer von uns. Sie freuen sich, wenn er kommt. Diejenigen, für die er arbeiten soll, werden sich zwar nicht so freuen, weil die Arbeit dadurch leidet, aber diejenigen, die mit ihm zusammen sind, denen machen die Späße aber einen Spaß.

Ja, meine Herren, so ist es aber, wenn wir die Luft durch den Absinth absperren! Dann kollert sie so in den Organen überall herum. Statt daß sie ordentlich in die Organe hereingeht und den Körper überall ausfüllt, bleibt sie separat da und dort, stockt überall. Das ist geradeso wie ein Spaßmacher in einem Büro. Sie macht überall Wohlgefühl, weil sie keine Arbeit zu leisten braucht. Wenn die Luft ordentlich in die Flüssigkeit überall hineingeht, da muß sie ihre Arbeit verrichten, weil sie sonst den Körper nicht ordentlich versorgt. Wenn aber der Absinth die Luft absperrt, da kollert sie überall herum. Der Mensch fühlt sich nach und nach so wohl wie ein Schwein. Beim Schwein ist das das Eigentümliche, daß es sich fortwährend mit Luft anfüllt, die nicht recht aufgenommen wird. Das Schwein ist am allerleichtesten kurzatmig.

Und geradeso wie der Äther überall im Flüssigen ist, so ist in der Luft überall das Seelische - wir nennen es auch das Astralische, weil es von den Sterneneinflüssen herrührt. Der Mensch nimmt überall das Seelische auf; er fühlt da oder dort eine angenehme Wärme oder Abkühlung. Wenn der Mensch nun die Luft so in sich kollern hat, fühlt er sich so durch und durch wohl. Ja, aber das Seelische ist im menschlichen Körper nicht dazu da, daß es überall bloß den Menschen zum Wohlgefallen dienen soll, sondern es soll an den Organen arbeiten, soll arbeiten in der richtigen Weise, daß das Herz, daß alle Organe richtig versorgt werden. Wenn aber der Mensch das Seelische absperrt, so daß es ihn im Körper amüsiert, dann tritt eben das ein, daß er sich zwar, man möchte sagen, «sauwohl» fühlt, aber seine Organe werden nicht in ordentlicher Weise versorgt. Und vor allen Dingen werden diejenigen Organe nicht in der richtigen Weise versorgt, die am meisten dazu beitragen, daß der Mensch eine gesunde Nachkommenschaft erhält. So daß wir diese eigentümliche Erscheinung haben: Die Leute, die sich mit Absinth versorgen können, die streben eigentlich danach, im Innern «sauwohl» zu sein, dieses Wohlgefühl, diese Wollust im Innern zu haben, aber sie sorgen nicht dafür, daß sie der Menschheit eine ordentliche Nachkommenschaft geben. Das ist es, was gegen den Absinth einzuwenden ist.

Nun können Sie fragen: Wie entsteht denn eigentlich bei den Menschen die Sehnsucht, Absinth zu saufen? Sie werden nämlich bemerken, wenn Sie die Geschichte der Menschheit verfolgen, daß solche Untugenden, wie Absinth zu saufen, eigentlich bei denjenigen Leuten am meisten auftreten, die, wie man sagt, schon in absteigender Entwickelung sind, die nicht mehr richtig auf ihrer vollen Menschenhöhe sind, die also schon innerlich den Körper etwas zerfallend haben. Dann kommen die Leute darauf, sich durch das Seelische innerlich amüsieren zu lassen. Das ist also bei Völkern namentlich dann der Fall, wenn sie im Niedergang begriffen sind. Die Orientalen, die Asiaten haben in früheren Zeiten, wo diese Völker noch im Aufstieg waren, alle diese Getränke gehaßt. Sie haben erst angefangen, solche Dinge wie absinthähnliche Sachen zu saufen, als sie schon im Niedergange waren.

Und das ist auch der Fall, wenn man heute auf dasjenige hinsieht, was vor sich geht, wenn diese Untugenden überhandnehmen, alle möglichen Substanzen in den Körper hineinzukriegen. Ich habe Ihnen ja neulich schon gesagt: sogar Kokain suchen die Menschen in den Körper hineinzukriegen! Da wirkt das Seelische so, daß es den Körper sogar auspreßt, und da merken sie überall so etwas wie Schlangen. Ich habe Ihnen das einmal beschrieben. Alles dasjenige, was sich der Mensch in dieser Weise an Giften beibringt, das bringt er sich eigentlich deshalb bei, weil er schon mit seinem ganzen Menschen nicht mehr in Ordnung ist und das Seelische möglichst genießen möchte. Bei untergehenden Völkern werden diejenigen Menschen, die am wenigsten zu tun haben, diese Wollust des Leibes am allermeisten suchen. Das hängt zusammen mit den ganzen geschichtlichen Vorgängen im Menschengeschlecht.

Wir können sagen, daß es etwas Merkwürdiges ist, wie sich jetzt, wenn wir nach Westen gehen, die Menschen auf der einen Seite, ich möchte sagen, knechten lassen, indem sie allerlei Gesetze gegen Alkohol und Absinth und so weiter aufstellen, auf der anderen Seite aber wiederum auf alle mögliche Weise zu diesen Dingen kommen wollen. Das bezeugt eben, daß wir im heutigen Menschenleben in einer ungeheuren Unklarheit drinnenstehen. Die Menschen wollen auf der einen Seite wohlleben, und auf der anderen Seite wollen sie doch wiederum, daß sie nicht ganz zugrunde gehen als Völker. Und das macht das ja wirklich unsinnige Durcheinandertreiben von der Lust, alle möglichen Dinge in den Körper hineinzubringen, dann wiederum das Gesetz, sie zu verbieten und so weiter, weil die Menschen nicht zur Einsicht kommen wollen. Es handelt sich durchaus darum, daß die Menschen zur Einsicht kommen sollten.

Nun, ich habe Ihnen ja gesagt, daß das Weibliche mehr mit den Einflüssen der ganzen Welt zusammenhängt, das Männliche sich eben mehr abschließt gegen diese Einflüsse der ganzen Welt. Wenn also insbesondere die Männerwelt sich dem Absinth ergibt, so ruiniert sie diejenigen Organe, die für die Nachkommenschaft dadurch sorgen sollen, daß die Menschen in sich fest sind, daß sie einen gewissen starken Charakter haben. Das Absinthtrinken wird bewirken, daß die Menschen weichlich werden. So daß wir, wenn die Untugend des Absinthtrinkens immer mehr und mehr verbreitet wird bei den Männern, ein weichliches Geschlecht kriegen, eine weichliche Nachkommenschaft kriegen. Die Männer werden weichlich.

Wenn die Frauen gar noch sich dem Absinth ergeben, so wird es dahin kommen, daß die Menschen ungeheuer leicht in der Nachkommenschaft Krankheiten ausgesetzt sind, weil sie diesem Einflusse hingegeben, ausgesetzt sind. Wenn also Frauen Absinth trinken, wird es dahin kommen, daß Kinder erzeugt werden, die ungeheuer leicht allen möglichen Krankheiten zugänglich sind.

Sehen Sie, solche Dinge muß man wiederum im Zusammenhange mit der ganzen Welt betrachten. Da will ich Ihnen etwas außerordentlich Interessantes sagen. Sie können heute fragen: Woher haben wir vieles, was wir eigentlich wissen? Gewöhnlich beachtet man gar nicht, wieviel Weisheit die Menschheit im alleralltäglichsten Leben hat. Sie wissen, wir benennen die Wochentage: Sonntag nach der Sonne, Montag nach dem Mond, Dienstag, das ist nach dem Mars, französisch mardi, Dienstag ist durchaus nach dem Mars genannt. Mittwoch, das ist zwar im Deutschen «Mitte der Woche»; Sie brauchen aber nur das Französische zu nehmen, mercredi, da haben Sie Merkurtag, nach dem Planeten Merkur. Donnerstag, das ist von Jupiter, Donnerer, aber Donar ist nichts anderes als Jupiter. Sie haben noch im Französischen jeudi, Jupitertag. Freitag, nach der deutschen Freia. Aber Freia ist dasselbe wie Venus, vendredi. Die Wochentage sind nach den Planeten benannt. Warum? Weil diese Benennung in einer Zeit entstanden ist, wo man noch gewußt hat: Der Mensch ist von der ganzen Welt abhängig. Dadurch, daß der Mensch lebt, haben alle Planeten auf ihn einen Einfluß. Da hat man die Wochentage danach benannt. Heute nennt man das Aberglaube. Aber daß man das für Aberglauben hält, ist nichts anderes als Nichtwissen. So daß eine ungeheure Weisheit in der Benennung der Wochentage drinnenliegt. Ja, meine Herren, in all den Sachen liegt eine ungeheure Weisheit drinnen!

Und wenn wir uns fragen: Woher ist zum Beispiel diese Benennung der Wochentage gekommen? — dann kommen wir herüber bis nach Asien, finden dort, daß es schon zwei- bis dreitausend Jahre vor unserer jetzigen Zeitrechnung, also vor Christi Geburt, dort außerordentlich gescheite Menschen gegeben hat. Da waren Völker, die Babylonier und Assyrer, unter denen waren sehr gescheite Menschen, die den Einfluß der Sterne beobachten konnten, und die haben zuerst diese Wochentage benannt. Die anderen haben das dann in ihre Sprachen übersetzt. Wir haben die Benennung der Wochentage von Asien herüber, von den Babyloniern und Assyrern, wo die Leute gescheit schon waren, ungeheuer gescheit, in einer Zeit, in der es in Europa noch ganz besonders ausgesehen hat.

Fragen wir uns, wie es in Europa ausgesehen hat, als in Assyrien und in Babylonien, drüben in Asien, also vor ungefähr viertausend Jahren, schon außerordentlich gescheite Leute gewesen sind, Leute, die wirklich viel gescheiter gewesen sind als wir. Sie waren gescheiter, denn sie haben ungeheuer viel mehr gewußt. Es ist nicht wahr, daß die Menschheit immer nur glatt fortschreitet. Die Menschheit geht von Zeit zu Zeit auch immer wieder zurück. Also die haben ungeheuer-viel gewußt. — Aber das Wissen, das bekommt den Leuten seelisch ebensowenig immer gut, wenn sie sich einfach ihm überlassen, wie ihnen das Geld gut bekommt. So komisch der Vergleich ist, es ist wahr: Zuviel Geld ist den Leuten nicht gut; zuviel Wissen ist den Leuten nicht gut, wenn sie nicht ein Gegengewicht haben, wenn sie dieses Wissen nicht im Menschheits- und Weltendienst richtig anwenden. Die Asiaten hatten allmählich ein ungeheures Wissen aufgestapelt, aber sie wußten nichts mehr damit zu machen.

Wie Europa damals war, als die Asiaten noch ein ungeheures Wissen hatten, das sagen Ihnen die Gegenden zum Beispiel hier in der Schweiz am allerbesten. Wenn Sie in der Schweiz unten im Tal die Steine ansehen, die herunterkommen von oben durch die Gletscher, da können Sie diesen Steinen ansehen, wie die Gletscher sie bearbeitet haben. Diese Steine haben die Gletscherschliffe. So wie die Steine moduliert sind, kann man ihnen ansehen, wie sie von oben heruntergekommen sind, wie sie durch das fließende Eis der Gletscher bearbeitet worden sind. Nun aber kann man eigentlich allen Steinen, die hier sind, ansehen, daß einmal die ganze Gegend hier vereist war, eisig war. Ja, meine Herren, auf dem Boden, auf dem wir heute herumgehen, wo wir uns außerordentlich wohl befinden, da war einstmals alles vergletschert.

Und wiederum, wenn wir weiter nach Norden gehen, da finden wir heute noch an gewissen Gesteinsmodulierungen, in Preußen, durch große Teile Deutschlands hindurch, daß das einmal alles von Gletschereis bedeckt war, das vom hohen Norden herunterfloß. So wie heute meinetwillen die Gletscher herunterfließen bis zu einer gewissen Tiefe, so flossen vom hohen Norden die Gletscher bis nach Deutschland herein, und alles war vergletschert.

Vor nicht allzulanger Zeit haben die Leute eine gewisse Vorliebe für recht große Zahlen gehabt, und da haben sie gesagt: Nun ja, gewiß, Europa war einmal vergletschert, aber das ist lange her, das ist zwanzig bis dreißig Millionen Jahre her. — Das ist aber ein Unsinn. Das ist durch eine Berechnung entstanden, die ich Ihnen durch folgendes klarmachen will.

Denken Sie sich, ich beobachte heute das menschliche Herz. Dieses menschliche Herz, das macht fortwährend ganz kleine Veränderungen durch. Wenn ich es in einem Jahr wieder beobachte bei einem Menschen, so ist es ein bißchen spröder geworden, nach zwei Jahren wieder spröder, und ich kann das jetzt ausrechnen, wie viel das Herz spröder geworden ist. Nun rechne ich aus, indem ich das alles zusammenzähle, wieviel spröder das Herz in einem Jahrhundert geworden ist und wie das Herz vor einem Jahrhundert gewesen ist. Das kann ich ausrechnen. Ich kann sagen: Da habe ich einen Menschen von sieben Jahren; vor dreihundert Jahren, da war sein Herz so und so. Ja, aber da ist bloß die Kleinigkeit, daß er da noch nicht gelebt hat. Und wenn ich ausrechne, wie sich sein Herz in dreihundert Jahren verändert haben wird, so ist wieder bloß die Kleinigkeit, daß er da nicht mehr leben wird.

Solche Berechnungen hat man gemacht, um auszurechnen, wie es zum Beispiel hier in Europa vor zwanzig-, dreißigtausend Jahren ausgesehen hat. Da hat man dann die Gletscherperiode in diese Zeit verlegt. Aber so kann man nicht rechnen. Man muß schon eine solche Wissenschaft haben, die einem auch das auf der Erde zeigt, was man beim Menschen dadurch weiß, daß er in dreihundert Jahren ja nicht mehr als physisches Erdenwesen lebt.

Nun, in letzter Zeit sind tatsächlich auch die Gelehrten - das muß man auf diesem Gebiete sagen — vernünftiger geworden, und diejenigen, die Vernunft haben, sie sind sich eigentlich heute klar darüber, daß es nicht so lange her ist, seitdem hier alles mit Gletschern bedeckt war, sondern daß in der Zeit, in der drüben in Asien die Menschen schon so gescheit waren, wie ich es beschrieben habe, als dort die babylonische und assyrische Kultur war, in Europa noch alles vereist war. Also wir brauchen nur ein paar tausend Jahre, vier- bis fünftausend Jahre zurückzugehen, da war in Europa noch alles vereist. Und erst allmählich, als das Eis zurückgegangen ist, da sind hier Menschen eingezogen.

Ja, meine Herren, diese Menschen haben es nicht so gut gehabt wie die heutigen. Und sie haben es um so weniger gut gehabt, weil sie von Gegenden gekommen sind, in denen sie eben nicht, ich möchte sagen, fortwährend so stark abgekühlt wurden, sondern in denen es ihnen wohler war. Dennoch sind diese Menschen in die erst vor kurzem noch vereisten Gegenden eingezogen. Dadurch aber sind diese Menschen bewahrt geblieben vor der Wollust der Weisheit, die in Asien allmählich an sie herangekommen wäre. Und in Europa hat sich dadurch, daß im Weltenall etwas geschehen ist, daß also in der Zeit, als in Asien schon warme Kultur war, es hier noch eisig war — dadurch, daß also ein Einfluß vom Weltenall auf Europa ausgeübt worden ist, hat sich in Europa eine bessere, tatkräftigere Kultur entwickelt, als sich in Asien hätte entwickeln können. Sehen Sie, so hängen ganze Kulturen ab von den Einflüssen des Weltenalls.

Und weiter. Ja, wenn einer ans Meer denkt, da denkt er sich das Meer ungefähr so, daß er sich sagt: Wenn ich in ein Trinkglas ein bißchen Wasser gieße, dann brauche ich nur ein bißchen Salz zuzusetzen, und dann habe ich eigentlich Meerwasser. Das ist salzig, das Meerwasser, und wenn ich einem Trinkglas Wasser Salz zusetze, dann habe ich das Meerwasser. Ja, so einfach ist es aber nicht. Wenn Sie nämlich das Meer anschauen — nehmen wir an, den Atlantischen Ozean -, wenn Sie ihn von innen aus betrachten könnten, da wäre die Oberfläche (es wird gezeichnet), da ist das Wasser, so ist das nicht bloß Salzwasser, sondern das Kuriose ist: Wenn der Sommer kommt, beginnt in diesem Meer etwas, ja, wie wenn es anfangen würde, zu schneien da drinnen. Fortwährend kommen da also richtige Schneefälle, die durch das Meer durchgehen. Ja, meine Herren, was ist denn das eigentlich? Da in dem Meer drinnen, da könnte man nicht gucken und sagen: Nun ja, da ist der riesige Raum, der ist überall mit Salzwasser angefüllt. Nein, da drinnen schneit es. Woher kommt das? Sehen Sie, das kommt davon, daß ganz kleine Tiere in diesem Meer drinnen sind, ganz kleinwinzige Tiere, aber unendlich viele kleinwinzige Tiere. Diese kleinwinzigen Tiere haben alle kleine, winzige Kalkschalen. Man nennt diese Tiere Foraminiferen. Solange diese Tiere leben, schwimmen sie ziemlich weit oben im Wasser herum. Wenn nun die Jahreszeit kommt, wo sie nicht mehr leben können, sterben die Tiere ab, und die Kalkschalen, die fangen an, nach unten zu sinken. Und da schneit es drinnen fortwährend solche Kalkschalen herunter. Das ist wirklich so, wie hier der Schnee in der Luft. Das ganze Meer schneit von solchen Foraminiferenschalen. Und wenn dann diese Foraminiferenschalen sich da herunten ablagern (es wird gezeichnet), dann verändern sie ihre Substanz und werden ein roter Ton. Und das ist der Meeresboden. Diese kleinen Tiere, die haben vom ganzen Weltenall ihr Leben, und sie bauen den Meeresboden auf.

Das ist bei uns in der Luft geradeso. Wir leben nur nicht im Meere, wir leben in der Luft. Und wenn es im Winter schneit, so ist schon in dem, was da herunterschneit, dasjenige, was dann unseren Boden wiederum macht, so wie er ist. Denn wenn der richtige Schneefall nicht wäre, so könnten ja nicht Pflanzen wachsen. Der Boden wird gemacht von dem, was da ist.

Meine Herren, nicht die festen Bestandteile, nicht einmal die flüssigen Bestandteile in unserem Körper nehmen die richtigen Einflüsse auf, sondern ganz allein die luftförmigen Bestandteile. Mit unserer Atmung kriegen wir das Richtige herein, während es im Winter schneit. Wir nehmen dasjenige auf, was uns die Sternenwelt zuschickt, wenn es im Winter schneit, und bilden es in der richtigen Weise aus. Dazu brauchen wir aber, daß unsere Seele in der richtigen Weise an unseren Organen arbeitet, sonst verkümmern auf Erden unsere Organe. Wenn wir nun unsere Körper mit Absinth beladen, dann schließen wir uns von der Sternenwelt aus. Dann nehmen wir keine Einflüsse mehr aus der Sternenwelt auf. Und die Folge davon ist, daß wir unsere Körper dadurch ruinieren, weil wir sie ganz und gar nur dem Einfluß der Erde aussetzen.

Sie sehen also, was das für eine ungeheure Bedeutung hat für die richtige Art der Entwickelung der Menschen, daß sie nicht erst durch Absinth den Körper ruinieren. Aber einsehen muß man das!

Und nun können Sie sich leicht vorstellen, wie die Kultur fortgeschritten ist. In Asien waren ungeheuer gescheite Leute. Die haben viel Seelisches gehabt. Aber nach und nach sind sie dazu gekommen, dieses Seelische nur wie einen innerlichen Spaßmacher haben zu wollen, nur innerliche Wollust empfinden zu wollen. Da sind einige von ihnen herübergezogen in die Gegenden, die früher noch vereist waren. Da haben sie sich diese innerliche Wollust abgewöhnt und haben ihre Körper wiederum gefestigt. Dadurch ist es gekommen, daß zu der morgenländischen Kultur eine abendländische hinzugekommen ist.

Dem, was Sie heute noch sehen, wenn es ganz oben vergletschert, dem können Sie ansehen, daß einmal hier die Erde gründlich abgekühlt worden ist, damit die Menschen, die dann hergezogen sind, ihre Körper haben verstärken können.

Sehen Sie, darauf beruht es auch, wenn Sie den Untergang des Römerreiches studieren; Sie kommen dann in die Zeit der ersten Ausbreitung des Christentums zurück. Ja, meine Herren, wenn sich dieses Christentum bloß bei den Römern ausgebreitet hätte, dann wäre etwas Schönes daraus geworden! Aber dazumal waren die Römer so verweichlicht, weil sie nur die Reste der orientalischen, der asiatischen Kultur hatten, daß sie nichts hätten machen können. Da kamen die Menschen von den nördlichen Gegenden, die vereist waren — diese Menschen hatten die festeren Körper —, und die Folge davon war, daß die Römer zugrunde gegangen sind. Und diese nördlichen Menschen mit den festeren Körpern, die haben dann das Geistesleben übernommen.

Die Geschichte schildert uns dieses, was sie die Völkerwanderung nennt, schildert uns, wie die Römer zugrunde gegangen und die Germanen gekommen sind, die Deutschen, Franzosen, Engländer und so weiter, wie also die heutigen Menschen daraus geworden sind, denn das sind alles im Grunde genommen Germanen. Die Franzosen haben nur mehr Römertum zugemischt gekriegt als die Deutschen zum Beispiel. Nicht wahr, das Ganze beruht eben darauf, daß diese Menschen, ich möchte sagen, aus der Gegend kamen, in der sie den Einfluß der ganzen Welt haben aufnehmen können, während die anderen Menschen mit ihrer Weisheit nur auf der Erde gelebt haben, und daß diese Menschen gekommen sind und die ganze Zivilisation erneuert haben. So, sehen Sie, hängt die Natur zusammen mit alledem, was geschieht in der Geschichte.

Und nun wissen Sie aber, wie starken Einfluß das Römertum noch immer behalten hat. Denken Sie doch, bis ins 16., 17. Jahrhundert haben Sie ja zum Beispiel in Mitteleuropa an den Universitäten kein deutsches Wort reden können. Da haben die Professoren lateinisch vorgetragen. Es ist zwar allmählich ein sonderbares Lateinisch geworden. Da haben sie alle Lateinisch gekonnt. Erst allmählich hat man sich dazu entschlossen, in den Landessprachen vorzutragen. Aber dieses, daß man eigentlich das Untergehende noch immer hat haben wollen, weil man sich wohler dabei befindet, sogar in der Sprache wohler befindet, das hat sich noch lange fortgepflanzt.

Denken Sie nur einmal, wie lange es sich fortgepflanzt hat, daß die Leute, wenn sie ein bißchen vornehm haben ausschauen wollen, durchaus Französisch plapperten in ganz deutschen Gegenden. Das war aus keinem andern Grunde, als daß sie haben fortsetzen wollen das alte lateinische Römertum, wenigstens noch in der Sprache. Und es ist schon so, daß in der Tat dasjenige, was sich da in der Sprache fortgesetzt hat, sich auch in den übrigen Untugenden fortsetzt. Die Römer haben angefangen mit dieser Sehnsucht, Wollust im inneren Körper zu fühlen, also das Seelische zu genießen, es nicht zu verwenden den Körper aufzubauen. Und eigentlich ist noch die Erbschaft davon in der Sehnsucht, Absinth zu trinken, ja sogar Kokain und so weiter zu genießen, vorhanden. Das ist dasjenige, was eben ein schwaches Geschlecht erzeugen wird, eine schwache Nachkommenschaft erzeugen wird, und was allmählich alles dasjenige, was sich solchen Untugenden hingibt, dem Untergang entgegenführen kann. Da können Sie noch so viele soziale Reformen schaffen — aus diesen sozialen Reformen kommt gar nichts heraus, wenn nicht eine richtige Einsicht kommt. Und diese richtige Einsicht kann auf keine andere Weise kommen, als daß man den bloßen Materialismus in Wissenschaft und in Religion ersetzt dadurch, daß man auch anfängt, etwas Geistiges zu begreifen. Und wenn man anfangen wird, dieses Geistige zu begreifen, dann wird man vieles von dem einsehen, was einem ja heute äußerlich ganz klar ist, aber das man nur wird durchschauen können, wenn man das Geistige wiederum richtig wird betrachten können.

Der Herr [einer der Zuhörenden] hat durch seine Frage, weil er ein Bienenkenner ist, auf den Unterschied hingewiesen, der da besteht zwischen dem Leben der Bienen und dem Leben der Wespen. Vieles Ahnliche ist da. Ich habe Ihnen das Leben der Wespen neulich beschrieben. Im Bienenleben ist viel Ähnliches. Aber wiederum lebt der Bienenstock ein ganz merkwürdiges, eigentümliches Leben. Worauf beruht denn das?

Sehen Sie, das können Sie überhaupt nicht erklären, wenn Sie nicht die Möglichkeit haben, ins Geistige hineinzuschauen. Das Leben im Bienenstock ist außerordentlich weise eingerichtet. Das wird jeder sagen, der das Bienenleben betrachtet hat. Daß die Bienen eine solche Wissenschaft haben, wie die Menschen sie haben, das wird man ja natürlich nicht sagen können, denn sie haben ja wirklich einen Gehirnapparat wie der Mensch und das alles nicht. Also den allgemeinen Weltenverstand können sie in dieser Weise nicht hereinschöpfen in ihren Körper. Aber die Einflüsse aus der ganzen Weltumgebung, die wirken ungeheuer stark auf den Bienenstock. Und man würde richtig darauf kommen können, wie eigentlich das Bienenleben ist, wenn man berücksichtigen würde, daß alles das, was in der Umgebung der Erde liegt, gerade auf so etwas, wie es im Bienenstock ist, einen ungeheuer starken Einfluß hat. Das Leben des Bienenstocks beruht ja darauf, daß die Bienen so ganz richtig, viel mehr als die Ameisen und die Wespen, zusammenwirken, daß sie alle Arbeit so verrichten, daß das alles zusammenstimmt. Und wenn man dann darauf kommen will, wovon das herrührt, dann sagt man sich: Die Bienen haben ein Leben, worin unterdrückt wird, außerordentlich stark unterdrückt wird dasjenige, was bei den übrigen Tieren im Geschlechtsleben sich äußert. Das wird bei den Bienen außerordentlich stark zurückgedrängt.

Denn sehen Sie, bei den Bienen ist es eigentlich immer so, daß die Fortpflanzung nur besorgt wird durch ganz wenige auserlesene weibliche Individuen, die Bienenköniginnen. Die anderen sind eigentlich so, daß bei ihnen das Geschlechtsleben mehr oder weniger zurückgedrängt wird. Im Geschlechtsleben aber ist dasjenige vorhanden, was eben Liebesleben ist. Das Liebesleben ist ja zunächst etwas Seelisches. Nur dadurch, daß gewisse Organe des Körpers bearbeitet werden von diesem Seelischen, dadurch werden diese Organe zur Offenbarung, zum Ausdrucke des Liebeslebens. Und indem bei den Bienen das Liebesleben zurückgedrängt wird, eigentlich nur auf die einzige Bienenkönigin, wird das Geschlechtsleben sonst im Bienenstock verwandelt zu all diesem Treiben, das die Bienen untereinander entwickeln. Daher haben schon jene älteren, weiseren Menschen, die eben auf ganz andere Art die Sache gewußt haben, als man sie heute weiß, diese weiseren Menschen haben das ganze wunderbare Treiben des Bienenstocks auf das Liebesleben zurückgewiesen, auf das Leben, das sie mit dem Planeten Venus in Zusammenhang gebracht haben.

Und so können wir sagen: Wenn man auf der einen Seite die Wespen oder die Ameisen beschreibt, dann sind das Tiere, die sich mehr dem Einfluß des Planeten Venus entziehen. Die Bienen hingegen sind ganz hingegeben dem Einfluß des Planeten Venus, entwickeln das Liebesleben in ihrem ganzen Bienenstock. Das wird ein weises Leben, denn Sie können sich ja denken, wie weise das sein muß. Ich habe Ihnen verschiedenes von der Erzeugung der Nachkommenschaft beschrieben. Da ist unbewußte Weisheit drinnen. Diese unbewußte Weisheit entwickeln die Bienen in ihrem äußeren Tun. Und so kann man gerade dasjenige, was eigentlich nur dann in uns dargelebt wird, wenn unser Herz Liebe entwickelt, eigentlich im ganzen Bienenstock drinnen wie eine Substanz haben. Der ganze Bienenstock ist eigentlich von Liebesleben durchzogen. Die einzelnen Bienen verzichten so vielfach auf die Liebe und entwickeln die Liebe im ganzen Bienenstock. So daß man anfängt, das Bienenleben zu verstehen, wenn man sich klar darüber ist, daß die Biene wie in einer Luft lebt, die ganz von Liebe durchschwängert ist.

Nun aber, das kommt ja gerade der Biene am allermeisten zugute, daß sie eigentlich von denjenigen Bestandteilen in den Pflanzen lebt, die wiederum bei der Pflanze ganz vom Liebesleben durchzogen sind. Die Biene saugt ihre Nahrung, die sie dann zu Honig macht, ja ganz aus denjenigen Bestandteilen der Pflanzen, die im Liebesleben drinnenstehen, bringt also gewissermaßen das Liebesleben von den Blumen in den Bienenstock hinein.

So muß man sagen, daß man das Bienenleben auf seelische Art studieren muß.

Das braucht man viel weniger bei den Ameisen und Wespen. Wenn man da das Leben verfolgt, wird man sehen, daß sie sich eigentlich dem Geschilderten entziehen, daß sie sich schon wiederum mehr dem Geschlechtsleben hingeben. Die Biene ist tatsächlich, mit Ausnahme der Bienenkönigin, eigentlich dasjenige Wesen, das, ich möchte sagen, sich sagt: Wir wollen auf das einzelne Geschlechtsleben verzichten und uns selber zu einem Träger des Liebeslebens machen. — So daß sie in der Tat in den Bienenstock dasjenige hineingetragen haben, was auf den Blumen lebt. Und wenn Sie anfangen, das so richtig durchzudenken, so haben Sie das ganze Geheimnis des Bienenstockes. Das Leben dieser sprossenden, sprießenden Liebe, das in den Blumen ausgebreitet ist, das ist dann auch im Honig drinnen.

Und weiter können Sie studieren, wenn Sie nun den Honig selber essen. Was tut der Honig? — Nun, meine Herren, der Absinth vereinigt sich mit dem flüssigen Menschen so, daß er die Luft und damit das Seelische heraustreibt, daß der Mensch Wollust empfindet. Der Honig macht Wollust nur höchstens auf der Zunge. In dem Augenblick, wo Honig gegessen wird, fördert er gerade den richtigen Zusammenhang zwischen dem Luftförmigen und dem Flüssigen im Menschen. Und es ist nichts besser für den Menschen, als seinen Speisen im richtigen Maße etwas Honig zuzusetzen. Die Bienen sorgen eigentlich wunderbar dafür, daß der Mensch durch sein Seelisches an seinen Organen arbeiten lernt. Der Bienenstock gibt dem Menschen durch den Honig wiederum dasjenige zurück, was er braucht an Arbeitsamkeit seiner Seele in seinem Leibe. Wenn der Mensch also Absinth säuft, so will er die Seele genießen. Wenn der Mensch seinen Speisen Honig zusetzt, so will er gerade sein Seelisches so zubereiten, daß es richtig am Körper arbeitet, atmet. Daher ist die Bienenzucht etwas, was eigentlich die Kultur ungeheuer fördert, weil es den Menschen stark macht. Das Saufen von Absinth ist etwas, was das Menschengeschlecht allmählich so weit treiben wird, daß es ausstirbt.

Sehen Sie, wenn man sich denkt, daß die Bienen den größten Einfluß aus der Sternenwelt haben, dann sieht man aber auch, daß die Bienen der Umweg sind, damit in den Menschen das Richtige hineinkommt. Alles, was lebt, arbeitet, wenn es in der richtigen Weise kombiniert wird, wieder in der richtigen Weise zusammen. Wer einen Bienenstock sieht, sollte sich fast in einer gehobenen Stimmung sagen: Auf dem Umwege durch den Bienenstock zieht das ganze Weltenall herein in den Menschen und macht tüchtige Menschen. Sonst, wenn man Absinth säuft, macht man untüchtige Menschen. - Und so kommt man dazu, die Menschenkunde zu einer Weltenkunde zu machen.

German original of The Effect of Absinthe—Hemophilia—The Ice Age—The Declining Oriental and the Rising European · ← Previous · Next →