A Spiritual Scientific View of Nature and Man
GA 352 — 13 February 1924, Dornach
Über die Kleidung des Menschen
Guten Morgen, meine Herren! Haben Sie sich vielleicht etwas überlegt, was Sie heute wünschen?
Herr Burle: Wenn man den Herrn Doktor einmal fragen dürfte über die menschliche Kleidung, über die Bekleidung, die der Mensch trägt. In manchen Ländern haben die Menschen bloß einen Fetzen und schlagen ihn um sich; die anderen sind zugeknöpft. Der eine hat schillernde Farben, der andere hat wieder einfache Farben. Dann wieder wäre zu fragen über die Nationaltrachten, was die Völker oder überhaupt die betreffenden Menschen tragen. Dann auch, was die wehenden Fahnen sind und — das hängt vielleicht auch damit zusammen -, welche Ekstase das ausübt?
Dr. Steiner: Was die menschliche Kleidung betrifft, so ist viel darüber nachgedacht worden, weil Sie sich ja denken können, daß gerade über diese Dinge wenig äußere Dokumente und wenig geschichtliche Urkunden vorhanden sind.
Man sieht die Kleidung, welche mehr einfache Völkerschaften und Stämme haben, man sieht ja schließlich auch die Kleidung, die das Volk in derjenigen Stadt hat, der man selber angehört. Und man sieht schließlich das, was man selber anzieht, kümmert sich eigentlich am alierwenigsten darum, was man selber anzieht. Man macht in dieser Angelegenheit eben einfach mit, was die Gewohnheit geworden ist. Ja, man muß es ja schließlich bis zu einem gewissen Grad einfach aus dem Grunde machen, weil man sonst wenigstens für einen halben, wenn nicht für einen ganzen Narren angesehen wird.
Nun, nicht wahr, die erste Frage dabei ist die, welche vielleicht am allerschwersten für eine äußere Wissenschaft zu beantworten ist, weil eben, wie gesagt, äußere schriftliche Urkunden ja nur in sehr spärlicher Weise vorhanden sind, über die Gründe, warum sich die Menschen ursprünglich bekleidet haben. Wenn man nun wirklich alles, was man nach dieser Richtung hin überblicken kann, in Betracht zieht, so muß man sich sagen: Gewiß, vieles, was in der Kleidung vorliegt, ist schon hervorgegangen aus dem menschlichen Schutzbedürfnis, aus dem Bedürfnisse, sich als Mensch gegen die Einflüsse der Umgebung zu schützen. Sie müssen ja bedenken, das Tier hat seinen eigenen Schutz. Das Tier hat im weitgehendsten Maße Schutz gegen äußere Einflüsse, die nicht hereinkönnen durch Behaarung, durch die Haut und so weiter in die zarteren, weicheren Teile des Organismus.
Nun können Sie sich fragen: Warum hat der Mensch von Natur aus diesen Schutz nicht? — Ich will diese Frage nicht besonders stark betonen, die immer nach dem Warum frägt, denn in der Natur ist es eigentlich nicht ganz berechtigt, nach dem Warum zu fragen. Die Natur stellt eben die Wesen hin, und man muß einfach das, wie sie sich hinstellen, untersuchen. Das Warum ist niemals ganz berechtigt. Aber wir werden uns ja verstehen, wenn ich dennoch sage: Wie kommt es eigentlich, daß der Mensch so, von der Natur unbekleidet, durch die Welt gehen muß?
Da müssen wir uns die andere Frage vorlegen, ob denn diese Bedeckung, die das Tier von der Natur hat, nicht ganz klar zusammenhängt mit der weniger hohen geistigen Organisation, die das Tier hat? Und das tut es. Sehen Sie, meine Herren, es ist ja wirklich so, daß manchmal diejenigen Teile an einem Lebewesen, also an einem Tiere und auch am Menschen, die allerwichtigsten sind, die sich nicht im äußeren Leben als die wichtigsten ausnehmen. Wir können manche ganz kleine Organe im menschlichen Organismus anführen. Wenn die nicht so sind, wie sie sein sollen, dann geht der ganze menschliche Organismus kaputt. So zum Beispiel finden sich hier in den Schilddrüsen an beiden Seiten ganz kleine Organe — ich habe sie Ihnen schon einmal in anderem Zusammenhange erwähnt -, die sind kaum so groß wie ein Stecknadelkopf. Man könnte sich nun denken, daß die nicht so wichtig seien. Wenn es aber einmal dazu kommt, daß bei einem Menschen eine Schilddrüsen-, Kropfoperation notwendig ist, und der Operateur ungeschickt ist und diese winzig kleinen, stecknadelkopfgroßen Organe mit herausoperiert, dann wird der ganze Organismus krank, Der Mensch wird blöde und geht allmählich an Entkräftung zugrunde. Also kleine, winzige, stecknadelkopfgroße Organe haben für das ganze menschliche Leben die denkbar größte Bedeutung! Sie haben sie deshalb, weil diese Organe einen ganz feinen Stoff absondern, der ins Blut fließen muß. Und das Blut ist unbrauchbar, wenn diese Organe nicht da sind und ihre Absonderungen nicht ins Blut hineinfließen. So also können Sie sehen, daß schon Organe, auf die man gar nicht so sehr im Zusammenhang achtet, ihre denkbar größte Bedeutung für das Wesen haben, an dem sich diese Organe befinden.
Nehmen Sie zum Beispiel im Tierreiche diejenigen Tiere, die behaarte Haut haben. Nun ja, da können Sie sich denken, daß die behaarte Haut dazu gut ist, damit die Tiere im Winter nicht frieren und so weiter. Gewiß, dafür ist sie auch gut. Aber wenn diese Haare in der Haut entstehen sollen, dann muß das Tier einer ganz besonders starken Sonnenwirkung zugänglich sein. Die Haare entstehen nicht anders als dadurch, daß das Tier einer starken Sonnenwirkung zugänglich ist.
Sie könnten nun sagen: Ja, aber die Haare entstehen ja nicht überall nur da, wo die Sonnenstrahlen Zugang hatten! - Und doch ist es so. Das geht sogar so weit, daß der Menschenkeim in den ersten Zeiten, während er im Mutterleibe getragen wird, ja behaart ist. Da können Sie sagen: Der ist nicht der Sonne ausgesetzt. Diese Haare verliert er später. Und jeder Mensch, der geboren wird, war in den ersten Wochen der mütterlichen Schwangerschaft eigentlich ganz behaart. Diese Haare verliert er. Woher kommt das? Das kommt daher, weil die Mutter die Sonnenkraft ja aufnimmt und die innerlich wirkt. Die Haare hängen ganz innig zusammen mit der Sonnenwirkung.
Nehmen Sie zum Beispiel den Löwen. Der Löwe, dessen Männchen diese mächtige Mähne hat, ist ein Tier, das außerordentlich stark der Sonnenwirkung ausgesetzt ist. Dadurch hat der Löwe auch die Brustorgane, die unter der Wirkung der Sonne besonders stark werden, stark ausgebildet, hat kurz ausgebildeten Darm und mächtig ausgebildete Lungen. Das unterscheidet ihn von unseren Wiederkäuern, die mehr die Organe des Unterleibes, des Darmes, Magens und so weiter ausgebildet haben. Die Art und Weise, wie ein Tier behaart, befiedert ist und so weiter, hängt also vorzugsweise mit der Sonnenwirkung zusammen.
Aber wiederum, wenn die Sonnenwirkung auf ein Wesen sehr groß ist, dann ist es ja so, daß dieses Wesen die Sonne in sich denken läßt, in sich wollen läßt: es wird nicht selbständig. Der Mensch hat seine Selbständigkeit dadurch, daß er eben nicht diesen äußeren Schutz hat, sondern daß er mehr oder weniger den Einflüssen der irdischen Umgebung ausgesetzt ist. Es ist sogar interessant zu vernehmen, wie das Tier weniger von der Erde abhängig ist als der Mensch. Das Tier ist großenteils von außerhalb der Erde hereingebildet. Ich habe Ihnen ja für diese Dinge überall die Belege angeführt. Aber der Mensch emanzipiert sich überhaupt von diesen äußeren Natureinflüssen. Und das kommt dadurch, daß er sozusagen die ungeschützte Haut nach allen Seiten hat und dadurch seinen eigenen Schutz suchen muß.
Sie können schon bei unserer gewöhnlichen Kleidung sehen, daß sie eigentlich aus zwei Teilen zusammengesetzt ist. Der eine Teil zeigt sich uns dadurch, daß wir im Winter einen Winterrock anziehen und uns gegen die Kälte dabei schützen. Das ist derjenige Teil der Kleidung, durch den wir Schutz suchen. Aber das ist ja nicht der einzige. Sie können zum Beispiel besonders bei den Frauen sehen, daß sie nicht bloß Schutz suchen durch die Kleidung, sondern sie so einrichten, daß sie schön sein soll; manchmal ist sie zwar greulich, aber sie soll schön sein. Es kommt ja dabei auf den Geschmack oder Ungeschmack an, aber jedenfalls soll sie schön sein, sie soll schmücken. Das sind die zwei Aufgaben der Kleidung: Schutz zu bieten gegen die Außenwelt und zu schmücken.
Der eine Teil dieser Aufgabe für die Kleidung ist mehr im Nördlichen entstanden, wo man Schutz braucht. Daher trägt dort die Kleidung mehr den Charakter des Sich-Schützens. In bezug auf das Schützen treiben es ja die Leute nicht gerade außerordentlich weit. In wärmeren Gegenden aber, in Gegenden, wo also ganze Völkerschaften eigentlich ziemlich nackt gehen, da bildet wiederum das Schmücken das wenige, was Sie sehen, oder auch, wenn sie mehr anziehen, den Hauptteil der Kleidung.
Sie werden nun aber wissen, daß gerade von den wärmeren Gegenden aus die höhere Zivilisation gekommen ist, daß von den wärmeren Gegenden mehr das geistige Leben ausgegangen ist. Daher können wir auch, wenn wir die Kleidung verfolgen, immer sehen, daß in gewissem Sinne diejenige Kleidungsart unvollkommen geblieben ist, welche dazu bestimmt ist, den Menschen gegen die äußeren Einflüsse der Umgebung zu schützen. Dagegen hat diejenige Kleidung alle mögliche große Ausbildung erfahren, die schmücken soll. Nur kommt da natürlich in Betracht, was der Mensch für einen Geschmack hat, nicht wahr. Es kommt die ganze geistige Richtung der Menschen dabei in Betracht. Nehmen wir also primitivere Völkerschaften an, einfachere, ursprünglichere. Solche Völkerschaften haben einen starken Sinn für Farben. Wir in unseren Gegenden, die wir ja in bezug auf den Verstand so weit vorgeschrittene Menschen sind — oder wenigstens glauben wir es -, wir haben nicht den Sinn für die Farben, den die mehr ursprünglichen Völkerschaften haben.
Aber diese mehr ursprünglichen Völkerschaften haben noch einen ganz anderen Sinn. Die haben nämlich den Sinn, daß es geistig-übersinnliche Glieder des Menschen gibt. Das glaubt man heute in den sogenannten zivilisierten Gegenden nicht mehr, daß es Menschen gibt, die nicht so gescheit sind, wie die zivilisierten Menschen sein wollen, die aber einen Sinn haben dafür, daß der Mensch eine übersinnliche Seite hat. Und diese übersinnliche Seite empfinden sie als farbig. Das ist so bei einfachen Völkerschaften, sie empfinden den übersinnlichen Teil, den sie an sich tragen — was ich Astralleib genannt habe -, als farbig, und sie wollen an sich dasjenige sichtbar machen, was unsichtbar ist. So schmücken sie sich, je nachdem sie sich in dem Astralreich rot oder blau oder dergleichen sehen, rot oder blau. Das kommt aus der Auffassung, welche diese Leute aus der geistigen Welt heraus haben.
Die Griechen zum Beispiel haben gesehen, wie der Ätherkopf des Menschen viel größer ist als der physische Kopf, wie der herausragt, und da haben sie die Pallas Athene, diese Göttin, mit einer Art von Helm begabt. Aber Sie können ja sehen, wenn Sie diese Pallas Athene nehmen und den Helm, den sie trägt, prüfen, so hat der Helm oben etwas wie Augen. Das können Sie überall sehen; schauen Sie sich nur die Pallas Athene an, selbst in einer schlechten Statue, da sind oben am Helm Augen. Das beweist Ihnen, daß man gemeint hat, das gehöre wirklich zum Körper dazu. Das ist etwas, was man auch sehen kann; das haben sie der Athene aufgesetzt.
Und auch die Art der Kleidung, die die Menschen in denjenigen Gegenden gemacht haben, wo sie eben eine Empfindung gehabt haben vom übersinnlichen Menschen, haben sie angepaßt dem, wie sie sich diesen astralischen Leib des Menschen vorstellten.
Nun, in unseren Gegenden — das wissen Sie ja, meine Herren — wird nur noch die Kultuskleidung im eigentlichen Sinne farbig hergerichtet. Wenn Sie das, was die Kultuskleider sind, ansehen, so sind diese durchaus dem nachgebildet, wie man sich den astralischen Leib vorgestellt hat. Also die Farbengebung und auch die Form, die Gestalt, welche die Kleider haben, sind im Grunde genommen aus dem Übersinnlichen heraus. Und nur wenn man das begreift, so begreift man, inwiefern die Kleidung als ein Schmuck gestaltet wird. Das ist auch sehr wichtig. Wenn Sie Bilder anschauen, die noch von den alten Malern gemalt sind, da werden Sie sehen: Die Maria zum Beispiel hat immer ein ganz bestimmtes Kleid und einen ganz bestimmten Überwurf, weil dadurch angedeutet werden soll, wie sie in ihrem astralischen Leib, ihrem Herzen, ihrem Gemüte nach, beschaffen ist. Das soll durch die Kleidung angedeutet werden. Vergleichen Sie Bilder, wo die Maria mit der Magdalena zugleich darauf ist, so werden Sie immer finden: Die alten Maler haben die Maria und die Magdalena verschieden angesehen, geradeso verschieden, wie sie geschildert werden, weil das in ihrem Astralleib begründet sein soll und die Kleidung so gemacht wird, wie der Astralleib in Farbigkeit nun beschaffen sein soll.
Wir zivilisierten Menschen sind eben in den Materialismus eingezogen, da hat man keinen Sinn mehr für diese übersinnliche Seite des Menschen. Da denkt man mit dem Erdenverstand und denkt, der Erdenverstand ist überhaupt über alles Herr. Ja meine Herren, deshalb haben wir auch keinen Sinn mehr, uns so anzuziehen, daß das, was wir anziehen, halbwegs menschlich ausschaut! Wir stecken unsere Beine, wenn wir Männer sind, in Röhren hinein. Das ist wohl von allen Kleidungen, die in der Welt aufgetreten sind, die allerschmuckloseste, die Hosenröhre! Aber wir machen ja viel mehr; wenn wir besonders nobel sein wollen, stülpen wir uns auch auf den Kopf eine sogenannte Angströhre hinauf. Man sollte sich nur einmal vorstellen, was ein alter Grieche für ein Gesicht machen würde, wenn er aufstehen könnte und ihm entgegenkommen würde ein Mensch, der seine zwei Beine in Röhren drinnen hat und noch außerdem eine hohe Angströhre da droben hat, noch außerdem von schwarzer Farbe! Der Grieche dächte nicht, daß das ein Mensch sei, sondern daß er da ein unglaubliches Gespenst vor sich hätte! Das muß man nur eben einfach ins Auge fassen. Und es entstehen sogar solche Dinge, daß man wirklich in ganz abstrakter Weise von dem Rock, der ohnehin schon häßlich genug ist, noch solche Lappen abschneidet; dann nennt man das einen Frack. Ja, das ist etwas, was viel mehr als irgend etwas zeigt, wie gedankenlos eigentlich die Menschheit geworden ist. Nur weil man es gewohnt ist und weil man, wie gesagt, als ein Halbnarr oder ganzer Narr angesehen wird, wenn man die Dinge nicht mitmacht, macht man sie eben mit. Aber man muß sich bewußt sein, daß eigentlich das ganze Anziehen der Männerwelt heute schon etwas an das Irrenhaus erinnert, besonders wenn es recht normal sein soll. Das bezeugt eben, daß man nach und nach ganz freigeworden ist von jeder Wirklichkeit,
Die Frauen, von denen ja viele Männer glaubten, daß sie eben weniger zivilisiert sind als die Männer, sind bei ihrer Kleidung ja etwas mehr bei der ursprünglichen Art stehengeblieben. Heute besteht aber auch eine Richtung, die Frauenkleidung der Männerkleidung ähnlicher zu machen, es ist nur noch nicht recht geglückt.
Schmücken, was heißt denn das eigentlich? Äußerlich sich so gestalten, daß man dadurch dem, was der Mensch auch geistig ist, einen Ausdruck gibt! In dieser Beziehung muß man, um darauf zu kommen, wie bei ursprünglicheren Völkerschaften alles das, was zur Kleidung gehört, entsteht, sich eben klar sein darüber, daß bei ursprünglichen Völkerschaften die Menschen sich nicht für so selbständig halten, wie heute der Mensch sich für selbständig hält. Heute hält sich jeder Mensch eben, mit einem gewissen Recht sogar, für eine selbständige Persönlichkeit. Nun ja, er sagt sich: Ich habe meinen eigenen Verstand, durch den ich alles ausdenke, was ich verrichten kann. - Wenn er besonders eingebildet ist, hält er sich heute gleich für einen Reformator, und so haben wir heute fast ebensoviele Reformatoren als Menschen in der Welt. Also der Mensch hält sich heute für etwas absolut Selbständiges. Nun, das war bei früheren Menschen und Volksstäimmen überhaupt nicht so vorhanden. Diese Volksstämme haben sich in ihrer Gruppe für eine Einheit gehalten und ein geistiges Wesen für ihre Gruppenseele angesehen; sie haben sich zugehörig betrachtet so wie die Glieder eines Leibes und die Gruppenseele als das angesehen, was sie zusammenhält. In diesem Gruppenhaften haben sie sich gedacht mit einer ganz bestimmten Gestalt. Dann haben sie das in ihrer Kleidung zum Ausdruck gebracht. Dann haben sie also, wenn sie sich die Gruppenseele zum Beispiel in Griechenland mit einer Art helmartigen Fortsetzung am Kopf gedacht haben, sich einen Helm aufgesetzt. Und der Helm ist durchaus nicht etwa aus einem Schutzbedürfnis entstanden, sondern weil man geglaubt hat, man wird dadurch der Gruppenseele ähnlicher, hat man einen Helm aufgesetzt.
Ebenso hat man manche Gruppenseelen gedacht als Adler, Geier, als andere Tiere, als Eulen und so weiter. Man hat dann die Kleidung danach eingerichtet, daß sie in irgendeiner Weise mit Federn geschmückt war und dergleichen, um ähnlich zu werden der Gruppenseele. Und so ist die Kleidung zumeist aus den geistigen Bedürfnissen heraus entstanden.
Es kommt bei ursprünglichen Völkerschaften und Stämmen etwas durch die Kleidung heraus, wie sie sich ihre Gruppenseele vorgestellt haben. Und man kann, wenn man eine ursprüngliche Völkerschaft findet und frägt: Wie hat sie sich angezogen, namentlich wie hat sie sich geschmückt? Hat sie sich mit Federn geschmückt oder mit einem Fell? dann kann man sagen: Finder man einen Volksstamm, der sich vorzüglich mit Federn schmückt, so weiß man, die gemeinsame Gruppenseele, die gewissermaßen ihr Schutzgeist war, wurde vogelartig vorgestellt. Findet man, daß sich eine Völkerschaft vorzüglich mit Fellen schmückt, so hat sie sich ihre Gruppenseele, die gewissermaßen ihr Schutzgeist war, entweder löwenartig oder tigerartig vorgestellt oder in dieser Form gedacht. So daß man also auch darinnen etwas für die Gestaltung der ursprünglichen Kleidung sehen kann, daß man eben frägt: Wie haben sich diese Leute ihre Gruppenseele gedacht? - Und es ist ganz richtig, was Herr Burle gesagt hat: Der eine liebt eine fliegende Kleidung, der andere eine anliegende. — Eine fliegende Kleidung hat sich daraus entwickelt, daß sie sich irgendwelche Vogelkleider machen wollten, Kleider mit Flügeln machen wollten; das hat ihnen gefallen, wenn die Sache flügelartig war. Und es hat sogar auf die Geschicklichkeit der Menschen einen großen Einfluß gehabt, wenn sie sich solche Kleider, die wehen, angeschafft haben. Und wenn sie sich gedreht haben, so haben sie zugleich wohlgefällige Bewegungen mit den Armen ausgeführt. Dadurch sind sie geschickt geworden und so weiter. Man kann schon sagen: Das Schmücken, das ist der Wille zu einem Ausdrücken von Geistigem in Zeitkleidern. Und das bloße Sich-Schützen, gegen das natürlich nichts gesagt werden soll, ist der Ausdruck für das Philiströse bei den Menschen. Je mehr man die Kleidung bloß dazu einrichten will, um sich zu schützen, desto mehr ist man Philister. Je mehr man sich schmücken will, desto weniger ist man Philister und will eigentlich das Geistige, das in der Menschenwürde liegt, in der Kleidung zum Ausdruck bringen.
Es ist ja natürlich, daß sich später in der Zivilisation diese Dinge ganz verschoben haben. Man muß sich zum Beispiel über folgendes klar sein. Denken Sie sich, solche früheren Völkerschaften kommen darauf, daß die Sonne einen besonderen Einfluß hat auf das menschliche Herz, überhaupt auf die menschliche Brust, und sie sagen sich: Nur dadurch bin ich ein herzhafter Mensch, daß die Sonne den richtigen Einfluß gewinnt. Nicht äußerlich auf die Haut, da würde ich ganz behaart werden, aber innerlich verarbeitet wirken die Sonnenstrahlen auf das Herz. - Das Herz wird mit Recht in Zusammenhang gebracht mit der Sonnenwirkung. Was tun nun die Menschen, die noch ganz lebendig etwas wissen von diesem Zusammenhang mit der Sonne? Ja, sehen Sie, die binden sich eine Art Medaillon um den Hals, eine Medaille, welche die Sonne darstellt. Und so haben sie vorne herunterhängend etwas um den Hals gebunden, was eine Sonne darstellt (siehe Zeichnung). Diese Völker gehen damit herum, indem sie gleichsam sagen: Ich bekenne mich dazu, daß die Sonne auf mein Herz einen Einfluß hat.
Später hat man das natürlich vergessen. Die zivilisierten Menschen haben das vergessen, daß das ursprünglich ein Zeichen dafür war, daß die Sonne auf das Herz einen Einfluß hat. Aber was da einmal sinnvoll war, das ist Gewohnheit geworden, richtig Gewohnheit geworden. Und aus Gewohnheit legen sich dann die Menschen so etwas an, haben gar keinen Begriff mehr dafür, warum das ursprünglich angelegt worden ist. Diese Gewohnheiten, die entwickeln sich zuerst; später nehmen die Staaten oder die Regierungen Besitz von solchen Gewohnheiten, sie okkupieren diese Gewohnheiten. Darin besteht ja meistens bloß der sogenannte Fortschritt der Staaten und Regierungen, daß sie in Besitz nehmen, was Gewohnheit geworden ist. Irgendeiner findet — es kann immer nur ein Mensch es finden -, sagen wir ein Heilmittel. Das kommt aus seinem Geiste. Die Regierung macht sich daran, dieses Heilmittel für sich in Anspruch zu nehmen und sagt: Nur wenn ich es erlaube, darf es da und dort verkauft werden. — Es geht also das zum Schluß von der Regierung aus.
So ist es auch mit dem Sonnenmedaillon gegangen. Die Menschen haben es ursprünglich aus ihrem eigenen Wissen heraus gemacht, nachher es noch aus alter Gewohnheit gemacht und getragen; und dann haben die Regierungen gesagt: Nein, freiwillig dürft ihr das nicht machen, sondern wir müssen erst die Erlaubnis dazu geben, daß ihr das macht und tragt. - Und so entstanden die Orden! Und so schmückten die Regierungen ihre Angehörigen mit den Orden. Der Orden hat natürlich gar nicht mehr den allergeringsten Sinn. Aber derjenige, der auf die Orden schimpft, sollte zugleich wissen, daß sie ursprünglich ihren guten Sinn hatten, und daß sie aus etwas hervorgegangen sind, was sinnvoll war.
Sehen Sie, so ist es mit vielen ursprünglichen Kleidungsstücken gegangen. Der alte Römer und Grieche hat noch gewußt, wenn er herumgeht und seinen nackten Leib zeigt, so ist das nicht der ganze Mensch, sondern da gibt es einen übersinnlichen Leib. Diesen übersinnlichen Leib hat er in seiner Toga nachgeahmt, und so bildete er sich die Toga. Damit wollte der Römer also den übersinnlichen Leib nachbilden. Die Toga ist nichts anderes als der astralische Leib. Und in dem Faltenwurf, der da kunstvoll der Toga gegeben worden ist, kamen die Kräfte des astralischen Leibes zum Vorschein. Und die neuere Zeit hat, weil sie ja nichts mehr wußte von dem wirklichen geistigen Menschen, nichts Besseres zu tun gewußt, als die alten Kleidungsstücke zu nehmen und, damit sie auch was Neues tut, nach allen Seiten irgendein Stückel abzuschneiden, zunächst dasjenige, was bis nahe an den Boden ging, kürzer zu machen, nachher es möglichst so zu machen, daß man hineinschlüpfen kann, und es allmählich so umzuwandeln, daß der moderne Männerrock daraus geworden ist. Der moderne Männerrock ist nichts anderes als die verschnittene alte Toga, nur erkennt man sie nicht wieder.
Nehmen Sie zum Beispiel den Gürtel. Ja, der Gürtel ist dadurch entstanden, daß der Mensch weiß: Ich bin in der Mitte abgeteilt, so wie kein Tier abgeteilt ist. - Ein solches Zwerchfell zum Beispiel, wie der Mensch es hat, hat kein Tier. Für kein Tier hat diese Abteilung in der Mitte hier eine solche Bedeutung, wie für den Menschen. Vergleichen Sie das nur. Das vergessen die Menschen heute in der unglaublichsten Weise. Es wird zum Beispiel oftmals die Länge des Menschen mit der Länge des Tieres verglichen, um irgend etwas herauszubekommen, wieviel zum Beispiel das Tier Nahrungsmittel braucht und der Mensch. Aber denken Sie nur einmal daran: Da ist ein Tier, und da ist der Mensch. Jetzt mißt einer die Länge des Tieres, und er mißt die Länge des Menschen. Ja, meine Herren, kann man die zwei Dinge miteinander vergleichen? Das ist ja Unsinn. Dasjenige, was man da beim Tier mißt, das ist ja nur das beim Menschen; also können Sie nur, wenn Sie die Länge des Menschen messen vom Kopfscheitel bis hier zu dem Lendenmaß, es vergleichen mit der Tierwelt. Oder wenn Sie das beim Menschen mit dem Tier vergleichen wollen, können Sie das vergleichen mit dem, was hier die zwei hinteren Gliedmaßen beim Tier ausmacht. Es ist wirklich so, daß die Gedankenlosigkeit manchmal furchtbar weit geht.
Nun, indem das primitiven Völkern bewusst wurde, was das für eine Bedeutung hat, daß der Mensch da eine Abteilung hat in der Mitte, haben sie das angedeutet durch den Leibesgürtel. So daß auch da eine menschliche Eigenschaft durch den Leibesgürtel angedeutet worden ist.
Und sehen Sie, wenn der Mensch richtig erkannt wird, so weiß man zum Beispiel, daß eine besondere Kraft sogar für das Denken in der Kniebeuge liegt. Und deshalb wurde die Kniebeuge - die wir ja heute nicht mehr besonders schmücken können, weil wir unsere Hosenröhren darüber haben — geschmückt. Daraus ist dann so etwas entstanden wie der englische Hosenbandorden, auf die Weise, wie ich es geschildert habe. Alle diese Dinge haben sich aus einer wirklichen Anschauung heraus gebildet, sind nicht aus einem solch schrecklich abstrakten, theoretischen Denken, wie wir es heute haben, entstanden.
Und, sehen Sie, die moderne Kleidung hat ja auch alle Farben verloren. Ja, warum hat sie die Farben verloren? Weil eben der Sinn für das Übersinnliche sich gerade am besten durch die Farbe ausdrückt. Und je mehr ein Mensch Freude an der Farbe hat, desto mehr ist er eigentlich geneigt, das Übersinnliche irgendwie zu begreifen. Aber unsere Zeit liebt Grau in Grau, möglichst ungefärbte Farben. Das ist aus dem Grunde, den man andeuten kann durch das Sprichwort: In der Nacht sind alle Katzen grau —, weil der moderne Mensch überhaupt nicht mehr ins Licht hineinsieht, ich meine ins geistige Licht. Es ist für ihn alles grau geworden. Das drückt er eben am besten in seiner Kleidung aus. Er weiß nicht mehr, mit welcher Farbe er sich schmücken soll, da schmückt er sich eben mit gar keiner Farbe. Man kommt eben durchaus darauf, daß alles dasjenige, was Kleidung ist, mit dem zusammenhängt, was man in alten Zeiten noch gewußt hat, was man vom übersinnlichen Menschen gewußt hat. Nun ist die allgemeine Zivilisation eben grau geworden. Aber für gewisse Zwecke des Lebens ist dann die ursprüngliche Farbigkeit geblieben, ohne daß man weiß, woher das eigentlich gekommen ist,
Solche Kleider, wie sie im modernen Staat unser Militär trägt, die sind natürlich in der Zeit entstanden, als die Menschen darauf angewiesen waren, sich immer mehr zu verteidigen. Und alle einzelnen Teile der militärischen Kleidung kann man daraufhin prüfen, ob sie irgendwie im Zusammenhang stehen mit Verteidigungsmitteln oder mit Angriffsmitteln; und im Grunde genommen kann man sagen, alle militärische Kleidung ist eigentlich heute überholt, man kann sie nicht mehr verstehen. Sehen Sie, den modernen Privatrock, den versteht man, weil er aus der römischen Toga entstanden ist. Den Militärrock, den versteht man erst dann, wenn man ihn nicht aus der römischen Toga, aus diesem Faltenwurf heraus erklärt, der in die Karikatur verzerrt worden ist, sondern wenn man ihn aus dem Rittertum des Mittelalters erklärt, wo das ganze eine Art von Harnisch war. Da ist der Harnisch umgestaltet worden.
Es ist (in der Fragestellung) auch die Fahne erwähnt worden. Sehen Sie, mit der Fahne hat es ja die folgende Bewandtnis: Auf der Fahne war eigentlich ursprünglich das sogenannte Wappentier — es brauchte nicht gerade ein Tier zu sein —, aber was war das Wappentier? Das war eben die Gruppenseele, diese Seele, die die Menschen zusammengehalten hat. Und die wollten sie auch, wenn sie in Gruppen beisammen waren, in der Abbildung vor sich haben. Da haben sie die Fahne daraus gemacht. Die Fahne ist gerade der Beweis, daß man die gemeinsamen Gedanken, die man hat, in dieser Fahne zusammenfaßt.
Da ist es ja ganz besonders wichtig, daß man sich darüber klar ist: Alte Maler waren eigentlich viel wirklicher in ihrem ganzen Malen, als die heutigen Maler. Heute malt man meistens sogenannte Staffeleibilder, das heißt, man malt Bilder, die dann in Rahmen kommen, die irgenwo hingehängt werden, weil man es so gewohnt worden ist. Im Grunde genommen hat das gar keinen Sinn. Denn warum soll man sich an eine Wand ein Bild hinhängen? So muß man fragen. In alten Zeiten war es so: Es gab Altäre; da hat man an die Altäre das Bild hingemalt, an das man sich erinnern sollte, wenn man vor dem Altar stand. Es gab Kirchen, da ging man herum. Man hat an die Wand gemalt dasjenige, was einem nacheinander in Gedanken kommen sollte, wenn man herumging. Da hatte das einen Sinn, eine Beziehung zu dem, was drinnen in den Leuten vorging.
Und, sagen wir, in alten Ritterburgen —- nun, worauf gründete sich denn das Rittertum? Das Rittertum gründete sich darauf, daß die Menschen, die ihm angehörten, immer zu ihren sogenannten Ahnen hinaufsahen. Die Ahnen waren ja viel wichtiger als man selber war. Wenn man eine große Anzahl von Ahnen hatte, war man eben mehr wert. Nun, da sind die Ahnenbilder aufgehängt worden. So hatte das wieder einen Sinn.
Aber als dann dieser Sinn verlorengegangen ist, da kam ja überhaupt erst die Landschaftsmalerei auf. Und die Landschaftsmalerei - an der Wand eine Landschaft hängen zu haben, nicht wahr, man kann ja schon etwas dafür übrig haben. Ich will durchaus nicht schrecklich sein in dieser Beziehung und alle Landschaftsmalerei verschimpfen, aber schließlich kann eine gemalte Landschaft niemals so sein, als wenn man in die Landschaft herausgeht! Und so ist eigentlich im Grunde genommen die Landschaftsmalerei erst aufgekommen in der Zeit, als man keinen rechten Sinn mehr hatte für die Natur.
Wenn Sie sich noch die Bilder von vor ein paar Jahrhunderten anschauen — ja, schauen Sie sich selbst die von Raffael oder Leonardo an -, da werden Sie sehen: Dasjenige, was gemalt wird, sind die Menschen, und die Landschaft, nur ein bißchen angedeutet, ist eigentlich kindlich gemacht, weil die Menschen damit einverstanden waren, daß die Landschaft draußen in der Natur angeschaut werden soll. Aber in dem Menschen kann man verschiedenes ausdrücken; der Mensch ist nicht bloß Natur, da kann man verschiedenes ausdrücken! Und so konnte Raffael in der Maria vieles ausdrücken. Sie kennen vielleicht das Bild, das in Dresden hängt: Die Maria mit dem Jesuskinde links auf dem Arm, oben Wolken; dann sind unten zwei Gestalten: der heilige Sixtus und die heilige Barbara, dieses Bild, das man die «Sixtinische Madonna» nennt. Ja, meine Herren, der Raffael hat dieses Bild nicht dazu gemalt, daß man es irgendwo hinhänge, sondern er hat überhaupt nur die Maria mit dem Jesuskindlein gemalt, damit eine Fahne gebildet werden könne, die bei Prozessionen vorangetragen werden solle. Nun gibt es diese Prozessionen, wo man auf das Feld zum Altar geht. Da hat man immer eine Fahne gehabt, die vorangetragen wurde. Man hat an dem Altar haltgemacht, wo dann die Leute niederknieten. Dann hat da später irgendeiner diejenigen dazugemalt, die niederknieten, den heiligen Sixtus und die heilige Barbara. Die gehören gar nicht dazu zu dem Bilde, sind auch schrecklich in der Malerei gegenüber dem, was Raffael dazumal selber gemalt hat. Aber das merken die Leute nicht. Mancher bewundert die ziemlich abstoßende Gestalt der Barbara auf diesem Bilde ebenso, wie er bewundert, was Maria und das Jesuskind selber sind!
Das alles sind Dinge, die Ihnen eben zeigen: Man ist auch abgekommen von dem, was in der Malerei noch Sinn hatte. Warum wurde denn von Raffael für eine Kirchenfahne dieses Bild gemalt? Aus dem Grunde, weil die Leute diesen gemeinsamen Gedanken haben sollten, wenn sie bei ihrer Prozession waren, — was dem Sinne entsprach, aus dem man überhaupt Fahnen gemacht hat.
Nun ja, da entsteht dann eben die Begierde, doch noch einen gewissen Sinn zu verbinden mit demjenigen, was einmal erhalten ist aus den alten Zeiten, wo die Dinge einen wirklichen Sinn hatten. Sie können heute in Gegenden kommen, zum Beispiel nach Finnland, da treten einem die Leute in der alten Kleidung wiederum entgegen. Diejenigen, die da besonders national sein wollen, treten in der alten Kleidung auf, die vergessen war, die wieder erneuert wird.
Aber alle die Leute leben ja nicht mehr in der Zeit, in welcher die alten Instinkte vorhanden waren, in der mit der Kleidung ein Sinn verknüpft war. Heute müßte man gerade aus dem, was heute im geistigen Leben ist, eine Kleidung herausfinden, geradeso wie diese alten Völkerschaften eine Kleidung aus ihrem Sinn, aus dem, was sie für das Richtige in der Welt und Menschheit gehalten haben als Kleidung, herausgefunden haben. Aber dazu hat der Mensch heute gar nicht die Fähigkeit, weil er eben nichts weiß von dem wirklichen, das heißt von dem geistigen Menschen. Und so ist es gekommen, daß wir heute Kleidungsstücke haben, die eigentlich ganz sinnlos sind und die nur darauf beruhen, daß man die Sinnlosigkeit bis zum Exzeß treibt.
Der Mensch hat ursprünglich den Gürtel getragen. Der Gürtel drückte das aus, daß hier etwas Besonderes liegt im Menschen. Dieser Gürtel war dazu da, daß er das ausdrückte. Nun haben die Menschen später den Gürtel gesehen, haben gesehen, daß da der Mensch abgeteilt ist; nun haben sie diese Abteilung selber gemacht mit dem Gürtel. Statt daß der Gürtel etwas ausdrückte, führte er bei der Frauenkleidung oftmals dazu, die Frauenkleidung so zu machen, daß sie nichts ausdrückt, sondern hier nur die Leber und den Magen und alles mögliche kolossal zusammendrückt. Man kann schon sagen, ein großer Teil desjenigen, was in der materialistischen Zeit entstanden ist, ist eigentlich aus Sinnlosigkeit heraus entstanden, aus richtiger Sinnlosigkeit heraus entstanden. Es haben selbst Dinge, die wir heute als Unfug ansehen müssen, bei primitiven Völkerschaften eine gewisse Bedeutung gehabt. Nehmen Sie zum Beispiel an, wilde Völkerschaften haben die Eigentümlichkeit, sich nicht dadurch zu bekleiden, daß sie Kleidungsstücke anziehen, sondern sich auf eine andere Art zu bekleiden. Nicht wahr, das Kleid ist eigentlich dasjenige, was schmückt, was etwas dazutut zu dem, was der Mensch ist. Die Bedeutung des Kleides ist eigentlich Andeutung, Offenbarung. Also es soll das Unsichtbare durch das Kleid geoffenbart werden. Man braucht also nicht, um sich zu bekleiden, meinten die wilden Völkerschaften — sie meinen es noch heute, und andere meinen es auch —, unbedingt Stoffe dazu, sondern man kann sich auch bekleiden, indem man allerlei Zeichnungen auf den Körper selber macht. Da schmückt man sich aus durch die sogenannte Tätowierung. Es machen sich die Leute also allerlei Zeichen auf die Leiber.
Ja, meine Herren, diese Zeichen, die sich die Menschen auf die Leiber machen, die hatten ursprünglich eine ganz grosse Bedeutung. Nehmen Sie zum Beispiel an, der Mensch ritzt sich ein Herz ein auf seinen Leib. Nun ja, wenn er bei Tag herumgeht, so hat das keine große Bedeutung im Wachen. Wenn er aber schläft, dann ist das ein sehr bedeutungsvoller Eindruck auf seine schlafende Seele, was er sich in die Haut eingeritzt hat, und dann wird das ein Gedanke in seiner schlafenden Seele, den er natürlich am Morgen wieder vergessen hat, wenn er zum Bewußtsein kommt. Aber es entstand dieses Tätowieren ursprünglich eigentlich aus der Absicht, bis in den Schlaf hinein im Menschen zu wirken. Wiederum hat es später selbst bei den wilden Völkerschaften die Bedeutung verloren, wenigstens soweit, daß die Menschen es nur noch aus Gewohnheit machen, es fortsetzen aus Gewohnheit, aber es hat eben die Bedeutung verloren.
Nun, nicht wahr, alle diese Dinge müssen Sie in Erwägung ziehen. Dann werden Sie sehen, die Kleidung ist zum Teil aus Schutzbedürfnis entstanden, zum größten Teil, größeren Teil entstanden aus dem Bedürfnis, sich zu schmücken. Und das Schmücken hängt zusammen mit dem, daß man das Übersinnliche nach außen offenbar macht. Und die Menschen sind dann eben gerade mit Bezug auf die Kleidung dazu gekommen, nichts anderes mehr zu wissen, als daß der Mensch sie trägt. Und so entstanden die Nationaltrachten. Natürlich wird ein Volksstamm, der mehr genötigt ist, sich zu schützen, anliegende Kleider haben, dicke Kleider haben, den ganzen Leib mehr oder weniger mit Kleidern beladen oder wenigstens diejenigen Teile, die mehr der Kälte ausgesetzt sind. Ein Mensch in milderem Klima wird das Schmücken eben viel mehr ausbilden, wird dünnere Kleider haben, wehende Kleider haben und so weiter. Es wird also etwas von der ganzen Umgebung abhängen, von dem Klima, wie sich der Mensch zum Teil schützt, zum Teil schmückt. Dann vergessen die Menschen dieses. Wenn dann die Völkerwanderungen kommen, dann kann es vorkommen, daß ein Volk aus der Gegend, wo die Kleidung für die Gegend gepasst hat, in eine andere Gegend einzieht, wo man gar nicht mehr einsieht, warum die Kleidung für diese Völker passen soll; aber sie haben sie eben aus Gewohnheit beibehalten. Und auf diese Weise ist es heute oft sehr schwer, aus der unmittelbaren Umgebung heraus zu finden, warum diese Menschen gerade diese betreffende Kleidung haben. Man kann dann sehen, nicht wahr, die Menschen hören eben auf zu denken. Sie sind so wie der Eisbär, der sein weißes Kleid bekommt, weil das wenig absticht vom nordischen Schnee und es dann für ihn ein Schutz bedeutet gegen allerlei Verfolgungen und so weiter — ja, wenn er es im warmen Klima tragen würde, so wäre es eben nicht ein Schutz, nicht wahr!
So ist es überhaupt: Der Mensch behält das, was er einmal gewohnt ist, durchaus bei, ohne daß er den Sinn davon noch vollständig im Bewußtsein hat. Deshalb ist es heute nicht so leicht, aus der Art und Weise, wie sich der Mensch bekleidet, das Warum zu beantworten, warum sich der eine oder der andere Volksstamm gerade so oder so bekleidet, Da muß man dann, wie gesagt, zurückgehen auf frühere Zeiten.
Sie werden zum Beispiel finden, daß die Magyarentracht der Ungarn eine ganz besondere ist. Die Ungarn tragen etwas hohe Stiefel mit engen Röhren, enganliegende Beinkleider, die so in die Röhren hineingesteckt sind, enganschließenden Rock. Es ist alles modernisiert, hat seinen ursprünglichen Sinn verloren, aber es weist darauf hin, worauf auch die ungarische Sprache hinweist; die hat nämlich meistens in dem, was ursprünglich ist, Jägerausdrücke! Es ist ja sehr merkwürdig: Wenn Sie nach Pest kommen und gehen zum Beispiel über eine Straße, finden Sie etwa eine Aufschrift wie: Kave Häz. Das ist nichts anderes als Kaffeehaus! Das ist natürlich nicht Ungarisch oder Magyarisch, sondern ein bißchen geändert aus dem Deutschen. Kave Häz sagt man dann; so merkt man nicht, daß es eigentlich ein deutsches Wort ist. Aber wenn man absieht von den zahlreichen Worten, die aus dem Lateinischen oder Deutschen kommen in dem Magyarischen, dann kommt man darauf, daß das meistens Jägerausdrücke sind, und man kommt darauf, daß die Magyaren ursprünglich ein Jägervolk sind. Und wenn man auf die Kleidung sieht, so ist es diese, die die ursprünglich bequemste für die Jäger war. Dann ist sie aber modernisiert, umgeändert worden. Da kann man das allenfalls noch begreifen. Aber wenn man vor der heutigen Kleidung steht, kann man nicht mehr viel begreifen.
Nun, Herr Burle, ist einiges klargeworden aus dem, was ich gesagt
habe? Herr Burle: So ziemlich!
Nun, dann wollen wir die Vorträge am nächsten Sonnabend fortset zen. Vielleicht fällt dem einen oder anderen noch etwas ein, was er fragen möchte.