A Spiritual Scientific View of Nature and Man
GA 352 — 20 February 1924, Dornach
Über die Verbindung der höheren Wesensglieder mit dem physischen Leib — Über die Wirkung von Opium und Alkohol
Guten Morgen, meine Herren! Nun, Sie haben vielleicht wieder eine Frage?
Herr Müller fragt, wovon es herrühren könnte, wenn eine Veränderung der Pupillen stattfindet?
Dr. Steiner: Das ist schon eine sehr persönliche Frage! Sie müßten einmal hinunterkommen ins Klinisch-Therapeutische Institut; wenn ich einmal wieder hinuntergehe, werde ich es Ihnen sagen, damit Sie dann hinkommen können. Das ist eine ärztliche Sache.
Weitere Frage: Was der Längsstreifen bedeutet an den Seiten der Fische?
Weitere Frage: Ein Mann hat furchtbar viel Alkohol getrunken, ist vor acht Wochen jetzt gestorben. In den letzten Tagen, bevor er gestorben ist, hat er Schokolade und Zukker gegessen, was er sein Lebtag nicht getan hatte. Wie kam das wohl?
Dr. Steiner: Nun, was die Frage wegen des Längsstreifens bei den Fischen betrifft, so müssen Sie sich über folgendes ganz klar sein. Wenn man irgendeines der Wesen betrachtet, sei es der pflanzlichen, sei es der tierischen Welt, so muß man sich fragen, wie diese Wesen der Außenwelt gegenüberstehen. Sehen Sie, die Pflanzen haben ihre grüne Farbe zunächst in den Blättern. Diese grüne Farbe in den Blättern rührt davon her, daß die Pflanze ein ganz bestimmtes Verhältnis zum Licht und zu der Wärme hat. Die Pflanze nimmt auf der einen Seite dasjenige, was aus dem Licht kommt, auf und gibt anderes zurück, nimmt es nicht auf. Und davon rührt die grüne Farbe der Pflanze her.
Ebenso können Sie sich fragen: Woher rührt das eine oder das andere bei den Fischen? Nun mache ich Sie nur darauf aufmerksam, daß Sie sehen werden, daß Fische, welche mehr im trüben Wasser leben, eine viel dunklere Farbe haben als diejenigen, die im durchhellten Wasser leben. Diejenigen Fische, die mehr die Dunkelheit aufsuchen, sind so bläulich, schwarz sogar. Diejenigen Fische, die mehr das Helle aufsuchen, sind selbst in ihrer Farbe heller. Man kann daher schon sehen, wie der äußere Einfluß von Licht und Wärme auf die Fische wirkt.
Und betrachten Sie einmal andere Tiere, die in Gegenden leben, wo viel Schnee ist, zum Beispiel die Eisbären. Sie nehmen selber eine weiße Farbe an. Alles dasjenige, was lebt, ist irgendwie der Umgebung ausgesetzt.
Nun, bei den Fischen ist es ein ganz deutliches Verhältnis ihrer eigenen Wesenheit zu ihrer Umgebung. Und diese Streifen am Rand sind dazu da, um die Fische in feiner Weise empfindlich zu machen für Licht und Wärme, die in ihrer Umgebung sind. Die Fische werden also dadurch besonders empfindlich. Nicht so sehr nützt ihnen das - ich habe schon einmal davon gesprochen - für die Art, wie sie sich fortbewegen, wohl aber für die Art, wie sie innerlich Licht und Wärme verarbeiten, so daß das also eine Art von Nervenorgan ist.
Was Ihre andere Frage betrifft über den Mann, der das ganze Leben Alkohol getrunken hat und nun anfing, vor seinem Ende ganz fromm zu werden und die fromme Schokolade und Zucker aß - Sie sagen: die letzten Tage vor seinem Tode -, nun, diese Erscheinung kann man leicht verstehen, wenn man sie mit zahlreichen anderen vergleicht, die durchaus im Leben vorkommen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die alt geworden sind. Indem sie alt geworden sind, haben sie zum Beispiel ihre Schrift immer mehr und mehr zitterig werden sehen. Die Schrift wurde zitterig; sie konnten nicht mehr recht schreiben, und man merkte gerade an der Schrift, daß sie alt geworden sind. Sie hatten früher vielleicht eine Schrift, wobei sie schrieben, sagen wir: Lehfeld (scharf, deutlich), und dann schrieben sie: Lehfeld (zitterig). Dann aber, die letzten Tage vor ihrem Tode, stellte sich heraus, daß sie wieder in eine gewisse scharfe Schrift hineinkamen; sie konnten plötzlich wiederum gut schreiben. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die ihre früheren scharfen Schriftzüge vor dem Tode wiederum bekommen hatten. Ebenso ist in zahlreichen Fällen beobachtet worden - ich teile Ihnen da nicht gerade eine eigene Beobachtung auf diesem Gebiete mit, aber gut beglaubigte Beobachtungen, die gemacht worden sind -, daß Menschen, die als Kind irgendeine Sprache gelernt haben - als Kind sind sie vielleicht in irgendeinem fremden Land gewesen, haben eine Sprache gelernt und haben sie wieder vergessen; das kommt ja vor; nehmen wir an, sie hätten so als vierzig-, fünfzigjähriger Mann durchaus keine Möglichkeit gehabt, in dieser Sprache sich mit irgend jemand anderem zu verständigen -, plötzlich ein paar Tage vor ihrem Tode anfangen, in dieser Sprache wiederum ganz verständlich zu reden. Es kam wiederum heraus! Ja, sehen Sie, das sind doch sehr bedeutsame Erscheinungen. Was geht denn da eigentlich vor? Dieses geht vor, daß der Mensch, wenn er stirbt, seinen physischen Leib, also das eine Glied seines Wesens, für die Erde zurückläßt; das löst sich in der Erde auf, das wird in der Erde zerstört. Vom nächsten Glied seines Wesens, dem Ätherleib, habe ich Ihnen gesagt, daß er ein paar Tage nach dem Tode sich allmählich im allgemeinen Weltenäther auflöst. Und dann bleiben vom Menschen noch zurück, um durch die geistige Welt zu gehen, der astralische Leib und das eigentliche Ich. Die gehen dann durch die geistige Welt.
Da findet ja eine vollständige Trennung der einzelnen Glieder des Menschen statt. Und derjenige, der dafür ein Auge hat, kann schon beobachten an jemandem, dessen Tod nahe ist, wie sich die verschiedenen Glieder, physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib, voneinander lösen. Nun, was ist das, wenn einer seine Schrift ändert ein paar Tage vor seinem Tode? Ja, meine Herren, mit dem physischen Leib schreiben wir nicht! Womit schreiben wir denn eigentlich? Wir schreiben mit dem Ich! Wir bedienen uns des physischen Leibes nur als Werkzeug des Ichs, wenn wir schreiben. Und unser Ich, das wird ja nicht alt! Mit Ihrem Ich sind Sie heute noch so jung wie Sie geboren worden sind. Das Ich wird ja nicht alt. Der astralische Leib wird auch nicht in demselben Maße alt wie der physische Leib. Aber der physische Leib ist es, dessen man sich bedienen muß als Werkzeug, wenn man schreiben will, Also der physische Leib, der muß mit seiner Hand die Feder ergreifen. Nun wird der Mensch, indem er alt wird, immer schwächer und schwächer, und er kann nicht mehr recht an seinen physischen Leib heran. Aber nicht nur das, sondern im physischen Leib selber lagert sich allerlei ab. Und die Folge davon ist, daß der Mensch seine Finger nicht mehr recht gebrauchen kann. Er wird ungeschickt, zittert, statt daß er feste Striche macht, wenn er schreibt. Ist nun der Mensch dem Tode nahe, dann lockert sich schon der Ätherleib vom physischen Leib heraus. Da geschieht eine Lockerung. Das kann zuweilen ein paar Tage vor dem Tode geschehen; manchmal geschieht es im letzten Augenblick. Man darf nicht sagen, daß man etwa einen Menschen, dem man tagelang vor seinem Tode ansieht, er könnte auch sterben, nicht mehr versuchen sollte zu heilen; es kann wiederum das, was sich gelockert hat, zusammengefügt werden. Man muß immer, solange ein Mensch lebt, unter allen Umständen versuchen, ihn zu heilen. Aber die Sache ist doch so, daß bei vielen Menschen tagelang vor dem Tode sich der Ätherleib lockert.
Nun, wenn sich der Ätherleib lockert, dann wird der Mensch stärker. Daß der Mensch stärker wird, wenn sich sein Ätherleib lockert, das können Sie auch noch aus etwas anderem sehen. Es gibt eine Sorte von Verrückten, die entwickeln eine ungeheure Stärke, eine ganz außerordentliche Stärke. Sie könnten oftmals erstaunt sein über das, was ein solcher Verrückter an Stärke leisten kann. Nicht nur, daß die Prügel, die er verabreicht, furchtbar viel stärker sind als diejenigen von andern, sondern Möbelstücke, bei denen es keinem Menschen einfällt, daß er sie heben kann, die hebt zuweilen ein Verrückter mit Leichtigkeit. Also Sie sehen, da tritt etwas Merkwürdiges ein, was einen solchen Menschen von einem normalen Menschen unterscheidet. Was tritt beim Verrückten ein? Nun, beim Verrückten ist der Ätherleib immer etwas locker, oder der Astralleib ist gelockert. Nun ist der Mensch durch den physischen Leib nicht gerade stark, sondern schwach. Er muß den physischen Leib bedienen durch den Äther- oder Astralleib. Man sagt ganz richtig im Volksmund: «Es ist eine Schraube bei ihm los» - es ist etwas gelockert. Das Volk spricht zuweilen sehr richtig, weil ein Instinkt des Übersinnlichen beim Volke vorhanden ist, und in solchen alten Volksaussprüchen sollte man nicht etwas Verächtliches sehen, sondern etwas, was durchaus stimmt. Wenn nun der Verrückte seinen Äther- oder Astralleib gelockert hat und dadurch stark wird, so ist er eben als Verrückter in derselben Lage, in der einer ist, dessen Ätherleib sich schon gelockert hat, weil er in ein paar Tagen stirbt. Und wenn er im Ätherleib stärker wird, kann er wieder besser schreiben. Wenn er im astralischen Leib stärker wird — da ist ja alles drinnen, was man vergessen hat -, da zieht er dann aus dem astralischen Leib heraus, was er vergessen hat und kann wiederum die früher gehandhabte Sprache sprechen.
Aber nun nehmen Sie Ihren Fall. Sehen Sie, ich habe ja den Mann nicht gekannt und weiß daher nicht, wie er gelebt hat. Vielleicht haben Sie ihn gekannt? Sie können ja dann auf gewisse Fragen antworten. Haben Sie ihn gut gekannt? - Nun, sehen Sie, bei einem solchen Menschen kommt es sehr stark in Betracht, ob er vielleicht eine Frau oder jemand anders in der Umgebung gehabt hat, vielleicht könnten Sie es selber gewesen sein, der ihm fortwährend vorgeredet hat, wie schädlich es ist, so viel Alkohol zu trinken? (Das wird bestätigt.) Nun, da haben wir gleich irgend etwas, was uns auf die Spur führen wird. Er hat in seiner Umgebung Leute gehabt, die ihn immer ermahnt haben, er solle nicht so viel trinken, weil das nicht das Richtige ist und er sich damit schadet. Bei dem Mann ist das, wie man sagt, bei dem einen Ohr rein-, bei dem andern Ohr rausgegangen. Wiederum eine volkstümliche Redensart, die gar nicht so unbegründet ist. Es ist schon so, daß der Mensch für gewisse Dinge so gestimmt ist, daß sie bei dem einen Ohr rein-, bei dem andern Ohr rausgehen. Warum? Nun, weil der astralische Leib die Dinge überhört. Das Ohr ist ja nur das Werkzeug des Hörens. Der astralische Leib überhört es.
Nun kommt es aber doch vor, daß der astralische Leib die Sache hört, aber der physische Leib nicht mittut, weil der betreffende Mensch zu schwach ist. Nun denken Sie jetzt. der Mann hat meinetwillen von Herrn Erbsmehl selber gehört: Du bist ein ganz verrückter Kerl - ich sage es jetzt ganz radikal, nicht wahr —, weil du dich alle Augenblicke besäufst! Das geht nicht, das ist menschenunwürdig! - und so weiter, und der Mann hat das alles heruntergeschluckt. Das ist so geschehen, das geschieht ja schon einmal im Leben, daß die Leute die Sache herunterschlucken und dann wieder weitermachen. Aber sein astralischer Leib hat etwass davon behalten. Vielleicht haben Sie es so stark gesagt und so oft, daß der astralische Leib und der Ätherleib gar nicht wegkommen konnten, ohne das zu behalten. Solange die im physischen Leib drinnen ganz ohne Hindernis steckten, so lange haben sie nichts gehört. In dem Augenblick, wo der physische Leib so wurde, daß der Ätherleib und der astralische Leib gelockert wurden, ja, da plötzlich kam durch den Ätherleib und den Astralleib der Gedanke in den Menschen hinein: Der Herr Erbsmehl könnte doch recht gehabt haben! Vielleicht ist das ganz verrückt, daß ich das ganze Leben hindurch so viel getrunken habe. Jetzt will ich einmal — nun, das können Sie sich ja denken, wenn die Dinge gelockert sind - Buße tun! - Da sagen dann der astralische Leib und der Ätherleib: Aha, jetzt trinkt er keinen Alkohol, jetzt trinkt er Schokolade und Zuckerwasser! — Vielleicht hätte er auch Limonade getrunken, wenn welche dagewesen wäre. Dadurch, daß so etwas auftreten kann, wird gerade für den, der die Dinge verständig ansieht, der Beweis geliefert, daß da im Menschen allerlei sitzen kann, was nicht herauskommt. Den gegenteiligen Fall habe ich Ihnen auch einmal erzählt. Der gegenteilige Fall war, wo die Geschichte nicht im Astralleib und Ätherleib drinnenblieb, sondern zu stark in den physischen Leib hineinging, wo man gewissermaßen viel zu viel auf die Sache hinhörte. Der gegenteilige Fall ist der: Einem ehemaligen Bekannten von mir — er war ein sehr gelehrter Herr — passierte es eines Tages, daß ihn das Bewußtsein und das Gedächtnis verließen. Er wußte nicht mehr, wer er einmal war, was er getan hat; von seiner ganzen Gelehrsamkeit wußte er nichts mehr. Alles hatte er vergessen. Er wußte nicht einmal, daß er er selbst ist, daß er er ist. Aber trotzdem, sein Verstand war klar. Der Verstand wirkte ganz klar. Er ging zum Bahnhof, löste sich ein Eisenbahnbillett und fuhr weit. Geld hatte er sich auch mitgenommen, das, was er noch gehabt hat. Er konnte weit fahren. Als er angekommen war an der Station, wohin das Billett gelautet hatte, kaufte er sich ein neues. Und das tat er mehrmals, wußte gar nichts von dem, was er tat. Der Verstand ist aber so abgesondert vom eigentlichen Menschen, daß alles ganz verständig geschah, wie die Tiere verständig handeln - wie ich Ihnen oftmals an manchem guten Beispiel gezeigt habe -, ohne daß sie ein Ich haben. Nun, da fand er sich einmal wiederum, das Gedächtnis kam wiederum. Er wußte, wer er ist, Seine Gelehrsamkeit rückte auch wiederum im Kopfe herauf; aber er befand sich in Berlin in einem Obdachlosenasyl! Da ist er zuletzt gelandet. Abgereist ist er von Stuttgart. Man konnte nachher konstatieren, daß er dort abgereist ist. In bewußtlosem Zustande ist er in Budapest und so weiter gewesen. Den Weg von Berlin nach Stuttgart hat er wiederum machen können. Dann hat ihn jemand von seiner Familie abgeholt, die furchtbar in Ängsten war. Er hat das wieder machen können. Er hat dann allerdings durch Selbstmord geendet. Das eine Mal kam es durch Bewußtlosigkeit heraus, das andere Mal durch Selbstmord.
Aber was geht denn da vor in einem solchen Fall? Ja, sehen Sie, diesen Mann, von dem ich Ihnen jetzt erzählt habe, den habe ich tatsächlich so vor mir, daß ich ihn eigentlich jederzeit malen könnte. Der Mann hatte Augen, von denen man glauben konnte, sie wollten immer mehr tiefer in den Kopf hinein. Er hatte hier vorne so etwas, wie wenn die Nase sich eingegraben hätte - das alles natürlich sehr leise angedeutet - in den physischen Leib. Er sprach mit einem in einer ganz merkwürdigen Weise. Er sprach mit einem so, daß er ganz anders überzeugt war von seinen Worten als ein anderer Mensch. Man hatte das Gefühl, der schmeckt seine eigenen Worte immer auf der Zunge und verschluckt sie, so gern hat er sie. Es gefällt ihm so, wenn er etwas spricht, er schluckt das alles in sich hinein. Und wenn man ihm irgendwie widersprach, da wurde er recht böse. Aber er zeigte äußerlich nicht viel von diesem Bösewerden, sondern sein Gesicht verzerrte sich. Wenn irgendwo auf der Straße ein Wagen knatterte, dann fuhr er furchtbar zusammen; wenn Sie ihm irgendeine Neuigkeit erzählten, dann fuhr er ebenso zusammen, ob sie nun freudig oder traurig war.
Sehen Sie, dieser Mensch hatte zuviel zugehört, und alles drückte sich gleich in seinem physischen Leibe aus. Und dadurch hatte er die Gewohnheit, daß der astralische Leib immer ganz tief in den physischen Leib sich eingrub; er behielt nichts für sich, wie Ihr Alkoholiker, sondern alles grub sich in den physischen Leib ein, bis der physische Leib soweit war, daß er auch sein eigenes Ich eine Zeitlang verrückte.
Da haben Sie den entgegengesetzten Fall. Bei diesem Alkoholiker blieben die Ermahnungen im astralischen Leib sitzen und kamen hervor, als er sich lockerte. Bei jenem anderen, von dem ich Ihnen erzählt habe, setzte sich der astralische Leib so tief in den physischen Leib hinein, daß der physische Leib dann auch für sich fortging.
Sie sehen also, es sind im Menschen überall die Anzeichen dafür vorhanden, daß diese höheren Glieder, diese übersinnlichen Glieder mit seinem physischen Leib und mit seinem Ätherleib in einer innigen Verbindung stehen. Dieses alles zeigt Ihnen aber, daß man das Leben wirklich nur kennenlernen kann, wenn man auf solche Lebenszusammenhänge hinschaut, die einem direkt verraten: Da ist ein physischer Leib im Menschen, da ist ein Ätherleib im Menschen, da ist ein astralischer Leib, da ist ein Ich.
Sie können an dem Fall, wo der Betreffende plötzlich ganz andere Appetite bekommt unter dem moralischen Druck dessen, was er im Leben im astralischen Leib gelassen hat, auch sehen, wie noch andere Erscheinungen eintreten können. Da gibt es zum Beispiel folgendes. Ich will Ihnen jetzt eine interessante Geschichte erzählen. Da gab es einmal eine Frau, die handelte mit Gemüsen und ähnlichen Dingen. Es ist noch die Zeit, die schon weit hinter uns liegt. Die Frau ging mit ihrem Gemüsekorb von Haus zu Haus. Nun, sie war immer so, daß man sie eben nahm als eine Frau, die nun so ist, wie eine Gemüsehändlerin eben das Leben auffaßt. Sie lachte, wenn irgend jemand etwas Witziges sagte; sie war sonst gleichgültig im Leben. Sie trug ihr Gemüse in die Häuser, nahm ihr Geld entgegen und verbrachte so das Leben. Da kam sie einmal in eine Wohnung und wollte Gemüse verkaufen. Es war sonst niemand da als der Herr des Hauses, der ihr aufmachte. Und dieser Herr des Hauses, der hatte einen ganz besonderen Blick. Der schaute die Leute nämlich sehr streng an und hatte schon öfter bemerkt gehabt, wenn er die Leute mit seinem besonderen Blick anschaut, dann werden die Leute über etwas gesprächig, über das sie sonst schweigen. Nun stellte sich das Folgende heraus; das ist eine sehr gut beglaubigte Sache. Diese Gemüsefrau kam zu dem Mann; der schaute sie an. Sie erschrak. Er sagte gar nichts, schaute sie nur an. Er sah, daß sie erschrak, redete kein Wort, sondern schaute sie weiter an. Nun erschrak sie nicht nur, sondern sagte: «Schauen Sie mich nicht so an! Schauen Sie mich bitte nicht so an, ich will Ihnen alles sagen!» Er sagte nichts, schaute sie aber weiter an. Da sagte die Frau: «Ja, aber ich hab’s ja nur aus Angst getan.» Er sagte wieder nichts, er schaute sie nur weiter an. «Schauen Sie mich nicht so an, ich hätte es ja wirklich nicht getan, wenn ich’s nicht aus Angst getan hätte!» Er sagte wieder nichts, schaute sie nur weiter an. «Ja, ich will Ihnen auch alles sagen, aber schauen Sie mich nicht so an!» Er schaute sie an. «Ich will Ihnen alles sagen! Ja, sehen Sie, ich hätte es ja nimmermehr ermordet, wenn ich es nicht, wenn ich es nicht aus Angst getan hätte!» Weiteres Anschauen. «Ja, ich habe mich so vor den Leuten gefürchtet, das Kind hätte etwas ganz Schlimmes von mir gesagt, und da habe ich es aus Angst getan. Ich war ja gar nicht ordentlich bei Bewußtsein!» Und sehen Sie, diese Frau hat ihm einen Kindesmord, den sie begangen hat, von A bis Z erzählt! Was ist denn da vorgegangen?
Die Sache ist so: Dieser Mann hatte einen gewissen scharfen Blick. Wenn der Mensch seine gewöhnlichen Augen hat, nun ja, da redet er mit den anderen, er stößt sie nicht besonders. Wenn einer einen Blick hat, den er leicht fixieren kann, der dann durchdringend wird, dann magnetisiert, könnte man sagen, dieser Blick den Ätherleib des Menschen. Und im Ätherleib sitzt das Gewissen. Wenn der Ätherleib einfach richtig eingeschaltet ist in den physischen Leib, nun ja, nicht wahr, da wird der Mensch, wenn sich so etwas regt, das gleich hinunterstoßen. Wenn aber der Ätherleib magnetisiert wird durch solch einen Blick, dann lockert sich dieser Ätherleib. Und wenn der Mensch nun etwas auf dem Gewissen hat, dann lockert sich das mit und geht herauf und beunruhigt den astralischen Leib und das Ich. Und die Folge davon ist, daß durch diese mit dem Ätherleib geschehene Lockerung des Gewissens der Mensch Geständnisse ablegt, die er sonst nicht ablegen würde.
Das sind die Dinge, die wiederum zeigen, wie der Ätherleib, wenn er künstlich herausgelockert wird aus dem physischen Leib, selbständig wirkt und wie eigentlich der physische Leib vieles verbirgt im Menschen, was der Mensch in sich trägt. Und das kommt dann, wenn sich der Ätherleib lockert, unter Umständen - nicht immer, aber unter Umständen - vor dem Tode heraus.
In diesen Sachen ist auch viel Mißbrauch getrieben worden. Wenn Sie so ein bißchen Lebensbeobachter gewesen sind vor dem Krieg, da konnten Sie auf den Reisen in jedem Hotel oder dort, wo sonst die Briefe aufgeschichtet sind, daß sich das die Leute abholen, daß sie es nehmen, überall immer wieder dasselbe finden: irgend etwas, was die Aufschrift hatte von einer amerikanischen Gesellschaft. Da steckte überall dasselbe. Was war dazumal geschehen? Nun, da war eine amerikanische Gesellschaft begründet worden, die hatte Filialen. In Berlin war eine solche Filiale, in Frankfurt, in den meisten größeren Städten waren solche Filialen. Es muß also das Geschäft gut gegangen sein! Da wurde angekündigt, daß derjenige, der Macht über die Menschheit gewinnen will, Büchelchen kriegt von dieser amerikanischen Gesellschaft. Er braucht nur so und so viel Geld einzuschicken, dann kriegt er Büchelchen, und in diesen Büchelchen ist die Anweisung darinnen, wie er Macht über die Menschheit kriegt. Nun, alle Reisenden, alle Agenten, die haben sich gedacht: Das ist doch eine schöne Sache, Macht über die Menschen zu gewinnen. Donnerwetter, da werden wir viel verkaufen, da wird uns kein Mensch widerstehen können! — Diese Büchelchen fingen gleich damit an, daß Anweisungen darinnen waren, wie der Betreffende seine Augen so einstellen solle, daß er dem andern nicht in die Augen schaut, sondern auf den Punkt, der zwischen den Augen liegt, soll er starr hinblicken; dann wird der andere magnetisiert, und er kommt unter seinen Einfluß und tut, was der will. Nun, wissen Sie, die Weinreisenden und die andern Reisenden haben sich das alles kommen lassen. Und man konnte sehen, daß also namentlich in Hotels, wo solche Agenten gewohnt haben, immer massenhaft diese Briefe und Sachen verschickt wurden. Die meisten haben ja deshalb doch nicht bessere Geschäfte gemacht, sondern die amerikanische Gesellschaft hat dabei die guten Geschäfte gemacht. Den meisten hat es ja nichts genützt, Einigen könnte es aber doch genützt haben; und die haben etwas getan, was unter keinen Umständen ein Mensch machen soll, denn das ist eine Versündigung gegen die menschliche Freiheit. Kein Mensch darf anstreben, über einen andern Menschen auf eine solche Art eine Macht zu bekommen! Und wenn es ihm die Natur gibt, wie jenem Menschen, von dem ich Ihnen erzählt habe, so kann es ja unter Umständen schlimm genug werden, aber es ist dann die Natur, die so etwas gibt wie einen besonderen Blick; da wird es viel weniger mißbraucht als bei demjenigen, der die Sache erlernen will. Nun, während des Krieges haben diese Torheiten abgenommen, und sie sind jetzt eigentlich gar nicht mehr vorhanden. Aber man kann schon sagen, gerade von diesen Dingen kann man auf der einen Seite lernen, wie die Menschen selber das Geistige ausnützen, und wie die ärgsten Materialisten - denn das waren ja zumeist Materialisten, die sich da diese Dinge haben kommen lassen — da, wo es sich darum handelt, mit dem Geist Profit zu machen, auch an den Geist sich wenden. Sie glauben nicht an ihn, aber sie wenden sich an den Geist, wenn es sich darum handelt, mit dem Geist Profit zu machen! Ich habe Sie also darauf aufmerksam machen wollen, wie ungeheurer Mißbrauch mit diesen Dingen getrieben werden kann.
Aber dabei kommt noch vieles andere in Betracht. Dasjenige, was da bewußt angestrebt wird von den Menschen und was in diesem Büchelchen bewußt angestrebt wird, das hat doch, wenn auch nicht in so hohem Grade, mancher Mensch, der damit auch etwas erreicht, für sich praktiziert. Vielleicht sind Sie doch schon ab und zu Teilnehmer gewesen von Versammlungen, wo Redner geredet haben. Nun, Sie werden mir zugestehen, daß die Überzeugung, die vom Redner ausgeht, nicht immer die einzige Rolle spielt, sondern daß da furchtbar viel von dem mitspielt, was als ein Einfluß von dem Redner ausgeht. Und das ist schon so, die beliebtesten Volksredner sind manchmal solche Leute, die auf eine unrichtige Weise Einfluß bekommen auf Volks- oder auf sonstige Menschenmassen. Man macht ja in dieser Zeit ganz besondere Erfahrungen.
Es ist zum Beispiel jetzt dieses der Fall, daß ich Aufsätze über mein eigenes Leben schreibe im «Goetheanum». Diese Aufsätze, die vielleicht der eine oder andere von Ihnen gelesen hat, die streben mit einer gewissen Absicht an, möglichst einfach zu erzählen, ohne Schmuck, höchst einfach, nirgends besonders stark aufgetragen. Nun hat sich schon ein Kritiker gefunden, der das besonders tadelt, der da sagt, ich bringe nicht wie Goethe Dichtung und Wahrheit, sondern Wahrheit mit aller Nüchternheit. Ja, das strebe ich gerade an! Und ich strebe gar nicht an, dasjenige zu erreichen, was von einem solchen Kritiker verlangt wird. Bei einem solchen Kritiker heute ist gerade dasjenige vorhanden, was gegenüber einem nüchternen Stil ein «besoffener» Stil ist. Und, nicht wahr, dieser besoffene Stil, der ist nämlich heute überhaupt fast überall vorhanden. Es kommt den Leuten gar nicht mehr darauf an, irgendwie durch das, was sie sagen, zu wirken, sondern sie brauchen Worte, die den andern überwältigen. Da fängt schon der unrichtige Einfluß an. Wenn man nämlich so schreibt, wie ich mich bestrebe zu schreiben, dann wirkt man auf das Ich, das einen freien Willen hat. Wenn man aber einen besoffenen Stil schreibt, dann wirkt man auf den astralischen Leib, der nicht so frei ist, sondern der unfrei ist. Man kann auf den astralischen Leib namentlich dann wirken, wenn man den Leuten gegenüber so redet, daß man weiß, das hören sie gern.
Solche Leute, die auf diese Weise nicht überzeugen, sondern überreden wollen, die gebrauchen meistens das als Sätze und Worte, was den andern gefällt, während der, der die Wahrheit sagen will, nicht immer das sagen kann, was den andern gefällt. Denn in unserer Zeit ist es sogar so, daß die Wahrheit den Menschen in der Regel nicht gefällt. Also schon an der Art und Weise, wie der Mensch seine Sätze schreibt, kann man sehen: Wenn der Mensch seine Sätze so schreibt, daß sie logisch sind, daß der eine Satz aus dem andern folgt, dann wird er auf das Ich des andern Menschen wirken, das frei ist. Wenn der Mensch seine Sätze so schreibt, daß er nicht logisch ist, sondern vor allen Dingen darauf bedacht ist, das zu schreiben, was dem andern gefällt, was bei dem andern die Begierden, Triebe, Instinkte, Leidenschaften erregt, dann wirkt er auf den Astralleib des andern, der nicht frei ist. Und das ist ein Kennzeichen unserer Zeit, daß so vielfach von Freiheit geredet wird, und daß die größte Sünde gegen die Freiheit eigentlich heute ausgeht von dem öffentlichen Reden in Wort und Schrift. Es wird eigentlich überall im öffentlichen Reden Wort und Schrift, Wort und Schreiben mißbraucht.
Also sowohl die gewöhnlichen Lebensverhältnisse verstehen Sie besser, wenn Sie unterscheiden können zwischen Ich und astralischem Leib so, daß man auf das eine oder andere wirkt, wie Sie auch besser verstehen können eine solche Erscheinung, wenn vor dem Tode der Mensch wieder anfängt seine Schriftzüge zu kriegen, oder eine Sprache wieder anfängt zu sprechen, die er vergessen hat, oder unter einem moralischen Einfluß, den er sein ganzes Leben nicht beachtet hat, dasjenige ißt, was er sonst nie gegessen hat. Da können Sie sehen, wie das Ich in dem physischen Leib drinnensteckt und sich lockert.
Weitere Frage: Herr Doktor hat das letzte Mal von Arsenik gesprochen. Heute ist in der Schweiz die Opiumfrage aktuell geworden. Im «Goetheanum- ist vor einiger Zeit ein Artikel von Dr. Usteri gestanden über die Mohnpflanze in Verbindung mit dem Opium. Könnte man über das Opium etwas hören?
Weitere Frage: Vor ungefähr zwei Jahren ist die Einstein-Theorie in das Publikum gekommen. Heute hört man wenig mehr davon. Hat sich eigentlich diese Theorie bewährt, oder ist sie auch hinuntergeschwommen?
Dr. Steiner: Nun, nicht wahr, über die Einsteinsche Theorie müßte ich lange reden, denn es ist schwer, die Einsteinsche Theorie kurz auseinanderzusetzen. Wenn man sie richtig verstehen will, braucht man nämlich mathematische Kenntnisse. Aber bei der Einsteinschen Theorie war das Merkwürdige dieses, daß alle Leute davon geredet haben und nichts davon verstanden haben, sondern nur auf Autorität hin darüber geredet haben, denn wie gesagt, man braucht einige mathematische Kenntnisse. Aber insofern man ohne mathematische Kenntnisse etwas verstehen kann - es ist heute dazu nicht mehr die Zeit —, will ich doch etwas auseinandersetzen, damit Sie sehen, inwiefern sie auf der einen Seite auf Wahrheit beruht, auf der andern Seite ein großer Irrtum ist. Gesprochen wird heute immer noch davon. Beim großen Publikum ist es so, daß es anbeißt, wenn irgend etwas durch die Zeitung verbreitet wird; aber es hält nichts fest. Das Publikum hat es heute vergessen, aber die einschlägigen Universitätsprofessoren sind heute Einsteinianer. Also bei den eigentlichen Gelehrten ist die Einsteinsche Theorie heute viel verbreiteter als vor Jahren. Ich werde das nächste Mal, soweit man es ganz populär tun kann, einiges davon auseinandersetzen. Ich muß dazu nur mehr Zeit haben, als wir es heute haben. — Hat jemand noch eine Frage sonst?
Frage: Besonders den Unterschied zwischen Alkohol und dem Opium, den möchte ich wissen. Nach dem Artikel von Dr. Usteri ist anzunehmen, der Mohnsaft zieht hinauf, der Alkohol zieht hinunter.
Dr. Steiner: Sehen Sie, meine Herren, da müssen wir uns fragen: Wenn der Mensch Alkohol trinkt, was für ein Glied seiner Wesenheit wird da beeinflußt? Das Ich. Und das hat zu seinem Werkzeug physisch die Blutzirkulation. In der Blutzirkulation offenbart sich physisch der Einfluß des Alkohols auf das Ich. So daß der Mensch in dem, was eigentlich sein Leben ausmacht, in der Blutzirkulation, durch den Alkohol ganz besonders stark beeinflußt wird.
Beim Opium ist das so, daß es besonders stark gerade auf den astralischen Leib wirkt, und zwar so auf ihn wirkt, daß der Mensch ihn eben herauszieht aus dem physischen Leib. Sehen Sie, da ist es so, daß er dann dieses Herausziehen des astralischen Leibes aus dem physischen Leib als ein sehr großes Wohlgefühl empfindet. Er hat seinen physischen Leib für einige Zeit los, und das empfindet er als Wohlgefühl.
Der Mensch sagt leicht, Sie werden das schon gehört haben: der Schlaf ist süß. Aber beim Schlaf ist es ja so, daß der Mensch diese SüRigkeit gar nicht so recht empfinden kann, weil er eben schläft! Er kann diese Süßigkeit nicht empfinden; er kann sie nur im Nachgeschmack haben. Und weil er sie im Nachgeschmack hat, so kommt es eben vor, daß die Leute sagen, der Schlaf ist süß. Aber wenn nun der Mensch den Mohnsaft, das Opium zu sich nimmt, dann spürt er diese Süßigkeit; denn eigentlich ist er so im Leib, wie wenn er schlafen würde, und ist zugleich wach. Dadurch kann er die Süßigkeit genießen, und dadurch fühlt er diese Süßigkeit und fühlt sich ungeheuer wohl darinnen. Es ist, wie wenn sein ganzer Leib mit Zucker durchdrungen wäre, mit einem ganz besonderen Zucker, durch und durch mit Süßigkeit. Aber zugleich ist sein astralischer Leib frei vom physischen Leib, und dadurch nimmt er, wenn auch nicht deutlich, allerlei wahr. Er hat nicht gewöhnliche Träume, sondern er nimmt die geistige Welt wahr. Er macht große Reisen durch die geistige Welt durch. Das gefällt ihm. Dadurch wird er hinaufgehoben, wie Sie sagen, in die geistige Welt. Beim Alkoholtrinken hingegen wird sein physischer Leib ganz in Anspruch genommen, bis ins Blut hinein. Da wird sein astralischer Leib nicht frei. Da wird alles noch mehr vom physischen Leib in Anspruch genommen. Daher wird der Mensch, wenn er Alkohol trinkt, eben ganz vom physischen Leib in Anspruch genommen, viel mehr als er sonst in Anspruch genommen wird. Das ist eben der Unterschied. Beim Opium wird das Geistig-Seelische frei, genießt erstens den physischen Leib in seiner SüBigkeit, zweitens aber macht es Reisen, wobei es zwar etwas ungeordner, aber immerhin in die geistige Welt hineinkommt. Und die Orientalen haben vieles von dem, was sie in nicht richtiger Weise, aber doch von der geistigen Welt beschreiben, vom Opiumgenuß, Haschisch und dergleichen.
Das sind die Dinge, die Ihnen wiederum zeigen, wie man solche Dinge gar nicht anders verstehen kann, als daß man eben auf die höheren Glieder der menschlichen Natur Rücksicht nimmt.
Nun wollen wir am nächsten Samstag um neun Uhr die Sache fortsetzen.