Human History and the World Views of Civilized Nations
GA 353 — 8 March 1924, Dornach
Dritter Vortrag
Guten Morgen, meine Herren! Ich werde nun also heute fortfahren in den Betrachtungen, die wir angefangen haben. Nicht wahr, die Situation machen Sie sich da ganz klar: Im Osten drüben ist Asien. Von Asien kam man im Altertum herüber nach Europa, nach Griechenland, direkt längs einer ganzen Reihe von Inseln. Die Sache war also so (es wird gezeichnet): Hier endete Asien; hier ging es hinüber nach Afrika; da war der Nil, von dem ich Ihnen viel gesprochen habe. Hier ist Griechenland, hier das Adriatische Meer, und hier ist Italien, hier dann die Insel Sizilien. Hier wären also eine Menge Inseln, Samos, Rhodos, Zypern und so weiter, und auf diesen Inseln kam man von Asien herüber nach Griechenland. Hier wäre Griechenland, hier das Römische Reich, das heutige Italien.
Nun müssen Sie sich einmal folgendes richtig ins Gedächtnis rufen, meine Herren. Sehen Sie, in Griechenland hat sich, man kann sagen, etwa vom Jahre 1000, 1200 vor Christi Geburt an, alles das entwickelt, wovon ich Ihnen erzählt habe, daß dadurch die Menschen eben gelernt haben, die Welt anzuschauen. Aber schon, man kann sagen, vom 4., 3. Jahrhundert vor Christus an ging allmählich in Griechenland die Herrschaft verloren, und sie ging über nach Rom. Das war ja die Hauptstadt. - Die Sache war so gegangen, daß in den ältesten Zeiten immer mehr Griechen, solche die mehr oder weniger unzufrieden waren in Griechenland, ausgewandert sind und hier, sowohl in Sizilien wie hier in Unteritalien, sich angesiedelt haben. Dadurch hat sich durch ein halbes Jahrtausend, vier- bis fünfhundert Jahre, die griechische Kultur ganz herübergezogen, so daß Unteritalien und Sizilien damals genannt wurden: Großgriechenland. Man bezeichnete sogar die alte griechische Heimat bloß als Griechenland, und das andere bezeichnete man als Großgriechenland. Es haben sich nicht etwa bloß Unzufriedene dorthin gewandt, sondern es sind Leute hingegangen wie der große Philosoph Plato, der dort einen Musterstaat begründen wollte. Und es haben eigentlich die wichtigsten Leute, die die Kultur gemacht haben, in Unteritalien gelebt. Und man muß schon sagen: Es ist in Unteritalien, hier im Süden, ein feines, gebildetes Leben gewesen, während sich von oben aus die brutale, später als Römertum bezeichnete Herrschaft verbreitet hat.
Sie wissen ja, daß die ursprüngliche Bevölkerung Roms auf eine sehr merkwürdige Art entstanden ist: Es wurde zusammengerufen von Häuptlingen, von denen der Name Romulus besonders bekannt geworden ist, alles dasjenige, was an Halunken in der Umgegend war. Alle Halunken von der Umgebung wurden zusammengerufen in Rom, und mit denen wurde ursprünglich der erste römische Räuberstaat gebildet. Es ist dann ja auch die Räubergesinnung noch fortgesetzt worden unter den ersten römischen Königen. Aber sehr bald machte sich geltend, schon unter dem vierten und fünften König, dann die Ansiedelung und Einwanderung eines nördlichen Stammes, der Etrusker. Das waren wiederum Menschen, man kann schon so sagen, die dann sich vermischten mit den Nachkömmlingen der Räuber, und es ist dadurch wiederum ein menschlicher Zug in das Römertum hineingekommen. Aber alles dasjenige, was Rom eigentlich später an Weltherrschaft begründet hat, was dann übergegangen ist bis in unsere Zeit in die Menschheit an Herrschaftsgelüsten, das stammt eigentlich - man darf sich darüber keinen Illusionen hingeben - aus dieser ursprünglichen Halunkenkolonie, die gegründet worden ist auf den sieben Hügeln von Rom. Nur hat sich da alles mögliche drüber gegossen; die Sache ist natürlich furchtbar verfeinert worden, aber man begreift eben die Sache, wie das später gemacht worden ist, nicht, wenn man nicht weiß, daß da eine ursprüngliche Räuberkolonie aus den Wäldern zusammengesammelt war. Daraus sind dann auch alle über Europa ausgeströmten Herrschaftsgelüste und dergleichen gekommen, die noch heute eine so große Rolle spielen. Es hat sich auch in Rom herausgebildet dasjenige, was dann immer mehr und mehr die Kirche verflochten hat mit der weltlichen Herrschaft. Und dadurch sind dann die Zeiten des Mittelalters entstanden und so weiter.
Nun, sehen Sie, im Anfange unserer Zeitrechnung geschah das Mysterium von Golgatha. Nicht wahr, die römische Herrschaft wurde begründet, wie ich es Ihnen jetzt geschildert habe, im 8. vorchristlichen Jahrhundert. Damals also, sieben Jahrhunderte nach Begründung der römischen Herrschaft, war aber diese Herrschaft weit ausgebreitet, bildete ganze Gebiete bis hinüber nach Asien. Auch da, wo das Mysterium von Golgatha stattfand, war die römische Herrschaft überall ausgebreitet. Die in Palästina wohnenden Juden, unter denen Jesus von Nazareth auftrat, waren auch unter der römischen Herrschaft. Es wird gut sein, nach alldem, was wir über das Mysterium von Golgatha gesprochen haben, auch ein wenig Rücksicht zu nehmen auf dasjenige, was sich eigentlich auf der italienischen Halbinsel seit ältesten Zeiten abgespielt hat.
Es ist tatsächlich so, daß man sagen muß : Europa versteht eigentlich nur noch dasjenige, was bis ins Römertum zurückgeht. Unsere sogenannten gebildeten Leute haben zwar immer Griechisch gelernt, aber vom Griechentum ist eigentlich in Europa sehr wenig verstanden worden. Sehen Sie, es ist nun sehr interessant, daß hundert Jahre, nachdem das Mysterium von Golgatha stattgefunden hatte, einer der allerbedeutendsten römischen Schriftsteller, nämlich Tacitus, einen einzigen Satz über den Christus Jesus in seinem umfangreichen Geschichtswerke schreibt! Dieser Tacitus hat in einer Art, wie man überhaupt später gar nicht mehr schreiben konnte, zum Beispiel die alten Germanen, die Vorfahren der Deutschen geschildert, hundert Jahre nach dem Mysterium von Golgatha. In seinen Schriften findet sich über den Christus Jesus nur ein einziger Satz, der heißt: Der sogenannte Christus hat unter den Juden eine Sekte gegründet, und ist dann nach gerichtlichem Urteil hingerichtet worden. - Das nur hat der gebildete Römer Tacitus, hundert Jahre nachdem in Palästina das Christentum begründet worden ist, gesagt! Sie können sich also denken: Die Schiffe sind fortwährend hin- und hergefahren, alles mögliche an Handelsbeziehungen, ja auch an Beziehungen geistiger Art hat sich entwickelt, und in Rom hat man hundert Jahre später nicht mehr Notiz genommen vom Christentum als diese Notiz, daß da eine Sekte begründet worden ist und der Begründer nach richtigem gerichtlichem Urteil hingerichtet worden ist!
Nun, dazu kommt allerdings, daß bei den Römern, trotzdem man das Römische Reich noch nicht einen Staat nennen kann - der richtige Begriff des Staates kommt eigentlich erst im 16. Jahrhundert in Europa auf -, aber schon, ich möchte sagen, die staatliche Gesinnung da ist. Eigentlich ist aus dem Römertum herausgewachsen dasjenige, was dann Staatsgesinnung geworden ist. Man kann also sagen: Tacitus war schon von solcher Staatsgesinnung durchdrungen, daß ihm als das Wichtigste an dem Christus Jesus erschienen ist, daß er nach richtigem gerichtlichem Urteil hingerichtet worden ist. Das ist das eine.
Dann aber müssen Sie bedenken: Das Christentum war anfangs durchaus nicht so, wie es sich später herausgebildet hat. Das Christentum hatte ursprünglich einen wirklich freien Zug. Und man kann schon sagen: Es waren die verschiedensten Ansichten da, die nur sich alle darinnen fanden, daß sie in dem Christus Jesus etwas Besonderes sahen; aber sie haben sonst die verschiedensten Ansichten gehabt.
Nun, meine Herren, Sie werden nur verstehen, was eigentlich mit dem Christus Jesus in die Welt gekommen ist, und warum es letzthin notwendig war, daß ich Sie hinwies darauf, wie die ErdenUmwelt einen Einfluß auf die Erde hat, selbst in der Sprache, Sie werden es nur verstehen, wenn ich jetzt versuche, Ihnen zu zeigen, wie eigentlich als Lehre, als Ansicht, als Weltansicht, als Lebensansicht das Christentum sich gebildet hat und wie der Christus Jesus in diese Bildung des Christentums eingegriffen hat. Es ist doch etwas ganz Besonderes, zu sehen: Da in Jerusalem, da wird das Christentum begründet; hundert Jahre darnach weiß der gebildetste Römer noch nicht mehr von ihm, als was ich Ihnen gesagt habe! Aber fortwährend wandern die Leute jetzt auch von Asien durch Afrika nach Italien hinüber. Und unter der Oberfläche, möchte ich sagen, dessen, was man in Rom als Menschheit betrachtet, breitet sich diese christliche Sekte aus. Und als der Tacitus das, was ich Ihnen sagte, schrieb, da waren in Rom die Christen, die Christianer, wie man sie nannte, schon längst da unter dem Volk, um das sich ein vornehmer Römer nicht kümmerte, ausgebreitet.
Aber was tat man denn mit den Christen? Ja, sehen Sie, die Nachkommen Romulus’, des Räubers, die waren mit der Zeit auch auf einem Standpunkt angekommen, wo sie «recht gebildet» geworden waren. Nämlich ihre Bildung bestand darinnen, daß sie unter anderem große Arenen bauten; da fanden Kämpfe mit wilden Tieren statt. Man hatte eine große Lust, diejenigen, die nicht im römischen Sinne zur Menschheit gerechnet wurden, den wilden Tieren vorzuwerfen und sich zu ergötzen daran, wie sie aufgefressen wurden, nachdem sie mit ihnen erst kämpfen mußten. Das war ein «feiner» Genuß zum Beispiel. Nun, die verachtete Sekte der Christen eignete sich da ganz besonders dazu, von den wilden Tieren aufgefressen zu werden, als man in Rom so dachte, wie ich es Ihnen angedeutet habe; sie eigneten sich auch ganz besonders gut dazu, mit Pech angestrichen zu werden, so daß man sie anzünden konnte und dann als Fakkeln im Zirkus ansehen konnte. Aber die Christen fanden Möglichkeiten, trotzdem zu leben. Und das konnten sie dadurch erreichen, daß sie unbemerkt ihre Zeremonien und so weiter abhielten. Das, was sie für das Richtige hielten zur Verbreitung, das verbreiteten sie unter der Erde, in den Katakomben. Katakomben sind weite Räume unter der Erde. In diesen weiten Räumen unter der Erde gruben die Christen diejenigen Toten ein, die sie gern hatten. Da waren die Gräber, und auf den Gräbern wurden die Gottesdienste, die gottesdienstlichen Handlungen abgehalten. - Das war überhaupt Sitte in der Zeit, daß man über den Gräbern die gottesdienstlichen Handlungen hielt. Daher können Sie heute noch sehen, wenn Sie sich einen Altar in einer katholischen Kirche anschauen: das ist ja in Wirklichkeit eine Grabstätte (es wird gezeichnet), und dadrinnen sind zum Beispiel noch sogenannte Reliquien, die Gebeine von Heiligen und so weiter. In der ältesten Zeit war der Altar überhaupt ein wirklicher Grabstein, und darauf hielt man die gottesdienstlichen Handlungen ab. Aber unter der Erde, in diesen Katakomben, konnten die Christen in den ersten Jahrhunderten verbergen, was sie zu tun hatten.
Und wenn man ein paar Jahrhunderte später schaut, dann verändert sich das Bild ganz bedeutend. Da geschieht das Folgende. Sehen Sie, die Römer, die saßen in den ersten Jahrhunderten nach der Begründung des Christentums oben und ergötzten sich so, wie ich es Ihnen erzählt habe, und unten in den Katakomben saßen die Christen. Nach ein paar Jahrhunderten sind die Römer verschwunden gewesen, und die Christen traten die Weltherrschaft an. Ob sie es besser gemacht haben oder schlechter, das wollen wir bei einer anderen Gelegenheit besprechen; aber sie traten die Weltherrschaft an. Und das ist dasjenige, was dem Christentum gerade zum größten Schaden gereicht hat, daß es verbunden wurde mit der Weltherrschaft; denn das religiöse Leben verträgt eben immer weniger in der Weltgeschichte die Verquickung mit der äußeren Staats- und Weltherrschaft.
Die Sache ist nun die folgende: Die Bildung des Christentums, die Teilnahme des Christus Jesus an der Bildung des Christentums kann man nur verstehen, wenn man weiß, wie das religöse Leben, das überhaupt alles durchdrungen hat, in den alten Zeiten war. Ich habe Ihnen schon gesagt: da bestanden in den alten Zeiten die sogenannten Mysterien. Nun, sehen Sie, die Mysterien, die waren - wenn ich ein modernes Wort gebrauchen würde, würde man sagen Anstalten -, die Mysterien waren die Anstalten, wo man alles, was überhaupt ein Mensch lernen konnte, lernte. Aber sie waren zugleich die Religionsanstalten und die Kunstanstalten. Alles geistige Leben ging von den Mysterien aus. Und das Lernen war in den ältesten Zeiten nicht so wie es heute ist. Wie ist denn schließlich das Lernen heute? Das Lernen ist heute so, nicht wahr, daß man im Gymnasium oder in der Realschule eingedrillt wird; nachher macht man Universitätsjahre durch, und man ist dadurch kein anderer Mensch geworden. Aber in den Mysterien, dawurde man ein anderer Mensch. Da mußte man zu der ganzen Welt ein anderes Verhältnis gewinnen. In den Mysterien, da mußte man weise werden. Heute wird durch die Anstalten, die in der Welt sind, überhaupt kein Mensch mehr weise; er wird höchstens gelehrt. Aber zwei Dinge sind miteinander vereinbar, und zwei Dinge sind nicht miteinander vereinbar: Weisheit mit Dummheit ist nicht gut vereinbar, aber Gelehrtheit ist mit großer Dummheit sehr gut vereinbar. Also das ist es einmal: In den alten Mysterien wurden ja Weise gemacht; man wurde ein Mensch, der vom Geistigen durchdrungen war. Man wurde ein Mensch, der das Geistige ernst nehmen konnte. Und man mußte sieben Stufen durchmachen. Bis zu der höchsten Stufe kamen die wenigsten Leute. Diese sieben Stufen, die hatten Namen, die man erst verstehen muß, damit man weiß, was die Menschen, die auf diesen Stufen waren, zu tun hatten.
Wenn man dasjenige übersetzt, was der zu tun hatte, der in die Mysterien zuerst aufgenommen wurde, so kommt man auf den Ausdruck «Rabe». Also die erste Stufe waren die sogenannten Raben. Wer also aufgenommen wurde in die Mysterien, der wurde ein Rabe. Was hatte der Rabe zu tun? Nun, der Rabe, der hatte dies zu tun, daß er vor allen Dingen den Verkehr vermittelte zwischen der Außenwelt und den Mysterien. Zeitungen gab es ja dazumal noch nicht. Die ersten Zeitungen sind erst Jahrtausende später entstanden, als die Buchdruckerkunst gekommen war. Diejenigen, die in den Mysterien ihren Lehrberuf hatten, die mußten sich unterrichten durch vertrauensvolle Leute, die sie hinausschicken konnten und die die Welt beobachteten. Also man könnte auch sagen, die Raben waren einfach die Vertrauensleute derjenigen, die in den Mysterien waren. Und das mußte man zuerst lernen, wirklich ein Vertrauensmann zu sein. Heute werden viele Leute, insbesondere bei Parteien und so weiter, als Vertrauensleute angestellt, aber man frägt sich, ob diese Vertrauensleute auch immer vertrauenswürdig sind! Diejenigen, die hier - in den Mysterien - als Raben angestellt wurden, wurden nur dann, wenn sie ausgeprobt waren, als Vertrauensleute betrachtet. Sie mußten vor allen Dingen lernen, dasjenige, was sie sahen, recht ernst zu nehmen und es der Wahrheit gemäß in den Mysterien berichten. Also man mußte in jener Zeit auch erst lernen, was eigentlich die Wahrheit im Menschen bedeutet. Man kann gewiß sagen: Weniger verlogen als heute die Menschen sind, waren schon die Menschen im Altertum auch nicht. Aber heute trägt man die Verlogenheit überall hinein, dazumal aber mußte man erst lernen, ein wahrer Mensch zu sein. Und das mußte man sich aneignen, wenn man jahrelang Rabe war, ein Vertrauensmann der Mysterien.
Die zweite Stufe nun, die ist etwas, was dem heutigen Menschen ganz unsympathisch ist: die zweite Stufe ist diejenige der sogenannten «Okkulten». Okkult heißt: verborgen, geheim. Die wurden nicht mehr ausgeschickt, sondern die hatten jetzt durch eine gewisse Zeit hindurch etwas zu lernen, was der moderne Mensch nicht gern lernt, nämlich Schweigen. Und das war eine Lehrstufe in diesen alten Mysterien, das Schweigen zu lernen. Ja, es wird Ihnen selber ganz grotesk vorkommen, ganz spaßig vorkommen, daß man da durch ein Jahr mindestens, auch länger, einfach schweigen mußte! Aber es ist wahr. Durch das Schweigen lernt man ungeheuer viel; furchtbar viel lernt man durch das Schweigen. Heute ist das ja nicht mehr durchführbar. Denn denken Sie, wenn in unseren Schulen auferlegt würde - was wirklich ganz nützlich wäre zum Erreichen der Weisheit - den jungen Leuten zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre, ein Jahr zu schweigen, statt zum Militär zu kommen, dann würden sie allerdings durch dieses Schweigen furchtbar weise werden! Doch man kann das heute nicht mehr durchführen. Aber etwas anderes ist schon durchführbar. Gewiß, man kann den Leuten das nicht abgewöhnen, die wollen heute nicht schweigen, sondern schwätzen, und jeder Mensch weiß alles sehr gut, und wenn man einen Menschen heute trifft, so hat er vor allen Dingen dasjenige, was man einen Standpunkt nennt. Jeder hat einen Standpunkt. Natürlich hat jeder einen Standpunkt; aber von jedem Standpunkt aus sieht auch die Welt anders aus, und das ist demjenigen, der das Leben kennt, nichts Neues, ganz selbstverständlich: Wenn Sie hier stehen, schaut dieser Berg anders aus, als wenn Sie drüben stehen würden. $o ist es auch im geistigen Leben. Jeder hat seinen Standpunkt und jeder kann etwas anderes sehen. Und wenn ein Dutzend Menschen beisammen sind, nun, heute haben sie natürlich dreizehn Meinungen! Das ist nicht notwendig. Aber daß sie zwölf Standpunkte haben, das braucht einen nicht zu verwundern; nur muß man das auch nicht für so wichtig nehmen. Aber es nimmt jeder seinen eigenen Standpunkt für sich meistens sehr wichtig, furchtbar wichtig! Früher aber mußten die Leute in den Mysterien über dasjenige, was sie lernen sollten, einfach schweigen, nur Zuhörer durften sie sein. Man konnte sie im Okkulten nur «Zuhörer» nennen, weil sie zuhören mußten. Heute nennt man nämlich diejenigen, die an unsere Hochschulen kommen - indem man das «Zu» weggelassen hat -, «Hörer», nicht mehr Schüler. Aber sie sind oftmals nicht mehr Hörer, sondern sie sind Schwätzer. Und mancher betrachtet auch das Schwätzen mit den Kameraden für viel wichtiger als das Zuhören in den Hörsälen. Manchmal ist auch das Zuhören nicht mehr dasjenige, was besonderen Ernst hervorbringt. - Nun, das war die zweite Stufe. Da konnten die Leute das Schweigen lernen. Und im Schweigen prägt sich besonders stark aus - wie Ursache und Wirkung hängt das zusammen -, daß das Innere des Menschen anfängt, zu ihm zu reden. Da kommt der Mensch eben darauf. Denken Sie sich, Sie haben ein Bassin mit Wasser; wenn Sie nun einen Schlauch anlegen und das Wasser, das im Bassin ist, ableiten, dann rinnt eben das Wasser fort - wenn es keine Quelle ist, sondern nur ein Bassin -, und es ist nichts mehr drinnen. Und so ist es, wenn der Mensch fortwährend schwätzt: da rinnt alles mit den Worten nach außen, da bleibt nichts drinnen. Das haben die Alten eingesehen, und deshalb waren ihre Zuhörer zunächst zum Schweigen bestimmt. Also nachdem man sich angewöhnt hatte, die Wahrheit zu schätzen, lernte man das Schweigen; erst dann lernte man das Schweigen.
Und die dritte Stufe war diejenige, welche man nennen könnte, wenn man es übersetzen würde, die «Verteidiger». Jetzt durften die Leute zu reden anfangen. Jetzt durften sie die Wahrheit, die sie in den Mysterien gelernt hatten durch Schweigen, verteidigen. Namentlich war ihnen auferlegt die Verteidigung des Geistes. Die «Verteidigung» ist eben ein Wort, das schon gebraucht werden kann für diese dritte Stufe. Es mußten diejenigen, die dieser dritten Stufe angehörten, eben schon so viel wissen, daß das, was sie sagen konnten über das Geistige, Gewicht hatte, richtiges Gewicht hatte, Also man durfte nicht einfach in diesen Mysterien reden über den Geist, sondern man mußte es erst gelernt haben und erst richtiger Verteidiger geworden sein. Dann stieg man zu der vierten Stufe auf.
Die vierte Stufe, man kann sie übersetzen mit «Löwe». So wird es gewöhnlich übersetzt. Noch besser würde es sein, zu übersetzen mit dem Worte «Sphinx». Sphinx ist ein Wort, das ungefähr bedeutet, selber schon ein Geist geworden sein. Man geht natürlich noch mit menschlichem Leibe herum, aber man benimmt sich unter den Menschen, wie sich Götter benehmen. Die Menschen im Altertum haben gar nicht den großen Unterschied gemacht zwischen Menschen und Göttern, sondern in den Mysterien wurde man eben ein Gott nach und nach. Das ist der ungeheuer viel freiere Standpunkt der Alten. Die Neueren, ja, die sehen die Götter überall über der Menschheit stehen. So war aber nicht die Ansicht der Alten. Heute sagt man ja: Gut, der Mensch stammt vom Affen ab. - Der berühmte Naturforscher Du Bois-Reymond hat sogar den Ausspruch getan, es habe einmal ein riesiger Sprung in der Naturentwickelung zwischen dem Menschenaffen und dem Menschen stattgefunden, ein riesiger Sprung sogar in der Vergrößerung des Gehirns. Das Gehirn wurde plötzlich größer als beim Menschenaffen. - Sehen Sie, es ist ein merkwürdiger Ausspruch von einem heutigen Gelehrten! Denn man müßte eigentlich annehmen, daß, wenn er sagt, daß das Gehirn des heutigen Menschen viel größer ist als das vom Menschenaffen, er den Menschenaffen seziert hätte und wüßte, wie groß dessen Gehirn war. Aber wenn Sie wiederum nachlesen, so werden Sie finden, daß diese Gelehrten sagen mußten: Der Menschenaffe ist noch gar nicht entdeckt in Wirklichkeit! - Also der berühmte Naturforscher Du Bois-Reymond, der sprach über dasjenige, was noch gar nicht entdeckt ist, was noch keiner gesehen hat: vom Menschenaffen, der noch ein viel kleineres Gehirn hat als der Mensch. Mit solcher «Gewissenhaftigkeit» bildet man heute Wissenschaft aus. Und die Menschen denken gar nicht daran, daß der berühmte Naturforscher Du Bois-Reymond von etwas redet, von dem er nie etwas gesehen hat, sondern sie denken: Oh, das ist der berühmte Naturforscher, der weiß ja alles! - denn leichtgläubig ist heute die Menschheit viel mehr, als die Alten waren.
Nun also, die Alten hatten durchaus die Meinung, daß der Mensch sich entwickeln kann bis zum göttlichen Bewußtsein hin.
Derjenige, der auf der vierten Stufe war, der ein Sphinx war, der redete nun nicht mehr wie ein Verteidiger der dritten Stufe, sondern der redete in einer Sprache, in der er sich so ausdrückte, daß man ihn eigentlich schwer verstand; man mußte erst nachdenken, wie er zu verstehen ist. Von dieser Sprache, die da von den Sphinxen geredet worden ist, kann sich der heutige Mensch schwer eine Vorstellung machen, weil er gar nicht mehr richtig die Sache ansieht, wie sie da angesehen worden ist. Aber noch im Mittelalter, zum Beispiel noch im 17. Jahrhundert, also das ist erst zweihundert Jahre zurück, da war noch etwas vorhanden als eine Überlieferung von jener Sprache. So zum Beispiel gab es dazumal, vor zwei Jahrhunderten, sogenannte Rosenkreuzerschulen. Da sprachen auch gewisse Eingeweihte in einer Sprache, die etwas verhüllt war und die man erst studieren mußte; namentlich sprachen sie in einer bildhaften Sprache. Und so finden Sie zum Beispiel noch vor zwei Jahrhunderten ein Bild - das wird Sie vielleicht interessieren -, das überall den Menschen etwas erklären sollte. Dieses Bild war (es wird gezeichnet): eine menschliche Gestalt mit einem Löwenhaupt, und hier daneben eine menschliche Gestalt mit einem Ochsenkopf. Man sagte unter denjenigen Leuten, die man unterrichten wollte, indem man die Beziehung zwischen diesen zwei Wesen ausdrücken wollte, «das Wesen mit dem Ochsenkopf, das Wesen mit dem Löwenkopf» - man meinte Mann und Weib. Aber man sprach nicht die zwei Worte Mann und Weib, sondern man sagte: das Wesen mit dem Ochsenkopf -, und meinte den Mann; und man sagte: das Wesen mit dem Löwenkopf -, und meinte die Frau, weil man in der Beziehung zwischen Ochs und Löwe etwas sah, was die Beziehung war zwischen Mann und Frau. Heute erscheint das dem Menschen natürlich ganz paradox, spaßig; aber das hat sich als Überlieferung noch erhalten. Und die Sphinxe haben überall Tiernamen gebraucht, um deutlicher und charakteristisch dasjenige, was im Menschen lebt, zum Ausdruck zu bringen. Und in einer solchen Sprache, sehen Sie, womit man mehr aus dem Geistigen heraus redete, sprachen dann die Sphinxe. Die waren also schon so, daß sie mehr aus dem Geiste heraus redeten.
Dann aber kam die fünfte Stufe. In der fünften Stufe waren diejenigen Menschen, die die Verpflichtung hatten, überhaupt nur noch aus dem Geiste heraus zu reden. Nun, man nannte sie, je nachdem sie dem oder jenem Volke angehörten, «Perser» oder «Inder» oder «Grieche». In Griechenland waren das erst die wirklichen Griechen. Denn man sagte sich so: Ja, wenn einer einem Volke angehört, so hat er seine Privatinteressen, dann will er das oder jenes, dann will er etwas anderes als einer, der einem andern Volk angehört! Erst wenn er so weit gekommen ist, daß er zu der fünften Stufe aufgestiegen ist, dann will er eigentlich nicht mehr etwas Besonderes, sondern er will dasjenige, was das ganze Volk will; das ist auch sein Interesse. Er ist so geworden wie der Geist des Volkes. Also, er ist ein Geist des Volkes geworden. Diese Geister des Volkes, die waren tatsächlich in den alten Mysterien, auch noch in Griechenland, sehr, sehr weise Leute. Sie haben nicht etwa gemeint: Wenn irgend etwas kommt, ich stelle mich hin und habe meinen Standpunkt, ich weiß alles -, sondern die haben sich, trotzdem sie schon zur fünften Stufe aufgestiegen waren, lange vorbereitet durch Übungen, um in irgendeiner Sache zum Urteil zu kommen. Sehen Sie, wenn heute einer ein Staatsmann ist, nun, dann wird im Reichstag vielleicht eine Interpellation eingebracht, und dann muß er antworten. Denken Sie sich einmal, wenn das so gemacht würde, wie es dazumal war! Wenn derjenige, der zu antworten hat, sagen würde: Ich muß erst acht Tage lang mich zurückziehen von der Welt, ganz zu mir kommen, um ein Urteil darüber zu haben - nun, ich möchte wissen, was die Reichstagsparteien, sagen wir, zu Herrn Stresemann sagen würden oder auch zu anderen Körperschaften, wenn ein Interpellant zur Antwort kriegen würde: Damit ich ein reifes Urteil habe über dasjenige, was Sie mich gefragt haben, muß ich mich erst acht Tage zurückziehen! - Aber das war dazumal so. Denn man glaubte dazumal an die geistige Welt, und man wußte: wenn man im Trubel des Lebens drinnen ist, da spricht die geistige Welt nicht; die geistige Welt spricht nur, wenn man sich zurückziehen kann. - Allerdings, man bekommt dann die Fähigkeit, sich auch zurückziehen zu können, wenn man mitten im Trubel der Welt drinnensteht; aber das muß man erst lernen. Und wenn man es gelernt hatte, stieg man in den alten Zeiten zu der sechsten Stufe auf.
Die sechste Stufe, die war so, daß der Betreffende überhaupt nicht mehr einen irdischen Standpunkt hatte, auch nicht den des Volkes, sondern er sagte sich: Ich bin ein «Grieche», mein Bruder Eingeweihter drüben in der fünften Stufe in Assyrien ist ein «Assyrier, der weiter drüben wohnt, ist ein «Perser». Aber das ist ja alles ein einseitiger Standpunkt. Die Sonne kommt herüber über Persien nach Griechenland; die scheint über uns alle. - Und so wollten diejenigen, die in der sechsten Stufe Eingeweihte waren, nicht mehr von dem lernen, wasein Volk sagt, sondern sie wollten von dem lernen, was die Sonne sagt. Sie wurden «Sonnenmenschen» - nicht mehr Erdenmenschen, sondern Sonnenmenschen. Sehen Sie, solche Sonnenmenschen, die suchten alles vom Standpunkte der Sonne aus zu erforschen. Was dazumal alles gemacht worden ist, davon machen sich die heutigen Menschen gar nicht mehr einen Begriff, weil die heutigen Menschen gar nicht irgend etwas kennen von den Geheimnissen der Welt.
Wenn man einen Einblick in solche Dinge haben will, dann muß man zum Beispiel folgendes überlegen. Zu mir kam vor einiger Zeit ein Mann, der sagte: Da ist doch ein merkwürdiges Buch erschienen, in diesem Buch wird nachgewiesen, daß die Evangelien nach einem Zahlenschlüssel geschrieben sind. Nämlich wenn irgendein Wort im Evangelium da ist, nehmen wir an den «Urbeginn» im Johannes-Evangelium: «Im Urbeginn war das Wort. Und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort», dann, wenn man das Wort abteilt, und man bekäme heraus, irgendeine Abteilung ist zweimal so lang als die andere, und jedes Wort hat einen Zahlenwert: an der Stelle steht ein Wort, wo der Zahlenwert 50 ist, dann folgt 25, wiederum ein Wort, 50, wiederum ein Wort, 25. Und man kann ausrechnen, was für ein Wort an einer bestimmten Stelle stehen muß.
Nun ist es interessant, meine Herren, nachzusehen, wie solche Sachen stimmen. Nehmen wir also zum Beispiel irgendein Wort, sagen wir - ich will es Ihnen durch ein im Deutschen noch gebräuchliches Wort klarmachen -: nehmen wir das Wort Eva. Nehmen wir jetzt an, es hätte das E ebensolchen Wert wie eins, das v wie zwei, das a wie drei. Nehmen wir an, das wäre so. In alten Zeiten hatte jeder Buchstabe seinen Zahlenwert; er war nicht nur Buchstabe, sondern man wußte, wenn man zum Beispiel ein L hatte, so bedeutete das L diese oder jene Zahl. Sie können es ja bei den römischen Buchstaben noch verfolgen, wie die Zahlenwerte drinnen sind:
I = eins, V = fünf, X = zehn
es sind zugleich Buchstaben, aber die Buchstaben haben Zahlenwerte.
Wir wollen nun einmal als Beispiel nehmen - es stimmt nicht mit 1, 2, 3 für Eva, aber als Beispiel, um es klarzumachen, können wir es so annehmen
1 2 3 = Eva
ist die Mutter alles Lebendigen. Jetzt drehen wir es um:
3 2 1
Ja, dann kriegen wir das Worte Ave, welches das Ende des Lebens bedeutet. Auseinandergehend, von rückwärts aus, umgekehrt gelesen:
Going in opposite directions, read in reverse from the back:
1 2 3 = Eva; 3 2 1 = ave
So kann man, wenn man die Zahlen verändert, überall finden, wie Zahlen und Buchstaben übereinstimmen.
Und so gibt es einen Zahlenschlüssel. Und man kann sagen: Jetzt wollen wir uns einmal die erste Zeile des Johannes-Evangeliums ansehen. Das sind diese Zahlen. Schauen wir uns die zweite an: da sind die Zahlen nur umgestellt, und daß sie umgestellt sind, bedeutet etwas. - Sehen Sie, über solche Sachen sind die Leute heute sehr verwundert. Aber, meine Herren, ich habe einen Mann gekannt - er heißt Louvier -, der hat sich auf die «Sphinx» gestürzt: «Das Rätsel ist gelöst»; er hat den Goetheschen «Faust» nach diesem Zahlenverhältnis behandelt, und es hat auch gestimmt. - Goethe hat gar nicht daran gedacht, nach irgendeinem Zahlengesetz seinen «Faust» zu dichten. Aber dennoch stimmt es, weil in jedem Dichten etwas zahlenmäßig drinnen ist. Aber wenn Sie sich bemühen, irgendeinem etwas zu sagen und ich gebe mir Mühe, einen Zahlenschlüssel zu gebrauchen, so kann ich ihn auf Ihr Sprechen auch anwenden; das liegt schon in der Rede selber. In Ihrem Sprechen waltet schon ein Geistiges. Und das, meine Herren, ist das Außerirdische: das gibt der Sonneneinfluß. Daher haben diese Sonnenmenschen die Geheimnisse der Sonne erforscht. Die Pyramiden zum Beispiel sind ja wahrlich nicht bloß deshalb gebaut worden, um Königsgräber zu sein, sondern die Pyramiden hatten ganz bestimmte Öffnungen, zu denen nur zu einer ganz bestimmten Zeit im Jahr der Sonnenstrahl hereinkommen konnte. Der Sonnenstrahl hat auf der Erde eine Figur beschrieben. Diese Figur haben sich diese Leute betrachtet, haben sich inspirieren lassen von dieser Figur. Dadurch haben sie die Geheimnisse des Sonnenlebens erforscht. Also solch ein Mensch, der Sonnenmensch geworden ist, konnte sagen, er richte sich überhaupt nicht mehr nach Irdischem, sondern er richte sich nach der Sonne. Und dann, wenn er eine Zeitlang Sonnenmensch gewesen ist und den Menschen dasjenige gelehrt hatte, was Außerirdisches ist, dann wurde er emporgehoben zu der Würde des «Vaters». Das war die höchste Würde, zu der wenige kamen. Das waren diejenigen, die ganz reif geworden sind, denen man gehorchte, folgte. Man gehorchte ihnen, weil sie erstens schon an Jahren alt geworden sind - denn bis man diese sieben Stufen durchgemacht hatte, war man wirklich auch an Jahren alt geworden -, und man gehorchte ihnen, weil sie Lebensweisheit hatten, und weil sie außerdem auch Weltweisheit hatten.
Mysterien: 1. Rabe
2. Okkulter: Zuhörer
3. Verteidiger - Verteidigung des Geistes
4. Sphinx
5. Griechen: Geist des Volkes
6. Sonnenmenschen
7. Vater
Nun, meine Herren, jetzt denken Sie sich einmal, daß der Christus Jesus, der Jesus von Nazareth, doch in einer Zeit lebte, in der drüben in Asien überall noch etwas gewußt wurde von diesen Mysterien. Und gewußt wurde zum Beispiel noch, daß es Menschen gibt, die Sonnenweisheit verkündeten. Und das, was der Jesus von Nazareth wollte, war, daß nicht mehr bloß in den Mysterien, sondern außerhalb der Mysterien die Menschen aufgeklärt werden konnten, daß den Menschen klargemacht wurde: Dasjenige, was die Sonne an den Menschen tut, das ist auch im Menschen schon gelegen, liegt in jedem Menschen. Und das ist das Allerwichtigste an dem Christus Jesus, daß er die Sonnenwahrheit ist und daß er das Sonnenwort, wie man es nannte, als etwas, was allen Menschen gemeinschaftlich ist, lehrt.
Nun müssen Sie nur den großen Unterschied betrachten zwischen dem Christus Jesus und den anderen Sonnenmenschen. Wenn Sie das nicht auffassen, so werden Sie niemals zu einem Verständnis des Mysteriums von Golgatha kommen. Denn sehen Sie, die Sache ist doch so: Was mußte man denn in alten Zeiten tun, um ein Sonnenmensch zu werden? Man mußte zuerst Rabe werden, dann Okkulter, Verteidiger, Sphinx, Volksseele - dann konnte man zum Sonnenmenschen aufsteigen. Einen anderen Weg gab es nicht. Man mußte sich in die Mysterien aufnehmen lassen. Was tat der Jesus von Nazareth? Er ließ sich taufen, nach der Sitte der damaligen Juden im Jordan; und bei dieser Gelegenheit, also nachdem er nicht erst in den Mysterien gewesen war, ging ihm auf dieselbe Weisheit, die sonst die Sonnenmenschen hatten. Was konnte er also sagen? Er konnte sagen: Mir ist von der Sonne selber diese Weisheit gekommen. - Er war also der erste, der ohne die Mysterien in Beziehung zum Himmel getreten ist. Was hat denn der, der in den Mysterien ein Sonnenmensch gewesen ist, gesagt, wenn er zu dem, der auf der siebenten Stufe gestanden ist, hinaufgeblickt hat? Da hat er gesagt: Siehe, das ist der Vater. - Der stand auf dem Altar in weißem Gewand, im Priesterornat. Das war der Vater. Das war der «Vater» unter denjenigen, die in den Mysterien diese verschiedenen Stufen durchgemacht hatten. Der Christus Jesus hatte das nicht in den Mysterien durchgemacht, sondern er hatte es empfangen von der Sonne selber. Daher sagte er: «Mein Vater ist nicht auf Erden» - er meinte, nicht in den Mysterien -, «sondern mein Vater ist oben in der geistigen Welt.» Er wies also zuerst im eminentesten Sinne auf den Vater hin in der geistigen Welt. Der Christus Jesus wollte also die Menschen, die früher noch von der Erde aus alles Geistige empfangen hatten, hinweisen auf die Quellen des Geistigen im Außerirdischen selber. Daher hat man immer mißverstanden, was der Christus Jesus eigentlich gemeint hat. Denn, sehen Sie, man sagte zum Beispiel, der Christus Jesus habe gelehrt, daß nun die Erde zugrunde gehen werde, wie es hieß, und ein geistiges tausendjähriges Reich kommen werde, sehr bald. Die heutigen gescheiten Leute, die in ihrer Gescheitheit manchmal auch gegen die Alten wohlwollend sein wollen, auch gegen den Jesus wohlwollend sein wollen, die sagen: Nun ja, das hat der Jesus damals von seiner Zeit übernommen; er war eben auch ein Kind seiner Zeit und hat es übernommen.
Aber das ganze, was da die Leute reden, ist ein Unsinn; denn das tausendjährige Reich ist ja wirklich gekommen - nur hat es nicht so ausgeschaut, wie es sich die Menschen in der Welt vorgestellt haben, sondern die Sache war so: In alten Zeiten hatte man durch die Art, wie ich es Ihnen geschildert habe, von der geistigen Welt Begriffe bekommen, auch Erlebnisse bekommen. Das war so Sitte in alten Zeiten, wo die Menschen anders waren. Das hörte auf in der Zeit, in der der Christus Jesus lebte, und die Menschen mußten auf eine andere Weise zum Geiste kommen. Es mußte der Geist direkt gefunden werden. Das hat der Christus Jesus gemacht. Und wenn nicht der Christus Jesus das, was er gemacht, getan hätte, dann wäre die Menschheit ganz verkommen. Sinnlos wäre das Leben geworden. Das widerspricht nicht dem, daß in späterer Zeit gerade durch viele christliche Einrichtungen viel Sinnloses herausgekommen ist; aber das war ursprünglich natürlich nicht darin. Und die Menschen wären verdummt. Die Mysterien wären ebenso zugrunde gegangen, wie sie da zugrunde gegangen sind; aber die Menschen hätten nichts gewußt von dem, was in den Mysterien gelehrt worden ist. Denn, nehmen Sie jetzt den alten Sonnenmenschen. Was sagte man von dem Sonnenmenschen? Man wußte ja: Der weiß das, was vom Standpunkt der Sonne da ist; der ist für das Erdenleben gestorben. Man sprach von einem für das Erdenleben Gestorbenen, wenn man vom Sonnenmenschen sprach. Und deshalb wurde auch, bevor einer Sonnenmensch wurde, in den Mysterien immer eine Zeremonie vorgenommen, die Tod und Begräbnis nachmachte. Und der Christus Jesus hat Tod und Begräbnis äußerlich vor alle Welt hingestellt; und dasjenige, was mit dem Tode Christi geschehen ist, das war vor allen Leuten der Welt nur eine Wiederholung dessen, was im Kultus durch die Mysterien immer geschehen ist. Nur war es damals Mysteriengeheimnis und dann stand es auf Golgatha vor aller Welt da. Sehen Sie, es war wirklich mit dem Sonnenmenschen so, daß er für die Erde abgestorben war. Dadurch war er aber auch zwischendrinnen, zwischen der untergehenden Welt des Todes und der Welt der Auferstehung, der Welt des Ewigen.
Manchmal erinnern Dinge an die alten Sachen, von denen man gar nicht mehr den Sinn merken kann. Denken Sie sich zum Beispiel, es wird in Rom eine Heiligsprechung vollzogen. Irgend jemand wird heilig gesprochen in Rom. Das ist eine große Zeremonie, wenn einer nach seinem vor Hunderten von Jahren stattgefundenen Tode heilig gesprochen wird. Wie vollzieht sich denn diese Zeremonie? Diese Zeremonie vollzieht sich so, daß zuerst auftritt der Advocatus Dei, der göttliche Verteidiger. Der hebt alle Eigenschaften hervor, die gut waren an dem Betreffenden, der heilig gesprochen werden soll. Und dann tritt auf der sogenannte Advocatus diaboli, der teuflische Ankläger; der hebt hervor alle die schlechten Eigenschaften, die der Heilige gehabt hat. Und zwischen diesen zweien wird dann entschieden - ich will nicht sagen, daß immer gerecht entschieden wird, aber es wird entschieden. Die Zeremonie wird heute noch ausgeführt. Wenn irgend jemand, wie die Jungfrau von Orleans zum Beispiel, heilig gesprochen wird, dann treten auf der Advocatus Dei und der Advocatus diaboli. Zwischen demjenigen, der alles Gute und dem, der alles Böse anführt, steht der Heilige selber, geistig. Sie wissen, dasjenige, was immer als Bild von Golgatha ausgeführt wird, ist: der Christus Jesus am Kreuz in der Mitte, daneben die beiden sogenannten Schächer, Räuber nennt man sie. Aber das Merkwürdige ist, daß der Christus zu dem einen sagt: «Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.» Der geht also nach oben, und der andere geht nach unten. Das sind Luzifer und Ahriman - Advocatus Dei und Advocatus diaboli.
Und so war es auch mit dem alten Sonnenmenschen. Er machte Bekanntschaft mit Luzifer und Ahriman, mit demjenigen, was den Menschen hinaufziehen will in die geistige Welt, daß er ganz geistig wird - was für den Menschen auch nicht paßt -, und demjenigen, was den Menschen hinunterbringen will zum Irdischen, was wiederum für den Menschen nicht paßt, denn der Mensch gehört in die Zwischenstufe hinein.
Und so steht vor der ganzen Welt dasjenige da durch das Mysterium von Golgatha, was früher nur in den Mysterien drinnengestanden hat, und auch nur bildlich vollzogen wurde, denn man starb nicht wirklich. Man wurde da Vater. Der Christus stirbt wirklich. Aber er sagt: Mein Geist stirbt nicht; der geht zum Vater, weil der Vater jetzt nicht als der Urvater hier unten wirkt, sondern in der geistigen Welt wirkt. - Diese Anschauung ist ganz aus den Mysterien heraus gekommen. Und will man den Vaterbegriff haben, muß man ihn in den alten Mysterien suchen. Nur dann versteht man richtig, wie eigentlich das Christentum gebildet worden ist.
Nun, sehen Sie, meine Herren, all dasjenige, was ich Ihnen da geschildert habe, das war drüben in Asien ganz gebräuchlich. Das hat noch hineingespielt in die Begründung des Christentums. Von dem haben schon die Griechen außerordentlich wenig gewußt, weil sie die äußere Kultur aufgebaut haben. Und erst das von einer Kolonie der Halunken abstammende Romulusvolk, das hat schon gar nichts gewußt davon; das kannte nur äußere Weltherrschaft. Das kannte so gut nur äußere Weltherrschaft, daß die römischen Cäsaren, die Imperatoren, ja sich äußerlich auch als Eingeweihte benommen haben; aber es war das in einer Zeit, wo die Mysterien schon verfallen waren. So zum Beispiel gibt es einen römischen Cäsar der allerersten Kaiserzeit, Caligula ist sein Name. Nun, sehen Sie, ein deutscher Historiker hat in den neunziger Jahren einmal den deutschen Kaiser Wilhelm beschreiben wollen; aber das konnte man nicht, weil das nicht ging; man wäre eingesperrt worden, wenn man das niedergeschrieben hätte! Da hat denn der gute Mann ein Büchelchen geschrieben, das hieß: «Caligula». Er beschrieb den römischen Caligula, aber jeder Zug paßte auf Wilhelm II.! Jeder Mensch, der etwas davon verstand, wußte: der Caligula, das ist unser Wilhelm II.; nur so konnte man es machen. Dieser Caligula war nun zu gleicher Zeit ein Eingeweihter, weil alles schon äußerlich geworden war. Natürlich konnte man, was die Raben zu tun hatten, wenn es nicht sehr ernst genommen wurde, durch das begreifen, was die Fürsten auch taten. So war Caligula ein Sonnenmensch geworden, aber natürlich nur äußerlich, so wie einer, nun, sagen wir, ein «General» ist, der mit fünf oder sechs Jahren sich Soldatengewänder anzieht. So war der Caligula ein Eingeweihter geworden. Er hatte nur das Äußere genommen. Aber er sollte ja sogar andere einweihen! Da ist ihm bei einer Zeremonie die Geschichte passiert, wo man den sinnbildlichen Schlag ausführt mit dem Schwert bei einem der Sphinxe, daß er den Betreffenden wirklich erschlagen hat mit dem Schwert! Aber das hat natürlich bei dem Cäsar nichts gemacht. Bei den Römern war das so geworden, daß alles schon äußerlich geworden war; die haben nichts mehr von alledem innerlich verstanden. Kein Wunder, daß sie das Christentum erst recht nicht verstehen konnten.
Und so ist denn das Christentum in Rom an die weltliche Herrschaft übergegangen. In Rom war es so, daß in den Zeiten, als das Christentum nach Rom kam, es den weltlichen Herrscher gab, der sich aber als Gott ansah - natürlich, man wurde ja Gott, wenn man Eingeweihter war. Augustus ist als Gott angesehen worden; seine Nachfolger auch. Aber außerdem gab es da den Pontifex maximus, den «großen Brückenbauer». Das war der geistige Herrscher. Aber der war nach und nach ein Schatten geworden in Rom, der hatte keine Bedeutung, und die einzige Bedeutung hatte der weltliche Herrscher. So entsprach es ja auch natürlich mehr einem Volke, das den Romulus zum Ahnen hatte, der alle Halunken aus der Umgebung zusammengesammelt hatte. Und nun, sehen Sie, wurde gerade durch Rom das Christentum verweltlicht.
Und das ist dasjenige, was ich Ihnen zunächst heute zu sagen hatte über das Äußere des Christentums. Das Innere, wie jetzt wirklich der Einfluß der Sonne auf den Jesus war, das werde ich Ihnen dann das nächste Mal, am nächsten Mittwoch, auseinandersetzen.